Montag, 23. März 2020

Neuerscheinung im Zeitschnur Verlag - Ein Genuss für Lyrik- und Tibetfreunde

Neuerscheinung im Zeitschnur Verlag 

Ein Genuss für Lyrik- und Tibetfreunde


Nach Amdo
Am Rande Tibets
von Rudolf Häfele
Zeitschnur Verlag Karlsruhe
mit zahlreichen farbigen Zeichnungen des Autors
73 Seiten, 130g
Format 20,5 x 13,5cm
ISBN 978-3-940764-24-9
Ladenpreis 14,00 €
Dies ist die zweite Auflage des zauberhaften Lyrikbandes "Nach Amdo", der 2010 erschienen ist und nun in einer gründlich überarbeiteten und erweiterten Neuauflage vorgelegt wird. Ein Genuss für alle Freunde Tibets. 
Aus dem Bändchen als Leseprobe:

Nachwort zur 2. Auflage

Als ob man in einen Mondstein hineinsähe

Der Zeitschnur Verlag hat nun, zehn Jahre nach dem ersten Erscheinen, die Gedicht-Sammlung „Nach Amdo“ von Rudolf Häfele noch einmal aufgelegt. Der alte Bestand wurde teilweise erweitert, teilweise reduziert. Wie die Erstveröffentlichung ist auch die zweite ein poetischer Reisebericht. Bereits der Band von 2010 enthielt Tuschzeichnungen vom Autor. Wir haben davon einige weggenommen und neue Bildmotive integriert, die auf inzwischen entstandenen Aquarellen und Linoldrucken Häfeles beruhen. Aus der alten Sammlung nahmen wir das Kapitel „Palästina“ heraus und setzten dem Kapitel „Nach Amdo“ noch weitere Texte hinzu. Der Reiseweg führt nun von zuhause nach Peking (China), dann nach Amdo (Westtibet), schließlich hoch in den Himalaya, verweilt dort einige Zeit, geht weiter nach Kaschmir (Indien) und zurück in die Heimat.

Die im Nachwort von 2010 bereits formulierten Gedanken gelten heute nach wie vor, auch wenn der Dalai Lama sich aus seinen politischen Ämtern zurückgezogen hat, die politische Lage in China sich verändert hat und nun auch die höchste Weltregion inzwischen — bei Bestand der alten Probleme —  vermehrt unter dem Bann des enthemmten Globalismus steht und die Solidarität mit diesem Land sich seither in Luft aufgelöst hat.

Der Blick des Autors in die Welt erinnert an den Blick in einen transparenten Mondstein. Es liegt ein Glanz über den Dingen, der von weither kommt. Rudolf Häfele taucht tief ein in Räume hinter, unter, über oder „ in“ den Landschaften. Man weiß nicht: Kommen sie aus seinem Bewusstsein oder formen sie es erst? Er bringt sie in Sprache und trägt sie auf seinem Weg mit sich wie ein inneres Amulett. Alles manifestiert sich in gebrochenem Licht, in leuchtenden Farben und dann wieder völliger Transparenz. Finsternis, die ohne Zweifel wirken und herrschen will, wird in der kolorierenden Reflexion aufgelöst.

Es bleibt zu erwähnen, dass Rudolf Häfele mit seiner Poetikgruppe „WortRose“ seit 2010 zwei weitere Bändchen im Scribo Verlag in Steinenbronn veröffentlichen konnte. Es handelt sich um die Lyrik-anthologien „Europa: Bilder | Gedichte“ von 2012, herausgegeben von Götz Gußmann, und „Die Elemente. Gedichte“ von 2018. Beide Büchlein erschienen in der lyrischen „Kleinen Reihe“ des Verlags als Band 13 und Band 55.

Hanna Jüngling 
Karlsruhe, im März 2020
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Sonntag, 22. März 2020

Hörbuch Jens Peter Jacobsen "Die Pest in Bergamo" (1881)

Hörbuch Jens Peter Jacobsen "Die Pest in Bergamo" (1881)

https://youtu.be/Be4b88DwYfA

Anlässlich der Situation, die man uns auf der ganzen Welt glauben macht, ein Blick in die Literatur. 

Es gibt schon lange die sogenannte Pestliteratur, also die literarische Verarbeitung von Seuchenszenarien in der Geschichte. Bekannt das "Decamerone" aus dem wahrscheinlich 14. Jh, in dem sich 10 Adlige, die aus Florenz auf ein Landschloss geflohen sind, täglich Geschichten erzählen, bis sie nach 10 Tagen (!) wieder zurück in die Stadt gehen.

Zu dieser Literatur zählt auch die Erzählung "Die Pest in Bergamo" des dänischen Autors Jens Peter Jacobsen (1847-1885) von 1881. Jacobsen ist ein heute leider nur mehr wenig gelesener Autor, der nichtsdestoweniger einen wesentlichen Einfluss auf zahlreiche deutsche Schriftsteller und Dichter genommen hatte wie Rainer Maria Rilke oder Thomas Mann. Arnold Schönbergs Gurrelieder sind eine Vertonung der Vorlage Jacobsens.

Die Erzählung beschreibt sensibel die tiefe, emotionale Verfassung einer Bevölkerung, die einer Epidemie ausgesetzt ist.

Hier eine Lesung des Textes von Hanna Jüngling vom 22.3.2020

Textvorlage: Jens Peter Jacobsen: Sechs Novellen. Leipzig (Ausgabe wahrscheinlich aus den 1920er Jahren). Autorisierte Übersetzung von M. von Borch. Reclams Universalbibliothek Nr 2880. S. 76-86

Mittwoch, 11. März 2020

Fake Heavens VIII: Heliozentrischer Kreationismus und der Begriff "Chug". Eine Erwiderung an Dr. Roger Liebi

Fake Heavens VIII:
Heliozentrischer Kreationismus und der Begriff "Chug". Eine Erwiderung an Dr. Roger Liebi


Die Zweifler am heliozentrischen Weltbild werden nicht nur in übelster Weise geschmäht und niedergemacht vonseiten weltlicher und politisch interessierter Mainstream-Kreise, sondern interessanterweise auch vonseiten evangelikal-fundamentalistischer Kreise. Dabei tut sich in besonderer Weise der Schweizerische Theologe Roger Liebi hervor, der als großer Prediger gegen die Evolutionstheorie auftritt, zugleich aber den Heliozentrismus in apologetischen Rundumschlägen gegen Mitchristen verteidigt.[1] Es wird zu fragen sein, wie dies zusammenpasst.


1. „Heliozentrischer Kreationismus“?

Die Verleugnung der alttestamentlichen Kosmologie seitens dieser Fundamentalisten ist umso erstaunlicher, als doch gerade aus ihren Kreisen die starke Bastion des Kreationismus gegen die Evolutionstheorie aufgebaut wird.

Das Hauptmotiv solches Kreationismus ist neben der großen methodischen Schwäche und fast vollständig fehlenden Wissenschaftlichkeit des Evolutionismus vor allem dies, dass doch die Schöpfungserzählungen der Bibel ein ganz anderes Schöpfungsmodell dargelegt hätten, nämlich die Erschaffung der Welt in sechs Tagen gegenüber der Behauptung, alles habe sich aus nichts in Jahrmillionen „entwickelt“. Es geht wesentlich um die „Autorität Gottes“, die man verteidigen will, der durch die Evolutionstheorien der Postmoderne als Schöpfer und Erhalter (LXX: „katechon“ bzw hebräisch der „yoschev“ Jes 40,22) der Welt beiseite gerückt worden sei. Letztere Beobachtung ist das einzige, was tatsächlich sachlich zutrifft, von den Kreationisten aber in seiner apokalyptischen Brisanz nicht erkannt wird, doch dazu hatte ich an anderer Stelle und in anderem Zusammenhang bereits etwas ausgeführt. Die Erwähnung des entweder maskulin oder neutral (gram.) aufzufassenden „katechon“ in 2 Thess 2,7 nimmt mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Begriff in der LXX bei Jes 40,22 Bezug.[2]
Es ist ausgerechnet diese wichtige Stelle in Jes 40, die fundamentalistische Heliozentrik-Gläubige dann selbst gegen diesen „katechon“ ausspielen, wie ich gleich nachweisen werde, als ob man zweien Herren dienen könnte.

Der Kreationismus weist selbst große methodische Schwächen auf, weil er die Berichte aus Genesis 1 wie einen Laborbericht auffasst und verkennt, dass es sich hier um eine Textgattung handelt, die nicht mit neuzeitlich-naturwissenschaftlichen Augen dechiffriert werden kann. Es ist zweifellos nachvollziehbar, angesichts der Natur von einem „intelligenten Design“ zu sprechen, aber die Frage, wie viel wir von Gottes lebendiger Schöpferkraft wissenschaftlich verstehen können, würde ich nicht zu hoch ansetzen wollen, wenn ich die Schlusskapitel des Buches Job ernstnehme. Doch dazu später einiges.

Das Weltbild hinter dem Evolutionismus ist ein durch und durch materialistisches und mechanistisches. Das Weltbild hinter dem Kreationismus aber auch — beide Seiten gehören derselben Medaille an, die in ihrer materialistischen Denkweise gewissermaßen keine „Golddeckung“ mehr hat. Das mehr oder weniger autoritäre und auf keinerlei Tradition oder Anspruch der Bibel gründende Dogma vom "Wort Gottes" in Gestalt der Bibel, verlangt, dass es absolut gehorsam anerkannt werden müsse, verweigert sich aber der Tatsache, dass antike, der Gattung nach mythologische und erzählerische Texte immer in Traditionen stehen, komplexe Ebenen aufweisen und nicht an sich selbst „Gottes Wort“ sind, sondern den Anspruch haben, authentische und inspirierte Zeugnisse für göttliche Ansprache an Menschen, für Erlebnisse von Menschen mit Gott, für Erinnerungen an Gott zu sein, oder Regelwerke oder Zeugnisse sehr alter Nachrichten sind, deren genaue Herkunft uns nicht mitgeteilt wird. So erfahren wir gerade über die Herkunft der ersten Seiten der Bibel aus der Bibel selbst fast gar nichts: woher kommen diese Informationen über die Entstehung der Welt, und wer hat sie überliefert und schließlich aufgeschrieben? Ähnlichkeiten zu zeitgenössischen anderen orientalischen Schöpfungsmythen werden immer wieder untersucht, bleiben aber trotz einiger Parallelen in den Texttraditionen doch spekulativ. Wir wissen es schlicht und einfach nicht, können aber angesichts der Überlieferungslage annehmen, dass wohl alle Menschen in der alten Zeit von dieser Urschöpfung wussten und sie auch so oder so ähnlich tradierten. Kugelerden, Planeten, Welträume und dergleichen kamen in diesem alten Menschheitswissen nicht vor. Dergleichen Ideen tauchten erst in hellenistischer Zeit vermehrt auf. Roger Liebi sollte sich das klarmachen. Das alte Wissen samt allen alten Texten interpretieren die Himmelsphänomene in einem völlig anderen Kontext als wir dies heute tun.
Das Judentum ebenso wie das Christentum haben daher von alters her, seitdem wir überhaupt interpretierende Textzeugnisse dieser heiligen Schriften haben, eine breite und wiederum vielschichtige Diskussion über die in diesen heiligen Texten vermuteten, geistlichen, technischen, didaktischen oder visionären Aussagen geführt, die wie alles vom Menschen in einer solchen Weise Überlieferte Anlass für Missverständnisse, Fragen, Unstimmigkeiten sind und ein besonders feines Hinhören erfordern.

Ich möchte betonen, damit man mich nicht falsch versteht, dass auch aus meiner Sicht die Evolutionstheorie abwegig und eher fantastisch als wissenschaftlich ist, ein moderner Mythos eben. Dies aber nicht, weil in der Bibel etwas anderes stünde, denn das können wir ohne weiteres nicht behaupten. In Gen 1 und 2 wird uns nichts darüber gesagt, wie Gott, mechanisch verstanden, schafft. Die beiden Schöpfungserzählungen in Gen 1 und 2 sind wie gesagt keine Laborberichte, sondern erzählen auf eine mythische Weise von Dingen, die vor unserer Wirklichkeitserfahrung liegen und insofern auch niemals Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis sein können.
Weite Teile der modernen Biologie, der Medizin und vor allem der Physik stehen praktisch auf einem vollständig unwissenschaftlichen Terrain und entsprechen eher einem postmodernen Dogmen- und Legendengebäude, das man zwar — insbesondere auch was die Astronomie und Kosmologie betrifft sogar literarisch und bis hin zu einer totalen Amalgamierung von „Science“ und „Science Fiction“ — immer weiter ausspinnen kann, aber grundsätzlich niemals experimentell und für jeden Menschen nachvollziehbar zu überprüfen mag. Ebenso hat bis heute nie einer nachweisen können, dass das Periodensystem der Elemente, das wir im Chemieunterricht lernen, so wirklich zutrifft. Es ließ sich damit nur bislang ganz gut rechnen du arbeiten: das ist alles und kein wissenschaftlicher Nachweis! Es ist eine Art Wissenschaftspragmatismus, den wir mit Wissenschaftlichkeit verwechseln. Die Übergänge von Dichtung („Theorie“) und Wahrheit sind fließend. Vielfach wird erstarrte Überzeugung von etwas mit „Wissen“ verwechselt und die Brille, durch die wir getrimmt wurden, Dinge zu sehen, verwechselt mit Wahrheit oder gar Gottes Willen und Wort.
Die wachsenden Zweifel vieler Menschen nicht nur am heliozentrischen Weltbild, sondern auch etwa an der Schulmedizin und ihren Theorien über Krankheit und Gesundheit hängen ursächlich damit zusammen, dass all diese Theorien reine Spekulationen sind und sich der Überprüfung aufgrund ihrer Spekulativität sui generis entziehen und immer häufiger als unwirksam, offenkundig unzutreffend oder widersprüchlich erweisen. Doch hat sich dieser pseudowissenschaftliche Betrieb bis weit in die UNO, ins Pentagon, die Pharmaindustrie und die Finanzelite hoch etabliert, eine virtuelle Realität geschaffen, die sie als eine Art modernes „Wir wissen das heute ein für allemal“ ausgibt und reagiert mit Hetze und Schmähungen auf jegliche Infragestellungen, die sich trotz gezielter populistisch aufgezogener rhetorischer und manipulativer Manöver im öffentlichen Raum nicht wieder zum Schweigen bringen lassen. In aller Regel geht es nicht zuletzt um Riesengeschäfte und Macht.

Viele (kreationistische) Fundamentalisten sind aber uneingestanden unkritische moderne Naturwissenschaftler und Ingenieure ohne geisteswissenschaftliche oder philosophische Schulung und begehen schwere Argumentationsfehler. Wichtige Phänomene der biblischen Textüberlieferung können sie weder realisieren noch erklären. Es ist beispielsweise sinnlos, darüber zu streiten, ob mit den Schöpfungstagen 24-Stunden-Tage gemeint sind, denn erst mit der Erschaffung der Gestirne am 4. Tag (Gen 1,14) werden Zeitmarker geschaffen, die es erlauben, in einem astronomischen Sinne von Tagen, Monaten, Jahren zu sprechen. Das wird in diesem Vers 14ff sogar ausdrücklich gesagt, von Kreationisten aber notorisch ignoriert.

Und vor allem verstehen solche Fundamentalisten gar nicht, dass ausgerechnet der Glaube an das pseudowissenschaftliche Dogma von der Heliozentrik sogar ein buchstäbliches Tagverständnis ausschließt: Bevor Gestirne da waren, innerhalb deren Reigen die Erde sich nach der kopernikanischen Legende „drehen“ kann, kann es auch noch nicht Tag und Nacht gegeben haben. Das heliozentrische Modell schließt definitiv aus, dass es vor dem 4. Schöpfungstag echte Tage gegeben haben kann. In einem Modell der flächig ausgebreiteten Erde würde das allerdings sehr wohl denkbar und möglich.

Christliche Evolutionisten ihrerseits wollen nun fleißig aufgrund dieser offenkundig absurd-wörtlichen Lesart der Kreationisten in den Schöpfungsberichten Raum für die Evolutionstheorie sehen. Man streitet darüber, ob das hebräische „yom“ (Tag) auch „Zeitabschnitt“, etwa ein paar Jahrmillionen, bedeuten kann und meint dafür irgendwelche Beweise aus irgendwelchen Wörterbüchern an den Haaren herbeiziehen zu dürfen. Eine inkompetente literarische Debatte über das Bedeutungsspektrum von „yom“ wird ausgefahren, nur weil es Redewendungen auch im Hebräischen gibt, die den Begriff „Tag“ metaphorisch anwenden. Es fehlt an sprachlicher Bildung und Sachverstand, denn auch Metaphern verlassen selten den prinzipiellen, buchstäblichen Sinn eines übertragen benutzten Wortes. Selbstverständlich gibt es nicht einen Nachweis dafür, dass „yom“ etwas anderes meint als einen Tag bzw einen kurzen, vielleicht auch kairotisch aufgefassten Augenblick (Wendungen wie „An dem Tag, an dem dies geschieht, werdet ihr…“, der „Tag des Herrn“ etc.).
Was immer in Gen 1 an „Geschehnissen“ berichtet wird, aber ein Tag ist nun mal ein Tag und nicht ein Jahrtausend. Punkt. Das vor Gott ein Jahrtausend wie ein Tag ist, wie es anderswo heißt (Ps 90,4; 2 Petr 3,8), mag ja sein, aber im Text ist die Rede von einem „Tag“ und meint daher auch etwas, das in unmittelbarer Bedeutungsverknüpfung zum Begriff „Tag“ steht. Das kurze Jahrtausend vor Gott meint nicht, dass Tage buchstäblich Jahrtausende dauern können, sondern dass sie unterschiedlich lang empfunden werden können, davon abgesehen aber dennoch klar definiert sind: ein Tag ist ein Tag, ein Jahrtausend ist ein Jahrtausend. Ein Jahrtausend aber vergeht für Gott etwa so schnell wie für uns ein Tag, weil er so viel größer über die Dinge sehen kann als wir. Dennoch enthält ein Tag deswegen nicht 1000 Jahre mit wieder jeweils 365 Tagen. Wenn ich sage „Das Rasenmähen türmt sich wie ein Berg vor mir auf“, dann meine ich damit nicht, dass das Rasenmähen dasselbe ist wie ein Berg.

Der Text in Gen 1 erklärt es uns ja außerdem selbst, was er unter „Tag“ versteht — man müsste das nur einfach lesen und anerkennen: „Es ward Abend, und es ward Morgen: der erste, zweite, dritte etc. Tag.“ Ein „Tag“ meint hier also die Abfolge von einer Nacht und einem Tag, bis wieder die nächste Nacht einbricht. Gegenüber Gen 1,3 wird so eine Präzisierung vorgenommen, denn dort wurde zunächst vermerkt, dass Gott das Licht „Tag“ nannte, die Finsternis dagegen „Nacht“. Dies verweist uns auf eine bestimmte sachliche Bedeutung, die in gar keiner Weise hinterschritten werden kann und es bei der literarischen Aussage lässt. Wo immer in der folgenden Schrift auf das Schöpfungsgeschehen Bezug genommen wird, wird dies so wiederholt: Gott habe in sechs Tagen die Erde erschaffen.


2. Die Heilige Schrift enthält eine knappe, aber durchweg eindeutig nicht heliozentrische Kosmologie

5 Denn denen, die dies behaupten [dass der Herr seine Verheißung nicht vollzieht und sich seit Menschengedenken sowieso nie etwas geändert hat], ist verborgen, dass von jeher Himmel waren und eine Erde, die aus Wasser und durch Wasser Bestand hatte, und zwar durch das Wort Gottes ,6 durch welche [die „Wasser“] die damalige Welt, vom Wasser überschwemmt, unterging. (2 Petr 3)

Nun enthalten genau diese Schöpfungserzählungen in Gen 1 und 2 aber auch eine Kosmologie. Und sie bleibt literarisch wesentlich aktiver in der gesamten Schrift als die sonstige Schöpfungserzählung. Ich habe dies einmal auf meinem Blog ausführlich angefangen nachzuweisen und möchte an dieser Stelle auf die damals ersten beiden Aufsätze, die frei und kostenlos zugänglich sind, verweisen.[3] Ich hatte damals aber noch nicht alle Aspekte behandelt und werde das gleich anhand von Roger Liebis Behauptungen noch etwas nachholen und anderen Christen vor Augen halten, dass sie auf diesen Mann nicht hören sollten, wenn es um dieses Thema geht, weil er unredlich argumentiert und offensichtlich sogar bewusste Fälschungen unternimmt.

Gen 1 belehrt den Leser darüber, dass die Welt aus einer Urflut (hebr. „tehom“) geschaffen wurde, dass Gott die Erde wie eine Art „Blase“ zwischen der großen Tiefe und einem festen Firmament (hebr. „rakia“) ausgespart hat, aus dem „tehom“ Land („erez“) abgetrennt hat vom Meer („majim“) und darüber die „schamajim“ gesetzt hat, die Himmel, der hebräischen grammatischen Form nach eine Dualform, also zwei Himmelsräume über der „rakia“, die zur Natur und Schöpfung gerechnet werden können. Daher sagt auch Paulus später, er sei bis in den „dritten Himmel“ entrückt worden und habe dort „Unaussprechliches“ gehört, vielleicht gar nicht in diesem Leib, wie er vermutet, weil der dort eigentlich nicht sein kann nach der klassischen hebräischen Vorstellung (2 Kor 12,2). Im Thomas-Evangelium sagt Jesus, ganz in Übereinstimmung damit: „Dieser sichtbare untere Himmel wird vergehen, und auch der Himmel darüber wird vergehen. (Alles andere nicht.)“ (ThomEv, Logion 11,1). Die Lichter des Himmels sind Leuchten („me’orot“) und Zeichen („otot“) in oder an der Himmelsfeste „rakia“. Über ihre genauere Gestalt wird nirgends eine Aussage gemacht. Die Erde steht fest auf der großen Tiefe, die immer wieder mit dem „tehom“, dem Chaoswasser, der Urflut, in Verbindung gebracht wird. Bei der Sintflut, die in Gen 7 beschrieben wird, schießt das Wasser aus der großen Tiefe nach oben und aus der von Gott selbst geöffneten Himmelsfeste nach unten und füllt so die „Erdblase“ voll mit Wasser, bis alles einst Trockengelegte überschwemmt ist und untergeht. Diese Wassermassen verlaufen sich nach 40 Tagen wieder. Es steht nirgends, dass sich an dieser grundlegenden Beschaffenheit der Erde irgendetwas grundsätzlich verändert hätte, und zahlreiche Schriftstellen nehmen auf diese Beschaffenheit Bezug ohne jede Infragestellung. Wir vernehmen zwar die Erde bzw das Land sei irgendwann „geteilt“ worden nach der Sintflut (Gen 10,25), aber auch das ändert ja nichts an der grundlegenden Beschaffenheit aus und im Wasser. Es gibt nirgends in der ganzen Schrift ein „Weltall“, nirgends ein „Universum“, nirgends „Planeten“, nirgends ein „Sonnensystem“, „Galaxien“ und vor allem: nirgends je die Andeutung, das irgendetwas von den beschriebenen Gestirnen oder gar die Erde selbst eine „Kugel“ sein könnte. Die „Erde“ als eigenes Gestirn gibt es überhaupt nicht, denn sie ist identisch mit der Natur und Schöpfung und ein eigenes Reich, kein Himmelskörper. Der „kosmos“ (griech.) meint stets das System dieser Weltzeit und nicht das All. Ganz klar und eindeutig werden in Gen 1 die Himmelskörper als die Diener der Erde beschrieben, dazu da, die Zeiten zu bestimmen und die Erde zu beleuchten, tags und nachts auf eine je eigene Weise.
Wer dem widersprechen will, möge es gerne unter Angabe der entsprechenden, eindeutigen Schriftstellen tun — ich bin gespannt!

Es ist angesichts des so eindeutigen biblischen Textbefundes vollkommen unverständlich, warum Fundamentalisten heftig gegen die Evolutionstheorie kämpfen, sich aber lustig machen über diejenigen, die fragen, wie man dann zugleich den Heliozentrismus verteidigen könne.
Ihnen ist entweder nicht bewusst, wie eindeutig sich die Schrift zum Thema Kosmologie auch dann äußerst, wenn sie keine ausführliche Rechenschaft dazu ablegt oder sie lügen bewusst und entlarven ihren eigenen, behaupteten „Gehorsam“ gegenüber „Gottes Wort“ als Willkür, Hochmut und Verblendung.
Ich sage dies so hart, weil die Art und Weise, wie der ohnehin legitime Zweifel am Heliozentrismus, der weder wissenschaftlich unfehlbar noch gar „biblisch“ ist, vonseiten dieser Christen mit härtesten Bandagen niedergemacht wird und Glaubensgeschwister bzw eine mögliche Meinung zu einer Sachfrage förmlich dämonisiert und so bestürzend unsachlich und aggressiv ist.
Es fiel sogar in einem evangelikalen Blättchen, das mir jemand vorlas, die fast exorzierende Aussage, die Zweifel der Flacherdler seien vom Satan inspiriert und säten so Durcheinander in der „Gemeinde“ (was immer das eigentlich sein soll).
Das ist starker Tobak, der einen bedenklich stimmen muss: wann hat man zuletzt Menschen unterstellt, ihre Ideen und Fragen seien „satanisch“, und was tat man mit diesen Menschen, sobald man es konnte?
Was ist eigentlich mit solchen Christen los, muss man umgekehrt fragen, die wegen einer Frage, die wohl kaum heilsentscheidend erscheint, derart einprügeln auf diejenigen, die fragen, ob nicht doch die ältere Kosmologie, die immerhin Jahrtausende von allen angenommen wurde, richtiger war?
Man kann durchaus den Verdacht bekommen, dass die Frage vielleicht doch wesentlicher ist als es scheint bei dieser Tarantel-Reaktion: Mit dem Heliozentrismus hat man die Menschen offenbar mental derart im Griff, dass man nun um Macht fürchten muss über die Seelen und Gehirne, wenn Menschen dieses Weltbild immer weniger glauben.

Die alte Tragik, dass uns Christentum offiziell stets von korrupten und machtbewussten Charakteren "vermittelt" wird, spätestens seit Konstantin im knallharten Verbund mit irdischer staatlicher Macht, offenbart wieder einmal ihre Fratze und sollte uns hellhörig machen. Der Herr Liebi hat damit unfreiwillig kundgetan, dass hier etwas gar nicht mehr stimmt. Niemand sollte mehr auf diese selbsternannten "Lehrer" hören und sich bewusst machen, dass Jesus ohnehin untersagt hatte, dass irgendeiner sich "Rabbi" oder "Lehrer" nennen lassen soll (Mt 23,8) - eine Tatsache, die sie allesamt mit Füßen treten: Rom, Konstantinopel, Moskau und die ganze evangelikale Blase. Ihre "Schrifttreue" hört an den Schnittstellen zum "Königreich Gottes" immer und regelmäßig auf, man kann die Uhr danach stellen. Wir haben nur einen Lehrer, sagte Jesus an derselben Stelle, das ist er selbst, er und der Heilige Geist, den er senden würde. Wir aber seien alle Brüder. Wo realisiert sich das? Wenn man nicht einmal Zweifel an einem Weltbild haben darf, das sowieso nicht aus dem biblischen Horizont stammt? Es ist traurig.


3. Ein paar grundsätzliche Bemerkungen zum hebräischen Begriff „chug“

Insbesondere der erwähnte Roger Liebi lässt die Gelegenheiten nicht verstreichen, anhand der Flache-Erde-Bewegung seine Schäfchen mit Bannworten beim Heliozentrismus zu halten. Er gibt sich immer wieder als Anti-Flacherdler-Aktivist. Jüngst tauchte auf Youtube eine Vorlesung über das Matthäus-Evangelium auf, innerhalb derer er erneut auf das Thema „Flache Erde“ einging.[4] Ein Kanal namens „logos“ hat die besagten Minuten ausgeschnitten und gesondert unter dem Titel „Dr. theol. Roger Liebi über den IRRTUM, eine FLACHE ERDE sei näher an der biblischen Wahrheit (2020)“ ebenfalls mit freundlicher Genehmigung des Roger Liebi veröffentlicht.[5] Die gut 16 min zum Thema sind, aufgehängt an der Formulierung „Enden der Erde“ — ich nehme es vorweg — ein Schande für sauberes Argumentieren und extrem manipulativ.

Liebi führt das Thema damit ein, dass er seinen Zuhörern erklärt, es gebe da ja diese Flacherdler, deren „Zahl wächst, weil das Internet ein Sumpf ist“. Dass er selbst seine Ergüsse in diesen „Sumpf“ zur gesegneten Weiterverbreitung stellt, war ihm wohl in diesem Moment nicht bewusst. Und dass nach dieser „sachlichen und freundlichen“ Einführung Flacherdler natürlich nicht gut wegkommen würden, hatte er auf diese Weise gleich rhetorisch geklärt. Liebi bedauert, dass auch immer mehr Christen auf die Flacherdler „hereinfallen“, und fühlt sich offenbar dazu berufen, die Herde vor dieser Idee zu warnen. Allerdings trumpft er in dieser Weise auf, ohne auch nur im mindesten deren Argumente sauber darzustellen oder sich selbst und die Zuhörer seiner Vorträge gar mit den wirklichen biblischen Befunden zu konfrontieren.
Man vernimmt vielmehr als Hebräischkenner fassungslos, wie er gezielt Wörter fälscht und fehlübersetzt und dies seinen ahnungslosen Zuhörern unterjubelt, die sich anschließend vermutlich von dem Herrn Doktor gut belehrt glauben und es ja auch nicht besser wissen können.

Es ist eine Schande und dürfte einem promovierten Geisteswissenschaftler nicht passieren und auch nicht einfach so zugelassen werden — daher mein eindringlicher Einspruch dagegen und die Mahnung an Liebi, in sich zu gehen und sich der Wahrheit zu stellen, anstatt die Unwahrheit zu verbreiten! Liebi verfällt hier nicht einfach irrtümlich einer Sicht, die unhaltbar ist, sondern er schafft bewusst und  — wie man annehmen muss — wider besseres Wissen überhaupt erst diese falsche Sicht. Er hat, um es ebenfalls vorwegzunehmen, nahezu keine Sachargumente und füllt auch diese 16 min mehr oder weniger mit leeren Worten und Wiederholungen der wenigen falschen Behauptungen. Er behauptet mit süffisantem Grinsen, die Flacherdler seien „verdreht“ und „brächten“ die anderen Christen „durcheinander“, und überhaupt seien auch nicht alle Flacherdler Christen, was rhetorisch wohl die satanische Herkunft der Zweifel am Heliozentrismus unterstützen soll.

Er hängt sich an der immer gleichen Sache auf:
Es stehe doch schon eindeutig im Alten Testament, dass die Erde eine „Kugel“ sei.
Er fordert jemanden auf, Jesaja 40,22 zu lesen. Der liest vor aus der ELB, und das passt Liebi natürlich gar nicht, weil die ELB  — wie jeder weiß — meistens sehr präzise und redlich übersetzt. Da heißt es:

„Er ist es, der da thront über dem Kreis der Erde…“

Liebi unterbricht den Vorleser etwas herablassend mit der Bemerkung „Du liest die ELB“ — aber es gebe jetzt eine ganz neue spanische Übersetzung, die habe „korrekt übersetzt mit ‚el globo de la tierra’“. Er lässt den „globo“ genüsslich auf der Zunge vergehen, den endlich nach Tausenden des falschen Verstehens von Jahren Korrekten. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man darüber lachen. Welch eine Show!
Liebi suggeriert so rhetorisch, ELB habe nicht korrekt übersetzt, und korrekt sei anstelle von „Kreis der Erde“ der „Erdglobus“.
Nun ist dies eine unglaubliche Dreistigkeit und Gewalttat am Buch Jesaja. Und Liebi weiß das auch ganz genau! In wessen Dienst steht dieser Mann? Er verfälscht ohne irgendeine Hemmung Schriftwort und tut dies mit allen Finessen der Propaganda und Rhetorik.
Das fragliche hebräische Wort „chug“, das an dieser Stelle steht und eher selten ist, wurde noch niemals iS eines Balls oder einer Kugel aufgefasst. In aller Regel steht auf Hebräisch, wenn es um den Erdkreis geht, das Wort „tewel“, das iS der bewohnten Welt gemeint ist und dem lateinischen "orbis terrarum" entspricht. Dass hier vom "chug" die Rede ist, weist tatsächlich auf die grundlegende Anlage der geschaffenen Erde hin und nicht einfach auf das, was wir von der bewohnten Welt wissen. 
Alle Übersetzer haben „chug“ von alters her korrekt als „Ring“, „Kreis“, „Scheibe“ oder „Zirkel“ übersetzt, alle, alle, ob in der LXX, wo es für Jes 40,22 heißt, der „katechon“ kontrolliere den „gyron tes ges“ (den ringförmigen Rand der Erde), oder in der Vulgata, wo es heißt „qui sedet super gyrum terrae“, wobei ein „gyrus“ auf Lateinisch stets ein Kreis oder eine Kreislinie ist, übertragen auch eine „Gehirnwindung“, aber NIEmals eine Kugel! Auch Luther wäre niemals auf die Idee gekommen, dies anders als „Erdkreis“ zu übertragen. Die King James übertrug sachlich zutreffend mit "circle of the earth". Und die verschmähte, von Liebi in Verdacht gebrachte ELB überträgt selbstverständlich ebenfalls korrekt. Sollte man nun also, nur damit es in Liebis verbissene, heliozentrische Ambition passt, jahrhunderte—, ja jahrtausendelang falsch übersetzt haben?! Haben alle dies ganze Zeitalter lang falsch verstanden, bis der Herr Liebi kam? Martin Buber übrigens, dessen Schriftübertragung aus dem 20. Jh stammt, und der ganz gewiss des Hebräischen kundig war wie keiner von uns allen, überträgt gar mit „Der auf der Scheibe der Erde sitzt“!
Woher nimmt Liebi also seine Behauptungen?

Seine einzige Referenz ist ein Wörterbuch aus dem 19. Jh von Benjamin Davidson, das „Analytical Hebrew Chaldee Lexicon“, dort stehe, „chug“ heiße „sphere“ (also „Kugel“). Nun unterschlägt Liebi geradezu unverfroren, dass auch in diesem Lexikon unter „chug“ zuallererst und als Hauptbedeutung steht: „circle“, und der Wortstamm grundsätzlich einen Zirkel bzw Ring meine, „to draw a circle“ im Falle eines Verbs oder „to circumscribe“. Nun sollte das eigentlich eindeutig sein. Woher dann ganz am Schluss noch dieses Wörtchen „sphere“ kommt, das sich sonst in Hebräischlexika nicht findet, muss man sich fragen.
Da ich sowohl althebräisch qualifiziert wurde (Hebraicum) als auch neuhebräisch, ist es mir vollkommen schleierhaft, wie man darauf kommt, dass „chug“ Kugel heißen soll. Es gibt dafür jedenfalls keinen Beleg im biblischen Hebräisch. Mir scheint eher, da hat jemand bewusst, vielleicht aber auch unbewusst und bereits umnachtet vom Heliozentrismus, einfach mal kurz heliozentrisch „nachgebessert“, etwa nach dem Motto: wenn die Erde eine Kugel ist, muss „chug“ ja dann auch Kugel bedeuten…
Im modernen Standardwerk des Langenscheidt-Achiasaf heißt „chug“ genau das, was es schon immer hieß, nämlich — ich zitiere wörtlich — „Kreis“, „Zirkel“, „gesellschaftlicher Kreis“, „Wendekreis“. Von „Kugel“ weit und breit keine Spur… „Chug“ ist die exakte Übersetzung des altgriechischen „gyros“. Wir kennen es sogar auf Neugriechisch alle aus dem Alltag: „Gyros mit Zaziki“ meint eine Portion Fleisch, das von einem gedrehten Grillspieß abgeschnitten wurde, auf dem lauter Fleischscheiben aufgetürmt wurden, beim Türken heißt es „Döner“. Also auch hier nur Kreise und Ringe, aber ganz sicher keine Kugeln!
Alles, was man aus dem Wortstamm im Sinne eines Kreises machen kann, geht von einer flachen Scheibe aus, etwa die „chuga“, im modernen Iwrith die Wählscheibe eines Telefons, oder „chugan“ ist eine Messuhr (iS eines Zifferblattes und Zeigers). „Chug“ kann althebräisch auch etwas wie einen „Kompass“ oder eine Art „Windrose“ meinen. Eine andere Verwendung des Wortstammes ist mir weder bekannt noch irgendwo auffindbar. Der Stamm „ch-g“ steckt auch im Wort „chag“. Das mag uns noch von einer anderen Seite her den Zusammenhang verdeutlichen: „Chag“ bedeutet „Fest“, „Feier“. Hier wird ebenfalls ein „Kreis“ vorgestellt, ein Kreis der Feiernden. 
Das alles macht uns klar, dass es niemals um eine Kugel gehen kann, zumal es dafür ein eigenes Wort gibt: „dur“ oder „kaddur“ bedeutet „Kugel“, findet sich übrigens auch so im Davidson.

Liebis falsche Behauptungen werden vollends dadurch entlarvt, dass das Neuhebräische, das ja viele moderne Wörter neu bilden musste und muss, dabei aber, — wie wir an „chuga“ und „chugan“ etc. gesehen haben —, wenn es bereits althebräische Wörter gibt, auf jene zurückgreift. Für „Weltkugel“, einen Begriff, den es im Altertum selbstverständlich nicht gab, wird im modernen Iwrith entweder den lateinischen Begriff „globus“ verwendet oder eben — man halte sich fest — „kaddur haaretz“. "Kaddur" - nicht "chug"! Wenn „chug haaretz“ in Jesaja 40 bereits dasselbe gemeint hätte, hätten die Sprachkundigen in Israel es ganz sicher einfach übernommen. Aber wie gesagt, selbst Martin Buber kam auf keine andere Idee, als den „chug haaretz“ mit „Scheibe der Erde“ der übersetzen, wogegen das „Kreis der Erde“ in der ELB ja noch geradezu aufgeklärt klingt.
Aber Liebi schließt seine Behauptungen ganz locker damit, es heiße in Jes 40,22 „korrekt: der da thront über der Kugel der Erde“. Nun denn, vor meinem inneren Auge sehe ich den lieben Gott auf einem Gymnastikball thronen. Wie er da, wie es der Vers nämlich weiter sagt, auf alle Menschen wie auf Heuschrecken herabsehen können will, müsste der Herr Liebi dann doch noch erklären, v.a. im Bezug auf die Heuschrecken down-under. Wie man auf einer Kugel „den Himmel wie einen Schleier ausbreiten“ kann, wie es dann in dem Vers ebenfalls noch heißt, und dies so, dass man drin „wie in einem Zelt wohnen kann“, wird wohl auch Liebis ewiges Geheimnis bleiben. Auf einem Globus ergibt das keinerlei Sinn, auf einer ausgebreiteten Erde unter einer „Kuppel“ dagegen schon.

Die zweite angebliche Referenzstelle für eine biblische Erdkugel sei Job 26,7. Liebi behauptet hier einfach mal eben so, es stehe da, die Erde hänge „über dem Nichts und sie ist eine Kugel“. Diese Rhetorik ist erstaunlich, wie wir anhand des wahren Wortlautes der Stelle gleich sehen werden. Dort steht nämlich sage und schreibe nichts dergleichen:

„Noteh tzafon al tohu toleh eretz al bli mah“

Man muss diese sehr poetische und auch mythische Stelle wörtlich übersetzen, um nicht der Gefahr eines Missbrauches zu erliegen:

„Den Norden neigt er über das Tohu (Wirrnis), das Land hängt er über das Nicht-Etwas.“

Es sollte sofort klar sein, dass hier nicht einmal entfernt von einer Erdkugel die Rede ist. Vielmehr steigt dem unvoreingenommenen Hörer des Wortes doch unweigerlich der Norden als Mittelpunkt des Himmels auf mit dem Polarstern. Er ist der höchste Punkt des „Zeltes“, mitten ins Chaos(wasser) (das „tohu“ ist dem Stamm nach mit dem „tehom“ verwandt) geneigt. Und unten am Boden hängt Gott einfach das Land ins „bli mah“, in das „Nicht-Etwas“ bzw "Ohne-Was". Der Ausdruck ist hier sehr eigentümlich und heißt im Kontext nicht einfach nur „Nichts“ in einem philosophischen Sinn düsterer Pariser Existenzphilsophen. Die mittelalterliche Wortbildung von der „quidditas“, der „Washeit“ trifft viel eher das, wovon hier gesprochen wird. Deren Gegenteil ist nicht das Nichts oder „nihil“, sondern die „non-quidditas“. Buber überträgt es mit „Ohnwesen“. Er tut dies, weil das „nicht-etwas“ oder "ohne-was" im Sinne des Ungeformten gemeint sein dürfte, es ist noch kein „Etwas“ aus dem „tehom“ oder „tohu“ geworden, einer vollständig chaotischen Urmaterie. Von der Abwesenheit jeglichen Seins ist nicht die Rede. Es ist auch keine Rede von einem Hochvakuum und darin herumtaumelnden Kugeln. Das kann alleine deswegen nicht gemeint sein, weil dieses neuzeitlich gedachte, heliozentrische „All“ la nicht „bli mah“ ist, sondern mit einer Formung vorgestellt wird und eine Ordnung hat. Heliozentriker glaube ja nicht, dass da draußen im Universum Chaos der Urmaterie herrsche, sondern eine galaktische Ordnung.
Vollends aber gegen die Vereinnahmung dieser Stelle für eine „Erdkugel“ ist der gesamte Zusammenhang des Kapitel 26 bei Job. Hören wir es doch einfach an und fragen wir uns aufrichtig, wie in diesen Worten das heliozentrische Weltmodell Platz haben soll:

5 Vor Gott beben die Schatten unter dem Wasser und seinen Bewohnern.
6 Nackt liegt der Scheol (Totenreich) vor ihm, und keine Hülle hat der Abgrund („Abbadon“).
7 Er spannt den Norden aus über der Leere, hängt die Erde auf über dem Nichts.
8 In seine Wolken bindet er das Wasser ein, dass unter ihm das Gewölk nicht reißt.
9 Er versperrt den Anblick seines Thrones, indem er sein Gewölk darüber ausbreitet.
10 Eine Schranke hat er als Kreis über der Fläche des Wassers gezogen bis zum äußersten Ende von Licht und Finsternis.
11 Die Säulen des Himmels wanken und erstarren vor seinem Drohen.
12 Durch seine Kraft hat er das Meer erregt und durch seine Einsicht Rahab (ein mythisches Ungeheuer wie der Leviatan) zerschmettert.
13 Durch seinen Hauch wird der Himmel heiter, seine Hand hat die schnelle Schlange durchbohrt.
14 Siehe, das sind die Säume seiner Wege; und wie wenig hören wir von ihm! Doch den Donner seiner Machttaten, wer versteht ihn?

Wer mir also erklären will, wie der heliozentrische Himmel auf „Säulen“ steht (V 11) und was unter dem „Kreis“ zu verstehen ist, der das Wasser auf der Erde eingrenzt, der möge sich wacker melden.

Dieser Vers 10 ist ohnehin noch einen genaueren Blick wert. Dort steht nämlich hebräisch:

„Chok chag al pnei majim od takhlith or im choschekh.”

„Eine Grenze zirkelt er (Wortstamm hier ebenfalls „ch-g“) über dem Angesicht der Meere bis zur Vollendung des Lichts mit der Finsternis.“

Der Herr Liebi sollte sich lieber mit dem Gedanken anfreunden, dass diese Beschreibung sogar erschreckend nah an der Vorstellung der Flacherdler entlangpaddelt, dass die Wasser durch die Schranke der Antarktis rundum abgegrenzt worden sind.
Dass es mit der Antarktis etwas auf sich haben könnte, legt auch folgender Vers aus Job 38,18f nah:

„18 Hast du auf die Breiten der Erde geachtet? Teile es mir mit, wenn du das alles erkannt hast!
19 Wo ist denn der Weg dahin, wo das Licht wohnt? Und die Finsternis - wo ist denn ihre Stätte,
20 so dass du sie in ihr Gebiet bringen könntest und dass dir die Pfade zu ihrem Haus bekannt wären?“

Ja, die „Breiten der Erde“? Was soll das auf einer „Kugel“ sein? Liebi spielt das wie ein mittelalterlicher Jahrmarktsgaukler durch: Der "Osten" hört nie auf, man kann immer nach Osten gehen, oder nach Westen, rundherum, endlos sich im Kreis drehen, bis in alle Ewigkeit, Himmelsrichtungen hält er "biblisch" für relative Orientierungsgrößen, die gerade mal rund um mich herum einen Sinn erfüllen, im Großen oder gar wörtlich verstanden aber nicht. Breite ist bei Gott keine Breite, wenn man Liebi hört. Wo bitte, finden wir das so in der Schrift?Hebräisch heißt die "Breite der Erde" „rachavei eretz“. Und es meint eine echte „Breite“ oder „Weite“ und nichts anderes, falls einer nun sonst was in dieses Wort hineinprojizieren will. Es meint nicht, dass das eigentlich keine Breite ist, sondern angeblich eine optische Täuschung, weil man sich immer nur im Kreise dreht und nur denkt, man lege eine lange Strecke zurück. Es hat nicht den Anschein, als hätte Gott dem Job nur ein paar Trickfragen gestellt, die sich als Gauklerfakes entlarven lassen. 
Nach der Aussage Gottes aus dem Wettersturm bei Job hat die Erde eine Ausdehnung in unermessliche Weite, von der der Mensch nicht den Hauch einer Ahnung haben kann. Am Ende dieser Ausdehnung finden sich Licht und Finsternis. Licht und Finsternis haben offenbar so etwas wie "Depots". Die „Enden der Erde“, an denen sich Liebi aufhängen wollte, um gegen die Flacherdler zu treten, mag man in seinem Sinn als Enden der Landmassen ansehen. Diese Frage hat aber mit der Frage nach der Gestalt der Welt im Ganzen nichts zu tun. Und selbst dann, wenn man die "Enden der Erde" mit dem "tewel", der bewohnten und bekannten Welt identifiziert, ist damit nichts über die Gestalt der gesamten Erde gesagt.

All das Geplänkel, dass Liebi dann noch folgen lässt, wo er sich hämisch auslässt über die Flacherdler, die nicht glauben wollten, dass die Sonne irgendwo aufgehe und untergehe, wie man das einst tat und annahm, dass sie unter der Erdfläche kreiste und wieder auftauchte am nächsten Tag, sondern nun glaubten, dass sie über der flachen Erde kreiste, um dann nachzusetzen, dass auch Heliozentriker das ja nur metaphorisch meinten, wenn sie von Aufgang und Untergang sprächen — all diese widersprüchliche und sachlich unzureichende Geschwätzigkeit lassen wir beiseite, denn alleine die letzten Zitate aus Job 38 lassen uns ahnen, dass es vielleicht mit der Sonne und ihrem Auf- und Untergang noch ganz, ganz anders sein könnte. Das Altertum hatte dazu ja Modelle vorgelegt, sehr bekannt ist das äthiopische Henochbuch mit seiner ausführlichen Erklärung. Die Rätselfragen, die Gott dem Job aus dem Wettersturm stellt, sind allesamt bis heute nicht gelöst, wieso sollten wir der Hybris erliegen zu glauben, wir wüssten wenigstens die Frage nach der „rochav“, der Breite oder Weite der Erde, zu beantworten?
Aus Liebis Haltung tritt diese unkritische und überhebliche Meinung  zutage, wir wüssten heute etwas, das man früher nicht wusste. Wenn er ruft "Das ist Naturwissenschaft!", als ob das das zweite Evangelium wäre, dann frage ich zurück: "Was genau weiß denn die Naturwissenschaft?!" Er müsste sich klar machen, dass niemand, auch nicht der Herr Kopernikus, wusste, wie die Erde aussieht. Dessen Behauptung, sie müsse eine Kugel und ein Gestirn sein wie andere Gestirne, gründete sich auf eine philosophische Spekulation über ideale geometrische "Formen", die er im übrigen im Auftrag des damaligen Papstes, der eine geeignete Grundlage für eine Kalenderreform brauchte, anfertigte und auch dem Papst widmete. Wes Geistes Kind seine Nachfolger waren — Galilei, Kepler, Newton, Bruno? Ihre Gedankenwelten entstammten hermetischen Schriften, okkulten Lehren, waren insbesondere bei Bruno pantheistisch angelegt, der Jesus Christus  auf lästerliche Weise schmähte. Er stellte den Sohn Gottes als Esel dar, der mit einem Sack voller Barmherzigkeit auf die Welt gesandt worden sei, dort strauchelte, der Sack sei aufgeplatzt und nun laufe die wertvolle Barmherzigkeit in den Dreck aus... Newton andererseits war ein machtbewusster Strippenzieher, der sich seine kosmologische Welt erfand und politisch durchzusetzen wusste. "Wissen" tat er gar nichts, sondern er spekulierte, dachte sich etwas aus, bewegte sich wie seine Kollegen in einem hermetischen mathematischen System, dessen Bezug zu einer empirischen Realität nur partiell nachvollziehbar war und ist, wenn überhaupt. Kepler war ebenfalls befasst mit Wahrsagerei und einer Verknüpfung von okkulten Lehren und Astronomie. Herr Liebi möge sich damit in Ruhe befassen, bevor er meint, weiter gegen wachsame Mitchristen und aufmerksame nichtchristliche Zeitgenossen polemisieren zu sollen. Man kann nicht zweien Herren dienen.

Herr Liebi möge im übrigen - man muss ihm seine dreiste Polemik zurückgeben - einen Nord-Süd-Umrundungsflug buchen und uns alles genau filmen und hernach berichten, wie es so war, die „Kugel“ mal auf diese Weise umrundet zu haben. Bevor er damit nicht herausrücken kann, sollte er sich lieber zurückhalten und in sich gehen, anstatt über andere Christen oder sonstige kritische Mitmenschen so herablassend und denunziatorisch zu reden, wie er es tut, und diese Dinge samt seinen bestürzenden Verfälschungen biblischer Befunde dann nicht weiter mit diesem Sendungsbewusstsein in den „Sumpf“ stellen, wie er das Netz nennt.
Ob es ihm nun zusagt oder nicht:

Es sind viele Fragen offen!


Donnerstag, 27. Februar 2020

Wo ist die Natur? — Tagebuch einer Suche: Geist über dem Chaoswasser

Geist über dem Chaoswasser

Die Erde war Irrsal und Wirrsal.
Finsternis über Urwirbels Antlitz.
Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser.
(Gen 1,2 Buber)

4 Als sie dürsteten und dich anriefen, wurde ihnen Wasser aus schroffem Fels gegeben, ein Heilmittel gegen den Durst aus hartem Stein. 5 Denn wodurch ihre Feinde bestraft wurden, dadurch empfingen sie Wohltaten in ihrer Not. 6 Die ständig fließende Quelle wurde durch schmutziges Blut getrübt. 7 So wurden jene für den befohlenen Kindermord gestraft. Diesen aber gabst du wider Erwarten reichlich Wasser, 8 nachdem du ihnen vorher durch ihren Durst gezeigt hattest, wie ihre Gegner von dir bestraft wurden. (…) 17 Für deine allmächtige Hand, die aus ungeformtem Stoff die Welt geschaffen hat,/ wäre es keine Schwierigkeit gewesen, eine Menge von Bären gegen sie zu senden oder grimmige Löwen 18 oder unbekannte Tiere voll unerhörter Wut, die feuersprühenden Atem hauchen oder zischenden Qualm ausstoßen oder entsetzliche Funken aus den Augen sprühen. (…) 20 Aber abgesehen davon hätten sie durch einen einzigen Hauch fallen können, verfolgt von deinem Gericht und fortgeweht vom Sturm deiner Macht. Du aber hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet. 21 Denn du bist immer imstande, deine große Macht zu entfalten. Wer könnte der Kraft deines Arms widerstehen? 
(Weisheit 11 EÜ)
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Die Freunde des „Weltenbaumeisters“, der natürlich an seiner Seite nicht den Logos oder gar die Weisheit, sondern die Mathematik, die angeblich „göttliche Wissenschaft“ haben soll, berufen sich gerne auf den Vers aus Weisheit 11,20 „Du aber hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet.“ Daraus gehe doch hervor, dass die Mathematik der gesamten Natur als universeller Schlüssel zugrunde liegen müsse.

Nun ist dieser Schluss ein klassischer Fehlschluss, denn der Vers besagt im Zusammenhang nichts anderes als dies, dass Gott, der „immer imstande“ ist, seine „große Macht zu entfalten“, aus Ungeordnetem Geordnetes gemacht hat, das natürlich als Geordnetes, das der sinnlichen Wahrnehmung zugänglich wird, zählbar ist und sich als materielle Erscheinung manifestiert, die man irgendwie wiederum geordnet beschreiben kann, etwa so, dass wir paarig angelegt sind, dass wir an jeder Extremität fünf Finger bzw Zehen haben, dass in der Ferne zwei Berge sich erheben und nicht drei oder dergleichen, dass Schneeflocken eine regelmäßige (aber nicht perfekte) Sternstruktur haben und alles, im Makro- wie Mikrokosmos Geordnetheit aufweist insofern, als wir materielle Ordnungen darin abstrahieren können. Daraus folgt jedoch nicht, dass die Mathematik die göttliche Struktur ist in all diesen Erscheinungen. Sie ist beiläufig und erkennbar nur an die materielle Erscheinung der irdischen Dinge geknüpft. Nichts weist uns darauf hin, dass sie auch zwingend an die geistige Seite der Dinge geknüpft sein müsste. Der Zusammenhang wird zwar häufig auch bei religiösen Leuten hergestellt, etwa in der Kabbala. Die Zahlenrelationen mögen zwar in einer fernen Weise Allegorien für Göttliches sein, aber sie sind deswegen nicht erkennbar an sich selbst göttlich. Sie stellen vielmehr die äußerste Grenze der geschöpflichen Dinge auf der physischen Seite dar. Niemand könnte im Ernst behaupten, dass unsere Psyche oder gar Tätigkeiten der Ratio irgendwie zahlenrelational gebunden wären oder man aus diesen Tätigkeiten zahlenrelationale Strukturen abstrahieren könnte. Wie viel weniger kann man behaupten, die geistige, göttliche Seite der Dinge sei in irgendeiner Weise abhängig von mathematischen Relationen. Sie mag sich in ihnen mitabbilden, aber sie ist sie nicht selbst. Es ist sicher zutreffender zu sagen: Die Mathematik ist die Grenze der menschlichen Vernunft, sie richtet sogar eine Hürde auf gegen alle göttliche Vernunft. Die „eirene tou theou“ ("Friede Gottes"), die zugleich seine höchste Ordnung bedeutet, „hyperechousa panta noun“ ("übersteigt allen Intellekt") heißt es in Phil 4,7. Es gibt zu denken, dass derselbe Vers einen Segen ausspricht, in dem zugleich für die „noemata“, also die Erkenntnis- und Denkinhalte der Gesegneten um Bewahrung gefleht wird.

Wir haben eine Art „Denkblockade“ in uns, die uns notorisch dazu treibt, die Dinge von ihrer materiellen Seite her abzuleiten, selbst die Dinge der Transzendenz. Weil unser Denken an dieser Stelle blockiert ist, — das NT nennt dies den „animalischen Menschen“, den „natürlichen Menschen“, der „nichts vom Geist Gottes vernimmt“ (1 Kor 2,14) —, sind wir nicht in der Lage, die Dinge von einer höheren Ordnung her zu denken. Aufgrund der Bannung ins Materielle können wir höhere Ordnung nicht als Ordnung erkennen. Sie würde auf uns chaotisch bzw töricht wirken (vgl. den Schlussabschnitt des Textes). Daher wird vonseiten des NT bestätigt, dass man in der natürlichen Verfasstheit, die von der materiellen Seite aus denkt, vom Geist Gottes nichts vernehmen kann. Es ist auch von daher zu folgern, dass mathematische Abstraktion mit dem Geist Gottes und seinen Ordnungen nichts, aber auch gar nichts zu tun haben kann. Solche Abstraktion gehört nach diesem Verständnis immer noch in den Bereich der „psyche“, der „anima“, der „Seele“ und nicht in den des göttlichen oder heiligen Geistes.

Der Gedanke, dass das Chaos, in das die Mathematik nach selbstverständlich auch faszinierenden Wegen durch abstrakte, von der Physis abgeleitete Ordnungen führt, dann eben das Tor zur „höheren Ordnung“ sein müsse, ist zwar nachvollziehbar: weil man intuitiv weiß, dass höhere Ordnung auf uns chaotisch wirken muss, weil wir zu schwach sind, sie zu erkennen und zu entschlüsseln, sieht man dies in den mathematischen Paradoxien bereits erfüllt. Dabei belügt man sich selbst, denn man glaubt allen Ernstes, aus der in sich stimmigen mathematischen Abstraktion bruchlos durch deren Unstimmigkeiten hinübergleiten zu können in die höheren Ordnungen wie durch die berühmten „Wurmlöcher“ in die „Paralleluniversen“. Man begreift dabei nicht, dass das nur eine Vervielfältigung dessen annimmt, was wir bereits materiell vorfinden und eben gerade keine heilige und „höhere“ Ordnung annimmt. Die höhere Ordnung ist nicht eine Ableitung aus der materiellen Ordnung. Wir erliegen diesem Denkfehler ein ums andere Mal und kommen davon nicht los.

Die Sache liegt offenkundig erheblich feiner und geheimnisvoller. Die Ordnungen der Mathematik geraten bekanntermaßen an Grenzen und in Widersprüche, treiben am Ende in den Wahnsinn und führen nicht mehr weiter als wieder zurück ins Chaos. Wie sehr diese Erkenntnis ernst zu nehmen ist, kann man an der Entwicklung des Mathematikers Georg Cantor studieren. Cantor ist der, der die Mathematik des Unendlichen und die Mengenlehre entwickelt hat. Die postmoderne Reaktion darauf ist gemeinhin die, das Chaotische, in das man am Ende wieder abstürzt, als „neue Ordnung“ zu rekonstruieren, was aber nicht gelingen kann, weil mathematische Ordnung trotz allem immer auch voraussetzt, dass Dinge sich nicht logisch selbst ausschließen. In einer Art "Segmentdenken" kann man "Welten" technisch erschaffen, ihrer Illusion erliegen und sich darin sogar "verinnerlichen". In dem Augenblick, in dem der logische Widerspruch gewissermaßen zur Tugend erklärt wird, wird man zwar eine aus segmentstücken zusammengesetzte Pseudo-Ordnung deklarieren können, aber sie hat weder in der Abstraktion Stabilität noch wird sie sich in der Realität als stabil erweisen können. Ihre Segmente passen nicht zusammen und heben sich gegenseitig am Ende auch real und technisch auf. Nur unter Gewalt und Terror lässt sich diese buchstäblich gottlose Ordnung erzwingen für wenige äonische Momente, viele mit in ihren Abgrund reißen und am Ende verziehen müssen wie ein Unwetter. Die Überlebenden werden sich immer wieder fragen, wie es möglich war, dass sich solcher Wahnsinn durchsetzen konnte, die Augen reiben und doch beim nächsten Mal nicht klüger sein.

Wir haben die ganze Welt inzwischen vollgestellt mit unseren Maschinen, die auf Mathematik beruhen, tot sind und wesentlicher Grund für die immense Naturzerstörung sind, die wir zwar beklagen, aber durch noch mehr Apparatur und Maschinen nun erst recht zerstören. Wer - um ein Beispiel kurz zu durchdenken - die Bergkuppen ansieht, auf denen nun „Windräder“ in wachsender Zahl stehen, angeblich "nachhaltig" die berühmte „erneuerbare“ Energie erzeugend, stellt sich, wenn er nicht nur maschinell denkt, einige Fragen: Was soll überhaupt der absurde Begriff der „Erneuerbarkeit“ hier heißen? Windbewegungen sind keine "unbegrenzte Ressource", sondern schwingen in natürlichen Ordnungen, die man weder genau kennt noch überhaupt als sensible Ordnung auffasst, ja: noch nicht mal als technisch geordnete natürliche Ordnung, die sie auf ihrer äußersten physischen Seite in jedem Fall darstellt? Man kann nicht ohne Folgen in diese Kreisläufe in so großem Ausmaß eingreifen, ohne dass sich dabei ökologische Folgen einstellen werden (vgl. unten). Der hochempfindliche Waldboden wird andererseits etwa mit gigantischen Betonquadern zerstört, die nie mehr entfernt oder entsorgt werden können, nur um diese riesigen Windkraftinstallationen zu befestigen. Die Effizienz dieser Windräder ist nicht vorhanden, weil man das Problem der nur schubweisen Energielieferung nicht sinnvoll lösen kann. Ein sehr großer Teil der erzeugten "Energie" geht schlicht und einfach wieder verloren, weil sie nicht irgendwo gespeichert werden kann. Aus diesem Grund haben die Nationalsozialisten dieses Projekt der "Reichskrafttürme", das sie zuerst in großem Stil zur Energiegewinnung ausbeuten wollten, auch wieder aufgegeben: die erwünschte Energielieferung ließ sich nicht erreichen. Die Windräder  erzeugen nur gelegentlich „Energie“, und dies niemals grundlastsichernd, kaum effizient speicherbar, mal also zuviel und nicht nutzbar, mal zu wenig und dann sowieso sinnlos. Wer das also ansieht, muss den Wahnsinn erkennen, der sich hier Ausdruck gibt. Steile Hoffnungen, dass man die Probleme eines Tages lösen können wird, berechtigen nicht zu diesem rasanten Ausbau und dem verfrühten und unüberlegten "Ausstieg" aus konventionellen Methoden der Energiegewinnung, sofern man das Alltagsleben und die Industrie, wie wir sie kennen, aufrecht halten will. Dass ganze Insektenpopulationen durch die Rotorblätter inzwischen so sehr gefährdet sind, dass man ihr Aussterben in Erwägung ziehen muss, die braven Grünenwähler jedoch dasselbe Insektensterben zugleich beklagen, das sie mit ihrer Energieillusion an der Wahlurne selbst herbeigerufen haben, wird tabuisiert oder als „Verschwörungstheorie“ oder „rechts“ abgetan — die beiden Jokerhetzbegriffe, wenn man argumentativ nicht mehr weiterkommt. Es ist eine wichtige Frage, was es bedeutet, wenn man Wind in so starkem Maße „einfängt“ — ich nehme an, dass die Diskussion ebenfalls unterdrückt wird, ob Windkraft nicht, wenn sie so stark ausgebaut wird, das Klima verändert, weil sie massiv in die globalen Windkreisläufe eingreift, sie absorbiert oder umlenkt, obwohl es inzwischen Studien renommierter Universitäten zu einem Zusammenhang von Temperaturanstieg und Windkraftanlagen gibt.[1]
Das mathematisierende, technische Denken, das den Wahnideen von den „erneuerbaren“ Energien zugrunde liegt, denkt gewissermaßen nicht von hier bis um die nächste technische Ecke. Man realisiert technisch etwas, das wiederum riesige technische Schäden hinter der nächsten Kurve hervorruft, die man aber solange ignoriert, bis die nächste Umweltkatastrophe nicht mehr abzuleugnen ist. Künftige Generationen, die die vermüllten, zubetonierten Bergkuppen des Schwarzwaldes einmal werden beklagen müssen, werden unsere Dummheit und Dreistigkeit im Umgang mit der Natur aus „Ökowahn“ heraus verfluchen. Vielleicht ist das, was der „Ätti“ in Johann Peter Hebels Gedicht „Vergänglichkeit“ über die verkohlte Kuppen des Belchen und des Blauen sagt, auch eine Vision auch der zusammengebrochenen Windkraftwahnanlagen dort oben — wer sich ansieht, was dort seit Jahren geplant und gebaut wird, dem kann schon der Gedanke kommen, dass dieser Eingriff in die Natur Folgen haben wird[2]. Geworben wird indes mit der „neuesten Technik“ — was auch sonst, nicht etwa mit gesundem Verstand oder einem tiefen Verständnis für die Natur, sondern Technik, Mathematik und einer maschinellen Auffassung der Schöpfung. Die Bilder zeigen sehr gut, welch gigantische Betonsockel man in den sensiblen Waldboden gerammt hat.
Windkraftanlagen geraten bei Blitzeinschlägen immer wieder in Brand. Wenn das geschieht, kann brandschutztechnisch nicht mehr eingegriffen werden, weil die Anlagen zu hoch und zu gigantisch sind. Außerdem besteht massive Lebensgefahr für jeden, der sich einem brennenden Windradturm nähert durch herunterfallende brennende Teile. Es ist nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn diese Brandsätze auf den Schwarzwaldbergen in einem trockenen Sommer Waldbrände auslösen würden. Solche Brandkatastrophen an Windrädern wurden immer wieder gefilmt[3]. Es gibt diese gefährlichen und hochgiftigen Brände durch Blitzeinschläge in Windräder also längst, offiziell wird aber so getan, als habe man alles im Griff[4], obwohl man zugleich zugeben muss, dass Windräder durch ihre Höhe Blitze förmlich magisch anziehen. Ein ernüchternder Artikel fand sich vor einiger Zeit im „Handelsblatt“, der die Brand-Gefahren für Windräder nicht herunterspielte, sondern in ihrer ganzen Gefahr für Menschen, Tiere und Landschaft auch ansprach.[5]
Hier nun Hebels Worte, die das Land visionär tot schauen, es gibt kein Leben mehr dort und kein Wasser nach einer Brandkatastrophe:

Drüber chunnt der Tag;
o, b’hüetis Gott, mer brucht ke Sunn derzue,
der Himmel stoht im Blitz, und d’Welt im Glast.
Druf gschieht no viel, i ha iez nit der Zit;
und endli zündets a, und brennt und brennt,
wo Boden isch, und Niemes löscht. Es glumst
wohl selber ab. Wie meinsch, siehts us derno?
(…)
Der Belche stoht verchohlt,
der Blauen au, as wie zwee alti Thürn,
und zwische drinn isch Alles use brennt,
bis tief in Bode abe. D’Wiese het
ke Wasser meh, ’s isch Alles öd und schwarz,
und todtestill, so wit me luegt.

Hinzu kommen eine gesundheitlich für alles Lebendige hochproblematische Infraschallbelastung, das Schreddern zahlreicher Vogelarten, massive Gefahr durch den Zusammenbruch der Rotorblätter für Mensch und Tier, die von Windradschrott getroffen werden (Windräder sind teilweise höher als die höchsten Kirchtürme Europas und die Rotorblätter sind inzwischen bis zu 50 m lang). Dass die Windkraftanlagen aus hochgiftigen Verbundstoffen hergestellt werden, nicht entsorgt werden können und damit eine massive Umweltbelastung darstellen, wird tabuisiert, aber selbst in den Mainstreammedien gelegentlich in seiner ganzen Problematik dargestellt.[6]

Man will hier „die Umwelt schützen“, indem man sie mechanisch irgendwie an einer anderen Seite als bisher ausbeutet, ohne die negativen technischen Folgen zu bedenken, die aus der Ausbeutungstechnik, die man als neuesten Schrei gewählt hat, zu erwarten sind. Die Ökoenthusiasten sehen nicht, dass die rücksichtslose und noch dazu ineffiziente Ausbeutung der Windkraft nicht weniger Raubbau an der Natur treibt als eine rücksichtslose und kurzsichtige Braunkohleförderung. Sie glauben an eine gute und eine böse Technik — dabei ist es der mathematisierende, technische, unheilige Blick an sich auf die Natur selbst, der immer von Unheil ist.

Doch zurück zum Ausgangspunkt der Gedanken:

Eine mathematische Ordnung, die am Ende in die Ungewissheit führt, ob man es mit A oder nonA zu tun hat, ob das Dreieck nicht doch in Wahrheit ein Kreis ist, hebt sich selbst als Ordnung auf. Die Klugen unter den Mathematikern wissen jedoch, dass man am Ende durch die angenommene universelle Ordnung der Mathematik deren Geltung wieder aufgeben muss. Cantor meinte, daran wahnsinnig werden zu müssen. Wahrheit, Täuschung, Wirklichkeit und Illusion verschwimmen. Eine rein handwerklich-materielle Ordnungsvorstellung, die so etwas wie „Hausverstand“ oder „Bauernschläue“ braucht und uns hilft, Maschinen zu bauen und ganz allgemein zu kaufen und zu verkaufen (Geld zu zählen und den homo oeconomicus zu spielen), bleibt nur in der Vordergründigkeit real und löst sich auf, je tiefer ein Mensch denkt. Von alters her zogen daher die Intelligentesten und Aufrichtigsten aus diesem „kosmos“ aus, der in der Rede des NT nicht das meint, was man heute unter „Kosmos“ iS des Weltalls oder „Universums“ versteht, sondern das „System dieses Zeitalters“.

Das „System“ (griech. „kosmos“) des wahren Gottes ist griechisch „moria“, zu deutsch „Dummheit“ (1 Kor 2,14).

Der Geist Gottes schwingt in der Finsternis über dem „tehom“, dem Chaoswasser (Gen 1). Haben wir je verstanden, was dieser Satz sagt?

Und erst recht: was bedeutet es, das wir „ex hydatos kai pneumatos“„aus Wasser und Geist geboren werden müssen“, um in die „basileia tou theou“, das Reich Gottes zu gelangen?

Hanna Jüngling, 26.2.2020 (Zu Hause)


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