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Montag, 20. Februar 2017

"Sine dubiis" - wir gehen mit Papst Franziskus und der sinnlich erfahrbare Gott ohne Papst Franzisksus



„Sine dubiis“ und der sinnlich erfahrbare Gott

Auf dem Internetforum für katholische Lebensart („TheCathwalk“ https://thecathwalk.net/2017/02/18/sinedubiis-wir-gehen-mit-papst-franziskus/ ) und dem Blog Davis Bergers („Philosophia perennis“  https://philosophia-perennis.com/2017/02/20/news-der-postkatholische-papst/amp/ ) geht der Pingpongball in Sachen Franziskus, Papsttum und der Frage, was nun die katholgetränkte und weihrauchschwangere Eigentlichkeitstradition ist, heftig weiter.

Monatelang musste man rund um die Familiensynode 2014/15 aufseiten der Konservativen, aber in der Kirche Verbliebenen, die Prophezeiung vernehmen, bestimmt werde aber nun ein Papst endlich mal so richtig häretisch werden und das Dogma der Dogmen (nach dem allerheiligsten Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes versteht sich), nämlich die Unauflöslichkeit der Ehe auflösen. Ich gebe zu, dass ich anfangs unter dem Einfluss dieses Geheuls stand und selber so dachte.

Inzwischen habe ich viel gelesen und viel gehört, viele Katholiken erlebt und mir die illustren Zeugnisse des 19. Jh angetan, Zeugnisse schlimmster Verlogenheit, Intriganz, Gefühllosigkeit, Härte, Unbarmherzigkeit, sexueller Entgleisungen und brutalen Machtmissbrauchs gegen alles, was sich weigerte, diese ultramontan—infallibilistischen, superfromm—wundersüchtigen Pillen zu schlucken, die nicht nur Pius IX. sondern auch eine ausgesprochen tätige Truppen fanatischer Vasallen, damals vor allem im Jesuitenorden zu finden und unter den Neuscholastikern, unters Kirchenvolk wie eine Medizin gegen die bösen Neuerer, „Freimaurer“ und „Modernisten“ brachten.
Die Wahrheit ist, dass die größten Neuerer diese Fraktionsgenossen selber waren. Ihre Erfindungen sind so verstiegen und so stark propagiert worden, dass viele Menschen nach zwei Generationen nicht mehr wussten, dass das alles gar nicht zur Tradition der Kirche gehört. Plötzlich gab es ein „ordentliches Lehramt“ und ein „außerordentliches Lehramt, „Kathedralentscheidungen“, wobei bis heute unklar ist, was eigentlich darunter fällt, es gab seit dem Beginn des 19. Jh ein explosionsartiges Anwachsen von Erscheinungen, Eingebungen und Visionen, und wundersamerweise bestätigten sie immer den Papst und nie dessen Mahner. Dass es so etwas nie zuvor in der Kirche gegeben hatte, war den meisten gar nicht klar. Alle Naslang erschien die Gottesmutter und tut das bis heute, als ob das zum Bestand des überlieferten Glaubens gehörte, und in vielen Orten pilgert der konservative Tross des wahren Glaubens zu ortseigenen Seherinnen, die natürlich alle „papsttreu“ und „marianisch“ sind, wobei ein echter „Heiliger Vater“ ultramontan, infallibilistisch, autokratisch und irgendwie „pianisch“ sein muss. Ich bin außerstande, dieses Treiben mit dem, was ich im Neuen Testament lese, zusammenzubringen. Es ist, als wären das zwei völlig verschiedene Religionen.
Das Ergebnis der Kampagnen, Indizierungsverfahren, Hetzorgien, Gehirnwäschen und Erpressungsfeldzüge, die ins Vaticanum I mündeten und aus ihm umso stärker wieder ausflossen, war die geradezu magische Fetischisierung des Papstes, ein dazu instrumentalisierter Marianismus, die erwähnte explodierende Erscheinungs— und Wundersucht und eine Unterwerfungsmentalität, die dem rabiaten Islam alle Ehre hätte machen können und ihn manchmal sogar toppt.
Anti—Freimaurerhetze, Judenhass, Royalismus um jeden Preis, Frauen—Bashing, Führerkult, die Förderung des Faschismus, die Formalisierung und Erstickung des lebendigen Glaubens, die endgültige Total—Sakramentalisierung und die Aushöhlung des Apostolats der Laien waren das finstere Ergebnis dieses Ungeistes. Der Papst wurde zum Gott auf Erden, und viele vergaßen darüber den wirklichen und wahren Gott. Man war der Form halber fromm und tat viele Kniebeugen und Kreuzzeichen bei der Eucharistiefeier, und doch nahm man den Herrn, der doch demütig, gewaltlos und der „Letzte“ blieb, weniger in sich auf als die Ideologie eines hierokratischen Machtanspruchs des Papsttums auf die Seelen. Ja, man identifizierte den Anspruch Gottes auf uns Menschen, ohne mehr eine Differenzierung vorzunehmen, mit dem Anspruch des Papstes und der Hierarchie auf die Seelen. Alsbald äffte die Welt solchen Absolutismus in diversen Totalitarismen nach. Ohne Vaticanum I ist wohl weder der Faschismus noch der sozialistische Totalitarismus denkbar. Der berühmte Spruch von der Partei, die immer recht hat, vom Chef, der immer recht hat, hatte sein Vorbild im Papst, der immer recht hatte, einfach deswegen, weil er recht hatte.

Nun haben wir erlebt, dass aber Päpste kamen, die den übersteigert—autoritären Wahnsinn des 19. Jh oder noch Pius X. im 20. Jh nicht weiterführen wollten. Das begann gleich nach Pius X. mit Benedikt XV., der, samt den Kardinälen Rampolla und Gasparri, prompt als heimlicher in die Kirche eingeschleuster Freimaurer gehandelt wurde. Beweise blieb man für solche Unterstellungen grundsätzlich schuldig. Aber bis heute wird der Unsinn weitergetragen und dem Traditionsnachwuchs eingeträufelt wie ein Gift, das nicht mehr neutralisiert werden kann. Den total auf diese alten Gespenster und ihre Ideologien eingeschworenen Klerikern und Gläubigen stockte der Atem: das konnte ja dann nur der Antichrist sein, wenn ein Papst von diesem Gift nichts hielt oder sich irgendwie öffnete für das total—tabuisierte und dämonisierte methodische Denken der Gegenwart…
Auf den Gedanken, dass die, die sie zuvor überhaupt durch ihren a—katholischen Anspruch in solche Gewissensnöte gebracht hatten, vielleicht viel eher der Antichrist oder schlicht falsche Lehrer gewesen sein könnten, kamen all diese braven Leute bis heute nicht.
Ein kurzer Streifzug durch die Kirchen— und Theologiegeschichte hätte ihnen zeigen müssen, dass dem Papsttum nicht das zukommen kann, was das 19. Jh behauptet hatte. Stimmte das Papstbild des Vaticanum I, müsste man sagen, dass die Kirche erst in der Neuzeit gegründet wurde und mit der alten Kirche nichts zu tun hatte, deren Papstgeschichte über lange Zeiten eine einzige Katastrophen—, Macht— und Intrigengeschichte war. Ganz zu schweigen davon, dass man eine Verbindung zu ihrem Gründer und Herrn ohnehin nur noch schwer zu erkennen vermochte, wenn man sich dieses hochmütige und eitle, gewalttätige Hierarchengeklüngel ansah, das vor allem erst einmal sich selbst zu verherrlichen gedachte, bevor es auch nur einmal den Namen Jesu aussprach.

Und nun haben wir nach dem Wahn, Benedikt XVI. habe noch einmal den „alten Glanz“ des 19. Jh und seiner Träume von der „Papstgeschichte“ zurückgebracht, diesen Franziskus, diese Quasselstrippe, diesen relaxten und temperamentvollen Argentinier mit italienischen Wurzeln, dem all dieser Popanz von Anfang an sichtlich auf den Keks ging. Zugegeben — er befremdete uns erst mal, uns, die wir gewohnt sind, diese abendländischen Geistesmenschen in ihren Zobeln und roten Schühchen zu sehen, als hinge davon die ewige Seligkeit ab. Und ein Papst ohne Tiara — o weh: der Glaube bricht zusammen… dabei ist die Tiara kein Glaubenszeichen, sondern ein weltliches Herrschaftssymbol — nichts weiter.
Benedikt hatte so oft gesagt, dass er sich dabei nicht wohlfühle. Er wollte kein „Heiliger Vater“ sein, weil nur Gott unser Vater sei und Jesus das doch ausdrücklich gesagt hatte — aber das überhörten unsere Konservativen geflissentlich. Was juckt sie, was Jesus gesagt hat, wenn es in der Tradition so schön heimelig ist und so kuschelig und vertraut. Dass auch Benedikt (nicht anders als Franziskus) bis zuletzt davon sprach, dass viele Ehen wohl keine sakramentalen Ehen seien, weil die erforderliche Intention dazu gefehlt habe — die aufgewühlte Menge der Konservativen hörte davon nichts, obwohl er es laut sagte. Auch sprach er von „Entweltlichung“ und Rückzug, von der Andersheit des wahren Gottes, der nicht mit der Macht dieser Welt zusammenpasse — es verhallte im Wind.
Während wir wehklagten, weil Benedikt sich zurückgezogen hat, und die buntesten Verschwörungstheorien sich um sein Verschwinden rankten, während alte Freimaurer—Schundromane und Gerüchte aus den Vatikankellern fröhliche Urständ feierten, übersahen wir, dass Benedikt mit seinem Rücktritt auf seine Weise ebenfalls das Papsttum total—entzauberte.

Und nun starteten nach vielem Lamento der Konservativen ebenfalls Konservative eine Kampagne für Franziskus, nachdem der Weihbischof Schneider mit dem heroischen Namen Athanasius aus Kasachstan und Kardinal Burke langatmige Belehrungen über die Ehe herausgegeben hatten und Burke mit drei anderen zusammen einige „Dubia“ an dem nachsynodalen Schreiben „Amoris laetitia“ an Franziskus verfasst hatten, die der einfach ignoriert hatte etc. etc.
„Sine dubia“ nennen sie die Kampagne und werben für Unterschriften. Das falsche Latein wurde dann schließlich Gott sei Dank in korrektes Latein korrigiert: „Sine dubiis“. Was ist der Inhalt dieser Kampagne pro Franzisco? Eigentlich vor allem dies, nämlich endlich endlich mit dem Franziskus—Bashing aufzuhören unter den Konservativen und endlich wieder zum Papst zu stehen, weil er doch der Papst ist und der Fels, und ein richtiger Katholik schießlich romtreu sein muss und papstreu, wo der Papst doch mit quasi—magischer Unfehlbarkeit aufgeladen ist und gerade Franziskus mit seiner Barmherzigkeit doch eigentlich ein solches Gottesgeschenk ist.

Nun muss ich zugeben, wie ich es ja auch im Kommentarbereich auf „TheCathwalk“ darlegte, dass ich in der fraglichen Sache „Amoris laetitia“ tatsächlich „pro—francisco“ zustimme, nicht aber in ihrer Begründung.
Franziskus hat sich nicht missverständlich ausgedrückt — wer das Schreiben „Amoris Laetitia“ gelesen hat, muss das zugeben. Er bekräftigt die objektive Dogmatik, will aber überhaupt erst einmal so etwas wie eine pastorale Praxis im Umgang mit einem zeitgenössischen Problem einiger Gläubiger entwickelt sehen. Wie ich schon schrieb, war die Kirche in früheren Zeiten mehr als lax, wenn es um die Ehemoral ging, vor allem bei den Hochgestellten. Jedes Museum zeigt uns das verbreitete Huren— und Ehebruchsleben unserer ach so christlichen Fürsten und leider auch oft Kleriker, und ich wüsste nicht, dass es deswegen Aufstände gegeben hätte. Jedenfalls nicht aufseiten der Hierarchie. Franziskus scheint die reale Eheproblematik vieler Katholiken ernstnehmen zu wollen, ohne die Betroffenen deshalb wie rohe Eier an beinharter Objektivität zu zerklopfen, die überdies ja so leicht nicht zu klären ist, eben weil viele Ehen nicht in der rechten Intention zustande gekommen sein dürften. Ihm steht vor Augen, dass nach so vielen Jahrhunderten der Entleerung des persönlichen Glaubens, nicht zuletzt durch die zu starke Formalisierung und den anschließenden Abfall in der Säkularisation und die Unglaubwürdigkeit des Klerus und seiner sexuellen Exzesse, die Gläubigen überhaupt erst wieder herangeführt werden müssen an so etwas wie einen persönlichen Glauben, ein Verständnis des Sakramentalen, das sie nicht nur als passive und unterworfene Empfänger, sondern auch als Spender eines Sakramentes erzieht, nämlich ganz zentral des Ehesakramentes, und ein Ergreifen ihres Apostolats aufgrund des Ergriffenseins, das ihnen auch die Hierarchie nicht diktieren kann.
All die Fragen, etwa die, ob das, was die Deutschen Bischöfe in ihrer unsäglichen Oberflächlichkeit aus „Amoris Laetitia“ machen, angemessen ist, stehen im Raum, aber die vier Dubia—Kardinäle haben den Papst angegriffen und nicht die oberflächlichen Bischöfe, und genau das verstehe ich nicht.

Dass die an Franziskus gerichteten „Dubia“ der vier Kardinäle zwar samtweich, devot, ja sogar papalistisch schleimig formuliert sind, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie inhaltlich unverschämt sind. Sie unterstellen nämlich, nach diesem nachsynodalen Schreiben stehe die überlieferte Lehre in Frage. Franziskus wird aufgefordert, mit Ja und Nein auf diese Fragen zu antworten. Die vier Männer führen sich auf wie Richter — und das als eigentliche Konservative, die doch eigentlich sonst immer die Papsttreue zum Ausweis des rechten Glaubens gemacht hatten. Und nota bene: angeblich darf doch den Papst niemand richten und wanken kann er doch angeblich auch nicht, weil er der Fels ist, auf dem die Kirche steht.

Ich gebe den Cathwalkern recht, gegen den Strich recht, denn es ist seltsam, plötzlich die Papsttreue aufzugeben mit all ihren autoritären und absolutistischen Implikationen, an denen man Generationen angeblich progressiver Kleriker zerdeppert hat, wenn man nur solange papsttreu bleibt, solange der Papst einer bestimmten Ideologie die Stange hält, als ob der Glaube eine Ideologie wäre. Aber die Cathwalker argumentieren überhaupt nicht in der Sache, sondern mit reinem Papstglauben. Und das kann ja wohl in einer ernsthaften Diskussion nicht sein.

Immerhin ist das Schisma der Traditionalisten und Sedisvakantisten ja eine logische Folge aus dem Papst—Popanz, den die Päpste des 19. und frühen 20. Jh aufgebaut haben. Ich finde, dass man diese Leute verstehen kann: ihr braver Schützengrabenglaube auf den windgegerbten „Felsen“ Pius IX. und X. kann gar nicht anders, als in Franziskus (und nicht nur ihm) ein Monster zu sehen… Dass freilich dieser Felsenglaube, der eher auf Menschen als auf Christus setzt, in sich ein uneingestandener und wohl auch unerkannter Glaubensabfall ist, ist diesen Menschen als notwendiger Gedanke durch drohende Denk—Tabus völlig ausgeredet worden, und wehe denen, die dieses Desaster zu verantworten haben. Dennoch: Traditionalisten, ihr seid aufgerufen, endlich selbst zu denken und endlich umfassend zu prüfen und Eure Vorurteile in Frage zu stellen! Informiert euch endlich umfassend und lest nicht nur die immer gleiche einseitige (Hetz—)Literatur der ultramontanen und neuscholastischen Fraktion!
Christus ist der Herr — nicht der Papst und nicht die hier nicht um ein Fiat gefragte Sekundantin Maria, die sich vermutlich windet im Himmel angesichts ihres Missbrauchs für diese irdischen papalistischen Machtzwecke!
Sagen wir es anders: Wer auf den Papst starrt und ihn mit Jesus identifiziert, der muss zwangsläufig so oder so irre werden am Glauben.
Es muss eine Nummer kleiner gehen mit dem Petrus, so wie im Neuen Testament: Ja, er ist der Erste und soll den Felsen repräsentieren, aber er ist weder Christus noch ontologisch dessen Stellvertreter. Er ist „vicarius“, und ein Vikar ist immer ein Schüler und Lehrling, nie der Meister!

Ob nun aber das Gegenschreiben des Herrn Maximilian Krah auf David Bergers Blog der Sache gerecht wird? Angenehm ist bei ihm, dass er wenigstens den unsachlichen Papalismus der Cathwalker ablehnt. Aber er sieht nicht, dass er auf der Basis seines offen zugegebenen Lefebvrismus den Papalismus aus logischen Gründen nicht ablehnen darf, denn die Pius—Ideologie des Erzbischofs Lefebvre ist ultramontan—infallibilistische Ideologie des 19. Jh minus Papst. Das ist in sich unsinnig. Man muss sich schon entscheiden. Die eigenmächtig—anmaßende Papst— und Konzilskritik des Msgr. Lefebvre hätten „anständige“ Ultramontane des 19. Jh nicht einmal mit der Beißzange angefasst! Mag auch Krah sich erzürnen über Franziskus Klimawandelgeschwätz und seine sentimentalen Gesten gegenüber echten oder vermeintlichen Flüchtlingen — all solchen Blödsinn taten Päpste seit mindestens 1000 Jahren. Wer es nicht glaubt, sollte halt mal ein wenig in die Geschichte eintauchen. Mir persönlich ist dabei das Gerede des F. noch tausendmal lieber als päpstliche Hexenbullen, Frauenbashing, Mätressenwirtschaft, Gegenpapsttum, Kriegshetze, Selbstbeweihräucherung, dumpfe Einmischung in die Naturwissenschaft und die Erlaubnis, fremde Völker auszurauben und alles, was sich bei drei nicht hat taufen lassen, auf den Sklavenmärkten zu verkaufen. Sorry, Brüder und Schwestern, aber man sollte mal die Kirche im Dorf lassen. Glaubensaufweichung gibt es nicht erst seit heute!

Zu dem Themenkomplex wäre natürlich sehr viel mehr zu sagen, als es hier möglich ist, und wer regelmäßig meine Texte liest, weiß ungefähr, worauf ich hinauswill. Ich plädiere eher für einen Weckruf in Richtung Kenntnisnahme der historischen Realität der Kirche!

Aber vollends irritiert hat mich dann bei Krah sein Schlusspassus mit dem unvermeidlichen Lefebvre—Sektenbekenntnis und der Satz

„Die Wiedergewinnung des Glaubens gelingt sicher – sicher! – nicht durch Aufweichung der Lehre. Sie gelingt nicht durch Enzykliken zum Klimawandel und auch nicht durch geschwätzige Interviews. Sie gelingt allein durch die Wiederherstellung des Kultes. Die Existenz Gottes muss im Kult sinnlich erlebbar werden.“

Aha… Gott „sinnlich erfahrbar“… meine Güte, ja, da haben wir es wieder — die Totalveräußerlichung des 19. Jh, den Glaubensabfall von rechts!

Gott sinnlich erfahrbar!

Wie war das: Wir leben hier im Glauben, nicht im Schauen? Wir erleben hier Gott sinnlich — ach ja, wo steht das? Wunder gefällig? Kleines Visiönchen? Ätherische Strahlen um den Kommunionkelch? Bluttränen aus den Augen der Holzmadonna? Wundersame Krankenheilungen? Bilokationen, seit dem 19. Jh hoch im Kurs, oder Stigmata, der Kirche der ersten 1000 Jahre völlig unbekannt?!
Das alles ist doch weit weg vom Glauben, wie er überliefert ist in der Schrift und bei den Vätern und den Mystikerinnen des Mittelalters!

Darum geht es also: um den sinnlich erfahrbaren Gott, und wenn wir den wieder hergezaubert haben durch den restaurierten „Kult“, dann, ja dann wird der aufgeweichte Glaube wieder „fest“? War der Glaube nicht aufgeweicht, als man ihn in einem kranken Papalismus erstarren ließ und total formalisierte und sakramentalisierte und die Laien entmündigte? Naja, da war er vielleicht eher verhärtet… Kann es nicht sein, dass nach Jahrzehnten dieser Gewaltkur der Versuch des Vaticanum II, hier einiges wieder zurechtzurücken, einfach zu spät kam? Wieso sollte blühender Glaube wegen dieses Konzils einfach zusammenbrechen? Das Vaticanum II hat einfach nur entlarvt, dass das Gebäude morsch und hohl geworden war, erstarrt in seinem Autoritäts— und Unterwerfungswahn. Und der Traditionalist, auch Herr Krah, schlägt den Boten, weil er die Botschaft nicht hören will. Der Bote aber war in diesem Fall das Vaticanum II.

Ob man nun letzteren Wahn ganz an sich selbst ohne weitere Bezugnahmen aktivieren will, wie die Cathwalker, oder dessen ästhetische Seite mitsamt der ultramontanen Ideologie des 19. Jh, allerdings unter Subtraktion des Papstwahns, denn der passt logisch nicht mehr zum Hier und Jetzt, wenigstens soweit ist Herr Krah „aggiorniert“ — es sind beides die Seiten einer und derselben falschen Münze.

Beide wollen mit Falschgeld erkaufen, was selbst mit Echt—Geld nicht zu bezahlen und zu erreichen ist.

Lest doch den Johannesprolog: „Nicht aus dem Willen des Fleisches“, „nicht aus dem Willen des Mannes“ werden die Kinder Gottes geboren, sondern… ja: das müsst ihr selber lesen. Ihr Alte—Messe—Besucher, müsstet es doch wissen, was da steht!

Ob Franziskus davon so weit weg ist?
Benedikt jedenfalls spricht von Franziskus nur gut…
Es ist vielleicht zu früh, den Pontifikat Franziskus zu beurteilen. Und es ist zu früh, den Benedikts zu beurteilen.
Wir sind Kinder einer Umbruchszeit und sollten auf Jesus blicken und ihn fragen, was wir tun sollen. Er hat doch immer Zeugen und Zeuginnen erweckt, oft auch, wenn die Hierarchie nichts mehr bezeugte. Na und?

Er ist doch der Herr, und auf ihn kommt es an, und er erweckt bekanntlich selbst aus Steinen Kinder Abrahams!

Freitag, 21. Oktober 2016

Auf nach *-Land (sprich. "Piep-Land")



Auf nach *-Land (sprich: "Piep-Land") 
„Deutschland hat wahrlich keinen Rechtsanspruch auf Demokratie und soziale Marktwirtschaft auf alle Ewigkeit.“ (Angela Merkel 2005) 

Wer nach dem Mauerbau geboren wurde, konnte sich als junger Erwachsener nicht vorstellen, dass sie, also die Mauer, einmal nicht mehr da sein könnte. Ein Nachmauer-Geborener empfand die Mauer als integralen Bestandteil der Welt. Die ganze Welt zerfiel in diesseits und jenseits des eisernen Vorhangs. Das Diesseits wurde aus jenseitiger Sicht zum Gelobten Land. Das Jenseits wurde aus diesseitiger Sicht als eine beklagenswerte Projektionszone politischer Verdauungsprozesse gehätschelt.
Weil es die Mauer gab, gab es folgerichtig ein geteiltes Deutschland. Und nur geteilt war es der Welt geheuer. Und weil wir so weltläufig sind, war es auch uns nur geteilt geheuer. Die Frage nach dem eigenen Land als ungeteiltem Verband lagerte für uns Diesseitige jenseits eines geistigen Korrelats zur Betondemarkationslinie, die durch Berlin führte und ihre materielle Fortsetzung in der Hochsicherheitsgrenze um die DDR fand, jenseits also der „Mauer in den Köpfen“. Hä? Was?
Die Einheit hielten wir jedenfalls nur deshalb aus, weil nicht alle ehemaligen deutschen Gebiete dabei waren – irgend etwas Deutsches muss aus Deutschland immer draußen bleiben, sonst fühlen wir uns moralisch kompromittiert. Wir halten das rechtmäßige Vorkriegsdeutschland für illegitim. Weil wir keine Mauer in den Köpfen haben wollen und nicht mehr unterscheiden zwischen einem Unrechtsregime in einem Land und dem legitimen Völkerrechtssubjekt, das es - davon unabhängig – war und ist. Was? Revisionismus? Alles Mauer oder was, nee sorry: Alles ohne Mauer oder was? Wenn Fritz ne Straftat begeht, ist er dann noch Fritz? Nee? Doch? Nee? Sie meinen, man muss ihm mindestens ein Glied abhacken, wenn er eine kriminelle Handlung begangen hat? Wer was Schlechtes tut, darf nie mehr der sein, der er mal war? Die Islamisierung greift… Die Würde des Menschen ist also doch antastbar. Ganz definitiv. Jedenfalls rein theoretisch in deutschen Gehirnen ohne Unterscheidungsvermögen oder sagen wir: ohne Mauer im Kopf.
Doch halt stopp, wie war das noch mal mit der Mauer in den Köpfen?
Diese Mauer in den Köpfen... Immer dann, wenn das Gehirn seiner natürlichen und logischen Fähigkeit zur Analyse nachkommt, erschallt ein Ruf mit Donnerhall gegen die Mauern im Kopf. Die Zeigefinger heben sich. Der neue deutsche Gruß: erhobene Zeigefinger. Warum den ganzen Arm heben, ist doch so viel bequemer.
Wer denkt, trifft Unterscheidungen. Und wer Unterscheidungen trifft, baut Mauern auf und ist rechtsextrem. Ganz einfach.
„Äpfel sind keine Birnen!“ schreit ein ganz Vorlauter in die Runde. Und schon wurde ihm - neben den erwähnten Fingern - vor Augen gehalten, er habe eine „Mauer im Kopf“. Äpfel und Birnen müssen dasselbe sein, weil beide Obst sind. Klar soweit?
Und deshalb darf unser Land auch keinen Namen haben. Weil wir schließlich alle Menschen sind und andere Länder anders heißen.

Aber so ganz hab ich es noch nicht begriffen. Ich versuche es mal zu verstehen, das mit der Mauer in den Köpfen:
Heißt das etwa, dass es Leute gibt, die in ihr eigenes Gehirn eine Mauer einziehen? Daraus müsste man aber doch schließen, dass sie diesseits und jenseits ihrer inneren Mauer denken könnten? Nein? Aber wie sollen sie sonst dieses Mäuerchen eingezogen haben?
Also – sag ich doch!
Geht es um eine Verinnerlichung des politischen Diesseits und Jenseits in ein und denselben Personen? Bisher jedenfalls kannte man nur das berühmte „Brett VOR dem Hirn“, also eine Begrenzung eines individuellen Gehirns, eine hermetische Verschlossenheit gegenüber einem großen Ganzen, das im Außen liegt und ins Innen nicht hinein darf. Eine Begrenzung aber IM Gehirn selbst?! Die mitten hindurch läuft? 

So wurde aus Deutschland *-Land.
„Piep-Land“, dessen einstigen Namen man nicht sagen darf, ohne in Verdacht zu geraten.Obwohl er auf dem Pass noch draufsteht. Aber was er da bedeuten soll - keine Ahnung mehr. Wir brauchen seit 2015 keine Pässe mehr hier, nur das rückständige Pack draußen, aber das ist für uns nicht wichtig. Piep-Land, Piepland über alles.
Das ist Piep-Land, das Land in der ewigen Talkshow, moderiert von einem Aufgebot skrupellos-unterwürfiger Frauen mit Entenarsch-Mäulern, an die Spitze gehievt von machtgeilen männlichen Zynikern (ja wartet es nur mal ab, wenn ihr es nicht glaubt!). Das Ergebnis: eine nationale bipolare Störung. Hilfe in der Krankheitsnot: die Auflösung der Geschlechter und um Gottes willen keine Bio-Nachkommen. Menschengeschenke holen wir von anderswo her. Der Wahlspruch dieser psychiatrischen Studio-Family-World lautet: „Wir sind andersherum, und es ist gut so!“ Oder kürzer: „Dämlich – na und?“ oder noch kürzer: „Wir helfen.“
Unsere multiideologische Piep-Regierung will uns unter Beschimpfungen und Flüchen unter ein Stück Gespenster-Stoff zwingen. Der brave Piep-Bürger soll ein geistiger Burkaträger sein. Das politisch korrekte Accessoire lässt den Blick in die Welt durch finstere Scheuklappen und ein Gitter gerade noch zu. Reicht doch! Was müssen die Leute auch frei in die Welt sehen können! Oder gar ihr Gesicht zeigen oder womöglich einen eigenen Namen tragen! Es genügt, dass die Schutzherrin der Kopf- und Gesichtslosen einen Namen hat und ihre Vasallen in alle Landeshauptstädte schickt. Was sie tut, ist alternativlos, und was der Populus will, das gibt es gar nicht oder es ist gefährlicher Wahn. Vom Minarett des Kanzleramtes tönt es fünfmal am Tag: "Das Volk, das bin ich."
Wehe dem Bürger, der das Visier hochklappt. Es kann sich bei ihm nur um einen Populisten handeln. Wer in irgendeiner Weise spricht und Zustimmung außerhalb des Kanzleramtes findet, ist kriminell.
Solcherart gemahnt zuckt er zusammen, der vorwitzige Pieper. Er denkt:
„Aber nein, pfui, zu denen will ich aber nicht gehören, zu diesen Schmuddelkindern!“
Was er draußen sah in der Welt, gleich nebenan, hakt er ab: das waren Gespenster, Täuschungen. „Wenn Herr Dömessierä das im Auftrag Muttis hat ausrichten lassen, dann hab ich mich eben geirrt.“ Und wachsam tastet er sich rückwärts zurück, mit beschwichtigend erhobenen Händen, der umflort-deflorierte Piep-Bürger. Wir schätzen die Harmonie über alles. Lieber ein paar Verrückte ermächtigen, als sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Und überhaupt: Man muss nicht alles wissen. Mutti hat ja gesagt, man soll nicht immer über alles diskutieren, sondern es einfach machen... Irgendwo hat man schließlich seine Belastbarkeitsgrenzen… Erst mal ausspannen von diesem Ausflug in diese geradezu unschicklich-dialektische Welt der geistigen Gegensätze und sich was gönnen…
Erleichtert und gerechtfertigt lässt der Piep-Bürger seinen Geistesschleier und anschließend die Hosen herunter und streckt seinen Zuhältern und Freiern willig und lüstern die Leibesmitte entgegen. Solange man zu essen und zu trinken hat und ein warmes Öfchen ist doch alles gut. Und lustvoll ist es bisher doch immer gewesen. Und das war auch gut so.

Die Generation, die vor der Ausrufung Piep-Landes geboren wurde, ist hochbetagt und lichtet sich immer mehr. Die Nachgeborenen kennen es nicht anders. Sie denken, ihnen kann nichts geschehen. Sie sind demokratie-überdrüssig. Immer nur diese alte Leier. Es kann nur so weitergehen, das Nuckelfläschchen für Erwachsene und die Kondome sind gesichert. Wo ist also das Problem? Probleme kann man in Piep-Land nicht haben. Die haben nur andere. Die jenseits des eigenen Bretts vor dem Hirn.
Überlassen wir uns doch unserer Monsignora in Berlin, unserer Domina, die vor nicht langer Zeit das Programm für ihre Regierungszeit angekündigt hat:
„Deutschland hat wahrlich keinen Rechtsanspruch auf Demokratie und soziale Marktwirtschaft auf alle Ewigkeit.“ (Rede auf der 60-Jahrfeier der CDU, 16.6.2005)[1]
Bloß das verdächtige D-Wort hätte sie weglassen sollen.
Seltsam. Aber bestimmt hat sie das alles nicht so gemeint, das mit dem D-Wort meine ich natürlich. War ein kleiner Versprecher. Ein Freudscher Versprecher. Das kann jedem mal passieren.
Was wetten wir, ob wir die nächste Bundestagswahl überhaupt noch erreichen?
Ein hübscher Ausnahmezustand vorher wäre nicht schlecht.
Nicht dass der Populus womöglich was anderes sagt als die Domina-Imperatrix.
Genau, ein Notstand muss her. 
Deshalb hat Herr Dömessierä gesagt, wir sollen Vorräte anlegen.
Piep.

Donnerstag, 4. Juli 2013

Das Feuer der Genderer

Wenn ich sie im Selbstmitleid versinken sehe, die Genderer, dann marschieren vor meinem inneren Auge bunte Gartenzwergarmeen auf, so wie beim Christopher Street Day, die mit ihren kleinen Spaten und Hacken an einem kitschigen Arkadien bauen. Es sind lauter Homunculus-Zwergerln, gerade in Reagenzglasgröße. Wehe, Sie lachen, wenn ein vollbärtiges Manderl Ihnen weinend gesteht, es habe sich schon immer für die Prinzessin auf der Erbse gehalten und fühle sich vom Schneewittchen ausgegrenzt, weil es, also das Zwergerl, weder lesbisch noch schwul, sondern „a Genderer“ sei und mit Wesen des dritten Geschlechts verkehren wolle.
Also, noch mal zum Mitschreiben:
Das Zwergerl fühlt sich diskriminiert, weil das Schneewittchen sich einbild’, alleine Prinzessin zu sein daheim, und entlässt eine dicke Krokodilsträne über sein stoppeliges Mannsgesicht… 
Ich gebe ihm den Werbeflyer „ Cyber-Love-Playground“ für geschlechtergerechten Sex: Lustorgane leiht das dritte Geschlecht künftig nur noch aus – so wie man Schlittschuhe und 3D-Brillen an den Kassen der Film- und Eispaläste ausleihen kann… Es gibt übrigens brandneue Desire-Organe (von studierten Joy- and Gaydesignern entworfen und gestaltet). Der Genderer schließt sich über Elektroden mit einem Cyber-Love-Computer kurz und verschafft sich über einen Touchscreen die angestrebten Lustsensationen. 24-Stunden-Karten für bis zu 5 Personen sind besonders preiswert.
Das weinende Zwergerl setzte alle Hebel in Bewegung: Das Schneewittchen wurde gleich am selben Tag noch verhaftet. Erst hieß es „wegen dringenden Tatverdachts der Homophobie“. Man sperrte das Möchtegern-Weib bei Wasser und Brot im Hochsicherheitstrakt für politische Gefangene in eine Einzelzelle. Das Zwergerl protestierte und wandte sich mehrsprachig an eine globale Internet-Zeitung: es sei nicht schwul, sondern gender, schöner, feinsinniger und vor allem hochgewachsener Adel, aber geschlechtslos, und das Schneewittchen sei genderophob zu ihm gewesen, es, also das Zwergerl, habe es deutlich gesehen, wie sie, nein es, also das Schneewittchen, in ihr, oder besser sein Zimmer gerannt und dort in einen Lachanfall ausgebrochen sei, als es, das Zwergerl, ihm, dem Schneewittchen unter Tränen und dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt habe: Du, Prinzi, weißt, ich bin auch eines von deiner Art…
Eine Schockwelle ergreift das ganze Land. Wer hätte das von dem bislang unbescholtenen Schneewittchen gedacht? Ja, pass auf, liebes Zeitgenosserl, der oder soll ich sagen das Feind lauert überall! Abende lang flimmerten Talkshows zum Thema Genderophobie über die Bildschirme. Einem völlig desorientierten katholischen Bischof, der vergessen hatte, sich vorher DBK- und ZdK-programmieren zu lassen, entfuhr der leidenschaftliche Hinweis darauf, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen habe und er, also er, der Bischof, im übrigen ein Er sei, ein Mann, ein Mann im Zölibat, und das sei seine Berufung, als Mann Priester zu sein und keusch zu leben – die Talkgäste saßen wie vom Donner gerührt da…Mann…keusch…Zölibat…der spinnt doch…mit dem stimmt was nicht…die Sendung musste unterbrochen werden und das sehr ernste Moderatoren-Menschenkind warf den schwarzrockigen Sex-Verzichts-Manns-Teufel salbungsvoll aus der Sendung, denn hier sei man schon immer „gegen rechts“ gewesen, und das bleibe auch so. Das verlange die moralische Verantwortung. Wehret den Anfängen. Die katholische Kirche ist unser Unglück. Wer ein Geschlecht hat, ist verdächtig, aber wer nicht sext, der ist verhext. Kauft nicht bei Piusbrüdern und Traditionalisten, bei dieser vorkonziliaren Schande, diesen hochgefährlichen Leuten, die mit dem Rücken zum Volk die Heilige Messe feiern und Kondome verbieten. Und das auch noch auf Lateinisch. Das elitäre Pack! Ein weiterer Talkgast, seines Zeichens Star-Gender-Designer, fragt scheu, was ein Kondom sei? Man erklärt es ihm – das gab’s mal früher, als es noch Männer gab, zur Verhütung vor Aids, das war Safer-Sex. „Ach so“, nuschelt das junge Gemüse und wird grün im Gesicht. „Danke, das wusste ich nicht.“
Anschließend kann man sich erholen. Endlich ist man unter sich. Sogar die Alibi-Muslima, - wir sind tolerant, weltoffen, nicht islamophob und debattieren mit allen gesellschaftlichen Kräften - halt, hm also, ja wie sagt man das gerecht, also das Muslimum, das ebenfalls an der Sendung teilnahm, mit Kopftuch, beeilte sich ein ums andere Mal zu versichern, dass im Islam auch Männer seit neustem ein Kopftuch tragen täten. Strafender Blick des talkenden, evangelischen Pfarrers im grammatischen Neutrum: „Was, bei euch gibt’s noch Männer und Frauen!? Damit geht es mir nicht gut.“ Das Muslimum schnappte nach Luft in all seinen Tüchern und haspelte atemlos: „Ich…nein…hehe…wollte nur sagen, dass wir inzwischen alle ein Kopftuch tragen…hmm.“ Der Augenblick der Gefahr war vorüber. Man entspannte sich, sank erleichtert zurück in die Studiosessel und kam auf das Thema der erweiterten Ehe: ein Gartenzwergerl und ein Feuersalamander hatten sich frisch vermählt und zeigten ein 3D-Hochzeitsvideo. Alle setzten ihre Brillen auf, auch die Zuschauer zu Hause, und das Muslimum beruhigte seinen Atem. „Daheim in Arabien hätte man das ganze verkommene Gesocks einen Kopf kürzer gemacht, damals, bevor unser Öl explodierte und alles in Schutt und Asche legte“, rumpelte ihr äh ihm durch den Kopf und es verbarg das Gesicht schnell in den Kopftuchfalten.
Ist das nicht eine schöne Vorstellung, diese Gartenzwerg-Idylle? Vor allem, dass man sich sein Geschlecht jetzt frei kaufen und nach Gebrauch einfach in die Restmülltonne werfen kann, finde ich ganz groß. Der Fortschritt lässt sich eben nicht aufhalten. Das Schneewittchen, das ohnehin nichts mehr zu verlieren hat (es bekam 120 Jahre ohne Bewährung) ließ immer wieder Kassiber aus dem Knast schmuggeln. Auf einem stand: „Ihr Deppen, wie wollt ihr so noch Kinder kriegen? Wer soll euch später pflegen, wenn ihr nicht mehr könnt und keine Nachkommen da sind?“
Ein typischer Fall von Kurzsichtigkeit! Auf dem globalen Markt ist alles möglich. Die Kinder kaufen wir den Menschen in den armen Ländern zu fairen Preisen ab. Bevor die Chinesen weiterhin bereits geborene, überzählige Kinder umbringen, bieten wir ihnen ein lukratives Geschäft an. Bevor irgendwelche Afrikaner kleine Kinder klauen, um sie zu Kindersoldaten auszubilden, holen wir sie zu uns… Ihr Geschlecht montieren wir ihnen bei der Einreise ab. Das brauchen sie ja nun nicht mehr.
Das Geschlecht ist das Zeichen einer ungerechten, gewalttätigen Welt, wie sie in der Finsternis früherer Zeiten dem unaufgeklärten, durch die Kirche verdorbenen Blick als natürlich erschien. Das haben wir überwunden, ein für alle Mal! Der Geschlechterkampf ist vorbei, seitdem es keine Geschlechter mehr gibt. Logisch.
(Übrigens gibt es durch die progressiven Entwicklungen Kastratensänger in großer Zahl und eine Renaissance der historischen Aufführungspraxis all jener Werke, die ursprünglich von Kastraten gesungen wurden. Aber das nur am Rande.)
Viel interessanter ist, dass die Beschneidung beider Geschlechter wiederentdeckt und endlich zu ihrer verdienten Würdigung gekommen ist. Die tiefe Weisheit der vorchristlichen Kultur, die durch die Sakraldiktatur der katholischen Kirche grausam zerstört worden ist, leuchtet wieder ungedimmt. Die Beschneidung, weiterentwickelt zur Totalbeschneidung, ersetzt die vormalige Taufe. Die Totalbeschneidung gilt als Bundeszeichen der gerechten Friedenswelt. Hässlich ist, was noch festgewachsene, natürliche Geschlechtsorgane trägt. Es ist wie vormals eine Frau mit unrasierten Beinen, oder ein Priester im Zölibat. Das Schönheitsideal der Zukunft ist haarlos, geschlechtslos, unkeusch und – hirnlos. Nein, Moment, bevor Sie sich aufregen - das ist nicht diskriminierend! Es ist gerade andersherum: das Gehirn will partout nicht geschlechtsneutral sein, also weg damit, macht kaputt, was euch kaputt macht! Oder sagen wir es noch besser mit einem anderen Kassiber Schneewittchens: „Selbst ein Skelett zeigt, ob es ein Mann oder eine Frau war. Die Ungerechtigkeit sitzt einfach drin – schafft euch doch einfach ganz ab, ihr Idioten, verbrennt euch bei lebendigem Leib, erst dann gibt es keine Geschlechter mehr.“
Aber auf diese Idee waren die Genderer schon selbst gekommen: sie inszenierten eine riesige Flash-Rainbow-Goodbye-Party und verbrannten die inzwischen ergraute, nachkommenfreie Menschheit in einem Akt kollektiver Selbstbestimmung. Es war ein gigantisches Feuerwerk. Sie hatten gehofft, es bleibe nichts übrig. Das Feuer, so dachten sie, brenne herunter über ihren entstellten Leibern und sie könnten eines Tages aus ihrer Asche aufsteigen wie große freie Vögel, ihre Schwingen im Zeitlupentempo der Sonne entgegenhalten. Sie täuschten sich: das Feuer brennt. Punkt. Es hört nicht auf zu brennen und sie hören nicht auf zu sein. Und das schlimmste ist, dass durch die starke Hitze die beschnittenen Geschlechtsmerkmale ebenso wie die rasierten Haare wachsen, riesig, überdimensional, man weiß gar nicht wohin mit soviel Geschlecht und Haar! Und wenn Sie wissen wollen, warum das Feuer ewig brennt, dann spitzen Sie die Ohren. Es ist unglaublich, aber wahr: der gigantische Müllberg von verbrauchten Geschlechtsorganen, Sie erinnern sich, diese Discount-Einweg-Organe, die man anschließend in die Restmülltonne werfen konnte, haben einen Brennwert, den die Welt noch nicht gesehen hat. Da sitzen sie, die Genderer, und brennen in ihren Zoom-Geschlechtsteilen, den festgewachsenen wie den abnehmbaren. Es ist zum Verrücktwerden. Und schon gibt es wieder Trouble zwischen Männern und Frauen, wegen allem und jedem. Ich will es nicht ausschmücken. Auf der Erde war es halt doch schöner, da konnte man mit Hacke und Spaten nach Schätzen graben und sich eine kitschige Welt im Postkartenformat erträumen. Und in der Abendkühle ein rotes Zipfelmützlein aufsetzen, in sein kleines Bett zwischen rotkarierte Kissen sinken und seinen Mann-Frau-Kummer verschlafen.

Donnerstag, 11. April 2013

"Abenteuer einer Brezel" im Zeitschnur Verlag

Diese Brezelgeschichten und eine ganz lange Geschichte von der "Geburt der Brezel" kannst Du in in dieser neu erschienenen Broschüre lesen:




Hanna Jüngling: Abenteuer einer Brezel
Mit vier Zeichnungen der Autorin
Format 21 x 21 cm, 40 Seiten, 100g
handgebundene und nummerierte Exemplare
Zeitschnur Verlag Karlsruhe
ISBN 978-3-940764-13-3
Ladenpreis 8,00 €


Bestellung über www.zeitschnur.de oder den Buchhandel, Amazon oder Ebay.



Sonntag, 17. Februar 2013

Lunatic Performance

 
Die Brezn in Hannover
 
Als Frau H. aus München nach Hannover umzog, war das erste, was ihr unangenehm auffiel, dass es an diesem Ort alle möglichen gradlinigen Dinge wie zum Beispiel den zweitgrößten Stadtwald Europas und das beste Deutsch auf Erden gibt – aber keine Brezn. Sie durchsuchte die ganze Stadt und musste sich eingestehen, dass die meisten nicht mal wussten, was eine echte Brezn ist. Man reichte ihr Tüten mit kleinen salzigen Partybrezeln über den Ladentisch, oder ausgestochenes Teegebäck in einer sterilen Nachbildung aus Mürbteig. Am schlimmsten waren diese unförmig verschlungenen, mandelbesplitterten Süßgebäcke, die angeblich aus Russland stammten. Heftiges Heimweh beschlich Frau H. und sie bereute, dass sie in diese Stadt gezogen war, der die Grundvoraussetzungen zum behaglichen Leben fehlten. Ein mitfühlender amerikanischer Freund schenkte ihr eines Tages zum Trost eine Tüte voll „German Pretzels“ mit P und tz, produced in the United States. Sie nahm die Aufmerksamkeit gerührt und wehmütig entgegen.

Ach, wie schön ist es doch in Süddeutschland, dem Paradies, in dem nicht nur die Erschaffung des Menschen, sondern auch herbstliche Bierfeste unter freiem Himmel auf grünem Rasen überliefert werden! So sitzt der Mensch zwischen den Stühlen, ist da unzufrieden, wo er herkommt und zieht davon. Doch an dem Ort, an dem er sich dann niederlässt, fehlt ihm die alte Heimat, und sie gewinnt in der Erinnerung die Qualitäten des Himmelreiches.
Aber unsere Frau H. war eine Dame mit Leistungsbereitschaft und Vorstellungskraft. Eines morgens fuhr sie, um ihr Heimweh zu kontrollieren, im Alten Aufzug von 1913 auf den Turm des Neuen Rathauses. Von der Aussichtsplattform aus ließ sie ihren Blick über das Panorama schweifen wie ein Radarschirm auf der Suche nach leisen Bewegungen. Wer scharf hinsieht, wird meistens fündig. So auch Frau H. – während sie gedankenverloren einen Punkt anstarrte, den sie später nicht mehr benennen konnte, erschien es ihr, als hinge an einem Seidenfaden eine begehrenswerte bayerische Brezn vom Himmel herab. Sie riss ihre Augen auf und schaute ein zweites Mal, voller Zweifel an der Zuverlässigkeit ihrer sinnlichen Wahrnehmung und doch mit dem charakteristischen Geschmack des Laugengebäcks auf dem Zungengrund. Ihr fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als sie an einer anderen Stelle innerhalb ihres Blickfeldes eine zweite Brezn hängen sah. Ihr Kopf rotierte hin und her, sie schaute und schaute, bis der ganze Himmel voller Brezeln hing. Frau H. entfuhr ein fassungsloses: „Ah-!“ Einige US-Touristen in aufreizend kurzen Hosen wandten sich ihr überrascht zu. Frau H. zeigte ins Weite und stotterte: „Da – da – das ist ja wie im Puppentheater. Eine Brezn neben der andern an Schnüren - vom Himmel. Da - schauens doch nach vorne – da….“ Ein Mann verstand, was sie sagte und kriegte den Mund nicht mehr zu: „O my God!“ rief er und rüttelte seine Landsleute an den Schultern. „Look at that lunatic performance!“ Er klatschte sich auf die nackten Schenkel und brach in brüllendes Gelächter aus. „Bavarian Pretzel is over the moon!“ Die ganze Gesellschaft schaukelte sich in eine bizarre Stimmung hoch, riss einen Witz nach dem andern, zückte die Kameras, die Luft schwirrte von „Marvellous“-Rufen und “Me and the wonder of the Pretzels - take a picture!” und explodierte in immer neuen Lachsalven. Schließlich wurde Frau H. an den Rand der Aussichtsplattform gestellt und von zehn Fotoapparaten vor dem Hannoveraner Brezelhimmel festgehalten – eine Deutsche allein unter Brezeln. Frau H. wusste nicht, wie ihr geschah. Die Marionettenbrezeln, das Blitzlichtgewitter, die Amerikaner - sie glaubte, verrückt geworden zu sein. Während die Touristen noch filmten und alberten, schlich sie sich davon, fuhr im Aufzug nach unten und begab sich schnurstracks ins psychiatrische Krankenhaus in die Notfallambulanz. Den ganzen Weg lang raschelten die Brezeln hoch über ihr und wiegten sich leise in den Luftbewegungen. Es war eine eigene, seltsam trockene Musik, ein Brezelwindspiel, immer wieder fielen Salzkörner herab und streichelten Frau H.s Gesicht. 

Als die verstörte Münchnerin sich an der Pforte des Hospitals einfand, stand dort schon eine Schlange aufgeriebener Menschen. Sie alle sahen Brezeln und zweifelten an ihrem Verstand. Der Pförtner ging draußen vor dem Gebäude auf und ab, den Kopf im Nacken und blickte in den Himmel. „Alles voller Breeezeln“, sagte er ein ums andere Mal und betonte dabei ganz übermäßig das e. Frau H. korrigierte ihn: „Das e musst kurz sagen, es heißt „Brezn“ oder „Brezel““. Er winkte ab und zeigte in die Auffahrt: dort hatte sich ein Wagen des Norddeutschen Rundfunks eingefunden und filmte bereits die Vorgänge am Himmel und auf Erden. Ein Arzt mit Glatze und weißem Kittel forderte die Menschen auf, nach Hause zu gehen. Es sei alles okay, keiner müsse um seine Gesundheit fürchten. Frau H. bestand darauf, Urheberin des Brezelwunders zu sein und rührte sich nicht von der Stelle, bis sie von einer süßen jungen Radio-Praktikantin befragt wurde. Das Interview kam noch am selben Tag in voller Länge im dritten Programm und wurde weltweit in jeder Nachrichtensendung erwähnt. 

Liebe Leser, wir können uns ausmalen, wie es weiterging, denn vor allem anderen geht es ums Geld: Hannover wurde Anziehungspunkt für Suchende aus aller Welt. Schamanisten, Altachtundsechziger, Transsexuelle, Orakel, Yogis, Comic-Fans, Mittelalterdarsteller und Bierliebhaber fielen in Horden ein. Alle wollten den Himmel voller Brezeln hängen sehen. Aber die Gunst der Brezelstunde hatte noch am selben Abend ihr Ende gefunden und es erschien keine Brezel mehr am Himmel. Es versteht sich von selbst, dass sich in Hannover seither die Bäckereien überschlagen, echte bayerische oder badische oder schwäbische Brezeln anzubieten. Hannover ohne Brezeln – das kann sich heute niemand mehr vorstellen. Die Brezel – ein Symbol von unabsehbarer Tragweite. Inzwischen wird sogar einmal jährlich eine Brezelkönigin gewählt. Es gibt ein Wettbrezeln auf der Leine, mit den holzgeschnitzten Brezellarven ist die alemannische Fasnet im Norden eingezogen und unter dem Unendlichkeitssymbol der Brezel findet alle zwei Jahre ein internationaler Esoteriker-Kongress statt. Eine Seherin aus der Region hat das nächste Datum für eine Brezelerscheinung in Hannover vorausgesagt: in 173 Jahren auf den Tag genau am 4. April. In Bayern konnte ein Volkskundler nachweisen, dass schon der Mühlhiasl das Wunder angedeutet hatte. Irgendwann tauchte in den USA eine neue Psychotechnik auf – das „Pretzelling“, das einen Siegenszug in der westlichen Welt angetreten hat, der seinesgleichen sucht.

Und Frau H.? Sie wurde „abständig“, wie Heidegger gesagt hätte. Sie wollte nicht aufgehen in der anonymen, allgemeinen Brezelei, vor allem nicht in Hannover. Sie packte ihre Sachen und zog zurück nach München. Dort hängen die Brezn einfach achtlos überall herum. Man backt sie, kauft sie, isst sie und vergisst sie.
Copyright by HJ



Sonntag, 10. Februar 2013

Künstlerschicksal

Neujahrsbrezel



Als ich am Neujahrsmorgen einen Spaziergang machte und in Gedanken versunken die Straße hinabging, fiel mir eine hochgewachsene, weizenblonde Brezel auf, die lässig mit verschränkten Armen an einem Gartenzaun lehnte, mich mit großen Augen von oben bis unten anschaute und ein Lied dabei pfiff.

Ich war müde von der Silvesternacht, hatte das Bedürfnis, allein zu sein, von niemandem angesprochen zu werden, den Lärm der Feuerwerke, das Geschrei der angetrunkenen Menschen aus meinem Bewusstsein herauszuschlendern.

„Grüß Gott!“ murmelte ich und beschleunigte meinen Schritt, um an der Schönen mit der golden schimmernden Haut vorbeizukommen, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden. Als hätte sie meine Absichten geahnt, wippte sie auf ihrem Brezelrücken mitten auf die Straße und verstellte mir den Weg. „Wie geht es?“ fragte sie mich. „Gestern habe ich Sie auf Youtube gesehen – Sie spielen ja feurig, das muss ich wirklich sagen.“ Auf den Austausch von Komplimenten hatte ich nun gar keine Lust! Ich hob die Hand zum Schweigen. Aber die Brezel redete weiter. Sie wolle mich fragen, ob ich mir vorstellen könnte, bei ihr heute Abend auf einer privaten Feier zu spielen. Das Honorar wäre fürstlich und ein Essen inklusive nobler Unterbringung gäbe es dazu. Das hörte sich nicht schlecht an. Meine Hand sank nach unten und mein Kopf schnellte in die Höhe. Die Brezel bohrte ihren hohlen Blick in meine Augäpfel: „Und, haben Sie angebissen?“ fragte sie mit aufreizender Bosheit. Am liebsten hätte ich ihr krachend in ihren schönen, aufgesprungenen Brezelrücken gebissen! Aber ich beherrschte mich: für uns Künstler gilt Man zahlt und du musst tanzen. Mit gelassenem, komödiantischem Lächeln fragte ich, was es denn für eine Feier sei und was mein Part dabei sein würde.

„Es ist - “, druckste die Brezel herum. „ – es ist - eine kleine Feier zu zweit.“ Eine kleine Feier zu zweit! Mir wurde es ein wenig unwohl. Zu zweit, also mit mir zu dritt. „Darf ich fragen“, gab ich zurück. „Was Sie zu zweit feiern?“ Die Brezel ließ ein paar Salzkörner fallen und säuselte: „Wir feiern unseren Hochzeitstag.“ Aha. Und ich? dachte ich. „Und ich?“ fragte ich. „Was wäre meine Aufgabe?“ Die Brezel zog eine dunkle Brille aus dem Etui, das sie in ihrer Hosentasche getragen hatte, setzte sie vor ihre hohlen Augenlöcher und erklärte ohne Umschweife, sie bräuchten eine richtig wilde und schräge Musik, um in alte Stimmungen zu kommen… Da habe sie gedacht, dass eine Geigerin, die so spiele wie ich, genau das Richtige sei. Sie polierte die Nägel ihrer linken Hand und blies anschließend darüber, als müsse sie den Staub von einem Buch entfernen, das seit Jahrhunderten im Regal gestanden und niemals gelesen worden war.

„Wie viel?“ fragte ich lakonisch.

Sie machte eine großartige Geste: „ Wir dachten an 1000 Euronen.“ Meine Güte! Das ließ sich hören. „Wo findet die Party statt?“ fügte ich gleich hinzu. „Und wo würde ich schlafen?“ Die Neujahrsbrezel legte einen affektierten Ton auf: „Bei mir in meiner Villa, Ihnen stünde dort ein eigenes Luxusappartement zur Verfügung.“

Puh! Ich muss zugeben, dass mir bei der Vorstellung, nicht nur Geige, sondern noch anderes womöglich zu dritt zu spielen, bereits der kalte Schweiß ausgebrochen war. Dennoch blieb ich misstrauisch: „Können wir einen Vertrag darüber machen?“ Die Schöne winkte bereits mit einem Papier. Sie zeigte mit farbigen Nägeln auf die einzelnen Punkte: die konzertante Musik, die sich zum Hintergrundrauschen verdünnen sollte, das Essen, das Luxusappartement im Haus und die 1000 Euronen. Plus die Abgabe an die Künstlersozialkasse, 7% Umsatzsteuer und Fahrtkosten. Wir unterschrieben beide und die Sache war geritzt.

Zur verabredeten Stunde kam ich zum verabredeten Haus, und die Brezel empfing mich wieder mit der Brille auf den hohlen Augenlöchern. Sie war alleine. Sie ließ sich von einem Hausdiener Essen auftragen und speiste königlich. Ich spielte mir die Seele aus dem Leib. Sie trank eine Flasche besten Weines nach der anderen. Ihre Gestalt am Tisch verschwamm wie verhedderte bunte Luftschlangen und sank irgendwann in sich zusammen. Der Hausdiener und ich führten sie behutsam ein Stockwerk höher.

Wieder im Saal unten angekommen, spielte ich dem Mann im Frack noch ein paar meiner neuesten Kompositionen vor und fragte dann nach meinem Zimmer. „Sie sollten etwas essen“, meinte er einfühlsam. „Ihr Magen sang lauter als Ihre Geige.“ Damit hatte er vollkommen recht, und ich ließ mich von ihm gerne verwöhnen mit den Gängen seines vorzüglichen Menüs, den erlesenen Weinen, die ich maßvoll genoss und einem herrlichen Tee zum Schluss.

Meine Unterkunft im Dachgeschoss war wirklich ein Luxusappartement. Ich nahm ein Bad in einer Wanne, die meiner vollen Körperlänge Raum gab, salbte meinen Leib anschließend mit Rosenöl und zog einen weichen Schlafanzug über. Das Bett war ein Himmelbett – auf dem Kopfkissen lag der Umschlag mit den 1000 Euronen.

Als ich zu weit fortgeschrittener Nachtstunde in den Schlaf sank, meinte ich das Schnarchen der Neujahrsbrezel tief unter mir zu hören. Die Schluchzer, die sich wie Nebelschwaden durch mein dunkles Zimmer schoben, waren sicher nur Ausgeburten meiner Träume. 

Copyright by HJ
 


Mittwoch, 6. Februar 2013

Fasnet verknotet Zeitschnur


Ich sehe eine Jahreszeit doppelt

Die Brezel im Wald

Geht 'ne gro­ße Bre­zel durch den fins­te­ren Wald. Sie schau­kelt sich auf­recht ste­hend vor­wärts. Die gro­ßen wei­ßen Salz­kris­tal­le auf ih­rem knusp­ri­gen Rü­cken fun­keln im Mond­licht. Du fragst dich, wo­hin sie will? Was meinst du wohl? Wo­hin will eine ein­sa­me Bre­zel nachts im Wald? Es ist schon ein ir­res Bild, wie sie da so lang­sam zwi­schen den Bäu­men da­hin­wippt wie ein Schau­kel­stuhl mit ver­schränk­ten Ar­men, der im­mer ein biss­chen wei­ter nach vor­ne rutscht. In das Knis­tern und Ra­scheln des Wal­des hi­nein hörst du die­ses schwin­gen­de Ge­räusch. Ge­bannt schaust du zu. Du glaubst, du siehst nicht recht. Das gibt's doch gar nicht! So was ist doch ver­rückt. Aber, Mo­ment mal, ... Da! Die Bre­zel hält an. Sie geht auf ei­nen Baum zu. Als sie un­ter sei­nen Zwei­gen durch­schrappt, fal­len ein paar Salz­kör­ner ins tro­cke­ne Laub. Sie dreht dir sitt­sam ih­ren Bre­zel­rü­cken zu. Du hörst es rie­seln! Das kannst du kei­nem er­zäh­len. 'Ne Bre­zel, die im Wald spa­zie­ren geht und mal aus­tritt. Du schüt­telst den Kopf und seufzt. Das hört die Bre­zel. Sie zuckt so hef­tig zu­sam­men, dass ihr noch ein paar Salz­kör­ner vom Rü­cken stür­zen. Be­klom­men dreht sie sich zu dir um. Zwei hoh­le Au­gen­lö­cher bli­cken dich an. Und hast du nicht ge­se­hen schwingt sie da­von, aber so schnell, als hät­te sie ei­nen Mo­tor. Ir­gend­wann siehst du nur noch Salz­kris­tal­le in der Dun­kel­heit fun­keln. Du bleibst zu­rück und denkst an die sanf­te Wie­ge, in der du lagst, als du ein Kind warst. Du folgst dem Flir­ren der aus­ge­streu­ten Salz­kör­ner. In der Fer­ne hörst du Mu­sik und Ge­läch­ter. Nun weißt du, wo­hin die Bre­zel ging. Da wä­rest du üb­ri­gens auch ein­ge­la­den. Fol­ge nur den klei­nen Ster­nen im Laub. Viel­leicht gibt's zu der Bre­zel ja ein Bier. Und nun mach, be­vor noch ein Fass Bier des We­ges da­her­ge­rollt kommt!    
                                                                                                             Copyright by Hanna Jüngling