Mittwoch, 27. November 2019

Wo ist die Natur? — Tagebuch einer Suche: Schuhwerk, urbane Schönheit und der Wahnland-Code

Wo ist die Natur? — Tagebuch einer Suche

Schuhwerk, urbane Schönheit und der Wahnland-Code

In der Mondlandschaft Karlsruhes, seit zehn Jahren in gigantischem Umbau, überall aufgerissene Krater, babylonische Baumaschinen, — es geht um das ehrgeizige Projekt einer Untergrundbahn von ungefähr dreieinhalb Kilometern für eine Stadt mit weniger als 300 000 Einwohnern — , Lärm, Beton, Stahlträger, seit neuestem hunderte öffentlicher Miet-E-Scooter im Stadtbild, sah ich eine Frau in mittlerem Alter spazieren. Ihr leuchtend roter Mantel war aus weichem, exquisiten Wollstoff, der Schnitt schlicht und elegant. Drunter trug sie eine cremeweiße Siebenachtelhose aus ebenso sichtlich exquisitem Wollstoff. Um die Brust eine Gurttasche mit handgewebtem Trageband in Rottönen. Alles erlesen und lässig getragen. Dazu feine, bequeme Stiefelchen. Der Kopf dominiert von extrem glatt und hellblond aufbereiteten, halblangen Haaren. Eine geradezu feudale Erscheinung.
Ich renkte mir den Hals nach ihr aus.

Am Morgen hatte ich eine kleine Axt gekauft. Zum Holzspalten. Meine Füße lieben den unebenen Waldboden. Die Haut in Regen und Wind, am Haar zerrt der Fauch: „Kleidung muss was aushalten“, ein Schutz sein, Dienerin ihres Trägers, Vermittlerin zur Wildnis. Das Stehen und Gehen in den kalten Monaten braucht Schuhwerk.
Würde die Dame im roten Mantel im Wald überleben, wenn die urbane Kunstwelt zu Staub zerfallen wäre? Nach wenigen Stunden in der Natur wäre die extravagante Montur am Ende, das Gehen in den Stiefelchen unmöglich, die Frisur aufgelöst, eine hässliche Ruine. Würde sie wissen, wie man ein Feuer macht oder Bucheckern öffnet? Kann man mit Fug und Recht von Schönheit sprechen, wenn der Mensch verstümmelt und in der wirklichen Natur überlebensunfähig gemacht wird?
Oder anders gefragt: Eine anfällige Extravaganz, die ohne künstliche Weltblase sofort unterginge — gibt es eine Schönheit des Instabilen und Überblähten? Eine Schönheit, die man nicht nur am (künstlich geschulten) „Auge des Betrachters“ misst?

Diese künstlichen Formungen, die Welten, die Moloche unserer Tage mit ihren technologischen Sensationen und Bequemlichkeiten, der bald stündlich üppigeren Codierung eines zugleich immer stärker verarmten Weltkonstruktes, generieren Lebensformen, die sui generis in der freien Natur nicht lebensfähig sind. Der urbane Mensch ist ein Monstrum der Robotik. Ein Grottenolm. Intelligenter Diskurs von Angesicht zu Angesicht wird ihm unmöglicher mit jeder neuen Generation von Smartphones, die auf den Markt geworfen wird. Obwohl er den ganzen Tag geradezu überladen wird mit Zeichen und selbst pausenlos Signale sendet, ist er sprachlos geworden.

Die Digitalisierung der Welt führt in eine Verstümmelung des Menschlichen, wie wir sie nie erlebt haben und funktioniert wesentlich binär (eine Aufstockung zum Ternären ist von wirklicher Vielfalt genauso weit entfernt): schwarz oder weiß, alles Bunte wird auf schwarz oder weiß umgerechnet, und dies nur unter enormer Eroberung von „Lebensraum“. Was man bis dato in einem prägnanten, schlanken Begriff sagen konnte, bedarf heute eines riesigen Areals an chiffrierten Daten. Analog dazu zerfließen immer mehr Zeitgenossen in übergewichtige, megafette Gestalten, wie ich sie noch in meiner Kindheit mir nicht hätte vorstellen können.
Man weicht zurück vor den knappen, aber markigen Sätzen älterer Zeiten, dem verbogenen Heutigen wirken sie wie „Beleidigungen“. In der reduzierten digitalen Schwarzweißwelt gerät man schnell unter Verdacht. Der gehetzte Zeitgenosse unterschreibt seine Emails seit einiger Zeit, mit dem Rücken immer zur Wand, gleich, um was es geht, mit der Schlussformel „liebe Grüße“. Wie ein Kind, das den Alten beteuert, dass es brav ist und bereit zur Unterordnung. Dass dabei gelegentlich die unverschämtesten Inhalte mit „lieben Grüßen“ abgerundet werden, treibt die Absurdität auf die Spitze.
Fehlt nur noch, dass die Wildnis nach Maßgabe von QR-Codes angelegt wird: Irrgärten zur Co2-Reduktion. Es wäre ein neuer Marktsektor, die Wildnis abzuschaffen und die gesamte Welt in einen Bausatz zu verwandeln, im Design und "under construction" von staatlich geprüften Naturexperten. Sind wir nicht großartig, wir Menschen, und so innovativ? La nature, c'est nous! Eins und null - das genügt. Und überhaupt - nach Orwells Neusprech von wegen "Krieg ist Frieden", "Freiheit ist Sklaverei", "Unwissenheit ist Stärke" ist die zeitgenössische Rede von der "Natur" (bzw "Umwelt" oder gar "Klima") durchaus mit Vorsicht zu genießen: "Das Hässliche ist Schönheit." Und "Wahnland ist Natur."

Ich hatte vergessen zu erwähnen, dass die leuchtend rote Dame kein erhobenes Haupt hatte. Sie ging mit gesenktem Sklavennacken, in ihr teures Smartphone starrend, und scheiterte an der Überquerung einer Straße. 

27.11.2019 (In Karlsruhe)

Tagebuchfolge bisher:

1 Kommentar:

  1. Eben habe ich diesen lesenswerten zivilisationskritischen Beitrag von Ihnen entdeckt, der mich sehr an meine Zeit als Pfadfinder erinnert hat. Fast hätte ich den Wind gespürt und den regen gefühlt, aber ich sitze im warmen Zimmer vor meinem Notebook und die Lüftung rauscht momentan, alles auch Technik, aber ein anderer Aspekt davon. Das Karlsruher Lokalkolorit des Textes war interessant für mich als Nichtbadener. Als ich dann den Begriff „binär“ gelesen habe, wusste ich, dass „hier“ richtig bin. Aber nun ist es spät, ich gähne schon und bereite mich darauf vor, das Notebook auszuschalten, es zu verräumen, das Licht zu löschen und zu Bett zu gehen, während der Vollmond durch das Fenster scheint.

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