Donnerstag, 16. Januar 2020

Wo ist die Natur? — Tagebuch einer Suche: Spechtbalz, frühe Singdrossel und der erste wilde Uhu meines Lebens

Wo ist die Natur? — Tagebuch einer Suche: Spechtbalz, frühe Singdrossel und der erste wilde Uhu meines Lebens

Seit einigen Tagen hört man sie morgens in der Früh, nachdem es hell wurde. Als ich nicht wusste, was das ist, dachte ich an eine Trommelkommunikation der Waldgeister. Einer klopft, die abgestorbenen Stämme sind Klangkörper wie westafrikanische Tomtoms, geben Nachrichten weiter über lange Entfernungen, irgendwo kommt die prompte Antwort, ein paar Tonhöhen höher oder tiefer gestimmt, je nachdem, welchen Baum sich der zweite Specht ausgesucht hat. Aber damit nicht genug, es tönt ein dritter, ein vierter, vielleicht sogar ein fünfter. Oder noch mehr? Irgendwann überlagern sich ihre Zurufe aneinander, ein mehrstimmiges, polyrhythmisches Konzert holt mich aus meinen Träumen. Der Tag kann kommen, ich bin musikalisch gerüstet.

Wenn ich auf bin, draußen im Wald spaziere, noch ist es dunkel, im ersten rosigen Grauen, singt die Drossel im Busch vor dem Haus, umschlichen von meiner Katze, deren Schwanz ekstatisch zuckt. Die Sängerin hat das Terrain noch für sich, wenige erhabene Minuten lang.

Heute kehrte ich zurück im Dunkeln, die Siebenuhrglocken hatten schon vor einiger Zeit geläutet, am Himmel blinkte Orions Gürtel so fett wie selten, da hörte ich mitten im Geschrei der Waldkäuze aus dem Schweigen der Wipfel diesen tiefen Ruf „Huuu“. In gemessenen Abständen kam er, samtweich und dunkel schimmernd. Obwohl ich das in der Natur noch nie gehört hatte, kannte ihn doch, diesen Ruf, irgendwo versunken in meinem Bewusstsein, überkommen von meinen Ahnen. Zuhause war schon mein Mann und sagte:
Kann es sein, dass hier ein Uhu lebt?
Er hatte den Ruf auch gehört.
Du auch? rief ich.
Ja, ganz deutlich und laut!
Ich ging an den Rechner und gab auf Youtube „Uhu Ruf“ ein.
Es war der Uhu!
Er ist zurückgekehrt, sagten wir zueinander.

Hanna Jüngling, 16.1.2020 (an einem milden Januartag im Freien und zu Hause)

Tagebuchfolgen bisher:

29.12.2019: Wo ist die Natur? — Tagebuch einerSuche: Rauhnächte

Samstag, 11. Januar 2020

Trinitätslehre auf dem Prüfstand — Brief XV. an Unitarier und Trinitarier IV: Das Fehlen eines Vatergottes im Alten Testament

Trinitätslehre auf dem Prüfstand — Brief XV. an Unitarier und Trinitarier: Das Fehlen eines Vatergottes im Alten Testament

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IV

Das Fehlen eines Vatergottes im Alten Testament

Mit dem Begriff „Vater“ als „Titel“ lässt sich noch viel schwerer so unbesorgt um historische und literarische Zusammenhänge in der Schrift argumentieren. Es wurde vielfach festgestellt, dass das Heidentum einen ausgeprägten Vaterbegriff, als phallische Gottheit verstanden, und die Herrschaft der Väter als dessen Abbild, kennt, und Israel sich mit dem Exodus gerade davon radikal trennt: im AT wird Gott grundsätzlich nicht „Vater“ genannt. Auch wenn Juden sehr spät im hellenistischen Umfeld und bis heute gelegentlich ebenfalls in Gebeten auch von Gott als „Vater“ sprechen, findet sich dies im AT noch nicht. Diese Anrede und Konstellation kommt erst mit Jesus fast „schwallartig“ ins Spiel. Davon später.

Der Pharao verstand sich als einziger Mittler und Gottessohn auf einer Zwischenebene zwischen Volk und Göttern, und glaubte, dass Gott als Vater nur mit diesem seinem Sohn, dem König der Ägypter, ausschließlich nur mit ihm, der seine Herrschaft vollziehen sollte, kommunizierte. Es war nicht vorstellbar, dass Gott auch mit anderen sprach. Vielleicht haben die hebräischen Sklaven in Ägypten deshalb vollkommen auf ihre Väter Abraham, Issak und Jakob vergessen. Denn mit ihnen hatte Gott gesprochen und sogar gerungen, ein Gedanke, der in Ägypten undenkbar war.
Die merkwürdige Abstinenz im AT von einem Gott als „Vater“ ist auffallend und ungewöhnlich in einer Umwelt, die sich den Gott nicht anderes als einen (phallischen, zeugenden) Vater vorstellen konnte, gerade in Ägypten in einem komplex gedachten System von „Vater und Sohn“ (Sonnengott bzw Osiris-Horus) mit universalem Anspruch:

In der Ägyptologie und Theologie ist heute zwar — und das könnte Gerbers Theorie bestärken — umstritten, ob die Pharaonen bzw Könige Ägyptens direkt als „Götter“ aufgefasst wurden oder nur als Mittler zu Gott und in dem Sinn „Gottessöhne“ (auch Gottestöchter) als „Amtsträger“, aber nicht dem Sein nach.[1] Es spricht viel dafür, dass hier moderne Gedanken rückprojiziert werden von denen, die diese Auffassungen vertreten. Die antike Denkweise unterschied noch keine bloßen „Ämter“ vom Sein des Trägers. Der feine Unterschied liegt in der Differenz zwischen „Beruf“ und „Berufung“: Modern gedacht kann man sehr wohl Berufe ausüben, die nicht zu einem passen, man weist auf einem Stück Papier aufgrund einer „Ausbildung“ nach, dass man „qualifiziert“ ist. Man kann den Beruf auch ständig wechseln — das ist unerheblich.
Eine Berufung aber ist etwas gänzlich anderes: in ihr verschmilzt Aufgabe mit Sein so tief, in der tiefsten Tiefe mit dem Jawort Gottes zu diesem Menschen, dass niemand darüber von außen über Papierstücke, die mehr oder weniger starre und oberflächliche und befangene oder voreingenommene Meinungen ausweisen, urteilen kann. Die biblischen Berufungen sind sehr häufig überraschend, weil der gewöhnliche Mensch ausgerechnet diesen Mann, diese Frau niemals für den oder die „Richtige(n)“ gehalten hätte für die Aufgabe.
Bei der Berufung bezeugt alleine die Frucht des Wirkens, ob sie vorliegt. Im Wort „Beruf“ steckt noch ein Hauch des alten und aus meiner Sicht wahren Verständnisses der Berufung.
Ein Amt musste einem Sein entsprechen oder eine Vollmacht mitliefern, das Amt tatsächlich zu verkörpern, die manifest wurde. Mose bewies seine Berufung vor dem Pharao daher nicht nur mit der Behauptung, er sei beauftragt vom Gott der Fronarbeiter. Die Relevanz dieses Gottes musste sich erweisen. Daher die „Kunststücke“, die Mose vorführte im Wettstreit mit den Magiern. Auch die Vollmacht Jesu erwies sich zunächst in seiner Wundertätigkeit vor aller Augen. Auf die verstörte Frage Johannes des Täufers, der im Gefängnis schmachtete, ob Jesus denn wirklich der sei, den er erwartet hatte, antwortet Jesus ihm mit dem Verweis auf die Wunder:

Geht hin und verkündet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden gereinigt, Taube hören, Tote werden auferweckt, Armen wird gute Botschaft verkündigt! (Lk 7,22)

Man kann sicher sagen, dass im Altertum eine göttliche Vermittlerrolle anders konnotiert war als heute, wo man Mediatorenrollen funktional und „amtlich“ versteht und die alte Idee, dass Geweihte tatsächlich ein Wesensmerkmal erhalten haben, in den Hintergrund rückt.
Die Königsrolle war nicht auf Zeit gedacht, sondern seinshaft: man wurde schon als König geboren oder irgendwann in einem auch spirituell gedachten Akt dazu erhoben und füllte das Königtum aus, solange man lebte. Königtum wird im Orient, aber auch bei uns, solange wir Könige hatten, mit einer Salbung bzw Weihe „übertragen“. Wir kennen noch aus der katholischen Kirche die Überzeugung, dass man mit der sakramentalen Taufe (und Firmung) und Priesterweihe durch die Chrisamsalbung und das Ritual selbst ein regelrechtes „Wesensmerkmal“ eingeprägt bekommt: man ist danach mit einem anderen Sein versehen als zuvor und kann dies auch nicht mehr verlieren, nur noch verraten. Der Gläubige und in gesteigertem Maße der Priester erhält damit seinshaft Anteil am Königtum Jesu Christi. Die Salbung der Könige hatte einen quasi-sakramentalen Charakter, beteiligte auch sie in einer herausgehobenen Weise (Gottesgnadentum) am Königtum Christi und war dem Prinzip nach unverlierbar.
In Resten ist etwas von diesem alten Denken also auch noch bei uns lebendig.
Es erscheint mir darum als modern „betriebsblind“, wenn man heutige „Ämtervergaben“ auf alte Verhältnisse rückprojiziert. Immer, wenn in irgendeiner Weise ein göttliches Wesensmerkmal in einem Menschen offiziell und rituell beglaubigt manifest gedacht wird, kann es sich nicht mehr nur um eine bloße, nüchterne Amtsvergabe eines „Präsidenten“ oder „Chefs“ handeln.

Dafür möchte ich einige Beispiele geben:
Amenophis I. (Regierungszeit 1525-1505 v. Chr.) wurde zweifellos posthum als Gott verehrt.[2] Amenophis III. (14. Jh v. Chr.) hat zu Lebzeiten Opfer vor seinem vergöttlichten Ich dargebracht. Hatschepsut bewies ihre königlich-göttliche Legitimation dadurch, dass sie sich als Abkömmling des Gottes Amun Re und ihrer menschlichen Mutter darstellte, also als direkt von Gott Gezeugte.[3] Im Tempel von Deir el Bahari ließ sie ihre göttliche Geburt verewigen.[4] Ein König wurde als Manifestation des Sonnengottes verstanden. Er ist (Adoptiv-)Sohn des vorherigen Königs, der im Jenseits als Sonnengott ist und im Diesseits in seinen Sohn „inkarniert“ agiert.[5] Die Mittelstellung eines amtierenden Königs bedeutet nicht ein Weniger-sein dem Sein nach oder „Untertänigkeit“ unter einen Vater im Jenseits, sondern eine Rolle auf der Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits. Der regierende Pharao ist auf der Schwelle das, was sein Vorgänger im Jenseits ist.[6] Wenn man sagen will, der Pharao stehe im dreistufigen ägyptischen Modell dem Sein nach zwischen dem Gott und der Diesseitswelt, dann geht man aber trotzdem davon aus, dass er, im Jenseits endgültig vergöttlicht, vorher die noch nicht vollständig aktual entfaltete Potenz zum Göttlichsein hatte.
In der Zeit der Könige David und Salomo hatte sich diese gottkönigliche Idee in Ägypten sogar noch verstärkt, an dessen Staatsspitze nicht nur

„ein Herrscher als Sohn und Stellvertreter des Sonnengottes stand, wie es die übliche Konstruktion des pharaonischen Sakralkönigtums vorsah, sondern (…) der Gott Amun selbst, der den Staat durch Orakelentscheidungen regierte. Der weltliche Regent (…) diente als Hohepriester des als König herrschenden Gottes. Im 8. Jahrhundert wurde das System dahingehend verändert, dass an der Spitze des Gottesstaates nun eine Prinzessin der in Tanis und später in Sais herrschenden Dynastie als ‚Gottesgemahlin’ stand. Die Gottesgemahlinnen waren als Gemahlin des Gottes Amun zum Zölibat verpflichtet und bestimmten im Einvernehmen mit dem weltlichen Herrscher ihre Nachfolgerin durch Adoption.“[7]

In der Auseinandersetzung um die Trinitätslehre ist die Fortsetzung der Motive in der Zeichnung der Gestalt Jesu auffallend: auch er gilt nach dem NT als einziger „Mittler“, auch er ist nach dem NT „Sohn Gottes“ und gilt in der Trinitätslehre aufgrund einer bestimmten Interpretation des Johannesprologs als „inkarnierter König“, der posthum erhoben wird auf den Thron Gottes.  Dass im Judentum jede solche Vorstellung, die an „Ägypten“ erinnert, abgelehnt wird, kann man nachvollziehen. Mit dem Judentum tut dies der Islam. Dass auch Unitarier im Christentum Bauchweh haben bei einer Annäherung an ägyptische Vorstellungen, kann man ebenfalls nachvollziehen. Aber auch wenn man die Idee einer „Inkarnation“ als „unbiblisch“ verbannt, bezeugt die Schrift doch eine wunderbare Geburt Jesu, die durch einen Schaffensakt Gottes durch den heiligen Geist, der Maria umschattet, vollzogen wird. Über diesen Punkt muss noch nachgedacht werden.

Es ist unter Trinitariern üblich, die Zeit des Alten Bundes „Zeit des Vaters“ zu nennen.[8] Ihnen ist dabei völlig entgangen, dass gerade das AT ein ausgesprochen zurückhaltendes Verhältnis zur Benennung Gottes als Vater aufweist. Die Männer müssen vor dem Eintritt ins Heilige Land am Phallus beschnitten werden — ein Symbol, könnte man meinen, diese väterlich-patriarchale Macht zu brechen. Die alte abrahamitische Beschneidung der Männer als Bundeszeichen war ganz offenbar nicht mehr vollzogen worden. Oder aber die Wüstenzeit sollte eine Zeit der Reinigung einer ägyptischen Auffassung von Beschneidung sein, bei der Frauen verstümmelt und in Lebensgefahr gebracht wurden. Anders als in Ägypten mit seiner Beschneidung (die bis heute auch von den Christen und Muslimen dort fast flächendeckend praktiziert wird!) lässt man Frauen im AT ganz unbeschnitten und intakt.[9]

Auch wenn im AT „Patriarchen“ berufen werden und die jüdischen Gelehrten zur Zeit Jesu auffallend häufig von ihrem „Vater Abraham“ (erst in zweiter Linie von Gott als ihrem Vater) sprechen (im AT noch nicht), was sowohl Johannes der Täufer als auch Jesus (Lk 3,8; Diskussion in Joh 8) brüskieren (!), offenbart doch das AT eine radikale Kritik am antiken Patriarchalismus, der direkte Folge der orientalischen Religionen ist. Anders als in jeder anderen altorientalischen Literatur spielen neben den „Patriarchen“ deren Frauen im AT Schlüsselrollen oder werden sogar ohne Bezugnahme auf einen Ehemann ebenfalls berufen wie Miriam, die nicht nur offenbar eigenständig ihren Bruder Mose nach seiner Auffindung durch die Pharaonentochter auf dem Nil der eigenen Mutter als Amme wieder zuführt, sondern auch von Gott zur Führung Israels in der Wüste mitberufen wurde (Micha 6,4). Das ist im damaligen Kontext außergewöhnlich und durchbricht bereits das patriarchalische Prinzip. Immer wieder tauchen Sätze und Szenen auf, die ein „Problembewusstsein“ für die Ungerechtigkeit der Zurücksetzung der Frau offenbaren, nicht zuletzt in Gen 3,16, das ausdrückt, dass die Unterordnung der Frau nicht der ursprünglichen Schöpfungsordnung entspricht, sondern Folge und Ausdruck der Sünde ist.

Um nachzuwesien, wie kritisch schon das AT in dieser Frage ist, möchte ich ein Beispiel etwas ausführlicher zeigen:

Gleich auf den ersten Seiten der Genesis überrascht uns der Autor mit einer Erzählung, in der die von Abraham und Sara sexuell missbrauchte und anschließend verstoßene Sklavin Hagar mit ihrem Sohn Ismael in der Wüste ist, das Kind verschmachten sieht und weinend zusammenbricht. Nun geschieht — ähnlich wie später bei Mose und dem „Gott der Fronarbeiter“ etwas Außergewöhnliches: Gott wendet sich Hagar zu und sagt ihr zu, sie und den Knaben zu retten. Er habe das Schreien des sterbenden Knaben gehört. Sie solle ihn fest an der Hand nehmen, denn er, der Gott, wolle aus ihm ein großes Volk machen. Gott habe, so heißt es, Hagar die Augen geöffnet, so, dass sie plötzlich einen Brunnen sah und das Kind tränken konnte. Gott sei mit dem Knaben gewesen, heißt es abschließend (Gen 21,9ff). Doch dies war nicht die erste Ansprache Gottes an diese niedrige Frau. Sie war als Schwangere wegen der Konkurrenzsituation zwischen ihr und ihrer „Herrin“ Sara, die noch kein Kind hatte, von jener auf die ausdrückliche Zustimmung Abrahams hin so hart schikaniert worden, dass Hagar geflohen war. Sie rannte in die Wüste zu einer Quelle und wurde dort von Gott angesprochen und aufgefordert, zurückzugehen. Gott sagt ihr den Segen für ihr Kind zu, verheißt ihr ein großes Volk, das er aus ihm machen wird, und auch hier kommt ein außergewöhnlicher Satz, der von ferne schon an Marias Begegnung mit dem Engel Gabriel erinnert:

„Siehe, du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären; dem sollst du den Namen Ismael [„Gott hört“] geben, denn der HERR hat auf dein Elend gehört.“ (Gen 16,11)

Diese Begebenheit ist ungeheuerlich in der alten Weltordnung, in der ein Sklave nichts war. Gott beauftragt hier eine Niedrige, Missbrauchte, hat Erbarmen mit dieser Situation des Missbrauchs und der Demütigung und spricht mit einer solchen Frau. Man halte die Haltung Abrahams dagegen, um zu erkennen, dass hier eine Kritik formuliert wird: Abraham hatte die Frau der Willkür und dem Zorn seiner eigentlich Frau Sara überlassen, war feige, knallhart, ja: herzlos, er, der sie doch geschwängert hatte. Solange das Kind nicht sichtbar war, war sie im völlig gleich. Erst in der späteren Szene, als Ismael schon da war, fragte er Gott, was er tun soll, aber nicht wegen der Situation Hagars, sondern deswegen, weil Ismael sein Sohn war. Gott durchbricht dieses damals — in einer herzlosen patriarchalischen Welt normale — Verhalten Abrahams und wendet sich dieser Frau zweimal direkt zu. Hagar scheint nicht zu wissen, welcher Gott es ist, mit dem sie es zu tun hat und gibt ihm daher einen eigenen Namen. Sie nennt ihn daher „El-Roi“, der „Mich Sehende“ und den Brunnen, an dem dies geschah benennt sie ebenfalls nach diesem Gott „Brunnen des Lebendigen, der nach mir schaut“ (Gen 16, 13f). Erstmals schimmert hier auf, dass der Gott, der „Lebendige“ ist, der echte Gott, der, der auch auf die Geringsten sieht und hört. Und Hagar ist es auch, die den Namen für das Kind im Auftrag Gottes weiß und darum bestimmt. Der Patriarch Abraham muss das passiv annehmen.
Wer einmal genauer hinhört, entdeckt eine Ungeheuerlichkeit um die andere in der Schrift.

Aufseiten vieler Christen liegt hier mE eine Art „blinder Fleck“ vor, v.a. in der Postmoderne, in der sie sich umlagert wähnen von einem „unbiblischen“ Feminismus. An der Stelle möchte ich bemerken, dass ich die Begriffe „biblisch“ und „unbiblisch“ nur in Anführungszeichen gesetzt verwende. Die Begriffe sind kontaminiert, verdorben von einem inflationären Gebrauch durch allzu viele Rechthaber, die ihn als Kampfbegriff gegen ihre Meinungsgegner einsetzen. Damit kann ich nicht ernsthaft argumentieren — Argumente müssen der Sache nach, entweder mit einigermaßen plausiblen Schriftbeweisen oder auch logischen Schlussverfahren dargelegt werden. Beides reicht aber nicht für ein tiefes Wortverständnis. Dinge einfach als „biblisch“ auszugeben oder als „unbiblisch“ abzuschmettern offenbart ein meistens unredliches und oft gewaltsames Umgehen damit, dass wir alle Tastende und Irrende sind und nur Vorschläge machen können, wie man es recht verstehen könnte. Wir haben alleine an dieser Untersuchung hier gesehen, wie schwer es ist, mit den vielschichtigen und widersprüchlichen Aussagen in den biblischen Büchern umzugehen.

In aller Regel zieht das Patriarchat eine Göttinnenverehrung nach sich, um einen Ausgleich zu schaffen, wenn es nicht völlig veröden will. Der etwas freakige, aber sehr originelle Frank Engelmayer weist immer wieder darauf hin, dass das einst fruchtbare und grüne Land der arabischen Halbinsel und Nordafrikas vor allem mit dem Islam als einer extrem einseitigen, patriarchalischen Religion, die aber einen Vatergott ablehnt (!) und das Weibliche tief herabwürdigt, endgültig desertifiziert und heute nur noch eine erbarmungslose und lebensfeindliche Wüstenei ist. Diese größtmögliche Abstraktion einer vaterlosen, aber dennoch patriarchalen oder besser maskulin-aggressiven Struktur ist, wenn sie radikal umgesetzt wird, unmenschlich in ihrer Wirkung. Tatsächlich weisen große Teile des heutigen islamischen Herrschaftsbereiches buchstäblich eine Verödung und Desertifizierung des Landes auf, wo einst Feuchtigkeit und grünes Land war.[10] Engelmayer bezieht sich auf die These des Geografen James de Meo[11], der die patristischen Kulturen als Ergebnisse des Desertifizierungsprozesses ansieht. Bei Engelmayer wird der Zusammenhang auch umgekehrt erwogen.

In der Rückschau von Jesus her wird manches im AT zugelassen um der Verhärtung der Menschen willen (wie etwa das Recht des Mannes, seine Frau zu verstoßen und der Ehefrau beliebig viele Mätressen und Nebenfrauen zuzumuten — nicht anders trieben es die ansonsten verachteten Gojim), aber es erfährt mE bei genauem und aufmerksamem Lesen sehr oft subtil eine Umwertung und trotz der Legitimation in der Torah harte Kritik durch Propheten. Nicht erst Jesus stellt sich hinter die Würde der Frau, sondern auch schon einige Propheten wie zB Mal’achi wie auch die Schöpfungsaussage in Gen 2, dass der Mann der Frau folge (und nicht umgekehrt), die Jesus selbst ausdrücklich als Argument gegen die Verstoßungspraxis anführt (Mt 19,4ff); Mk 10,6ff). Bei aller Anpassung an den sozialen Zeitgeist, der in den späteren Briefen des NT zum Ausdruck kommt, verweist doch der Epheserbrief auch auf diese ursprüngliche Ordnung vor dem Fall (Eph 5,31).

Das Argument Gerbers, ein Sohn müsse seinem Vater in Gottes Ordnung ja auch untertan sein, und darum könne das so auch für Jesus gegenüber seinem Vater gelten, was bedeutet: darum ist „Vater“ auch ein Herrscher-Titel und Jesus dem Gott seinshaft subordiniert, hält mE einer sorgfältigen und v.a abwägenden Untersuchung schwerlich stand. Dieses Argument stolpert in die Falle eines schon im AT kritisch abgewickelten Vaterbildes, das allerdings, wie eben dargelegt, aus den Köpfen nicht herauszubekommen ist bis heute.
Daraus folgt umgekehrt nicht, dass „Wesensgleichheit“ vorliegen müsse. Zwar ist ein Vater mit seinem Kind immer wesensgleich unter irdischen Bedingungen. Viele missverstehen das, weil sie „Wesen“ mit dem Charakter oder einer mentalen Verfassung, Begabungen oder Aufgaben verwechseln. Dem Wesen nach sind alle Menschen gleich, Mann und Frau, und genuin Eltern und Kinder: ein Mensch bringt immer nur wieder einen Menschen hervor.
Um aber auf Wesensgleichheit im Rahmen einer Metapher zu schließen (und es ist mit Gewissheit eine Metapher, weil das, was wir unter Vaterschaft verstehen im irdischen Sinn, auf den unsichtbaren Gott des NT buchstäblich nicht zutreffen kann, bildhaft aber schon) bräuchte man wiederum validere Argumente und vor allem einen vollständigen Einblick in die Sphäre Gottes, den wir nicht haben können. Wenn man auf dieser philosophischen Ebene denken will, stellt sich die Frage, wie die Schöpfung, die doch von Gott kommt, nicht sein Wesen in sich tragen kann … Der Denkansatz ist vermutlich als solcher unpassend, um die Relation Gott-Schöpfung zu erkennen. In diesem Rahmen kommt man kaum weiter und landet bei Formeln und Festlegungen, die an irgendeiner Stelle immer wieder aufs Neue Widersprüche aufbrechen lassen.
Die Kirche hat sich diesbezüglich auf dogmatischer Ebene selbst belogen: Wenn sie 1215 auf dem IV. Laterankonzil feststellt, dass alles, was wir analog (zur Schöpfung) über Gott sagen können, ihm immer unähnlicher als ähnlich ist, dann war es eine Grenzüberschreitung, überhaupt ein Gottesbild festzulegen — es ist dabei gleich, ob trini-, bini- oder unitarisch. Sie hatte sich damals mit diesem Lehrsatz gegen eine Aussage des Joachim von Fiore zur Trinitätslehre gewandt mit genau diesem Argument. Joachim war der Meinung, wenn man die Dreifaltigkeit Gottes annehme und sage, er zeige sich in drei „Hypostasen“ bzw „Personen“, dann müsse man aber auch noch den Oberbegriff der Gottheit als vierte Größe dazu denken, quasi eine Viereinigkeit, was er für Wahnsinn hielt und bei Petrus Lombardus ausgedrückt sah. So wie etwa ein Volk aus Einzelpersonen bestehe, dessen Volksbegriff aber unabhängig von den Einzelnen gebildet werden müsse, weil er sich nicht selbstverständlich einfach so ergebe, nur weil mehrere Personen irgendwo zusammenleben. Eine frühe mengentheoretische Debatte, könnte man sagen, aber die Kirche wehrte dies ab, weil sie eine zu starke Analogie Gottes zur Natur nicht anerkennen wollte. Wie hatte sie sich dann aber selbst einst so weit vorgewagt mit ihren trinitarischen Definitionen, zuletzt auf demselben Konzil 1215, auf dem sie endgültig feststellte, dass der Heilige Geist auch aus dem Sohn gleichermaßen wie aus dem Vater durch Hauchung hervorgehe, was die Ostkirche bis heute ablehnt?

Das Denkproblem wäre hier hinsichtlich einer Rangordnung zwischen Vätern und Söhnen:
Wenn die Vater-Sohn-Relation metaphorisch gemeint ist, gilt für sie kaum „alles“, was diese Relation im irdisch-sozialen Kontext meinen kann. Metaphern, auch Gleichniserzählungen, wollen immer nur einen bestimmten Aspekt des Bildvergleiches hervorheben.
Um ein — heidnisch-patriarchales — Herrschaftsverhältnis auszudrücken hätte es genügt, ein Herr-Knecht-Verhältnis zu skizzieren. Einer mag einwenden, dass Jesus sich aber doch in den NT-Texten eindeutig als „gehorsam“ erweise. Wir assoziieren damit automatisch „Untertänigkeit“ in einem ganz bestimmen hierarchischen Sinn, etwa so: Er ist sowieso untergeordnet und „Gehorsam“ heißt, dass er diese Subordination auch anerkennt und nicht — wie der gefallene Mensch sonst — dagegen aufbegehrt. Hinter einer solchen Auffassung steht der unreflektierte Glaube, man müsse überall nur das Aufbegehren gegen den eigentlich niedrigeren Rang wittern und entlarven. Es ist ein wahrhaft absurdes Argument, denn auch die, die sich berufen glauben zum höheren „Rang“ offenbaren nichts anderes als Herrschsucht. Die quälende Reibung an Rängen selbst muss Folge der Sünde sein — die Vielfalt der lebendigen Phänomene sollte aus sich selbst heraus stabil und gerecht sein und nicht durch Herabsetzung oder Erhebung der einen unter bzw über die anderen. Es ist doch wiederum Folge der Herabsetzung, dass der Herabgesetzte unter dem Dirigat eines anderen nicht mehr das sein kann, was er ist und dagegen entweder aufbegehrt oder in einem Akt der Autoaggression seinen Dominator rechtfertigt, um die Lage seiner Ohnmacht erträglicher zu machen. Ein Priesteramtsanwärter sagte einmal zu mir: „Ich verstehe nicht, dass niemand heute mehr anerkennen will, dass es Leute gibt, die über ihm stehen…“ (Er ging davon aus, dass er dazu berufen ist, über anderen als Hochwürden zu stehen, war 20, ich mehr als doppelt so viele Jahre alt…)
Dazu muss aber angemerkt werden, dass „Untertänigkeit“ vielleicht in dem Verständnis, das wir davon haben, irreführend ist. Es heißt zwar immer wieder, Jesus habe sich selbst zum Sklaven gemacht, aber er ist kein Sklave. Er nahm diese teuflische Rangordnung der Welt auf sich, stammte aber nicht daher. Alle Versuchungen, Aufforderungen oder Gelegenheiten, in diesem Rangsystem die Macht zu übernehmen, lehnte er ab und das NT benennt sie mehrfach als satanisch (Mt 4; Lk 4; Mk 1,12; Mt 16,23).
Wir müssen umdenken: Man kann sehr wohl jemandem gehorchen, dem man wesenhaft nicht untergeordnet ist, in dem Sinn, dass man ihm zuliebe und weil man ihm seinen Wunsch erfüllen will, auf ihn hört: „Gehorchen“ heißt eigentlich „(auf jemanden/etwas) hören“, ähnlich wie das Wort „Vernunft“ von „vernehmen/hören“ kommt. Man tut, was man vernommen hat, wenn man es aus Einsicht vertreten kann. Das bedeutet: Aus Jesu „Gehorsam“ kann man nicht schließen, dass er dem Wesen nach subordiniert war. Und vielleicht erinnern wir uns noch an die Formulierung Gottes an Hagar, an Mose, der das Elend dieser Menschen "gehört" hat, der es gesehen hat, der sich in seinem Handeln davon bestimmen lässt, dass auch er auf das hört, was sie rufen und schreien und stöhnen - nicht weil er ihnen "untergeordnet" wäre, sondern ganz einfach weil er sie liebt. Und weil er gerecht ist und in bestimmten Situationen die Ungerechtigkeit durchstößt, wo es heilswirksam sein kann für alle.

Wenn die Vater-Sohn-Relation jedoch in irgendeiner Weise auch buchstäblich gemeint ist, ist sie in jedem Fall seinshaft  aufzufassen und wird darum einer irdischen Sozialordnung sowieso enthoben. Der Sohn ist dann — wie beim Pharao — im Diesseits die Manifestation des Vaters und darum mit ihm auf der Seinsebene identisch, nur „an einem anderen spirituellen Ort“. Gänzlich anders und „unägyptisch“ ist dann aber die Folge der Auferweckung und Aufnahme in der Himmel und Platznahme zur Rechten des Vaters, genauso wie die Aussicht, dass alle, die sich auf diesen Jesus berufen, mit ihm auferweckt und erhoben werden: das gab es in Ägypten nicht!

Es ist darüber hinaus die Frage, was Ordnung Gottes und was menschliche, der Sünde geschuldete (Un-)Ordnung ist. Leider unterscheiden viele Christen das nicht voneinander. In der Sphäre Gottes muss man mit Maßen und Ordnungen rechnen, von denen wir nicht einmal die leiseste Ahnung haben. Auch deswegen ist es für uns unmöglich, hier irgendetwas zu „definieren“ oder festzulegen.
Viele Menschen (nicht nur Christen) identifizieren den „kosmos“ (das System) der gefallenen Welt mit Gottes Ordnungen. Das Missverständnis wird scheinbar gerechtfertigt durch einige Aussagen in neutestamentlichen Briefen, die auf das damals gängige Bild der sozialen Ordnung sowohl im Heidentum als auch im Judentum Bezug nehmen und in einigen klaren Hinweisen offenbar im Hinblick darauf argumentieren, in der heidnischen Umwelt möglichst auf sozialer Ebene keine Unruhe zu stiften, um das wichtigere Amt der Evangelisierung nicht zu behindern. Wie in Gal 3,26-29 ausgesprochen, gelten die sozialen Rangunterschiede zwischen Juden und Griechen, Sklaven und Freien, Frauen und Männern „in Christus“ nicht mehr. Sie sind aufgehoben. Wenn dann doch aufgefordert wird, Herren (auch Vätern) und Ehemännern „untertan“ zu sein, kann dies nur als Rücksichtnahme auf die soziale Realität gewertet werden und nicht als „Gottes Ordnungen“. Dieses Motiv wird besonders deutlich in den Worten des Apostels Petrus, die unter folgender, zusammengefasster Überschrift stehen: „Unterwerft euch um des Herrn willen jeder menschlichen Ordnung.“ (1 Petr 2,13) Anschließend folgen die „Haustafeln“. All diese Unterordnungsappelle sind „menschliche Ordnungen“ im System dieser Welt, das noch eine Gnadenfrist zur Errettung vieler hat.

Es werden im NT immer wieder einige Sichtweisen des zur Zeit Jesu verschobenen Bildes aufgegriffen, das aber den tatsächlichen Aussagen im AT ganz offen widerspricht, etwa die Behauptung, nur der Mann sei Ebenbild Gottes (1 Kor 11,7) oder nur Eva sei verführt worden (1 Tim 2,14). Beide Aussagen sind nicht vereinbar mit Gen 1-3, auch Gen 5, die Mann und Frau gleichwertig als Ebenbild zeichnen, und zwar ohne Rangfolge, und Adam sogar als den Hauptverantwortlichen des Sündenfalls darstellen, weil Gott ursprünglich ihm das Gebot direkt zur Bewahrung gegeben hatte und er freiwillig und ohne Not — nicht einmal die Not einer verbalen Verführung —  dagegen verstoßen hat und noch dazu Gott danach, wesentlich stärker und dreister als Eva, feige und aufsässig gegenübertritt und es wagt, nicht nur die Frau, sondern v.a. Gott verantwortlich zu machen für den eigenen Fall. Die entsprechenden NT-Stellen sind identisch mit den Argumenten, die damals im Judentum herrschten.
Es gehört einiges dazu, den Befund aus Gen 3 so zu verzerren, wie das zur Zeitenwende üblich war, und auch im NT an den genannten Stellen (aber nicht generell!) behauptet wird. Alle möglichen „Erklärungen“ seitens konservativer Ausleger, etwa dass Eva hätte „still sein müssen“ und mit der Schlange nicht hätte sprechen dürfen, sind hineingesponnen in den Bibeltext: dort steht nichts dergleichen, wie auch im gesamten AT nirgends steht, dass Frauen schweigen müssten und im übrigen weder schweigend dargestellt werden noch fürs Reden generalisiert je kritisiert worden wären. Selbstverständlich reden Frauen im AT genauso wie im NT, und Paulus hat in seinen zahlreichen Grußadressen an Frauen, seiner Hochachtung vor Apostelinnen und Diakoninnen, die er sogar selbst sandte wie die Diakonin Phoebe, die er mit seinem Brief nach Rom sandte, absolut nicht den Eindruck erweckt, als teile er diese zeitgeistigen Auffassungen.

Dieses Beispiel tragisch-missverstehender Lesart ist gut, um die Problematik „biblischer“ Argumentation zu zeigen: heutige konservative christliche Vertreter der Zurücksetzung der Frau nehmen einseitig Bezug auf diese damals, zur Zeit Jesu allgemein übliche Behauptung über die Stellung der Frau und ordnen sie, die doch nur Ausdruck sozialer Realität ist, den grundlegenden Aussagen der Genesis über. Eine redliche Argumentation müsste die widersprechenden NT-Stellen am ursprünglichen Text des AT prüfen und nicht umgekehrt den alten Text anhand neuerer Meinungen verzerren.
Redlichkeit würde auch beinhalten, Jesu Vorbild als maßgebend anzusehen gegenüber einigen eigentümlichen und missverständlichen Briefstellen. Es wäre richtiger zur Kenntnis zu nehmen, dass Jesus durchweg mit Frauen gesprochen hat wie mit Männern und sie auch über theologische Fragen reden ließ (im damaligen Judentum und bei den orthodoxen Juden bis heute ein Unding!) — er hat offenbar nichts gewusst von einem „göttlichen“ Gebot, dass Frauen „schweigen“ und „in aller Stille lernen“ oder gar „ihre Männer zu Hause fragen sollen“.
Er hat sicher berücksichtigt in seinem Berufungsverhalten, dass die ganze Umwelt, insbesondere das römische Recht, aber auch jüdische Zusatzgesetze es so praktizierten. Da es ihm auch hinsichtlich seines eigenen Königtums nicht um einen politischen Umsturz ging, muss man seine Zurückhaltung hinsichtlich aller möglichen politischen und sozialen Probleme von daher verstehen. In seinem persönlichen Verhalten hat er aber durchweg diese politische Realität übergangen und teilweise sogar brüskiert.
Er selbst sprach Frauen ebenso an, wie er sich von ihnen ansprechen ließ, und dies unabhängig von einem bevormundenden Mann (Frauen mussten immer einen Vormund haben), und unterstützte sogar, dass auch eine Frau die theologische Kontemplation der angeblich gottgewollten Frauenrollenarbeit vorzieht (Lk 10,38ff).
Uns ist überliefert, dass die männlichen Jünger darüber verwundert waren (Joh 4,27), sich aber eine Infragestellung dieses (ungewöhnlichen) Verhaltens „verkniffen“. Im Fall der Salbung Jesu durch eine unbegleitete, unabhängig agierende Frau waren die Jünger jedoch verärgert über deren Verhalten und vor allem darüber, dass Jesus dieses Verhalten nicht nur nicht behinderte, sondern sogar lobte (in allen Evangelien, zB Mt 26,1-16). Diese Frau tat dabei das, was den „Messias“ symbolisch buchstäblich auch seitens der Menschheit wirklich zum „Gesalbten“ qualifizierte: sie salbte ihn mit kostbarem Öl. Auch dies ist eine Ungeheuerlichkeit, wenn man es genau bedenkt, ähnlich ungeheuerlich wie die Begegnung Moses mit dem „Gott der Fronarbeiter“.

Diese Überlegungen sind wichtig im Hinblick auf die folgende Reflexion darüber, wie der Gott im AT denn tatsächlich dargestellt wird, wenn nicht als „Vater“, wie man damals Väter verstand. Was nach langer Vater-Abstinenz in der Vater-Sohn-Beziehung zwischen Gott und Jesus erkennbar wird, wird die daran anschließende Frage sein.


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[1] Das wird auf Wikipedia mit Literaturangaben so referiert: https://de.wikipedia.org/wiki/Pharao
[2] Er wurde als Schutzgott in der Ramessidenzeit und danach noch Jahrhunderte verehrt. Sethos I. ließ für ihn einen Tempel bauen. Baker: Encyclopedia of the Egyptian Pharaohs. Band 1, London 2008, S. 38
[4] Im Hatschepsuttempel auf der ersten Terrasse und dem zweiten Portikus: „Der zweite Portikus besteht linksseitig aus der Punthalle, in der die Wandmalereien eine Handelsexpedition nach Punt im neunten Regierungsjahr der Hatschepsut (entweder nach Helck: ca. 1459 v. Chr. oder nach Krauss: ca. 1471 v. Chr.) darstellen und rechts aus der Geburtshalle, in der die göttliche Geburt der Hatschepsut dargestellt ist.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Totentempel_der_Hatschepsut
[7] Jan Assmann: Exodus. Die Revolution der Alten Welt. München 2019: C.H. Beck. S. 70
[8] Zurückgehend auf die Drei-Zeitalter-Lehre des Joachim von Fiore, die, ausgehend von Augustinus, der die dreigliedrige Struktur auch im Wesen des Menschen wiedererkennen wollte, diese trinitarische Struktur auch in der Schöpfung insgesamt aufzuspüren gedachte, etwa in der (Heils-)Zeit.
Diese Idee wird heute wieder besonders aufgegriffen. So schreibt zB die evangelische Theologin Sabine Pemsel-Maier: „Denn die neuere Theologie setzt nicht länger beim inner­göttlichen Leben Gottes und auch nicht bei einer philosophisch-spekulativen Reflexion über das Verhältnis von Dreiheit und Einheit an, sondern bei der Offenbarung der Dreieinigkeit in der Heilsgeschichte. Ein solches Vorgehen ist insofern berechtigt, als das christliche Bekenntnis zur Dreifaltigkeit gerade nicht aus philosophischer Spekulation erwachsen ist, sondern in der Offenbarung Gottes in der Geschichte gründet: Der Gott, an den Christen glauben, erschließt sich im Verlauf der Heilsgeschichte als dreifaltiger Gott, im Alten Bund als Vater, im Neuen Bund in seinem Sohn, durch die ganze Geschichte hindurch im Geist.“
Ein sedisvakantistischer Priester schreibt auf seinem Blog, dass diese Lehre bedenkenswert und schon von Heiligen und Lehrern zuvor immer wieder mit dem Segen des Lehramtes aufgegriffen sei und führt einige Beispiele an: https://antimodernist.net/2014/06/10/die-drei-zeitalter/
[10] Dass Arabien vor der Islamisierung ein fruchtbares, grünes Land gewesen sein muss, belegen zahlreiche archäologische Funde. https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/arabien-zauberreich-zwischen-den-welten-100.html
Frank Engelmayer äußerte seine Theorie immer wieder in mündlichen Aussagen, zB hier https://www.youtube.com/watch?v=K9XsovccGJo wo er Thesen von James de Meo referiert
[11] Nach Reich: Neue Forschungen zur Orgonomie, hrsg. v. James DeMeo und Bernd Senf, Zweitausendeins, Frankfurt 1997

Montag, 6. Januar 2020

Trinitätslehre auf dem Prüfstand — Brief XV. an Unitarier und Trinitarier III.: Die Rekonstruktion des verlorenen Bezugs zu Gott durch Bildersprache im Alten Testament

Trinitätslehre auf dem Prüfstand — Brief XV. an Unitarier und Trinitarier: Sind die Begriffe „Gott“ und „Vater“ als Titel (und nicht ontologisch) zu verstehen?

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III.

Die Rekonstruktion des verlorenen Bezugs zu Gott durch Bildersprache im Alten Testament

Die Rede von Gott im AT weist zahlreiche Unschärfen auf: Ist er alleiniger und einziger Gott der Gattung nach, oder ist er — wie es eben auch immer wieder sowohl im AT als auch im NT heißt — der „Allerhöchste“ und damit Gott inmitten von bzw über Göttern, also Entitäten, die seiner Gattung zugehören? Wer sind die mehrfach benannten „elohim“ (Götter) und speziell die in Ps 82,1, die Gott umgeben? Wer sind die „b’nei elohim“ (Göttersöhne/Gottessöhne) zB in Gen 6,2 oder Job 1,6, die an anderen Stellen auch „b’nei elim“ genannt werden[1], und offenkundig nicht den Gott, aber auch keine Menschen meinen? Ihre Deutung als „Engel“ geschieht erst in den spätesten Texten des AT und im Frühjudentum. Sprachgeschichtlich ist ihre Herkunft nach Keilschriftfunden aus Ugarit eindeutig von dem orientalischen Götterkönig „El“ abgeleitet, der ein Pantheon von „Gottessöhnen“ hat. Man könnte diese biblischen Anklänge an heidnische Vorstellungen nun einfach überspringen und als Zwischenstadium abtun. Dem steht aber entgegen, dass wegen der Vermischung von solchen Göttersöhnen mit Menschentöchtern in Gen 6 überhaupt erst der Anlass für die Sintflut gegeben war. Hier muss etwas Ernsteres und Realeres vorliegen. Es ist auffällig, dass bei der Kanonisierung der westlichen Bibel fast alles eliminiert wurde, was darauf noch einmal Bezug nimmt. Das Buch Henoch, das in der äthiopischen Christenheit als kanonisch gilt[2], führt eine Tradition der Bezugnahme auf diese auch in unserem Kanon wichtige und eindeutig überlieferte Katastrophe fort. Sie werden im NT an zwei Stellen ebenfalls erwähnt, sind aber ohne die außerbiblische Überlieferung, aus der sogar einmal im Judasbrief fast wörtlich zitiert wird, nicht verständlich (Jud 14; 2. Petr 2,4). Zur Zeit Jesu war diese Tradition noch weit bekannt und wurde erst nach der Tempelzerstörung von rabbinischer Seite unterdrückt.[3] Der Kommentator „Holger Jahndel“, der auch als „Jason Klingor“ hier auf dem Blog postet, weist immer wieder auf diese Zusammenhänge hin.
Was fangen wir damit an?

Unitarier argumentieren damit, dass selbst Menschen als „Gott“ („elohim“) bezeichnet werden im AT, wenn auch eher selten, und Jesus darum auch „elohim“ sein kann, ohne deshalb mit dem Gott auf einer „Stufe“ zu stehen. Der Begriff „elohim“ für den einen Gott wird genauso gut auch für die Götter der Heiden in der Mehrzahl verwendet. Warum die unitarische Position dann aber immer wieder behauptet, wenn Jesus „Gott“ wäre, müssten folglich zwei Götter vorliegen, und das gehe ja nicht, weil ja Gott „einer“ ist, dann liegt hier — ich sagte es schon in Teil I — ein schwerwiegender Argumentationsfehler und Widerspruch vor:
Die Argumentationsebene des bloßen Gattungsnamens, der aufgrund des biblischen Sprachgebrauchs eben doch ganz eindeutig vorliegt und für eine „biblische“ Argumentation folglich nicht einfach umgangen werden kann, wird hier verlassen und unvermittelt auf die Ebene der Frage, ob es überhaupt der Gattung nach noch andere „Götter“ geben könne, verlegt, von der man einfach annimmt, die eindeutige „biblische“ Position sei radikal monotheistisch.
Wenn es jedoch im Schrifttext so ist, dass der Begriff „elohim“ ein weites Bedeutungsfeld hat, ist es doch gar nicht anstößig, wenn auch andere Entitäten „Gott“ genannt werden! Man müsste konsequent sagen: ja und — dann gibt es eben zwei Götter, wobei der Vater der „Allerhöchste“ ist. Dieser „Lösung“ stehen aber tatsächlich einige Tatsachen entgegen, die sich schon entwickelt hatten.
Durch die Ausreifung des Judentums hin zu einem strengen Monotheismus war diese Deutungsmöglichkeit, die in der älteren Tradition des AT noch möglich gewesen wäre, hier nicht mehr möglich.
Die frühe Christenheit zerriss sich an der Frage, ob Jesus dann — wie im Arianismus — ein Gott, „wesensähnlich“ mit dem Gott sei und darum subordiniert, oder eben, weil nur ein Gott vorhanden sein kann, bloßer Mensch ohne göttliches Wesen oder eben wesensgleich und identisch mit der einen Gottheit, was sich, wie wir wissen, — allerdings nicht mit redlichen Mitteln — , durchgesetzt hat und zu zahlreichen logischen Brüchen und Absurditäten geführt hat. Gerbers Kritik, dass die Vertuschung dieser Denkprobleme mit der Behauptung, die Binitarität sei eben ein „Geheimnis“, unredlich ist, ist berechtigt. Nicht berechtigt ist jedoch die Auffassung, es liege in der Relation zwischen dem Gott und dem Sohn Gottes überhaupt kein Geheimnis vor — wo soll sonst je ein Geheimnis vermutet worden sein, wenn nicht hier! Es ist natürlich unredlich, eine verwinkelte Formel zusammenzubasteln und deren innere Brüchigkeit dann mit einem angeblich göttlichen Geheimnis zu kaschieren. Die bezeugte Erscheinung Jesu Christi im Fleisch ist aber etwas anderes — kein Mensch hätte so etwas machen oder erfinden können, eben weil es nicht denkbar ist.

Die gesamte christologische Diskussion des ausgehenden Altertums und der Spätantike ist eine Folge des in Israel erreichten radikalen Monotheismus, in den ein Christus nach der Zeichnung der NT-Texte und auch mancher frühchristlicher Schrift argumentativ und logisch nicht mehr eingefügt werden kann. Ein transzendenter Messias, dessen politische Manifestation schon „mitten unter“ uns, aber „nicht von diesem Weltsystem“ war, konnte im Stand der Entwicklung Israels nicht mehr vorgestellt werden.
Wie immer man es anfängt, ob unitarisch, arianisch oder binitarisch (dass der Hl. Geist in jedem Fall wesenhaft und unteilbar göttlich ist, stand wohl nie zur ernsthaften Debatte): Man stößt auf eine begriffliche Grenze.
Egal, wo wir stehen — wir müssen zugeben, dass wir die Erscheinung Jesu Christi tatsächlich als Geheimnis anerkennen müssen, das sich nicht einfach in ein Gotteskonzept auflösen lässt. Für jede der drei Denkmöglichkeiten finden sich im NT Argumente. Können aber alle drei gleichermaßen gelten?
Logisch gesehen nicht.
Aber vielleicht liegt der Fehler — was meine These wäre — im Stufendenken. Innerhalb eines hierarchischen Konzeptes muss eine Erkenntnis Jesu und des Vaters zwingend verfehlt werden, egal von wo aus man ansetzt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die jüdische Apokalyptik und Hekhalotliteratur, die bereits in den als kanonisch geltenden späten Büchern des AT (Daniel, Ezechiel) beginnt, in den außerkanonischen Schriften offenbar babylonische Elemente übernommen und eine Vermischung der Traditionen erzeugt hat, eine heidnisch-jüdische Synthese hergestellt hat, die kaum mehr auseinander zu dividieren ist und vielleicht darum im rabbinischen Schrifttum verworfen wurde, weil man Angst hatte, zurückzufallen in Heidnisches, einem Weg, dem die weströmische Kirche dann hinsichtlich der Kanonisierung folgte, hinsichtlich des Trinitarismus aber wiederum eher entgegenstand, für den sich einige Impulse aus eben dieser außerkanonischen jüdischen Literatur finden.[4] Diese Traditionen sind dann aber „untergetaucht“ und in der Kabbala und mindestens einigen (esoterischen) Logen, teilweise offen auch in manchen protestantischen Traditionen v.a. im Pietismus, verdeckt und in arkanischer Disziplin womöglich auch in der römischen Hierarchie bzw bestimmten Orden (bekannt ist der Vorwurf an die Templer) weitergeführt worden.
Kurz gesagt: es liegt ein echtes geistiges Chaos vor, das kein Mensch mehr lösen kann.

Trinitarier argumentieren damit, dass sich im Pluralwort „elohim“, das auch im AT, wenn es um die Götter der Heiden geht, als Pluralwort benutzt wird, andeute, dass Gott mehrfaltig sei. Das könnte theoretisch der Fall sein, aber theoretisch wäre auch anderes denkbar:
Man könnte auch so argumentieren, dass die Pluralisierung des ugaritischen und auch sonst im vorderen Orient bezeugten Vater-Gottes „El“, dessen Gemahlin die bekannte „Aschera“ war, und der mit dem Gott Kronos identifiziert wurde, die Überlegenheit des hebräischen „El“ anzeigen sollte.[5] „Elohim“ wäre, wenn man so argumentiert, in der linguistischen Steigerung durch den Plural der Bedeutung nach verwandt mit dem „El eljon“ bzw. „hypsistos“, dem „Allerhöchsten (El)“, häufige Bezeichnung für den Gott im AT und im NT.[6] Man würde aber zugleich auch besser verstehen, warum die Israeliten immer wieder den JHWH-Kult mit dem des „El“ oder der „Baale“ (was ebenfalls dem Wortstamm nach von „El“ kommt) vermischt haben: es erschien ihnen als zusammengehörend.
Wir kennen das auch aus unserer Zeit: Viele denken, „Gott“ meine doch immer „eigentlich“ dasselbe und sind daher offen für einen Synkretismus. Allerdings gibt es auch in der Schrift immer wieder Annäherungen an eine solche Position neben scharfer Ablehnung, zB in der Areopagrede des Paulus.
Auch hier sind „Gottes-Designer“-Antworten verwehrt.

Auf dieser argumentativen Ebene kommen wir also nicht weiter: jeder pickt sich das heraus, was ihm gefällt und vernachlässigt das, was ihm nicht gefällt. Und es gibt, wie gesagt, gute Argumente für alle Seiten. Die Schrift ist darin nun einmal nicht wirklich eindeutig und das Prinzip, dass sie sich selbst am besten auslege, stößt hier an scharfe und schmerzhafte Grenzen. Denn andererseits kann nicht alles, auch das, was sich offenbar widerspricht, gleichermaßen „wahr“ sein.

Die Imaginationen von einem Hofstaat Gottes, zB im Buch Job oder allgemein als „JHWH z’waot“ (JHWH der Heerscharen) oder in den Visionen einiger Propheten führt uns etwas anderes als strengen Monotheismus vor Augen. In den Visionen und Erzählungen wird Bezug genommen auf antike Höfe, und es ist eine spannende Frage, ob sie sie einfach nur für sich in Anspruch nehmen und mit dem „wahren Gott füllen“ oder ob sie nicht sogar eine Kritik an ihnen beinhalten. Die Zeichnung Gottes als eines Königs inmitten eines geradezu gigantischen Hofstaates teilweise unvorstellbar hochgestellter himmlischer Wesen, deren Gestaltung mit Tiergesichtern eigentümlicherweise an Göttervorstellungen vor allem Ägyptens erinnern, kann jedenfalls nicht einfach ohne genaueres Verständnis, wovon hier die Rede ist, interpretiert werden. Wir stehen vor Rätseln über Rätseln.

Visionen sind, psychologisch gesprochen, geprägt von einer Inkonsistenz, oft sogar Absurdität der Bilder, der Struktur von Träumen ähnlich, in keinem Fall fassbar oder auflösbar. Die Verarmung, die in unserem Äon grundsätzlich jeder Abbildung gegenüber dem Urbild innewohnt, schlägt zu Buche. Die Vision ist deshalb fließend oder absurd, weil Bilder niemals eine ganze Wirklichkeit abbilden können. Das Bilderverbot des Dekalogs hat hier seinen wohl tiefsten Grund: was immer wir abbilden wollen, auch sprachlich, bedeutet grundsätzlich eine Reduktion oder Verarmung der Wirklichkeit.
Wir ertragen ja tatsächlich die wirkliche Wirklichkeit schon in unserem Lebensraum, dieser Erde, und wahrgenommen mit unseren Sinnen, nicht und können sie nicht fassen. Schon die banale Situation, wenn wir in einer weiten Landschaft stehen oder mitten im Getümmel einer Einkaufsstraße, belehrt uns darüber, dass wir nicht in der Lage sind, „das Ganze“ zu sehen. Wir nehmen selektiv wahr, versuchen in der Selektion die wesentlichen Aspekte einer Situation „holzschnittartig“, der großen Kontur nach, festzuhalten, um den Rest eventuell in der Erinnerung rekonstruieren zu können. Daher kommen auch abweichende Zeugenaussagen und die Unmöglichkeit absolut übereinstimmender Zeugnisse. Wir wären hoffnungslos überfordert, wollten wir „alles“, in das wir gestellt sind, wahrnehmen. Lernvorgänge gelingen beim Menschen sogar ausschließlich durch didaktische Reduktion. Das ist kein Problem, solange man weiß, dass man eine Reduktion vornimmt, um Zugang zum Ganzen zu finden.
Alles Reden von Gott nimmt ebenfalls eine didaktische Reduktion vor.
Aber es ist verheerend, dass wir die Neigung haben, die Reduktion zu verabsolutieren und mit der unermesslichen Größe des Urbildes nicht mehr zu rechnen.

Die Bedeutungsfelder von Gott als „König“ und „Chef“ würden zunächst auf den ersten Blick hin tatsächlich eine Auffassung stärken, die zumindest einmal den Begriff „Gott“ („elohim“) als Titel verstehen lassen: Ein Gott ist in der Reduktion der Metaphorik immer ein Vorgesetzter und setzt eine hierarchisch gedachte Welt voraus. Insoweit könnte ich Gerber rechtgeben, müsste aber redlicherweise zugeben, dass damit die Frage nach dem Sein Gottes, seines Hofstaates, seiner Geschöpfe und seiner Unermesslichkeit, an der der Mensch geheimnisvoll Anteil hat, nicht geklärt wurde und letztendlich immer noch im Raum steht. Geschweige denn die Gestalt des Christus ein wenig „gelüftet“ worden wäre in ihrem Mysterium …

An eine Einordnung des Namens JHWH wage ich mich erst gar nicht — sie ist so schillernd im AT, dass es unmöglich ist, überhaupt bestimmen zu wollen, in welcher Relation dieser Gott zu Israel bzw der Menschheit steht. Er „wird“ wirklich „sein, der er sein wird“, bleibt in dieser Selbstbezeichnung am brennenden Dornbusch ungreifbar.
Seine Rede an Mose kann man — irdisch gesinnt — als „Befehl“ oder „Anweisung“ verstehen. Insofern wirkt er wie ein Vorgesetzter, aber trifft das das beschriebene Ereignis? Der Grund, auf dem Mose nun steht, ist heilig, heißt es. Er soll deswegen die Schuhe ausziehen. Warum eigentlich? In jedem Fall erfährt er durch die Barfüßigkeit direkte Berührung mit dem Heiligen. Er wird hineingenommen ins Heilige. Im Heiligtum erhält man aber keine „Direktiven“ und „Anweisungen“ mehr. In einem gewissen Sinn wird man vielmehr tatsächlich „eingeweiht“ in das Heilige und kann von da aus verstehen, was zu tun ist. Außerhalb dieses Heiligtums wäre man niemals darauf gekommen.

Das Grundstürzende, Umwerfende, Außerordentliche und absolut Neue an der Dornbuschszene ist, dass hier ein Gott auftritt, der das Stöhnen der Sklaven gehört hat und sie befreien will. Uns mag das heute banal erscheinen, aber in der antiken Welt war die Sklaverei normal und gehörte in die göttliche Weltordnung, die selbstverständlich hierarchisch und rangmäßig war. Vom Himmel bis hinab in die Unterwelt wird eine Rangordnung vorgestellt, in der die Titelgötter, selbst auch wieder hierarchisch gegeneinander abgestuft, die Fortsetzung dieser Struktur in der Natur initiieren. Hier ist es allerdings wichtig zu bemerken, dass dies nicht nur als bloße Titelgattung gedacht war, sondern ontologisch. Je weiter oben auf der Stufenleiter, desto „größer“ oder „gewichtiger“ bzw umfassender auch das Sein. Ein Verständnis des Göttlichen im Sinne einer reinen Verwaltungsstruktur mit Titelämtern, die zusätzlich zur ontologischen Verfasstheit des Trägers kommen, lag mit ganzer Gewissheit nicht vor. Wenn Gerber so argumentiert, tut er das als durch und durch postmoderner Mensch.

Dass nun also ein Gott auftritt und diese angeblich göttliche Rangordnung für die, die an der untersten Stelle stehen, nicht nur lindern (etwa durch mildere Arbeit oder ähnliches), sondern total aufheben will, ist ein echter „Hammer“.
Genau dieses Motiv liegt meiner großen Skepsis gegenüber jeder Hierarchievergötzung zugrunde, eben weil dieser Gott sich als „Gott der Sklaven“, als „Gott der Fronarbeiter“ offenbart. Der Begriff „hapiru“ oder „’abiru“ bedeutet nach zahlreichen keilschriftlichen und hieroglyphischen Schriftfunden aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. „Outlaw“, „Paria“ und liegt mit sehr großer Wahrscheinlichkeit dem Begriff „Hebräer“ zugrunde, der im AT im wesentlichen auch nur im Umfeld der Exodusgeschichte bzw einer Sicht auf die Israeliten als Auszubeutenden und „Underdogs“ vorkommt.[7] In Ex 5,3 sagen Mose und Aaron ausdrücklich, der „elohei ha’iwrim“ sei ihnen „begegnet“. Es ist dies ihre Reaktion auf die Aussage des Pharaos, er kenne keinen JHWH, wer denn das sei? Dieser JHWH, so antworten die beiden Brüder, ist der „Gott der Fronarbeiter“.
Niemals zuvor wurde je so etwas gehört!

Es gibt das Motiv des Rates und Beistandes, den ein Schmachtender erhält, und jener Rat kann von jedem, theoretisch auch von einem Diener kommen. Ratgeber sind Wohlwollende, Liebende, Freunde — egal welchen Rang sie einnehmen. Sie geben nicht Rat, weil sie einen Titel als Ratgeber hätten, sondern weil hier und jetzt ein Rat notwendig ist und sie ihn geben können. Die Liebe, das Wohlwollen ebnet jeden Rang ein: So erfährt der kranke syrische Regierungsbeamte Na’eman von seiner hebräischen Dienerin, was er tun und wohin er gehen soll, um geheilt zu werden.
Nicht immer also beweist das „Anweisunggeben“ ein Hierarchiegefälle oder einen Titel. Der „Gott der Fronarbeiter“ erteilt dem, der sie herausführen soll aus dem Sklavenhaus, nicht Anweisungen, sondern nimmt ihn hinein ins Heilige — auch das ist unerhört.

Mit dem Rückzug auf ein Verständnis Gottes als „Titel“ kommt man angesichts dieser biblischen Szenarien letztendlich argumentativ nicht besonders weit und verrennt sich eher in etwas sehr Enges und Kleines, das auch die alte, nie überwundene Versuchung zur Herrschsucht enthält, die man auf den Gott projiziert.

In der Erzählung von Mose am brennenden Dornbusch geht der Gott der Väter (Abrahams, Isaaks, Jakobs) auf die Nachkommen dieser Väter am untersten Ende der hierarchischen Stufenleiter zu und will sich mit ihnen zusammenschließen.
Wie sollte man sich ernsthaft darüber verwundern, dass der Pharao darauf mit äußerster Ablehnung reagiert: Wie in Ex 5 weiter berichtet wird, denkt er, die Fronarbeiter hätten offenbar nicht genug zu schaffen, um auf solche absurden Ideen zu kommen, es gebe einen „Gott der Fronarbeiter“. Aus der Sicht des ägyptischen Königs eine Blasphemie im Rahmen der hierarchischen göttlichen Weltordnung. Er lädt den „hapiru“ noch mehr Arbeit auf, um sie wieder daran zu erinnern, wer sie sind: Sklaven und dies gottgewollt. Und: dass er ihr Gott ist, denn der Pharao ist Abbild und Repräsentant des obersten Gottes und handelt an seiner Stelle in seinem Herrschaftsgebiet.[8]
Mit dem Auftreten eines „Gottes der Fronarbeiter“ wird alles über den Haufen geworfen: die Vorstellung einer Repräsentation Gottes durch Könige ebenso wie der Anspruch eines ranghöheren Gottes gegenüber einem Pariagott, der von Mose und Aaron auch— nota bene — nicht repräsentiert wird, sondern von dem sie sagen, er sei ihnen „begegnet“ und habe diese Wünsche, ein Gott also, der keiner Repräsentanz bedarf, weil er selbst eintritt in die Realität und selbst auftritt.

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[4] Vgl. dazu Peter Schäfer: Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums. Fünf Vorlesungen zur Entstehung des rabbinischen Judentums (= Tria Corda. Bd. 6). Mohr Siebeck, Tübingen 2010; ders.: Zwei Götter im Himmel: Gottesvorstellungen in der jüdischen Antike . C.H.Beck 2017

Sonntag, 5. Januar 2020

Trinitätslehre auf dem Prüfstand — Brief XV. an Unitarier und Trinitarier - II: Die vollkommene Offenbarung Gottes in Christus ist etwas Neues

Trinitätslehre auf dem Prüfstand — Brief XV. an Unitarier und Trinitarier: Sind die Begriffe „Gott“ und „Vater“ als Titel (und nicht ontologisch) zu verstehen?

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II.

Die vollkommene Offenbarung Gottes in Christus ist etwas Neues

Seit Jesus Christus stellt sich nicht nur die Frage, wer er selbst genau war, sondern auch die, wer der ist, der ihn gesandt hat. Die eine Frage kann, seitdem Jesus Christus im Fleisch erschienen ist, nicht mehr ohne die andere angeschaut werden.

Angesichts Jesu wird deutlich, dass alles, was man zuvor über den Gott, von dem alles kommt, meinte, sagen zu können, vollends ins Wanken gekommen ist, auch der Monotheismus.
Zum Monotheismus, so verstanden, dass es nur einen Gott gibt, möchte ich die These aufstellen, dass er immer der Zielpunkt aller Religion gewesen ist, aber einen polytheistischen „Vorbau“ hatte, andererseits aber auch vor allem anderen ein menschliches Konstrukt mit positiven und negativen Folgen ist.

Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass alles systematische oder analytische Reden von Gott menschliches Konstrukt ist und bleiben muss. Jede „Gotteslehre“ ist, wenn wir wirklich annehmen wollen, dass Gott Gott ist und alles, was ist, von ihm kommt und in seinem Überblick aufgehoben ist, der uns fehlt, fragwürdig. Gott ist keine Theorie, keine Zahlenrelation, kein Tangramspiel. Und es gibt keine „biblische“ Gotteslehre. In der Bibel wird uns von Gott berichtet, seiner Auseinandersetzung mit den Israeliten und denen, in deren Mitte sie lebten, und seiner sukzessiven und überraschenden Offenbarung an Menschen, die nach Jesus Christus eigentlich an Fahrt hätte aufnehmen sollen im „Geist der Weissagung“ und dem Charisma der Prophetie (dazu später). Es wird immer wieder von verschiedensten Lesern und Gläubigen schlicht formuliert, dass Gott der schlechthin „Andere“ sei. Wenn er in unser Leben tritt, kann nichts mehr so bleiben, wie es war, vor allem nicht unser Denken über ihn und die Welt. Wenn er der radikal Andere ist, müssen auch wir radikal anders werden. Dieses radikale Anderssein hat für uns seine vollkommene Gussform in Jesus erhalten.
Ein rationaler Monotheismus wird ihm nicht gerecht und entwürdigt ihn in die Begrenzungen unseres Denkens.

Nur die altägyptische Amarnazeit (unter Pharao Echnaton bzw Amenophis IV., 14. Jh v. Chr.), die vermutlich vor dem Exodus liegt, kannte einen solchen radikalen monotheistischen Gottesbegriff, von dem Unitarier, insbesondere die Muslime, bewusst oder unbewusst bis heute glauben, er sei der Ursprung des wahren Glaubens und drücke sich auch im AT aus.
Man kann vermuten, dass diese Reformen Echnatons mit dem Versuch zu tun haben, einer irgendwie belastenden und quälenden geistigen Verfassung damals zu entrinnen. Der Exodus wird im AT ebenfalls als Befreiung aus „der Schande Ägyptens“ erzählt. Die Rückwendung zu dem eigentlich einen Gott lässt anklingen, dass die Kulte der anderen Götter unerträglich geworden waren, entmenscht und pervers, oder aber leer. Warum sonst sollte man ihnen absagen? Die Radikalität des Monotheismus drückt vor allem aus, dass eine klare, unwiderrufliche Unterscheidung vorgenommen wird zwischen dem Alten und dem Neuen. In der Hand des Menschen artet solche Radikalität leicht in Grausamkeit und Brutalität aus. Und es ist fraglich, ob auf diesem Weg wirklich Neues erreicht wird. Mit dem exklusiven Monotheismus, dessen Grundstruktur meint “Ich habe den Richtigen, ihr den Falschen/ich bin richtig, ihr seid falsch (und müsst vernichtet werden)“,  kommt das blutige und grausame „Eifern“ für Gott auf.

Ohne ein Verständnis dieses einen Urgrundes und Schöpfergottes durch die Gestalt Jesu Christi muss der exklusive Monotheismus ebenso fehlgehen und entgleisen wie der inklusive Monotheismus mit seinen polytheistischen Emanationen. Aber selbst mit einer Bezugnahme auf Jesus Christus ist noch nicht sichergestellt, dass man nicht doch wieder den aggressiven religiös-politischen Irrungen erliegt, denen Jesus zum Opfer fiel.

Jan Assmanns Beobachtung, dass exklusiver Monotheismus — ich sage es mit meinen Worten etwas abgewandelt — in seiner Entstehungs- und Verbreitungszeit zu einer Herzlosigkeit führe und einer gewalttätigen Einstellung gegenüber Andersgläubigen und Politik und Religion zu einem einzigen abgrenzenden Herrschaftsanspruch formt, ist, wenn wir in die Realität schauen, nicht ganz unberechtigt. Die psychologische Haltung des „Alles oder Nichts“, des „Entweder die oder wir“, die darin schlummert, kann keinen inneren und äußeren Frieden finden. Sie ist traumatisiert von einer zuvor gemachten Erfahrung der Leere und Ausgeliefertheit ans Öde, Nichtige und Zwanghafte und anschließend — das ewige Manko des „Konvertiten“ — von dem Drang besessen, den anderen auf die eigene Linie zu zwingen, von der man glaubt, sie sei unabdingbar — der Projektion nach — zum Heil des anderen und zur eigenen Stabilität in der „Wahrheit“.[1] Der Kontakt mit Andersgläubigen oder nun „Ketzern“ und „Häretikern“ wird gefürchtet, weil sie einen zurückziehen könnten in das, was man als falsch erkannt hat.
Es gilt demgegenüber, wenn man wirklich „biblisch“ denken will:

„13 Wer hat den Geist des HERRN ermessen, und wer ist der Mann seines Rates, den er unterwiese? 14 Mit wem beriet er sich, dass er ihm Einsicht gegeben und ihn belehrt hätte über den Pfad des Rechts und ihn Erkenntnis gelehrt und ihn über den Weg der Einsicht unterwiesen hätte?“ (Jes 40)

Martin Buber übersetzt das folgendermaßen:

„Wer hat SEINEN Geistbraus begriffen,
ein Mann, dem seinen Ratschluß er kundgäbe?
mit wem hat er sich beraten,
der zu unterscheiden ihm hülfe,
der um den Pfad des Rechts ihn belehrte,
der Erkenntnis ihn lehrte,
der den Weg der Unterweisungen ihm kundgäbe?“[2]

Was wissen wir wirklich von Gott? Wir alle, auch die die meinen, sie hätten einen besonderen Zugang zu ihm?

Radikaler Monotheismus verkennt vor allem eine Tatsache:
Das gesamte Heidentum ging ebenfalls von einem Ein-Gott-Glauben aus, der aber häufig in einen Kosmotheismus oder auch Pantheismus eingekleidet war: Gott ist einer in allem. Es ist ein inklusiver, offener Monotheismus.
Man kann das analog zur Polygamie sehen: auch deren Vertreter wissen, dass im strengen Sinn ein Mann nur eine „echte“ Ehefrau haben kann. Nur gestehen sie ihm neben der „echten“ noch „Nebenfrauen“ zu, die aber im Haus als „rangniedriger“ gelten.

Ganz ähnlich ist es mit dem Polytheismus: er konnte und wollte das Bewusstsein dafür, dass es „eigentlich“ nur einen Gott gibt, niemals auflösen. Dafür stehen die bekannten antiken Formeln „hen to pan“ (Einer ist alles) bzw „hen kai pan“ (ein und alles). Es gab und gibt keinen absoluten Polytheismus. Aller Polytheismus meint am Ende die eine (oft unbekannte oder unbenennbare) Gottheit.
Alle noch aktiven polytheistischen Religionen weisen (wie antike Überlieferungen, die untergegangen sind) genau diesen Befund auf, besonders gut erkennbar in den bis heute sehr lebendigen Hindureligionen, die mit dem „Brahman“ diesen Urgrund meinen, in dem alles ist und von dem alles kommt, im Sanskrit die „heilige Rede“ bzw das „Urwort“ oder die „heilige Kraft“, die die Hypostasen der verschiedenen Götter ausbildet. Da kein Mensch diesen Urgrund ohne Vermittlung erfassen kann, werden uns in diesen Religionen abgeschwächte, fassbare Hypostasen oder auch Emanationen der verborgenen Gottheit gegeben. Was im Polytheismus mit persönlichem Gesicht erschien, gestaltete der Neuplatonismus dann in seiner Emanationslehre abstrakt.

Es ist mE all diesen polytheistischen und neuplatonischen Gedankenmodellen und Praktiken wesentlich, dass sie in die Sphäre Gottes eine Hierarchie oder Rangordnung projizieren. Die Vorstellung, dass der Gott, der in allem wirksam ist, dort „abgeschwächt“ wirkt bis hin zu seiner völligen Abwesenheit (dem „Bösen“), ist eigentlich undenkbar: wie kann sich etwas, das göttlich ist, „abschwächen“?
Zugleich zeigt uns aber die gefallene Welt überdeutlich, dass sie nicht mehr im selben Maß gut ist wie ihr Schöpfer, sondern ihm sogar entgegensteht. Aus diesem Dilemma kommt man gedanklich nicht heraus. Die polytheistischen Religionen haben das Böse daher als göttliche Energie gedeutet, die irgendwie in die unbegreifliche Größe Gottes gehöre.
Die Genesiserzählung gibt eine etwas andere Richtung vor: Der Geist Gottes schwebt über den Urfluten und dem Tohuwabohu, dem Chaos. Das bedeutet: er hat den Überblick, wird aber mit dem Chaos nicht identifiziert. Die „Erkenntnis von Gutem und Schlechtem“ ist uns zwar mit dem „Essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Schlechten“ als tägliche Erfahrung möglich geworden, nicht aber eine Überschau darüber. Auch die Schrift gibt uns keinen Zugang zu dieser Überschau, die in der Frage „Woher kommt das Böse“ beantwortet werden müsste. Alle Antworten, die wir erreichen, sind unzureichend geblieben und müssen unzureichend bleiben. Wir mühen uns täglich ab in der Bekämpfung des Schlechten, aber es ist unmöglich, es zu überwinden — eben weil wir keine Überschau darüber haben wie Gott und noch dazu geschwächt sind durch unser Begehren, es zu „erkennen“, also: selbst durch und durch zu erfahren und kennenzulernen.

Gerbers Neigung zum hierarchischen Argumentieren steht in einer alten Gefahr, die Gefallenheit der Dinge der Restaurierungsabsicht Gottes in einem verfestigten Rangdenken festzuhalten und aus ihnen einen Zugang zu Gott herstellen zu wollen.
Jesus Christus lässt jedoch kein Rangdenken mehr zu. Er hat es mehrfach gesagt oder fast satirisch konterkariert, wie schon seine Mutter im Magnifikat: Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Niedrigen, aber nicht so, dass nun die Rollen vertauscht werden, sondern alles vor Gott „eben“ wird, weil sonst Gott nicht eintreten kann zu uns:

„3 Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnt den Weg des HERRN! Ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott!“ 4 Jedes Tal soll erhöht und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden! Und das Unebene soll zur Ebene werden und das Hügelige zur Talebene!5 Und die Herrlichkeit des HERRN wird sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander wird es sehen. Denn der Mund des HERRN hat geredet.“ (Jes 40)
Das „Hoch“- und „Niedrig“-Denken ist Hindernis für Gottes Einzug in unserer Mitte.

Daraus folgt natürlich nicht, dass Jesus „homoousios“ mit dem Gott ist, — das ist ebenfalls ein Rückfall ins projektive hierarchische Denken — aber in seiner erhobenen Gestalt zur Rechten Gottes wird das Rangdenken obsolet. Die trinitarische Formel hat an anderer Stelle wieder eine Entfremdung aufgerissen: zwischen Jesus als dem Ersten der Auferweckten, dem, der sich von Gott zu unserem vollständigen Heil einsetzen ließ — und uns anderen auf der Wesensebene.

Es ist dem Menschen offenbar fast unmöglich, ohne solches Denken auszukommen. Obwohl es ihn sein Leben lang quält, hält daran wie an einem Fetisch fest. Die ganze Menschheit seufzt unter der Ordnung der Welt in Ränge und Ausbeutung, symbolisch ausgedrückt in der „Sklaverei in Ägypten“ bis heute. Der politische und gott-lose Schachzug mancher Gleichmacherei heute ist nur eine Inversion des Rangdenkens und daher genauso verkehrt.

In der neutestamentlichen Formel „Einer achte den anderen höher als sich selbst“ (Phil 2,3) wird das Nächstenliebegebot noch überschritten und alle Forderungen nach der „Untertänigkeit anderer (unter mich oder den oder jenen)“ (denn darum geht es ja allen, die davon so gerne sprechen!) entlarvt. Es kann nicht darum gehen, dass man die, die einem gleichgestellt sind, etwa in einer „Bitte nach Ihnen“ - Höflichkeit, höflichkeits- oder formelhaft höher achtet, sondern dass man die, von denen man glaubt, dass sie einem „untergeordnet“, seien wirklich höher achtet als sich selbst und ernsthaft erkennt, dass sie einem nicht untergeordnet sind: Herren sollen also die Diener höher achten als sich selbst, Männer ihre Frauen, Eltern ihre Kinder. Dies aber natürlich mit Vernunft und ohne Sentimentalität. Diese Höherachtung soll, wenn es nicht anders geht (!), mitten im System dieser Welt mit ihren sozialen Hierarchien verwirklicht werden.

Die verschiedenen Kosmotheismen, die einen immanenten Monotheismus aufweisen, kennen alle eine „Verarbeitung“ des Bösen, die in den Kulten bestimmter Götter zu grausamen Tier- und Menschenopfern und schändlichen Ritualen geführt haben. Das Opferdenken setzt immer das Rangdenken voraus: weil die Götter über uns stehen, müssen wir sie abfinden.
Die Polemik und der Abscheu der Propheten im AT richten sich immer wieder gegen solche grausamen Opfer und Rituale. Israel installiert aber selbst ebenfalls einen grausamen Tier-Opferkult, dessen Sinn auf „Reinigung“ von Sünden abzuzielen scheint. In dieser Absicht stimmt er mit den Grausamkeiten der anderen überein. Jede Sühnopfertheorie muss daran scheitern, dass uns mehrfach gesagt ist, sowohl im AT als auch im NT, dass der Gott weder etwas nötig hat, noch bedient oder befriedigt werden muss.

Der Opferkult wird daher noch im AT immer wieder kritisch in Frage gestellt als etwas, das Gott eigentlich nicht wollte. Es ist nicht nur die genaue Intention altisraelischer Opfer bis heute unklar geblieben. Aufgrund archäologischer Funde nimmt man an, dass vor der Konzentration der Opfer im Tempel eine mehr oder weniger „wilde“ Opferpraxis üblich war, die von Gott weder geboten noch erwünscht war. Es muss angemerkt werden, dass es einen Fleischgenuss in der Antike niemals außerhalb von Opferkulten gab. Die Adventisten haben recht damit, wenn sie darauf hinweisen, dass der Fleischgenuss ursprünglich nicht für den Menschen vorgesehen war. Die gesamte Menschheit hat ihn daher nur im Rahmen solcher Kulte gewagt. Der Fleischkonsum ist ebenso wie die Praxis des Tieretötens Ausdruck der Sünde. Noch im NT wird jeder Fleischkonsum aufgrund eines Kultopfers verstanden. Daher wird den Christen wie schon den Israeliten der Konsum von Fleisch verboten, das anderen Göttern geweiht worden war.
Die Konzentration und gesetzliche Festlegung könnte man damit als Begrenzung und Eindämmung dieser altorientalischen Grausamkeiten deuten, von denen die Menschen nicht ablassen konnten. Die Klage der Israeliten in der Wüste und ihre Sehnsucht zurück an die „Fleischtöpfe Ägyptens“ erhält so eine Deutung, die uns etwas sagt darüber, was in diesem „Ägypten“, diesem „Sklavenhaus“ so schändlich war.
Die radikale Ablehnung blutiger Opfer, zB in Ps 40,6 oder 51,16, oder bei Jer 7,22f oder Amos 5,22 oder Micha 6,6, die es nicht aufnehmen können mit einem demütigen Geist, spricht eine deutliche Sprache:

„22 Denn ich habe nicht mit euren Vätern darüber geredet und ihnen nichts geboten über das Brandopfer und das Schlachtopfer an dem Tag, da ich sie aus dem Land Ägypten herausführte (…)24 Aber sie haben nicht gehört und ihr Ohr nicht geneigt, sondern sind nach den Ratschlägen und in der Verstocktheit ihres bösen Herzens gegangen; und sie haben mir den Rücken zugekehrt und nicht das Gesicht.“ (Jer 7)

Die ausführliche Gesetzes-Litanei über Opfer, die auf heutige Leser durchaus befremdlich wirken kann, im Buch Numeri wird damit in ein seltsames Licht getaucht: wie etwa das Verstoßungsrecht des Mannes gegen seine Frau, das Gott erlaubt habe, werden auch diese Opferpraktiken in die Nähe eines Zugeständnisses gerückt, weil die Menschen so verstockt und pervers waren, dass sie unfähig und unbelehrbar für ein einigermaßen angemessenes Gottesverständnis waren.

Die Auseinandersetzung Israels mit den Heiden drehte sich, wenn man die Schrift aufmerksam liest, nicht primär um eine Differenz darüber, ob es „einen Gott“ oder „mehrere Götter“ gebe, denn auch die Heiden glaubten an einen Allgott, einen „Allerhöchsten“, wie er auch in der Schrift immer wieder genannt wird.
Die Frage war vielmehr, wer dieser eine ist, der hinter allem steht, und wer mit ihm im Bund steht.
Dabei wird genau diese Frage im Buch Exodus vorläufig gar nicht beantwortet. Gott wird dort nicht als der Gott vorgestellt, sondern als ein spezieller Gott der Nachkommen Isaaks:
Mose hat sein Dornbuscherlebnis am Berg Horeb. Bei dieser Begegnung gibt sich Gott als der Gott des Ahnen, „deines Vaters“, als „der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“ zu erkennen (Ex 3,4ff). Es ist der Forschung bis heute unmöglich, die religions- und sprachgeschichtlichen Zusammenhänge, die bei genauer Betrachtung schillernd sind, zu erkennen.[3]
Mose erklärt dem Gott am Dornbusch, dass die Hebräer offenbar diesen Gott ihrer Väter nicht mehr kennen und von ihm werden wissen wollen, wie dieser Gott heiße. In dem Zusammenhang bekräftigt Gott, dass sein Name mit den Namen Abrahams, Isaaks, Jakobs für dieses Äon verbunden sei und in allen Generationen so bleibe, was im Kontext hier auf die Israeliten bezogen gilt. Es fällt der geheimnisvolle Name „Ich werde (da)sein, der ich (da)sein werde“, der tatsächlich im Tetragramm JHWH verborgen sein könnte (V 13f), aber vor allem angesichts des geplanten Exodus eine Beistandsformel ist. Das heißt im Klartext: die Hebräer folgten diesem Gott der Väter längst nicht mehr, waren ägyptisiert, hatten vergessen, was Abraham und Isaak und Jakob erfahren haben.
Gerne tradieren auch die Christen diese beeindruckende Erzählung und beziehen sich darauf bis heute. Aber wenige Abschnitte später heißt es ohne erkennbaren Anlass, Gott sei Mose auf dem Weg zum Pharao auf einem Rastplatz nachts entgegengetreten und habe ihn töten wollen (Ex 4,24). Mose wird vor Gott durch seine Frau errettet: Sie schneidet dem gemeinsamen Sohn die Vorhaut ab und bestreicht mit dem blutigen Stück Haut die Beine Moses. Gott lässt dann wieder von ihm ab. Diese Episode ist verstörend, und die meisten Christen haben noch nie von ihr gehört.
Der Pharao, dem Mose den Gott der Hebräer als „JHWH“ vorstellt, sagt später, er kenne diesen Gott gar nicht. Er hält die Behauptung Moses, dieser JHWH sei ihm begegnet und verlange eine Opferanbetung in der Wüste, für eine faule Ausrede, um sich vor der Arbeit zu drücken.
JHWH erscheint daher in diesem Kontext zunächst als einer der vielen Götter, die es gibt und nicht als der einzige echte Gott in einem später unterlegten monotheistischen Sinn.
Er ist hier der richtige Gott für ein Volk, das dieser Gott sich auswählt. (Es ist nicht umgekehrt.)
Im ersten Gebot des Dekalogs verlangt dieser Gott von denen, die er aus Ägypten geführt hat, dass sie keine anderen Götter mehr neben ihm haben (Ex 20,2-3):  

„Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt habe. Du sollst keine andern Götter haben neben mir.

Das bedeutet streng genommen nicht, dass es diese Götter nicht gibt, sondern dass JHWH der einzige Gott der Israeliten sein will. Ein radikaler, exklusiver monotheistischer Schluss ist auch hier nicht oder noch nicht möglich.
Die folgende Geschichte Israels dreht sich um eine ständiges Hin und Her zwischen JHWH-Verehrung und der Verehrung weiterer regionaler Götter oder sogar JHWH-bezogener Kultgegenstände wie dem Nechuschtan (2 Kön 18,4).[4] Israel scheitert an der JHWH-Verehrung das ganze AT hindurch und im NT, aber — und das ist wichtig zu bemerken — nachdem es sich einigermaßen „monotheisiert hat“, scheitert es dann am Messias dieses Gottes.
Das wirft ein kritisches Licht auf die Meinung, es hänge etwas an der theoretischen Definition, wie viele Gott sei. Auch im radikalen Monotheismus, den viele jüdische Gelehrte zur Zeit Jesu nun vertreten, kann man scheitern.

In der Rede Pauli auf dem Areopag tritt uns eine ganz andere Auffassung entgegen: Alle Gottesverehrung, sowohl die der Juden als auch der Heiden wurzelt generell und positiv gedeutet in der tastenden Suche nach dem einen Gott, von dem alle wissen und der niemandem fern ist. Die Zerstreuung in polytheistischen Glauben kann denselben Grad an Gottvergessenheit erzeugen wie ein radikalisierter Monotheismus, der auf seine Weise die Gottsuche nach menschlichem Maßstsab gestaltet und dabei auch noch anmaßend wird gegenüber allen anderen. In den Worten des Paulus wird deutlich, dass alle Suche um den „unbekannten Gott“ kreist und erst in Jesus Christus eine Erfüllung findet. Die Athener verlangen von ihm zuvor Rechenschaft, ob er etwa „fremde Gottheiten“ verkünde, weil er von Jesus spricht (Apg 17,18). Er sagt jedoch nicht: So, liebe Leute, ich verkünde euch jetzt endlich den einen Gott, sondern er sagt ihnen, dass der unbekannte Gott, den sie auch verehren, nicht mit den gängigen Mitteln religiöser Praktiken angemessen verehrt oder geglaubt werden kann. Dieser Gott kann vom Menschen weder bedient noch erfasst werden. Es konnte auch niemand für diesen Gott sprechen:

„30 Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, 31 weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und er hat allen dadurch den Beweis gegeben, dass er ihn auferweckt hat aus den Toten.“ (Apg 17)

Zu beachten ist hier, dass der „Beweis“ der endgültigen und unwiderruflichen, nie mehr gefährdeten Gottessohnschaft für alle auch in dieser Aussage Pauli nicht in einer ominösen „Zeugung aus Maria“ oder des gleich wieder konterkarierten „Messiaszeugnisses“ durch Petrus besteht, sondern erst in der Auferweckung. Dass manchen Menschen wie Maria selbst, Johannes, Elisabeth, Zacharias, Joseph, Simeon und Hanna vorher aufgrund einer persönlichen Ansprache Gottes schon gezeigt wurde, dass dies der Erlöser sein werde, ist noch kein „Beweis für alle“. Und es fällt auf, dass Jesus nie wollte, dass Menschen, die ein „Gesicht“ hatten darüber, es vor der Zeit ausplauderten. Mir scheint es so zu sein, dass er selbst wusste, wie schwer sein Weg werden würde und den Tag nicht vor dem Abend gelobt sehen wollte. Wie man an der Szene im Garten Gethsemane sieht, hätte er auch im letzten Moment „Nein“ sagen können. Er musste erst — was ihn betrifft— sagen können: „Es ist vollbracht!“

Paulus predigt nicht über die Frage, ob es einen oder mehrere Götter gibt, sondern darüber, dass alle Zeit vor Jesus „Unwissenheit“ war. Die Zeit des Tastens und Suchens macht Paulus nicht nieder, sondern gesteht zu, dass auch diese Zeit in Gottes Gnade eingeschlossen war. Mit der Auferweckung Jesu aber ist diese Zeit der Unwissenheit vorbei, Jesus Christus ist der lebendige Aufruf zur Umkehr nun für alle, und der Gerichtstermin steht bereits an.

Diese Frage, wer Gott ist, ist unsere Frage bis heute. Es geht um den „echten Gott“ unter falschen Göttern, um den wirklichen Gott unter dispersiven Götzen und destruktiven Dämonen, aber auch inmitten eines himmlischen Heeres, von dem v.a. in Psalmen (Ps 24; 80; 84; 148) und an wenigen Prophetenstellen gesprochen wird. Er ist der „Höchste“ in dem Sinn, dass er der Schöpfer aller ist und alles von ihm stammt. Unser größtes Problem ist, dass wir ihn verwechseln mit solchen Göttern, von denen wir glauben, sie seien es.

Es ist inzwischen einigen gedämmert, dass wir nicht automatisch „an denselben Gott“ glauben nur deswegen, weil wir annehmen, es gäbe nur einen:
Der Atonglaube der Amarnazeit hat mit der mosaischen Offenbarung Gottes nur entfernt zu tun, auch mit dem „Hen“ der Neuplatoniker nicht, der koranisch-sunnitische Allah ist dem Gottesbild nach nur ganz entfernt verwandt mit einem menschlich vielleicht verzerrten JHWH, nicht aber — was uns bewegt — mit dem Vater Jesu Christi, der wiederum von Manichäern und Markioniten anders verstanden wird als von solchen, die sich jedem Gnostizismus gegenüber verschließen. Nicht zuletzt stieß die Offenbarung Gottes im AT von alters her vielen als völlig „anders“ als die des Vaters im NT auf, so sehr, dass sie meinten, es müsse sich doch um zwei verschiedene Götter handeln. Ihre Argumente sind keineswegs unbegründet oder unverständlich. Christliche Apologetik befasste sich auch gerade mit dieser Frage immer wieder aufs Neue bis heute.
Im Zentrum der theologischen Auffassungen vom „einen Gott“ steht aber übereinstimmend immer die Beziehung zum Menschen bzw zur Position des Menschlichen gegenüber dem oder im Göttlichen.

In den Eingott-Theologien, die die Gottheit der Schöpfung regelrecht exklusiv gegenüberstellen, liegt es nahe, Gott als den Titelchef und Herrscher (miss-) zu verstehen.
Aber damit wissen wir noch nichts über sein Wesen. Ein solch exklusives Verständnis scheint in der Schrift sukzessive überwunden zu werden, wie ich später zeigen will. Aktuell finden wir das am ehesten radikal gelebt im Islam, ultraorthodoxem Judentum und fundamentalistischen Formen des Christentums.

Jan Assmann schreibt:

„Natürlich war die Welt, wie jeder weiß, schon vor der Entstehung des Monotheismus voller Gewalt, Hass und Schuld. Ich konstatiere lediglich, daß der Monotheismus eine Religion ist, in deren kanonischen Texten die Themen Gewalt, Hass und Sünde eine auffallend große Rolle spielen und eine andere, nämlich spezifisch religiöse Bedeutung  annehmen als in den traditionellen,„heidnischen" Religionen. Dort gibt es Gewalt im Zusammenhang mit dem politischen Prinzip der Herrschaft, aber nicht im Zusammenhang mit der Gottesfrage. Gewalt ist von Haus aus eine Frage der Macht, nicht der Wahrheit.“[5]

Das Missverständnis, Gott sei wie ein irdischer Herrscher ein „Monarch“, ein absolutistischer „Chef“, der das Entweder-Oder für oder gegen ihn wahrnimmt und von uns einfordert, führt langfristig notwendig zur politischen Gewalt gegen alle, die sich nicht einem spezifischen Gottesbild „unterwerfen“. Dass sich im christlichen Glauben diese Tendenz erhielt, obwohl die Hinrichtung des einzigen Sohnes Gottes diese Tendenz konterkariert hat wie nichts sonst auf der Welt, ist die besondere Tragik des Christentums, die mit der Reformation (in allen westlichen Konfessionen) zunächst noch extremer auf diese schiefe Ebene geführt wurde.

Mit bloßem Biblizimus muss man irre werden an diesen Fragen. Die martialische Sprache des Eiferns für den einen wahren Gott etwa im Buch Deuteronomium ist teilweise noch schlimmer als alles, was an Martialischem im Koran steht. Wir glauben zwar derzeit zumeist, dass solche (wohl nur literarische) Gewalttätigkeit in Christus überwunden ist, aber sie liegt als Missverständnis und ständig lauernde Gefahr — wie wir im Islam sehen — immer schlummernd in unserem Unterbewusstsein. Wir lügen uns etwas vor, wenn wir glauben, das Christentum sei im Gegensatz zum Islam vor solchen Exzessen, die aus der Sprache in die Tat umgesetzt werden, gefeit. Die grausame Ermordung von Ketzern, Hexen und Missionsunwilligen in unserer Geschichte ist zu beschämend, als dass man sie einfach leugnen darf.

Die Reduktion der Gottesfrage darauf, ob er — nach irdischen Quantifikationsmethoden — konzentriert einer oder aufgefaltet mehrere ist, hilft so nicht, diesen einen Gott als den zu erkennen, der er ist. Letztendlich bedeutet die Abwehr des Polytheismus die These „Du darfst dir Gott nicht in einer anderen Gestalt ausgedrückt vorstellen“. Gott bleibt so unsichtbar und unserem Erkennen fern. Nun wird aber Jesus Christus immer wieder das ganze NT hindurch als perfektes Abbild und in der Gestalt Gottes bezeichnet, so, wie es allgemein vom Menschen ursprünglich gesagt wurde. Die Bannformel gegen den Polytheismus kann so folglich nicht greifen, weil man damit auch den Christus als den, in dem die ganze Fülle der Gottheit wohnt, wieder verliert.

Auch die Vorstellung, dass Gott den obersten Titel hat, ist lächerlich angesichts seines Urgrundseins, das absolut keine Rangtitel nötig hat, aber auch aufgrund der Theodizeefrage brüchig: die alte Frage danach, wie einer, der allmächtig und absolut gut ist, so viel Leid auch bei Unschuldigen zulässt, quälte schon Psalmisten und treibt bis heute zahlreiche Menschen um. Versuche, dies zu „erklären“, enden immer in noch quälenderen Vorstellungen, entweder in der islamischen Vorstellung eines voluntaristischen Herrscher-Gottes, der in seiner Herrlichkeit eben trotz der Behauptung, er sei „Allerbarmer“ doch aus der Sicht des betroffenen Menschen erbarmungslos und unberechenbar tut, was ihm aktual gefällt, oder einer manichäischen Vorstellung von einem mächtigen Widersacher Gottes, der gleich stark wie er sein muss, um so viel zerstören zu können, oder aber der Meinung, Gott sei auch irgendwie eine Art Teufel, oder einer Dämonisierung des Menschen, dem man alle Schuld für jegliches Leid der Welt zuschustert und selbst dem Frömmsten suggeriert, dass er irgendetwas getan haben muss, das sein Leid erklärt und aufs eigene Konto verbucht. Ähnlich gelagert scheint mir die Karmalehre, die die Zuschreibung eigener Ursächlichkeit am Leiden über mehrere Leben hinweg „entzerrt“, im Ziel aber das Leben selbst als Illusion oder Nichtigkeit entwertet.

All das befriedigt uns nicht, weil wir spüren, dass solche Modelle, so bestechend sie unter einem bestimmten Blickwinkel erscheinen, in konkreten Situationen ungerecht sind und so nicht der Wahrheit entsprechen können. Bis hier und heute reißt das Fragen des Menschen nicht ab, verstummt seine Klage über all dem nicht.

Was immer man dazu denken will, eines wird überdeutlich: Gott ist nicht in demselben wesenhaften Sinn „Herr“ wie man das von menschlichen Herren sagt und meint, die ihr Recht aufgrund einer ihnen entweder übertragenen oder selbst angemaßten Herrschaft durchsetzen.
Er ist auch nicht eine Art „Robin Hood“ oder „Rächer der Enterbten“ und insofern „Herr“, auch wenn die Exodus-Erzählung daran Anklänge zeigt, denn sie soll aus der „Knechtschaft in Ägypten“ führen und ihr ein exklusives Gottesvolk entgegensetzen, das sich damit legitimiert und auch kampfbereit macht. Die Gewalttätigkeit richtet sich weniger nach außen als nach innen: alle Mitglieder des Volkes werden intern auf etwas eingeschworen, ob sie wollen oder nicht. Wenn sie sich nur ansatzweise wehren, erfahren sie grausame Gewalt.[6]

Wie Meister Eckhart mE richtig bemerkte, ist dennoch der Gott Jesu so anders als alles, was wir begrifflich fassen können, dass nichts, was man von ihm sagen kann, einschließlich der Zählbarkeit, ihm gerecht werden kann.[7] Wenn die Rede von dem „einen Gott“ nicht eine bloße oberflächlich-mathematische Relation oder eine bloße Abgrenzung zu falschen anderen Göttern ausdrückt, aber auch keinen Kosmotheismus beinhaltet, den die Kirche immer verworfen hat, obwohl er im NT durchaus anklingt, wäre zu fragen, was es in der Tiefe heißen soll. Alle Rede von Gott kann für uns nur in Beziehung zu uns gedacht werden. Für alles andere fehlen uns die „Sensoren“ und die „Ausstattung“.

Gerbers Vorschlag, „Gott“ und „Vater“ als „Titel“ und Rangmarkierung aufzufassen, greift mE zu kurz angesichts der vorhandenen religionsgeschichtlichen und religionsphilosophischen Problematik, die auch in der Schrift selbst ausgefochten wird. Auch wenn es vielen nicht bewusst ist, bewegt sich die Frage danach, wie viele Gott ist/sind, auf philosophischem Terrain. Es reicht nicht, Bibelzitate zusammenzustellen, denn diese Zitate müssten ja interpretiert und verstanden werden. Dies bedarf aber der methodischen Hilfe durch die Philosophie, die Literaturwissenschaft, Rhetorik und Logik. Die Maxime, „rein biblisch“ argumentieren zu wollen, nach der Gerber vorgeht[8], gibt sich über diese Notwendigkeit keine Rechenschaft und führt langfristig zum islamischen Weg, der jedes Interpretieren ausschließt und in einer bloßen Koranrezitation hängenbleibt wie in einer endlosen Warteschleife, die zu keinem Ziel und keinem Verstehen mehr führt. Dass Schriftwort immer der Interpretation bedarf, zeigt uns eindrücklich die Geschichte vom Kämmerer aus Äthiopien, zu dem der Apostel Philippus geschickt wird, um ihm Interpretationshilfen zum Jesajabuch zu geben (Apg 8,26ff).

„Siehe ich mache alles neu!“ berichtet uns die Offenbarung Jesu Christi an Johannes einen Ausspruch Gottes (Apk 21,5). Dieses „alles“ umfasst auch das, was wir von Gott offenbart erhalten.
Mit der Erscheinung Jesu im Fleisch ist uns ein radikal neues Bild von Gott gezeigt worden, das einzige, das zum „Vater“ führt. Die radikal unitarischen Juden werden zurückgelassen: Ihr Weg ohne diesen Christus führt nicht zum Vater. Der Christus ist zentral, nur er führt zum Vater, er ist nach eigener Aussage „Weg, Wahrheit und Leben“ (Joh 14,6), Träger exklusiver göttlicher Attribute, er spiegelt die Fülle der Gottheit (Kol 1,15) und bietet insofern tatsächlich eine Identifikationsgestalt Gottes (s. I). Wenn wir von dem ausgehen, was in Christus sichtbar wurde (Dienstbarkeit, Hingabe), kann es sich bei Gott, bei diesem Gott, den der Christus vollkommen abbildet, nicht um einen Titelchef handeln.

Seine „Autorität“ ist, zugespitzt gesagt, eine alles menschliche Trachten brüskierende Nichtautorität, die aber keine Gleichgültigkeit ausdrückt, sondern größtmögliches Interesse und tiefste Liebe Gottes zum Menschen, was auch die Theodizeefrage in ein anderes Licht setzt.

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[1] Jan Assmann: Monotheismus und Gewalt. Originalveröffentlichung in: Peter Walter (Hrsg): Das Gewaltpotential des Monotheismus und der dreieine Gott (Quaestiones disputatae 216), Freiburg – Basel – Wien 2005, S. 18-38
[2] Bücher der Kündung. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. Darmstadt 1985, S. 126
[3]  Der Wiki-Artikel gibt eine gute Zusammenfassung der Forschungsprobleme: https://de.wikipedia.org/wiki/JHWH
[5] A.a.O. Assmann, S. 3
[6] Die einschlägigen, martialischen und zutiefst bestürzenden Zitate aus dem AT hat Jan Assmann in seinem Artikel zusammengestellt. A.a.O.
[7] Meister Eckehart: Deutsche Predigten und Traktate. Hg. und übersetzt von Josef Quint. Zürich 1979. In der Armutspredigt, hier der Zählung nach Predigt 32, S. 303ff. In der Bulle Johannes XXII wird Eckhart zitiert mit: „Gott ist auf alle Weisen und in jedem betracht nur Einer, so daß in ihm selber keinerlei Vielheit zu finden ist, weder in der Vernunft noch außerhalb der Vernunft; wer nämlich Zweiheit oder Unterschiedenheit sieht, der sieht Gott nicht, denn Gott ist Einer außerhalb aller Zahl und über alle Zahl und fällt mit nichts in Eins zusammen. Daraus folgt: In Gott selbst kann demnach keinerlei Unterscheidung sein oder erkannt werden.“ S. 453
[8] A.a.O Gerber, S. 2