Mittwoch, 4. Dezember 2019

Trinitätslehre auf dem Prüfstand: Brief XIV an Unitarier und Trinitarier — Was bedeutet der Satz „Ehe Abraham war, bin ich“?

Trinitätslehre auf dem Prüfstand: Brief XIV an Unitarier und Trinitarier — Was bedeutet der Satz „Ehe Abraham war, bin ich“?

Um diese Stelle recht zu verstehen, ist es notwendig, sich den gesamten Zusammenhang anzusehen. Ich bitte meine Leser um geduldiges Studieren desselben:

„37 Ich weiß, dass ihr Abrahams Nachkommen seid; aber ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort nicht Raum in euch findet. 38 Ich rede, was ich bei dem Vater gesehen habe; auch ihr nun tut, was ihr von eurem Vater gehört habt. 39 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Abraham ist unser Vater. Jesus spricht zu ihnen: Wenn ihr Abrahams Kinder wäret, so würdet ihr die Werke Abrahams tun; 40 jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der ich euch die Wahrheit gesagt habe, die ich von Gott gehört habe; das hat Abraham nicht getan. 41 Ihr tut die Werke eures Vaters. Sie sprachen nun zu ihm: Wir sind nicht durch Hurerei geboren; wir haben einen Vater, Gott. 42 Jesus sprach zu ihnen: Wenn Gott euer Vater wäre, so würdet ihr mich lieben, denn ich bin von Gott ausgegangen und gekommen; denn ich bin auch nicht von mir selbst gekommen, sondern er hat mich gesandt. 43 Warum versteht ihr meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt. 44 Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun. Jener war ein Menschenmörder von Anfang an und stand nicht in der Wahrheit, weil keine Wahrheit in ihm ist. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus seinem Eigenen, denn er ist ein Lügner und der Vater derselben. 45 Weil ich aber die Wahrheit sage, glaubt ihr mir nicht. 46 Wer von euch überführt mich einer Sünde? Wenn ich die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht? 47 Wer aus Gott ist, hört die Worte Gottes. Darum hört ihr nicht, weil ihr nicht aus Gott seid. 48 Die Juden antworteten und sprachen zu ihm: Sagen wir nicht recht, dass du ein Samariter bist und einen Dämon hast? 49 Jesus antwortete: Ich habe keinen Dämon, sondern ich ehre meinen Vater, und ihr verunehrt mich. 50 Ich aber suche nicht meine Ehre: Es ist einer, der sie sucht und der richtet.51 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn jemand mein Wort bewahren wird, so wird er den Tod nicht sehen in Ewigkeit. 52 Die Juden sprachen nun zu ihm: Jetzt erkennen wir, dass du einen Dämon hast. Abraham ist gestorben und die Propheten, und du sagst: Wenn jemand mein Wort bewahren wird, so wird er den Tod nicht schmecken in Ewigkeit.53 Bist du etwa größer als unser Vater Abraham, der gestorben ist? Und die Propheten sind gestorben. Was machst du aus dir selbst? 54 Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst ehre, so ist meine Ehre nichts; mein Vater ist es, der mich ehrt, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott. 55 Und ihr habt ihn nicht erkannt, ich aber kenne ihn; und wenn ich sagte: Ich kenne ihn nicht, so würde ich euch gleich sein: ein Lügner. Aber ich kenne ihn, und ich bewahre sein Wort. 56 Abraham, euer Vater, jubelte, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich. 57 Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen? 58 Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham war, bin ich. 59 Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und ging aus dem Tempel hinaus.“ (ELB Joh 8)

Trinitarier pflegen in dem Schlusssatz „Ehe Abraham war, bin ich“ einen Hinweis auf die Präexistenz Jesu beim Vater zu sehen und damit einen deutlichen Hinweis auf die Trinität. Ebenso sehen sie in Jesu „Ich bin“-Wort eine göttliche Formel, abgeleitet von der Begegnung Moses mit dem Engel des Herrn am brennenden Dornbusch (Ex 3,14), als Gott seinen Namen bekannt gab: „Ich bin, der ich bin“. Das „Ich bin“ Jesu lautet auf Griechisch „Ego eimi“. Es ist eine Tatsache, dass es im Hebräischen keine präsentischen Eigenformen gibt. Man muss entweder auf ein Gerundium ausweichen oder eine andere Zeitform. Das „Ich bin, der ich bin“ heißt wörtlich „Ich werde sein, der ich sein werde“ (hebr. „ehieh ascher ehieh“). Kurz danach, im selben Vers, trägt Gott dem Mose auf, er solle den Israeliten sagen, der „Ich werde sein“ (der „ehieh“) habe ihn gesandt. Die LXX übersetzte diesen Namen wie folgt ins Griechische, und Jesus bzw die, die ihm diese Worte in den Mund auf Griechisch legen, die er vermutlich auf Aramäisch oder Hebräisch gesagt hatte (!), werden diese Formel ganz gewiss gekannt haben: „Ego eimi ho on“. Und: „ho on“, „der Seiende“ habe Mose gesandt. Hier fällt auf, dass die LXX die Kurzform in Vers 14 vom „ehieh“, der Mose sendet, nicht mit dem „ego eimi“ überträgt, sondern mit der prädikativen Bestimmung „ho on“. Dieser Umstand spricht gegen eine besondere Betonung des „ego eimi“ als eigenständiger Formel. Nicht einmal das hellenistische Judentum scheint dies iS späterer Verteidiger der Trinität so aufgefasst zu haben.
Es ist zutreffend, dass im Johannes-Evangelium „ego eimi“-Sätze mit Prädikaten versehen und ohne solche häufig vorkommen, im 8. Kapitel treten die ohne prädikative Bestimmung am  meisten auf.[1] Das ist ganz gewiss auffallend und verdient Beachtung. Ob dies aber etwas mit dem alttestamentlichen „ehieh“ zu tun hat, liegt keineswegs auf der Hand. Ein Gebrauch ohne prädikative Bestimmung ist nach den grammatischen Regeln sowohl des Griechischen als erst recht des Hebräischen nicht korrekt. Damit ist die Selbstbenennung Gottes am Dornbusch im Hebräischen bereits auffallend und verlangt förmlich nach einer prädikativen Erweiterung. Sie geschieht dort durch das „Ich werde der ‚Ich werde sein’ sein“. Nicht unplausibel wird dies zB von der EÜ mit „Ich bin der ‚Ich bin da’“ übertragen. Eine solche Erweiterung hat auch die LXX geleistet und übersetzt wörtlich: „Ich bin das Seiende.“ Da das hebräische „Imperfekt“ das Futur ist und auch als Jussiv verstanden werden kann, liegt in der Selbstbenennung Gottes als „ehieh ascher ehieh“ eine Zusage, eine Selbstverpflichtung sogar, in jedem Fall eine Verheißung an den, dem sich Gott als dieser „ehieh“ mitteilt. Der Anklang an ein abstrakt oder philosophisch verstandenes „ewig Seiendes“ oder dergleichen liegt mE in der hebräischen Grundaussage allenfalls am Rand, nicht im Zentrum des Namens. Der Gottesname ist in der Tat, wie es die moderne Theologie heute versteht, ein Beziehungsname und liegt damit auf derselben Ebene wie der Name „Gott Abrahamas, Isaaks und Jakobs“.

In den absoluten „Ich bin“-Worten Jesu bleibt die Spezifizierung jedoch komplett aus, anders als in „ego eimi ho on“ und dem hebräischen Vorbild. Der hebräischen Originalversion fehlt darüber hinaus jeglicher Anklang an hellenistische und spätantike griechische oder gar neuzeitliche westliche Philosophie. Und hier sind wir bereits in vermintem Gelände: nach 2000 Jahren intensiver Philosophien über das „Sein“ und das „Seiende“ ist es schwer, die alten Worte der Schrift unvoreingenommen und aus ihrem eigenen Kontext heraus zu verstehen. Ich hoffe, dass es mir gelingt.

Man könnte sich fragen, warum es in der hebräischen Grammatik unmöglich ist, in dem uns geläufigen, absoluten  Sinn „Ich bin“ zu sagen. Dieses „Ich bin seiend“ kann nur JHWH sagen, der geschwächte und gefallene Mensch nicht, und selbst JHWH tut es futurisch, weil es die Zeitform Präsens im Hebräischen nicht gibt. Das Fehlen der Möglichkeit, „Ich bin seiend“ zu sagen, kann man als eine theologische Aussage auffassen. Aber auch im Griechischen ist es nicht korrekt, einfach nur „ego eimi“ zu sagen. Uns fehlt etwas, dies sagen zu können. Die prädikative Ergänzung in Ex 3,14 kommt nur Gott zu. Wir sind aus dem Sein halb herausgefallen. Als Sterbliche, die zerfallen können, kommt uns nicht zu, uns als „seiend“ anzusehen in einem absoluten Sinn. Daraus kann aber nicht geschlossen werden, dass es dem Menschen seiner Natur nach überhaupt nicht zukommen kann, diesen Satz zu sagen. Die Natur des Menschen vor seinem Fall war noch intakt. Wenn er im Bild und in der Gestalt Gottes war und ist, wie es in Gen 1 und auch nach dem Fall trotz allem bestätigt wird und heißt (Gen 5,1f; 9,6), dann müsste dem Menschen dieser Satz zugekommen sein, wenn auch in Abhängigkeit vom Urbild des Seins, nämlich Gott. In Gen 5 wird eine Analogie der Abbildlichkeit Seths zu „adam“ mit denselben Worten ausgesprochen, die in Gen 1 die Abbildlichkeit des „adam“ als Mann und Frau zu Gott benennen: Der „adam“ sei 130 Jahre alt gewesen (man kann das tatsächlich so verstehen, dass beide Eltern gemeint sind, weil „adam“ „Mensch“ bedeutet und es in Gen 5,2 ausdrücklich heißt, Gott hätte diese beiden Menschen „adam“, „Mensch“ genannt!), als er Seth hervorbrachte „bi d’muto k’zalmo“: „in seiner Gestalt und seinem Bild“. Das sind exakt die Worte, mit denen der „adam“ als Mann und Frau von Gott in dessen „Gestalt“ („bi d’mut“) und Bild („b’zelem“) geschaffen wurde (Gen 1,26+27; Gen 5,1). Die Abkünftigkeit eines Menschen von seinen Eltern wird in wörtlicher Analogie zur Abkünftigkeit des Menschen von Gott beschrieben. Die Bezeichnung Jesu als „Sohn Gottes“, aus diesem Zusammenhang beleuchtet, kann als die wiederhergestellte oder in der Wiederherstellung begriffene Gestalt des Menschen „in der Gestalt Gottes“ und als sein „Abbild“ verstanden werden. Jedenfalls liegt dies wesentlicher näher als die Ansicht, Jesus müsse darum selbst der Gott sein.

Selbst wenn Jesus also damit Anklänge an die alttestamentliche Gottesbezeichnung hätte machen wollen bzw der Autor des Johannes-Evangeliums dies getan haben sollte, kann nicht geschlossen werden, dass Jesus sich deshalb als „Gott“ bezeichnet in dem Sinn, dass er mit ihm wesensgleich wäre oder eine Identität bestünde, die über das geschöpfliche Menschsein hinausgeht. Er könnte damit ein intaktes Menschsein oder schlicht seine besondere Stellung im Heilsgeschehen vor Gott meinen.
Wie sehr die trinitarische Auffassung die böswilligen und unverständigen Unterstellungen der jüdischen Elite gegen Jesus fortsetzt und daraus ein eigenes Evangelium macht, möchte ich noch anhand einer weiteren Stelle aus dem Johannes-Evangelium (Joh 18,3-8) zeigen, die von Trinitariern gerne als weiterer Beweis für die „ego eimi“-Anklänge Jesu an den Gottesnamen gesehen wird:

„3 Als nun Judas die Schar und von den Hohenpriestern und Pharisäern Diener genommen hatte, kommt er dahin mit Leuchten und Fackeln und Waffen. 4 Jesus nun, der alles wusste, was über ihn kommen würde, ging hinaus und sprach zu ihnen: Wen sucht ihr?5 Sie antworteten ihm: Jesus, den Nazoräer. Er spricht zu ihnen: Ich bin es! Aber auch Judas, der ihn überlieferte, stand bei ihnen. 6 Als er nun zu ihnen sagte: Ich bin es!, wichen sie zurück und fielen zu Boden. 7 Da fragte er sie wieder: Wen sucht ihr? Sie aber sprachen: Jesus, den Nazoräer.8 Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Wenn ihr nun mich sucht, so lasst diese gehen!“ (ELB)

Man muss sich die Szene vorstellen: Mitten in der Nacht, mit Fackeln und Laternen, rückt eine komplette Kohorte von 600 römischen Soldaten samt der jüdischen Obrigkeit unter der Führung des Judas an und baut sich vor Jesus und den Jüngern auf! Welch ein Aufgebot für die paar Männer, die es zu überwältigen gilt!
Jesus wirkt in dieser Erzählung sehr mutig, denn er wartet nicht passiv ab, was ihm geschieht, sondern er tritt hervor und fragt die Soldateneinheit, wen sie suchen. Als sie seinen Namen nennen, antwortet er mit „ego eimi“ und in V6 wird uns berichtet, dass „sie“, nachdem er „ego eimi“ gesagt hatte, zurückwichen und zu Boden fielen. Trinitarische Logik sagt hier: da seht ihr es doch, sie fielen vor Schreck in Ohnmacht, weil er sich mit dem Gottesnamen benannte, und wenn er sich damit benannte, muss er ja Gott sein.
Abgesehen davon, dass diese Logik mehrere Hinkefüße hat, auf die ich gleich zu sprechen komme, geht die Geschichte jedoch weiter: Jesus ist von der Umfallerei völlig unbeeindruckt und fragt noch einmal: „Wen sucht ihr?“ Wieder antworten „sie“, sie suchten Jesus von Nazareth. Und wieder sagt Jesus „ego eimi“. Diesmal fallen „sie“ nicht wieder um. Es ist in aller Tragik eine geradezu groteske Szene.
Zu den Hinkefüßen: „Sie“ suchen nicht Gott und fragen nicht nach Gott, sondern nach Jesus von Nazareth. Es ist nach allen vernünftigen Regeln der Kommunikation völlig abwegig, das bekennerische „ego eimi“ Jesu plötzlich auf eine Selbstdarstellung als Gott zu beziehen. Es wird nach dem Menschen Jesus gefragt, und dieser Mensch sagt, er sei (es). Das „es“ steht tatsächlich nicht dabei, aber vielleicht muss es das grammatisch auch nicht, weil der prädikative Bezug durch die vorangegangene Frage nach Jesus vollkommen klar ist. „Bist du der NN?“ fordert als Antwort nur eine Bestätigung, wenn der Gefragte der Gesuchte ist. Es ist auch im Deutschen möglich, eine solche Frage bejahend mit „Ich bin (es)“ zu beantworten, ohne dass jemand auf die Idee kommen kann, man meine damit in Wahrheit einen anderen. Es wäre aber in der Szene auch sehr weit hergeholt, mitten in der bedrohlichen, wirklich aufregenden Lage 600 Soldaten und ein paar jüdischen Oberen zu erklären „ego eimi“, ganz zusammenhanglos zu allem anderen Gesprochenen, um die Situation dafür zu nutzen, sich nun endlich als der Gott zu outen. Das wirkte absurd. Allerdings fragt man sich, warum „sie“ zu Boden fielen. Wer waren die „sie“? Die römische Kohorte? Die jüdische Obrigkeit? Gemeinhin pflegt niemand von denen, die die Macht haben und schwer bewaffnet sind, zu Boden zu fallen, wenn einer gefangengenommen wird, der ohne Macht und waffenlos ist. Die römischen Soldaten werden von „ego eimi“ und seinem Sinn, den man heute darin sehen will, mit großer Wahrscheinlichkeit nichts gewusst haben. In welcher Sprache wurde hier gesprochen? Verstanden sich die Soldaten und die Juden sprachlich überhaupt so ohne weiteres? Oder konnten die wenigen jüdischen Oberen den römischen Soldaten noch schnell mitteilen, dass niemand einfach so „ego eimi“ sagen darf, was einschlug wie eine Bombe und alle sofort umfallen ließ etc.? Kann das Zurückweichen vor Jesus nicht schlicht und einfach mit seiner Gestalt, mit seiner Erscheinung zu tun gehabt haben? Man war losgezogen mit einem Kriegsheer gegen einen solchen Mann, dessen Inneres sich mit Gewissheit in seinem Äußeren vollkommen spiegelte?! Statt eines gewalttätigen Aufrührers trat ihnen dieser harmlose und beherzte Mann gegenüber? Ich finde es viel plausibler, dass die Soldaten zurückwichen, weil sie mit allem, nur nicht damit gerechnet hatten, nicht mit einem solchen geraden und sanften Mann. Die gewaltlose und kraftvolle Präsenz Jesu rief mehr als Sprachlosigkeit hervor. Aus der Nachfrage Jesu geht hervor, dass die Soldaten nicht glauben wollen, dass er wirklich der gesuchte, angeblich so gefährliche Jesus ist. Sie antworten erneut, dass sie Jesus suchen, und jener bestätigt wiederum, „ego eimi“, also nicht „Ich bin Gott“, sondern „Ich bin (es, den ihr sucht, der Jesus von Nazareth)“. Alles andere ist im Zusammenhang abwegig, man kann sagen: an den Haaren herbeigezogen, eines „normalen“, historischen Lesens entwöhnt und im Reich der Zitate und zusammenhanglosen „spirituellen“ Verse gelandet. Denn bevor man einen weit hergeholten Bezug zum brennenden Dornbusch bemüht, wäre es vernünftiger, erst einmal den Bezug zu der Geschichte, in der die Worte fallen, herzustellen. Der Satz Jesu in V8 „Ich habe euch gesagt, dass ich es bin (auch hier als „ego eimi“ formuliert!). Wenn ihr nun mich sucht, so lasst diese gehen! weist ebenfalls stark in die Richtung, dass die Soldaten nicht glauben können, dass er derjenige ist, der gesucht wird und den Gesuchten eher unter den Jüngern vermuten. Die Wiederholung der Frage nach dem Gesuchten und die Insistenz darauf, dass er es ist, machen vollends ziemlich eindeutig klar, dass hier in keinem Fall ein Anklang an das „ego eimi“ am brennenden Dornbusch intendiert war. Der wehrhafte Petrus geht danach mit dem Schwert auf den Diener des Hohenpriesters los und schlägt ihm das Ohr ab. Jesus heilt das Ohr und weist Petrus an, mit dieser Art von Wehrhaftigkeit aufzuhören.
Es kann aber auch so gewesen sein, dass tatsächlich die jüdische Obrigkeit bei den Gefangennahme angesichts der Worte „ego eimi“ in gekünstelte Hysterie ausgebrochen ist — immerhin hatten sie ihm zuvor so oft vorgeworfen, er habe sich zu Gott gemacht. Und letztere Blasphemie war aus jüdischer Sicht auch das Hauptmotiv für den Wunsch, ihn zu töten. Man suchte nach jedem weiteren Indiz, ihn der Blasphemie zu überführen. Den Römern konnte man mit jüdischen Haarspaltereien wohl nicht kommen, daher hatten die Juden den Römern weisgemacht, Jesus sei ein Aufrührer gegen den Kaiser, um ihn auch bei jenen als einen hinzustellen, der den Tod verdient. Sie selbst hatten keine Befugnis, Todesurteile zu vollziehen.

Trinitarier pflegen häufig damit zu argumentieren, dass Jesus, wenn er ein Missverständnis in die Richtung, dass er auf keinen Fall Gott sei, hätte ausschließen wollen, dies auch ausdrücklich gesagt hätte. Logisch betrachtet ist das ein äußerst unsauberes Argument. Doch davon abgesehen: Wenn Trinitarier in der Geschichte vom reichen Jüngling einwenden (s.u.), Jesus hätte sagen müssen „Ich bin nicht Gott“, wenn er das gemeint hätte, dann kann man hier entgegen halten: Jesus hätte sagen müssen „Ich bin Gott“, wenn er das gemeint hätte. Aber er tut weder das eine noch das andere. Er lässt sich auf diese Ebene nicht ein, obwohl sie ihm schon von den missgünstigen damaligen gelehrten Juden immer wieder mit List und Tücke nahegelegt und unterstellt wird.

Dass er sich als seiend ansieht — zumindest in der griechischen Überlieferung seiner vermutlich nicht griechisch gesprochenen Sätze —  kann man nicht bezweifeln, zu eindeutig sind seine Worte. Von Interesse wäre in der Aussage „Ehe Abraham war, bin ich“ aber auch, was er auf Aramäisch, das ja ähnlich „funktioniert“ wie Hebräisch, gesagt hat — wirklich „ego eimi“? Oder womöglich „ego eimi ho on“?
Das ist nicht nur aus grammatischen Gründen unwahrscheinlich. Wie gesagt versuchten die Juden ihm ja zu unterstellen, dass er sich mit Gott gleichgestellt habe, um einen Tötungsgrund zu haben. Ist die Quintessenz des christlichen Glaubens, dass Jesus sich tatsächlich mit Gott gleichgestellt hat, aus Pietät und Opportunismus genau dies aber von den Evangelisten und Aposteln nicht deutlich ausgesprochen wurde? Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür in den Texten, dies so zu sehen. Die (vermeintlichen) Anhaltspunkte liegen eher in der Schwierigkeit, aufgrund der Textüberlieferung zu verstehen, wer Jesus wirklich ist.

Hat Jesus das Gottsein aber nicht sogar abgewiesen in der Erzählung vom reichen Jüngling: „Jesus aber sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als nur einer, Gott.“ (Lk 18,19)? Es gibt die besagten Ausleger, die in dieser Aussage Jesu nicht erkennen wollen, dass Jesus von sich selbst sagt, er sei nicht Gott. Wenn er das habe sagen wollen, hätte er sagen müssen „Ich bin nicht Gott“.[2] Vorausgegangen war, dass der Jüngling, der trotz seiner Gesetzestreue wissen will, wie er das „ewige Leben erlangen“ kann, Jesus „guter Meister“ genannt hatte. Die Erzählung findet sich in drei Evangelien. Dem Bericht in Lk 18 ähnelt stark der Bericht in Mk 10,18. Eine vielleicht hilfreiche Abweichung finden wir in Mt 19,16ff (ELB): „Und siehe, einer trat herbei und sprach zu ihm: Lehrer, was soll ich Gutes tun, damit ich ewiges Leben habe? Er aber sprach zu ihm: Was fragst du mich über das Gute? Einer ist der Gute. Wenn du aber ins Leben hineinkommen willst, so halte die Gebote!“ Hier fällt auf, dass der junge Mann Jesus nur „Meister“, nicht „guter Meister“ nennt. Die Rede vom „Guten“ ist hier nicht an Jesus geknüpft, sondern an Handlungen. Spontan entsteht der Eindruck, dass der Jüngling von Jesus etwas über ein Gutes erfahren will, dass nicht in den Geboten steckt, die er kennt. Dieser Sachinhalt befindet sich aber auch in den Parallelstellen, wenn man unbefangen liest: der junge Mann sollte eigentlich wissen, was er tun muss, aber er erhofft sich von Jesus ein „Mehr“, vielleicht sogar eine Art Geheimwissen. Die Frage wäre an dieser Stelle auch, was „ewiges Leben“ im damaligen jüdischen Kontext eigentlich bedeutete. Das Alte Testament kennt diesen Begriff jedenfalls so nicht.
Wir finden in manchen Handschriften in Vers 16 ein eingeschobenes „agathe“ nach „didaskale“, so, dass also auch hier der „Meister“ als „gut“ bezeichnet wird. In den vollständigen ältesten Handschriften fehlt dieser Zusatz jedoch und erscheint daher als später hinzugefügt, wahrscheinlich, um die Differenz zu Lk und Mk zu glätten.[3] Es ist hier sehr interessant, dass der reiche Jüngling, der ein frommer Jude ist, Jesus nicht „Rabbi“ nennt, wie es im Johannes-Evangelium an vergleichbaren Stellen vorkommt, dass Jesus in seiner Funktion als Lehrer „Rabbi“ genannt wird. Das ist insofern merkwürdig, als der Jüngling Jesus ja in dieser Funktion anspricht, selbst Jude ist und dennoch einen anderen Begriff wählt, nämlich den des „didaskalos“, des Lehrers bzw Meisters. Ein „didaskolos“ ist ein „Erklärer“ und „Dirigent“ oder „Regisseur“.
Dem Sinn nach geht es nicht darum, ob Jesus — wie Gott — gut ist, sondern ob Jesus Zugang zu Gott hat und Geheimnissen des Guten, die Israel sonst fehlen. Jesu Abweisung würde, so verstanden, die Frage, ob er Gott ist, nicht ernsthaft berühren, sondern dass von ihm nichts zu erfahren ist über ein abstraktes Bonum, das nicht schon in Form von Geboten gesagt worden wäre und nur von Gott alleine als solches ausgesprochen werden könnte. Er vernimmt zwar alles vom Vater, aber er ist nicht der Verwalter der Gutheit Gottes. Dies passte auch zu der Aussage, ihm sei „alles übergeben“ worden vom Vater, ausgenommen der, der es ihm übergeben hat (1 Kor 15,27).
Jesus fügt aber dennoch etwas hinzu: Wenn der Fragende vollkommen sein (zur Reife kommen) wolle, solle er in seine Nachfolge treten und die Lösung von aller materiellen Habe zugunsten der Armen vollziehen. Dann würde der Jüngling einen „Schatz im Himmel“ , einen „thesauron en ourano“ haben (V21). Deutlich wird hier, dass es das Gute als ein abstraktes Bonum, zu dem man mithilfe des Einhaltens von Gesetzen kommt, nicht gibt. Gott selbst IST das Bonum, und alles Gute kommt aus ihm alleine. Das Gute kann folglich nur durch radikalen Entschluss und Wandel zum Guten hin erreicht werden. Das Gute meint hier auch das Zu-sich-selbst- und zur Von-Gott-gemeinten-Gestalt-Kommen. Diese vollkommene Gestalt des einzelnen Geschöpfes kann durch Gesetzehalten alleine deshalb nicht erreicht werden, weil das Einhalten von Gesetzen immer ausweist, dass man in einer Gestalt ist, die mit ihnen grundsätzlich nicht übereinstimmt. Wer bewusst Vater und Mutter ehrt, um eines der Beispiele Jesu an der Stelle zu nennen (V19), würde es nicht selbstverständlich tun, sondern muss sich dazu motivieren. Gebotehalten deutet so immer Unvollkommenheit und die fortgesetzte Neigung zum Nichteinhalten an, schafft aber doch einen Weg „ins Leben hinein“ (V17), macht einen Vorgeschmack auf wirkliches, „ewiges Leben“, auf ein „zoen aionion“ (V16) erlebbar. Es kann sein, dass hinter dem Vollkommenheitsbegriff, der hier auftaucht, das hebräische „neza“ steht, die „Vollständigkeit“. „Ewiges Leben“ wäre so „Leben in Fülle“.[4] Der Jüngling spürt, dass das Gebotehalten ihn sogar von Gott immer in einem Sicherheitsabstand hält.
Vollkommenheit bedarf keiner Gebote mehr und wird nicht durch Gebote erreicht: der Vollkommene ist im vollständigen Einklang mit Gott, der alleine gut ist. Der Einwand, dass Jesus als Sündloser doch auch „gut“ ist, trifft zu, aber er ist es „nicht aus sich selbst heraus“, sondern aufgrund des Einklangs mit dem göttlich Guten, von dem her seine ganze Inspiration rührt (vgl oben Joh 8,42).
Wäre dies die wahrscheinliche Deutung dieser Schriftstelle, würde zugleich entlarvt, dass alle anderen Versuche, sie für oder gegen den Trinitarismus zu vereinnahmen, ideologischer Missbrauch sind. Ich neige dieser Ansicht stark zu.

Zurück zu Joh 8. Der Schlusssatz Jesu wird häufig so verstanden, als  habe er eine zeitliche Abfolge gemeint: Er war schon da, bevor Abraham da war, und da er nicht sagt „Bevor Abraham war, war ich“, sondern „Ehe A. war, bin ich“, glaubt man seine ewige Existenz, die ihn als Gott kennzeichne, zu erkennen.
Dieses Verständnis wird unterstützt durch die Streitrede der Juden, die ihm kurz vor dem besagten Schlusssatz Jesu sarkastisch vorhalten, er sei doch noch keine 50 Jahre alt und wolle Abraham gesehen haben (V57). Mit dieser Wendung im Mund der Juden entsteht der Eindruck, Jesus habe eine zeitliche Abfolge ausdrücken wollen. Die trinitarische Argumentation übersieht hier allerdings, dass es uU eine Verdrehung der Intention Jesu sein könnte, dass die Juden ihm gewissermaßen „das Wort im Mund herumdrehen“. Mindestens aber muss man aufgrund des Textes selbst annehmen, dass sie Jesu hintergründige Worte platt missverstehen: „Mein Wort findet nicht Raum in Euch“ (V37). Es ist daher ein gewagtes Vorgehen, ausgerechnet die Auffassungen der unverständigen Juden als den eigentlichen Sinn der Worte Jesu zu verstehen.

Der gesamte Streit dreht sich um „Väter“. Die Juden berufen sich auf ihren Vater Abraham. Jesus gesteht ihnen zwar eine leibliche Abstammung von ihm zu, spricht ihnen aber mithilfe einer Andeutung die geistige ab. Obwohl er selbst Jude ist, leitet er sich nicht von Abraham her, sondern nennt Gott als seinen Vater. In der ersten Andeutung, wer der geistige Vater der mit ihm streitenden Juden sein könnte, wird spürbar, dass jener ein Widersacher des wahren Vaters im Himmel ist. Das ruft begreiflichen Ärger in den Gelehrten hervor, und sie beharren darauf, dass Abraham ihr wahrer Vater ist. Sie legen nach und versetzen Jesus einen Stich mit der Bemerkung, sie stammten nicht aus einem Ehebruch und meinen damit vermutlich „aus einem Ehebruch wie Jesus“, dessen leiblicher Vater unbekannt und nicht Josef war. Sie rücken ihn in die Nähe eines „Mamser“, eines Bastards, eines Sohnes, der der Hurerei entstammt, der im Judentum als eine Art Kastenloser, als Paria behandelt wird. Jesus ist und bleibt allerdings geschützt durch Josef, der sich öffentlich als Vater bekannte, auch wenn er es dem Leib nach nicht war.
Die Spitze gegen Jesus ist verletzend und bösartig und betont die „reine“ leibliche Herkunft.
Jesus pariert darauf unbeirrt und schonungslos: Er erhebt den Anspruch, alles, was er sagt, von Gott selbst zu haben und nicht aus sich selbst. Wer ihn nicht hören will und nicht versteht, kann nicht Gott zum Vater haben.
Jesus legt die jeweiligen Väter als die Ursprünge der geistigen Haltung zugrunde und spricht aus, dass die Haltung der Juden einen anderen Vater hat als Abraham, nämlich den „Vater der Lüge“, den „Teufel“ (V44).
Immer wieder brechen die Juden die Worte Jesu auf eine merkwürdig ungeistliche, geistlose Ebene herunter. Er spricht von geistigen Dingen, sie machen daraus eine absurde leibliche Aussage:
Jesus wirft ihnen vor, Gott nicht zum Vater zu haben und darum auch nicht Abraham (dem Geist nach), weil sie ihn nicht verstehen; sie kontern damit, dass er besessen sei von einem Dämon wegen seines Anspruches — anders als sie — die Worte Gottes zu vernehmen und zu sagen. Dabei irritiert die verblendete Logik: sie selbst haben ja ebenfalls den Anspruch, Gott zum Vater zu haben und sein Gesetz richtig auszulegen … Sie geben den Vorwurf einfach nur plump zurück.
Jesus sagt, wer seine Worte höre und annehme, werde den Tod nicht schmecken in Ewigkeit und meint damit den geistlichen Tod, den „zweiten Tod“, der für immer aus der gleichschwingenden Verbindung zu Gott ausschließt. Sie vulgarisieren diese Worte und machen daraus, er habe gesagt, dass solche Menschen nicht mehr sterben müssten. Alle, alle seien doch gestorben, auch die Propheten und Abraham, was maße er sich da an. Das Beispiel Elias aber vermeiden sie tunlichst, auch das des Henoch, die nicht gestorben sind.
Jesus bekennt, dass nicht nur er den Vater, sondern auch der Vater, Gott, ihn ehrt, und ihm die ihm gegebene Ehre zuerkennt. Die Juden ehren nur sich selbst.
Dieser letzte Satz ist eine Mahnung an all jene Unitarier, die mit „Rangfolgen“ operieren. Sie stehen in der Gefahr, der verkehrten jüdischen Haltung auf ihre Weise nachzueifern. Das Argument , dass Jesus doch „im Rang“ unter Gott stehe, sollte in der Debatte nicht ausgespielt werden, denn wen Gott selbst ehrt und verherrlicht, der ist nicht mehr im Rahmen von „Rängen“ zu messen. Mit nachvollziehbarer Scheu haben an diesem Punkt die Trinitarier immer empfunden, dass es nicht angemessen ist, Jesus als „Rangniedrigeren“ aufzufassen. Der Unitarismus arianischer Prägung hat den Trinitarismus damit förmlich heraufbeschworen durch sein schiefes, hierarchiversessenes Bild der Dinge. Im Königreich Gottes ist von „Rang“ keine Rede mehr. Dafür spricht auch, dass die Seinen dermaleinst seinen Namen auf ihrer Stirne tragen werden, während sie sein „Angesicht schauen“ (Apk 22,4). Das ist eine ungeheuerliche Aussage, die sich mit Rangfolgen nicht mehr erfassen lässt. Jesus wurde „alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ gegeben (Mt 28,18) — das bedeutet: er hat sie nicht aus sich selbst wie der Gott, sie wurde ihm verliehen, aber er hat sie! — , ausgenommen der, der sie ihm verliehen hat. Und er sitzt neben Gott, nicht unter ihm. An dieser Stelle muss dem Unitarismus, kulminierend im Islam, klar eine Grenze gesetzt werden, weil er sonst selbst zum Zerstörer wird und eine destruktive, öde und leere Erscheinung wird. Dem Unitarismus mangelt es, soweit ich es überblicken kann, sehr häufig an einer tiefen und ernsthaften Erkenntnis der Erhöhung Jesu Christi als dem Ersten seiner Geschwister durch den Vater neben sich selbst. Und sie weichen den Aussagen aus, die den Menschen grundsätzlich „in der Gestalt Gottes“ ausweisen. Die Frage nach Jesus kann mE nur von diesem ursprünglichen Menschenbild der Genesis her verstanden werden! Ein Operieren mit Rängen und einem mehr oder weniger immer erniedrigten oder herabgestuften Menschen, kann nur zu Missverständnissen führen. Dass ein so hoch Erhobener — durch Gott selbst hoch Erhobener (!) — wie ein Quasi-Gott verehrt wird, ist nicht abwegig und auch nicht „unbiblisch“. Dem entspricht die Formulierung des heidnischen Rechtsgelehrten Plinius des Jüngeren (*61/62 n. Chr., 113/115 n. Chr.), die ein frühes Zeugnis ist, die Christen würden in ihren Zusammenkünften im Morgengrauen „carmenque Christo quasi deo dicere“.[5] Über diese Formulierung wurde schon viel diskutiert wegen der Wendung „carmen dicere“ (eigentümliche Wendung wörtlich „Gesang sagen“). Nicht fraglich ist aber das „quasi deo“: Es bedeutet, dass die Christen dem Christus „wie einem Gott“ Lieder singen bzw ihr (liturgisches) Gebet vortragen. Eine Differenz zwischen „dem“ Gott und „wie einem Gott“ wird durch das „quasi“ vor dem Dativ bzw Ablativ subtil ausgedrückt: sie preisen ihn so „wie einen Gott“, nicht „als Gott“. Der Christus steht Gott also unendlich nahe, aber er ist nicht identisch mit ihm. Das jedenfalls hat der heidnische römische Jurist, der differenziert zu schreiben und aufzufassen wusste, so aus seinen Verhören der Christen aufgenommen. Es ist demnach kaum korrekt, wenn manchmal aus unitarischer Feder behauptet wird, man habe Jesus vor dem 4. Jh als reinen Menschen aufgefasst und dies sei auch die „biblische“ oder gar „vernünftige“ Auffassung. Hier muss bemerkt werden, dass die ältesten vollständigen Handschriften des NT aus der Zeit nach Plinius stammen, wir also keine originalen Textquellen darüber haben — von Fragmenten abgesehen.
Es ist aber andererseits seitens der Trinitarier ein Übergriff, zu behaupten, Jesus Christus müsse dann identisch mit Gott sein.

Auch wenn Unitarier es nicht gerne hören: nicht nur das Trinitätsdogma ist ein (wahrscheinlich nur vermeintliches) Geheimnis, sondern die Gestalt Jesu ist auch im NT ein Geheimnis. Er bleibt uns in seiner vollkommenen Gestalt immer ein Stück verschlossen, eben weil er erhoben wurde auf den Thron Gottes, ihm zur Rechten sitzt, also wie ein Ebenbürtiger behandelt wird. Gott behandelt ihn wie sich selbst. Und das ist so ungeheuerlich, dass wir es nicht glauben können. Das steht aber nun einmal an vielen Stellen im NT, nicht dagegen finden wir dort, dass Jesus eindeutig als der Gott bezeichnet wird oder sich selbst so ausgibt. Er spiegelt aber den Gott vollkommen und kann tatsächlich „ego eimi“ sagen, weil er als Mensch Gott ähnlich ist, wie Gott es ursprünglich gedacht hatte.
Wenn wir anfingen, genauer hinzuhören, müssten wir das auch zugeben, denn Jesus weist gerade in Johannes 8 ganz klar ab, dass er sich mit Gott gleichsetzt. Er sagt eindeutig, dass er ein Mensch ist und nichts anderes. Die Frage, die wir ausblenden, lautet aber: Was und wer ist eigentlich der Mensch?
„…jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der ich euch die Wahrheit gesagt habe, die ich von Gott gehört habe…“ (V40)
Es ergäbe keinerlei Sinn, hier zu betonen, dass man Mensch ist, wenn nicht dazu, jeden Gedanken an eine Selbstvergottung auszuschließen!
Was heißt demnach „Ehe Abraham war, bin ich“?
Es heißt schlicht und einfach, dass Abraham auf dem langen Weg der Heilsgeschichte seit den Tagen Evas, der der Nachkomme verheißen wurde, der die Schlange zertreten würde, zwar eine der menschlichen Stationen war, aber alles auf Jesus Christus hin geordnet und vorgesehen war. Denn nicht „durch ihn“ wurde die ganze Schöpfung gemacht, sondern „auf ihn hin die Zeitalter“:

1 Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, 2 hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn, den er zum Erben aller Dinge eingesetzt hat, durch den er auch die Welten gemacht hat; 3 er, der Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens ist und alle Dinge durch das Wort seiner Macht trägt, hat sich, nachdem er die Reinigung von den Sünden bewirkt hat, zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt; 4 und er ist um so viel erhabener geworden als die Engel, wie er einen vorzüglicheren Namen vor ihnen ererbt hat. (Hebr 1,1-4 ELB)

Auch die ELB liefert hier eine ungenaue, sogar irreführende Übertragung. Das „di“ (dia) kennen wir zwar auch im Deutschen als „durch“, hindurch“ in Begriffen wie „Dialektik“, Dialyse“, „Diagnose“, merken aber schon an der Stelle, dass eine Übertragung der Formulierung „di hou kai epoiêsen tous aiônas“ (Schluss von V2) sehr schwierig ist. Es ist merkwürdig, dies als „durch den er auch die Welten gemacht hat“ zu übertragen. Die „Äonen“ sind nicht die „Welten“, sondern die „Zeitalter“. Damit fängt die abwegige Übertragung schon an. Es ist auch unverständlich, wie „durch ihn“ diese Zeitalter gemacht worden sein sollen. Es ergäbe viel mehr Sinn, wenn man übersetzte: „…auf ihn hin /wegen ihm hat er auch die Zeitalter geschaffen…“. Hier spielt die Frage hinein, warum überhaupt Äonen sind — seinetwegen nämlich, des Christus wegen, eines Menschen, mithilfe dessen Gott einen erlösungsbedürftigen Zustand wieder heilen wird. Es heißt aber nicht, Gott hätte durch den Christus die „Welt erschaffen“. Es heißt eher, dass die Äonen deshalb geschaffen wurden, um Erlösung zu schaffen, und die trägt der Christus wesentlich für alle Menschen auf seinen Schultern aufgrund des Willens Gottes.
An der Stelle kann man auf die Idee kommen, dass der Mensch überhaupt dazu erschaffen wurde, Erlösung zu schaffen, selbst mit verwundet wurde, aber Gott sich sein Werk nicht hat nehmen lassen wollen und den Samen der Frau dennoch sandte — als Mensch, den er aber ausnahm aus der Verwundung und erneut entscheiden ließ, ob er das Werk des Menschen vollziehen würde oder nicht.
Wir haben überliefert bekommen, dass er es vollzogen hat und das kann dem Glaubenden nur einen einzigen Lobpreis ablocken: Halleluja.
Wir verstehen so etwas besser, „warum alles so lange dauert“.
Wenn aber Gott die Zeiten auf den Christus hin geschaffen hat, dann ist auch klar, warum der Christus im Ratschluss Gottes schon ist, ehe Abraham ein kleines Wegstück auf ihn hin bahnen durfte.






[1] https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/ich-bin-worte-1/ch/fb5066945f0fbf929694e1f0187e4f60/
[3] „Die erste der ausgewählten Stellen steht in Vers 16 und bezieht sich auf die Anrede Jesus durch seine Jünger mit der Bezeichnung dida,skale. In einer Variante die durch eine Vielzahl an Zeugen belegt ist wird als Ergänzung hierzu das Adjektiv avgaqe, eingefügt.
Diese Variante wird bezeugt durch C (Codex Ephraemi Syri Rescriptus), W (Codex Freerianus), Q (Codex Coridethianus), die Minuskelfamilie ƒ13, die Minuskel 33, Û (Mehrheitstext), einer altlateinischen Vulgata Handschrift, der syrischen, der sahidischen, der mittelägyptischen, sowie Teilen der bohairischen Überlieferung und Zitaten bei den Kirchenvätern Marcus, Justinus und Origines.
Die Standardlesart wird durch folgende Quellen bezeugt: a (Codex Sinaiticus), B (Codex Vaticanus), D (Codex Bezea Catabrigiensis), L (Codex Regius), die Minuskelfamilie ƒ1, die Minuskel 892, wenige Handschriften, die von Û abweichen, altlateinischen Handschriften, Teilen der bohairischen Überlieferung, sowie dem Teil eines Zitats von Kirchenvater Origines.
Mit drei Zeugen der Kategorie I, sowie zwei Zeugen der Kategorie II ist die Standardlesart etwas besser bezeugt, als die Variante, die aber auch von drei Zeugen der Kategorie II und zwei Zeugen der Kategorie III bezeugt wird. In diesem Fall sprechen die äußeren Kriterien also für die Standardlesart. Auch die inneren Kriterien sprechen dafür, dass avgaqe, später hinzugefügt wurde und somit die kürzere Standardlesart die ursprüngliche ist (lectio brevior). In: Anonym, 2010, Der reiche Jüngling in Mt 19, 16-22. Eine neutestamentliche Exegese, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428859


[5] https://www.uni-siegen.de/phil/kaththeo/antiketexte/ausser/8.html?lang=de

Samstag, 30. November 2019

Wo ist die Natur? — Tagebuch einer Suche: Die blaue Kuppel

Wo ist die Natur? — Tagebuch einer Suche

Die blaue Kuppel

Gegen fünf Uhr ging ich noch kurz einkaufen. Fuhr mit dem Fahrrad durch den Wald hinaus in eisklare Luft. Spürte, wie sie mich mit jedem Atemzug durchfloss.
Im Supermarkt empfing mich Einkaufkonzentration. Familien, die Grünzeug, Kerzen und Kinderpunsch kauften. Ein Geschäftsmann, der auf der Suche nach Diabetikerschokolade war. Fremde Männer aus Osteuropa, die an jedem Arm einen Bierkasten in ihr Wohnheim um die Ecke trugen. Und solche wie ich, die einfach noch Saft, Eier, Sonntagsfleisch, Wintergemüse, Trockenfrüchte, Klopapier, Milchprodukte, Waschpulver und Katzenfutter für die nächsten Tage brauchten.
Mit meinem voll beladenen Bundeswehr-Gebirgsjägerrucksack kam ich wieder aus dem Laden.
Die Eisenbahngleise von Karlsruhe nach Pforzheim, Bretten und Stuttgart können an dieser Stelle nur über eine große Fußgängerbrücke überquert werden. Ich schob mein Fahrrad in den Aufzug und fuhr aufwärts. Empor ...
… ich sah ich mich entrückt in einen blauen Dom:

Es ist eine Bläue, die keinen Namen hat. Es ist die marianische Bläue, die man nach dem Konzil von Trient als liturgische Farbe verboten hat. Wen ich auch gefragt hatte — niemand konnte mir je schlüssig erklären, warum Rom diese Farbe vor 500 Jahren tabuisiert hat.
Ich drehte mich mit ausgebreiteten Armen um die eigene Achse: Im Südosten stand die Mondsichel im noch lichten, bereits meerdunkel schimmernden Himmel, der sich nach Süden mit silbrigen Schaumkronen zierte. Im Westen glänzte es rosighellblau, nur manche Hortensienblüte kommt dem nah. Der himmlische Blumengruß sank nach Norden jäh in ein tiefes Samtblau hinab, das sich im Osten in das Urbild aller smaragdfarbenen Gebirgsseen verwandelte. Hoch oben in der Kuppel funkelten immer mehr der goldenen Sterne, die in unseren Abendliedern besungen werden. Lebendige Lichtreflexe, manche rotgolden, manche grüngolden, manche gelbgolden und manche fast silbern, dem Glitzern des Lichtes auf Schneeflächen vergleichbar.

Unterhalb dieser Zauberwelt schnitten Oberleitungen durch die Luft, eine Drohne stand am Himmel über der Autobahn. Auf dem Berg im Norden rotieren die Säbelblätter eines gigantischen Windrades, mit 148 m Höhe knapp niedriger als der höchste Kirchturm Europas, das Ulmer Münster mit 161 m, die Rotorspitzen senden rote Warnsignale aus. Die mittelalterliche Kirche hier am Hang des Turmberges, 48 m hoch, lag in orangewarmer Illumination, ein goldener Hahn krönt die Turmspitze. Sonst überall kaltes, stechendes Licht der LED-Beleuchtungen. Eine Dame ging Gassi, ihr Liebling trug ein grasgrünes Sneakerbug Hundeleuchthalsband.

Im letzten Moment hatte ich mich doch dazu entschieden, einen Adventskalender zu kaufen. Im Wald zurück, freut mich der Nachtmantel, der mich einhüllt. Ich kenne blind den Weg. Ich schiebe das Fahrrad und lege den Kopf in den Nacken. Zahllose Flugobjekte ahmen die Sterne nach — erfolglos, dem geübten Auge erfolglos.

30.11.2019 (Am Spätnachmittag unterwegs in Grötzingen)


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30.11.2019: Wo ist die Natur? — Tagebuch einer Suche: Kolorierter Holzschnitt

Wo ist die Natur? — Tagebuch einer Suche: Kolorierter Holzschnitt

Wo ist die Natur? — Tagebuch einer Suche 

Kolorierter Holzschnitt

Nachdem nun in der vergangenen Woche unter Sturm, Regen und tief hängendem Wolkengrau die letzten Blätter verwirbelt wurden, bleiben die kahlen Äste zurück, schwarzgrau.
Der große Auftritt der Efeuranken und Misteln beginnt, saftig weihnachtsgrün.
Am Wegrand rote Weißdornfrüchte und Hagebutten an blattleeren Zweigen.
Die Welt ist entlaubt, die Dinge treten nackt zutage, bestätigt von der Sonne und einem freien Himmel. Heute ist der letzte Novembertag. Die Natur ein Holzschnitt. Zart koloriert. Poliert durch die Feuchtigkeit.
Die Wochen vor der Wintersonnwende durchlöchern den Spiegel.
Ich denke: Entleerung. Rekonvaleszenz der Farben …
Die Verwandlung naht.

30.11.2019 (zu Hause)


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27.11.2019: Wo ist die Natur? - Tagebuch einer Suche: Schuhwerk, Urbane Schönheit und der Wahnland-Code

Mittwoch, 27. November 2019

Wo ist die Natur? — Tagebuch einer Suche: Schuhwerk, urbane Schönheit und der Wahnland-Code

Wo ist die Natur? — Tagebuch einer Suche

Schuhwerk, urbane Schönheit und der Wahnland-Code

In der Mondlandschaft Karlsruhes, seit zehn Jahren in gigantischem Umbau, überall aufgerissene Krater, babylonische Baumaschinen, — es geht um das ehrgeizige Projekt einer Untergrundbahn von ungefähr dreieinhalb Kilometern für eine Stadt mit weniger als 300 000 Einwohnern — , Lärm, Beton, Stahlträger, seit neuestem hunderte öffentlicher Miet-E-Scooter im Stadtbild, sah ich eine Frau in mittlerem Alter spazieren. Ihr leuchtend roter Mantel war aus weichem, exquisiten Wollstoff, der Schnitt schlicht und elegant. Drunter trug sie eine cremeweiße Siebenachtelhose aus ebenso sichtlich exquisitem Wollstoff. Um die Brust eine Gurttasche mit handgewebtem Trageband in Rottönen. Alles erlesen und lässig getragen. Dazu feine, bequeme Stiefelchen. Der Kopf dominiert von extrem glatt und hellblond aufbereiteten, halblangen Haaren. Eine geradezu feudale Erscheinung.
Ich renkte mir den Hals nach ihr aus.

Am Morgen hatte ich eine kleine Axt gekauft. Zum Holzspalten. Meine Füße lieben den unebenen Waldboden. Die Haut in Regen und Wind, am Haar zerrt der Fauch: „Kleidung muss was aushalten“, ein Schutz sein, Dienerin ihres Trägers, Vermittlerin zur Wildnis. Das Stehen und Gehen in den kalten Monaten braucht Schuhwerk.
Würde die Dame im roten Mantel im Wald überleben, wenn die urbane Kunstwelt zu Staub zerfallen wäre? Nach wenigen Stunden in der Natur wäre die extravagante Montur am Ende, das Gehen in den Stiefelchen unmöglich, die Frisur aufgelöst, eine hässliche Ruine. Würde sie wissen, wie man ein Feuer macht oder Bucheckern öffnet? Kann man mit Fug und Recht von Schönheit sprechen, wenn der Mensch verstümmelt und in der wirklichen Natur überlebensunfähig gemacht wird?
Oder anders gefragt: Eine anfällige Extravaganz, die ohne künstliche Weltblase sofort unterginge — gibt es eine Schönheit des Instabilen und Überblähten? Eine Schönheit, die man nicht nur am (künstlich geschulten) „Auge des Betrachters“ misst?

Diese künstlichen Formungen, die Welten, die Moloche unserer Tage mit ihren technologischen Sensationen und Bequemlichkeiten, der bald stündlich üppigeren Codierung eines zugleich immer stärker verarmten Weltkonstruktes, generieren Lebensformen, die sui generis in der freien Natur nicht lebensfähig sind. Der urbane Mensch ist ein Monstrum der Robotik. Ein Grottenolm. Intelligenter Diskurs von Angesicht zu Angesicht wird ihm unmöglicher mit jeder neuen Generation von Smartphones, die auf den Markt geworfen wird. Obwohl er den ganzen Tag geradezu überladen wird mit Zeichen und selbst pausenlos Signale sendet, ist er sprachlos geworden.

Die Digitalisierung der Welt führt in eine Verstümmelung des Menschlichen, wie wir sie nie erlebt haben und funktioniert wesentlich binär (eine Aufstockung zum Ternären ist von wirklicher Vielfalt genauso weit entfernt): schwarz oder weiß, alles Bunte wird auf schwarz oder weiß umgerechnet, und dies nur unter enormer Eroberung von „Lebensraum“. Was man bis dato in einem prägnanten, schlanken Begriff sagen konnte, bedarf heute eines riesigen Areals an chiffrierten Daten. Analog dazu zerfließen immer mehr Zeitgenossen in übergewichtige, megafette Gestalten, wie ich sie noch in meiner Kindheit mir nicht hätte vorstellen können.
Man weicht zurück vor den knappen, aber markigen Sätzen älterer Zeiten, dem verbogenen Heutigen wirken sie wie „Beleidigungen“. In der reduzierten digitalen Schwarzweißwelt gerät man schnell unter Verdacht. Der gehetzte Zeitgenosse unterschreibt seine Emails seit einiger Zeit, mit dem Rücken immer zur Wand, gleich, um was es geht, mit der Schlussformel „liebe Grüße“. Wie ein Kind, das den Alten beteuert, dass es brav ist und bereit zur Unterordnung. Dass dabei gelegentlich die unverschämtesten Inhalte mit „lieben Grüßen“ abgerundet werden, treibt die Absurdität auf die Spitze.
Fehlt nur noch, dass die Wildnis nach Maßgabe von QR-Codes angelegt wird: Irrgärten zur Co2-Reduktion. Es wäre ein neuer Marktsektor, die Wildnis abzuschaffen und die gesamte Welt in einen Bausatz zu verwandeln, im Design und "under construction" von staatlich geprüften Naturexperten. Sind wir nicht großartig, wir Menschen, und so innovativ? La nature, c'est nous! Eins und null - das genügt. Und überhaupt - nach Orwells Neusprech von wegen "Krieg ist Frieden", "Freiheit ist Sklaverei", "Unwissenheit ist Stärke" ist die zeitgenössische Rede von der "Natur" (bzw "Umwelt" oder gar "Klima") durchaus mit Vorsicht zu genießen: "Das Hässliche ist Schönheit." Und "Wahnland ist Natur."

Ich hatte vergessen zu erwähnen, dass die leuchtend rote Dame kein erhobenes Haupt hatte. Sie ging mit gesenktem Sklavennacken, in ihr teures Smartphone starrend, und scheiterte an der Überquerung einer Straße. 

27.11.2019 (In Karlsruhe)

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Dienstag, 26. November 2019

Neuerscheinung im Zeitschnur Verlag: Irmentraud Kiefer: Die Amme der Königin

Neuerscheinung im Zeitschnur Verlag: Irmentraud Kiefer: Die Amme der Königin


Irmentraud Kiefer: Die Amme der Königin
Erzählung

mit zwei Zeichnungen von Hanna Jüngling
132 Seiten
Format 20,5 x 13,5 cm
Gewicht 180g
ISBN 978-3-940764-23-2
Ladenpreis 12,00 €
Im Buchhandel oder auf Booklooker


Ideal als Weihnachtsgeschenk ...







Rezension:

Irmentraud Kiefer beschreibt in ihrem Vorwort zu "Die Amme der Königin", einer Erzählung, die soeben erscheinen ist, wie sie durch das rätselhafte Verschwinden der Pharaonin Kleopatra V. Tryphaina um das Jahr 69 vor Christus und die merkwürdig widersprüchliche Quellenlage über diese Frau dazu angeregt wurde, sich eine Fortsetzung des abgebrochenen Lebenslaufes auszudenken.

Diese Geschichte, die so schlicht und freundlich erzählt wird, hat es nun allerdings gewaltig in sich. 

Kleopatra V. Trypaina war die Mutter der bekannten "großen" Kleopatra. Nach altägyptischer, kultischer, von den Ptolemäern übernommener Sitte wurde sie mit ihrem Bruder in einer Geschwisterehe verheiratet, die beide unter enorme Zwänge bringt, denen sie auf jeweils eigene Weise zu entkommen suchen. 
Wir erfahren die Geschichte einer Frau, die vermutlich verstoßen wurde oder sich verstoßen ließ, um sich aus den alptraumhaften Bedingungen am ägyptischen Hof zu befreien zu einem normalen, glücklichen, aber auch selbstbestimmten Leben. Was am höfischen Leben der Ptolemäer in zentralen Merkmalen eigentümlich "modern" wirkt, wird in seinen bedrückenden Konsequenzen blitzlichtartig und scharf skizziert. Zugleich mit dem persönlichen Schicksal dieser Frau scheint die Endphase und der Niedergang des politischen Ptolemäerreiches und der Eigenständigkeit Ägyptens auf.

Eine feine Erzählung mit gutem Ausgang für die Heldin, einem steinigen Weg dahin und einer Nachwirkung, mit der der Leser im ersten Moment niemals rechnen würde.

Bibliophile Gestaltung, typisch für den Zeitschnur Verlag, schönes Munken-Werkdruckpapier und Fadenheftung. 

Hanna Jüngling, 26.11.2019

Sonntag, 24. November 2019

Wo ist die Natur? - Tagebuch einer Suche: Räume. Flächen. Strecken.

Wo ist die Natur? — Tagebuch einer Suche

Räume. Flächen. Strecken.

Wir bewegen uns physisch in drei Dimensionen. Zumindest erscheint es uns allgemein empirisch so. Der Raum ist eine besondere Form der Konzentration in die Tiefe. Wollte man alle Punkte in einem Raum auf einer Fläche anordnen, nähme sie an Oberflächenausbreitung enorm zu, hätte aber keine Tiefe? Erst recht auf einer Strecke untergebracht wäre diese Punkte-Strecke erheblich länger als die jeweiligen Raum- oder Flächenseitenmaße? Ein Rauminhalt umgerechnet in einen Flächeninhalt?
Ich stelle mir vor, ich gieße einen Liter Wasser aus einem Würfel, der genau diesen Liter enthalten kann, auf eine Ebene: die Ebene hätte erheblich längere Einzelkoordinaten als das Würfelmaß. Aber das Wasser verlöre seine spezifische Konsistenz auf der Ebene in dem Moment, in dem die Höhe h = 0 und damit eine Fläche erreicht wäre, wäre nur noch eine Ahnung, ein theoretischer „Abdruck“ des Wassers.
Oder: Ein großer, aber überschaubarer Tanker auf hoher See leckt und gibt das Öl frei, das fortan als riesiger, unüberschaubarer Teppich auf der Meeroberfläche schwimmt. Auch dieser Teppich, aller, auch der flachsten Räumlichkeit, die auch ein Teppich hat, beraubt, wäre kein Öl im strengen Sinn mehr.
Die Anzahl der Punkte in Räumen und Flächen ist ohnehin unendlich und darum gleich.
Der Übergang von einer in die andere Dimension ist eine Illusion.
Etwa so, wie es illusionär wäre, wenn in der alten Elementvorstellung etwas „nur“ im Feuer oder „nur“ im Wasser oder „nur“ in der Luft existierend vorgestellt wäre.
Alles befindet sich in jedem Element, auch in jeder Dimension, und eine momentane Standortbestimmung trifft immer nur als eine der unendlich vielen Möglichkeiten zu.
Natürlich bietet dies breiten Raum für Spekulationen. Für Alchemie. Esoterik und allerlei naturphilosophische Lehren.
Mein Interesse an den vorhandenen tradierten Spekulationen war stets mäßig.
Die Überzeugung aber, dass der Transformationsmöglichkeiten, um es einmal so modisch zu sagen, unendliche viele sind, ist auch in mir:
Wie anders sollten die Visionen der Propheten verständlich sein, in denen Gott aus einem Feld von Knochen, aus der Erde und dem Meer die Toten zurückruft und wieder sammelt in ihre Gestalt, ganz zu schweigen davon, dass er in der Auferweckung Jesu aus dessen irdischer Gestalt eine himmlische schuf und Paulus davon spricht, es würden nicht alle entschlafen, sondern, wenn der Herr käme, in einem Nu verwandelt werden?
Es ist aus diesem Grunde auch äußerst töricht, wenn wir es für lächerlich halten, dass Maria Jungfrau war und doch einen Sohn gebären konnte, weil die Kraft des Allerhöchsten über sie kam und aus ihrer Gestalt die Gestalt des Christus holte. Es ist mehr als töricht.
In einem gewissen Sinn hat sich das Denken unserer Tage aus der Tiefe in eine totale Verflachung ergossen, so sehr, dass es nicht mehr als echtes menschliches Denken bezeichnet werden sollte. Es ist, wie unser Liter Wasser oben, ohne Tiefenkoordinate seiner selbst beraubt und nur noch ein Abdruck verlorenen Denkens.

24. November 2019 (Sonntagabend, am Ofen)


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Donnerstag, 21. November 2019

Wo ist die Natur? - Tagebuch einer Suche: Morgendämmerung, später November

Wo ist die Natur? — Tagebuch einer Suche

Morgendämmerung, später November

Der Blick vom Berg aus landet weich im Nebel. Äste fließen aus. Die beiden Flutlichter im Landwirtschaftlichen Versuchszentrum sind kalt leuchtende Wattekerne, irrlichternde Ahnungen von Ferne. Warum empfinden wir diese widerstandslose, kantenfreie Weichheit als unheimlich?

Wenn ich es nicht wüsste, dass es ein ‚Da unten’ gibt, die Rheinebene mit ihren Städten, der ‚Hardt’, dem breiten Fluss mit seinen langen, flachen Frachtschiffen und die Kette der Berge gegenüber, sechzig Kilometer entfernt …
Wenn ich es nicht wüsste, wäre der Nebel mir unsichtbar. Ich wäre im Nebel, ohne zu erkennen, dass da Nebel ist. Hätte ich niemals klare Luft erlebt, wäre der Nebel ein Element, in dem ich mich selbstverständlich und ohne Kenntnis bewegte. Oder sagen wir es schärfer: Ich würde den Nebel wahrnehmen, aber nicht wissen, dass ich ihn wahrnehme.
Die Folgen wären immens. Man sieht nicht nur anders und weniger. Man hört auch weniger. Gerüche würden sich schwerer zu mir hinbewegen, aber sie verflögen auch langsamer. Unter ‚Weitblick’ verstünden wir eine Spanne von wenigen Metern. Unser ganzes Denken würde sich verlagern.
Eine großartige Nebelkosmologie könnte der Naturwissenschaftler sich ausdenken, Mess- und Beobachtungsgeräte würden nebulöse Theorie bestätigen. Und wer weiß, was er, im Nebel tappend, als gäbe es keine Welt ohne Nebel, behaupten würde. Seiner Fantasie wären kaum Grenzen gesetzt. Und prüfen könnte es niemand. Dem Skeptiker, dem Ahnungsvollen, dass da mehr ist, könnte man immer entgegenhalten, dass er doch erst einmal sagen solle, wie es denn dann anders sein könnte als so, wie man es sieht. Und er müsste passen oder aber sehr komplizierte Gedanken anstrengen, denen wiederum viele nicht folgen könnten, verweichlicht durch die konturlose Nebelwelt.
Allein: Auch in einer Nebelwelt tauchen immer wieder Gestalten auf, die uns an ein „Dahinter“ gemahnen. Solange sie dezent bleiben, lassen sie sich verdrängen.
Die Alten mit ihrer Vorstellung vom Äther, diesem unsichtbaren Element, das doch alles zusammenhält, waren vielleicht näher an der Wahrheit als die materialistische Wissenschaft, eine bis an die Zähne bewaffnete Trutzburg verbissener Theorien wider die kommende Erkenntnis und Wahrheit.

Aber der Morgen steigt unaufhaltsam herauf, das Licht jenseits des Nebels zieht in einer feinen Erhabenheit ein in unser dämmriges Nebelreich, wie ein König, dessen Kommen Erlösung bedeutet. Das kosmische Licht, nicht das Flutlicht im Versuchszentrum, löst diese unüberwindliche Schicht auf, die Dinge werden klar und scharf. Fast lautlos trat es heran, mit ‚Macht und Herrlichkeit’, aber was sage ich: Macht ohne Macht, mit graziöser Liebe und Hingabe und der Würde seiner Erhabenheit, die nicht herrscht und den Nebelgläubigen weder zwingt noch treibt, sondern Angebote unterbreitet, die abzulehnen töricht, aber dennoch verbreitet ist.

Wer auf der Nebelwelt besteht, darf zurückbleiben, nackt und bloß, benebelt nun ohne Nebel, ein unvorstellbarer Zustand, aber es gibt ihn — auf eigenen Wunsch dessen, der sich in der Versuchung häuslich eingerichtet hat, gebannt und erstarrt im festgekrallten Augenblick der weichen Täuschung.

21. November 2019 (Zu Hause)


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