Abendgedanken: Der Tanz des Kowid und die Virophobie
Abendgedanken am 9.6.2020 auf Youtube
Horologium musicum et poeticum. Aliquando Dominus parietes temporum in aeternum verrerit .
Posts mit dem Label Satire werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Satire werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Mittwoch, 10. Juni 2020
Montag, 20. Februar 2017
"Sine dubiis" - wir gehen mit Papst Franziskus und der sinnlich erfahrbare Gott ohne Papst Franzisksus
„Sine dubiis“ und der sinnlich erfahrbare Gott
Auf dem Internetforum
für katholische Lebensart („TheCathwalk“ https://thecathwalk.net/2017/02/18/sinedubiis-wir-gehen-mit-papst-franziskus/
) und dem Blog Davis Bergers („Philosophia perennis“ https://philosophia-perennis.com/2017/02/20/news-der-postkatholische-papst/amp/
) geht der Pingpongball in Sachen Franziskus, Papsttum und der Frage, was nun
die katholgetränkte und weihrauchschwangere Eigentlichkeitstradition ist,
heftig weiter.
Monatelang musste man rund um die
Familiensynode 2014/15 aufseiten der Konservativen, aber in der Kirche
Verbliebenen, die Prophezeiung vernehmen, bestimmt werde aber nun ein Papst
endlich mal so richtig häretisch werden und das Dogma der Dogmen (nach dem
allerheiligsten Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes versteht sich), nämlich
die Unauflöslichkeit der Ehe auflösen. Ich gebe zu, dass ich anfangs unter dem
Einfluss dieses Geheuls stand und selber so dachte.
Inzwischen habe ich viel gelesen
und viel gehört, viele Katholiken erlebt und mir die illustren Zeugnisse des
19. Jh angetan, Zeugnisse schlimmster Verlogenheit, Intriganz, Gefühllosigkeit,
Härte, Unbarmherzigkeit, sexueller Entgleisungen und brutalen Machtmissbrauchs gegen
alles, was sich weigerte, diese ultramontan—infallibilistischen, superfromm—wundersüchtigen
Pillen zu schlucken, die nicht nur Pius IX. sondern auch eine ausgesprochen
tätige Truppen fanatischer Vasallen, damals vor allem im Jesuitenorden zu
finden und unter den Neuscholastikern, unters Kirchenvolk wie eine Medizin
gegen die bösen Neuerer, „Freimaurer“ und „Modernisten“ brachten.
Die Wahrheit ist, dass die größten
Neuerer diese Fraktionsgenossen selber waren. Ihre Erfindungen sind so
verstiegen und so stark propagiert worden, dass viele Menschen nach zwei
Generationen nicht mehr wussten, dass das alles gar nicht zur Tradition der
Kirche gehört. Plötzlich gab es ein „ordentliches Lehramt“ und ein
„außerordentliches Lehramt, „Kathedralentscheidungen“, wobei bis heute unklar
ist, was eigentlich darunter fällt, es gab seit dem Beginn des 19. Jh ein
explosionsartiges Anwachsen von Erscheinungen, Eingebungen und Visionen, und
wundersamerweise bestätigten sie immer den Papst und nie dessen Mahner. Dass es
so etwas nie zuvor in der Kirche gegeben hatte, war den meisten gar nicht klar.
Alle Naslang erschien die Gottesmutter und tut das bis heute, als ob das zum
Bestand des überlieferten Glaubens gehörte, und in vielen Orten pilgert der
konservative Tross des wahren Glaubens zu ortseigenen Seherinnen, die natürlich
alle „papsttreu“ und „marianisch“ sind, wobei ein echter „Heiliger Vater“
ultramontan, infallibilistisch, autokratisch und irgendwie „pianisch“ sein
muss. Ich bin außerstande, dieses Treiben mit dem, was ich im Neuen Testament
lese, zusammenzubringen. Es ist, als wären das zwei völlig verschiedene
Religionen.
Das Ergebnis der Kampagnen,
Indizierungsverfahren, Hetzorgien, Gehirnwäschen und Erpressungsfeldzüge, die
ins Vaticanum I mündeten und aus ihm umso stärker wieder ausflossen, war die geradezu
magische Fetischisierung des Papstes, ein dazu instrumentalisierter Marianismus,
die erwähnte explodierende Erscheinungs— und Wundersucht und eine
Unterwerfungsmentalität, die dem rabiaten Islam alle Ehre hätte machen können
und ihn manchmal sogar toppt.
Anti—Freimaurerhetze, Judenhass,
Royalismus um jeden Preis, Frauen—Bashing, Führerkult, die Förderung des
Faschismus, die Formalisierung und Erstickung des lebendigen Glaubens, die
endgültige Total—Sakramentalisierung und die Aushöhlung des Apostolats der
Laien waren das finstere Ergebnis dieses Ungeistes. Der Papst wurde zum Gott
auf Erden, und viele vergaßen darüber den wirklichen und wahren Gott. Man war
der Form halber fromm und tat viele Kniebeugen und Kreuzzeichen bei der
Eucharistiefeier, und doch nahm man den Herrn, der doch demütig, gewaltlos und
der „Letzte“ blieb, weniger in sich auf als die Ideologie eines hierokratischen
Machtanspruchs des Papsttums auf die Seelen. Ja, man identifizierte den
Anspruch Gottes auf uns Menschen, ohne mehr eine Differenzierung vorzunehmen, mit
dem Anspruch des Papstes und der Hierarchie auf die Seelen. Alsbald äffte die
Welt solchen Absolutismus in diversen Totalitarismen nach. Ohne Vaticanum I ist
wohl weder der Faschismus noch der sozialistische Totalitarismus denkbar. Der
berühmte Spruch von der Partei, die immer recht hat, vom Chef, der immer recht
hat, hatte sein Vorbild im Papst, der immer recht hatte, einfach deswegen, weil
er recht hatte.
Nun haben wir erlebt, dass aber
Päpste kamen, die den übersteigert—autoritären Wahnsinn des 19. Jh oder noch Pius
X. im 20. Jh nicht weiterführen wollten. Das begann gleich nach Pius X.
mit Benedikt XV., der, samt den Kardinälen Rampolla und Gasparri, prompt als
heimlicher in die Kirche eingeschleuster Freimaurer gehandelt wurde. Beweise
blieb man für solche Unterstellungen grundsätzlich schuldig. Aber bis heute
wird der Unsinn weitergetragen und dem Traditionsnachwuchs eingeträufelt wie
ein Gift, das nicht mehr neutralisiert werden kann. Den total auf diese alten
Gespenster und ihre Ideologien eingeschworenen Klerikern und Gläubigen stockte
der Atem: das konnte ja dann nur der Antichrist sein, wenn ein Papst von diesem
Gift nichts hielt oder sich irgendwie öffnete für das total—tabuisierte und
dämonisierte methodische Denken der Gegenwart…
Auf den Gedanken, dass die, die sie
zuvor überhaupt durch ihren a—katholischen Anspruch in solche Gewissensnöte
gebracht hatten, vielleicht viel eher der Antichrist oder schlicht falsche
Lehrer gewesen sein könnten, kamen all diese braven Leute bis heute nicht.
Ein kurzer Streifzug durch die
Kirchen— und Theologiegeschichte hätte ihnen zeigen müssen, dass dem Papsttum
nicht das zukommen kann, was das 19. Jh behauptet hatte. Stimmte das Papstbild
des Vaticanum I, müsste man sagen, dass die Kirche erst in der Neuzeit
gegründet wurde und mit der alten Kirche nichts zu tun hatte, deren
Papstgeschichte über lange Zeiten eine einzige Katastrophen—, Macht— und
Intrigengeschichte war. Ganz zu schweigen davon, dass man eine Verbindung zu
ihrem Gründer und Herrn ohnehin nur noch schwer zu erkennen vermochte, wenn man
sich dieses hochmütige und eitle, gewalttätige Hierarchengeklüngel ansah, das
vor allem erst einmal sich selbst zu verherrlichen gedachte, bevor es auch nur
einmal den Namen Jesu aussprach.
Und nun haben wir nach dem Wahn,
Benedikt XVI. habe noch einmal den „alten Glanz“ des 19. Jh und seiner Träume
von der „Papstgeschichte“ zurückgebracht, diesen Franziskus, diese
Quasselstrippe, diesen relaxten und temperamentvollen Argentinier mit
italienischen Wurzeln, dem all dieser Popanz von Anfang an sichtlich auf den
Keks ging. Zugegeben — er befremdete uns erst mal, uns, die wir gewohnt sind,
diese abendländischen Geistesmenschen in ihren Zobeln und roten Schühchen zu
sehen, als hinge davon die ewige Seligkeit ab. Und ein Papst ohne Tiara — o
weh: der Glaube bricht zusammen… dabei ist die Tiara kein Glaubenszeichen,
sondern ein weltliches Herrschaftssymbol — nichts weiter.
Benedikt hatte so oft gesagt, dass
er sich dabei nicht wohlfühle. Er wollte kein „Heiliger Vater“ sein, weil nur
Gott unser Vater sei und Jesus das doch ausdrücklich gesagt hatte — aber das
überhörten unsere Konservativen geflissentlich. Was juckt sie, was Jesus gesagt
hat, wenn es in der Tradition so schön heimelig ist und so kuschelig und
vertraut. Dass auch Benedikt (nicht anders als Franziskus) bis zuletzt davon
sprach, dass viele Ehen wohl keine sakramentalen Ehen seien, weil die
erforderliche Intention dazu gefehlt habe — die aufgewühlte Menge der
Konservativen hörte davon nichts, obwohl er es laut sagte. Auch sprach er von
„Entweltlichung“ und Rückzug, von der Andersheit des wahren Gottes, der nicht
mit der Macht dieser Welt zusammenpasse — es verhallte im Wind.
Während wir wehklagten, weil
Benedikt sich zurückgezogen hat, und die buntesten Verschwörungstheorien sich
um sein Verschwinden rankten, während alte Freimaurer—Schundromane und Gerüchte
aus den Vatikankellern fröhliche Urständ feierten, übersahen wir, dass Benedikt
mit seinem Rücktritt auf seine Weise ebenfalls das Papsttum total—entzauberte.
Und nun starteten nach vielem
Lamento der Konservativen ebenfalls Konservative eine Kampagne für Franziskus, nachdem der Weihbischof
Schneider mit dem heroischen Namen Athanasius aus Kasachstan und Kardinal Burke
langatmige Belehrungen über die Ehe herausgegeben hatten und Burke mit drei
anderen zusammen einige „Dubia“ an dem nachsynodalen Schreiben „Amoris
laetitia“ an Franziskus verfasst hatten, die der einfach ignoriert hatte etc.
etc.
„Sine dubia“ nennen sie die
Kampagne und werben für Unterschriften. Das falsche Latein wurde dann
schließlich Gott sei Dank in korrektes Latein korrigiert: „Sine dubiis“. Was
ist der Inhalt dieser Kampagne pro Franzisco? Eigentlich vor allem dies,
nämlich endlich endlich mit dem Franziskus—Bashing aufzuhören unter den
Konservativen und endlich wieder zum Papst zu stehen, weil er doch der Papst
ist und der Fels, und ein richtiger Katholik schießlich romtreu sein muss und
papstreu, wo der Papst doch mit quasi—magischer Unfehlbarkeit aufgeladen ist
und gerade Franziskus mit seiner Barmherzigkeit doch eigentlich ein solches
Gottesgeschenk ist.
Nun muss ich zugeben, wie ich es ja
auch im Kommentarbereich auf „TheCathwalk“ darlegte, dass ich in der fraglichen
Sache „Amoris laetitia“ tatsächlich „pro—francisco“ zustimme, nicht aber in
ihrer Begründung.
Franziskus hat sich nicht
missverständlich ausgedrückt — wer das Schreiben „Amoris Laetitia“ gelesen hat,
muss das zugeben. Er bekräftigt die objektive Dogmatik, will aber überhaupt
erst einmal so etwas wie eine pastorale Praxis im Umgang mit einem
zeitgenössischen Problem einiger Gläubiger entwickelt sehen. Wie ich schon
schrieb, war die Kirche in früheren Zeiten mehr als lax, wenn es um die
Ehemoral ging, vor allem bei den Hochgestellten. Jedes Museum zeigt uns das
verbreitete Huren— und Ehebruchsleben unserer ach so christlichen Fürsten und leider
auch oft Kleriker, und ich wüsste nicht, dass es deswegen Aufstände gegeben
hätte. Jedenfalls nicht aufseiten der Hierarchie. Franziskus scheint die reale
Eheproblematik vieler Katholiken ernstnehmen zu wollen, ohne die Betroffenen
deshalb wie rohe Eier an beinharter Objektivität zu zerklopfen, die überdies ja
so leicht nicht zu klären ist, eben weil viele Ehen nicht in der rechten
Intention zustande gekommen sein dürften. Ihm steht vor Augen, dass nach so
vielen Jahrhunderten der Entleerung des persönlichen Glaubens, nicht zuletzt
durch die zu starke Formalisierung und den anschließenden Abfall in der
Säkularisation und die Unglaubwürdigkeit des Klerus und seiner sexuellen
Exzesse, die Gläubigen überhaupt erst wieder herangeführt werden müssen an so etwas
wie einen persönlichen Glauben, ein Verständnis des Sakramentalen, das sie
nicht nur als passive und unterworfene Empfänger, sondern auch als Spender
eines Sakramentes erzieht, nämlich ganz zentral des Ehesakramentes, und ein
Ergreifen ihres Apostolats aufgrund des Ergriffenseins, das ihnen auch die
Hierarchie nicht diktieren kann.
All die Fragen, etwa die, ob das,
was die Deutschen Bischöfe in ihrer unsäglichen Oberflächlichkeit aus „Amoris
Laetitia“ machen, angemessen ist, stehen im Raum, aber die vier Dubia—Kardinäle
haben den Papst angegriffen und nicht die oberflächlichen Bischöfe, und genau
das verstehe ich nicht.
Dass die an Franziskus gerichteten
„Dubia“ der vier Kardinäle zwar samtweich, devot, ja sogar papalistisch
schleimig formuliert sind, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie
inhaltlich unverschämt sind. Sie unterstellen nämlich, nach diesem
nachsynodalen Schreiben stehe die überlieferte Lehre in Frage. Franziskus wird
aufgefordert, mit Ja und Nein auf diese Fragen zu antworten. Die vier Männer
führen sich auf wie Richter — und das als eigentliche Konservative, die doch
eigentlich sonst immer die Papsttreue zum Ausweis des rechten Glaubens gemacht
hatten. Und nota bene: angeblich darf doch den Papst niemand richten und wanken
kann er doch angeblich auch nicht, weil er der Fels ist, auf dem die Kirche
steht.
Ich gebe den Cathwalkern recht,
gegen den Strich recht, denn es ist seltsam, plötzlich die Papsttreue
aufzugeben mit all ihren autoritären und absolutistischen Implikationen, an
denen man Generationen angeblich progressiver Kleriker zerdeppert hat, wenn man
nur solange papsttreu bleibt, solange der Papst einer bestimmten Ideologie die
Stange hält, als ob der Glaube eine Ideologie wäre. Aber die Cathwalker argumentieren
überhaupt nicht in der Sache, sondern mit reinem Papstglauben. Und das kann ja
wohl in einer ernsthaften Diskussion nicht sein.
Immerhin ist das Schisma der
Traditionalisten und Sedisvakantisten ja eine logische Folge aus dem Papst—Popanz,
den die Päpste des 19. und frühen 20. Jh aufgebaut haben. Ich finde, dass man
diese Leute verstehen kann: ihr braver Schützengrabenglaube auf den
windgegerbten „Felsen“ Pius IX. und X. kann gar nicht anders, als in Franziskus
(und nicht nur ihm) ein Monster zu sehen… Dass freilich dieser Felsenglaube,
der eher auf Menschen als auf Christus setzt, in sich ein uneingestandener und
wohl auch unerkannter Glaubensabfall ist, ist diesen Menschen als notwendiger
Gedanke durch drohende Denk—Tabus völlig ausgeredet worden, und wehe denen, die
dieses Desaster zu verantworten haben. Dennoch: Traditionalisten, ihr seid
aufgerufen, endlich selbst zu denken und endlich umfassend zu prüfen und Eure
Vorurteile in Frage zu stellen! Informiert euch endlich umfassend und lest
nicht nur die immer gleiche einseitige (Hetz—)Literatur der ultramontanen und
neuscholastischen Fraktion!
Christus ist der Herr — nicht der
Papst und nicht die hier nicht um ein Fiat gefragte Sekundantin Maria, die sich
vermutlich windet im Himmel angesichts ihres Missbrauchs für diese irdischen papalistischen
Machtzwecke!
Sagen wir es anders: Wer auf den
Papst starrt und ihn mit Jesus identifiziert, der muss zwangsläufig so oder so
irre werden am Glauben.
Es muss eine Nummer kleiner gehen
mit dem Petrus, so wie im Neuen Testament: Ja, er ist der Erste und soll den
Felsen repräsentieren, aber er ist weder Christus noch ontologisch dessen
Stellvertreter. Er ist „vicarius“, und ein Vikar ist immer ein Schüler und
Lehrling, nie der Meister!
Ob nun aber das Gegenschreiben des
Herrn Maximilian Krah auf David Bergers Blog der Sache gerecht wird? Angenehm
ist bei ihm, dass er wenigstens den unsachlichen Papalismus der Cathwalker
ablehnt. Aber er sieht nicht, dass er auf der Basis seines offen zugegebenen Lefebvrismus
den Papalismus aus logischen Gründen nicht ablehnen darf, denn die Pius—Ideologie
des Erzbischofs Lefebvre ist ultramontan—infallibilistische Ideologie des 19.
Jh minus Papst. Das ist in sich unsinnig. Man muss sich schon entscheiden. Die
eigenmächtig—anmaßende Papst— und Konzilskritik des Msgr. Lefebvre hätten
„anständige“ Ultramontane des 19. Jh nicht einmal mit der Beißzange angefasst! Mag
auch Krah sich erzürnen über Franziskus Klimawandelgeschwätz und seine
sentimentalen Gesten gegenüber echten oder vermeintlichen Flüchtlingen — all
solchen Blödsinn taten Päpste seit mindestens 1000 Jahren. Wer es nicht glaubt,
sollte halt mal ein wenig in die Geschichte eintauchen. Mir persönlich ist
dabei das Gerede des F. noch tausendmal lieber als päpstliche Hexenbullen,
Frauenbashing, Mätressenwirtschaft, Gegenpapsttum, Kriegshetze,
Selbstbeweihräucherung, dumpfe Einmischung in die Naturwissenschaft und die
Erlaubnis, fremde Völker auszurauben und alles, was sich bei drei nicht hat
taufen lassen, auf den Sklavenmärkten zu verkaufen. Sorry, Brüder und
Schwestern, aber man sollte mal die Kirche im Dorf lassen. Glaubensaufweichung
gibt es nicht erst seit heute!
Zu dem Themenkomplex wäre natürlich
sehr viel mehr zu sagen, als es hier möglich ist, und wer regelmäßig meine
Texte liest, weiß ungefähr, worauf ich hinauswill. Ich plädiere eher für einen
Weckruf in Richtung Kenntnisnahme der historischen Realität der Kirche!
Aber vollends irritiert hat mich
dann bei Krah sein Schlusspassus mit dem unvermeidlichen Lefebvre—Sektenbekenntnis
und der Satz
„Die
Wiedergewinnung des Glaubens gelingt sicher – sicher! – nicht durch Aufweichung
der Lehre. Sie gelingt nicht durch Enzykliken zum Klimawandel und auch nicht
durch geschwätzige Interviews. Sie gelingt allein durch die Wiederherstellung
des Kultes. Die Existenz Gottes muss im Kult sinnlich erlebbar werden.“
Aha… Gott „sinnlich erfahrbar“…
meine Güte, ja, da haben wir es wieder — die Totalveräußerlichung des 19. Jh,
den Glaubensabfall von rechts!
Gott sinnlich erfahrbar!
Wie war das: Wir leben hier im
Glauben, nicht im Schauen? Wir erleben hier Gott sinnlich — ach ja, wo steht
das? Wunder gefällig? Kleines Visiönchen? Ätherische Strahlen um den
Kommunionkelch? Bluttränen aus den Augen der Holzmadonna? Wundersame
Krankenheilungen? Bilokationen, seit dem 19. Jh hoch im Kurs, oder Stigmata,
der Kirche der ersten 1000 Jahre völlig unbekannt?!
Das alles ist doch weit weg vom
Glauben, wie er überliefert ist in der Schrift und bei den Vätern und den
Mystikerinnen des Mittelalters!
Darum geht es also: um den sinnlich
erfahrbaren Gott, und wenn wir den wieder hergezaubert haben durch den
restaurierten „Kult“, dann, ja dann wird der aufgeweichte Glaube wieder „fest“?
War der Glaube nicht aufgeweicht, als man ihn in einem kranken Papalismus
erstarren ließ und total formalisierte und sakramentalisierte und die Laien
entmündigte? Naja, da war er vielleicht eher verhärtet… Kann es nicht sein,
dass nach Jahrzehnten dieser Gewaltkur der Versuch des Vaticanum II, hier
einiges wieder zurechtzurücken, einfach zu spät kam? Wieso sollte blühender
Glaube wegen dieses Konzils einfach zusammenbrechen? Das Vaticanum II hat
einfach nur entlarvt, dass das Gebäude morsch und hohl geworden war, erstarrt
in seinem Autoritäts— und Unterwerfungswahn. Und der Traditionalist, auch Herr
Krah, schlägt den Boten, weil er die Botschaft nicht hören will. Der Bote aber
war in diesem Fall das Vaticanum II.
Ob man nun letzteren Wahn ganz an
sich selbst ohne weitere Bezugnahmen aktivieren will, wie die Cathwalker, oder
dessen ästhetische Seite mitsamt der ultramontanen Ideologie des 19. Jh,
allerdings unter Subtraktion des Papstwahns, denn der passt logisch nicht mehr
zum Hier und Jetzt, wenigstens soweit ist Herr Krah „aggiorniert“ — es sind
beides die Seiten einer und derselben falschen Münze.
Beide wollen mit Falschgeld
erkaufen, was selbst mit Echt—Geld nicht zu bezahlen und zu erreichen ist.
Lest doch den Johannesprolog: „Nicht
aus dem Willen des Fleisches“, „nicht aus dem Willen des Mannes“ werden die
Kinder Gottes geboren, sondern… ja: das müsst ihr selber lesen. Ihr Alte—Messe—Besucher,
müsstet es doch wissen, was da steht!
Ob Franziskus davon so weit weg
ist?
Benedikt jedenfalls spricht von
Franziskus nur gut…
Es ist vielleicht zu früh, den
Pontifikat Franziskus zu beurteilen. Und es ist zu früh, den Benedikts zu
beurteilen.
Wir sind Kinder einer Umbruchszeit
und sollten auf Jesus blicken und ihn fragen, was wir tun sollen. Er hat doch
immer Zeugen und Zeuginnen erweckt, oft auch, wenn die Hierarchie nichts mehr
bezeugte. Na und?
Er ist doch der Herr, und auf ihn
kommt es an, und er erweckt bekanntlich selbst aus Steinen Kinder Abrahams!
Freitag, 21. Oktober 2016
Auf nach *-Land (sprich. "Piep-Land")
Auf nach *-Land (sprich: "Piep-Land")
„Deutschland
hat wahrlich keinen Rechtsanspruch auf Demokratie und soziale Marktwirtschaft
auf alle Ewigkeit.“ (Angela Merkel 2005)
Wer nach dem Mauerbau geboren wurde, konnte sich als junger Erwachsener nicht vorstellen, dass sie, also die Mauer, einmal nicht mehr da sein könnte. Ein Nachmauer-Geborener empfand die Mauer als integralen Bestandteil der Welt. Die ganze Welt zerfiel in diesseits und jenseits des eisernen Vorhangs. Das Diesseits wurde aus jenseitiger Sicht zum Gelobten Land. Das Jenseits wurde aus diesseitiger Sicht als eine beklagenswerte Projektionszone politischer Verdauungsprozesse gehätschelt.
Weil es die Mauer gab, gab es
folgerichtig ein geteiltes Deutschland. Und nur geteilt war es der Welt
geheuer. Und weil wir so weltläufig sind, war es auch uns nur geteilt geheuer. Die
Frage nach dem eigenen Land als ungeteiltem Verband lagerte für uns Diesseitige
jenseits eines geistigen Korrelats zur Betondemarkationslinie, die durch Berlin
führte und ihre materielle Fortsetzung in der Hochsicherheitsgrenze um die DDR
fand, jenseits also der „Mauer in den Köpfen“. Hä? Was?
Die Einheit hielten wir jedenfalls nur
deshalb aus, weil nicht alle ehemaligen deutschen Gebiete dabei waren – irgend
etwas Deutsches muss aus Deutschland immer draußen bleiben, sonst fühlen wir
uns moralisch kompromittiert. Wir halten das rechtmäßige Vorkriegsdeutschland
für illegitim. Weil wir keine Mauer in den Köpfen haben wollen und nicht mehr
unterscheiden zwischen einem Unrechtsregime in einem Land und dem legitimen
Völkerrechtssubjekt, das es - davon unabhängig – war und ist. Was?
Revisionismus? Alles Mauer oder was, nee sorry: Alles ohne Mauer oder was? Wenn Fritz ne
Straftat begeht, ist er dann noch Fritz? Nee? Doch? Nee? Sie meinen, man muss ihm
mindestens ein Glied abhacken, wenn er eine kriminelle Handlung begangen hat? Wer
was Schlechtes tut, darf nie mehr der sein, der er mal war? Die Islamisierung
greift… Die Würde des Menschen ist also doch antastbar. Ganz
definitiv. Jedenfalls rein theoretisch in deutschen Gehirnen ohne
Unterscheidungsvermögen oder sagen wir: ohne Mauer im Kopf.
Doch halt stopp, wie war das noch
mal mit der Mauer in den Köpfen?
Diese Mauer in den Köpfen... Immer
dann, wenn das Gehirn seiner natürlichen und logischen Fähigkeit zur Analyse
nachkommt, erschallt ein Ruf mit Donnerhall gegen die Mauern im Kopf. Die Zeigefinger heben sich. Der neue
deutsche Gruß: erhobene Zeigefinger. Warum den ganzen Arm heben, ist doch so
viel bequemer.
Wer denkt, trifft Unterscheidungen.
Und wer Unterscheidungen trifft, baut Mauern auf und ist rechtsextrem. Ganz
einfach.
„Äpfel sind keine Birnen!“ schreit ein
ganz Vorlauter in die Runde. Und schon wurde ihm - neben den erwähnten Fingern - vor Augen gehalten, er habe eine „Mauer im
Kopf“. Äpfel und Birnen müssen
dasselbe sein, weil beide Obst sind. Klar soweit?
Und deshalb darf unser Land auch
keinen Namen haben. Weil wir schließlich alle Menschen sind und andere Länder
anders heißen.
Aber so ganz hab ich es noch nicht
begriffen. Ich versuche es mal zu verstehen, das mit der Mauer in den Köpfen:
Heißt das etwa, dass es Leute gibt,
die in ihr eigenes Gehirn eine Mauer einziehen? Daraus müsste man aber doch
schließen, dass sie diesseits und jenseits ihrer inneren Mauer denken könnten?
Nein? Aber wie sollen sie sonst dieses Mäuerchen eingezogen haben?
Also – sag ich doch!
Geht es um eine Verinnerlichung des
politischen Diesseits und Jenseits in ein und denselben Personen? Bisher
jedenfalls kannte man nur das berühmte „Brett VOR dem Hirn“, also eine
Begrenzung eines individuellen Gehirns, eine hermetische Verschlossenheit
gegenüber einem großen Ganzen, das im Außen liegt und ins Innen nicht hinein
darf. Eine Begrenzung aber IM Gehirn selbst?! Die mitten hindurch läuft?
So wurde aus Deutschland *-Land.
„Piep-Land“, dessen einstigen Namen man nicht
sagen darf, ohne in Verdacht zu geraten.Obwohl er auf dem Pass noch draufsteht. Aber was er da bedeuten soll - keine Ahnung mehr. Wir brauchen seit 2015 keine Pässe mehr hier, nur das rückständige Pack draußen, aber das ist für uns nicht wichtig. Piep-Land, Piepland über alles.
Das ist Piep-Land, das Land in der
ewigen Talkshow, moderiert von einem Aufgebot skrupellos-unterwürfiger Frauen mit Entenarsch-Mäulern, an die
Spitze gehievt von machtgeilen männlichen Zynikern (ja wartet es nur mal ab, wenn ihr es nicht glaubt!). Das Ergebnis: eine nationale bipolare
Störung. Hilfe in der Krankheitsnot: die Auflösung der Geschlechter und um Gottes willen keine Bio-Nachkommen. Menschengeschenke holen wir von anderswo her. Der Wahlspruch dieser psychiatrischen Studio-Family-World lautet: „Wir sind andersherum, und es ist gut so!“
Oder kürzer: „Dämlich – na und?“ oder
noch kürzer: „Wir helfen.“
Unsere multiideologische Piep-Regierung
will uns unter Beschimpfungen und Flüchen unter ein Stück Gespenster-Stoff
zwingen. Der brave Piep-Bürger soll ein geistiger Burkaträger sein. Das politisch
korrekte Accessoire lässt den Blick in die Welt durch finstere Scheuklappen und
ein Gitter gerade noch zu. Reicht doch! Was müssen die Leute auch frei in die
Welt sehen können! Oder gar ihr Gesicht zeigen oder womöglich einen eigenen
Namen tragen! Es genügt, dass die Schutzherrin der Kopf- und Gesichtslosen
einen Namen hat und ihre Vasallen in alle Landeshauptstädte schickt. Was sie
tut, ist alternativlos, und was der Populus will, das gibt es gar nicht oder es
ist gefährlicher Wahn. Vom Minarett des Kanzleramtes tönt es fünfmal am Tag: "Das Volk, das bin ich."
Wehe dem Bürger, der das Visier
hochklappt. Es kann sich bei ihm nur um einen Populisten handeln. Wer in
irgendeiner Weise spricht und Zustimmung außerhalb des Kanzleramtes findet, ist
kriminell.
Solcherart gemahnt zuckt er
zusammen, der vorwitzige Pieper. Er denkt:
„Aber
nein, pfui, zu denen will ich aber nicht gehören, zu diesen Schmuddelkindern!“
Was er draußen sah in der Welt,
gleich nebenan, hakt er ab: das waren Gespenster, Täuschungen. „Wenn Herr Dömessierä das im Auftrag Muttis
hat ausrichten lassen, dann hab ich mich eben geirrt.“ Und wachsam tastet
er sich rückwärts zurück, mit beschwichtigend erhobenen Händen, der
umflort-deflorierte Piep-Bürger. Wir schätzen die Harmonie über alles. Lieber ein paar Verrückte
ermächtigen, als sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Und überhaupt: Man muss
nicht alles wissen. Mutti hat ja gesagt, man soll nicht immer über alles diskutieren, sondern es einfach machen... Irgendwo hat man schließlich seine Belastbarkeitsgrenzen…
Erst mal ausspannen von diesem Ausflug in diese geradezu
unschicklich-dialektische Welt der geistigen Gegensätze und sich was gönnen…
Erleichtert und gerechtfertigt lässt
der Piep-Bürger seinen Geistesschleier und anschließend die Hosen herunter und streckt
seinen Zuhältern und Freiern willig und lüstern die Leibesmitte entgegen. Solange man zu
essen und zu trinken hat und ein warmes Öfchen ist doch alles gut. Und lustvoll
ist es bisher doch immer gewesen. Und das war auch gut so.
Die Generation, die vor der
Ausrufung Piep-Landes geboren wurde, ist hochbetagt und lichtet sich immer mehr.
Die Nachgeborenen kennen es nicht anders. Sie denken, ihnen kann nichts
geschehen. Sie sind demokratie-überdrüssig. Immer nur diese alte Leier. Es kann
nur so weitergehen, das Nuckelfläschchen für Erwachsene und die Kondome sind
gesichert. Wo ist also das Problem? Probleme kann man in Piep-Land nicht haben. Die haben nur andere. Die jenseits des eigenen Bretts vor dem Hirn.
Überlassen wir uns doch unserer Monsignora
in Berlin, unserer Domina, die vor nicht langer Zeit das Programm für ihre
Regierungszeit angekündigt hat:
„Deutschland
hat wahrlich keinen Rechtsanspruch auf Demokratie und soziale Marktwirtschaft
auf alle Ewigkeit.“ (Rede auf der 60-Jahrfeier der CDU, 16.6.2005)[1]
Bloß das verdächtige D-Wort hätte
sie weglassen sollen.
Seltsam. Aber bestimmt hat sie das
alles nicht so gemeint, das mit dem D-Wort meine ich natürlich. War ein kleiner
Versprecher. Ein Freudscher Versprecher. Das kann jedem mal passieren.
Was wetten wir, ob wir die nächste Bundestagswahl überhaupt noch erreichen?
Ein hübscher Ausnahmezustand vorher wäre nicht schlecht.
Nicht dass der Populus womöglich was anderes sagt als die Domina-Imperatrix.
Genau, ein Notstand muss her.
Deshalb hat Herr Dömessierä gesagt, wir sollen Vorräte anlegen.
Piep.
Donnerstag, 4. Juli 2013
Das Feuer der Genderer
Wenn ich sie im
Selbstmitleid versinken sehe, die Genderer, dann marschieren vor meinem inneren
Auge bunte Gartenzwergarmeen auf, so wie beim Christopher Street Day, die mit
ihren kleinen Spaten und Hacken an einem kitschigen Arkadien bauen. Es sind
lauter Homunculus-Zwergerln, gerade in Reagenzglasgröße. Wehe, Sie lachen, wenn
ein vollbärtiges Manderl Ihnen weinend gesteht, es habe sich schon immer für
die Prinzessin auf der Erbse gehalten und fühle sich vom Schneewittchen
ausgegrenzt, weil es, also das Zwergerl, weder lesbisch noch schwul, sondern „a
Genderer“ sei und mit Wesen des dritten Geschlechts verkehren wolle.
Also, noch mal zum
Mitschreiben:
Das Zwergerl fühlt sich
diskriminiert, weil das Schneewittchen sich einbild’, alleine Prinzessin zu
sein daheim, und entlässt eine dicke Krokodilsträne über sein stoppeliges
Mannsgesicht…
Ich gebe ihm den
Werbeflyer „ Cyber-Love-Playground“ für geschlechtergerechten Sex: Lustorgane
leiht das dritte Geschlecht künftig nur noch aus – so wie man Schlittschuhe und
3D-Brillen an den Kassen der Film- und Eispaläste ausleihen kann… Es gibt
übrigens brandneue Desire-Organe (von studierten Joy- and Gaydesignern
entworfen und gestaltet). Der Genderer schließt sich über Elektroden mit einem
Cyber-Love-Computer kurz und verschafft sich über einen Touchscreen die
angestrebten Lustsensationen. 24-Stunden-Karten für bis zu 5 Personen sind
besonders preiswert.
Das weinende Zwergerl
setzte alle Hebel in Bewegung: Das Schneewittchen wurde gleich am selben Tag
noch verhaftet. Erst hieß es „wegen dringenden Tatverdachts der Homophobie“. Man
sperrte das Möchtegern-Weib bei Wasser und Brot im Hochsicherheitstrakt für
politische Gefangene in eine Einzelzelle. Das Zwergerl protestierte und wandte
sich mehrsprachig an eine globale Internet-Zeitung: es sei nicht schwul,
sondern gender, schöner, feinsinniger und vor allem hochgewachsener Adel, aber
geschlechtslos, und das Schneewittchen sei genderophob zu ihm gewesen, es, also
das Zwergerl, habe es deutlich gesehen, wie sie, nein es, also das
Schneewittchen, in ihr, oder besser sein Zimmer gerannt und dort in einen
Lachanfall ausgebrochen sei, als es, das Zwergerl, ihm, dem Schneewittchen
unter Tränen und dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt habe: Du, Prinzi,
weißt, ich bin auch eines von deiner Art…
Eine Schockwelle ergreift
das ganze Land. Wer hätte das von dem bislang unbescholtenen Schneewittchen
gedacht? Ja, pass auf, liebes Zeitgenosserl, der oder soll ich sagen das Feind
lauert überall! Abende lang flimmerten Talkshows zum Thema Genderophobie über
die Bildschirme. Einem völlig desorientierten katholischen Bischof, der
vergessen hatte, sich vorher DBK- und ZdK-programmieren zu lassen, entfuhr der leidenschaftliche
Hinweis darauf, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen habe und
er, also er, der Bischof, im übrigen ein Er sei, ein Mann, ein Mann im Zölibat,
und das sei seine Berufung, als Mann Priester zu sein und keusch zu leben – die
Talkgäste saßen wie vom Donner gerührt da…Mann…keusch…Zölibat…der spinnt
doch…mit dem stimmt was nicht…die Sendung musste unterbrochen werden und das
sehr ernste Moderatoren-Menschenkind warf den schwarzrockigen Sex-Verzichts-Manns-Teufel
salbungsvoll aus der Sendung, denn hier sei man schon immer „gegen rechts“
gewesen, und das bleibe auch so. Das verlange die moralische Verantwortung.
Wehret den Anfängen. Die katholische Kirche ist unser Unglück. Wer ein
Geschlecht hat, ist verdächtig, aber wer nicht sext, der ist verhext. Kauft
nicht bei Piusbrüdern und Traditionalisten, bei dieser vorkonziliaren Schande,
diesen hochgefährlichen Leuten, die mit dem Rücken zum Volk die Heilige Messe
feiern und Kondome verbieten. Und das auch noch auf Lateinisch. Das elitäre Pack! Ein weiterer Talkgast, seines Zeichens Star-Gender-Designer,
fragt scheu, was ein Kondom sei? Man erklärt es ihm – das gab’s mal früher, als
es noch Männer gab, zur Verhütung vor Aids, das war Safer-Sex. „Ach so“,
nuschelt das junge Gemüse und wird grün im Gesicht. „Danke, das wusste ich
nicht.“
Anschließend kann man
sich erholen. Endlich ist man unter sich. Sogar die Alibi-Muslima, - wir sind
tolerant, weltoffen, nicht islamophob und debattieren mit allen
gesellschaftlichen Kräften - halt, hm also, ja wie sagt man das gerecht, also
das Muslimum, das ebenfalls an der Sendung teilnahm, mit Kopftuch, beeilte sich
ein ums andere Mal zu versichern, dass im Islam auch Männer seit neustem ein
Kopftuch tragen täten. Strafender Blick des talkenden, evangelischen Pfarrers im
grammatischen Neutrum: „Was, bei euch gibt’s noch Männer und Frauen!? Damit
geht es mir nicht gut.“ Das Muslimum schnappte nach Luft in all seinen Tüchern
und haspelte atemlos: „Ich…nein…hehe…wollte nur sagen, dass wir inzwischen alle ein Kopftuch tragen…hmm.“ Der Augenblick der Gefahr war
vorüber. Man entspannte sich, sank erleichtert zurück in die Studiosessel und
kam auf das Thema der erweiterten Ehe: ein Gartenzwergerl und ein
Feuersalamander hatten sich frisch vermählt und zeigten ein 3D-Hochzeitsvideo.
Alle setzten ihre Brillen auf, auch die Zuschauer zu Hause, und das Muslimum
beruhigte seinen Atem. „Daheim in Arabien hätte man das ganze verkommene
Gesocks einen Kopf kürzer gemacht, damals, bevor unser Öl explodierte und alles
in Schutt und Asche legte“, rumpelte ihr äh ihm durch den Kopf und es verbarg
das Gesicht schnell in den Kopftuchfalten.
Ist das nicht eine
schöne Vorstellung, diese Gartenzwerg-Idylle? Vor allem, dass man sich sein
Geschlecht jetzt frei kaufen und nach Gebrauch einfach in die Restmülltonne
werfen kann, finde ich ganz groß. Der Fortschritt lässt sich eben nicht
aufhalten. Das Schneewittchen, das ohnehin nichts mehr zu verlieren hat (es
bekam 120 Jahre ohne Bewährung) ließ immer wieder Kassiber aus dem Knast
schmuggeln. Auf einem stand: „Ihr Deppen, wie wollt ihr so noch Kinder kriegen?
Wer soll euch später pflegen, wenn ihr nicht mehr könnt und keine Nachkommen da
sind?“
Ein typischer Fall von
Kurzsichtigkeit! Auf dem globalen Markt ist alles möglich. Die Kinder kaufen
wir den Menschen in den armen Ländern zu fairen Preisen ab. Bevor die Chinesen
weiterhin bereits geborene, überzählige Kinder umbringen, bieten wir ihnen ein
lukratives Geschäft an. Bevor irgendwelche Afrikaner kleine Kinder klauen, um
sie zu Kindersoldaten auszubilden, holen wir sie zu uns… Ihr Geschlecht
montieren wir ihnen bei der Einreise ab. Das brauchen sie ja nun nicht mehr.
Das Geschlecht ist das Zeichen
einer ungerechten, gewalttätigen Welt, wie sie in der Finsternis früherer
Zeiten dem unaufgeklärten, durch die Kirche verdorbenen Blick als natürlich erschien.
Das haben wir überwunden, ein für alle Mal! Der Geschlechterkampf ist vorbei,
seitdem es keine Geschlechter mehr gibt. Logisch.
(Übrigens gibt es durch
die progressiven Entwicklungen Kastratensänger in großer Zahl und eine
Renaissance der historischen Aufführungspraxis all jener Werke, die
ursprünglich von Kastraten gesungen wurden. Aber das nur am Rande.)
Viel interessanter ist,
dass die Beschneidung beider Geschlechter wiederentdeckt und endlich zu ihrer
verdienten Würdigung gekommen ist. Die tiefe Weisheit der vorchristlichen
Kultur, die durch die Sakraldiktatur der katholischen Kirche grausam zerstört
worden ist, leuchtet wieder ungedimmt. Die Beschneidung, weiterentwickelt
zur Totalbeschneidung, ersetzt die vormalige Taufe. Die Totalbeschneidung
gilt als Bundeszeichen der gerechten Friedenswelt. Hässlich ist, was noch
festgewachsene, natürliche Geschlechtsorgane trägt. Es ist wie vormals eine
Frau mit unrasierten Beinen, oder ein Priester im Zölibat. Das Schönheitsideal
der Zukunft ist haarlos, geschlechtslos, unkeusch und – hirnlos. Nein, Moment, bevor
Sie sich aufregen - das ist nicht diskriminierend! Es ist gerade andersherum:
das Gehirn will partout nicht geschlechtsneutral sein, also weg damit, macht
kaputt, was euch kaputt macht! Oder sagen wir es noch besser mit einem anderen
Kassiber Schneewittchens: „Selbst ein Skelett zeigt, ob es ein Mann oder eine
Frau war. Die Ungerechtigkeit sitzt einfach drin – schafft euch doch einfach
ganz ab, ihr Idioten, verbrennt euch bei lebendigem Leib, erst dann gibt es
keine Geschlechter mehr.“
Aber auf diese Idee
waren die Genderer schon selbst gekommen: sie inszenierten eine riesige Flash-Rainbow-Goodbye-Party
und verbrannten die inzwischen ergraute, nachkommenfreie Menschheit in einem
Akt kollektiver Selbstbestimmung. Es war ein gigantisches Feuerwerk. Sie hatten
gehofft, es bleibe nichts übrig. Das Feuer, so dachten sie, brenne herunter
über ihren entstellten Leibern und sie könnten eines Tages aus ihrer Asche
aufsteigen wie große freie Vögel, ihre Schwingen im Zeitlupentempo der Sonne
entgegenhalten. Sie täuschten sich: das Feuer brennt. Punkt. Es hört nicht auf
zu brennen und sie hören nicht auf zu sein. Und das schlimmste ist, dass durch
die starke Hitze die beschnittenen Geschlechtsmerkmale ebenso wie die rasierten
Haare wachsen, riesig, überdimensional, man weiß gar nicht wohin mit soviel
Geschlecht und Haar! Und wenn Sie wissen wollen, warum das Feuer ewig brennt,
dann spitzen Sie die Ohren. Es ist unglaublich, aber wahr: der gigantische
Müllberg von verbrauchten Geschlechtsorganen, Sie erinnern sich, diese
Discount-Einweg-Organe, die man anschließend in die Restmülltonne werfen
konnte, haben einen Brennwert, den die Welt noch nicht gesehen hat. Da sitzen
sie, die Genderer, und brennen in ihren Zoom-Geschlechtsteilen, den
festgewachsenen wie den abnehmbaren. Es ist zum Verrücktwerden. Und schon gibt
es wieder Trouble zwischen Männern und Frauen, wegen allem und jedem. Ich will
es nicht ausschmücken. Auf der Erde war es halt doch schöner, da konnte man mit
Hacke und Spaten nach Schätzen graben und sich eine kitschige Welt im
Postkartenformat erträumen. Und in der Abendkühle ein rotes Zipfelmützlein
aufsetzen, in sein kleines Bett zwischen rotkarierte Kissen sinken und seinen
Mann-Frau-Kummer verschlafen.
Donnerstag, 11. April 2013
"Abenteuer einer Brezel" im Zeitschnur Verlag
Diese Brezelgeschichten und eine ganz lange Geschichte von der "Geburt der Brezel" kannst Du in in dieser neu erschienenen Broschüre lesen:
Bestellung über www.zeitschnur.de oder den Buchhandel, Amazon oder Ebay.
Hanna Jüngling: Abenteuer einer Brezel
Mit vier Zeichnungen der Autorin
Format 21 x 21 cm, 40 Seiten, 100g
handgebundene und nummerierte Exemplare
Zeitschnur Verlag Karlsruhe
ISBN 978-3-940764-13-3
Ladenpreis 8,00 €
Bestellung über www.zeitschnur.de oder den Buchhandel, Amazon oder Ebay.
Sonntag, 17. Februar 2013
Lunatic Performance
Die Brezn in Hannover
Als Frau H. aus München nach
Hannover umzog, war das erste, was ihr unangenehm auffiel, dass es an diesem Ort
alle möglichen gradlinigen Dinge wie zum Beispiel den zweitgrößten Stadtwald
Europas und das beste Deutsch auf Erden gibt – aber keine Brezn. Sie
durchsuchte die ganze Stadt und musste sich eingestehen, dass die meisten nicht
mal wussten, was eine echte Brezn ist. Man reichte ihr Tüten mit kleinen
salzigen Partybrezeln über den Ladentisch, oder ausgestochenes Teegebäck in
einer sterilen Nachbildung aus Mürbteig. Am schlimmsten waren diese unförmig
verschlungenen, mandelbesplitterten Süßgebäcke, die angeblich aus Russland
stammten. Heftiges Heimweh beschlich Frau H. und sie bereute, dass sie in diese
Stadt gezogen war, der die Grundvoraussetzungen zum behaglichen Leben fehlten.
Ein mitfühlender amerikanischer Freund schenkte ihr eines Tages zum Trost eine
Tüte voll „German Pretzels“ mit P und tz, produced in the United States. Sie
nahm die Aufmerksamkeit gerührt und wehmütig entgegen.
Ach, wie schön ist es doch in
Süddeutschland, dem Paradies, in dem nicht nur die Erschaffung des Menschen,
sondern auch herbstliche Bierfeste unter freiem Himmel auf grünem Rasen überliefert
werden! So sitzt der Mensch zwischen den
Stühlen, ist da unzufrieden, wo er herkommt und zieht davon. Doch an dem Ort, an
dem er sich dann niederlässt, fehlt ihm die alte Heimat, und sie gewinnt in der
Erinnerung die Qualitäten des Himmelreiches.
Aber unsere Frau H. war eine Dame
mit Leistungsbereitschaft und Vorstellungskraft. Eines morgens fuhr sie, um ihr
Heimweh zu kontrollieren, im Alten Aufzug von 1913 auf den Turm des Neuen
Rathauses. Von der Aussichtsplattform aus ließ sie ihren Blick über das
Panorama schweifen wie ein Radarschirm auf der Suche nach leisen Bewegungen.
Wer scharf hinsieht, wird meistens fündig. So auch Frau H. – während sie
gedankenverloren einen Punkt anstarrte, den sie später nicht mehr benennen
konnte, erschien es ihr, als hinge an einem Seidenfaden eine begehrenswerte
bayerische Brezn vom Himmel herab. Sie riss ihre Augen auf und schaute ein
zweites Mal, voller Zweifel an der Zuverlässigkeit ihrer sinnlichen Wahrnehmung
und doch mit dem charakteristischen Geschmack des Laugengebäcks auf dem
Zungengrund. Ihr fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als sie an einer
anderen Stelle innerhalb ihres Blickfeldes eine zweite Brezn hängen sah. Ihr
Kopf rotierte hin und her, sie schaute und schaute, bis der ganze Himmel voller
Brezeln hing. Frau H. entfuhr ein fassungsloses: „Ah-!“ Einige US-Touristen in
aufreizend kurzen Hosen wandten sich ihr überrascht zu. Frau H. zeigte ins
Weite und stotterte: „Da – da – das ist ja wie im Puppentheater. Eine Brezn
neben der andern an Schnüren - vom Himmel. Da - schauens doch nach vorne –
da….“ Ein Mann verstand, was sie sagte und kriegte den Mund nicht mehr zu: „O
my God!“ rief er und rüttelte seine Landsleute an den Schultern. „Look at that
lunatic performance!“ Er klatschte sich auf die nackten Schenkel und brach in brüllendes
Gelächter aus. „Bavarian Pretzel is over the moon!“ Die ganze Gesellschaft schaukelte
sich in eine bizarre Stimmung hoch, riss einen Witz nach dem andern, zückte die
Kameras, die Luft schwirrte von „Marvellous“-Rufen und “Me and the wonder of
the Pretzels - take a picture!” und explodierte in immer neuen Lachsalven. Schließlich
wurde Frau H. an den Rand der Aussichtsplattform gestellt und von zehn Fotoapparaten
vor dem Hannoveraner Brezelhimmel festgehalten – eine Deutsche allein unter
Brezeln. Frau H. wusste nicht, wie ihr geschah. Die Marionettenbrezeln, das
Blitzlichtgewitter, die Amerikaner - sie glaubte, verrückt geworden zu sein.
Während die Touristen noch filmten und alberten, schlich sie sich davon, fuhr
im Aufzug nach unten und begab sich schnurstracks ins psychiatrische
Krankenhaus in die Notfallambulanz. Den ganzen Weg lang raschelten die Brezeln
hoch über ihr und wiegten sich leise in den Luftbewegungen. Es war eine eigene,
seltsam trockene Musik, ein Brezelwindspiel, immer wieder fielen Salzkörner
herab und streichelten Frau H.s Gesicht.
Als die verstörte Münchnerin sich
an der Pforte des Hospitals einfand, stand dort schon eine Schlange
aufgeriebener Menschen. Sie alle sahen Brezeln und zweifelten an ihrem Verstand.
Der Pförtner ging draußen vor dem Gebäude auf und ab, den Kopf im Nacken und blickte
in den Himmel. „Alles voller Breeezeln“, sagte er ein ums andere Mal und
betonte dabei ganz übermäßig das e. Frau H. korrigierte ihn: „Das e musst kurz
sagen, es heißt „Brezn“ oder „Brezel““. Er winkte ab und zeigte in die
Auffahrt: dort hatte sich ein Wagen des Norddeutschen Rundfunks eingefunden und
filmte bereits die Vorgänge am Himmel und auf Erden. Ein Arzt mit Glatze und
weißem Kittel forderte die Menschen auf, nach Hause zu gehen. Es sei alles
okay, keiner müsse um seine Gesundheit fürchten. Frau H. bestand darauf,
Urheberin des Brezelwunders zu sein und rührte sich nicht von der Stelle, bis
sie von einer süßen jungen Radio-Praktikantin befragt wurde. Das Interview kam
noch am selben Tag in voller Länge im dritten Programm und wurde weltweit in
jeder Nachrichtensendung erwähnt.
Liebe Leser, wir können uns
ausmalen, wie es weiterging, denn vor allem anderen geht es ums Geld: Hannover
wurde Anziehungspunkt für Suchende aus aller Welt. Schamanisten, Altachtundsechziger,
Transsexuelle, Orakel, Yogis, Comic-Fans, Mittelalterdarsteller und
Bierliebhaber fielen in Horden ein. Alle wollten den Himmel voller Brezeln
hängen sehen. Aber die Gunst der Brezelstunde hatte noch am selben Abend ihr
Ende gefunden und es erschien keine Brezel mehr am Himmel. Es versteht sich von
selbst, dass sich in Hannover seither die Bäckereien überschlagen, echte
bayerische oder badische oder schwäbische Brezeln anzubieten. Hannover ohne
Brezeln – das kann sich heute niemand mehr vorstellen. Die Brezel – ein Symbol
von unabsehbarer Tragweite. Inzwischen wird sogar einmal jährlich eine
Brezelkönigin gewählt. Es gibt ein Wettbrezeln auf der Leine, mit den
holzgeschnitzten Brezellarven ist die alemannische Fasnet im Norden eingezogen
und unter dem Unendlichkeitssymbol der Brezel findet alle zwei Jahre ein
internationaler Esoteriker-Kongress statt. Eine Seherin aus der Region hat das
nächste Datum für eine Brezelerscheinung in Hannover vorausgesagt: in 173
Jahren auf den Tag genau am 4. April. In Bayern konnte ein
Volkskundler nachweisen, dass schon der Mühlhiasl das Wunder angedeutet hatte.
Irgendwann tauchte in den USA eine neue Psychotechnik auf – das „Pretzelling“,
das einen Siegenszug in der westlichen Welt angetreten hat, der seinesgleichen
sucht.
Und Frau H.? Sie wurde „abständig“,
wie Heidegger gesagt hätte. Sie wollte nicht aufgehen in der anonymen,
allgemeinen Brezelei, vor allem nicht in Hannover. Sie packte ihre Sachen und
zog zurück nach München. Dort hängen die Brezn einfach achtlos überall herum.
Man backt sie, kauft sie, isst sie und vergisst sie.
Copyright by HJ
Sonntag, 10. Februar 2013
Künstlerschicksal
Neujahrsbrezel
Als
ich am Neujahrsmorgen einen Spaziergang machte und in Gedanken versunken die
Straße hinabging, fiel mir eine hochgewachsene, weizenblonde Brezel auf, die
lässig mit verschränkten Armen an einem Gartenzaun lehnte, mich mit großen
Augen von oben bis unten anschaute und ein Lied dabei pfiff.
Ich
war müde von der Silvesternacht, hatte das Bedürfnis, allein zu sein, von
niemandem angesprochen zu werden, den Lärm der Feuerwerke, das Geschrei der
angetrunkenen Menschen aus meinem Bewusstsein herauszuschlendern.
„Grüß
Gott!“ murmelte ich und beschleunigte meinen Schritt, um an der Schönen mit der
golden schimmernden Haut vorbeizukommen, ohne in ein Gespräch verwickelt zu
werden. Als hätte sie meine Absichten geahnt, wippte sie auf ihrem Brezelrücken
mitten auf die Straße und verstellte mir den Weg. „Wie geht es?“ fragte sie
mich. „Gestern habe ich Sie auf Youtube gesehen – Sie spielen ja feurig, das
muss ich wirklich sagen.“ Auf den Austausch von Komplimenten hatte ich nun gar
keine Lust! Ich hob die Hand zum Schweigen. Aber die Brezel redete weiter. Sie
wolle mich fragen, ob ich mir vorstellen könnte, bei ihr heute Abend auf einer
privaten Feier zu spielen. Das Honorar wäre fürstlich und ein Essen inklusive nobler
Unterbringung gäbe es dazu. Das hörte sich nicht schlecht an. Meine Hand sank
nach unten und mein Kopf schnellte in die Höhe. Die Brezel bohrte ihren hohlen Blick
in meine Augäpfel: „Und, haben Sie angebissen?“
fragte sie mit aufreizender Bosheit. Am liebsten hätte ich ihr krachend in ihren
schönen, aufgesprungenen Brezelrücken gebissen!
Aber ich beherrschte mich: für uns Künstler gilt Man zahlt und du musst tanzen. Mit gelassenem, komödiantischem
Lächeln fragte ich, was es denn für eine Feier sei und was mein Part dabei sein
würde.
„Es
ist - “, druckste die Brezel herum. „ – es ist - eine kleine Feier zu zweit.“
Eine kleine Feier zu zweit! Mir wurde es ein wenig unwohl. Zu zweit, also mit
mir zu dritt. „Darf ich fragen“, gab ich zurück. „Was Sie zu zweit feiern?“ Die
Brezel ließ ein paar Salzkörner fallen und säuselte: „Wir feiern unseren
Hochzeitstag.“ Aha. Und ich? dachte ich. „Und ich?“ fragte ich. „Was wäre meine
Aufgabe?“ Die Brezel zog eine dunkle Brille aus dem Etui, das sie in ihrer
Hosentasche getragen hatte, setzte sie vor ihre hohlen Augenlöcher und erklärte
ohne Umschweife, sie bräuchten eine richtig wilde und schräge Musik, um in alte
Stimmungen zu kommen… Da habe sie gedacht, dass eine Geigerin, die so spiele
wie ich, genau das Richtige sei. Sie polierte die Nägel ihrer linken Hand und
blies anschließend darüber, als müsse sie den Staub von einem Buch entfernen,
das seit Jahrhunderten im Regal gestanden und niemals gelesen worden war.
„Wie
viel?“ fragte ich lakonisch.
Sie
machte eine großartige Geste: „ Wir dachten an 1000 Euronen.“ Meine Güte! Das
ließ sich hören. „Wo findet die Party statt?“ fügte ich gleich hinzu. „Und wo würde
ich schlafen?“ Die Neujahrsbrezel legte einen affektierten Ton auf: „Bei mir in
meiner Villa, Ihnen stünde dort ein eigenes Luxusappartement zur Verfügung.“
Puh!
Ich muss zugeben, dass mir bei der Vorstellung, nicht nur Geige, sondern noch
anderes womöglich zu dritt zu spielen, bereits der kalte Schweiß ausgebrochen
war. Dennoch blieb ich misstrauisch: „Können wir einen Vertrag darüber machen?“
Die Schöne winkte bereits mit einem Papier. Sie zeigte mit farbigen Nägeln auf
die einzelnen Punkte: die konzertante Musik, die sich zum Hintergrundrauschen
verdünnen sollte, das Essen, das Luxusappartement im Haus und die 1000 Euronen.
Plus die Abgabe an die Künstlersozialkasse, 7% Umsatzsteuer und Fahrtkosten.
Wir unterschrieben beide und die Sache war geritzt.
Zur
verabredeten Stunde kam ich zum verabredeten Haus, und die Brezel empfing mich
wieder mit der Brille auf den hohlen Augenlöchern. Sie war alleine. Sie ließ
sich von einem Hausdiener Essen auftragen und speiste königlich. Ich spielte
mir die Seele aus dem Leib. Sie trank eine Flasche besten Weines nach der
anderen. Ihre Gestalt am Tisch verschwamm wie verhedderte bunte Luftschlangen
und sank irgendwann in sich zusammen. Der Hausdiener und ich führten sie
behutsam ein Stockwerk höher.
Wieder
im Saal unten angekommen, spielte ich dem Mann im Frack noch ein paar meiner
neuesten Kompositionen vor und fragte dann nach meinem Zimmer. „Sie sollten
etwas essen“, meinte er einfühlsam. „Ihr Magen sang lauter als Ihre Geige.“
Damit hatte er vollkommen recht, und ich ließ mich von ihm gerne verwöhnen mit
den Gängen seines vorzüglichen Menüs, den erlesenen Weinen, die ich maßvoll
genoss und einem herrlichen Tee zum Schluss.
Meine
Unterkunft im Dachgeschoss war wirklich ein Luxusappartement. Ich nahm ein Bad
in einer Wanne, die meiner vollen Körperlänge Raum gab, salbte meinen Leib
anschließend mit Rosenöl und zog einen weichen Schlafanzug über. Das Bett war
ein Himmelbett – auf dem Kopfkissen lag der Umschlag mit den 1000 Euronen.
Als
ich zu weit fortgeschrittener Nachtstunde in den Schlaf sank, meinte ich das
Schnarchen der Neujahrsbrezel tief unter mir zu hören. Die Schluchzer, die sich
wie Nebelschwaden durch mein dunkles Zimmer schoben, waren sicher nur Ausgeburten
meiner Träume.
Copyright by HJ
Mittwoch, 6. Februar 2013
Fasnet verknotet Zeitschnur
Ich sehe eine Jahreszeit doppelt
Die
Brezel im Wald
Geht 'ne
große Brezel durch den finsteren Wald. Sie schaukelt sich aufrecht stehend
vorwärts. Die großen weißen Salzkristalle auf ihrem knusprigen Rücken
funkeln im Mondlicht. Du fragst dich, wohin sie will? Was meinst du wohl? Wohin
will eine einsame Brezel nachts im Wald? Es ist schon ein irres Bild, wie
sie da so langsam zwischen den Bäumen dahinwippt wie ein Schaukelstuhl
mit verschränkten Armen, der immer ein bisschen weiter nach vorne
rutscht. In das Knistern und Rascheln des Waldes hinein hörst du dieses
schwingende Geräusch. Gebannt schaust du zu. Du glaubst, du siehst nicht
recht. Das gibt's doch gar nicht! So was ist doch verrückt. Aber, Moment mal,
... Da! Die Brezel hält an. Sie geht auf einen Baum zu. Als sie unter seinen
Zweigen durchschrappt, fallen ein paar Salzkörner ins trockene Laub. Sie
dreht dir sittsam ihren Brezelrücken zu. Du hörst es rieseln! Das kannst
du keinem erzählen. 'Ne Brezel, die im Wald spazieren geht und mal austritt.
Du schüttelst den Kopf und seufzt. Das hört die Brezel. Sie zuckt so heftig
zusammen, dass ihr noch ein paar Salzkörner vom Rücken stürzen. Beklommen
dreht sie sich zu dir um. Zwei hohle Augenlöcher blicken dich an. Und hast
du nicht gesehen schwingt sie davon, aber so schnell, als hätte sie einen
Motor. Irgendwann siehst du nur noch Salzkristalle in der Dunkelheit
funkeln. Du bleibst zurück und denkst an die sanfte Wiege, in der du lagst,
als du ein Kind warst. Du folgst dem Flirren der ausgestreuten Salzkörner.
In der Ferne hörst du Musik und Gelächter. Nun weißt du, wohin die Brezel
ging. Da wärest du übrigens auch eingeladen. Folge nur den kleinen Sternen
im Laub. Vielleicht gibt's zu der Brezel ja ein Bier. Und nun mach, bevor
noch ein Fass Bier des Weges dahergerollt kommt!
Copyright by Hanna Jüngling
Abonnieren
Posts (Atom)


