Dienstag, 11. Dezember 2018

Trinität auf dem Prüfstand — Brief IX an Unitarier und Trinitarier: Was ist ein „wahrer Mensch“? Und: Kann er ein Mischwesen sein?



Trinität auf dem Prüfstand — Brief IX an Unitarier und Trinitarier:

Was ist ein „wahrer Mensch“? Und: Kann er ein Mischwesen sein?


Doppelwesen?

Die Debatte um die Trinitätslehre zieht immer weitere Kreise und wird teilweise sehr aggressiv geführt. Im Zentrum steht meistens die Gestalt Jesu Christi. Die einen wollen unbedingt aus der Schrift beweisen, dass er „Gott ist“, die anderen sind zurückhaltend mit einer solch weitreichenden Aussage, weil ihnen bewusst ist, dass daran enorme Folgeschlüsse hängen müssten, die aber andererseits auch die Trinitarier und Binitarier zu ziehen scheuen.
Nur ganz wenige wägen ab und versuchen, allen Schriftaussagen gerecht zu werden. Hier seien lobend die Website www.trinitaet.com und insbesondere die Aufsätze Stefan Gerbers erwähnt.
Leider führt niemand eine philosophische Debatte — das wäre aber mE sehr wichtig, um die Schlussverfahren, die angewandt werden, zu überprüfen, denn nirgends scheinen mir mehr logische Fehlschlüsse und monströse Denkfiguren zu begegnen als in dieser Debatte.

Aus der bisherigen, heftigen Diskussion speziell um meine Briefe an Unitarier und Trinitarier, die sich nicht nur in den Threads unter den Artikeln, sondern zT auch auf Youtube und privat fortgesetzt hat, stellt sich mir ein Problem vor Augen, das eigentlich die zentrale Frage der christlichen „Bewegung“ war und ist:

Was an der Thematik objektiv irritierend ist, ist die Rolle Jesu, der als Mensch und Menschensohn auftritt, aber auch als Sohn Gottes. Die kirchliche Lösung einer Parallelisierung lautet, wie früher schon ausführlicher in den vorigen Briefen an Trinitarier und Unitarier dargestellt, folgendermaßen:

„Er ist Menschensohn und darum Mensch.“ — entspricht — „Er ist Gottessohn und darum Gott.“

Die Logik der Behauptung beruht darauf, dass man immer nur Sohn sein kann von Leuten, die derselben Art sind wie man selbst. Wenn also Jesus Sohn eines Menschen (Maria) ist und Sohn Gottes (des Vaters/JHWH), dann ist er zwar nicht Maria oder JHWH, aber er ist jeweils desselben Wesens wie Maria und JHWH. Altkirchliche Vorschläge, die Ungleichseitigkeit dieser Konstruktion zu glätten, etwa im Adoptianismus oder auch im Monophysitismus, wurden von der römischen Kirche in aller Schärfe verworfen und verketzert.
Wenn das so ist, muss er eine Doppelnatur haben, ein Doppelwesen sein: „wahrer Mensch und wahrer Gott, ungetrennt und unvermischt“, wie man es angesichts des gedanklichen und logischen Dilemmas auf dem Konzil von Chalkedon 451 n. Chr. zum Dogma erhob, an das zu glauben sei, wenn man nicht des Heiles verlustig gehen wollte.
Angesichts der Monstrosität der „Doppelnatur“ einer Entität erfand man die Vorstellung, dass es sich um „eine Person in zwei Hypostasen“ handle, was die Sache noch monströser machte: Eine seltsame Scheu legte sich auf jeden, der mit dieser dogmatischen Setzung aufgewachsen ist. Das Dogma hält ja sehr wohl das Bewusstsein dafür wach, dass Gott und Mensch sich kategorial eigentlich nicht vermischen können („unvermischt“). Andererseits ist es dem menschlichen Bewusstsein unmöglich, sich eine Entität vorzustellen, die nicht „eine und dieselbe“ ist in all ihren Bestandteilen, wenn man von solchen reden will („ungetrennt“). Eine Gestalt, die in sich ltztendlich doch „getrennt“ ist, ist eine schizophrene, instabile Gestalt, die es in der guten Schöpfung Gottes nicht gibt und geben kann. Die Einheit des Individuums ist konstitutiv für jedes Geschöpf. Wir scheuen mit Recht zurück vor der postmodern politisch salonfähigen Behauptung, ein Mann befinde sich im falschen Körper und sei in Wirklichkeit eine Frau, weil sie monströs wirkt — auch in einem solchen Fall stellt man sich einen Menschen vor, der zwei verschiedene Naturen hat, die sich folgerichtig auch widerstreiten und nun doch nach Einheit und Heilung suchen. Ähnlich monströs ist die Zwei-Naturen-Lehre über Jesus Christus.

Die gedankliche Hürde im Umgang mit Jesus wurde in den altkirchlichen Konzilien so hoch gesetzt, dass kein Mensch damit erkennend klar kam: die einen resignierten vor der Formel, wieder andere spintisierten so lange darüber, bis sie ihnen ganz zauberhaft und mysteriös und geheimnisvoll erschien und jeder, der sie glaubte, sich für einen Eingeweihten in ein göttliches Geheimnis hielt, und wieder anderen wandten sich ganz ab, nicht zuletzt eine Gruppe, die sich schließlich in der islamischen Religion zusammenfand.
Man debattierte darüber, ob der Sohn Gottes angesichts der Dogmen einen oder zwei Willen habe und befand, er müsse zwei Willen haben, weil der Wille konstitutiv für eine „Natur“ sei, und weil Jesus einmal von seinem Willen sprach, den er vor dem Willen des Vaters zurückzustellen gedenke (Gebet zum Vater im Garten Gethsemane). In der späteren Herz-Jesu-Verehrung allerdings scheint diese Individualperson nur ein Herz zu haben — ein Widerspruch zu den altkirchlichen Dogmen, den ich nie ganz verstehen konnte, denn das „Herz“ gehört genauso konstitutiv zu einer Individualperson wie der Wille.
Man betete dennoch fast nur noch zu Jesus, weil man ihn nun für Gott hielt und den, der einen errettet hat, den man sich aber aufgrund der absurden dogmatischen Definition nicht mehr vorstellen konnte, der einem förmlich entglitt. Der Vater geriet ins Hintertreffen, man erwähnte ihn nur noch im Vaterunser… Das Gebet Jesu in Johannes 17,3 an Gott, den Vater, das uns bezeugt, dass es „das ewige Leben“ ist „dich, den einzigen wahren Gott (!) zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ erhielt durch die dogmatische Setzung absurde Züge: Jesus hätte zu sich selbst gebetet, und eine Sendung einer göttlichen Hypostase durch eine andere Hypostase wurde unvorstellbar. Die christologischen Auseinandersetzungen konnten nicht durch eine Absurdität gelöst werden. Man verbannte Nestorius, der die Finger in die Wunde gelegt hatte, auf dem Konzil von Ephesus, und erzwang eine weitere Spaltung der Christenheit, indem man Maria zur „Gottesmutter“ erklärte. Die Logik ist klar: Wenn Jesus Christus Gottmensch ist, ist Maria Gottesmutter. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, mit welcher Verbissenheit protestantische Kreise auf der Trinitätslehre beharren, zugleich aber Marias Rang als Gottesmutter mit Zähnen und Klauen abwehren: das ist schizophren!
Man sollte sich vielmehr fragen, ob Nestorius nicht die richtige Sicht auf die Dinge hatte: Maria ist „Messiasmutter“ und darum, wie sie im Magnificat selbst sagt, „seligzupreisen von jeder Generation“. Warum der Protestantismus hier — neben seiner dogmatischen Schizophrenie — eine grandiose Verweigerung gegenüber dem ansonsten proklamierten sola-scriptura-Prinzip an den Tag legt, ist nicht verständlich. Wie sollten wir nicht in unserem Jubel über die Ankunft des Messias auch die Frau seligpreisen, die uns von Anbeginn an angekündigt war, die ihn hervorbringen sollte im Auftrag Gottes?!
Nota bene: Gott hätte einfach einen neuen Menschen schaffen können — aber er tat es durch die Frau und Mutter.
Haben wir das je in seiner ganzen Tiefe und Größe erfasst, was das bedeutet?

Noch einmal: Wer selig werden will, muss den Vater, „ton monon alethinon theon“, den „einen wahren Gott“ erkennen und den, den er gesandt hat. Wir sind abgehalten worden durch die dogmatische Setzung, den Unterschied zu verstehen zwischen dem einzigen wahren Gott und dem, den er mit höchsten Vollmachten versehen gesandt hat. Für uns wurden beide undifferenziert „eins“, obwohl sie von Jesus selbst immer als zwei dargestellt werden, als zwei, die zwar in engster Verbindung, in der Mission Jesu auch durchaus „eins“ (übereinstimmend) sind, als Urbild und vollkommenes Abbild, aber nicht als Identität des Wesens. Wenn im Sohn die „Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt“ (Kol 2,9), dann kann er nicht selbst Gott sein. Der Satz klingt eher so: In dem Christus hat Gott eine „Katoikia“ eine leibliche (somatikos) Ansiedlung hergestellt, in der er ohne Trübung sein kann. Eine solche „Katoikia“ (Kolonie) war in der Antike eine Manifestation der Königsmacht. Ein König also manifestierte seine Präsenz an einem bestimmten Ort. Der Christus ist — ohne die Metapher mit allen Implikationen durchführen zu wollen oder zu können — der geschöpfliche Ort, an dem der eine, wahre Gott erneut nach dem Garten Eden seine Gegenwart ungetrübt darstellt. Das macht aber diesen Ort nicht zu Gott.

Die Nähe zwischen Vater und Sohn ist andererseits größer, als wir es uns zu denken wagen, wenn wir voraussetzen, dass Jesus Mensch und nur Mensch ist. Und das NT weist immer wieder auf diese außerordentliche Nähe hin. Aber nirgends wird uns nahegelegt, dass es sich um eine wesenhafte Identität handeln sollte. Die eigentliche, schwindelerregende Aussage in Gen 1, dass am Anfang jeder Mann und jede Frau ein solches vollkommenes Abbild des Urbildes sein sollte, geriet ins Hintertreffen zugunsten einer Brüskierung des Menschen auch nach seiner Errettung. Die Schüsselposition Jesu als eines zweiten Adam, eines zweiten „ersten Menschen“, der mit den Eigenschaften des ersten Adam ausgestattet wurde, um alle Adamskinder zurückzuholen in den ursprünglichen Stand, wenn sie wollen, ist im NT die Stellung eines Menschen und nicht des einzig wahren Gottes. Dafür spricht die durchweg passiv formulierte Vollmacht. Dem Christus ist stets seine Vollmacht gegeben. Er hat sie nicht aus sich selbst heraus. Mir ist aus dem katholischen Umfeld das Argument bekannt, das an dieser Stelle stets angebracht wird: Diese Passivität oder Geringersetzung Jesu gegenüber dem Vater sei ja nur „secundum hominem“ zu denken. Insofern Gott Mensch wurde, müsse er in dieser Menschheit auch geringer sein als Gott. Andererseits lässt das „Ungetrennt“ der beiden Hypostasen in Christus eine solche Differenzierung logisch nicht zu: Es ist ja nicht nur der „menschlichen Hypostase“ Jesu alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben, sondern der Gesamtperson Jesus, die aber dann auch in der Logik solcher Argumente vorrangig eine göttliche Person ist und als solche wiederum nicht geringer sein kann als die restliche Gottheit. Alle Differenz, die er selbst bezüglich seiner Stellung gegenüber dem Vater betont („Nur Gott alleine ist gut“, „Nicht mein Wille, sondern dein Wille…“, „Der Vater ist größer als ich“, etc.) erhält von hier aus betrachtet, wenn wir aufhören, uns an eine absurde dogmatische Formel zu binden, einen einfachen und gut verständlichen Sinn. Durch die dogmatische Entwicklung wurde die Gestalt des Christus für uns andere Menschen einerseits göttlich überzeichnet und andererseits verkleinert: Wir konnten nicht mehr erkennen, welches auch uns wieder ermöglichte Menschentum er uns vor Augen stellte. Geblendet davon, dass alles, was an ihm groß war, „Gott“ war, wurden wir davon abgelenkt, ihm darin nachzueifern aus Furcht, erneut „sein zu wollen wie Gott“, wie man uns einschärfte. Indem wir Furcht hatten, „sein zu wollen wie Gott“, wurde in uns Angst davor erzeugt, schlicht und einfach Mensch sein zu wollen, wie Gott es uns zugedacht hat. Und dieses Menschsein ist etwas schwindelerregend Großes und Gutes.
Unweigerlich stellt sich die Frage: „Was ist eigentlich ‚ein wahrer Mensch’? Und was ist überhaupt der Mensch? Und wer war Jesus wirklich in der Intention Gottes, der ihn gesandt hat?“

Es ist erkennbar, dass es nirgends in der Schrift positiv gezeichnete Doppelwesen gibt oder geben sollte. Was soll ein „wahrer Mensch“ sein, der zugleich auch „wahrer Gott“ ist? Heißt das im letzten Ende nicht doch trotz „Sophisterei“, dass der Mensch auch der Gott ist? Und war nicht das seine Ursünde, dass er sich dazu verstieg? Aber auch die schlichte Logik verlangt ihr Recht: Ein wahrer Mensch ist immer und kategorial ein Mensch, und der wahre Gott ist immer und kategorial der Gott.

Dass metaphorisch auch einmal der „elohim“-Titel an Menschen oder Engel verliehen wird, macht sie im AT nicht zu dem Gott, dem einzigen und wahren JHWH — „elohim“ ist kein Name, sondern ein Titel für eine übergeordnete Gestalt, es ist eine Rolle, aber keine ontologische Setzung!
Man kann auch mengentheoretisch daran gehen: Merkmale, die auf Gott zutreffen, können auch auf den Menschen zutreffen, wenngleich natürlich nicht alle Merkmale beider Mengen. Wir hätten dann aber kein Mischwesen, sondern schlicht eine Schnittmenge an Merkmalen — nichts weiter. Am Charakter der jeweiligen Menge ändert sich dadurch nichts!
Oder man verzichtet vollständig auf den Begriff des „Wesens“ (griech. ousia, lat. substantia), den die Schrift ohnehin nicht kennt: Das Gebot aus dem Dekalog „Du sollst dir kein Bildnis machen“ ist möglicherweise ernster gemeint, als wir gewohnt sind zu glauben. Die katholische Kirche hat dieses Gebot aus den zehn Geboten eliminiert… Durch die Zeichnung eines „Wesens“ könnte das Gebot überschritten sein, auch dann, wenn man nur theoretisch über solches „Wesen“ spricht. Die Folgen sind katastrophal für das Gottes- und Menschenbild. Unmittelbar damit verbunden ist die unselige Diskussion darüber, ob Mann und Frau „ein Wesen“ haben oder zwei. Nach dem Schöpfungsbericht in Gen 2 haben sie — in einer hellenistischen Lesart — ein Wesen, weil Gott die Frau aus der „ousia“, der „substantia“ des ersten Menschen schafft. Von hier aus kam auch die Herabsetzung der Frau auf: Wenn der Mann bereits das vollständige „Wesen“ des Menschen hatte, kann die Frau nur eine uneigentliche Ableitung aus ihm sein, eine Art „Mindermann“. Es kommt nicht von Ungefähr, dass die frühen Väter, die umfangreich die Trinitätslehre reflektierten, auch entsprechende — ganz im Hellenismus verankerte — Monstrositäten über die Frau entwickelten, an deren Folgen wir bis heute leiden.
Wenn wir aber streng im Duktus der Tora sagen: Mann und Frau sind beide jeweils als vollkommene Abbilder Gottes gedacht und dürfen wie Gott nicht weiter abgebildet oder über diese Abbildaussage hinaus kategorisiert werden, dann löst sich sofort der Krampf um die Geschlechter auf. Zu Recht wurde immer auch darauf verwiesen, dass nicht nur die Frau aus „Adam“ genommen wurde, sondern dieser erste Adam dadurch selbst noch einmal entscheidend verändert und spezifiziert wurde als „isch“ (Mann): Erst nachdem die Frau erschaffen ist, taucht in der Genesis erstmalig der Begriff „isch“ auf. „Adam“ ist nach Gen 5,2 der Oberbegriff für Mann und Frau. Die Zeugung Sets durch „Adam“, die gleich danach berichtet wird, kann man durchaus als die gemeinsame Hervorbringung von Mann und Frau verstehen, die diesen Sohn „im Bilde Adams“ vollzogen: dieser Set ist ein Vorläufer auf den Christus hin. Die Altersangaben „Adams“ treffen auf den Mann und die Frau gleichermaßen zu.
Und im selben Duktus erübrigt sich auch die genauere Verhältnisbestimmung des göttlichen „Wesens“ zum Menschen Jesus: Auch er ist Abbild Gottes, wie seine Stammeltern „Adam“, ausgefaltet in Mann und Frau („Adam und Eva“), und er ist es vollkommen in einem neuen Anlauf Gottes zu unserer Wiederherstellung, die wir aus diesem Bild herausgefallen, abgestürzt sind im Garten Eden.


Das alttestamentliche Glaubensbekenntnis vom „Echad“ („Einen“)

Gott ist im AT durchweg „echad“, also einer (und „echad“ meint niemals intentional etwas „Zusammengesetztes“, wie mir ein Kommentator beweisen wollte). „Echad“ meint immer „eins“ oder „einer“, auch als Zahlwort. Dass verschiedene Menschen oder meinetwegen auch Gott und Mensch „echad“ werden können (etwa Mann und Frau, wenn sie gemeinsam zeugen, oder ein Volk, wenn es „mit einer Stimme“ spricht) meint nicht, dass das „echad“ deshalb etwas Zusammengesetztes sein müsste, sondern dass im „echad“ eine Differenz und Zusammensetzung vital aufgehoben wird und nur „eines“ stehenbleibt. Wenn das Volk mit „einer Stimme“ spricht, ist das „echad“ hier das in einer bestimmten Sache einige Volk, das in dieser umgrenzten Hinsicht nun als eines oder einer aufgefasst wird. Eine reale und natürlich weiterhin bestehende Differenz der Mitglieder der Menge spielt keine Rolle — sie ist ja gerade aufgehoben und gilt nicht für die bestimmte Situation. Die Rede vom „echad“ an einer solchen Stelle sagt eben gerade nicht, dass hier etwas Zusammengesetztes vorliegt, sondern dass hier nur eines vorliegt, etwa eine bestimmte Kundgabe oder Zusage. Auch bei der Vereinigung von Mann und Frau wird ja nicht behauptet, dass sie überhaupt „einer“ seien, denn ganz offenkundig sind und bleiben es zwei, sondern dass sie „eins“ werden, um — im Geschlechtsakt generell intentional begriffen, auch wenn nicht in jeder Vereinigung neues Leben entsteht — eine neue Entität zu erzeugen, also einen Sohn oder eine Tochter, der oder die wiederum „echad“ oder „achat“ ist, einer oder eine. Wir würden nicht sagen, ein Mensch ist „zusammengesetzt“ aus seinen Eltern oder dergleichen. Das würde die Bildsprache vom „einen“ sprengen. Offenbar ist vor Gott diese Fähigkeit eines Mannes und einer Frau, gemeinsam zu zeugen, heilig, aber nicht, weil sich zwei Teilstücke zusammensetzen, sondern weil zwei in einem schöpferischen Akt „echad“ werden und eben gerade nicht mehr differenziert werden können: ihre Kinder kann man nicht mehr auseinanderreißen. Was einen Sohn oder eine Tochter zu „einem“ oder „einer“ macht, ist nicht das zusammengerechnete, zusammengesetzte Erbgut beider Eltern (das würde zerfallen in seine Bestandteile…), sondern ein darüber Hinausgehendes, ein schöpferisches Handeln zu neuem Leben, dem Vater und Mutter nur dienen, das sie aber nicht selbst aktiv erzeugen können. Das „echad“ hebt im neuen Leben jede Differenz in der Sache auf, macht aber dennoch die beiden Eltern nicht zu „einer Menschheit“ oder dergleichen. Im gewissen Sinn werden hier Eltern ihren Kindern untergeordnet — ich weiß, dass fromme, autoritätsfixierte Christen das nicht gerne hören — , aber es ist tatsächlich so: weil sie Kinder hervorbringen (können), die jeweils „einer“ oder „eine“ sind durch Gottes heilige Vollmacht, sollen sie sich nicht mehr trennen. Im (potenziellen) Nachkommen manifestiert sich eine untrennbare Einheit. „Echad“ im Bezug auf mehrere, die „echad“ werden, meint eine echte Synthese und Verschmelzung, die die Differenz vergessen macht und spurlos verschwinden lässt.
Es ist also argumentativ abwegig, den Spieß umzudrehen und zu sagen, Gott müsse daher aus mehreren bestehen und zusammengesetzt sein, nur weil manchmal ein „echad“ eine Mehrfältigkeit aufhebt. Erstens hebt das „echad“ sie immer auf, macht sie als solche in der bestimmten Sache irrelevant (nicht generell!). Zweitens ist die Richtung zum „echad“ hin immer die, dass Getrenntes sich zusammenfindet und dann eines ist.
Bei Gott aber wird so argumentiert, als hätte sich der Eine, der „echad“, in etwas Getrenntes ausgefaltet.
Diese Denkweise entstammt ganz eindeutig dem heidnischen Strukturdenken, das generell ebenfalls „eine“ Gottheit annimmt, die sich aufspaltet in einen Polytheismus, oder aber, wie im Hellenismus, davon ausgeht, dass der „Eine“ („Hen“) sich in Emanationen, Seinsstufen fortsetzt. Die Emanationen weisen, je weiter sie entfernt sind vom Ursprung, eine abgeschwächte Gottheit auf, sind aber immer noch gottähnlich.
Merkwürdigerweise wird nicht selten die Zweifältigkeit des Menschen als Mann und Frau als Bild für die göttliche Mehrfältigkeit angesehen. Ich habe selbst lange mit diesem Gedanken gespielt, bin aber davon ganz abgekommen. Gott hat im 2. Schöpfungsbericht in Gen 2 zwar die Frau aus dem Mann heraus geschaffen, ein „Aus einem mach zwei“ dem Anschein nach. Das aber wissen wir nicht wirklich — wir wissen nicht, was sich in dieser Geschichte verbirgt, denn in Gen 1 und Gen 5 wird ausdrücklich gesagt, Gott habe den Menschen als Mann und Frau geschaffen, ganz so, als sei das von Anfang an sein Ansinnen gewesen und eben nicht, einen Mann zu schaffen, der sich dann auch noch zur Frau ausfaltet. Wie weiter oben bereits vorgetragen kann man diesen Bericht auch so verstehen, dass Gott aus „Adam“, dem ersten Menschen überhaupt erst durch die Entnahme der Frau einen Mann im spezifischen Sinn schuf.
Der Gedanke, aus dem Mann habe sich die Frau quasi-emanativ ausgefaltet, fand im Hellenismus und in gnostischen Sekten große Verbreitung. Auf deren Gedankengut beruht der postmoderne „Genderismus“. Vielen Christen ist nicht bewusst, in welche Gesellschaft sie sich begeben, wenn sie solche Gedanken in der Theologie arglos annehmen: Die Frau wäre dann tatsächlich nur ein unbedeutenderer und „böserer“ Ausfluss aus dem Mann und der eigentliche volle Mensch wäre demnach nur der Mann. Diese Frage hat Jahrhunderte lang in Europa die „Querelle-des-femmes“-Auseinandersetzung geprägt…
Und mithilfe der Trinitätslehre und der entweder merkwürdig verzerrten Marienverehrung,  oder einer totalen, im übrigen ganz unbiblischen, Marginalisierung Marias (bei den Protestanten) konnte man dieses falsche Menschenbild mit dem Gottesbild harmonisieren und sich einbilden, das gehe aus der Schrift so hervor. Noch ein paar frauenabweisende Pauluszitate darüber garniert, und man war sich seiner Lehre sicher.

Nun ist zwar nicht zu bestreiten, dass die heidnischen Strukturmerkmale immer wieder mal anzuklingen scheinen in der Schrift. Aber sie werden auch wieder aufgehoben und in andere Kontexte gesetzt, und dies regelmäßig.
Wir finden bezüglich Gottes und des Menschen folglich dem Anschein nach widersprüchliche Aussagen in der Schrift.
Man kann nun sagen: Die Schrift widerspricht sich.
Man kann aber auch sagen: Hier findet eine Auseinandersetzung und Neudeutung, Neujustierung statt, die sich auch dialektischer Methoden bedient oder zu bedienen scheint.
Ich möchte das aus Übersichtlichkeitsgründen hier nicht aufrollen, werde das aber irgendwann später einmal tun, wenn es sich gibt.

Das „echad“ führt jedenfalls niemals zu Doppel- oder Mischwesen. Das Heidentum kennt zwar eine solche Vorstellung, etwa von Halbgöttern oder monströsen Mischgestalten aus Tier und Mensch. Vorausgesetzt wird hier oft, es hätten sich sexuelle Fortpflanzungen verschiedener Arten ergeben. Auch in der abendländischen Rede davon, dass jeder Mensch „sowohl Weibliches als auch Männliches“ — ja, man spricht sogar von „Wesensanteilen“ —  in sich trüge, laboriert in gefährlicher Weise an einer solchen „Mischwesen“-Theorie, die konsequent zu Ende gedacht, zu einem hierarchisch verfassten Pantheismus führen muss: Irgendwie sind alle Ausdifferenzierungen eben doch nur abgestufter Ausdruck des „echad“…. Wie sehr dieses Denken uns nach wie vor prägt, sehen wir auch an der Urknalltheorie, die von einem Jesuitenpater erfunden wurde, der vollkommen im Rahmen der kirchlichen Dogmen schwang (Georges Lemaitre SJ).
Ich möchte aber ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Erschaffung des ganzen Menschengeschlechtes aus „Adam“ als Merkmal des Menschen in der Schrift nicht in Relation zu einer möglichen Ausfaltung des Gottes gesetzt wird — ein solcher Gedanke kam erst durch die Implementierung heidnischer Philosophie ins Frühjudentum ins Spiel. Genaugenommen ist die ganze animalische und florale Schöpfung durch Generativität ein Kontinuum, entspricht darin aber kaum einer trinitarischen „Ausfaltung der Gottheit“. Gott pflanzt sich nicht fort. Es geht auch in der Trinitätslehre nicht um ein „Wachsen und Mehren“ Gottes wie bei den Geschöpfen. In der neidischen und begehrlichen Annäherung unzufriedener Engel an Frauen, die Gen 6 berichtet, wird eher erkennbar, dass es exklusive Fähigkeit des „Fleisches“ (griech. „sarx“ vom indogermanischen Begriff „sarga“ für „Schöpfung“!) ist, im Fleisch zu „wachsen“ und „sich zu mehren“. Die Vorstellung einer „prozesshaften Gottheit“ kennt die Kirchenlehre nicht. An dem Punkt stimmt sie mit den heiligen Schriften überein, die dies ebenfalls nicht kennen.

Wir erkennen in der Schrift eine Abneigung gegen Vermischungen, aber auch eine vollkommene Abweisung von Herbsetzungen der Geschöpfe gegeneinander. Wir finden nirgends im AT die Rede davon, dass irgendein Geschöpf seinsmäßig über einem anderen stünde. Dem Menschen wird die Schöpfung zur Bebauung und Bewahrung gegeben. Er soll sie hegen und pflegen und Nutzen aus ihr ziehen. Aber wir finden nirgends den Hinweis, dass der Mensch ihr ontologisch übergeordnet sei. Wird irgendwo Achtung verlangt oder Anerkennung, basiert sie nie auf ontologischem Vorzug. Auch die postmoderne christliche Überzeugung, es gebe eben „Ämter“, vor denen man Respekt haben müsse, weil Gott hier die einen über die anderen gesetzt habe, um „Ordnungen“ einzuhalten, findet bei genauer Betrachtung keinen biblischen Anhalt. Was immer in der geschwächten Schöpfung an „ordo ab chao“-Mustern zu gelten scheint: Die göttliche Ordnung funktioniert nicht über Unterwerfung und Abwertung. Sie ist dann im Lot, wenn jeder seinen Platz einnehmen darf, der ihm nicht aufgrund der Herablassung anderer, sondern aufgrund seiner individuellen Ausstattung zukommt und mit der er, wie im Gleichnis von den drei Knechten und ihren Talenten wuchern darf, solange er niemandem schadet. Dabei kann er sich förmlich steigern — je nachdem… Die Beschneidung der einen durch die anderen ist Ausdruck der Unordnung und Sünde. Die Aufgabe des Menschen wäre gewesen, in dieser Schöpfung die Werke Gottes zu loben und liebevoll zu betrachten, wie Adam es anfangs tat, als er allem einen Namen gab.

In der Schrift gibt es nur einen einzigen eindeutigen Hinweis auf eine sexuelle Vermischung verschiedener Kategorien: In Gen 6, 1ff wird beschrieben, wie „Gottessöhne“ sich mit Menschentöchtern sexuell vermischt und die „Riesen“ („nephilim“) gezeugt hätten. Im AT wird dieser Sachverhalt als maßgeblicher Grund für die Sintflut angeführt, aber nur knapp beschrieben. Die „nephilim“ seien die „Helden der Vorzeit“, die „berühmten Männer“. Diese Katastrophe wird ausführlich im äthiopischen Henochbuch ausgefaltet, das in der äthiopischen Kirche als kanonische Schrift gilt. Die Riesen sind dort furchtbare Wesen, der Kontakt zwischen Frauen und Dämonen führt dazu, dass die Menschen von den bösen Engeln lernen, wie man Waffen schmiedet, sich schminkt und Zauberei betreibt. Eine Stelle im Judasbrief wird häufig als Anspielung auf diese vorsintflutliche Katastrophe angesehen (Jud 6). Die „nephilim“ waren nach jeder Überlieferung monströse, boshafte Wesen, zwar heldenhaft und berühmt, aber eben erschreckend und verdorbene „Hybride“, auf deren Erscheinen hin die ganze Menschheit, bis auf Noach und seine Familie, verdorben und vernichtet wurde.

Diese einzigen in der Schrift vorkommenden, durch sexuelle Vereinigung erzeugten Mischwesen sind verdorben und Verderber, aber monströs und in aller Perversion machtvoll. Wenn eines klar ist, dann dies, dass sie niemals hätten entstehen dürfen und einem Fall bestimmter Engel entstammen, die ihre Fähigkeiten missbrauchten und, obwohl sie Engel waren, als „Männer“ auftraten und sexuell mit Frauen verkehrten, die im Gegensatz zu diesen Engeln echte Menschen waren. Selbstverständlich hat man nicht unterlassen, diese Konstellation als Beweis für die „Unterordnung der Frau“ anzusehen, um zu erklären, warum Engel nicht Frauen wurden und menschliche Männer bezirzten. Ich möchte dazu bemerken: Es waren die Frauen, die die Faszination, Eifersucht und Gier der Engel hervorriefen — nicht die Männer. Dies sagt uns auch etwas über die Geschlechter, das die spätere Christenheit nicht hören will: offenbar ging von der Frau eine enorme Strahlkraft aus, die sie mitnichten gegenüber dem Mann herbsetzte… Andererseits sind Engel wohl kaum dazu in der Lage, vom Mann gezeugte Kinder auszutragen — anders herum erscheint dies leichter möglich… Von den „nephilim“ wird nirgends gesagt, sie seien selbst nicht auch „nur“ Menschen und nicht etwa „Engel“.
(vgl. die ansonsten sehr lesenswerte Studie von Johann Heinrich Kurtz: Die Ehen der Söhne Gottes mit den Töchtern der Menschen. Berlin 1857)
Man kann sich vorstellen, dass dieses Treiben mit Magie und Kultischem vor sich ging und nicht einfach nur aus Versehen so passierte.
Aber dennoch hat man als Leser den Eindruck, dass der Satz gilt: Was eine Frau hervorbringt, wie immer das geschieht, ist ausschließlich ein Mensch. Ein Mann dagegen kann nichts hervorbringen, es sei denn mit einer Frau.


Was ist „göttliche Zeugung“?

Angesichts dieser abscheulichen Praxis, die in Gen 6 als widergöttlich und pervers beschrieben wird und die ganze Schöpfung unbrauchbar macht, ist es wirklich nicht einsichtig, dass Gott selbst nach demselben Muster wie diese gefallenen „Gottessöhne“ gehandelt haben soll.
Die selbst bei Unitariern behauptete „Zeugung“ Jesu „aus“ Maria, wird tatsächlich nirgends im NT so überliefert. Ich habe in meinem 1. Brief dieses Thema ausführlich behandelt: https://zeitschnur.blogspot.com/2018/07/trinitatslehre-auf-dem-prufstand-brief.html
Von einer durch Gott selbst bestätigten Gottessohnschaft ist erst bei der Taufe im Jordan die Rede. Zu diesem Zeitpunkt hat aber der Mensch Jesus schon 30 Jahre lang existiert, und nun bezeugt Gott vom Himmel her, er habe an diesem Menschen „Gefallen gefunden“ (ähnlich wie dies Maria einst angesagt wurde, bevor sie Jesus hervorbringen durfte — es kann damit also nicht eine Zeugung gemeint sein, wie wir sie landläufig verstehen. Da alle, die an Jesus glauben, „von Neuem geboren“ werden, wie Jesus in Joh 3 dem Sanhedrin-Mitglied Nikodemus sagt und dies keine physische Neuzeugung  meint, sondern eine spirituelle, nicht sexuell verstandene, sollte man auch bei der späten „Zeugung Jesu“ von einem metaphorischen Sinn ausgehen.
Göttliche Zeugung im oder am Menschen meint etwas ganz anderes als eine sexuelle Zeugung, aber die Zeugung, wie wir sie in der Schöpfung kennen, dient als Bild für eine maximale, intensive und ein „echad“ herstellende Hinwendung und Vereinigung seitens Gottes mit den Menschen.
Auch der Hymnus in Hebr 1 gibt kein Argument für eine behauptete sexuelle Zeugung in oder gar mit Maria her:

Die berühmten Worte: „Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt“ (Hebr 1,5) sind Psalmworte (Ps 2 und 110), die Paulus auf Jesus überträgt mit einem ganz anderen Vergleichspunkt: „Zu welchem Engel hat er (das) jemals gesagt?“ Paulus will damit nicht sagen, Gott habe Jesus sexuell gezeugt, sondern er will darauf hinaus, dass Jesus kein Engel, sondern etwas viel Erhabeneres — durch Gott Erhobenes (!) — ist.
Dabei ist die „Zeugung“ dem Anschein nach das unterscheidende Merkmal, denn Engel gelten als geschaffene Wesen — zumindest lehrt die Kirche das so. Vielleicht können wir nicht einmal sagen, dass Gott die Engel nicht auch in irgendeinem metaphorischen Sinn „gezeugt“ oder „geboren“ hat, ganz einfach weil wir es nicht wissen können, aber niemals hat Gott zu einem seiner Wesen gesagt, er habe ihn „heute gezeugt“. Und darum geht es: um das Sagen und Bestätigen, um die Kundgabe für alle Welt im Himmel und auf Erden.
Ps 2,7 spricht von einer Zeugung: „Er sprach zu mir: Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt.“
Das „heute“ durchbricht jedoch den landläufigen Sinn des Zeugens: Wenn der, der zeugt, zu einem spricht, der bereits vorhanden ist und diese Worte verständig aufnehmen kann, er habe ihn heute gezeugt, dann liegt eine metaphorische Lesart nahe. Trinitarier werden einwenden: Der Sohn wurde eben aus Gott gezeugt und geboren vor aller Zeit, und diesem Gottsohn teilte Gott mit, dass er „heute“ ins Fleisch gezeugt werde.
Nun ist aber eine solche Lesart nicht naheliegend, wenn man einmal vergisst, welche trinitarische „Gehirnwäsche“ man seit Jahrhunderten durchläuft.
Zu allererst muss festgestellt werden, dass von einer solchen „ersten Zeugung und Geburt“, die uns das große nicäno-konstantinopolische Credo bekennen lässt, nirgends in der ganzen Schrift die Rede ist.
In Apg 13,33 wird derselbe Psalmvers zitiert, erhält hier aber einen anderen Sinn:
„32 Gott hat die Verheißung, die an die Väter ergangen ist,
33 an uns, ihren Kindern, erfüllt, indem er Jesus auferweckt hat, wie es im zweiten Psalm heißt: Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.“
Paulus versteht ganz offenkundig die „Zeugung“ als die Auferweckung Jesu.
Der Vers gibt also schon in der neutestamentlichen Interpretation keinerlei Argument dafür her, dass hier von einer „Zeugung in/mit Maria“ die Rede ist.

Wenn man einmal recherchiert, in welchem Sinn in Ps 110 von „Zeugen“ gesprochen wird, entdeckt man ein wahres Handschriften- und Übersetzungschaos, und es wird deutlich, dass ganz und gar nicht sicher ist, ob hier von einem echten oder überhaupt von einem Zeugen bzw Gebären gesprochen wird:
Die EÜ 2016 übersetzt — nicht ohne dazu eine umfangreiche Anmerkung zu machen: „Ich habe dich aus dem Schoß gezeugt vor dem Morgenstern.“
Die Luther 2017: „Aus dem Schoß der Morgenröte habe ich dich geboren wie den Tau.“
Die Elberfelder übersetzt — ebenfalls mit umfangreicher Anmerkung: „Aus dem Schoß der Morgenröte habe ich dich wie Tau gezeugt.“
Die Schlachter 2000: „Aus dem Schoß der Morgenröte tritt der Tau deiner Jungmannschaft hervor.“
Die Vulgata: „Ex utero, ante luciferum, genui te.“ (Aus der Gebärmutter, vor dem Morgenstern, habe ich Dich geboren)
Martin Buber: „Vom Schoß des Morgengrauens her, ist der Tau deiner Kindschaft an dir.“

Der Konsonantenbestand des hebräischen Textes ist in diesem Schlüsselvers (V3) kaum eindeutig zu übersetzen. Der masoretische Text führt zu dem Übersetzungstypus, für den sich Buber entschieden hat.
Die überaus poetische Bildsprache, die trotz unklarer Bedeutung hervorschimmert, verweist schon an sich selbst auf einen Vorgang, der weit mehr ist als eine landläufige Zeugung, wie Menschen sie tätigen.

Auf die sprachliche Fassung der Ansprache des Engels an Maria habe ich in einem anderen Artikel bereits hingewiesen (s.Link o.): Auch wenn wir es gewohnt sind zu glauben, dass der Heilige Geist in Maria „gezeugt“ haben soll, steht das dort im Lukas-Evangelium nicht. Vielmehr heißt es dort, dass Maria von der Kraft des Heiligen Geistes umschattet wird und so ohne Mann einen Sohn hervorbringen wird. Das stimmt exakt mit dem Protevangelium in Gen 3 überein, das von Anbeginn an erklärt, dass der „Same der Frau“ Rettung bringen wird — nicht der Same eines anderen. Auch Gen 3 legt nahe, dass nur die menschliche Zeugungskraft der Frau hier wirksam wird. Es ist sehr schwierig zu behaupten, Gott selber habe hier an dieser Stelle „gezeugt“, um ein „vollständiges“ generatives Muster zu haben. Zweifellos hat er Maria seine Kraft verliehen. Aber mehr lässt sich kaum sagen. Die berühmte Stelle in Gal 4,4 sagt ebenfalls nur, dass der Christus aus der Frau geschaffen wurde. Über die in den deutschen Übersetzungen (nicht aber in der Vulgata!: „factum ex muliere“) übliche und irreführende Fehlübersetzung „geboren vom Weibe“ habe ich an anderer Stelle eine genauere Erklärung abgegeben (s. Link o.).
Die eigentümliche Formulierung in Mt 1,20 an Joseph hat schon einigen Kopfzerbrechen verursacht, weil das Wort „gennao“ an dieser Stelle schwerlich „empfangen“ heißen kann, sondern eher „(was in ihr) hervorgebracht wurde“. Vgl dazu den Briefwechsel zwischen Anthony Buzzard und Bryant J. Williams. Williams verweist darauf, dass der Begriff, der hier in der Ansprache an Joseph verwendet wird, damals in der Säkularsprache — nach Erkenntnis altsprachlicher Forschung — einen weiten Sinn hatte: „In the secular world of the NT times GENNAO has the meaning of "come into being" as well as "produce" in a metaphorical or vague general senses (cf. 2 Tim. 2:23 of quarrels; Gal. 4:24 of the covenants).” Briefwechsel der beiden zum Thema hier: https://lists.ibiblio.org/pipermail/b-greek/2006-December/041352.html
Im Ergebnis gibt auch diese Stelle nicht her, dass der Heilige Geist hier „gezeugt“ haben soll. Außerdem käme man mit dieser Deutung in große Probleme: Wenn der Heilige Geist der eigentliche Vater ist, wer ist dann der von ihm auch im NT stets unterschiedene „(Gott-)Vater“, den Jesus als seinen wahren Vater anspricht?

Man kommt nicht umhin, sich vor Augen zu führen, dass der Messias von der Frau kommt und — wie in Gen 3 angekündigt — ihr „Same“ ist, allerdings aufgrund einer besonderen Befähigung durch die Kraft Gottes. Dass an der unmittelbaren Hervorbringung des Gesalbten und überhaupt jeglicher Gotteskindschaft kein Mann beteiligt sein konnte, legt auch der Johannesprolog nahe, der zugleich aussagt, dass jeder, der glaubt, „aus Gott geboren“ (ebenfalls mit dem Wort „gennao“!) sein wird: „12 …denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“
Hier wird eine radikale Abgrenzung der Gotteskindschaft von jeglicher menschlich-geschöpflichen Generativität vollzogen, die ausdrücklich den „Willen des Mannes“ ausschließt, ja: förmlich brüskiert und vor den Kopf stößt. Nicht geschieht aber eine Abgrenzung in einem geistigen Sinn, der solche geschöpfliche Vaterschaft weit übersteigt. Die Gottessohnschaft kann sich demnach aber auch nicht aus der Mutterschaft Mariens ergeben — obwohl der Heilige Geist ihr enorme Kräfte verliehen hat. Was für den „Willen des Mannes“ gilt, gilt hier notwendig auch für den der Frau, denn auch der „Wille des Fleisches“ (also des „sarx“, des Fleisches, das stets die geschaffene Welt meint) hat keine Potenz, eine Gotteskindschaft hervorzubringen, weil er kategorial verschieden ist zum Willen des Schöpfers und Vaters im Himmel.
Die Neugeburt, die eine Neuzeugung voraussetzt, wenn man sich dieser Metaphorik bedient, die jedes Kind Gottes erfährt, ist notwendige Voraussetzung dafür, ins Himmelreich zu gelangen. Die Rückfrage des Nikodemus, ob er denn so ein zweites Mal von seiner Mutter geboren werden müsse, beantwortet Jesus unter anderem mit folgendem Satz: „…6 Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.“ (Joh 3) Eine göttliche Zeugung ist also kategorial etwas anderes als eine im Fleisch. Das muss folgerichtig auch von der Entstehung Jesu im Leib seiner Mutter gelten: es ist eine Geburt im Fleisch. Eine wunderbare zugegebenermaßen, aber eben doch im Fleisch. Sie kann nicht zugleich auch mit einer Zeugung im Geist angenommen werden, zumal diese ja erst ermöglicht werden soll durch diesen Messias. Es kommt nicht von Ungefähr, wenn die Apg (s.o.) die „Zeugung“ Jesu, also die Geburt aus dem Geist (!), mit der Auferweckung von den Toten ansetzt. Demnach ist die Auferstehung der Moment der Geburt, auf den hin der Christus ausgereift ist.
Die Zeit „unter dem Gesetz“, im (sterblichen) Fleisch, von der Gal 4 spricht, ist in einem solchen Argumentationsstrang noch nicht die Zeit der Neugeburt. Sie beginnt mit der Auferweckung, die das Vorbild abgibt für die mögliche Auferstehung aller, die es wollen.
Hier liegen allerdings Argumentationsprobleme vor, denn Jesus sagt zu Nikodemus in Joh 3, wer nicht aus Wasser und Geist geboren werde, könne nicht das Himmelreich erlangen. Das klingt so, als müsse der Mensch vor seiner Auferstehung schon neu geboren werden.
Erschwerend kommt hinzu, dass das griechische „gennao“ „zeugen“ und „gebären“ mit einem und demselben Wort benennt — eine exakte Differenzierung von „zeugen“, „produzieren“, „generieren“, „hervorbringen“, gebären“ gibt uns das NT leider nicht an die Hand. Man könnte die Stelle so verstehen: Wer nicht neu gezeugt wird aus Wasser und Geist, kann nicht ins Himmelreich hineingeboren werden.

An diesem Punkt gab es früh Auseinandersetzungen zwischen Gnostikern und Nichtgnostikern. Gnostiker behaupteten, mit der Taufe, also einer angenommenen „Neugeburt“ müsse man folglich bereits auferstanden sein. Auch die pietistische Rede davon, dass man ein „wiedergeborener Christ“ sei, suggeriert, der Prozess sei bereits völlig erfüllt. Die Auseinandersetzung zwischen der katholischen Kirche und dem Protestantismus bezüglich der Heilsgewissheit geht in dieselbe Richtung. Etwas pauschal gesagt folgt der Protestantismus hier insgesamt einer gnostischen Denkweise.
Im NT gibt es beides: mit der Gabe des Heiligen Geistes hat der Gläubige eine „Anzahlung“ erhalten auf die kommende „Herrlichkeit der Kinder Gottes“. Eine Anzahlung… Und er kann sie mittels eines voll bewussten Aktes wieder verlieren („Sünde wider den Heiligen Geist“). Das wäre schwerlich möglich, wenn man schon im vollen Sinne auferstanden wäre.
Traditionell sagte man katholisch daher gerne, man lebe im „Schon und noch nicht“, was sachlich sicher nicht falsch ist.

Der Vergleich mit der „Zeugung im Fleisch“ ist vielleicht treffender als wir ahnen: was wir zeugen, ist schon da, aber noch nicht ausgereift und sichtbar, bis es geboren wird. Ähnlich könnte es sich mit uns verhalten, solange wir in diesem Leben sind. Es ist eine „Schwangerschaft“ Gottes mit uns im Geist. Man könnte den Prozess auch später ansetzen, denn Neugeborene sind noch lange nicht selbständig lebensfähig und müssen mit Muttermilch groß gepäppelt werden. Viele Aussagen in den paulinischen Briefen lassen ein solch evolutionäres Wachstumsmodell anklingen, wobei Paulus sich sogar selbst mit einer gebärenden Frau vergleicht, als er von den Mitgliedern seiner Gemeinden spricht.

Aus dem allen würde folgen, dass dieser Jesus Menschensohn ist, der, anders als alle anderen, alleine — dem Fleisch nach — von einer Frau hervorgebracht wird. Damit wird die erste Schöpfung, bei der dem Fleisch nach aus dem ersten Adam die erste Frau und damit auch der erste Mann hervorgebracht wird, mit dieser Neuschöpfung des „zweiten Adam“ parallelisiert. Nur geht der Weg diesmal umgekehrt. Dass dies so kommen würde, hat Gen 3 früh angekündigt. Aus dieser Tatsache der alleinigen Hervorbringung der Neuschöpfung eines Adam durch die göttlich bevollmächtigte Frau geht erneut hervor, dass es keine ontologische Abstufung zwischen Mann und Frau geben kann, die die Kirche bis heute behauptet. Hinter Maria stehen aber viele Vorfahren, die über David und Sara, Noach, Set zurückreichen bis auf den ersten Menschen („Adam“), der Mann und Frau im Bilde Gottes war.
Gott setzt noch einmal neu an, um durch dieses Nadelöhr des Menschen- und Gottessohnes allen Erneuerung und Rettung anzubieten.
Es ist aber ganz und gar falsch, wenn man die Menschensohnschaft und die Gottessohnschaft ins Fleisch projiziert gewissermaßen „total parallelisiert“. Genau das ist falsch!
Die vielen NT-Hinweise darauf, dass hier „alles neu“ geschaffen wird, unterstreichen diese Tatsache.

Von einem Mischwesen, das man sich mit Formeln wie „ungetrennt und unvermischt“ geradezu absurd zurechtzimmern muss, ist keine Rede. Ein wahrer Mensch ist immer kategorial und ausschließlich ein Mensch. Durch Christus kann jeder Mensch ein Kind Gottes werden in einem erhabenen Sinn. Dennoch wird er dadurch — gleich wie viel ihm Gott ermöglicht — nicht zu dem Gott, der dies alles gibt. In Jesus Christus zeigt sich vielmehr, wie unermesslich hoch Gott von Anfang an den Menschen veranschlagt hat und wie weit wir davon abgekommen sind.



Sonntag, 18. November 2018

Trinität auf dem Prüfstand - Brief VIII an Unitarier und Trinitarier: Ist der Heilige Geist eine Person?



Wird der Geist Gottes („ruach“)/der Heilige Geist in der Schrift als eigenständige Person gezeichnet?

Immer wieder wird dies behauptet, auch von einem Kommentator hier auf meinem Blog. Etwa weil es in Gen 1 heißt, dass der „ruach“ über den Wassern geschwebt sei. Derselbe Kommentator behauptet, der Geist Gottes sei als eine weibliche Gestalt wie eine Henne über den Wassern gewesen und habe dort „gebrütet“.
Ganz abgesehen davon, dass der Text dies nicht hergibt, wird nirgends im Alten oder Neuen Testament gesagt, dass der Geist Gottes eine Person sei.
Viele übersehen dabei, dass es den Personbegriff, wie wir ihn heute kennen, zur Zeit der Abfassung der neutestamentlichen Begriffe nicht gab. Eine „persona“ war im antiken Theater eine Theaterlarve, eine Maske oder Rolle in einem Spiel. Erst recht kennt das Alte Testament keinen Personbegriff!
Uns begegnen dort stets Männer, Frauen, Engel und Gott — keine „Personen“.
Gelegentlich wird darauf verwiesen, dass doch schon in Deut 16, 19 davon gesprochen werde, dass man nicht nach dem „Ansehen der Person“ urteilen dürfe. Dazu muss man aber wissen, dass im hebräischen Original nicht „Ansehen der Person“ steht, sondern nur „Ansehen“ oder „Angesicht“ („panim“). Das lateinische „persona“ meint demgegenüber in der Vulgata selbstverständlich nicht die „Person“ iS einer Individualität und eines Ichbewusstseins, sondern als „Rolle“. „Ansehen der Person“ meint auch heute noch im Deutschen präzise in diesem alten Verständnis „Ansehen der (sozialen) Rolle“. Buber übersetzt daher ebenfalls nur mit „Ansehen“ — ohne „Person“.

Gott begegnet durchweg als ein „Ich“. Die berühmte Stelle in Gen 1,26, wo „elohim“ sagt „lasst uns Menschen machen“ beweist überhaupt gar nichts. Das „Wir“, von dem Gott hier spricht, bleibt im Dunkeln. Einen Majestätsplural kennt das Hebräische nicht. das Wort „elohim“ wird durchweg in der Genesis für den einen Gott angewendet, aber auch für Götter. Das „Wir“ könnte genauso gut auf die himmlischen Heerscharen abzielen, auf helfende Geister, Engel — wie immer: es geht aus dieser Textstelle nichts Genaues hervor.
Die Begegnung des Mose mit Gott am brennenden Dornbusch zeigt uns einen Gott, der von „Ich“ spricht, nicht von „Wir“.
Und so kann man alle Stellen im AT durchforsten: Sie zeigen uns dieses eine göttliche Ich, von dem wir allerdings nicht behaupten können, dass es in Zahlen gefasst werden müsste. Wir wissen aber aus dem Bekenntnis Israels, dass Gott, ihr Gott, „echad“ ist, also „einer“ oder sogar numerisch „eins“. Auch das macht ihn kaum iS einer mathematischen Eins zählbar oder abgrenzbar von allem, was nicht Eins ist. Aber es zeigt uns Einheit auf und vollkommene Widerspruchsfreiheit. Er ist derselbe jetzt, der er sein wird und immer war, sagt er zu Mose, ein absolut fairer und in sich intakter und vollkommener Gott ohne Willkür.

Im NT treffen wir auf keine personelle Splittung des Gottes und seines Geistes. Wenn es heißt, der Geist sei der „Paraklet“, der Beistand und Tröster, dann heißt dann nicht, dass er eine Person im ichhaften Sinne ist, die sich individuell unterscheidet von der Person des Vaters. Auf eine so abwegige Idee — aus der Sicht Israels und der Antike — wäre man damals wohl schwerlich gekommen. Natürlich ist die Teilhabe am Geist Gottes eine Befähigung des Menschen mit einer göttlichen Kompetenz, um überhaupt in Kommunikation mit diesem Gott zu kommen und Erkenntnis zu gewinnen.
Auch die Beschreibung der Pfingstereignisse weist uns auf keine Person, sondern auf eine „dynamis“, eine Kraft, eine Befähigung durch Gott selbst. Diese „dynamis“ benennt Lukas, als er die Begegnung zwischen Maria und dem Engel erzählt: In Maria wird dort nicht durch Gott etwas „gezeugt“, sondern dort wird Maria die „dynamis“ des Heiligen Geistes zugesprochen, die sie befähigt, ohne Mann einen Menschen hervorzubringen. Es ist wichtig, Texte genau zu lesen: „Heiliger Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.“ (Lk 1,35) Solche „Überschattungen“ finden wir in der Schrift immer wieder, aber sie bezeugen keine „Zeugung“, sondern eine enorme Kraft Gottes, die sich an einem Ort hier auf Erden niederlässt, etwa auf dem Berge Sinai oder im Allerheiligsten der Stiftshütte bzw des Tempels. Nirgends wurde dort etwas „gezeugt“, aber in der Kraft des Allerhöchsten wurden dort Dinge realisiert, die sonst unmöglich erschienen. Maria erhält eine enorme göttliche Kraft, um etwas zu tun, was keine Frau vor ihr konnte: einen Menschen hervorbringen ohne Zeugung.

Gerade an der Situation Marias wird sichtbar, wie absurd die Zusammenhänge wirken müssten, wenn man annähme, dass der Hl. Geist eine göttliche Person sei: So müsste also der Hl. Geist als Person mit einer Menschenfrau einen Nachkommen gezeugt haben. Nun sagt der Engel ja nicht, das Kind werde Sohn Gottes sein, sondern er werde so „genannt werden“. Dieser Titel liegt also jetzt noch nicht vor. Er wird ihm eines Tages gegeben werden. Dies geschah bei der Taufe im Jordan. „Sohn Gottes“ zielt aber auf den Gottvater ab — wer hat nun „gezeugt“ mit Maria? Der Vater oder der Geist? Wir merken schon hier, dass das Konstrukt absurd wirkt.
Aber zu meiner Erleichterung kann ich sagen: Es steht nicht im Evangelium, dass hier eine göttliche Person zeugt. Es steht da, dass eine Frau mit göttlicher Kraft versehen wird, indem der Geist Gottes sie überschattet bzw umschattet. Und das ist, mit Verlaub, etwas anderes!

Auch Paulus kennt keine Zeugung des Sohnes durch den heiligen Geist. Er spricht im Galaterbrief davon, dass der Christus „factum ex muliere“ sei, geschaffen aus einer Frau  — also ohne Mann und der Substanz nach von der Frau und getränkt in ihrer erniedrigten Rolle, ganz wie Gen 3 es uns angekündigt hat, als es hieß, der „Same der Frau“ werde diesen Retter hervorbringen, weder ein Mann noch eine göttliche Zeugung! Es geht um die Potenz der Frau, Menschen hervorzubringen — nicht mehr und nicht weniger, und dies sogar grundständig, im Zweifel ohne Mann, wenn sie die göttliche „dynamis“ dazu erhält.
Dass der stolze Mann in seiner Wahnvorstellung, nur er trage einen Samen in sich und somit können auch Gott aus Maria nichts geschöpft haben ohne etwas Samenhaltiges, das nicht von ihr kommt, ist so vermessen, wie es dumm ist: Gott konnte offenbar, denn genau das teilt der Engel Maria auch mit: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“.

Wenn Eigenschaften oder Wesenszüge Gottes allegorisch als literarische Gestalten erscheinen, kann daraus nicht geschlossen werden, dass es sich um weitere „Personen“ handelt. Wir kennen in biblischen Texten nicht nur Gottes Geist, sondern auch Gottes Zorn, Gottes Weisheit, die Gnade Gottes, die Kraft Gottes. Aber niemals würden wir sagen, das seien alles getrennte und irgendwie mit ihm einige „Personen“. Er ist in Vollkommenheit „in persona“ auch seine Eigenschaft. Er ist die Rolle seiner Wesenszüge, er hat sie nicht nur punktuell.

Paulus käme niemals auf den Gedanken, den Geist Gottes als eine Person zu betrachten, weil er überhaupt nicht davon ausgeht, dass freischwebende „Geister“ unterwegs sein können. Wenn etwas „Geist von x“ ist, gehört dieser Geist zum ich, zur Identität dieses x:

„9 Nein, wir verkünden, wie es in der Schrift steht, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.
10 Uns aber hat es Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes.
11 Wer von den Menschen kennt den Menschen, wenn nicht der Geist des Menschen, der in ihm ist? So erkennt auch keiner Gott - nur der Geist Gottes.
12 Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist.
13 Davon reden wir auch, nicht mit Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern wie der Geist sie lehrt, indem wir den Geisterfüllten Geistgewirktes deuten.
14 Der irdisch gesinnte Mensch aber erfasst nicht, was vom Geist Gottes kommt. Torheit ist es für ihn und er kann es nicht verstehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann.2
15 Der geisterfüllte Mensch aber urteilt über alles, ihn selbst vermag niemand zu beurteilen.
16 Denn wer begreift den Geist des Herrn? Wer kann ihn belehren? Wir aber haben den Geist Christi. (1. Kor 2)

Diese Stelle gibt uns eindeutig Kunde darüber, wie die Sache anzusehen ist. In Vers 11 wird vom „Geist des Menschen“ gesprochen, der alleine den Menschen zu erkennen vermag. Ebenso erkennt nur der Geist Gottes den Gott.
Nun frage sich jeder aufrichtig, ob er seinen Geist als eine extra Person neben sich selbst ansieht. Niemand tut das, der psychisch und geistig gesund ist! Es wäre ein schweres Krankheitssymptom, wenn einer neben sich seinen Geist als andere Person wähnte!
Die Stelle führt vor Augen, dass mit „Geist“ v.a. die erkennende und schöpferische Potenz gemeint ist. Es ist Vorzug des Menschen, dass er auf sich selbst reflektieren kann, ohne deshalb in mehrere Personen zu zerfallen. In diesem Wesenszug bildet er als Mann und Frau Gott ab. Dieser Gott zerfällt selbstverständlich auch nicht in mehrere Personen.
Den Geist Gottes erhält der Mensch als „dynamis“ wie Maria, um damit Werke zu tun, die ihm sonst nicht möglich wären. Das Werk ist bei Paulus die Gotteserkenntnis, die dem natürlichen Menschen unmöglich ist, weil er nicht den erkennen kann, von dessen Art er abgekommen war seit dem Garten Eden. Er erhält die Kraft Gottes, um überhaupt erst — was zuvor nicht der Fall war, auch nicht in den weisesten Weisheitslehren der Welt —  Gott zu erkennen und darin auch sich selbst.
Nicht ein Aufgebot an Personen ist dazu notwendig, nicht mein abgespaltener Persongeist begegnet dem abgespalteten göttlichen Persongeist, sondern die einfache Erkenntnis zwischen zwei Ich-Gestalten, nämlich der meinen und der Gottes:

„Der Geist selber bezeugt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.“ (Röm 8,16)

Freitag, 9. November 2018

Trinitätslehre auf dem Prüfstand - Brief VII an Unitarier und Trinitarier: Zahlen, Zählbarkeit, Maßwerke



Zahlen, Zählbarkeit, Maßwerke


Die gesamte Trinitätsdebatte krankt daran, dass sie mit instabilen Zahlbegriffen hantiert.

Was sind Zahlen?
Wir nutzen sie einerseits zur Theoriebildung und Abstraktion von unserer Wahrnehmung. Wir vermessen die Welt, erklären Relationen und berechnen alles Mögliche, das wir danach als „Wirklichkeit“ behaupten. Solange das, was wir berechnet haben, irgendwie „funktioniert“ in einem „Weltapparatverständnis“, sehen wir unsere Theorien bestätigt.
In einem solchen Konstrukt ist die Zahl ein Mittel, um die Welt quantitativ auf der Basis einer Grundeinheit zählbar zu machen.
Wir nutzen sie andererseits als aber auch, vielleicht abgeleitet von unserer empirischen Erfahrungswelt, um rein abstrakt gedachte Ordnungen zu untersuchen, für die wir verschiedene Typen von Zahlen oder Zahlbereiche definieren. Zahlen sind mathematische Objekte, die in geordneten und definierten bzw definierbaren Beziehungen zueinander stehen.
Zahlen tauchen auch als Ziffern und Nummern auf. Sie markieren Objekte im Sinne einer Etikettierung und Listung. Eine solche Markierung erfolgt im Rahmen eines mengentheoretisch gedachten Zählmodells und reduziert das Objekt auf willkürlich erfasste Merkmale, die es mit anderen Objekten innerhalb einer Menge gemeinsam hat.
Wir gehen in der digitalisierten Postmoderne mit Zahlen- und Symbolcodes, mit Verschlüsselungen der Dinge in Abfolgen von Ziffern und anderen Symbolzeichen nach definierten Ordnungen.
Es gibt aber auch die Zahl als „heilige Zahl“ verstanden.
Bestimmte Zahlen sind Symbole für etwas Mystisches oder Okkultes. Etwa taucht in der Hl. Schrift sehr oft die Zahl 7 als eine Zahl auf, die zur Vollkommenheit Gottes steht, aber als solche nicht erklärt wird. Es ist eine Setzung.
Die Zahlsymbole haben einerseits eine außerhalb der Zahl liegende Bedeutung (etwa die „Vollkommenheit“ denken wir uns auch ohne die Zuordnung zur 7), andererseits suggerieren sie eine Verknüpfung des Begriffes mit etwas Numerischem, können den Zusammenhang aber nicht abstrakt klären. Während mathematische Zahlen formell bleiben, gewinnen sie in der Numerologie einen ontologischen Wert zu ihrem rein formellen Wert hinzu. Uns begegnet ein solche Umgang mit Zahlen oder auch Symbolquantifizierungen zB in der Kabbala, der Alchemie, dem Templermythos, der Freimaurerei, verschiedenen Mystiken, aber auch der Musikphilosophie und der Astrologie. Die Debatte um den „Bibel-Code“, der in den vergangenen Jahren viele faszinierte, gehört mit hinein in dieses Phänomen.

Das bedeutet zusammengefasst, dass wir Zahlen als formelle mathematische Objekte wahrnehmen, mithilfe derer wir unsere Welt quantifizieren und strukturieren. Andererseits finden wir Strukturen in der Natur vor, die wir mithilfe der Zahlen verallgemeinernd beschreiben können.
Eine postmoderne, gefährliche Entgleisung stellt die (digitalisierte) Bezifferung und Codierung von Personen, Personenmengen dar.
Trotzdem kennen wir die „heilige Zahl“ intuitiv und ohne dass wir verstehen könnten, warum sie heilig ist bzw heilige Ordnungen neben zerstörerischen Impulsen darstellen kann.

Ein Trinitarier kann nicht sagen, warum es so wichtig ist, dass Gott „drei in einem“ ist. Die Schrift gibt ihm keinen eindeutigen Hinweis darauf. Die Tatsache, dass Gott sich dem Menschen auf verschiedene, jeweils nicht vergleichbare Weise zeigt, lässt den Schluss auf eine Trinität im Sinne einer geheimnisvollen Summe dreier Personen nicht zu. 1+1+1 ist in der Tat niemals 1, wenn man so will. Aber schon eine Änderung der Beziehung der drei Einsen zueinander, eine Herauslösung aus dem sehr schlichten Summenkonzept ergibt ein anderes Bild: Man könnte es als Potenz oder Wurzel denken, und dann stellt man fest, das 1x1x1 oder 1³ sehr wohl 1 ist oder 1:1:1 ebenfalls 1 ist. Allerdings müsste man dann die Dreierpotenz relativieren und zugeben, dass sie in Wahrheit eine n-Potenz ist. Aber auch bei einer schlichten Summe, die meint, dass 3x1 dennoch 1 bleibt, müsste zugeben, dass n1 = 1. Der Trinitarismus macht sich an dieser Stelle etwas vor. Voraussetzung zu dieser Überlegung ist, dass man die 1 als Basiszahl einer Zahlenreihe annimmt.
Versteht man die 1 anders, nämlich als eine allumfassende Menge aller Dinge, dann passt in sie summarisch und potenziell alles hinein.
Nun haben aber auch die Unitarier ein Problem: Wenn Gott 1 ist im Sinne einer Abgrenzung von allem Potenziellen in der Eins, dann reduziert man ihn auf eine Basiseinheit des Seienden. Mir erscheint das ungehörig — immerhin handelt es sich um Gott und nicht um eine buchhalterische Recheneinheit.

Zahlenmystiker werden mir antworten, hier träfe eben ein numerisch-mystisches mit einem formell-mathematischen Zahlenverständnis zusammen — und zwar werden das sowohl unitarische als auch trinitarische Numerologen so sagen müssen.

Wir befinden uns also in einem Circulus vitiosus.
Warum es heilige und destruktive Zahlsymbole gibt, hat uns noch niemand schlüssig erklären können, aber die Zahlenmagie reizt uns natürlich, uns, die wir „doppelseitig“ angelegt sind mit zwei Armen und Beinen, Augen, Ohren, Nasenlöchern, Lungenflügeln, Nieren, Eierstöcken, Hoden, Brüsten, Hinterbacken…
Was immer wir glauben — Zahlen gehören in unsere Schöpfung hinein.

Ob sie deswegen in den gesamten Kosmos gehören, ist damit nicht bewiesen.
Die meisten Denker gehen davon aus, dass die irdischen Naturgesetze auch im ganzen Kosmos gelten müssten.
Das aber wissen wir nicht.
Und in jedem Fall ist ein umfassender Schöpfergott seiner Schöpfung nicht oder nicht 1:1 unterworfen. Die „Ebenbildlichkeit“ von Mann und Frau zu diesem Gott lässt keine Schlüsse auf die genaue Art des Abbildes zu, schon gar kein numerisches.
Und noch weniger kann man Rückschlüsse vom Abbild auf das Urbild in formeller Hinsicht ziehen. Es bleibt stehen: „Keiner hat Gott je gesehen“.

Ich weiß nicht, warum es so schwer ist, einfach stehenzulassen, dass es in der Schrift den JHWH-Gott gibt, der auch „elohim“ genannt wird, mit einem Plural-Begriff, der auch Menschen gelegentlich zukommt oder den Göttern, die nicht dieser Gott sind, dass daneben Jesus als „Sohn Gottes“ iS eines vollkommenen menschlichen Abbildes erscheint, das uns erlöst, und die gewaltige göttliche „dynamis“ uns als „ruach“ oder „Heiliger Geist“ bzw „Geist Gottes“ begegnet, sich uns selbst kommunikativ mitteilt und uns sogar im Sinne einer Teilhabe an der göttlichen Natur lebendig macht.
Wer will darüber in Zahlenrelationen fachsimpeln?

Samstag, 20. Oktober 2018

Trinitätslehre auf dem Prüfstand - Brief VI an Unitarier und Trinitarier: Das Königtum Gottes



Das Königtum Gottes

I. Begriffe und ihre Verwirrung
II. Sara, die Freie und „Eleuthera“ (das freie Jerusalem)
III. Baalskulte, Hellenismus (Weltweisheit) und geistgewirktes Prophetentum (Chochma)
IV. Millenarismus als Versuchung
V. Der „kosmos“ (Weltordnung) dieses Äons und die dafür gegebene „exousia“ (Vollmacht)
VI. Die herrschaftsfreie Zeit der „Richter“ und ihr Scheitern
VII. „exousia“ und „katechon“ (Vollmacht zur Staatsgewalt und „der, der noch aufhält“)
VIII. Ist die Seele „sterblich“?
IX. Die Ironie der „Vollmacht von oben“
X. Die Frequenz der wahren „malchut“
XI. Schwerter zu Pflugscharen?
XII. Theodizee


I. Begriffe und ihre Verwirrung

Alleine schon die meisten deutschen Übersetzungen der hebräischen und griechischen Begriffe im Alten und Neuen Testament, die dem deutschen „Reich Gottes“ oder dem „Himmelreich“ zugrunde liegen, sind tendenziös und verzerrend. Hebräisch ist die Rede von der „malchut“, griechisch von der „basileia tou theou“. Doch was bedeuten diese Begriffe eigentlich wirklich?

„Malchut“ kommt von „melech“ (König). Das Verb „malach“ bedeutet „regieren“, hängt aber auch mit „nachdenken“ oder „sich beraten“ (nimlach) zusammen. Ein „derech hammelech“ ist ein „gebahnter Weg“, ein „gerader, gangbarer Weg“, der beste Weg gewissermaßen, der, der allen Aspekten gerecht wird. Auf Deutsch nennen wir das metaphorisch, genau wie im Hebräischen, einen „Königsweg“. „Keyad-hammelech“ heißt „großzügig“ oder auch „in Fülle“.
Am ehesten kommt eine Übertragung des Begriffes der „malchut“ mE im deutschen Wort „Königtum“ zum Ausdruck. Es ist weniger ein Innehaben als ein Sein. Nun muss man wissen, dass das Suffix „-tum“ aus dem Althochdeutschen kommt und als „Tuom“ ein eigenständiges Nomen war, das zum Suffix erstarrte. Ein „Tuom“ ist eine „Würde“ oder auch ein „Urteil über ein Tun“, ein „Charakter“, ja sogar ein „Wesen“. „Königtum“ ist also nicht ein Anspruch, ein Besitz oder eine „Macht“ oder gar „Herrschaft“, wie man das verzerrend auf Deutsch so oft überträgt, sondern es ist königliche Autorität, es ist ein Königswesen, es ist ein Adel, der in sich selbst ruht und keiner Machtinsignien bedarf: wer diesen Adel innehat, hat ihn sichtlich und spürbar in sich und aus sich selbst und bedarf weder eines Zeichens dafür noch einer bedrohlichen Ausstattung, die auch noch dem letzten im Feld unter die Nase reibt, dass er sich ja vorsehen soll, weil dieser da nämlich die „Macht“ hat. Wer in einem solchen letzteren, irdischen Sinne „machtvoll“ auftritt, „Macht hat“, ist nichts als ein Blender, Lügner, Betrüger und Gewalttäter — ein wahrer Teufel.


II. Sara, die Freie und die „Eleuthera“ (das freie Jerusalem)

Nun hat aber das Abendland das „Königtum Gottes“ alleine schon durch den unseligen Begriff der „Herrschaft“, der substanziell negativ und gewalttätig vorgestellt werden muss für die, die die Rolle der Unterworfenen darstellen sollen, im Grunde total pervertiert und das Gegenteil daraus gemacht. Echtes Königtum kennt keine „Untertanen“. Die alt- und neutestamentliche Perspektive spricht die, die zu Gott gehören, grundsätzlich als Königliche an. Sie sind eben keine Beherrschten und Unterworfenen, sondern Begnadete und Erhobene wie Maria (Magnificat). Das Neue Testament schärft seinen Lesern doch immer wieder ein, dass sie den Untertanengeist (Röm 8,15. „pneuma douleias“ = „Untertanengeist“) ablegen sollen, denn sie sind „Kinder Saras“, der Freien. Sara stellt allegorisch die „Jerousalem eleuthera“, das „freie Jerusalem“ dar. Und diese „Stadt oben“ ist „meter panton hemon“, „unser aller Mutter“ (Gal 4,21ff), die uns „geboren hat“ (Jes 51,2). Gott selbst gab dieser „unserer Mutter“ ihren Namen „Sara“, und er bedeutet: „Fürstin“, „Herrin“, „Freie Frau“, auch „Vornehme“, aber eben iS der gewaltfreien Autorität, was v.a. in einer Übertragung mit „Vornehme“ deutlicher wird (Gen 17,15). Weil Gott dieses Königtum hier so deutlich an einer Frau, und nicht an einem Mann (!), festmachte, wurde deutlich, dass es nicht um die typische maskuline Gewalt- und Herrschaftsattitüde gehen kann, die unterwirft und erniedrigt, um sich selbst zu erhöhen, sondern um den Stand als „eleuthera“, als Freie, gehen muss. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass es in der griechischen Mythologie die sagenhafte Stadt „Eleutherai“ gab, eine Stadt der Freien, und man hat auch i der Forschung über eine „Göttin der Freiheit“ („Eleuthera“) spekuliert, aber sie ist in der gesamten griechischen Literatur nicht nachweisbar. Diese „Göttin“ ist eine Sehnsuchtsfigur.
Nicht der freie Mann, der doch nur Macht missbraucht, ist Leitfigur der Menschheit, sondern die freie Frau, die aus der Niedrigkeit erhoben wird. Es hat eine tiefe Logik, dass der Messias Jesus sich eben nicht als ein solcher gewalttätiger Mann präsentierte, sondern sich von solchen gewalttätigen Männern erniedrigen ließ.
Die Schrift des AT und NT kennt das, wonach sich auch das Heidentum aus einer Ahnung heraus sehnte: die „Eleuthera“. Es ist nach Paulus Sara, sie ist Allegorie für die Stadt „Jerousalem eleuthera“, und sie ist unsere „Mutter“. Wer von einem freien Mann gezeugt wird, ist nicht unbedingt selber ein Freier. Er kann Hurensohn sein oder Sklave, wie Ismael. Es ist irrelevant, wer der Vater — ist in einem geistlichen Sinn. Gott muss der Urheber sein, aber er wirkt unverrückbar und eindeutig über die Linie der Frau, wie er es angekündigt hatte in Gen 3:
Wer von einer Freien geboren wird, ist frei. Daher rechnet auch das Judentum die Seinen nicht nach der Herkunft vom Vater, sondern von der Mutter. Die Würde als Königlicher kommt eindeutig und verlässlich von der Mutter her. So sind auch in den Ausführungen des Paulus nicht alle Abrahamskinder Freie oder Erwählte, sondern nur die, die von Sara kommen. Die gängige postmoderne Stützung auf die „abrahamitischen Religionen“, um einen scheinbaren Religionsfrieden zu schaffen, ist — gemessen an der biblischen Denklinie — irrig. Nur was sich auf Sara stützt, hat die Verheißung. Sara steht in dieser Rolle als „Gebärerin der Freien“ für das Werk des Heiligen Geistes an den Erlösten und die Neugeburt der Gläubigen kraft Gottes „aus Wasser und Geist“, von der Jesus in Joh 3,5 spricht.
Sara gebar nämlich, wie Paulus schreibt, nicht nach dem Fleisch ihren Sohn, sondern aufgrund der „Verheißung (Gottes)“. Dass alle in dieser Weise Geborenen königlichen Wesens sind und der „göttlichen Natur teilhaftig“, bestätigt uns Petrus (2. Petr 1,4) mit den Worten, wir seien „genos eklekton basileion hierateuma“, ein „erlesenes Geschlecht königlicher Priesterschaft“ (1. Petr 2,9). Diese Rede von der Teilhaberschaft der göttlichen Natur versetzt den so Begnadeten tatsächlich in einen Selbststand, der ihm eigentlich von der „adamah“-Natur her, der Natur aus dem Staub der Erde nicht zukommen könnte. Es ist dies für mein Verständnis ein unerhörtes, atemberaubendes Detail und macht andererseits verständlich, warum einer, der diesen geschenkten Selbststand veruntreut, keine erneute Umkehr mehr vollziehen kann (vermutlich dies die „Sünde wider den Heiligen Geist“). Die königliche Priesterschaft stammt aus der Ordnung Melchisedeks, wird über Jesus Christus vermittelt und macht den Begnadeten wirklich zu einer „neuen Kreatur“. Die Geburt „aus dem Wasser (heraus)“, „ex hydatos“, bedeutet die Anknüpfung an die alte und erste Schöpfung „aus und im Wasser“, also nicht aus der „adamah“, dem Erdboden, den Gott aus der Urflut gefiltert hat, sondern aus dem materiellen Grundstoff, dem Wasser, aus dem diese Erde hier geschaffen ist, von der Petrus unter Bezugnahme auf Gen 1 spricht. Die Geburt aus dem Geist dagegen ist eine neue Beseelung, die man vielleicht parallel zu der im Garten Eden ansehen kann, bei der Gott dem Menschen seinen Odem einblies.
Was aus der alten Schöpfung kam, muss in ihr grundständig „veredelt“ werden in ihrem Urstoff Wasser und bedarf einer ebenso grundständig neuen Beseelung durch den Heiligen Geist. Dass dies so sein muss, geht aus der Tatsache hervor, dass Gott den eigentlich geheiligten „adamah“-Erdboden, aus dem er den Menschen formte, um des Mannes willen verflucht hat (Gen 3,17): aus ihm kann nichts Ungetrübtes mehr kommen, das dem Menschen gewogen wäre. Die Erde trotzt dem Menschen mit Dornen und Disteln und frisst ihn am Ende als Staub wieder auf.

Bereits von hier aus muss man Zweifel anmelden an der unitarischen Sicht, die Toten würde alle grundsätzlich auch mit ihrer Seele schlafen bzw sterben: ein in Christus Entschlafener hat den Heiligen Geist als Anzahlung erhalten, der an der Neuschöpfung dieses Mannes oder dieser Frau arbeitete und ihn oder sie durchwirkte. Sir Anthony Buzzard (s.u.) kann die Frage nicht beantworten, wie die Seele eines Menschen, der so neu beseelt wurde, wenn auch „nur“ in Form einer „Anzahlung“, dann vollständig „gestorben“ sein soll. Stirbt dann auch der Heilige Geist in ihm ab oder verlässt ihn wieder? Wenn aber nicht, wie kann dann der so belebte Teil „schlafen“ iS des Gestorbenseins?

Man merkt schon bei ein klein wenig tieferem Nachdenken, wie wenig wir autorisiert sind, über diese Dinge dogmatische Aussagen zu machen — nicht nur die Kirche nicht, sondern auch unitarische „Reformatoren“ nicht. Wer will hier von sich behaupten, er könne diese Fragen abschließend beantworten? Wer kann so tief in die Dinge sehen, dass er darauf eine Antwort wüsste. Es kann Menschen geben, die von Gott Erkenntnis erhalten, aber sie können sie nicht aussprechen (2. Kor 12,4). Ich möchte davor warnen, die Heilige Schrift wie eine Glaskugel zu Dingen zu befragen, die uns noch verschlossen sind!
Man kann und muss zu Recht das Trinitätsmodell bezweifeln, aber auch hier lehnen sich Unitarier viel zu weit aus dem Fenster: keiner von hat Gott je gesehen, und wir wissen nicht, was es heißt, in einer Sphäre, die auch über den geschaffenen Zahlen steht, „einer“ zu sein!
Ich werde später auf diese Frage des Seelentodes noch einmal zurückkommen in diesem Brief.

Trotz der so eindeutigen alt- und neutestamentlichen Aussage hinsichtlich des Untertanengeistes wird den Christen, v.a. den Frauen und Kindern, allenthalben und seit Jahrhunderten eingeschärft, dass sie den Männern und Vätern „untertan“ zu sein haben in diesem pervertierten Sinne des „Untertans“ als einem Unfreien und animalisch Abhängigen. Aber auch allen sozial Niedrigeren schärfte man Obrigkeitshörigkeit ein. Die, die das den anderen einschärfen, sind die, die sich selbst Herrschaft zuschreiben. Das ist teuflisch!
Die für alle Christen geforderte Haltung des „doulos“ („Sklaven“), die Jesus selbst vorlebte, wurde pervertiert und iS einer Einbahnstraße nur Frauen, Kindern und Untertanen in Monarchien abverlangt. Der „Monarch“ ist der, aus dem alles fließt, er ist der Ursprung des Gemeinwesens, und die „Untertanen“ sind „seine“ Potenziale, die er einsetzt für seine Ziele. Er hat Gewalt über ihre Leiber und Vermögen. Im römischen Recht hatte der „pater familias“ auch das „ius vitae necisque“, das Recht über Leben und Tod, auch den Tod der eigenen Familienmitglieder zu entscheiden, wenn ihm das recht erschien. Was wir heute noch bei den Muslimen beklagen, wenn sie Ehrenmorde begehen: das ist das alte, natürliche „Recht“ in diesem „kosmos“. Auch das kirchliche Verständnis, man könne innerhalb der ersten 90 Tage abtreiben, ohne schwer zu sündigen, das bis weit ins 19. Jh galt, kommt daher und setzt sich heute in einer Übertragung dieses Rechtes auf die Mütter in der modernen Abtreibungsgesetzgebung fort. Darin steckt die alte Herrschaftsattitüde des Mannes, die nun auch der Frau übertragen wird. Die, die Feindin der Schlange ist, nach Gottes Willen, wird nun, am Ende der Zeiten, mit hineingerissen in die maskuline Vermessenheit. Keine Frau sollte sich mit diesem teuflischen System gemein machen — weder dem alten patriarchalen, maskulinen, das sie unterjocht hat, noch dem neuen, das sie zur Mitunterjocherin animieren will! Seht euch die Gestalten des Grauens an, die nun als Frauen über uns herrschen…
Und seht auf den Christus, der dem Mann zeigte, wie er sein soll und die Frau darin bestärkt hat, sich nicht darüber zu grämen, in diesem „kosmos“ nichts zu gelten. Beiden begegnete er mit gerechter und ausgleichender Liebe und Demut. O mein Gott!
Die ursprüngliche Bedeutung dieser Forderung nach „Unterordnung“ und „Dienersein“ Jesu hatte sich aber nicht an die gerichtet, die sowieso schon unterworfen wurden in diesem „kosmos“, also nicht an Frauen, Kinder und Untertanen gerichtet, sondern an die, die glauben, sie seien Herren über Untertanen (Mk 9,30ff).
Es ist aber — welche Tragik! — ein Topos geworden, dass die, die unter Christen herrschen oder herrschen wollen, den anderen die biblische Forderung nach Unterordnung vorhalten.
Die paulinischen Aufforderungen zur Unterordnung meinen keine Restauration des Untertanengeistes, sondern eine Gleichgültigkeit gegenüber der irdischen Ordnung nach dem Fleisch: Man soll nicht gegen sie aufbegehren, bleibt ein „Freier“ in jedem Stand — es lohnt nicht, diese Welt zu ändern, weil sie vergeht und wir auf ein Neues zuleben. Wie Jesus es so oft betonte, werden in seinem Reich die, die hier im Fleisch die Ersten waren, sehr oft oder sogar fast immer die Letzten sein. Wer klug ist, sollte also hier keine „angeborene“ oder „zugeteilte“ Dominanz für sich beanspruchen… Denkt also einmal scharf nach, all ihr Männer, die ihr euch durch den Feminismus betrogen fühlt! Und auch ihr, ihr Frauen, denkt nach: was gewinnt man geistlich, wenn man nun auch hier in diesem Leben Erster sein will und dort doch auf dem letzten Platz sitzen wird? Die irdische Ungerechtigkeit gegen die Frau ist eine Tatsache, aber singt doch mit Maria, die hoch erhoben wurde über die Mächtigen, lasst euch nicht irritieren… Uns geht nichts ab, wir sind Saras Töchter (zu Saras Größe s.u.)
Jesus warnt alle, die meinen, sie hätten Vorrang, in seinem Gleichnis von dem Mann, der sich an die erste Stelle im Reich Gottes setzt und später den Platz räumen muss, weil der Hausherr ihn auf einen der hinteren Plätze komplimentieren muss (Lk 14,7ff).
Es ist im Ergebnis ja mehr als deutlich, dass vor Gott kein Mensch der Untertan des anderen sein kann, selbst dann nicht, wenn zwei Christen äußerlich in einer solchen sozialen Konstellation nach den sozialen Ordnungen dieses „kosmos“ leben (vgl. Philemonbrief). Dem Christen ist eben nicht die Herrschaft über andere aufgetragen, sondern die Unterordnung aller gegenüber allen: „Einer achte den anderen in Demut höher als sich selbst!“ (Phil 2,3) Wer den anderen oder die andere in Christus „Herrn“ oder „Herrin“ nennt, der erfüllt das Gesetz Christi… Nur so kann man auch den Hinweis des Petrus verstehen, Sara habe ihren Mann „Herr“ genannt. Damit meint er nicht, dass Frauen sich nun als zweitrangig ansehen sollen vor Gott, sondern er meint, dass ein gläubiger Mensch immer den anderen als „Herrn“ oder „Herrin“ anspricht — schließlich tat Sara es als diejenige, die selbst von Gott als „Herrin“ und „Vornehme“ umbenannt wurde. Abraham sollte auf Geheiß Gottes seine Frau künftig „Herrin“ nennen — wie anders also hätte es recht sein können als so, dass auch sie ihn umgekehrt so benennt? Denen, die uns äußere Unterwerfung abtrotzen, sollen wir sie, der Bergpredigt nach, gewähren oder nicht verweigern — wer so handelt, ist bereits jetzt ein König, wie Jesus es war. Unseren Geist aber kann und darf niemand unterwerfen. Ich muss dabei an das Beispiel Bonhoeffers denken, der im Gefängnis dennoch von den Wärtern und Mitgefangenen wie ein „Herr“ wahrgenommen wurde.

III. Baalskulte, Hellenismus (Weltweisheit) und geistgewirktes Prophetentum (Chochma)

Natürlich ging dieser christlichen Perversion eine entsprechende Perversion in der Theologie Israels voraus. Man liest oft in der schlichten evangelikal geprägten Literatur, nun auch aufseiten der Unitarier, man müsse zurückkehren zum „jüdischen“, hebräischen oder alttestamentlichen Denken. Wer so argumentiert, übersieht, dass es dieses „hebräische“ Denken als einen „Guss“ nicht gibt. Die Verfremdung des Verstehens zeichnet nicht nur die Zeit der Kirche, sondern längst der Israeliten, wie jeder sofort bemerken kann, der einmal den Talmud aufgeschlagen hat oder sich klarmacht, welche katastrophalen Lehren die „Gesetzeslehrer“, wie der berühmte Rabbi Hillel, zur Zeit Jesu bereits verbreitet haben, um von den jüdischen Hellenisten wie Philo von Alexandrien erst gar nicht zu reden, deren Einfluss auf das kirchliche Denken sogar außerordentlich stark war und sich in manchen angeblichen oder wirklichen Paulusstellen ausdrückt, für die es überhaupt keinen alttestamentlichen Anhaltspunkt gibt, dafür aber zahlreiche hellenistische, frühjüdische Belege! Ob es um einen „dritten Himmel“ (von insgesamt sieben), angeblich gebotene Kopfschleier für betende Frauen, angeblich „schändliche“ Kopfbedeckungen für betende Männer oder längere Haare oder emanativ gefärbte angebliche „ontologische Rangordnungen“ von „Abglanz“ (etwa „Gott-Christus-Mann-Frau“) geht — all das wird im AT mit keinem einzigen Wort erwähnt und mit keiner einzigen Gedankenfigur nahegelegt, sondern ganz im Gegenteil widersprechen solche Ideen dem, was man dort findet. Auch findet sich nichts davon in den Evangelien, erst in der NT-Briefliteratur taucht das auf und kommt eindeutig aus dem zeitgenössischen philosophischen Denken, das aus dem Heidentum und frühjüdischen Begrifflichkeiten, die nicht mehr aus dem AT stammen, tief ins entstehende Judentum eingedrungen war. Nicht umsonst gilt Paulus in der Fachliteratur als derjenige Autor des NT, der den Gnostikern am meisten „Stoff“ gegeben hat, um ihre Gedanken zu entwickeln. Ich habe allerdings an einigen der besagten Stellen aus verschiedenen Gründen den Verdacht, dass Paulus diese Ideen entweder gerade nicht propagiert, sondern aufgreift, aber abwehrt, oder aber irgendein früher Abschreiber den Text manipuliert hat. Andererseits war auch Paulus nur ein Mensch und kann geirrt haben. Es ist auffallend, dass all jene Stellen um Machtkonstellation im Fleisch gehen — ob es um Untertanengeist gegenüber politischer Macht geht oder Maskulinismus: Paulus hebt all das in anderen Stellen oder sogar an derselben Stelle wenige Sätze später wieder auf, kann das also so nicht verstanden wissen wollen haben. Was bei ihm „gnostisch“ klingt, also „in der ihm geschenkten Weisheit“ gesagt wird, kann das sein, wovon Petrus schreibt, viele würden es zu ihrem Verderben verdrehen. Das Aufgreifen hellenistischer Ideen bedeutet weder, sie zu akzeptieren noch zu „christianisieren“. Es kann eher ein Aufgreifen sein, um es abzulegen, geschrieben für die, deren ganzer Geist hellenisiert war und nur schwer davon loskam. Die satanische Machtbegründung, die in diesen Stellen hindurchschimmert, ist nicht die, die uns die Schrift im AT vor Augen führt — im Gegenteil. Wie tief sich das hellenistische Denken im Heidentum und im Judentum bereits eingefressen hatte, und wie weit es bereits die alttestamentliche Vorgabe pervertiert hatte, kann man leicht erkennen, wenn man sich mit den wenigen erhaltenen, frühchristlichen Schriften befasst. Aber auch die Apostelgeschichte erwähnt eine heftige Auseinandersetzung des Paulus mit den Hellenisten (Apg 9,29) — mit dem Ergebnis, dass jene ihn ermorden wollten. In vielen Übersetzungen steht an der Stelle, er habe mit „Griechen“ diskutiert. Im Urtext steht jedoch, er habe mit „Hellenisten“ debattiert. Gemeinhin waren das keine Griechen, sondern Juden, die griechisch sprachen und vom Hellenismus stark durchsetzt waren. Die Übereinstimmung zwischen ihnen und Paulus dürfte demnach nicht all zu groß gewesen sein.

Immer wieder fällt mir auf, dass Menschen die Widersprüchlichkeiten in den biblischen Texten durch Hinzunahme schriftferner Aussagen oder Weglassen von Schriftpassagen „lösen“.
Auch die israelitische „Lehrer“-Schicht zur Zeit Jesu indoktrinierte die Menschen in die genannte Richtung: die „malchut“, das muss eine machtvolle Emporhebung Israels sein, wenn der Messias kommt, der natürlich ein gewaltiger Kämpfer und Krieger sein wird und die Rolle eine Weltkönigs einnehmen wird.
Es ist dies aber — auch wenn diese Deutung dominant werden konnte — nicht die prophetische Tradition des Begriffes.

IV. Millenarismus als Versuchung

Postmoderne Unitarier greifen einerseits zurück auf das bereits verbogene „irdische“ Verständnis des Frühjudentums über diese „malchut“, andererseits wollen sie ein biblisches Motiv wieder aufgreifen, das die Kirche unterschlagen haben soll.
Die Sache ist komplizierter, zumal die Kirche ja sehr wohl ein Friedensreich nach der Wiederkunft Jesu Christi bekennt. Nur hält sie sich zugleich bereits für den Beginn dieses Friedensreiches, für ein symbolisch verstandenes Millennium, auf das später, nach dem Gericht, das Paradies folgen wird. Ich habe dieses Bekenntnis der Kirche in meinem Buch „Sakrament und Macht“ aus dem modernen Katechismus der katholischen Kirche und dem „Catechismus Romanus“ nachgewiesen. Die Evangelische Kirche in Deutschland mag darüber anders denken.
Die Schwierigkeiten mit dem einzigen Hinweis auf ein „Millennium“, einen Zeitraum von 1000 Jahren, in denen der Christus mit denen, die bei der ersten Auferstehung wieder erweckt wurden, regieren wird, liegen in dieser Textstelle selbst begraben, wie ich im 5. Brief angedeutet habe. In der Tat spricht Apk 20 eben von keinem „Reich“, keiner „malchut“ und auch keiner „basileia tou theou“. Apk 20 sagt uns, dass der Satan für 1000 Jahre gebunden wird, danach aber noch einmal losgelassen werden muss. Während dieser 1000 Jahre werden die, die das Malzeichen des Tieres nicht angenommen haben und getötet worden sind, auf Throne erhoben, um ein „krima“ (lat. ein „iudicium“) zu erstellen, ein Urteil (V 4). Es ist dieser Zeitraum also kein „Reich“, sondern der Zeitraum, in dem ein Gericht vorbereitet wird. Die gerichtet werden, sind noch nicht auferstanden, der Satan ist gebunden, um die, die auferstanden sind aus den Nationen und das Gericht vorbereiten, nicht mehr zu verwirren.
Dennoch behauptet etwa Sir Anthony Buzzard in seinem Buch „Das Königreich des Messias“ , in diesen 1000 Jahren verwirkliche sich ein Friedensreich, und zwar jenes, das uns im AT als „malchut“ und in den Evangelien als das nahe herbeigekommene Reich Gottes angekündigt worden ist. Er blendet aus, dass in Apk 20 ausdrücklich gesagt wird, dass diejenigen, die nicht selig verstorben sind, in dieser Zeit noch nicht auferstanden sein werden. Auch übergeht er die Tatsache, dass hier nicht von einem „Reich“ die Rede ist, sondern von einem „krima“, das vorbereitet wird. Auch die eigentümliche Tatsache, dass der Weltenrichter Christus eben nicht alleine urteilt, sondern alle, die zu ihm gehören, als Urteilende einsetzt, wird von Buzzard weggelassen — denn diese Vision zeigt uns, wie der Christus „herrscht“: gar nicht im herkömmlichen Sinn, sondern verwoben mit den Seinen, denen er sogar das Urteil über die Welt übergibt. Auch aus den Folgekapiteln geht hervor, dass es die Schar der Erlösten sein wird, die dieses Gericht vollzieht — mit ihrem Herrn natürlich, aber es ist offenbar in ihre Hände gelegt. Dafür spricht auch der Satz in 1. Kor 6, 2ff, in dem gesagt wird, dass die Heiligen die Welt und Engel richten werden! Es ist absolut sinnvoll, wenn in Apk 20 davon gesprochen wird, dass Christus mit den Seinen „regiert“ — ich habe das im 5. Brief bereits erklärt. Es meint keine „Herrschaft“ (denn es wäre zu fragen, über wen eigentlich, wenn alle herrschen und niemand beherrscht wird?!), sondern die sorgfältige Gerichtsvorbereitung, die nicht in einem luftleeren Raum stattfindet, sondern unter der Führung Jesu Christi und der Seinen.
Buzzard behauptet ohne weitere Auseinandersetzung mit den Worten Jesu: „Wir sollten noch hinzufügen, dass das Reich GOTTES auf der Erde die organisatorische Mitte der gesamten Heiligen Schrift und der Kern der rettenden Botschaft ist, die Jesus verkündigt hat.“ (Buzzard S. 86)
Nun stimme ich ihm generell zu in dieser Aussage, aber seine Behauptung, es sei ein „Reich Gottes auf Erden“, ohne sich mit dem Endgericht und der Vernichtung der Erde auseinanderzusetzen, ist nicht nur unvollständig, sondern auch nicht ganz redlich. Buzzard müsste doch wissen, dass diese echte „malchut“ kein Ende haben wird, wie es der Engel zu Maria sagte, und daher mit einem Millennium, das selbst zeitlich begrenzt wäre und durch die Nennung eines Zeitrahmens ja gerade als Begrenztes und darum noch nicht als „Reich Gottes“ Qualifizierbares deutlich wird, nicht identisch sein kann! Er übergeht aber alle diese Stolpersteine im Buch der Offenbarung, von denen in den Evangelien und in der NT-Briefliteratur ganz abgesehen.

Hochproblematisch ist folgende Sicht Buzzards, die ich etwas länger zitieren will (Buzzard S. 92):

Die äußerst wichtige Wahrheit des Evangeliums ist, dass Abraham tatsächlich in dem Land der Verheißung lebte (Hebr 11,9). Das beweist unbestreitbar, dass das verheißene Land nicht der „Himmel“ ist, ein von diesem Planeten weit entfernter Ort. Das verheißene Land war ein Gebiet im Mittleren Osten. Dieses Gebiet bleibt das verheißene Land. Es wird das Zentrum des zukünftigen Königreichs sein. Sein rechtmäßiger König, der Messias, wird wiederkommen, um dieses Land zu übernehmen und seine Herrschaft rund um die Welt auszudehnen. Das verheißene Land ist deshalb nichts anderes als das verheißene Reich GOTTES, das den Mittelpunkt des rettenden Evangeliums Jesu bildete. Jesus konnte auf Grund göttlicher Verheißung gleichermaßen sagen: „Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben“ (Matth 5,5) und „Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel“ (Matth 5,3). (Der jüdische Ausdruck „Reich des Himmels” bzw. „Himmelreich“ (der nur von Matthäus benutzt wurde) bedeutet das Selbe wie „Reich GOTTES“. Der Ursprung dieses Reiches ist göttlich, himmlisch, aber es bedeutet nicht, dass es im Himmel gelegen ist. Noch wird es von GOTT im Himmel aufbewahrt, bis Jesus auf die Erde zurückkehren wird, um es dann von Jerusalem aus aufzurichten (1.Petr 1,4; Kol 1,5).“

Problematisch ist dabei nicht der wirklich verdienstvolle Aspekt Buzzards, dass eine solche „malchut“ unbedingt zu erwarten ist, sondern die Zuordnung, die er vornimmt.
Die schlichte Identifikation der Verheißungen auf diese Erde ist nicht richtig und widerspricht der Schrift. Auch das Fettdrucken von „das Land“ ist nicht aussagekräftig, denn Jesus hat nicht gesagt, wo dieses Land sein wird. Es ist eben nicht nur der „Ursprung“ dieser „malchut“ himmlisch, sondern sie selbst ist himmlisch: Jesus spricht von einer „basileia ton ouranon“, einem „Reich der Himmel“. „Ouranos“ ist das „Himmelsgewölbe“, das Firmament, von dem Gen 1 spricht, das fest gebaut ist und keine sich ausdünnende Atmosphäre, die ins Hochvakuum übergeht, wie uns die moderne kosmologische Ideologie glauben machen will. In antiker Vorstellung ist „Ouranos“ der Ort, an dem Gott bzw die Götter sind. Das „Reich der Himmel“ ist wesentlich eines, in dem Gott unverschleiert und mit allen überdeutlich verbunden anwesend ist. Es kommt in der Tat der „Himmel auf Erden“, weil Gott mit den Seinen leben wird. Die wechselweise Bezeichnung des künftigen Königtums als „Himmelreich“ oder „neue Erde“ oder „Reich Gottes“ sagt uns doch logisch eines ganz klar und deutlich: dass dies verschränkt sein wird, dieses Reich, dass es im Himmel und auf der Erde sein wird. Es werden zwei Sphären ineinander geschoben sein. Nicht nur eine neue Erde wird erwartet, sondern auch ein neuer Himmel (s.u.)!
Nur auf welcher Erde?

Leider setzt sich Buzzard überhaupt nicht mit der Aussage Petri auseinander, die ich, um wachzurütteln für das, was wirklich im NT steht, auch ganz zitieren will:

„3 Dies sollt ihr vor allem wissen: In den letzten Tagen werden Spötter kommen, die ihren Spott treiben, ihren eigenen Begierden nachgehen
4 und sagen: Wo bleibt seine verheißene Ankunft? Denn seit die Väter entschlafen sind, bleibt alles wie von Anfang der Schöpfung an.
5 Wer das behauptet, übersieht, dass es einst die Himmel gab und eine Erde, die aus dem Wasser entstand und durch das Wasser Bestand hatte auf das Wort Gottes hin.
6 Durch dieses wurde die damalige Welt vom Wasser überflutet und ging zugrunde.
7 Die jetzigen Himmel aber und die Erde sind durch dasselbe Wort für das Feuer aufgespart worden. Sie werden bewahrt für den Tag des Gerichts und des Verderbens der gottlosen Menschen.
8 Dies eine aber, Geliebte, soll euch nicht verborgen bleiben, dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind.
9 Der Herr der Verheißung zögert nicht, wie einige meinen, die von Verzögerung reden, sondern er ist geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle zur Umkehr gelangen.
10 Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb. Dann werden die Himmel mit Geprassel vergehen, die Elemente sich in Feuer auflösen und die Erde und die Werke auf ihr wird man nicht mehr finden.
11 Wenn sich das alles in dieser Weise auflöst: Wie heilig und fromm müsst ihr dann leben,
12 die Ankunft des Tages Gottes erwarten und beschleunigen! An jenem Tag werden die Himmel in Flammen aufgehen und die Elemente im Feuer zerschmelzen.
13 Wir erwarten gemäß seiner Verheißung einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt.

Diese Welt hier, die noch abgeleitet ist von der vorsintflutlichen Schöpfung „aus und im Wasser“ (V 5), wird „für das Feuer aufgespart“ (V 10) und vollständig vergehen. Dies wird nach dem Gericht geschehen, von dem Apk 20 spricht — also nach diesen 1000 Jahren Vorbereitung auf das Gericht, in denen der „Drache“ gebunden ist. Die Erwähnung der 1000 Jahre hier bei Petrus lässt uns erahnen, dass diese Zahl auch in Apk 20 symbolisch gemeint sein könnte für einen langen Zeitraum, der vor Gott aber dennoch kurz sein wird.

Es wird definitiv auf dieser Erde keine „malchut“, kein „Reich Gottes“ sichtbar aufgebaut, wie Buzzard es behauptet, aber es ist „nahe herbei gekommen“, wie an vielen Evangelienstellen bezeugt wird! Es ist nah herbei gekommen insofern, als es bald aufgerichtet wird, aber es ist noch fern, weil es nicht auf dieser Erde in diesem Äon geschehen kann. Nah ist es auf dieser Erde auch deshalb, weil es bereits als etwas im Himmel Aufbewahrtes wartet und durch unsere Geistbeseelung in dieses Äon hineinragen kann. Diese Erde muss erst vergehen, bevor es ganz wirklich werden kann für uns.
Ja, wer genau gelesen hat, dem kann nicht entgangen sein, dass nicht nur diese Erde, sondern sogar „die Himmel“ vollständig vernichtet werden. In V 12 sind es sogar die Himmel, die zuerst vergehen werden. V 13 erinnert uns daran, dass wir nach dieser vollständigen Vernichtung dieser Erde und der Himmel einen „neuen Himmel und eine neue Erde“ erwarten dürfen. Wenn das so ist, kann die „Herrschaft“ des Messias natürlich auch nicht von dem jetzigen Jerusalem aus geschehen. Das jetzige Jerusalem ist selbstverständlich ebenso wie das Heilige Land fürs Feuer aufgespart. Nicht umsonst spricht Paulus in Gal 4 von der „himmlischen Stadt“ — einer Stadt, die vom Himmel kommt und eine neue Erde begründen wird, nicht auf der alten Erde neue Zustände einführen wird. Das jetzige Jerusalem ist nach Paulus in Gal 4 die Stadt der Sklaven, die Stadt Hagars, der Unfreien, und die sie bewohnen sind nicht Saras Kinder! Wollen wir, wenn wir in das heutige Jerusalem sehen, diese missbrauchte Stadt der Kinder Hagars, die sich im Judentum zuhauf ebenso finden wie im Islam und den unseligen Kirchen, im Ernst auch nur mit einem Gedanken erwarten, dass sich dort die Stadt Saras befinde?!
Apk 20-22 bestätig eindeutig, dass „der erste Himmel und die erste Erde“, also die, von denen Petrus schrieb, sie seien aus und im Wasser (man lese dazu noch einmal mit kritischen Augen den Schöpfungsbericht in Gen 1!), „vergangen“ sein werden. Und dies gründlich.
Das Bestandselement der ersten Schöpfung, nämlich das Wasser, das als „t’hom“ („Urflut“) über dem Himmel ist und aus der Tiefe die Wasser speist, die auf unserer jetzigen Erde sind (das Meer, Flüsse, Bäche, Quellen, Wolken etc.), v.a. die weiten Meere („majim“), wird in dieser Form nicht mehr sein: „Das Meer ist nicht mehr“ (Apk 21,1).
Das „neue Jerusalem“ aber kommt vom Himmel herab (V 2). „Von Gott her“, sagt der Seher Johannes hinzu, damit klar ist, dass diese neue Schöpfung nicht einfach nur die alte ein bisschen aufpoliert, sondern etwas völlig anderes, Neues sein wird, das aus dem „Himmel“, also aus der Region Gottes dem Menschen förmlich „zukommt“ oder „zuwächst“ – daher betete man in der katholischen Kirche früher im Vaterunser für „adveniat regnum tuum“ sachlich korrekter als heute „Zukomme uns dein Reich“. Man bat nicht nur, dass es irgendwie kommt, sondern dass es auf uns — als etwas gänzlich anderes — zukommt. Die Nacht wird nicht mehr sein, es wird keine Tränen mehr geben („Wasser der Trauer und des Schmerzes“!), der Tod wird nicht mehr sein und nicht mehr die „scheol“.
Und wie um uns einzuschärfen, dass diese „malchut“, von der die Propheten sprachen, eben nicht auf dieser Erde sein wird, die jetzt noch ist, sagt die göttliche Stimme vom Himmel her:
„Seht, ich mache alles neu.“ (V 5)
Und „alles“ heißt nun mal „alles“!
Warum beachtet Buzzard das nicht?
In so vielem kann man ihm rechtgeben, denn es ist wahr, dass viele Christen zwar theoretisch diese „malchut“ als Ziel der Heilsgeschichte bekennen, praktisch aber ganz außer acht lassen oder rein politisch für dieses Äon deuten. Tut aber Buzzard im letzten Ende wirklich etwas anderes? Ich sehe eine große Verwandtschaft zwischen seiner Deutung und der der Progressisten, die etwa die Befreiungstheologie vertreten. Buzzard bekennt leider nicht den neutestamentlichen klar bezeugten Glauben an eine vollständig neue Erde und einen vollständig neuen Himmel…

Wesentlich erscheint mir auch, wie schon erwähnt, der Aspekt zu sein, dass die Auferstandenen, die ja aus der „adamah“, dem bevollmächtigten Erdboden einst geschaffen wurden und damit zu dieser Erde gehören und von ihr abgeleitet sind, leiblich „verwandelt“ werden müssen, um die Vernichtung der jetzigen Erde im Feuer zu überstehen. Dieser leibliche Neubeginn kommt aus dem Wasser, wird aber noch zurückgehalten. Auch darauf geht Buzzard gar nicht ein. Er spricht nur ganz allgemein von der geistigen Wiedergeburt, nicht aber von der Notwendigkeit eines neuen Leibes, der zu der neuen Schöpfung passen muss.
Nur von einer vollständigen Auflösung der jetzigen Schöpfung her kann man die künftige „malchut“ recht verstehen und die „Unterordnungs“-Appelle im jetzigen, „fleischlichen“ System richtig und geistlich einordnen! Ignoriert man die vollständige Verdorbenheit gerade dieses Systems (nicht der einzelnen Menschen!) dieser Welt und ihre totale Ungeeignetheit, die „malchut“ zu erklären, kann man nur im Abgrund und einer antichristlichen Auffassung landen — ob man die „malchut“ oberflächlich glaubt oder nicht, macht keinen Unterschied mehr. Man hat aber, gerade auch im Protestantismus, diese Konstellation umgedreht: der einzelne Mensch wurde als total verdorben angesehen und als eigentlich Schuldiger für das böse System der Welt angeprangert, der immer in sich selbst die Ursache für die unguten Zustände suchen müsse, wohingegen man behauptete, das System dieser Welt mit ihrem Herrschaftsgefüge stamme von Gott oder bilde himmlische Realitäten ab (letzteres ist eher eine katholische Ausformung derselben Ideologie). Das ist eine geradezu boshafte Verdrehung der Konstellation. Das Maß des einzelnen Menschen gibt es nicht — der einzelne ergibt sich diesem irdischen „kosmos“ oder eben auch nicht. Aber der irdische „kosmos“ ist durchweg verdorben.

V. Der „kosmos“ (Weltordnung) dieses Äons und die dafür gegebene „exousia“ (Vollmacht)

Unglückseligerweise scheint für diese mE falsche Sicht Paulus den Anstoß gegeben zu haben. Der Abschnitt in Röm 13,1-7 wirkt wie ein Hohn angesichts der Realität satanischer und korrupter Obrigkeiten, die das Böse tun und ganze Völker in den Abgrund stoßen, Menschen vernichten, blutrünstig über die Erde fahren wie ein Dämonenheer und ungerecht richten, die wir erleben, aber auch angesichts der Worte Jesu, der Obrigkeiten als ausbeuterisch und gewalttätig zeichnete und den Christen untersagte, sich so zu „systematisieren“: bei ihnen sollten die Ersten die Sklaven aller werden (s.o.) — wieso lobt nun Paulus, der am Ende selbst dieser Macht zum Opfer fiel, diese Obrigkeiten in den höchsten Tönen und setzt sie gar mit einem göttlichen Auftrag gleich?! Das ist so offenkundig, auch nach dem AT, das ganze Serien von satanischen Regierungen anprangert (!), unsinnig, dass man fragen muss, was diesen Worten zugrunde liegen könnte, wenn sie so wirklich von Paulus stammen und nicht ein kleines, eingefügtes Bonbon der nachkonstantinischen Kirche sein sollten:

„1 Jede Seele unterwerfe sich den übergeordneten staatlichen Mächten! Denn es ist keine staatliche Macht außer von Gott, und die bestehenden sind von Gott verordnet.
2 Wer sich daher der staatlichen Macht widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ein Urteil empfangen.
3 Denn die Regenten sind nicht ein Schrecken für das gute Werk, sondern für das böse. Willst du dich aber vor der staatlichen Macht nicht fürchten, so tue das Gute, und du wirst Lob von ihr haben;
4 denn sie ist Gottes Dienerin, dir zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, so fürchte dich! Denn sie trägt das Schwert nicht umsonst, denn sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe für den, der Böses tut.
5 Darum ist es notwendig, untertan zu sein, nicht allein der Strafe wegen, sondern auch des Gewissens wegen.
6 Denn deshalb entrichtet ihr auch Steuern; denn es sind Gottes Diener, die eben hierzu fortwährend beschäftigt sind.
7 Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid: die Steuer, dem die Steuer; den Zoll, dem der Zoll; die Furcht, dem die Furcht; die Ehre, dem die Ehre gebührt!

Zunächst ist die Essenz dieses Abschnittes eher die, dass es eine Rechtsprechung geben muss in diesem Äon, um die Bösen einzudämmen und die Guten zu schützen. Es muss gerecht und ohne Willkür Recht gesprochen werden (worauf auch das Gesetz des Mose bereits verweist), und der Gute muss sich selbstverständlich nicht fürchten. Nun zeigt aber das Beispiel des Paulus selbst, der von diesen ungerechten Gerichten ebenso wie Jesus zu Tode gebracht wurde, dass diese Obrigkeiten pervers sind und das Gegenteil von dem tun, was sie tun sollten. Paulus misst dem Gesetz an anderer Stelle heilsgeschichtlich nur einen erzieherischen Wert zu, aber keinen ontologischen, denn jeder weiß, dass kodifiziertes Recht automatisch ungerecht wird, weil es niemals dem individuellen Fall gerecht werden kann und noch dazu von Sündern verwaltet wird. Die strengen Lehrer, Thaumaturgen und Exorzisten nannte Jesus „Gesetzlose“ (Mt 7,21f). Die superfrommen Gesetzeslehrer und Pharisäer nennt Jesus ebenfalls „Gesetzlose“ (Mt 23,28). Ein wahres „Recht“ kann nur im Herzen und in der Gottes- und Nächstenliebe lebendig sein. Die Tora schärft allerdings den Israeliten ein, dass sie nicht willkürlich und einer Mehrheit zuliebe das Recht beugen dürfen. Die Tora nimmt eine Mittlerstellung ein zwischen dem Gesetz, das von Gott selbst in ein erneuertes Herz eingeschrieben wird und dem Gesetz des Stärkeren oder der Mehrheit und bleibt als Zeichen auf ein objektives Recht wirksam. Als ein Zeichen — hinsichtlich einer wirklichen Erlösung und Heilung ist es unnütz, wie Paulus sagt. Sein Buchstabe vermag kein Leben zu geben, sondern tötet.

Bezeichnenderweise spricht der griechische Text nicht von „staatlicher Gewalt“, sondern von „exousia“, ein Begriff, der weder natürliche oder eigenständige Dominanz (was es systematisch ohnehin nicht geben kann, wo echte Souveränität vorliegt!) noch eine Befähigung bedeutet, sondern lediglich eine legitime Übertragung einer bestimmten, umgrenzten Vollmacht — hier eben der, Recht zu sprechen und Steuern einzutreiben. Jesus weist aber radikal darauf hin, dass die, die bei den Nationen als Große gelten, ihre Untertanen beherrschen und Gewalt gegen sie ausüben, dies aber unter Christen unter gar keinen Umständen sein soll (Mk 10,42). Jesus weist solche Herrschaft außerdem den „Nationen“ zu.
Man muss im Hinterkopf behalten, dass Gott ursprünglich keine Fürsten über sein Volk gesetzt wissen wollte und nur in seinem Zorn zustimmte, als es nach Jahrhunderte langer abscheulicher Abgötterei und einer krönenden Schandtat an einer Frau, einem darauffolgenden Bürgerkrieg und einem kurzen Luftsammeln unter dem Propheten Samuel danach verlangte (1. Sam 8). Es sind ganze Geschichts- und Prophetenbücher, endlose Klagegesänge und Litaneien gegen die Großen und Obrigkeiten im AT, die die Absetzung dieser Mächte ankündigen bis hin zu Maria, der Mutter Jesu, die in ihrem Lobgesang eben jenen Sturz der Mächtigen mit der Geburt ihres Sohnes prophetisch voraussagte (Magnificat). Was Israel widerfuhr, ist zeichenhaft: Wegen seiner verkommenen „exousia“ wurde es immer wieder zerstreut und vernichtet. Ob Paulus wirklich entgegen diesem durchgehenden und eindeutigen Zug im AT und den Worten Jesu und Mariae argumentieren wollte? Ich glaube das nicht, auch dann, wenn man annehmen kann, dass Paulus vieles gar nicht wusste und die genauen Umstände um Jesus vielleicht gar nicht vollständig erfahren hatte.

Der Prophet Hosea schrieb (Hos 13):

„10 Wo ist nun dein König, dass er dich rette in all deinen Städten, und wo deine Richter, von denen du sagtest: Gib mir einen König und Obersten?
11 Ich gab dir einen König in meinem Zorn und nahm ihn weg in meinem Grimm.“

Es ist deutlich: Gott wollte niemals, dass es eine solche „exousia“ gibt — es war das Volk, das dies wollte nach dem Vorbild der Nationen. Diesem Wunsch war die bereits angedeutete, verheerende Geschichte vorausgegangen, die ich gleich ausführlicher darstellen will. Ohne sie versteht man die Zusammenhänge nicht.
Paulus’ Rede davon, dass die „exousia“, die „Vollmacht“, von Gott komme, muss man subtil verstehen: sie wurde von Gott tatsächlich verliehen, aber „in seinem Zorn“, weil die Menschen ihn nicht mehr wollten als ihren Herrn. Sie haben an seine Stelle irdische „exousia“ gesetzt … und bekommen. Sie haben nun das, was sie wollten: Männer, die sie beherrschen und unterdrücken.
Erinnert werden muss hier unbedingt an die Richterzeit, in der es keine Könige und Oberen gab. Der Richter bzw die Richterin sprach Recht und führte das Heer an. Die Richter hatten teilweise einen prophetischen Charakter. Aber „exousia“ im Sinne der heidnischen „Obrigkeit“ hatten sie nicht, sie waren keine „Archonten“ (s.u.), denn das kam nur Gott alleine zu. Wer die Geschichte der Richter liest, merkt schnell, dass sie nur in der ersten Hälfte dieser 200 Jahre gottgefällige Leute, allerdings inmitten eines abgöttischen Volkes, waren.

VI. Die herrschaftsfreie Zeit der „Richter“ und ihr Scheitern

Wer waren die Richter? Sie waren als Nachfolger Moses, Aarons und Miriams gedacht. In Micha 6,4 erinnert Gott die Israeliten, dass er „Mose, Aaron und Mirjam vor ihnen hergesandt“ habe. Diese drei Gestalten entsprechen am ehesten dem Willen Gottes in der Führung eines Volkes. Es ist — nebenbei gesagt — anhand dieser ausdrücklichen Nennung Mirjams ganz klar, dass Frauen sehr wohl führen sollten und konnten, und die spätere Richterin Deborah nicht, wie viele Fromme behaupten, nur als Ersatz für einen Mann berufen war. Das ist vollkommener Unsinn, der dem Schriftsinn zuwider strebt: Gott schickte auch eine Frau vor den Israeliten her, nämlich Mirjam, und zwar zusammen mit zwei Männern. Sie konnte also zu dem Zeitpunkt kein „Ersatz“ für einen fehlenden Mann sein. Weil Christen sich so hartnäckig diesen biblischen Tatsachen verweigern, sei es immer wieder aufgewiesen — anhand der Schrift! Gott beruft wen er will, wann er will und wo er will und ohne Ansehen der Person! Und das gesamte AT ist voll von weiblichen Gestalten, die eine Schlüsselrolle innehatten, v.a. in der frühen, nich nicht so verdorbenen Zeit. Es ist geradezu beschämend, dass es das in der Kirche spätestens nach der konstantinischen Wende nicht mehr gab — ganz wie im pervertierten, hellenistischen Judentum…

Gerade in der Richterzeit aber ist ein beispielloser Niedergang der Frau zu verzeichnen, den sie sich zT auch noch selbst „anzieht“ — ganz wie heute unter vielen Frommen. Josua ist der erste Richter nach Mose und war ein Segen für die Israeliten, mit seinem Tod fielen sie ab und dienten Baalen (Ri 2,11). Sie vergaßen den Gott, der sie aus Ägypten geführt hatte. Es zogen furchtbare Zustände ein, aber noch lebte man herrschaftsfrei. Gott setzte, so erzählt uns das Richterbuch, weil die Israeliten von Räubern und anderen Völkern bedroht wurden wegen ihrer Schandtaten, Richter ein (Ri 2,16ff), aber sie hörten nicht auf ihren Rat — und konnten dies auch, denn die Richter richteten nicht gewalttätig. Zwar waren die von Gott berufenen Richter zunächst durch ihre gottgefällige Haltung ein Segen, aber das Volk fiel sofort ab, wenn einer von ihnen starb. Der nächste nach Josua ist Otniel, der vom heiligen Geist beseelt wurde und 40 Jahre richtete. Danach unterwirft ein fremder König die Israeliten, weil sie wieder abgefallen waren, für 18 Jahre. Gott beruft den nächsten Richter, der ausdrücklich als „Linkshänder“ genannt wird (Ri 3,15) — ein schönes Zeichen für diese Menschen, die auch unter Christen soviel Diskriminierung und Verständnislosigkeit erdulden mussten. Nach dem Richter Ehud fallen die Israeliten wieder ab. Wieder folgen sie fremden Kulten und der Abgötterei und werden dem kanaanitischen König ausgeliefert. Die Prophetin Deborah wird daraufhin Richterin und errettet Israel im Kampf vor den Feinden. Unter Deborah hatte das Land Israel wieder, wie unter Otniel, 40 Jahre lang Frieden (Ri 5,31).
Mit Deborah vergeht die letzte gottgefällige Richterfigur.
Nach ihr fallen die Israeliten wieder ab und werden für sieben Jahre von Nachbarvölkern bedroht und angegriffen. Gott schickt einen namenlosen Propheten, der Israel zurechtweist und beklagt, dass das Volk nicht auf die Stimme des Herrn gehört habe von Anfang an, obwohl er sie aus Ägypten geführt habe. Dann setzt sich sage und schreibe der „Engel des Herrn“ unter eine Eiche, so wie zuvor Deborah unter der Deborah-Palme Recht gesprochen hatte und beruft einen Richter: Gideon. Doch Gideon wirft Gott vor, dass die Zustände so sind wie sie sind und lässt sich nur mit Mühe überreden, seinen Dienst zu tun. Er fordert Zeichen von Gott, dass er wirklich sein Wohlwollen hat. Gott gewährt sie ihm. Gideon ist bestürzt und glaubt. Anschließend beauftragt ihn Gott mit der Zerstörung des Baalheiligtums, was das Volk ihm übelnimmt. Gideon fordert von Gott weitere Zeichen, und Gott gibt sie ihm. Gideon soll die Midianiter, die Israel bedrohen, besiegen. Aber trotz des Sieges gibt es unter Gideons Führung unter den Israeliten Zwietracht und Irritation. Gideon wird immer siegreicher, und die Israeliten bitten ihn, ihr König zu werden. Doch Gideon lehnt ab: „Ich will nicht über euch herrschen (…) der Herr soll über euch herrschen.“ (Ri 8,23) Das klingt wunderbar, aber dann folgt das, was ich meine damit, dass Deborah die letzte gute Richterin war: Gideon bittet das Volk um Gold, Purpur und Edelsteine und lässt daraus ein Götzenbild („Efod“) machen. Es heißt wenige Verse nach seinen hehren Worten: „Und ganz Israel trieb dort damit Abgötterei. Das brachte Gideon (…) zu Fall.“ (V 27) In V 30 wird schließlich erwähnt, dass er zahlreiche Frauen hatte — in der Schrift stets gepaart mit Abgötterei und Glaubensabfall. Anschließend gibt es Streit unter den massenhaften Söhnen der zahlreichen Frauen, wer nun Gideon nachfolgt. Offenbar geht man nicht mehr davon aus, dass Gott selbst einen Richter beruft, sondern will sich auf eine Dynastie festlegen — bis zu Deborah gab es das nicht!
Die Söhne sind herrschlustiger als ihr Vater. Man „wählt“ den illegitimen Gideon-Sohn Abimelech zum „König“. Das kam so: Bevor dieser Mann, der nur der Sohn einer Nebenfrau Gideons ist, „König“ wird, hat er mit Geld aus einem Baaltempel und angeworbenem Gesindel seine 70 Brüder in seinem Vaterhaus ermordet. Israel ist so verkommen, dass es ihn daraufhin, auf dieses Massaker hin, wählt. Nur ein Sohn überlebte: Jotam, der das Volk daraufhin verfluchte und vor seinem Bruder floh. Bald brechen Unruhen aus zwischen Abimelech und den Bürgern und er kommt um. Ihm folgen Tola und Jair als Richter, letzterer wieder ausdrücklich einer, der Vielweiberei betreibt.
Danach teilt Gott nach weiterer Abgötterei den Israeliten mit, dass er nicht mehr für sie eintreten wird, wenn sie angegriffen werden.
Es folgt der Richter Jiftach, ein Hurensohn, der nicht von Gott, sondern von den Bewohnern erwählt wird, weil er stark und gewalttätig genug scheint, sie aus der Hand der Ammoniter zu retten. Weil Jiftach ein Hurensohn war, vertrieben ihn die Söhne der rechtmäßigen Frau seines Vaters. Jiftach macht dasselbe wie Abimelech: er wirbt Gesindel an und streift durchs Land. Als die Israeliten mit Ammon nicht fertig werden, rufen sie Jiftach zurück: er soll die Ammoniter schlagen mit seinem Söldnertrupp. Jiftach handelt mit ihnen aus, dass er, wenn er gewinnt, das Oberhaupt der Israeliten werden soll. Wieder ist es nicht Gott, der erwählt. Das Richtertum ist inzwischen auf dem Niveau eines schändlichen „Deals“ mit Kriminellen gelandet. Jiftachs Verhandlungen mit den Ammonitern bleiben fruchtlos. Nun kommt die nächste verstörende Geschichte: Es heißt, der Geist Gottes sei über Jiftach, dieser Gesellen, der mit verbrecherischem Gesindel durchs Land streifte, gekommen, und er habe ihm ein Gelübde abgelegt: Wenn er siege, wolle er dem Herrn das Erste, was ihm aus der Tür seines Hauses entgegenkomme als Brandopfer darbringen (Ri 11,31) — ein ebenso fahrlässiges wie großschnäuziges „Gelübde“, das allem, was Gott bisher mit Israel getan hatte, förmlich ins Gesicht schlug. Jiftach siegt und kehrt heim, wo ihn seine einzige Tochter freudig und tanzend, eine Pauke schlagend, begrüßt. Und nun wird die Geschichte noch verstörender. Die Tochter, sein einziges Kind, hat offenbar selbst eine völlig pervertierte Auffassung der Dinge: sie findet es in Ordnung, geopfert zu werden, und Jiftach schlachtet sie für den Sieg an den Ammonitern als Menschenopfer — und dies, nachdem nach Abraham und dem von Gott unterbrochenen Menschenopfer am eigenen Sohn so etwas in Israel nie mehr vorgekommen oder akzeptiert worden war und in der Tora ausdrücklich verboten ist. Es ist merkwürdig still im Text um Jiftach, und von Gott ist keine Rede mehr. Hier ist kein Gott mehr im Spiel… Es wird aber erwähnt, dass in Israel seither die jungen Frauen jedes Jahr vier Tage lang Jiftachs Tochter beklagen (V 40). Es ist der bisherige Gipfel der Perversion. Mit diesem Frauenopfer, dem die Frau selbst zustimmt (!), wird eine verheerende Entwicklung eingeleitet:
Danach wechselt ein Richter den nächsten ab, ausdrücklich wird wieder eine absurd zahlenstarke Vielweiberei einzelner Richter berichtet. Wer so viele Frauen hat, kommt aus dem Bett nicht mehr heraus… Am Ende fallen die Israeliten für 40 Jahre in die Hände der Philister.
Gott versucht es noch einmal: Er lässt durch eine wunderbare Geburt Simson zur Welt kommen. Er darf sein Haar nicht schneiden und soll von Geburt an als Heiliger leben — soviel zu der hartnäckig vertretenen Behauptung, Paulus habe geschrieben, es sei eine „Schande“, wenn Männer lange Haare haben… Das kann nicht sein, denn Gott hat sogar verfügt, dass ihm geweihte Männer („Nasiräer“) langhaarig sein müssen. Im Haar steckt Kraft und Vollmacht. Das ist Toraregel, die bis heute gilt. Und es kommt nicht von Ungefähr, dass die hellenisierten, heutigen chassidischen Juden ihren Frauen die Haare abschneiden und stattdessen eine Perücke aufsetzen. Ähnlich ist es mit den Kahlfrisuren, die man in der Zeit der Kirche den Männern abverlangt, das „Tonsurieren“ der Geistlichen in der römischen Kirche (wo alle orthodoxen den Männern langes Haar abverlangen!) und nicht anders ist es mit den verschleierten Frauen im Islam, deren Haar um keinen Preis gesehen werden soll — es ist eine Zerstörung natürlicher Kraft bei Mann und Frau!
Simson ist als Langhaariger gottgeweiht und gesegnet (Ri 13,24), aber dann treibt der Geist ihn plötzlich umher. Was ist geschehen? Simson verfällt Frauen der Philister, die ihn zugrunde richten. Wie die Geschichte ausging, ist bekannt. Israel verliert am Ende alles und lebt in Unfrieden und Not.
Gegen Ende der Richterzeit, kurz bevor Samuel der letzte rechtmäßige und noch einmal gottesgefällige und vernünftige Richter sein wird, geschah aber eine brutalste, fremden- und frauenfeindliche Schandtat in Israel, die vermutlich den Ruf nach einer wirksameren Gerechtigkeit mit hervorbrachte (Ri 19). Die furchtbare Geschichte, die im Stamm Benjamin geschah, lässt jeden seelisch gesunden Menschen schaudern und sich winden: es sind faktisch Zustände wie in Sodom. Der Mensch, der auf Gott nicht hört und seine Freiheit missbraucht, muss am Ende durch Gewalt und Unterdrückung einigermaßen diszipliniert werden. Das macht allerdings diese Gewalt nicht zu einer göttlichen Eigenschaft oder gar einer Sache, die Gott je gewollt hätte. Die ganze Tragik menschlicher Erbärmlichkeit und Bosheit drückt sich im Einleitungssatz in Ri 19 aus (der so ähnlich in den Schlusspassagen des Richterbuches öfter vorkommt!), bevor das orgiastische Vergewaltigungsmassaker an einer Frau durch eine perverse, männliche Stadtbevölkerung geschieht: „In jenen Tagen, als es noch keinen König in Israel gab (geschah folgendes)…“. Die Geschichte ist so finster und satanisch, dass man keine Worte findet — ein eiskalter Levit, der seine Nebenfrau auf der Durchreise den Bewohnern von Gibea zum sexuellen Missbrauch vor die Tür wirft, der ruhig schläft, während sie draußen zu Tode vergewaltigt wird, der nicht einmal acht hat, wie es ihr geht und die Tote morgens noch anrempelt, sie solle aufstehen, er wolle weiterreisen und sie am Schluss in 12 Teile zerstückelt, die er zu allen Stämmen Israels schickt, woraufhin fast der ganze Stamm Benjamin ausgerottet wird, der diese fluchwürdige Tat zu verantworten hatte: es ist unerträglich! Das Richterbuch endet mit Mord und Totschlag, Fremdenfeindlichkeit, Verachtung der Gastfreundschaft, Vergewaltigung, Frauenraub und Frauenhass. Der letzte Satz des Buches lautet: „In jenen Tagen gab es noch keinen König in Israel; jeder tat, was ihm gefiel.“ (Ri 21, 25) Dass dabei gerade ein Levit — wie später in der Erzählung Jesu vom „Barmherzigen Samariter“ — sich derart hartherzig und widerwärtig, hier gegenüber seiner Nebenfrau, verhält, die „unter die Räuber gefallen“ ist, durch seine Schuld noch dazu, ist erbärmlich und schockierend, denn die Leviten sind eigentlich Priester und stehen im Tempel vor Gott. Dieser Mann brachte im Grunde, nicht anders als Jiftach, ein Menschenopfer: eine Frau. Und dieser üble Levit ist bereits ein grausiger Vorschein auf die Priesterkaste, die den Sohn Gottes zu Tode bringen wird. Die arme Frau, von der hier berichtet wird, ist wie eine Vision dessen, was Israel mit dem Messias anstellen wird.

VII. „exousia“ und „katechon“ (Vollmacht zur Staatsgewalt und „der, der noch aufhält“)

Fazit: Der Mensch soll eigentlich nicht beherrscht werden, und es sollte eigentlich keinen Staat geben, der ein Gewaltmonopol über Leib, Leben und Vermögen hat, aber nichts hat der Mensch, v.a. auch der Mann, mehr missbraucht als die Freiheit. Wie ein Tier muss er seither in Schach gehalten werden und wie ein Tier versucht er, selbst der zu werden, der in Schach hält. Seit Deborah und in einem letzten Aufblitzen durch Samuels prophetisch dichtende Mutter Hanna gibt es im AT keine Frauen mehr, die unabhängig und geistvoll agieren konnten. In das enge Korsett einer Unterwerfungs-Ehe eingezwängt oder auf ihre erotischen Reize angewiesen, versuchen sie irgendwie ihren Beitrag zu leisten (Rut, Ester, Judith etc.), und wo sie dies verweigern und ein vernünftiges Selbstbild an den Tag legen, wie Susanna im Danielanhang, werden sie gewaltsam auf ihre Sexualität reduziert und, bei etwas Glück, von einem netten Mann „gerettet“ vor ungerechter Beschuldigung… Die späten Propheten klagen ausdrücklich die üble Erniedrigung der Frauen in Israel ebenso an, wie Jesus es später tut, als er seine Weherufe über die Gelehrten ausruft, die alle Frauen, die nicht unter der Herrschaft eines Mannes stehen, nämlich die Witwen, sozial vernichten. Allein — wer unter den Christen hat erkannt, dass das schweres Unrecht ist? Warum wurde dieser Kurs in angeblich christlichen Ländern genauso weitergeführt und auch noch als „gottgewollt“ ausgegeben?

Wenn also solche, fast tierhafte, maskulinisierte „exousia“ in einem speziellen Zusammenhang „von Gott kommt“, dann ist damit noch lange nicht gesagt, dass sie gut ist oder überhaupt dem ursprünglichen Willen Gottes entstammt. Nur jetzt, da Gott sie „in seinem Zorn eingesetzt hat“ auf Wunsch derer, die ihn verworfen haben, muss man sie auch anerkennen in ihrer selbstverschuldeten Schizophrenie. Sie ist — ähnlich wie das Kainszeichen — eine schon im Ansatz pervertierte göttliche Bevollmächtigung. In einem gewissen Sinn wird die Bosheit durch Bosheit vor sich selbst „geschützt“, um auszugären und sich selbst zugrunde zu richten (s.u. später die Beschreibung dieser Logik durch Jesus selbst). Denn diese Menschheitsbande, die solche Schandtaten tut wie die im Stamm Benjamin, wird kaum bessere Könige hervorbringen als die Täter. Das ist auch der Inhalt des Appells, den Samuel auf Geheiß Gottes hin an die Israeliten richten soll.

Würde es nicht so geschehen, wie es nun geschieht, bliebe ein ewiger Kampf bestehen und eine unendliche Zerreißprobe zwischen wenig Licht und viel Finsternis auf Erden. Niemand sollte diese gespenstische „exousia“ daher aufhalten und den „Schutz“ in Frage stellen.
Ins Spiel kommt an dieser Stelle auch der „Katechon“, den Paulus im 2. Thessalonicherbrief erwähnt, der, der dieses Offenbarwerden des Bösen noch aufhält und hinweg getan werden muss, damit es offenbar wird. Der „Katechon“ ist wie das Kainsmal angelegt, und viele haben schon darüber spekuliert, wer oder was dieser „Katechon“ ist. Manche identifizierten ihn mit dem Heiligen Geist, manche mit der Kirche, manche mit dem Papst, manche mit dem römischen Kaiser oder dem Staat, manche mit der Eucharistie, aber eigentlich ist er oder es einfach ein Schutzmal, ein Bann gegen alle, die den, der geschützt wird (nämlich den Menschen der Sünde in seiner Verborgenheit) entlarven wollen.
Das ist wirklich sehr schwer zu verstehen.
Und ich habe größte Mühe, dies recht zu begreifen.
Vielleicht ist der „Katechon“ auch einfach die „exousia“, als ein Gewaltmonopol verstanden, das zwar selbst auch böser Herkunft ist, aber durch „Entzweiung des Reiches des Bösen“ das Böse noch schwächen konnte. Man kann auf diese Idee kommen, weil der apokalyptische Endzustand als „Gesetzlosigkeit“ gekennzeichnet wird, als ein Zustand, der vielleicht dem in der späten Richterzeit ähnelt und zu einer Art Superrichter führen wird, der alles retten soll. Vielleicht ist es am Ende wieder ein Hurensohn, der Gesindel um sich schart, den man anfleht, Herrscher über alle zu werden… Es müssten sich zuvor die Staaten und nationalen Regierungen auflösen. Und dieser Punkt ist deshalb heikel, weil wir alle erleben, wie ungerecht und pervers unsere Regierungen sind und stöhnen unter ihrer satanischen Gewalttätigkeit, Kriegshetze, Ausbeuterei, all diesen schrecklichen Dingen — von „Mind control“, Massenmorden, ritueller Pädophilie, illegitimen Kriegen, Unterdrückung der freien Meinungsäußerung, Schikanen  und Umweltzerstörung bis hin zur physischen und psychischen Ausbeutung der Menschen in Form von fingierten Anschlägen, False flag-Operationen, überhöhten Steuern und Abgaben und medialer Hetze, die sie wie Säue ständig durchs Dorf jagen. Es ist naheliegend, sich danach zu sehnen, dass diese Regierungen verschwinden sollen, damit Frieden einkehrt. Nur — ohne sie wird erst recht kein dauerhafter Frieden sein, wie uns die Richterzeit ja vor Augen führt. Der Unfrieden und die Perversion an der Spitze wird getragen von der der „Untertanen“, die mehrheitlich nicht nur jedes ernsthafte Nachdenken darüber verweigern, sondern auch noch bei jeder Wahl diese Leute bestätigen. Es sind zwei Seiten einer Medaille. Der Drang zur Verkommenheit war in der Richterzeit zunächst im Volk repräsentiert und bis einschließlich Deborah und in einem „Highlight“ noch einmal ganz zum Schluss bei Samuel nicht bei den Richtern…

Auffallend ist, dass Paulus hier von jeder „psyche“ spricht, die sich der „exousia“ unterordnen soll. Jede „Seele“ soll sich dieser Vollmacht auf Erden unterwerfen. Auf die Unklarheit der Verwendung des Begriffes „psyche“ bei Paulus wurde immer wieder in der Fachliteratur hingewiesen. Paulus scheint ihn zu vermeiden, wenn es um ein Leben nach dem Tod geht. Im AT ist „nefesch“ als „Seele“ nicht unabhängig vom Leib zu denken. Sehr wohl aber geht das hellenistische Judentum von einer vom Leib trennbaren oder ihm gegenüberstehenden „psyche“ aus. Beide Auffassungen schillern bei Paulus, auch in den Evangelien und v.a. der Apokalypse.

VIII. Ist die Seele „sterblich“?

Die folgerichtig in diesem Zusammenhang aufgestellte Behauptung Buzzards und anderer Unitarier, die Seele sei sterblich, greift dennoch — was den biblischen Befund betrifft — wesentlich zu kurz und macht es sich im Rückzug auf alttestamentliche Eindrücke womöglich zu einfach. Vor allem ist die häufige Meinung in der unitarischen Literatur, Seele und Leib müssten gewissermaßen gemeinsam sterben und „schliefen“ in der „scheol“, und darum sei die Seele auch „sterblich“, ungereimt: Nimmt man diese Meinung nämlich ernst, sterben nicht Leib und Seele gemeinsam, sondern sie schlafen in trauter Einigkeit. Was schläft, ist aber nicht tot im strengen Sinn. Jesu Satz hinsichtlich der verstorbenen Tochter des Jair „Sie ist nicht gestorben, sie schläft nur“ (Mk 5,39) macht dies radikal klar: wer hier stirbt auf Erden, ist nicht tot, sondern in einem Schlafzustand. Diese Aussage Jesu macht uns darauf aufmerksam, dass das gängige Entschlafen überhaupt nicht bedeutet, dass hier irgendetwas oder jemand getrennt oder vereint wirklich tot ist. Offenkundig wird hier von einem anderen Zustand gesprochen, in den Leib und Seele geraten, wobei der Leib ganz deutlich schwerer betroffen zu sein scheint. Es gibt jedoch manche Andeutung im NT, die sehr wohl nahelegt, dass die Seelen die Verbindung mit dem Leib in diesem Zustand zumindest aufgeben können — nicht müssen, aber können. Etwa finden wir Hinweise darauf in Apk 6,9-11, dass die „Seelen“ („psychas“) derer, die um Christi willen „geschlachtet“ worden waren, unter einem himmlischen Altar liegen, ihre Stimmen erheben und Gott anflehen. Diese „Seelen“ erhalten anschließend ein weißes Gewand. Dies ist andererseits ohne einen Leib nicht denkbar. Nun ist der heidnische (auch kirchliche) Altar stets eine Stätte, unter der die Reliquien von Geschlachteten liegen. Darauf spielt diese Schauung sicher an. „Seelen“ wären so betrachtet nicht nur getrennte Seelen ohne Leib, aber immerhin zeigt die Vision, dass diese „Seelen“ agieren können. Sie agieren als solche eindeutig, bevor alle anderen Märtyrer getötet und wieder auferstanden sind, können also auch selbst noch nicht wieder auferstanden sein.
In Mt 10,28 ist seitens Jesu die Rede davon, dass es solche gibt, die den Leib töten können, nicht aber die „psyche“. Auch diese Stelle trennt Leib und Seele und weist der Seele eine größere Stabilität gegenüber dem „Sterben“ oder auch dem vernichtenden Zugriff durch andere Menschen zu. Der vernichtende Zugriff auf die Seelen geschieht nicht durch Fleisch und Blut. Auch in Apk 20 werden die „Seelen“ genannt, die nach der ersten Auferstehung zu Richtern bestellt werden.
Auch die eigentümliche Gestalt des Samuel gibt uns entsprechende Rätsel auf: König Schaul lässt den Verstorbenen von einer Magierin in Ein-Dor heraufbeschwören. Er, der alle Zauberer und Totenbeschwörer hat ausrotten lassen, erhält von Gott in großer Kriegsnot keine Antwort mehr, weder durch Träume noch durch die „urim“, die Orakel. Verkleidet besucht er diese Frau, die sich erst windet und den verstorbenen Samuel nicht beschwören will, aber intuitiv erkennt, wer ihr die Aufgabe stellt. Samuel kommt tatsächlich herauf — es heißt, die Frau habe „elohim“,  „Götter“ (Buber übersetzt: „Götterwesen“, die Deutsche Volks- und Schulbibel für Israeliten von Altona, 1837, übersetzt ebenfalls „göttliches Wesen“) aus der Erde heraufsteigen sehen — und sagt folgendes zu Schaul: „Warum hast du mich aufgestört und heraufsteigen lassen?“ Die Magierin hatte einen alten Mann, der in einen Mantel gehüllt war, wahrgenommen. Es entspinnt sich ein Wortwechsel zwischen Samuel und Schaul, der für Schaul niederschmetternd ist und sich auch genau so erfüllt, wie der Leser später erfährt.
Wie konnte Samuel aber als im Todesschlaf Umfangener aus der Erde heraufkommen? Zunächst konnte nur die Magierin ihn sehen — er dürfte als ein Geistwesen erschienen sein (vgl. 1. Samuel 28).
Ähnliche Fragen gibt uns die Taborerzählung auf: Dort sehen Petrus, Jakobus und Johannes ihren Rabbi Jesus plötzlich in einem verklärten Licht zusammen mit Elia und Mose stehen und reden. Dabei ist es nicht nur bemerkenswert, dass die drei völlig überraschten Jünger sofort wissen, um wen es sich handelt, sondern auch, dass die, die doch noch gar nicht auferstanden sind, plötzlich als eine Art Geistwesen anwesend sein können und mit Jesus sogar über dessen bevorstehende Hinrichtung reden können (Lk 9,28bff). Dabei muss bedacht werden, dass Elia nicht gestorben war, sondern mit einem Feuerwagen in den Himmel aufgefahren war und Mose an einem Ort begraben ist, den nur Gott kennt. In Jud 9 wird angedeutet, dass der Satan den Leichnam des Mose besitzen wollte und der Erzengel Michael ihm denselben verwehrt hatte: Sein Grab sollte kein Kultort werden nach dem Willen Gottes!
Wie aber konnte derselbe Mann vor der künftigen Auferstehung im Taborlicht gesichtet werden, wenn es keine überlebende oder verklärte Seele jetzt schon gibt? Und warum bespricht der Messias sein bevorstehendes Leiden mit Verstorbenen? Man wird mir zugestehen müssen, dass das alles nicht leicht zu beantworten ist.
Die Theorie von einer „scheol“, in der Seelen und Leiber aneinander gekettet schlafen, kann so, alleine aufgrund dieser Episoden, nicht stimmen.
Uns fällt sofort auf, dass wir gar nicht genau wissen, wovon wir reden…
Fällt es auch den Unitariern auf, dass das alles vielleicht in einem Bereich liegt, den man nicht mit krudem Rationalismus lösen kann?
Ebenso ist die Rede davon, dass das Meer die Toten wieder herausgeben muss (Apk 20,13ff), nicht anders als die „scheol“, ein Hinweis darauf, dass nicht alle oder jedenfalls nicht alle vollständig in dieser Unterwelt sind, andernfalls müsste nicht extra erwähnt werden, dass das Meer Verstorbene festhalten konnte.

In jedem Fall ist die Sache komplizierter als es manchen den Anschein hat und sollte sorgsam geprüft werden.
Da Paulus sagt, die „Seelen“ seien der „exousia“ untergeordnet, kann man annehmen, dass Paulus damit die animalischen Gestalten der Menschen meint. Es ist unmöglich, dass er den geistlichen Menschen, den jeder mit der „Anzahlung des Heiligen Geistes“ erhält oder sogar „anzieht“, den verkommenen Mächten dieser Welt gemeint haben soll. Wenn diese Seelen auch einem Aufenthalt in der Unterwelt unterworfen sind oder im Meer, kann man die Unterworfenheit unter die „exousia“ dieses Systems (s.o. „kosmos“) vielleicht ebenfalls negativ einordnen und verstehen: es ist nicht gute göttliche, „hierarchische“ Macht, sondern eine ebenso oder ähnlich destruktive und finstere Macht wie die „scheol“ sie innehat.
Einer positiven Lesart widerspräche nicht nur das gesamte Alte Testament, sondern auch das Leben Jesu und der Apostel. Sie alle hätten sich nur brav dieser „exousia“ unterordnen müssen und es wäre ihnen nichts geschehen, samt den „Seelen“, die im Himmel unter dem Altar sind, die „enthauptet wurden um des Zeugnisses Jesu und Gottes Wort willen“. Es muss ganz offenkundig dieses „Zeugnis Jesu“ und das „Wort Gottes“ dieser „exousia“ entgegenstehen, wie Jesus es sagte und wie die Propheten es sahen, obwohl Gott sie selbst zulässt und sogar einsetzt.

IX. Die Ironie der „Vollmacht von oben“

Ein geradezu unheimliches Detail liefert uns die Geschichte in Johannes 19, als Pilatus von den Juden gedrängt wird, Jesus zu verurteilen, „weil er sich selbst zu Gottes Sohn gemacht habe“. Pilatus, heißt es, habe begonnen, sich zu fürchten und Jesus gefragt: „Woher kommst du?“ Er wollte also hören, ob Jesus etwa sagt: Von Gott. Oder: Von dem und dem Rabbi. Oder… womöglich mit einem Trupp anrückt, der alles in Schutt und Asche legt und die römische Präsenz in „Palästina“ beenden könnte. Jesus aber antwortet ihm nicht auf diese Frage nach der Herkunft, beruhigt ihn aber hinsichtlich eines befürchteten Aufständlertums. Pilatus sagt daraufhin, ob Jesus nicht wisse, dass er, Pilatus, die besagte „exousia“ habe, ihn zu töten oder frei zu lassen. Jesus gibt ihm eine erstaunliche Antwort, die mir bis heute Rätsel aufgibt: „Du hättest keinerlei exousia über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre; darum hat der, welcher mich dir überliefert hat, größere Sünde.“ Jesus sagt einerseits, dass Pilatus aus sich selbst nichts hat und nichts ist, was irgendwie vollmächtig ist, dass er aber exousia „von oben“, „anothen“ („von einem höheren Platz aus“) erhalten habe. Alleine schon dieser Satz ist mehrdeutig. Gemeinhin wird er angeführt, um die Bevollmächtigung der Politiker mit Macht „von oben“, also von Gott her, zu rechtfertigen. Das ergibt aber wenig Sinn an dieser Stelle. Es geht hier schwerlich um eine allgemeine politische Vollmacht, sondern im besonderen um die „exousia über mich“, also die Gewalt über den, dem doch alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden, dem auch schon vor seiner Kreuzigung alles vom Vater übergeben worden ist (Mt 11,27; Lk 10,22). Wenn also Gott selbst hier — wie er es auch sonst tut, wenn er Fürsten Vollmacht überlässt — seinen Sohn der „exousia“ des Pilatus zuführen ließ, wird deutlich, dass diese „exousia“ tatsächlich nur im „Zorn Gottes“, von dem Hosea sprach, überhaupt gewährt wurde und gegen den eigentlichen und ursprünglichen Willen Gottes. Denn dass überhaupt diese „exousia“ verliehen wurde, entspringt der Verwerfung Gottes durch die Menschen (1. Sam 8). Das zeichnet eine „höhere Dialektik“, die kein Mensch auflösen kann in diesem Leib. Es kommen mehrere Aspekte zu dieser Verwerfung Gottes hinzu, die mir auffallen:

1. die totale Perversion der Lebensweisen im Volk und die Abgötterei und schließlich der Verlust der Bundeslade an die Philister während der gesamten Richterzeit. Die Bundeslade kommt unter Samuel in tragischen Umständen wieder zurück 2. dass selbst der letzte und wirklich heilsame Richter in Israel, Samuel, als er alt wurde, merkwürdigerweise nicht den Herrn befragte, wer nun ihm nachfolgen sollte, sondern seine beide nichtsnutzigen Söhne als Nachfolger einsetzte, die korrupt und rechtsbeugerisch waren (V 3), was er als deren Vater am besten hätte wissen müssen — diese Fehlentscheidung war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte — wegen dieser beiden Söhne rief Israel nach einem richtigen und von Gott erwählten König (dieses Detail wird oft ignoriert, weil es uns zeigen würde, dass selbst die heiligsten Menschen schwerstes Versagen aufweisen).
3. der Ruf Israels nach einem König ist jedenfalls ursächlich schuld daran, dass Gott diese „exousia“ zuließ und in seinem Zorn zuteilte… und langfristig zur Verfolgung seiner Propheten und zur Hinrichtung seines Sohnes führte.

War er, der Sohn Gottes, waren die Propheten in der Exils- und Königszeit — um in der platten Logik der Paulusstelle zur „Obrigkeit“ zu argumentieren — etwa „Böse“, der die von Gott eingesetzte „Obrigkeit“ ja nicht hätten fürchten müssen, wenn sie nur „gut“ gewesen wären?! Jeder sieht sofort ein, wie absurd dies ist. Der aber, der den Menschensohn ausgeliefert hat an die in Gottes Zorn gestiftete „Obrigkeit“, trägt die „größere Sünde“. Wer ist derjenige?
Es ist Israel, es ist der „Sohn des Verderbens“ Judas, es sind die Obrigkeiten der Juden, die es besser hätten wissen müssen, aber selbst in ihrer Sucht danach, Obrigkeit zu sein und zu haben, den, der alleine Autorität innehat, nicht ertragen konnten, und es ist der Teil des Volkes, der „Crucifige!“ gerufen hatte. An ihm musste offenbar werden, dass sie „Satanskinder“ waren, wie Jesus sie nannte (Joh 8,44). Jesus sagt hiermit eindeutig, dass die beteiligten Juden größere Schuld tragen als Pilatus, der Heide, der die Kreuzigung mit verantworten muss. Sie stellen ironischerweise als „auserwähltes Volk“, das ja selbst mit einer gewissen „exousia“ gegenüber den Heiden versehen wurde, ja selbst diese im „Zorn Gottes“ vergebene Vollmacht in ihrem ganzen Versagen dar. Die Kirche jedoch und die Christen tragen — was die weitere Geschichte betrifft — eine noch größere Verantwortung, und es lässt mich schaudern.

Vielleicht trägt der Spruch des Paulus auch eine gewisse Ironie in sich (s.u.).
Eines ist wohl deutlich: aus einem Rebellentum gegen die Obrigkeit kommt nur neue Obrigkeit und neue Gewalt. Deshalb vergriff sich David auch nicht an Schaul. Schaul ist ebenso verworfen wie er von Gott gegen seinen ursprünglichen Willen gesalbt worden ist.
Und deshalb vergriff sich Jesus nicht an der Obrigkeit seiner Zeit. Es ist symbolkräftig, dass Paulus vor seiner Bekehrung dieses verworfene, gesalbte und entartete Israel repräsentierte und selbst diesen Namen des von Gott im Zorn Gesalbten und Verworfenen trug: Schaul. Und es ist noch symbolträchtiger, dass er sich umbenannte in „Paulus“: den Kleinen, den ganz, ganz Kleinen. Es sind so schrille Bilder, und ich habe sie lange gar nicht wahrgenommen. Je älter ich werde, desto mehr wird mir klar, wie anders es bei Gott ist, so geradezu grundstürzend anders als bei uns.
Das System, der „kosmos“ dieses Äons, kann nicht vollständig außer Kraft gesetzt werden, bevor Jesus nicht kommt. Wer meint, diesen „kosmos“ der Verkehrtheit bekämpfen zu können, überantwortet ihm seine erhaltene „dynamis“, die er von Gott bekommt. Diese „dynamis“ ist aber nicht zu einem solchen Zweck gedacht: Wer mit diesem System ringt, um es zu beseitigen, schenkt ihm diese „dynamis“ und wird sie auf ewig in die Finsternis hinein verlieren. Er wird nur in der Logik dieses „kosmos“ bleiben können… und verlieren. Den Kampf hat der Messias bereits — alleine wirklich vollmächtig und erfolgreich, weil er sündlos war — ausgefochten und gewonnen. Und all die scheinbaren Siege Israels im AT gegen die Nachbarvölker wurden immer wieder in ihrer Instabilität deutlich bis zum heutigen Tag. Das ist ein gewaltiges Zeichen: das verheißene Land kann gar nicht dieses Stück Küstenstreifen am Mittelmeer sein! Es ist nur ein schwacher Abglanz für ein anderes, das an einem anderen Ort sein wird, der ewige Stabilität haben wird. Die Logik Buzzards, nur weil Gott Abraham Israel verheißen habe, müsse auch das Königreich Gottes, die „malchut“, dort liegen oder von dort ausgehen, ist aus mS oberflächlich. Wie der Hebräerbrief es darlegt, sind alle diese Abbilder heiliger Dinge, die das AT entwickelt, Platzhalter für ein Größeres, Himmlisches.

Worum geht es für uns? Jetzt geht es darum, der Aufhebung des „Katechon“ beizuwohnen und dabei selbst als Kind des Lichtes — mit knapper Not und im vollständigen Erbarmen Gottes — offenbar zu werden, das mit der Finsternis nichts zu schaffen hat und damit vielleicht noch viele hinüberzieht.
Die Rede des Paulus in Röm 13,3 von den „archontes“, deren Macht die Guten nicht zu fürchten bräuchten, wirkt auf mich so übertrieben falsch angesichts der realen Ereignisse, die den Sohn Gottes ans Kreuz brachten, dass ich in ihnen eine gewisse Ironie und eine verborgene Dialektik erkenne. Paulus muss bekannt gewesen sein, was zu seiner Zeit „Archonten“ waren. „Archonten“ waren in der Antike höchste Verwaltungsbeamte, aber auch ein mysteriöser Begriff. 1945 fand man in Nag Hammadi eine gnostische Schrift mit dem Titel „Hypostase der Archonten“, in der die Schöpfungsakte und auch die Herbeiführung der Sintflut nicht JHWH oder „Elohim“ zugeordnet werden, sondern den „Archonten“, die als finstere Mächte gezeichnet werden. Im Prolog wird dabei auf Paulus verwiesen, der gesagt habe, man habe es hier auf Erden nicht mit Fleisch und Blut, sondern Mächten und Gewalten in der Luft zu tun. Paulus schrieb in Eph 6, wir hätten nicht mit Blut und Fleisch zu kämpfen, sondern „pros tas archas pros tas exousias pros tous kosmokratoras tou skotous tou aionos toutou pros ta pneumatika tes ponerias en tois epouraniois“, sondern „gegen die archas/archonten (Oberhäupter), gegen die Vollmächtigen, gegen die Systeminhaber/Weltherrscher der Finsternis dieses Äons, gegen die Geister der Bosheit in den Himmelsgefilden“.
Das heißt: die ganze Welt, der Himmel und die Erde, sind voll von dieser Bosheit, die aber mit Vollmacht versehen ist. Diese Bosheit manifestiert sich sogar ausdrücklich in den Großen und Mächtigen dieser Welt auf politischer Ebene. Diese Stelle wird oft beschwichtigend übersetzt, etwa so, als seien all diese „Archonten“ irgendwelche bösen Geister — das schreibt aber Paulus nicht! Er schreibt, es sind die Archonten dieses Weltsystems, an denen sich Dämonisches manifestiert, das aber nicht aus dem Fleisch kommt, sondern aus dem Einfluss böser Geister aus den Himmelsgefilden. Die traditionell behauptete christliche Herkunft des Bösen aus dem „Fleisch“ oder schließlich dem „Leib“ ist daher eine glatte Lüge: das Fleisch ist nur tief geschwächt, aber nicht Ausgangspunkt des Bösen. Die Bosheit kommt aus dem Geistigen. Und sie könnte niemals wirken, wenn sie nicht an den zentralen Stellen der irdischen Macht regieren würde.
Ob nun gnostische Schriften sich darauf einen eigenen Reim gemacht haben oder nicht, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies und nur dies die Sicht des Paulus war, die ganz sicher irdische Gewalt nicht verklärt hat unter diesen Umständen: Auch das Finstere hat seine Vollmacht ursprünglich von Gott, aber dennoch nicht in Übereinstimmung mit ihm.
Ich kann das aber nicht wirklich erkennend in die Tiefe „denken“.

X. Die Frequenz der wahren „malchut“

Ich möchte nun auf Jesus selbst zurückkommen und das, was er zu dem tatsächlich auch bei ihm zentralen Thema der „malchut“ gesagt und vorgelebt hat.

Im Hebräischen wird unter der „malchut“ eigentlich sehr treffend das „Himmelreich“ verstanden, also ein über- bzw un-irdisches Reich, das mit sämtlichen „Reichs“-Kategorien dieses Äons nichts, aber auch gar nichts zu tun hat.
Wie in Israel gab es auch in der Kirche neben der Perversion ein tiefes Wissen um dieses „Reich“, das „nicht von dieser Welt“ ist (Joh 18, 36). Diese Wendung heißt auf Griechisch: „ek tou kosmou“. Der „Kosmos“ ist jedoch auf Griechisch hier nicht die „Welt“ oder das „Weltall“, sondern die staatliche Ordnung! Die „Kosmoi“ waren die (gewählten) politischen Führer. Wenn die „basileia“, also das Königtum Jesu nicht „ek tou kosmou“ ist, dann meint das etwas ganz Spezifisches: Sein „Reich“, seine „basileia“, ist keine „Herrschaft“, wie man das in diesem Äon kennt — und zwar ausschließlich kennt! — , sondern sein Königtum ist eben keine Herrschaft, sie ist nicht eine staatliche Ordnung! Und zwar substanziell nicht — sie hat damit überhaupt gar nichts zu tun.
Staatliche Ordnung ist doch nach Paulus ausschließlich wegen der Bosheit notwendig. Wie ich schon erwähnte, ist die Herkunft des Wortes „basileia“ unklar. Eine „basileia“ ist im Ursprung kein „kosmos“, keine „staatliche Ordnung“. Was ist sie aber dann?
Erst spät erhielt sie die Bedeutung einer „Herrschaft“. Bei Platon bedeutet „basileia“ den Königspalast in der untergegangenen Stadt Atlantis (in „Kritias“). Ein „basileus“ wird erst im Hellenismus ein „Monarch“ oder Alleinherrscher. Bei Homer ist er einfach ein bedeutender Mensch oder ein Großer, der eben gerade kein Monarch iS des Alleinherrschers ist. Ein wahrer „basileus“ ist einer, der sich in jeder Lebenslage als einer von innerer Größe erweist.

Eigentlich müsste jedem Menschen, der die Evangelien liest, ganz klar vor Augen stehen, dass dieser Jesus wirklich überhaupt keine Verbindung zu staatlicher Ordnung oder hellenistischem Monarchismus hat. Er bekennt vor Pilatus in Joh 18,37 mehrfach, dass er ein „basileus“ ist, ein Großer, ein Königlicher, aber ein solcher, der dafür geboren wurde, eben nicht zu herrschen, sondern um zu dienen, indem er für die Wahrheit zeugt. Diese Selbstbeschreibung qualifiziert den „kosmos“ dieses Äons als „Lüge“ oder „Falschheit“ („Verkehrtheit“: es ist alles pervertiert). Er sagt, er sei „eis ton kosmon“ geboren worden, „in diese staatliche Ordnung hinein“, also in die Lüge, um dort „martyrheso te aletheia“, damit “ich für die Wahrheit zeugen werde“, und die „ek thes aletheias“ sind, „aus der Wahrheit heraus“, werden seine „phone“, seine Stimme, seinen „sound“ hören. Auch hier wird wieder deutlich, dass die Verkehrtheit nicht an den einzelnen hängt, sondern das Welt-System darstellt, zu dem sich die einzelnen verhalten müssen und können. Die Wahrheit, bezeugt in der Verkehrtheit, offenbart die Verkehrtheit als solche unmissverständlich. Der „katechon“, also der der noch aufhält, dass diese Verkehrtheit als solche unverschleiert erkannt wird, ist in einer gewissen Hinsicht womöglich eine Art Scheinwahrheit in der Lüge, eine Art Pseudoweisheit, ein Kompromiss mit der Falschheit, dieses visionäre Reich, von dem Daniel spricht, das aus Erz und Ton besteht, aus zwei Stoffen, die nicht zusammenhalten können auf die Dauer (Dan 2,41ff). Kommt die volle Wahrheit, entblößt sie die Verkehrtheit kompromisslos und alle Reiche dieses Äons werden zerschmissen: „Zur Zeit jener Könige wird Gott ein Reich errichten, das in Ewigkeit nicht untergeht; dieses Reich wird er keinem anderen Volk überlassen. Es wird alle jene Reiche zermalmen und endgültig vernichten; es selbst aber wird in Ewigkeit bestehen. Du hast ja gesehen, dass ohne Zutun von Menschenhand ein Stein vom Berg losbrach und Eisen, Bronze und Ton, Silber und Gold zermalmte.“ (Dan 2,44ff)

In den vielen Stimmen, die uns beschallen, können die, die „aus der Wahrheit“, für die er zeugt, heraus die Dinge sehen lernen, seinen „Klang“ erkennen. Es geht also bei seinem Königtum, von dem an zahlreichen Stellen der Evangelien ausgesagt wird, dass es „nahe herbei gekommen“ sei, nicht um irgendeine Herrschaft oder Macht, um irgendein herrscherliches Getue oder Großspurigkeit oder Gewalt oder eine politische „Alternative“, sondern um eine bestimmte „Stimme“, eine „phone“, eine Klangfarbe, eine bestimmte Musiksprache oder Sprachmusik, die auf einer Frequenz schwingt, die man hören lernen muss. Er kam in die Ordnungen dieser Welt hinein, um in ihrer Falschheit für die rechte Frequenz zu zeugen. Und ähnlich wie in der Erzählung von Jericho, als Posaunenschall Mauern zusammenstürzen ließ, ist es möglich, dass „seine“ Frequenz, wenn er kommt, irgendwann die Mauern dieser Herrschaften einfach einstürzen lässt. Die Jericho-Geschichte ist hochsymbolisch und hochrealistisch… Aber es ist wichtig, dass die Menschen Zeit haben, seine Frequenz zu hören.
Er aber — wir wissen es — ging an diesen irdischen Ordnungen und „kosmoi“ zugrunde. Sie brachten ihn um, um diese Stimme und diese Frequenz zum Schweigen zu bringen. Niemals also kann er eines Tages im Frequenzbereich dieses „kosmos“ seine „basileia“ aufrichten. Denn was hat das Licht mit der Finsternis zu schaffen?
Das Leben Jesu zeigt uns, so betrachtet, dass auf dieser Erde diese „malchut“ nicht sichtbar aufgerichtet werden wird und auch nicht werden kann.


XI. Schwerter zu Pflugscharen?

Die meisten Menschen, auch speziell Christen, die ich kenne, hören das nicht gerne, weil sie darin Fatalismus erkennen und „Quietismus“, Obrigkeitshörigkeit und Verantwortungslosigkeit. Viele denken, Christsein bedeute ebenso wie ein „aufgeklärtes Denken“ oder politische Verantwortung des einzelnen, dass man sich der finsteren Macht dieser Welt entgegen wirft oder wenigstens darauf hofft, dass diese Finsternis eines Tages nach einer „Apokalypse“ in ein goldenes Zeitalter übergehen werde, wo alle ihre „Schwerter zu Pflugscharen“ machen. Die Formel von den „Schwertern“, die zu „Pflugscharen“ umgeschmiedet werden, kommt im AT öfter vor (Jes 2,4; Micha 4,3), allerdings auch umgekehrt (Joel 4,10)… nämlich so, dass Pflugscharen zu Schwertern umgeschmiedet werden sollen. Das „Ende der Tage“ (sowohl bei Jesaja als auch Micha so benannt) führt alle Nationen ins Heilige Land. Zum Frieden wird es bei Jesaja und Micha erst kommen, wenn Menschen auf den Spruch des Herrn hören werden. Es gibt solche, die strömen nach Jerusalem, weil sie sich nach Wahrheit und Recht sehnen.
Dort will der Herr „versammeln, was hinkt, und zusammenführen, was versprengt ist, und alle, denen ich Böses zugefügt habe. Ich mache die Hinkenden zum (heiligen) Rest und die Schwachen zu einem mächtigen Volk. Und der Herr wird ihr König sein auf dem Berg Zion, du erhältst wieder die Herrschaft („memschalah“ = “Regierung“) wie früher, das Königtum („mamlachah“ = „Königswürde“) kommt wieder zur Tochter Jerusalem.“ (Micha 4,6ff)
Interessant ist hier, dass Martin Buber diese beiden Begriffe „memschalah“ und „mamlachah“ mit „Königschaft“ (!) und „Königsbereich“ übersetzt. Er vermeidet konsequent die gängige deutsche Fehlübersetzung von der „Herrschaft“!
Solche Stellen besagen allerdings nicht, dass die „Herrschaft“ Israels auf Erden anbrechen wird. Wer so etwas glaubt, ist ein Phantast, der nicht richtig gelesen hat: „Du erhältst wieder die Herrschaft wie früher“ habe ich eben zitiert — nur: wann hatte denn… ja wer überhaupt? Israel, die Schwachen? Zion? (alleine schon das ist sehr nebulös!) — je die „Herrschaft“? Wenn man sich die Geschichtsbücher ansieht, dann hatte Israel noch nie „die“ Herrschaft!
Und wie wir gleich sehen werden, erfüllt sich die Ankunft des Messias — nach dem Glauben der Christen — ohne eine begleitende Wiederherstellung Israels, obwohl sie ausdrücklich prophetisch vor seiner Ankunft vorhergesagt ist. Aber zunächst noch ein Hinweis auf die Umkehrung der Prophetie:

Bei Joel scheint es um ein Herbeirufen zum Endgericht zu gehen. Es gibt nämlich auch solche, die nach Jerusalem strömen, weil sie Gott den Krieg erklärt haben und ihren finsteren Kampf bis zum Ende führen wollen unter enormen Verlusten von Menschenleben. Das „Umschmieden“ von Landwirtschaftsgeräten zu Kriegsgerät kennzeichnet dabei den selbst gewählten Weg des Todes, des Bösen und der Selbstvernichtung: „Kommt, tretet die Kelter; denn sie ist voll, die Tröge fließen über. Denn ihre Bosheit ist groß.“ (Joel 4,13). Der Aufruf an alle Völker, dem Herrn unter die Augen zu treten mit ihrer Bosheit, ist sarkastisch zu verstehen: „9 Ruft den Völkern zu: Ruft einen Krieg aus! Lasst eure Kämpfer aufbrechen! Alle Krieger sollen anrücken und heraufziehen. 10 Schmiedet Schwerter aus euren Pflugscharen und Lanzen aus euren Winzermessern! Der Schwache soll sagen: Ich bin ein Kämpfer.“

Das „Umschmieden“ des Kriegsgerät zu Landwirtschaftsgeräten bedeutet umgekehrt bei Jesaja und Micha Heilung und Selbstschutz, Segen und Zukunft. Der „Schwache“ ist bei ihnen der Gerechte, der in der Finsternis dieser Welt viel leidet, bei Joel dagegen der Finstere, der sich stark wähnt, aber doch schwach ist vor Gott.
Man muss also sehr genau lesen und vor allem die visionäre literarische Form dieser Sätze beachten, die eine allzu platte Verstehensweise deshalb verbieten, weil die Vision ihrem Charakter nach etwas andeutet, das sich nicht oder noch nicht genau ausdrücken lässt. Etwas an ihr bleibt immer vage oder mehrdeutig. Bei Joel wird mit der vorherigen Ausgießung des Heiligen Geistes ein apokalyptischer Kampf im Tal Joschafat und ein anschließendes Gericht und der Weltuntergang vorhergesehen („Himmel und Erde erbeben“, V15). Himmel und Erde werden nicht bleiben, was sie sind. Wenn in V 17 gesagt wird, Gott werde auf dem berg Zion wohnen, dann ist damit nicht gesagt worden, dass es ein Berg nach den Maßen dieses Äons ist — das wäre ein voreiliger Schluss. Auch der Satz „Juda bleibt für immer bewohnt“ (V 20) bedeutet in der Vision nicht zwingend, dass in all der Vernichtung von Himmel und Erde dieser kleine Landstreifen bleibt: wie traurig wäre es, in einer Öde zu leben, in der ein kleines Fleckchen lebendig bleibt: sollte das der „neue Himmel und die neue Erde“ sein? Ich denke, man muss das so verstehen, dass die Kinder Saras das alles überleben werden, so wie Noachs Arche ein kleiner Flecken der Überlebenden sein konnte bei einem echten Weltuntergang.

Hinweise auf eine angemessene und geistliche Lesart alttestamentlicher Prophetie bietet uns die Pfingstpredigt des Petrus. Er bezieht das Geschehen, die Ausgießung des Heiligen Geistes am Schawuotfest zu Jerusalem auf das, was Joel prophezeit hat. Er zitiert nahezu wörtlich in Apg 2,17ff das ganze Kapitel Joel 3 — ich stelle beide Textversionen einander gegenüber:

„In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und eure Töchter werden prophetisch reden, eure jungen Männer werden Visionen haben und eure Alten werden Träume haben.
18 Auch über meine Knechte und Mägde werde ich von meinem Geist ausgießen in jenen Tagen und sie werden prophetisch reden.
19 Ich werde Wunder erscheinen lassen droben am Himmel und Zeichen unten auf der Erde:/ Blut und Feuer und qualmenden Rauch.
20 Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und herrliche Tag.
21 Und es wird geschehen: Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“

Beim Propheten Joel heißt es:

1 Danach aber wird Folgendes geschehen: Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer haben Visionen.
2 Auch über Knechte und Mägde werde ich meinen Geist ausgießen in jenen Tagen.
3 Ich werde wunderbare Zeichen wirken am Himmel und auf der Erde: Blut und Feuer und Rauchsäulen.
4 Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag des HERRN kommt, der große und schreckliche Tag.
5 Und es wird geschehen: Jeder, der den Namen des HERRN anruft, wird gerettet. Denn auf dem Berg Zion und in Jerusalem gibt es Rettung, wie der HERR gesagt hat, und wen der HERR ruft, der wird entrinnen.

Die Abweichungen sind gering und ändern, wo man sie findet, am Sinn nichts. Nun ist dabei zweierlei von Interesse und gibt Aufschluss darüber, wie wir die alttestamentliche Prophetie recht verstehen können:
Das „Danach“, mit dem Joel seine Vision beginnt, sollte beachtet werden: vor dieser Schauung, dass Söhne und Töchter, Knechte und Mägde (!) weissagen werden und der Geist Gottes ausgegossen wird über alle, die es wollen, wird ausführlich eine Wiederherstellung des Rechtes und des „Reiches“ Israel beschrieben. Und gleich nach der Ausgießung des Geistes wird diese Zusammenkunft aller Nationen im Tal Joschafat zum Gericht geschehen.
Es ist sehr leicht zu erkennen, dass die Prophetie des Joel also Dinge auf engsten Raum zusammenzieht, die unmöglich so geschehen sein können oder noch geschehen werden. Weder hat Gott Israel vor der Ausgießung des Heiligen Geistes — vorausgesetzt, Petrus deutet die Vision richtig — eine Befriedung zuteil werden lassen, noch wurden danach die Völker buchstäblich nach Jerusalem zu einem realen Krieg geführt, der Israel unbehelligt und stabilisiert zurücklassen würde. Es ist das Gegenteil vorausgegangen und nachgefolgt! Israel wurde in der realen Geschichte davor von den Römern unterworfen und geistig total verdorben und danach vernichtet. Die Apostelgeschichte wurde nach derzeitigem Forschungsstand genau zu jener Zeit abgefasst, zu der der Tempel zerstört wurde und die Juden aus ihrem Land vertrieben wurden (um 70 n. Chr.).
Vorausgesetzt, die im 4. Jh kanonisierte Apostelgeschichte ist nicht manipuliert oder „korrigiert“ worden (denn wir haben ja keine Autografen und keine frühen Abschriften!), ist erkennbar, dass weder Petrus noch Lukas ein einfaches oder vulgäres, „irdisches“ Verständnis von diesem „Reich“ gehabt haben können. Petrus erkennt im Geschehen die Ausgießung des Heiligen Geistes, aber das, was die Schrift eine „Wiederherstellung des Reiches“ nannte, ist definitiv und historisch-faktisch eine Vernichtung dessen, was man gemeinhin unter diesem „Reich“ versteht und verstand.
Real ist die Begabung mit dem Geist Gottes, irreal dagegen jegliche Vorstellung von einer irdischen „Herrschaft“ Gottes in diesem Äon.


XII. Theodizee

Es gibt kaum eine quälendere Frage vieler Menschen, warum Gott nicht in eben diesem gewalttätig-patriarchalischen Sinne herrscht (!), sondern all das Böse zulässt, warum er ohnmächtig erscheint wie eine Frau oder womöglich sogar all dieser Bosheit sogar zustimmt. Schon in alter Zeit kamen daher Philosophen auf die Idee, dass es zwei Gottgestalten gebe — den „bösen“ Demiurgen, den Schöpfer, Gesetzeserfinder und ungerechten Richter, der uns unter seinen Fehlkonstruktionen leiden lässt und daneben einen guten, liebenden, erbarmungswilligen Gott, der der Vater Jesu sei und den Demiurgen weder kennt noch als ihm ähnlich erkennt. So oder so ähnlich dachten zB Markion (2. Jh), aber auch weite Teile gnostischer und spätantiker Strömungen. Diese Vorstellungen werden bis heute in esoterischen Religionen und Sekten gepflegt. Sie leiden an ihrem Maskulinismus und verkennen darum das Wesen Gottes. Dennoch ist die Frage, die sie stellen, ja nicht unberechtigt — nur falsch beantwortet.
In der Logik sehr vieler Menschen ist diese Frage, warum Gott all das Böse zulässt und das Gute sogar dafür opfert, warum er nicht „männlich“ und „mit Gewalt“ eingreift, ein ernsthafter Grund, nicht an ihn zu glauben. Ich denke, jeder einigermaßen nachdenkliche Mensch, der schon mit vielen anderen gesprochen hat, wird mir das bestätigen, aber auch dies, dass jeder Versuch, diese Frage zu beantworten, für solche Fragenden zynisch ist und bleibt.
Aber immer scheint in der Frage auf, dass der Mensch seine eigene Freiheit weder kennt noch ernst nimmt. Als frei Geschaffenem kann ihm Gott nicht, wenn er wirklich Gott ist, einfach autoritär einen guten „kosmos“ („politische Weltordnung“) schaffen. Andererseits kann der Mensch in seiner erworbenen Schwäche sie auch nicht schaffen. Ich habe inzwischen die Erkenntnis, dass Gott uns sanft hinführen will und deshalb auch so lange verzieht. Er angelt uns aus dem Chaoswasser, er, der der wahre Menschenfischer ist, und setzt uns in frisches Wasser.
In der Schnittstelle, die nur einen Hauch, ein Nadelöhr an Entrinnen ermöglicht hat, erscheint der Messias — nur er konnte das Dilemma lösen, ohne alles zu gefährden. Nur in der Bereitschaft, ihm in seiner Ohnmacht zu folgen, wird man in die „malchut“ hinübergerettet werden können.
Die Frage nach der Rechtfertigung Gottes ist im Grunde infantil, offenbart den blinden, narzisstischen und doch selbsthassenden Charakter dessen, der sie stellt, aber wer von uns könnte von sich sagen, dass er nicht diese Infantilität vor Gott schon ausgesprochen hätte? Ich nicht — ich habe so oft schon diese Frage gestellt, aber ich habe auch den Eindruck, dass Gott sie mir nach und nach beantwortet.

Die Visionen eines „wiederhergestellten“ Israel müssen vor dem Hintergrund der realen Geschichte Israels verstanden werden: Israel war noch nie „hergestellt“, sondern ein Konstrukt maximaler Instabilität, das aber gewissermaßen lebendiger Träger einer Verheißung sein sollte, die noch nicht erfüllt ist und über Israel hinausgeht — weit hinaus! Dieses Volk ergab sich immer der Abgötterei, von wenigen Zwischenjahren abgesehen, in denen man kurz damit innehielt. Es war immer von innen und außen her geistig angefochten und physisch verwundet durch Nachbarvölker. Es war immer in sich gespalten, auch unter David, der nur mit Mühe regieren konnte und auch von innen, zB von seinem Sohn Abschalom, angegriffen wurde. Mit Salomo zerbrach das Reich in zwei Teile und blieb seither zerbrochen bis zum heutigen Tag. Niemand weiß, wo genau eigentlich die 10 Stämme abgeblieben sind und wer ihre Nachfahren sind, und auch die Bundeslade ging schon in der Zeit des AT verloren und wurde bis heute — zumindest offiziell — nicht wiedergefunden. Es ist eine Zeit der inneren und äußeren Fäulnis, in der aber dennoch Gott stritt und immer wieder Menschen berief — einzelne.
Was also soll da „wiederhergestellt“ werden? Das alte Chaos, das diese Geschichte real zeichnet?
Wer es nicht glauben will, sollte einmal das Alte Testament lesen. Er oder sie wird sofort verstehen, was ich meine. Da gibt es nichts „wiederherzustellen“, was so etwas wie eine „malchut“ gewesen wäre.
Die eigentliche „malchut“ muss überhaupt erstmalig hergestellt werden, aber sie wird angesichts des Erlösers für alle Welt kaum auf Israel beschränkt bleiben können. Jesus hat das zunächst auch nicht gesehen. Bekannt sind die Stellen, an denen er sagt, er sei nur für das Haus Israel gekommen, dann aber doch auf das ausdrückliche Bitten von Heiden, interessanterweise zuerst vertreten wieder durch eine Frau („syrophönizische Frau“) offenbar von oben oder innen angewiesen wird, sich ihnen doch zuzuwenden (vgl. Mt 15,21ff). Hier bricht bereits erkennbar die Abkapselung der Heilsträgerschaft Israels auf. Diese wesentliche Erkenntnis manifestiert sich dann ausdrücklich und nicht mehr aufzuhalten zuerst in der Mission des Philippus, in der er im Geist zu dem Reisewagen eines Äthiopiers geführt wird, um seinem Verlangen, eine geheimnisvolle Jesaja-Schriftstelle über das Lamm Gottes zu verstehen, entgegenzukommen. Der Äthiopier, ein hoher Beamter der Königin Äthiopiens, ist der erste heidnische Mann, der getauft wird. Der zweite folgt nach einer Vision des Petrus, in der Gott ihm klarmacht, dass alle Heiden mit angesprochen sind für diese „Wiederherstellung“. Petrus tauft daraufhin den Kornelius und sein ganzes Haus. Die parallele Manifestation dieser Erkenntnis vollzieht sich in Paulus, der später „Völkerapostel“ genannt wurde. Wenn also überhaupt von einer im Wortsinn verstandenen „Wiederherstellung“ geredet werden kann, kann sie nicht das noch nie hergestellte Israel meinen, sondern wahrscheinlich die einst hergestellte, gute Menschheit und Schöpfung im Garten Eden.
Die Wort Jesu vom „Reich“, das „nicht von diesem kosmos“ ist, macht eindeutig klar, dass es in diesem „kosmos“ dieses Reich nicht als Manifestation in dessen begrifflichen Kategorien geben kann, auch nicht in Israel. Jesus antwortet dementsprechend den Pharisäern auf die Frage, wann das „Reich Gottes“ komme, mit folgender Antwort:

„Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sehen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“

In Mt 12,28 sagt Jesus ihnen, das „Reich Gottes“ sei gekommen, weil er durch den Geist Gottes die Dämonen austreibe. Das ist nun sehr interessant: Diese Austreibung der Dämonen, ohne einen Pakt mit dem Teufel einzugehen (das werfen ihm die Juden nämlich vor, dass er den Teufel durch Beelzebub austreibe!), ist die beginnende „malchut“. Es ist gewissermaßen eine „Rückeroberung“ eines verloren gegangenen Eigentums, eine echte „reconquista“. In den Gleichnissen vom „Himmelreich“ wird daher sehr häufig dieses „Reich“ wie ein Fundstück, wie ein verborgener Schatz beschrieben. In den Worten Jesu schimmert aber auch das auf, was ich bereits zuvor ausgeführt hatte: die „exousia“ des Staates und der Gewaltigen ist von Gott zugelassen oder sogar „verliehen“, aber wir wissen aus dem Buch Job, dass Gott dem Satan tatsächlich Vollmacht über Menschen gegeben hat, sogar über den, der am meisten gerecht war. Wenn man die Worte Jesu einmal vor diesem Hintergrund versteht, bekommen sie einen ganz neuen Sinn:

„Jedes Reich, das in sich gespalten ist, geht zugrunde, und keine Stadt und keine Familie, die in sich gespalten ist, wird Bestand haben. Wenn also der Satan den Satan austreibt, dann liegt der Satan mit sich selbst im Streit. Wie kann sein Reich dann Bestand haben?“ (Mt 12, 25bff)

Diese Worte beschreiben doch sehr trefflich meine Deutung  dieser „exousia“ der „Archonten“ in Röm 13: Gott bevollmächtigt Böse, um das Böse einzudämmen, damit das Reich des Bösen gespalten und geschwächt bleibt. Die Zeit der „Gesetzlosigkeit“ aber ist eine Zeit, in der die „exousia“ das Böse immer weniger bekämpft und stattdessen das Gute verfolgt. Eine Aussicht darauf, dass die Welt ohne „exousia“ sich selbst befriedet, besteht allerdings in diesem Äon auch nicht wirklich, wie das Richterbuch zeigt, obwohl eine herrschaftsfreie Welt das wäre, was Gott eigentlich wollte.
Der Kulminationspunkt dieser ironischen „exousia“ wird am Ende erreicht, wo es heißt, es sei dem „Tier“ erlaubt, gegen die Heiligen zu kämpfen und sie zu besiegen (Apk 13,7).

Es ist aber diese herrschaftsfreie Welt, die auch im Garten Eden vorlag, dann die kommende „malchut“, und deswegen sagt Jesus unermüdlich und an vielen Stellen, dass das, was in der Kategorie einer irdischen „exousia“ gilt, in dieser noch verborgenen „malchut“ auf gar keinen Fall gelten soll. Es ist die Tragödie der Kirche, dass sie das so sehr veruntreut hat und wird vielleicht in der Ankündigung der großen „apostasia“ ausgesprochen.

Es ist einigermaßen eigentümlich, wenn nun Unitarier diese Tatsachen in den Schatten rücken, um erneut ein politisches, irdisch gedachtes „Königreich“ zu propagieren, das sie sich — entgegen dem Schriftwort — nicht auf einer wirklich ganz und gar neuen Erde und einem neuen Himmel vorstellen, sondern in dieser Welt. So, wie sie das „Gott ist einer“ zu einem irdischen Rechenexempel machen (im Grunde nicht anders motiviert als die Trinitarier), unterwerfen sie die kommende „malchut“ ihrem Vorstellungsvermögen, das sich der Ungreifbarkeit des Visionären verweigert und es — wahrscheinlich unbewusst — in materialistische Kategorien auflösen will.
Es hat seinen tiefen Grund, dass die Unitarier der Vergangenheit, wie Sir Isaac Newton, entweder eine Affinität zum Okkultismus und zur Kabbala hatten oder zum Rationalismus und Materialismus oder sogar gleich beidem zusammen. Es waren stolze Männer. Sie alle weichen dem Zeugnis der Schrift aus, dass die „Weisheit dieser Welt“ nicht dasselbe ist wie die göttliche „Chochma“ (griech. „sophia“, lat. „sapientia“). Der mentale Unterschied zwischen Trinitariern und Unitariern ist daher aus mS nur marginal, denn sie fußen auf denselben falschen, vernünftelnden und im letzten Ende materialistischen Verständnisweisen von dem, was die Schrift „Geist Gottes“ nennt. Wir sollen zwar nicht vernunftlos denken oder handeln, aber dennoch ist Gottes Geist und was er plant „höher als alle unsere Vernunft“.
Es ist symbolhaft, dass genau die Kirche in Konstantinopel, die Trinitarier der „Heiligen Weisheit“ widmeten (man muss sich allerdings die blutigen Umstände ansehen, die zu ihrem Bau führten!), die „Hagia Sofia“, von islamischen Unitariern erobert und umgewidmet wurde: so fand zusammen, was geistig zusammengehört. Der Hochmut des Menschen, der Weltweisheit nicht zu trennen wusste von der Weisheit Gottes, die in diesem Äon als Torheit gilt, ist ein und dieselbe Wurzel verwirrender Lehren und Lehrmeinungen.

Ich möchte deshalb als Christenmensch an einem festhalten: dieser Jesus ist das „vollkommene Abbild des Vaters“.
Der Vater aber ist in einem unzugänglichen Licht, und wehe dem, der meint darüber fachsimpeln zu können, wie er „gebaut“ ist.
An diesem gewaltlosen und sündlosen Jesus wurde offenbar, wer dieser Gott ist, und ich werde mein Leben lang dazu brauchen, aus der Verhaftetheit in die Denkweisen dieser Welt und dieses geschwächten Leibes herausgelöst zu werden. Und weil Gott wirklich die Liebe ist, tut er das sorgsam, behutsam und so, dass ich es überleben kann. Er allein ist gut. Ich hoffe, selbst nicht abzudriften. Wir sind zur Freiheit geboren und doch arme Irrende.