Sonntag, 27. November 2016

Adventus I



Adventus I 

Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.

„Was aber die Zeiten und Fristen betrifft, Brüder, so habt ihr nicht nötig, dass man euch darüber schreibe. Denn ihr wisst selbst sehr wohl, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht“ (1 Thess 5, 1-2)

Wir leben in einer Zeit großer Verwirrung. Die einen sind fanatisiert und schlagen destruktiv um sich, die andern glauben an das „Anything goes“. Dazwischen gibt es tausend konkurrierende oder umarmende Entwürfe. Und doch müssen am Ende alle davon und werden vor dem ewigen Richter stehen. Wir alle wissen das tief in uns und fürchten und konditionieren uns entweder auf eine vollkommene, achselzuckende Taubheit gegenüber dieser Frage, oder wir drängen uns und andere in eine religiöse Schockstarre.
Allerdings wird uns ein gerechter Richter mit Sicherheit nicht danach fragen, was uns die Panik oder ein machtgeiler religiöser Mob eingab, die fanatische Leugnung oder die zynische Verdrängung, sondern was uns eine ruhige Offenbarungstradition, unsere Vernunft und das Gewissen zu lehren versuchten. Doch nichts hat heute schlechtere Karten als das Gewissen und die feine und vernünftige Stimme des Herzens.

Rom, Kalixtuskatakombe, Krypta der Hl. Caecilia: Christusgesicht
Heute ist der Erste Advent. Wir gehen der Inkarnation des göttlichen Wortes in unserem liturgischen Gedächtnis entgegen. Viele Abendländer fühlen sich von der barbarisch auftretenden und blutrünstigen "Stärke" der mohammedanischen Religion bedroht. Mit Recht, solange sie nicht wissen, woher sie selbst einst kamen!
Die Häresie der Wüstenleute besteht darin, einen Glauben kreiert zu haben, der dieses lebendige Wort Gottes, das Christus heißt und Mensch wurde, verwechselt mit dem Stammeln der babylonisch verwirrten menschlichen Sprache, die an sich selbst immer unzulänglich ist und alles Göttliche nur wie einen schwachen Abglanz zurückhallen lassen kann.
In die Starre und Sterblichkeit des menschlichen Sprechens gezwungen erstickt ein solcher Menschenwort-Glaube jede Lebendigkeit. Selbst natürliche Menschensprachen sind Instrumente lebendiger Geistesbewegungen. Diese Leute aber, die daraus ein Steinbild machen, ein verbales Götzenbild, können folglich weder frei denken noch Inspirationen erhalten, mit deren Hilfe sie sich selbst überschreiten können. Und das ist ihr Problem. Sie versinken in einem unsäglichen Zorn, einer großen emotionalen Unruhe, im rituellen Selbstmitleid und letztendlich im Selbsthass und der trotzigen Sehnsucht nach der Hölle auf Erden.
Der Mensch, der zum lebendigen Nachdenken, zur Kontemplation geschaffen ist, soll Maria nacheifern. Sie ist die gotterwählte Spitze der Menschheit, die Jungfrau und Gottesmutter Maria.
Sie empfing das göttliche Wort in ihrem Herzen und "bewegte" es, ja sie durfte es sogar leibhaftig gebären! Wer die Inkarnation Gottes und die Trinität ausdrücklich und grundsätzlich leugnet, wird zur Verschließung vor dem lebendigen Gott unterworfen und fällt ins Bodenlose.
Und sie fallen und reißen im Fallen mit sich, was noch zu fassen ist. Brände legen sie gerade im Heiligen Land! Dornen und Brennnesseln überwuchern ihre Felder. Mord und Totschlag bringen sie über andere. Und die ihnen hierzulande von den Unseren zujubeln, mögen vielleicht nicht ihrer totenstarren konkreten Glaubensverweigerung folgen, aber sie steuern eine Totenstarre eigener Art hinzu, die sich mit der der Steinewerfer, Brandleger und Selbstpeiniger verwandt weiß.
Und doch: wer weiß, wie viel unerfüllte Sehnsucht nach der Wahrheit in deren Reihen verborgen liegt und nicht wagen darf, zu seufzen?

Heute ist der 1. Advent, und ich wünsche allen, die einem verbalen Steinbild unterworfen wurden, und die sich doch nach dem Lebendigen sehnen, dass sie es erkennen können, dass es bei Gott keine erstarrten Menschenworte geben kann, sondern nur Worte, die Herzen bewegen und „nicht leer zurückkommen“, wie es in der Schrift heißt, die eine Überfülle an weiteren Worten, an schöpferischen, liebevollen und klaren Worten hervorbringen, neue Klänge, Erfindungen und Ideen und eine Vorübung auf die selige Anschauung Gottes im Himmel, die nie zu Ende geht, weil der ewige Gott nie zu Ende geschaut werden kann.
Was aber bedeutet es für uns, wenn es uns vergönnt sein darf, dort anzulangen, in diese ewige Gottheit einzutauchen!

Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen,
so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.
Voll Freude werdet ihr fortziehen, wohlbehalten kehrt ihr zurück. Berge und Hügel brechen bei eurem Anblick in Jubel aus, alle Bäume auf dem Feld klatschen Beifall.
Statt Dornen wachsen Zypressen, statt Brennnesseln Myrten. Das geschieht zum Ruhm des Herrn als ein ewiges Zeichen, das niemals getilgt wird.

(Jesaja 55)

Jeder denke nach, mit aller Kraft, welch ein unerschlossener Schatz hier für uns angelegt wurde.
Diejenigen, die bedroht werden, über diese Dinge nachzudenken, denen Angst gemacht wird, sie fielen vom Glauben ab oder kämen in die Hölle oder ihre Mitmenschen bereiteten ihnen die Hölle auf Erden:
Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?
Niemand kann euch in eure Herzen sehen und niemand kann ein Gebet an den wahren lebendigen Gott verhindern. Wenn es den „wahren, lebendigen Gott“ gibt, kann  man ihn einfach mit diesem Namen ansprechen. Er weiß, dass er gemeint ist und schenkt alles weitere dem, der beschenkt werden und sich der Resignation nicht überlassen will.

Montag, 7. November 2016

Spätaufklärerische Religions-Ignoranz und Antimodernisten-Dschihad



Spätaufklärerische Religions-Ignoranz und Antimodernisten-Dschihad

Was mich am orthodoxen Islam als freie katholische Christin und Demokratin alter Schule so stört, ist seine fatale Assoziation mit dem katholischen Integralismus und Antimodernismus.

Und was mich ebenfalls stört, ist die offenkundige Verblendung derer, die sich für besonders fortschrittlich und weltoffen halten, wenn sie dieser totalitären, antimodernen fremden Religion all das nachsehen, wofür sie einheimische Traditionen bekämpfen.

So hysterisch unsere „Eliten“ auf einheimische Faschismen und eine schimärische „Rechte“ reagieren, so hysterisch reagieren sie auf solide Kritik am evidenten, unbezweifelbaren islamischen Antifeminismus, Antijudaismus, Antizionismus, Antimodernismus, an seiner Homophobie, Demokratiefeindlichkeit, einem Menschenbild, das Ungläubige mit Tieren gleichsetzt, und an seiner Antichristlichkeit.

Was auf der Hand liegt, was jeder mit Leichtigkeit nachlesen könnte, wird ignoriert, mit Hilfe eines Kulturrelativismus, der logischen Widersprüchen einen Persilschein zur rasanten Einfahrt ins eigene Haus ausgestellt hat, schöngeredet oder womöglich vollständig verleugnet. Der Islam ist jedoch vor allem eine Anti-Religion. Er ist defensiv und offensiv zugleich. Er hat uns nichts Positives zu sagen, er ist der „Geist, der stets verneint“ und seine Anhänger in einen spirituell angestrichenen, materialistischen Feindschaftsmodus treibt. Es gibt keine Religion, die eine so ausgeprägte Feindesnotwendigkeit aufweist. Ein Islam ohne einseitig erklärten irdischen Feind oder wenigstens eine irdische Rivalität bricht in sich selbst zusammen. Folgerichtig gehen alle rein islamischen Gesellschaften zugrunde. Ohne Feind, den man (im besten Fall) unterwerfen, (im schlimmsten Fall) vernichten kann, sind sie dem Untergang geweiht. „Islam“ heißt nicht nur „Unterwerfung“, sonder meint auch „Unterwerfung“. Wenn alle nicht-islamischen Feinde vernichtet sind, steht als finaler Akt die endgültige Zerstörung der Frau an.
Wir sind Zeitzeugen dieser Zerstörung der Frau.
Unsere Feministinnen sind allerdings, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zu beschränkt, um das zu erkennen.
Ein Niqab oder eine Burka IST eine Art lebendiges Grab. Die Frau soll, wie in der Gnosis, "sterben", geistlich sterben, wie es im Thomas-Evangelium aufscheint, das die Kirche u.a. deswegen verworfen hat. Vorläufig ist sie noch notwendig, um als "Saatfeld des Mannes" zu dienen.
Wären postmoderne Europäer nicht solche ausgewachsenden Religions-Ignoranten, würden sie das mit Leichtigkeit sehen können, denn auch unsere schwarze Priestersoutane oder der Nonnen- und Mönchshabit bedeutete stets genau dies: das Absterben für die Welt.
Nur wurde dies niemandem aufgezwungen, sondern tatsächlich und per definitionem freiwillig von wenigen ergriffen.Das "Absterben" für diese Welt wurde im übrigen auch niemals einseitig der Frau auferlegt, während der Mann darin seine weltliche Macht fundiert. Das christliche "Absterben" für diese Welt ist Grundhaltung für jede Seele in einem persönlichen und vor allem gerade nicht im Rahmen der Ehe stattfindenden Sonderraum: dem Kloster oder dem Weiheamt. Damit und durch die dem Mann ebenso wie der Frau auferlegte Monogamie war trotz allem die Ehe eine vergleichsweise herrschaftsfreie Zone geworden.
Anders als im Islam zeichnete das Christentum mit dieser Kleidung eher eine spirituelle Arkandisziplin aus, an der einer oder eine Anteil hatte, die dem normalen Sterblichen gerade nicht abverlangt werden durfte!

Zu stark wirkt im fahrlässig „aufgeklärten“ Europa außerdem das Narkotikum Lessings von den drei angeblich ununterscheidbaren Ringen nach. Aufklärung könnte man in Sachen Religion auch als Ignoranz, als eine regelrechte „selbstverschuldete Unmündigkeit“ hinsichtlich eines fundierten und großen Religionswissens bezeichnen. „Aufklärung“ heißt heute, man findet Religion überflüssig und doof und ist stolz darauf, darüber nichts zu wissen – eine dumpfe Haltung, die sich bitter rächt und all jene, die sich so positioniert haben, eiskalt erwischt.

Die Aufklärung hat eine notwendige einheimische Religionskritik hervorgebracht, die im letzten Ende aber zur Ignoranz hinsichtlich der Religion geführt hat.
Nicht nur Religion kann Opium für das Volk sein, sondern jede Weltdeutung, die die Wachsamkeit und das Unterscheidungsvermögen betäubt.
Insofern wurde auch die Aufklärung zum Opium für das Volk.
Es liegt auf der Hand, der Vernunft gut sichtbar, dass Religion nicht gleich Religion ist, auch dann nicht, wenn einige Strukturmerkmale übereinstimmen sollten…
Nicht nur eine angemessene Religionskritik gegenüber dem Islam steht an, sondern auch eine fundierte Entmythologisierung der Aufklärung.

Das heißt im Klartext für den Ist-Zustand unserer einheimischen „Eliten“: Aufgeklärte „Antifaschisten“ stellen faktisch eine verschleierte, neo-faschistische Führerschicht dar, die nun, nachdem sie in Politik und Medien das gesamte Feld für sich erobert und hermetisch nach außen hin abgeriegelt hat, nach und nach ihre Hüllen fallen lässt und die Nacktheit, all die Versäumnisse, die sich die Moderne einerseits selbst zuschreiben muss und in die andererseits ein aggressiver kirchlicher Antimodernismus sie seit 200 Jahren getrieben hat, sichtbar werden lässt. Dem Volk wird eben jene Frauenverachtung, jener Judenhass, die Sexualisierung des Menschseins, die Verachtung des anderen plötzlich als ein schützenswertes Gut serviert, und dies sowohl aufseiten unserer pseudoliberalen, in Wahrheit aber reaktionären Eliten, als auch aufseiten offener abendländischer Traditionalisten.

Man findet da als liberal-konservativer Katholik kein Forum mehr. Nirgends.
Die Rückseite des antimodernistischen katholischen Integralismus – wie Oswald Nell-Breuning analysierte – ist der Progressismus, ein entwurzelter Fortschrittsglaube. Beide verleugnen den übernatürlichen Charakter des Leibes Christi und wollen durch die sichtbare politische Gestalt der Kirche deren Perfektion nicht nur erreichen, sondern auch durch Strukturreformen erzwingen. Und genau darin, in diesem Ehrgeiz, dem Herrn ein „Haus des Friedens“, auf Mohammedanisch „Daressalam“, zu bauen, ähneln nachkonziliare Reformer dem rabiaten Antimodernismus Pius X. einerseits und dem orthodoxen Islam andererseits aufs Haar.
Und unsere „Eliten“ sind inzwischen zu verbildet, um dies zu erkennen.

Nun weiß jeder einigermaßen Bewanderte, dass die Kirche seit Jahrhunderten, gewissermaßen spätestens seit der konstantinischen Wende, diese perfekte irdische Gestalt mehr als schuldig geblieben ist.
Das „Königtum nicht von dieser Welt“, das Jesus vor Pilatus im Verhör seines Kreuzigungsprozesses definierte und bis in den Tod vertrat, wurde von der Kirche zwar nicht dogmatisch, aber im ordentlichen Lehramt umgedeutet in den Anspruch, sie sei mit ihrem Papst das Königtum der weltlichen Könige, und alle Herren dieser Welt müssten sich ihr unterwerfen. Diese Lehre fand ihren Ausdruck in einer immer einseitigeren Formulierung und Interpretation der Zwei-Schwerter-Lehre, die dem Papsttum und der kirchlichen Hierarchie die absolute Oberhand über die weltlichen Mächte zuweisen wollte.
Die Perfektion, die damit der kirchlichen Hierarchie zugesprochen wurde, ähnelt dem Perfektionsanspruch des Islams als politischer Lehre.

Perfekt ist allerdings nach der Überlieferung der Kirche nur das an ihrer sichtbaren Gestalt, was Christus selbst objektiv und person-unabhängig gestiftet hat: die Sakramente.
Das Perfekte ist zwar dem Menschen in die Hände gelegt, aber er kann nicht der Urheber dieser Perfektion sein. Das Sakrament wirkt durch sich selbst als ein von Christus Gestiftetes. Der Priester ist eine vermittelnde Leitung, die von sich selbst vollkommen absehen muss. Sobald er es nicht tut, beschädigt er das, was er vermittelt.
Die Hierarchie hat die Aufgabe, die Sakramente und die definierte Lehrüberlieferung zu bewahren, zu verwalten und weiterzugeben. Mehr nicht.

Jeder wirkliche und kenntnisreiche Katholik weiß, dass es auf die Person eines Hierarchen in diesen amtlichen Handlungen gar nicht ankommt. Er hat seine individuelle Gestalt in der Priesterweihe vollständig an Christus weggegeben. Was oder wer er ist, ist gleichgültig, weil nur der Herr durch seine Hände handeln will, dies aber eben nicht aufgrund einer charismatischen Fähigkeit, sondern aufgrund einer objektiven Vollmacht, (die) Sakramente zu spenden, die Lehre der Kirche zu predigen und Gläubige zu beraten.
Das Wirken Gottes ragt so als Mysterium in diese Welt hinein, leiblich und geistig, aber nicht weltlich-machtvoll. Dafür steht der Tod Jesu und seine Absage an jede irdische Macht, als der Satan ihn in der Wüste dazu verführen wollte. Gewollte und erstrebte Irdische Macht ist immer ein Pakt mit dem Teufel.
Eine Religion, die dies nicht nur unter Aufkündigung ihres ursprünglichen und auch lehrmäßigen Auftrages dennoch tut, sondern die irdische Macht als göttliches Gütesiegel ansieht, kann kaum anders angesehen werden als ein solcher prinzipiell mephistophelischer Pakt.

Die endgültige Umdeutung des Weiheamtes und dessen Spitze, das Papsttum, zu einem charismatischen Popanz geschah unter Pius IX, der von sich in einem vielzitierten, erschreckenden Satz behauptete, er „sei“ selbst „die Tradition“ („La tradizione sono io!“). Es handelte sich bei diesem inoffiziell und im Zorn an einen Mahner auf dem Vaticanum I gerichteten Satz um eine Häresie. Sie wurde von vielen klar denkenden Männern als solche erkannt und qualifiziert. Was Pius IX. vor einem größeren Skandal innerhalb der Kirche rettete, war zum einen der infallibilisische Ultramontanismus, den vor allem die Jesuiten aufgrund einer neuscholastischen, ignatianischen Theorie das gesamte 19. Jh hindurch mit allen Mitteln und mit Pius IX. als „Schutzschild“ durchgepeitscht hatten. Sehr viele Kirchenmänner des 19. Jh waren so aufgeputscht, dass ihnen dieser Satz immer noch tragbarer erschien als jedwede liberale Aussage. Zum anderen hatte Pius IX. den hochideologischen Satz, der den im Grunde antichristlichen Abgrund der infallibilistischen Ideologie offenlegte, „privat“ geäußert.

Nach dem Vaticanum I wurde das Kirchenvolk noch einmal in einem gewaltigen Schub auf ein weltliches Überleben und Siegen des alten Papsttums eingeschworen, das seine Macht auf den Sockel des Ancien Régime abgestützt hatte. Der neue Sockel sollte nach dem Zusammenbruch der feudalen Verhältnisse ein Papsttum sein, das sich selbst abstützte, und dies um jeden Preis – angeblich habe Jesus das dem Papst versprochen. Das Versprechen Jesu, dass die Pforten der Hölle die Kirche (nicht den Petrus!) nicht überwältigen können würden, wurde alleine auf Petrus bezogen: Ihn könne der Abgrund niemals überwinden.
Anhand dieser Umdeutung eines Jesus-Zitates wurde die absolute und ungehinderte Erscheinung des Antichristen theoretisch ermöglicht: Mit einem so definierten Papsttum hatte man eine Institution geschaffen, die auch, wenn sie nur vorgeben sollte, Christus zu vertreten, mit einem quasi-dogmatischen Anspruch Legitimität hätte. Das war vor dem Vaticanum I undenkbar!
Während man zuvor oft irre wurde an einzelnen Päpsten und offen über ihre Häresien oder ihre antichristliche Ausrichtung nachgedacht hatte, lange vor Luther, ist genau dies nach dem Vaticanum I unter Tabu gesetzt worden.
Das Vaticanum I ist auch der Schlüssel zum Verständnis der Priesterbruderschaft St. Pius X. und erst recht der Sedisvakantisten. Mit einem gewissen internen logischen Recht klagen sie ein Papsttum ein, das inhaltlich den antimodernistischen Kurs des Vaticanum I fortsetzt, der in der Tat inzwischen so weitgehend abgebrochen wurde, wie er zuvor zur scharenweisen Exkommunikation und Suspension vieler Theologen geführt hatte.
Vom Antimodernismus her erklärt sich die Option der Kirche des 20. Jh für den Faschismus: er schien ihr autokratische Verhältnisse zu garantieren, in denen auch sie sich strukturell wiederfinden und am leichtesten „fortbewegen“ konnte.
Diese Offenheit für faschistische Strukturen hat sie bis heute nicht überwunden, auch wenn sie allerhand „Linkes“ oder scheinbar „Demokratisches“ in ihre Strukturen implementiert hat.

Wir wissen jedoch längst, dass dieser strategische Schuss nach hinten losging. Es war nicht erst Rolf Hochhuth, der an einer solchen Kirche verzweifeln musste, wie konservative katholische Kreise es bis heute gerne darstellen.
Es waren ganz andere Denker als Hochhuth, die lange zuvor irre geworden waren an dieser Verfasstheit und am Versagen des Papstes und der Hierarchie während des 2. Weltkrieges. Man denke etwa an die Verarbeitung hierarchiekritischer Fragestellungen bei Reinhold Schneider, der damit aber keine Glaubenskritik verband.

Der Perfektionsglaube blieb trotz niederschmetternder Erfahrung erhalten, auch wenn das Vaticanum II, das auf das Desaster des Antimodernismus der Kirche folgte, vieles in Frage stellte, korrigierte oder verschlimmbesserte. Er wurde nun verschwiemelt auch dem „wandernden Gottesvolk“ zugesprochen, aber ausgedrückt blieb er konkret in der Hierarchie und dies noch schärfer als je zuvor. Mit den nachfolgenden Reformen wurde in der Kirche nun jedes Machtamt an das Weiheamt gebunden, was zuvor zumindest nicht per definitionem der Fall war. Es war immer noch ein Spielraum geblieben für einflussreiche Ämter ohne Weihe. Über 1000 Jahre lang hatte es Fürst-Äbtissinnen, die sehr wohl Priester investieren konnten und Gerichtsbarkeit ausübten, gegeben. Sie waren nach einem ähnlichen Protokoll wie Bischöfe geweiht worden, auch wenn das Element der Priesterweihe fehlte. Genauso hatte es Fürstbischöfe ohne Weihe gegeben. Selbst Pius IX. hatte noch einen verheirateten Kardinalstaatssekretär gehabt… Bemerkenswert ist auch das Verschwinden des dritten geistlichen Standes nach dem Vaticanum II. Jahrhundertelang gab es drei Stände: Geistliche, Ordensleute und Laien. Die postmodernen reformen haben aus Ordensleuten nun auch „Laien“ gemacht, es sei denn sie verfügen über eine Priesterweihe.

Johannes Paul II. knüpfte an das autokratische Papsttum Pius IX. und Pius X. insofern an, als er es vollends in ein charismatisches Über-Amt wendete. Das Motiv der Weltbeherrschung lebte er durch exzessives Reisen in alle Welt aus. Er wurde der Megasprecher für alle Katholiken, versandte nicht nur zahllose Briefe und Rundschreiben häufig politischen Inhalts, sondern spielte auch CDs ein, schrieb Gedichte und hielt das Kirchenvolk durch eine Öffnung der Theologie für den Charismatismus und Wundererscheinungen bei der Stange. Sein größter Joker war die konservative Abtreibungspolitik. Damit überzeugte er viele Katholiken und Nichtkatholiken.

Das typisch katholische Erscheinungswesen entstand im 19. Jh mit dem Papalismus und erfüllte eine politische Funktion. Mit himmlischen Erscheinungen wurde die jeweilige päpstliche Politik unterfüttert. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Muttergottes, die seit 200 Jahren erscheint, ist seltsam papsthörig. Das hatte es zuvor in der Kirche nie gegeben! Sie ist eine Art „Maskottchen“ des Papstes geworden. Ultrakonservative deuten dies als logisch, denn beeinflusst von Grignion de Montforts Deutung des Bildes von der apokalyptischen Frau („Signum magnum apparuit“) soll die letzte Zeit vor dem Kommen Jesu ein marianisches Zeitalter sein. Und dass es dies ist, belegen Marienerscheinungen… Eine andere Deutung der Präsenz Mariens in der Endzeit ist vollkommen verschüttet worden.
Blieb auch der reale Papst letztendlich die versprochene Perfektion, für die er stehe, schuldig – die Erscheinungen und subjektive charismatische „Erlebnisse“ machten das Defizit in einem anschwellenden Strom „neuer geistlicher Bewegungen“, im Zweifelsfall auch außerhalb der Kirche (Traditionalisten und Sedisvakantisten), wieder wett. Auch traditionalistische Schismatiker leben vom (vergangenen) papalistischen Wahn, vor allem aber von den Erscheinungen von Fatima und allerhand frommem Regional-Hokuspokus.

Die solcherart eingeschworenen Gläubigen, oft Konvertiten oder zur Kirche zurückgekehrte Menschen aus ursprünglich katholischen, der Kirche in den postmodernen Wirrungen vollkommen entfremdeten Familien, betreiben zahlreiche Blogs, auf denen sie ihren Papstwahn, einen dumpfen und absurden Traditionalismus (der übrigens ähnliche Kleidungsvorschriften und ein ähnlich boshaftes Frauenbild propagiert wie der orthodoxe Islam (!), eine ausgeprägte Marien- (und Jesus-)Erscheinungswut als angebliches Zeichen der Endzeit), eine Neigung zur Dämonisierung der Welt und eine damit verbundene Exorzismus-Sucht nicht selten auch mit charismatischen Anwandlungen verbinden.

Diese Erscheinungs- und Antimodernisten-DschihadistInnen sind im Grunde auf eine naiv-ignorante Weise antimodernistisch motiviert.
Und doch geht bei ihnen, gerade bei ihnen, die Saat des reformatorischen Subjektivismus und der modernen Psychologisierung der Welt am verheerendsten auf.
Mir ist bewusst, dass es für Menschen, die von Hause aus schon aus der Verwirrung stammen, kaum einen geistigen Ausstieg gibt.

Gestern war in der Lesung (Alte Ordnung) das Gleichnis vom Unkraut und vom Weizen dran.

Es war oft auch meine Frage, die die Knechte des Hausvaters fragen:
„Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt denn das Unkraut?“ (Lesung Mt 13 24-30)
Die Antwort des Hausvaters am Ende der Reifezeit ist merkwürdig:
„…Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Büschel zum Verbrennen: den Weizen aber bringt in meine Scheune“

Das heißt, dass am Ende der Zeiten eine Scheidung der Geister stattfindet, die zuvor nicht stattfinden durfte.
Vielleicht muss man diese schmerzhafte Segregation aushalten.
Diese Scheidung wird nicht von den Knechten vollzogen. Es steht der Hierarchie demnach nicht zu, diese Segregation vorzunehmen – und wo sie es tat, riss sie gute Saat aus. Wir können das seit Jahrhunderten nachvollziehen.
Der Hausvater deutet an, dass es viel Unkraut sein wird auf diesem Acker, denn es wuchs ja ungehindert. Und jeder Bauer weiß, was das heißt: fast das ganze Feld ist voll!

Der „große Abfall“, den Paulus für die Endzeit ankündigte, ist demnach nicht so zu verstehen, als fielen Millionen einst Rechtgläubige nun ab.
Der „große Abfall“ ist vielleicht einfach dieses Aussondern und Zusammenbinden des Unkrautes durch Schnitter, die nicht identisch mit irgendeiner menschlichen Hierarchie sind.
Diese Schnitter sind nach dem Verständnis der Kirche oft als Engel, als Geistwesen gedeutet worden.
Was der Hierarchie untersagt war (und woran sie sich oft nicht gehalten hat!), wird Auftrag geistiger Schnitter.

Wie fühlt es sich an, wenn man plötzlich alleine in einem entleerten oder sich schmerzlich entleerenden Feld steht?
Möge man überhaupt zu diesen am Ende stehen bleibenden Halmen gehören!

Wenn unsere Erkenntnis, wie Paulus sagt, „Stückwerk“ ist, wie Luther sehr schön übersetzte, und wir den himmlischen Schatz in „zerbrechlichen Gefäßen“ haben und ihn bislang wie in einem „blinden Spiegel“ wahrnehmen, dann deutet das auf die Begrenztheit der sichtbaren Kirche hin. Die sichtbare Kirche als irdisches „Gefäß“ ist viel schwächer, als sie selbst es uns glauben machen wollte seit Jahrhunderten. Gewiss sind an ihr die Stiftungen Jesu, die objektiven Sakramente und die überlieferte dogmatische Lehre (ABER: nicht jeder Unsinn, den Päpste irgendwann einmal geschrieben haben und erst recht nicht die teilweise sogar häretischen Aussagen des Kirchenrechtes durch die Jahrhunderte hindurch!).

Da die Kirche aber diese Begrenztheit zunehmend ideologisch umgekehrt und in ein irdisches Perfektionsideal umgedeutet hat, steht klarer vor Augen, dass der Antichrist an sich schon aus logischen Gründen nur aus der Kirche selbst kommen kann – andernfalls hätte er für „die Heiligen“, von denen es heißt, sie könnten dieser Verführung nicht standhalten, keinerlei Gefährdungspotenzial.
Der Islam stellt in diesem Verlauf so etwas wie einen giftigen Narrenspiegel der sichtbaren Kirche dar.

Darum heißt es in Psalm (118) 119:  Lucerna pedibus meis verbum tuum, et lumen semitis meis. (Eine Ölleuchte meinen Füßen ist dein Wort, und ein Licht auf meinen Pfaden.) Man hat kein Licht am Ende des dunklen Weges, auf das man sicher zustreben könnte, denn die eigenen Augen können das Licht, das wahre Licht nicht sehen, ohne zu erblinden.
Von einer solchen Sicht weiß nicht nur ein integralistischer oder progressistischer Katholizismus nichts, sondern erst recht nicht der Islam. Sie wähnen sich hell erleuchtet!

Nur eine Ölfunzel bei den Füßen, ganz nah am Boden, die gerade den nächsten Schritt erhellt – mehr haben wir nicht. Dass wir durch ein dunkles Tal gehen werden, davon spricht uns der Psalm. Dunkel, weil diese Welt dunkel ist angesichts des wahren Lichtes, das wir im Credo bekennen und für das unsere Augen in der Sünde zu schwach geworden sind. Nicht umsonst machte Jesus so viele Blinde sehend und Maria ist das „lumen caecis“, ein Licht den Blinden.
Wir folgen ihr auf reines Vertrauen hin. Aber nicht auf die Hierarchen, sondern auf „dein Wort“ hin. Was dieses Wort ist, das an mich ergeht, so wie es schon an die Propheten des alten Bundes erging, das teilt der Heilige Geist dem Gläubigen mit. Es heißt Jesus Christus.
Es muss sich auch aus den objektiv vermittelten Sakramenten und Überlieferungen doch unserem begrenzten subjektiven Geist soweit erschließen, dass wir darin die Objektivität und Schönheit Gottes erahnen oder sogar stückweise erkennen können.
Die Ölfunzel des Psalmbeters lässt im übrigen kaum an Marien- , Engels- oder oder Jesus-Erscheinungen denken, die an theologischer Banalität kaum zu überbieten sind und mehr quasseln, als 2000 Jahre Kirchenschriftsteller zustande gebracht haben.…

Was immer geschieht im Abendland, es wird kaum die Qualität dieses wahren und mystischen Glaubens haben.
Aber ich würde mir zumindest ein wenig mehr Vernunft wünschen, und die hätten wir allemal immer noch in unseren Archiven.

Freitag, 21. Oktober 2016

Auf nach *-Land (sprich. "Piep-Land")



Auf nach *-Land (sprich: "Piep-Land") 
„Deutschland hat wahrlich keinen Rechtsanspruch auf Demokratie und soziale Marktwirtschaft auf alle Ewigkeit.“ (Angela Merkel 2005) 

Wer nach dem Mauerbau geboren wurde, konnte sich als junger Erwachsener nicht vorstellen, dass sie, also die Mauer, einmal nicht mehr da sein könnte. Ein Nachmauer-Geborener empfand die Mauer als integralen Bestandteil der Welt. Die ganze Welt zerfiel in diesseits und jenseits des eisernen Vorhangs. Das Diesseits wurde aus jenseitiger Sicht zum Gelobten Land. Das Jenseits wurde aus diesseitiger Sicht als eine beklagenswerte Projektionszone politischer Verdauungsprozesse gehätschelt.
Weil es die Mauer gab, gab es folgerichtig ein geteiltes Deutschland. Und nur geteilt war es der Welt geheuer. Und weil wir so weltläufig sind, war es auch uns nur geteilt geheuer. Die Frage nach dem eigenen Land als ungeteiltem Verband lagerte für uns Diesseitige jenseits eines geistigen Korrelats zur Betondemarkationslinie, die durch Berlin führte und ihre materielle Fortsetzung in der Hochsicherheitsgrenze um die DDR fand, jenseits also der „Mauer in den Köpfen“. Hä? Was?
Die Einheit hielten wir jedenfalls nur deshalb aus, weil nicht alle ehemaligen deutschen Gebiete dabei waren – irgend etwas Deutsches muss aus Deutschland immer draußen bleiben, sonst fühlen wir uns moralisch kompromittiert. Wir halten das rechtmäßige Vorkriegsdeutschland für illegitim. Weil wir keine Mauer in den Köpfen haben wollen und nicht mehr unterscheiden zwischen einem Unrechtsregime in einem Land und dem legitimen Völkerrechtssubjekt, das es - davon unabhängig – war und ist. Was? Revisionismus? Alles Mauer oder was, nee sorry: Alles ohne Mauer oder was? Wenn Fritz ne Straftat begeht, ist er dann noch Fritz? Nee? Doch? Nee? Sie meinen, man muss ihm mindestens ein Glied abhacken, wenn er eine kriminelle Handlung begangen hat? Wer was Schlechtes tut, darf nie mehr der sein, der er mal war? Die Islamisierung greift… Die Würde des Menschen ist also doch antastbar. Ganz definitiv. Jedenfalls rein theoretisch in deutschen Gehirnen ohne Unterscheidungsvermögen oder sagen wir: ohne Mauer im Kopf.
Doch halt stopp, wie war das noch mal mit der Mauer in den Köpfen?
Diese Mauer in den Köpfen... Immer dann, wenn das Gehirn seiner natürlichen und logischen Fähigkeit zur Analyse nachkommt, erschallt ein Ruf mit Donnerhall gegen die Mauern im Kopf. Die Zeigefinger heben sich. Der neue deutsche Gruß: erhobene Zeigefinger. Warum den ganzen Arm heben, ist doch so viel bequemer.
Wer denkt, trifft Unterscheidungen. Und wer Unterscheidungen trifft, baut Mauern auf und ist rechtsextrem. Ganz einfach.
„Äpfel sind keine Birnen!“ schreit ein ganz Vorlauter in die Runde. Und schon wurde ihm - neben den erwähnten Fingern - vor Augen gehalten, er habe eine „Mauer im Kopf“. Äpfel und Birnen müssen dasselbe sein, weil beide Obst sind. Klar soweit?
Und deshalb darf unser Land auch keinen Namen haben. Weil wir schließlich alle Menschen sind und andere Länder anders heißen.

Aber so ganz hab ich es noch nicht begriffen. Ich versuche es mal zu verstehen, das mit der Mauer in den Köpfen:
Heißt das etwa, dass es Leute gibt, die in ihr eigenes Gehirn eine Mauer einziehen? Daraus müsste man aber doch schließen, dass sie diesseits und jenseits ihrer inneren Mauer denken könnten? Nein? Aber wie sollen sie sonst dieses Mäuerchen eingezogen haben?
Also – sag ich doch!
Geht es um eine Verinnerlichung des politischen Diesseits und Jenseits in ein und denselben Personen? Bisher jedenfalls kannte man nur das berühmte „Brett VOR dem Hirn“, also eine Begrenzung eines individuellen Gehirns, eine hermetische Verschlossenheit gegenüber einem großen Ganzen, das im Außen liegt und ins Innen nicht hinein darf. Eine Begrenzung aber IM Gehirn selbst?! Die mitten hindurch läuft? 

So wurde aus Deutschland *-Land.
„Piep-Land“, dessen einstigen Namen man nicht sagen darf, ohne in Verdacht zu geraten.Obwohl er auf dem Pass noch draufsteht. Aber was er da bedeuten soll - keine Ahnung mehr. Wir brauchen seit 2015 keine Pässe mehr hier, nur das rückständige Pack draußen, aber das ist für uns nicht wichtig. Piep-Land, Piepland über alles.
Das ist Piep-Land, das Land in der ewigen Talkshow, moderiert von einem Aufgebot skrupellos-unterwürfiger Frauen mit Entenarsch-Mäulern, an die Spitze gehievt von machtgeilen männlichen Zynikern (ja wartet es nur mal ab, wenn ihr es nicht glaubt!). Das Ergebnis: eine nationale bipolare Störung. Hilfe in der Krankheitsnot: die Auflösung der Geschlechter und um Gottes willen keine Bio-Nachkommen. Menschengeschenke holen wir von anderswo her. Der Wahlspruch dieser psychiatrischen Studio-Family-World lautet: „Wir sind andersherum, und es ist gut so!“ Oder kürzer: „Dämlich – na und?“ oder noch kürzer: „Wir helfen.“
Unsere multiideologische Piep-Regierung will uns unter Beschimpfungen und Flüchen unter ein Stück Gespenster-Stoff zwingen. Der brave Piep-Bürger soll ein geistiger Burkaträger sein. Das politisch korrekte Accessoire lässt den Blick in die Welt durch finstere Scheuklappen und ein Gitter gerade noch zu. Reicht doch! Was müssen die Leute auch frei in die Welt sehen können! Oder gar ihr Gesicht zeigen oder womöglich einen eigenen Namen tragen! Es genügt, dass die Schutzherrin der Kopf- und Gesichtslosen einen Namen hat und ihre Vasallen in alle Landeshauptstädte schickt. Was sie tut, ist alternativlos, und was der Populus will, das gibt es gar nicht oder es ist gefährlicher Wahn. Vom Minarett des Kanzleramtes tönt es fünfmal am Tag: "Das Volk, das bin ich."
Wehe dem Bürger, der das Visier hochklappt. Es kann sich bei ihm nur um einen Populisten handeln. Wer in irgendeiner Weise spricht und Zustimmung außerhalb des Kanzleramtes findet, ist kriminell.
Solcherart gemahnt zuckt er zusammen, der vorwitzige Pieper. Er denkt:
„Aber nein, pfui, zu denen will ich aber nicht gehören, zu diesen Schmuddelkindern!“
Was er draußen sah in der Welt, gleich nebenan, hakt er ab: das waren Gespenster, Täuschungen. „Wenn Herr Dömessierä das im Auftrag Muttis hat ausrichten lassen, dann hab ich mich eben geirrt.“ Und wachsam tastet er sich rückwärts zurück, mit beschwichtigend erhobenen Händen, der umflort-deflorierte Piep-Bürger. Wir schätzen die Harmonie über alles. Lieber ein paar Verrückte ermächtigen, als sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Und überhaupt: Man muss nicht alles wissen. Mutti hat ja gesagt, man soll nicht immer über alles diskutieren, sondern es einfach machen... Irgendwo hat man schließlich seine Belastbarkeitsgrenzen… Erst mal ausspannen von diesem Ausflug in diese geradezu unschicklich-dialektische Welt der geistigen Gegensätze und sich was gönnen…
Erleichtert und gerechtfertigt lässt der Piep-Bürger seinen Geistesschleier und anschließend die Hosen herunter und streckt seinen Zuhältern und Freiern willig und lüstern die Leibesmitte entgegen. Solange man zu essen und zu trinken hat und ein warmes Öfchen ist doch alles gut. Und lustvoll ist es bisher doch immer gewesen. Und das war auch gut so.

Die Generation, die vor der Ausrufung Piep-Landes geboren wurde, ist hochbetagt und lichtet sich immer mehr. Die Nachgeborenen kennen es nicht anders. Sie denken, ihnen kann nichts geschehen. Sie sind demokratie-überdrüssig. Immer nur diese alte Leier. Es kann nur so weitergehen, das Nuckelfläschchen für Erwachsene und die Kondome sind gesichert. Wo ist also das Problem? Probleme kann man in Piep-Land nicht haben. Die haben nur andere. Die jenseits des eigenen Bretts vor dem Hirn.
Überlassen wir uns doch unserer Monsignora in Berlin, unserer Domina, die vor nicht langer Zeit das Programm für ihre Regierungszeit angekündigt hat:
„Deutschland hat wahrlich keinen Rechtsanspruch auf Demokratie und soziale Marktwirtschaft auf alle Ewigkeit.“ (Rede auf der 60-Jahrfeier der CDU, 16.6.2005)[1]
Bloß das verdächtige D-Wort hätte sie weglassen sollen.
Seltsam. Aber bestimmt hat sie das alles nicht so gemeint, das mit dem D-Wort meine ich natürlich. War ein kleiner Versprecher. Ein Freudscher Versprecher. Das kann jedem mal passieren.
Was wetten wir, ob wir die nächste Bundestagswahl überhaupt noch erreichen?
Ein hübscher Ausnahmezustand vorher wäre nicht schlecht.
Nicht dass der Populus womöglich was anderes sagt als die Domina-Imperatrix.
Genau, ein Notstand muss her. 
Deshalb hat Herr Dömessierä gesagt, wir sollen Vorräte anlegen.
Piep.

Donnerstag, 22. September 2016

Das Rätsel der Hagia Sophia



Das Rätsel von der Heiligen Weisheit
Zu einem Gedankengang Erhart Kästners im „Aufstand der Dinge“

I. Der Hunger nach "mehr" Weisheit: Eva und Adam

Der Wunsch nach Weisheit und Erkenntnis durchzieht die gesamte Heilige Schrift. Uns wird von der Genesis an bis weit ins Neue Testament hinein das Streben nach Weisheit als der Dreh- und Angelpunkt  menschlicher Güte und Bosheit geschildert.

Der erste Mensch, der seine Erkenntnis und die damit verbundene Weisheit „vergrößern“ will, als ob Weisheit vermindert oder vermehrt werden könnte (!), ist die von der Schlange betörte Eva im Garten Eden. Nur darum greift sie zu der verbotenen Frucht und isst sie: im Inventar ihrer Erkenntnisse fehlt ihr – vergiftet von der Zurücksetzung durch die Schlange und das Stillschweigen Adams - etwas, und das will sie unbedingt „hinzuerwerben“. Aber immerhin teilt sie es gerne mit dem anderen Menschen, dem Mann. Und der greift ohne jedes erkennbare Nachdenken und ohne irgendein Wort zu sagen, blitzschnell zu. Zu frag- und bedenkenlos greift er zu…
Warum tat er das so unmittelbar und ohne zu zögern? 

http://www.ewige-anbetung.de/Worte/Heilige_Schrift/Adam_und_Eva/Adam_und_Eva_1.jpg

Das göttliche Gebot zur Zurückhaltung vergaß er in dem Augenblick, in dem es darum ging, dass er nun das Schlusslicht im Wettbewerb der Erkenntnis-Vermehrung sein könnte. Der Neid war ins Herz des Mannes eingezogen: Nicht dass womöglich Eva nun weiser war als er! Also auch er war abgefallen und glaubte, Weisheit könne man vermehren oder vermindern und darum zum Gegenstand des Wetteiferns und der Machtausübung machen. „Wissen ist Macht“ – dieser Satz stammt direkt von Adam. Gottes Schlusskommentar zum Geschehen ist denn auch voller beißender Ironie: „Seht doch nur, Adam ist geworden wie unsereins! Er erkennt Gut und Böse. Dass er jetzt nur nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt und isst und ewig lebt!“ (Gen 3, 22).
Die Weisheit hatten sie verloren.

II. Die Sehnsucht nach der verlorenen Weisheit: König Salomo und die Königin von Saba

Gutes und Böses wollte Eva unterscheiden können, aber damit war es wohl nicht so weit her nach dem Genuss der Frucht… Warum sonst hätte der liebenswerte Davidssohn Salomo auf Gottes Aufforderung, von ihm etwas zu erbitten, die folgende Antwort gegeben:
„Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und Gutes vom Bösen zu unterscheiden versteht.“ (1. Könige 3, 9)
Gott gewährt ihm diese Bitte „um Einsicht“ und „um auf das Recht hören“ (V. 11):
„Siehe, ich gebe dir ein so weises und verständiges Herz, dass keiner vor dir war und keiner nach dir kommen wird, der dir gleicht.“ (V. 12)
Salomo fällt danach salomonische Urteile und erwirbt einen sagenhaften Ruf bis an die Enden der Erde. Jeder weiß von der legendären Begegnung zwischen der Königin von Saba und Salomo. Die Königin von Saba, selbst eine große Erkenntnisliebhaberin, reist extra mit großen Gefolge und vielen Geschenken um seiner Weisheit willen nach Jerusalem, um sich davon zu überzeugen, ob sein Ruf wahr ist. „Ihr stockte der Atem“, wird uns berichtet, als sie mit Salomo sprach und sah, wie er dem Herrn einen prächtigen Tempel gebaut hatte.
„Deine Weisheit und deine Vorzüge übertreffen alles, was ich gehört habe. (…) Weil Jahwe Israel ewig liebt, hat er dich zum König bestellt, damit du Recht und Gerechtigkeit übst.“ (1. Kön 10, 7 + 9)

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III. Die Weisheit und das hörende Herz

Die Verbindung von Weisheit und Gerechtigkeit wird deutlich. Ein Weiser, ein wirklich kluger und einsichtiger Mensch, muss auch gerecht sein. Weisheit ist die Frucht der Gottesfurcht.
Salomo und die Königin von Saba erscheinen für einen Moment des Äons fern des Paradieses wie eine Vision des wieder aufgerichteten ersten Menschenpaares. Die Fraukönigin ersehnt das unauffindbare Kleinod eines wirklich klugen und rechtschaffenen Mannes und findet es in Jerusalem. Und Salomo, der König Israels, dessen Name „Frieden“ bedeutet, überstellt dieser Frau, die fast wie eine himmlische Gestalt noch einmal seine Weisheit zur Entfaltung bringt, alles, was sie nur begehrt, ohne zu zögern, ohne etwas zu verweigern oder zurückzuhalten, denn es gab „nichts, was dem König verborgen war und was er ihr nicht hätte sagen können“ (V. 3) und er „gewährte der Königin von Saba alles, was sie wünschte und begehrte.“ (V. 13)
Der König beschenkt die Königin, so heißt es abschließend im selben Vers, „wie es nur der König Salomo vermochte“.
Doch sie reist wieder ab in ihr Land.
Der Zauber wiederhergestellter Menschlichkeit konnte nicht bleiben unter den Bedingungen dieses Äons. Das wusste diese Frau.
Ja, Gott gab dem Salomo „Weisheit und Einsicht in hohem Maß und Weite des Herzens – wie Sand am Strand des Meeres.“ (1. Kön 5, 9)
In dieser Ausstattung ist er ein Vorläufer der wahren Weisheit, die in Christus aus der Jungfrau Maria in unser Fleisch zu uns als vollkommene Gestalt kam. Salomo besaß Weisheit „in hohem Maße“, mehr als alle anderen Menschen, aber Christus war die Weisheit selbst und machte Maria zum Thron seiner Weisheit, zur „sedes sapientiae“. Salomo ist der direkte oder indirekte Verfasser der Weisheitsliteratur des Alten Testamentes.
Weisheit ist ein Überbegriff über alles organische und lebendige theoretische und praktische Erkennen, über die Fähigkeit, sich ihr vollkommen anzuvertrauen und das, was sie eingibt, gestalterisch in den Lebensvollzug zu integrieren ohne Vorbehalt und Zögern. Salomos Weisheit führt direkt zu einer Befriedung der politischen Verhältnisse (1. Kön 5, 26).

IV. Weisheit gebiert Frieden – Stolz gebiert Krieg

Doch der König Salomo, der die Schönheit und das Königtum der Frau in ihrer ganzen Größe und Wahrheit verstand, erlag der Selbstüberhebung. Er war süchtig nach der Frau, nach der Frau aus allen Völkern, er umgab sich mit Frauen, und der ungute Drang, den Zauber der Frau in der Sexualität, selbst in einer wohl kaum mit jeder einzelnen gelebten Sexualität, zu bannen, überwältigte ihn:
„Er hatte 700 fürstliche Frauen und 300 Nebenfrauen. Sie machten sein Herz abtrünnig.“ (1. Kön 11, 3) Er ergab sich den Götzen der verschiedenen Frauen und „teilte“ sein Herz: es schlug nicht mehr alleine für den einzigen, unteilbaren Gott, der doch die Weisheit ist!
Das Buch der Könige berichtet, dass Gott dem König Bundesbruch vorwirft und ihm ein Gericht verheißt: er will ihm das Königtum, das er doch David auf ewig verheißen hat, entreißen.
Die Weisheit ist eine und unteilbar, man kann ihr nur ganz oder gar nicht angehören. Wer weise ist, kann nur eine Frau haben, denn sie ist Hort der Weisheit, wenn sie ein hörendes Herz hat. Und wehe dem, der sich an ihr vergeht… Ihm ergeht es schlimmer als einem, der sie nie kannte und aus Unvermögen und Dummheit sündigt. Gott kündigt an, was geschehen wird: Israels Königtum wird in die Hände der Knechte gelangen. Nur ein einziger Stamm soll in der Hand der Nachkommen Davids bleiben um der Verheißung willen, die Gott ihrem Stammvater gegeben hatte. Und sofort schwindet auch der politische Frieden. Salomo beschließt seine späten Tage mit Kriegen, die seine Nachbarn über ihn bringen und mit einem vor Neid zerfressenen Herzen, das ihn danach trachten lässt, den Beamten Jerobeam, den Gott ihm schon angekündigt hat als den künftigen König und der sich gegen ihn erhebt, zu töten. Der Friede war mit der Weisheit ausgezogen.

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V. Weisheit und die Gabe der Unterscheidung der Geister

Wir lernen daraus, dass es einen Frieden ohne Weisheit und Gerechtigkeit nicht gibt. Diese Weisheit aber kann niemand sich selbst geben. Sie ist eine Gottesgabe. Es wundert daher nicht, dass die „Unterscheidung der Geister“, die „discretio spirituum“, im Neuen Testament eine Geistesgabe, ein Charisma ist, das Gott alleine verleihen kann.
Man fragt sich betroffen, warum Salomo, der doch der weiseste Mensch gewesen sein soll, am Ende der Weisheit verlorenging. In seiner Weisheit wurde er zum Narren. Der Grund für seinen Verlust ist derselbe wie der bei Adam: er hat Gott, der doch die Weisheit ist, nicht gehorcht und sich selbst über die Unterwerfung und Stilisierung der Frau zum Götzen der Weisheit gemacht. Die Königin von Saba ließ sich einst nicht missbrauchen für diesen Zweck und auch nicht vergötzen, denn sie reiste wieder ab „in ihr Land“. Sie wurde keine Haremsdame der selbsternannten Weisheit und ordnete sich dem weisen König auch nicht unter, denn nur Gott alleine verdient diese Unterordnung unter die Weisheit.

VI. Weisheit und Demut

Die Weisheit hängt innig mit der Demut zusammen. Wer weise ist, ist auch demütig. Von Jesus heißt es, dass er „von Herzen demütig“ sei (Mt 11, 29). Die wahre Weisheit ist auch die wahre Demut in Person. Demut aber ist Dienstbereitschaft. Als Salomo mit der Königin von Saba alles teilte, was ihm geschenkt worden war, war er noch dienstbereit. Als er Frauen sammelte, als er sie besitzen wollte, als er nicht mehr teilte, sondern herrschen wollte, verlor er das Königtum. Das Königtum Christi ist darum „nicht von dieser Welt“, nicht an solcher Herrschaft interessiert.

Wahre Demut aber kennt sich selbst ebenso wenig wie wahre Weisheit sich selbst kennen kann. Wir wissen, dass Sätze wie „Ich bin demütig“ oder „Ich bin weise“ förmlicher Beweis dafür sind, dass der, der sie sagt, weder demütig noch weise ist (unser Herr ausgenommen).

Wer sich selbst womöglich noch von Natur aus für „weise(r)“ ansieht, liegt quer zur neutestamentlichen Mahnung: „Bleibt demütig! Haltet euch nicht selbst für weise!“ (1. Kor 12, 16)
An dieser Aufforderung lasen auch in der Kirche die größten Philosophen gerne vorbei (s.u.).

VII. Weisheit und Macht: Weisheit und Torheit wie in einem Vexierbild

Die „discretio spirituum“, die „Unterscheidung der Geister“ ist Geistesgabe und wird dann verliehen, wenn Gott es will. Nur dann. Man „hat“ sie nicht, sondern sie wird zuteil. Wer sie „haben“ will oder sie sich wesenhaft womöglich noch selbst zuschreibt, verliert sie sofort. Besonders gefährlich ist die Verklammerung von angeblicher Weisheit und Macht.
Man muss hier auch einige Frage stellen bei der von bestimmten Kräften in der Kirche verabsolutierten Philosophie Thomas von Aquins. Auch er setzte voraus, dass der, der empirisch herrsche, herrschen müsse und solle, weil er „weiser“ sei als die, über die er herrscht. „Herrschaft“ heißt hier förmlich „weiser sein“ (s.th. Ia 92 a. 1 arg. 2), wohl zum Nutzen des Beherrschten, aber um den Lohn der Überheblichkeit, die sich seinsmäßig erhaben wähnt über den, dem sie „dient“. Der unter den alten Kirchenvätern eher verbreiteten Sicht, dass solche Herrschaftsgefüge eine Folge der Sünde seien, hält er entgegen, dieser hierarchische Zustand zwischen den Menschen habe so schon vor dem Sündenfall bestanden. Nur die Umkehr des Herrschens in eine Lebensform, die sich dienen lässt und nicht dient, sei Folge der Sünde. Überlegene Weisheit und Würde behandelt er sogar wie ein Wesenmerkmal, das angeboren sei. So sei etwa der Mann grundsätzlich und wesenhaft „würdiger“ und „weiser“ als die Frau. Nun zeugen solche Gedanken nicht nur von einer peinlichen Arroganz und maskulinem Narzissmus, sondern auch von einem gefährlichen Hochmut.

Immerhin finden wir solche Gedanken nicht im Befund der Heiligen Schrift, sondern das Gegenteil scheint dort zu finden zu sein. Wir hören immer wieder davon, dass die Weisen der Welt in ihrer Weisheit vor Gott Toren geworden seien:
„Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr. Keiner täusche sich selbst. Wenn einer unter euch meint, er sei weise in dieser Welt, dann werde er töricht, um weise zu werden.
Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. In der Schrift steht nämlich: Er fängt die Weisen in ihrer eigenen List.
Und an einer anderen Stelle: Der Herr kennt die Gedanken der Weisen; er weiß, sie sind nichtig.“ (1. Kor 3, 17 ff)
Von einem ebensolchen, beinahe unbeschreiblichen Überlegenheitsdünkel gegenüber dem Rest der Menschheit ist auch der Islam gezeichnet, der uns darin immer mehr zum Problem wird, uns leider aber unsere eigenen Verfehlungen überzeichnend vor Augen hält wie ein Gottesgericht:

VIII. Erhart Kästners „Aufstand der Dinge“ von 1973: Die Hagia Sophia als Mahnmal des Weisheitshochmuts der Christen


Ich stieß neulich auf eine Stelle in den „Byzantinischen Aufzeichnungen“, die Erhart Kästner 1973 unter dem Titel „Aufstand der Dinge“ als letztes großes Werk vor seinem Tod veröffentlichen konnte. Er beginnt sein Buch mit dem Text „Gotteshaus gottlos“ und beschreibt darin den Zustand der Hagia Sophia, als er sie besuchte, die 1935 unter Ata Türk zum Museum gemacht, endgültig gottleer wurde.
Der moderne Besucher spürt dennoch das „Numen“ in ihr, die ehemals erbetene und gefeierte und geheimnisvolle Präsenz Gottes, die niemand löschen kann, die aber dennoch nun vollends geleugnet wurde und sich nur dem noch mitteilt, der den inneren Menschen dafür öffnet. Einen irdischen Mittler gibt es nicht mehr.

Das nächste Kapitel kommt gleich zur Sache und ist mit dem einfachen Wort „Macht“ überschrieben. Kästner entwirft einen ganz anderen Begriff von „Macht“ und echter „Weisheit“, als dies aus den an dieser Stelle so dumpfen Vorstellungen des Thomas abgeleitet werden muss.
„Macht“ ist nicht Übermacht oder Überlegenheit über andere, ist nicht „Herr-Sein“, auch nicht eine überheblich-paternalistische „Dienstbereitschaft“, die doch nur getarnte Herrscherlichkeit sein will, sondern:
„Zu Macht kommen heißt, zu seiner höchsten Möglichkeit kommen. In Macht sein: Sonnenhochstand. Macht: eines Dinges großer Moment, seine Glücksstunde. Macht: wenn etwas ganz bei sich selbst ist.“ (Erhart Kästner: Aufstand der Dinge. Byzantinische Aufzeichnungen. Frankfurt a. M. 1976. S. 24)
Justinian also, der diesen Dom baute, war mächtig. Aber war es eine Macht, wie Kästner sie zeichnete?
Er schreitet fort und fragt:
„Wer ist das, die heilige Weisheit“? (S. 37)

Was er entfaltet, liest sich wie eine zunehmende Verdüsterung eines historischen Sachverhaltes.
Er beginnt den Abstieg in den irdischen Orkus christlicher Verfehlung der heiligen Weisheit mit der Feststellung, dass es bezeichnend sei, dass niemand nach ihr frage, nach ihr, der heiligen Weisheit. Man rede immer nur über all die vielen Menschen, die ihr Können in die Waagschalen geworfen haben, um diese Manifestation menschlicher Größe zu erbauen.
Er zitiert Prokop, der immer angeführt werde mit den Worten Justinians, der bei der Einweihung des Doms am Weihnachtsfest im Jahr 537 gerufen habe, er habe den vormaligen Erbauer des Tempels in Jerusalem, den König Salomo, - wir erinnern uns: der mit Weisheit begabt wurde und sie verspielte - , nun übertroffen mit diesem Bau:
„Ruhm und Ehre dem Allerhöchsten, der mich für würdig hielt, ein solches Werk zu vollenden. Salomo, ich habe Dich übertroffen.“
Es ließe sich unendlich viel sagen über den genialen Kuppelbau, der Vorbild für den Typus der noch heute überall anzutreffenden Moscheebauten wurde, über den enormen Aufwand, mit dem in doch wenigen Jahren dieser gigantische Dom entworfen und fertiggestellt wurde. Allein – Kästners Erwähnung alles dessen bleibt seltsam trüb, denn er hat noch etwas vor Augen, das ihn umtreibt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Hagia_Sophia

IX. Die Unerforschlichkeit der Weisheit Gottes

Kästner stößt bitter auf, dass dieser Bau, der den Bau Salomos übertreffen wollte, den demütigen Umgang mit der unerforschlichen Weisheit Gottes geradezu konterkariert hat und vielleicht darum, auch wenn Gott lange Geduld hatte,  gestürzt wurde, erst in die Niederung des Bethauses einer puren Machtreligion und schließlich sogar in die totale Säkularisierung.
Salomo erhielt von Gott die Erlaubnis, ihm einen Tempel zu bauen, nachdem der Allerhöchste sie David verwehrt hatte… David habe, sagte der Herr, Kriege geführt und Blut vergossen: „Du sollst meinem Namen kein Haus bauen; denn du hast Kriege geführt und Blut vergossen.“ (1. Chr 28, 3)
Wer ist würdig, dem Herrn ein Haus zu bauen, wo es doch der Herr ist, der uns ein Haus gebaut hat? Wer menschliches Blut vergossen hat aber, ist niemals würdig, dem Herrn ein Haus zu bauen. David erkannte das an und teilte es genauso dem Volk mit. Darum sollte Salomo, der unschuldig war und noch rein, den Tempel bauen.
Was ist zu halten von christlichen „Stellvertretern Christi“, an deren Händen Blut klebt?

https://en.wikipedia.org/wiki/Justinian_I

Kästner bezweifelt wohl zu Recht, dass Justinian sich nur einen Moment mit der Unerforschlichkeit der Heiligen Weisheit befasst hat:
„War das der Gedanke des allerchristlichsten Kaisers? Des Weltherrschers? Des Nachfolgers der Cäsaren, der es übernommen hatte, im Namen Christi zu herrschen, zu handeln, Entschlüsse zu fassen, da das verheißene Ende aller Dinge nicht kam? Es musste ihm fernliegen… (…) Die Unerforschlichkeit Gottes könnte beschwiegen, kaum gebaut werden.“ (S. 38 f)
Aber das ist noch nicht alles, was ihn befremdet.

X. …aus dem blutigsten Vorgang die Kirche wuchs

„Dass aus dem blutigsten Vorgang die Kirche wuchs, die uns der Inbegriff von Macht und Milde zu sein scheint: ein Rätsel, nicht wegzuschieben.“
Kästner referiert die fünf Tage des Nika-Aufstandes im Jahr 532, in dessen Folge die alte Basilika der Hagia Sophia verbrannte. Der Nika-Aufstand richtete sich gegen die strenge und willkürliche Herrschaft Justinians und schien diese Willkür auch in einer eigenen fehlenden Zielgerichtetheit wiederzuspiegeln. Auslöser war die Hinrichtung einiger Unruhestifter in Sachen verfehlter Politik des Kaisers und das Versagen der Henkerswerkzeuge bei zweien von ihnen, worin das Volk einen Fingerzeig Gottes sah und um deren Begnadigung bat. Justinian blieb hart und wollte „durchregieren“. Die beiden Verurteilten wurden von Mönchen in einem Kloster in Sicherheit gebracht. Das Volk wurde immer unruhiger, forderte die Amtsenthebungen ihrer schlimmsten Peiniger unter den Regierungsbeamten, was Justinian erfüllte, aber der Volkszorn war zu lange provoziert worden und nicht mehr zu bremsen. Auch müssen vielschichtige Verschränkungen der Zusammenhänge angenommen werden, die eine Beruhigung kaum mehr möglich erscheinen ließen. Justinian dachte offenbar an Abdankung, nachdem das gesamte Palastviertel von Aufständischen vollkommen niedergebrannt wurde. Ob er wirklich von Kaiserin Theodora zum Weitermachen überzeugt wurde, mag man auf sich beruhen lassen. Jedenfalls rief er das Volk im Hippodrom, der großen Pferderennarena, zusammen. Das Volk kam zusammen, und Justinian bot den Aufständischen nach einer Einigung Straffreiheit an. Doch konnte man sich nicht einigen und draußen wurde ein Gegenkaiser ausgerufen, den das Volk im Hippodrom, eben noch im Gespräch mit dem alten Kaiser, nun frenetisch feiern wollte. In Wirren und Frontwechseln einzelner Personen und Gruppen kam es unter der Leitung Kaisertreuer im Hippodrom, dessen Eingänge man verrammelte, nachdem Sschwerbewaffnete eingedrungen waren, zu einem der größten Massaker der Spätantike, bei dem 30 000 bis 40 000 wehrlose Männer getötet wurden. Es war eine Schandtat.
Am Tag danach befahl Justinian den Abbruch der verkohlten Reste der Vorgängerkirche. Nach 40 Tagen wurde der Grundstein für die Hagia Sophia gelegt.
 „Großmord und Bau der Hagia Sophia, das ist leider untrennbar. Um Himmels willen: Welche Heilige Weisheit konnte denn also gemeint sein?“ (S. 44)
Kästner reflektiert die ambivalente Persönlichkeit, die spätantike Quellen von Justinian zeichnen. Ein unerbittlicher hartnäckiger Disputant, wenn es um Theologie ging. In irgendeiner Weise tiefgläubig. Ein Mann, der das Recht „bauen“ wollte. Auf ihn geht das „corpus iuris civilis“ zurück, das „CIC“, das Vorbild für den späteren römisch-katholischen „codex iuris canonici“… Asketisch wird er geschildert, ohne erkennbare Gefühlsregungen und unendlich grausam. Ein Mörder, wenn es sein musste.
Kästner bleibt auch unerbittlich:
„Also was ist das, die Heilige Weisheit, der dieser Kaiser diese Kirche geweiht hat? (…) Was liegt auf dem Grunde?“ (S. 51)
Kästner verweist uns auf berühmte Paulus-Stellen, in denen Christus mit der Weisheit identifiziert wird. Aber dieser Jesus Christus hatte doch gesagt, sein Reich sei „nicht von dieser Welt“?
Und doch hatte Konstantin dieses „ungeheuerliche Kopfüber“ geschafft, das aus Christus einen innerweltlichen Mega-Herrscher gemacht hat, einen „Pantokrator“ und der Kaiser maßte sich an, dessen „Mit-Regent“ zu sein und darum auch „Mit-Weiser“ und „Mit-Inhaber des Zorns Gottes“. Kästner würdigt den Gedanken, dass eine Regentschaft „von Gottes Gnaden“ das Elend des Herrschens niederhalten sollte, „indem man Macht anband an eine Macht, die nicht von dieser Welt war“. (S. 53) Er stellt jedoch den schnellen, allzuschnellen Verfall dieser Vorstellung fest, der gar nicht anders als schnell sein konnte, wenn man logisch denkt. Dieser erschreckende große Gedanke, der in seinem Einbruch in die Einsicht etwas Plötzliches, Unerwartetes und Blitzartiges hatte, konnte nicht verweilen. Wenn irdische Macht sich anbindet an die irdische Ohmacht dessen, der in dieser Welt am Kreuz starb und dessen Reich nicht von dieser Welt ist, dann kann es sie eigentlich gar nicht geben. Das Missverständnis war vorprogrammiert: christliches Kaisertum konnte über kurz oder lang nur einen antichristlichen Charakter bekommen.
Die Rede vom „vicarius Christi“, vom Stellvertreter Christi ist seelengefährlich. Sie ist wie ein scharfes Messer, das im Nu von der ewigen Seligkeit trennen kann. Es gibt ein „an Christi statt“ auch im Neuen Testament, begegnet dort aber ausschließlich geistig. Eine Ummünzung in irdische Anmaßung von Personen, die sich für „weiser“ halten als andere, ist dort nirgends zu finden.
Wir erinnern uns an Kästners Diktion echter „Macht“: es ist nicht Anmaßung über andere, sondern größtmögliche Entfaltung der Potenzen. Und die können per definitionem den anderen nicht herabstufen, denn am Leibe Christi kann nicht einmal das Haupt zuungunsten der Entfaltung der Arme und Beine, der Leber und Niere und was sich immer findet, seine Potenzen entfalten. Das einzelne Glied kann sich nur dann vollkommen entfalten, wenn es die anderen auch tun. Und es liegt eine Schwierigkeit in der auch katholischerseits so gerne getätigten Rede davon, dass schließlich nicht alle das Haupt sein könnten (wobei die, die das betonen, sich selbst meistens die Position beim Haupt zumessen). Nun wissen wir aber nicht wirklich, wie der Herr seine Stellvertretungen verteilt, denn er sagte ein ums andere Mal, dass die Ersten die Letzten sein werden. Und auch das Magnificat nimmt diese Perspektive ein: „Er stößt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ Wenn also einer sich anmaßt, sich für den vicarius Christi zu halten, quasi institutionell, obwohl die Heilige Schrift gerade ein solches Amt niemals formell vergeben hat (!) und jede Überzeichnung des Kaiser- oder Papsttums tatsächlich, weil es sich eben doch als von dieser Welt her ansieht, als antichristlich angesehen werden muss, kann es sein, dass er nicht das ist, wofür er sich hält und trüge er zehnmal eine Tiara oder eine Kaiserkrone, so würde sie ihm zum zweischneidigen Schwert, das sich ihm am Ende entgegenstellt.

Kästner findet daher angesichts seines Besuches der Hagia Sophia auch eine Antwort auf seine quälende Frage, wer denn die Heilige Weisheit sei, die hier zugrunde läge:

„Wenn man er fertigbrächte, den Kopfüber-Gedanken, die grandiose, hochfragwürdige Umstülpung, die darin bestand, daß der Stellvertreter des leidenden Heilands, der die Herrschaft über diese Welt eben gerade nicht wollte -: wenn es möglich wäre, diesen Kopfüber-Gedanken ohne den Rost so vieler Jahrhunderte zu denken, so als besäße er noch die Gewalt seines Eintritts: wie müßte er entsetzen.
Wenn es also auch kaum noch gelingen kann, den Gedanken Mit-Regent, Mit-Richter, Mit-Weiser Christi so zu denken, als ob er einträte, so gibt es doch, was der Geolog einen Aufschluß nennt. Wenn nämlich durch eine Verletzung, also in einem Steinbruch oder in einem Bahn-Durchstich auf einmal offenliegt, was vorher verwachsen war.
So ein Aufschluß ist, wenn man das Macht-Wunder des Hagia Sophia-Doms zusammen mit dem Großmord des Januartages bedenkt. Mit dem Verstand nicht zu fassen. Immerhin stellt sich das wieder ehr: ein großes Entsetzen.“ (S. 54)

Es ist vielleicht ein solches „Entsetzen“, das die Königin von Saba empfand, als ihr „der Atem stockte“ (s.o.) angesichts der Weisheit, die aus Salomo damals noch sprach. Aber was tat sie daraufhin?
Sie pries Gott, tauchte ein paar Tage ein in diese Weisheit und dann – ging sie, wie sie gekommen war, ohne weitere eifernde Macht, aber reich beschenkt und insofern in ihren Potenzen entfaltet wie nie zuvor.

http://www.catholic-church.org/ao/O-17.html

Dass aber Konstantinopel und seine Hagia Sophia-Kirche in der Einsicht, dass diese Kirche auf einem blutigen Massenmord auferbaut wurde, am Ende von der Religion vereinnahmt und schließlich ganz „entmachtet“ wurde, von der Religion, die doktrinell ihre Entfaltung auf der anmaßenden Unterwerfung anderer, und sei sie noch so blutig, gründet und dies für gottgewollt hält, dass dies das Schicksal des oströmischen Reiches mit seiner Machtkirche wurde, das erscheint, so betrachtet, ganz folgerichtig. Die „Heilige Weisheit“, wenn wir damit Christus meinen, hat sich ihr Recht zurückgeholt und wird es sich eines Tages von der Wüsten-Fratze pervertierten Christentums erst recht zurückholen.

Und wir?
Man muss erschauern und sich fragen, was geschieht, wenn die Stunde des Menschensohns bei uns in Westrom schlägt.
© by HMJ 2016

Dienstag, 20. September 2016

Die Rückführung der Menschheit nach Europa ohne Grenzen



Die Rückführung der Menschheit nach Europa ohne Grenzen

Nach dem Berliner Wahldesaster vom Wochenende ist eines deutlich: Zuwachs bekommen haben die Parteien (oder wurden erstmalig in hoher Zahl gewählt), die so etwas wie eine politische Kontur haben mit Wiedererkennbarkeitseffekt, die Linken und die AfD einerseits, und andererseits die FDP, von der sich manche, die vor der Wahl einer extremen Partei zurückscheuen und einen Wandel haben wollen, den Stallgeruch vergangener Tage versprechen. Das heißt im Klartext, dass der Bürger Demokratie will, Parteienwettbewerb und unterschiedliche Denkansätze. Es ist surreal, dass man inzwischen eine extreme Partei wählen muss, um die Demokratie zu retten.

Wer nun aber erwartet, dass sich irgendein Einsehen auf der großen politischen Bühne in unserer deutschen Provinz abzeichnet, der hat sich geschnitten. Merkel gibt inzwischen eine Teilschuld zu, aber eigentlich hat sie ja alles nur gut gemeint und darum auch richtig gemacht. Sie will nun „noch besser erklären“, warum sie letztes Jahr was getan hat. Da sie bislang nie etwas erklärt hat, darf man bei einer Addition der Null mit der Null getrost eine noch bessere und größere Null erwarten.

Von einem „Paralleluniversum“, in dem Anne Will samt einem Teil ihrer Talkgäste sich befunden habe, sprach gestern Stefan Paetow in Roland Tichys Magazin „Einsicht“ http://www.tichyseinblick.de/feuilleton/medien/eskalation-in-bautzen-was-steckt-dahinter
Noch absurder kam gestern die Sendung „Hart aber fair“ mit dem Titel „Zäune statt Hilfe – sind wir selbst schuld an der nächsten Flüchtlingswelle?“ daher. Diskutiert werden sollte über die nächste zu erwartende Flüchtlingswelle aus Afrika. Ich konnte mich des Eindrucks, in eine Wohltätigkeits-Tee-Veranstaltung im Stile des 19. Jh geraten zu sein, nicht erwehren. Vier sehr gut verdienende Personen unterhielten sich herzergreifend darüber, wie bemitleidenswert doch die Menschen in Afrika seien. Und dass wir alleine schuld seien mit unserem „Lebensstil“, dass es den Menschen dort so schlecht gehe und sie deshalb nach Europa wollten.
Einer der Talkgäste hilft als regionaler Fußballstar, selbst mit Migrationshintergrund, Brunnen zu bauen, was ja für sich genommen sehr ehrenwert ist. Wirklich. Eine ARD-Korrspondentin, ebenfalls mit Migrationshintergrund, eine sehr sympathische Frau, berichtete aus den krisengeschüttelten Gebieten Afrikas mit sichtlicher Empathie und menschlicher Wärme. Und Elias Bierdel von der Organisation „Borderline Europe - Menschenrechte ohne Grenzen“ versuchte, dem Zuschauer ein schlechtes Gewissen einzureden, nicht nur dafür, dass er Produkte der einheimischen Industrie kauft, die doch den Klimawandel verursacht, sondern auch dafür, dass er nicht einsehen will, dass Millionen Afrikaner in Deutschland nun auch noch Platz haben sollen. Norbert Röttgen (CDU) verzierte diese Asyl-ohne-Grenzen-Runde durch brave Zusprüche. Wie ein Marsmännchen dagegen wirkte der ungarische Botschafter Peter Györkös, der fünfte in der Runde. Er hielt den Herrschaften am wohltätigen Teetischchen vor Augen, dass momentan andere für sie „die Drecksarbeit“ erledigen, nämlich die Außengrenzen der EU zu sichern.

Nun kennt man den ehrenwert-humanistischen Typus des Entwickungshelfers und Brunnenbauers seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar Jahrhunderten. Geändert hat sich dadurch vielleicht für die Dörfer, die nun einen Brunnen haben, ein klein wenig, bis zum nächsten Überfall durch marodierende banden jedenfalls, aber ansonsten im Großen doch ganz offenbar nichts. Die Leute haben nun einen Brunnen, sind aber weiterhin leicht angreifbar. Es ist wirklich ergreifend, wie einzelnen Europäer ihr Herzblut in solchen Projekten vergießen! Das sind wirklich wohlwollende Menschen.
Dennoch gab einem die Talkrunde den deutlichen Eindruck, die Entwicklungshilfe der letzten Jahrzehnte habe die Zustände faktisch nur verschlechtert. Und natürlich ist der Klimawandel an allem schuld, und am Klimawandel sind wir schuld.
Bierdel bestach schließlich mit einem ebenso plumpen wie absurden Vergleich: schließlich wüssten doch gerade wir Deutschen, wie es ist, wenn irgendwo eine Mauer hochgezogen werde… Den Unterschied zwischen einer Mauer, die man baut, um Leute am Weggehen zu hindern, und einer Mauer, die man baut, um Leute am Einbrechen zu hindern, scheint der Mann tatsächlich nicht zu begreifen. Ersteres ist ein Gefängnis voller unfreiwilliger Bewohner, letzteres eine Festung von Eigentümern, die sich gegen Eindringlinge zur Wehr setzen. Darauf wies Györkös erfolglos hin – die Sentimentalität des Menschenrechtsaktivisten war sichtlich ohne Grenzen, umso begrenzter dafür die intellektuelle Kapazität. Wer sein Haus vor Eindringlingen abschließt ist für ihn wie einer, der andere gegen ihren Willen in seinem Haus einschließt? Na denn.

Nun ist aber die Heimat im Sinne einer Staatsbürgerschaft völkerrechtlich gesehen nicht nur ein Recht, sondern auch eine Verpflichtung. Es war noch nie möglich, unbegrenzt und mit womöglich verschleierter Identität seine Heimat zu verlassen und sich gewaltsam anderswo niederzulassen. Und auch dies begreifen viele nicht: das Eindringen in ein fremdes Land ohne dessen Erlaubnis war und ist eine Straftat. Es ist auch eine Straftat, einfach in ein Haus einzudringen. Es ist ein zivilisatorischer Mindeststandard, dass man wenigstens anklopft und respektiert, wie der Eigentümer reagiert – auch dann, wenn es einem ungerecht oder hartherzig erscheint. Das sind schlicht und einfach Basics. In der Tat ist niemand moralisch dazu verpflichtet, jemanden um jeden Preis in sein Haus aufzunehmen. Er sollte gastfreundlich sein, dabei aber klug und vorausschauend. Es ist inzwischen politisch nicht mehr korrekt, auf diese Selbstverständlichkeit hinzuweisen. Man muss weder Räuber und Gewalttäter als Gäste einladen noch eine Zahl von Menschen, denen man weder Nahrung noch Schlafplatz anbieten kann. Und man hat das Recht auszuwählen und zu prüfen, wen man vor sich hat.
Die, die anklopfen, hätten die Pflicht, sich anständig und wie Gäste zu benehmen. Davon kann aber leider keine Rede sein bei vielen. Die sexuellen Übergriffe auf die Gastgeber mehren sich seit Silvester. Und nicht nur sie… Auch das degoutante Gerede davon, dass der Gastgeber sich an die Gäste anzupassen hätte, ist so dreist wie dumm. Wenn Gäste sich nicht an den Gastgeber anpassen, muss man sie für Usurpatoren oder Kriminelle halten. Wer das Hausrecht bricht oder nicht anerkennt, hat jedes Recht auf Schutz verwirkt.

Aber eine andere historische Tatsache muss man nüchtern durchdenken. All die Sentimentalität nützt uns doch nichts, wenn wir dabei die Realität ausblenden:
Massenmigration geht und ging immer mit Gewalt einher. Ja, auch wir sind gewalttätig in die „leeren Räume“ unserer Neuen Welten eingedrungen, vor einigen Jahrhunderten, keine Frage. Und genau so war jede andere massenhafte Einwanderung gewalttätig in der Weltgeschichte und rief immer Krieg hervor. Das ist eine menschheitsgeschichtliche Konstante. Warum sollte sie ausgerechnet, wenn es uns betrifft, anders verlaufen?
Oder hat hier jemand vielleicht sogar Interesse an diesem Krieg?

Das sentimentale Niveau der Debatte implizierte wie alles Sentimentale eine große Ignoranz.
Selbstverständlich muss man darüber nachdenken, ob wir unseren Anteil an Schuld an den Zuständen in Afrika erkennen, bekennen und vor allem durch Verhaltensänderung wieder gut machen können. Aber wir sind nicht das Über-Ich Afrikas.
Man kann und muss natürlich auch zurückgehen zu Adam und Eva und sich klarmachen, dass der Kolonialismus diese Länder in eine kulturelle Situation gerissen hat, die sie weder wollten noch für sich fruchtbar machen konnten – auch nicht nach der Entkolonialisierung. Sie konnten mit dem, was ihre Identität ausmachte, den Wettbewerb mit Europa nicht aufnehmen, ohne immer nur zu verlieren. Nicht zuletzt aber hat der ideologische Wettbewerb des Kalten Krieges und der letzte Ausläufer des portugiesischen Faschismus den Menschen ein übles geistiges Erbe hinterlassen. Nur – das kann man nicht mit Immigration und auch nicht mit materiellen Gütern lösen.

Wesentliche Probleme afrikanischer Wirklichkeiten kamen gestern nicht zu Wort, etwa die Tatsache massiver Unruhen durch arabische und islamische Sekten und Banden in vielen Ländern, in denen deshalb inzwischen kein Stein mehr auf dem andern ist. Über den Treibsand alter europäischer Exzesse auf dem schwarzen Kontinent rast längst seit Jahren der arabisch-islamische Sturm.
Welcher Hahn krähte im Fernsehstudio nach Darfour oder nach den blutigen Zuständen in Nigeria, die ausschließlich durch einheimische islamische Extremisten verursacht wurden und werden und schon so viel Toten gefordert haben, dass man von einem Völkermord sprechen muss, ganze Landstriche verwüstet haben und die Nachbarländer bereits in die Konflikte gerissen haben? Und wer fragt nach den vielen afrikanischen Merkwürdigkeiten, die uns hier fremd sind, die aber doch Realität sind, vor allem Clan- und Stammes-Kämpfe in einer Logik, die spezifisch für die dortige Kultur sind?
Ganz und gar ausgeblendet blieb die enorme demographische und wirtschaftliche Katastrophe vieler afrikanischer Länder durch HIV. Man sprach von hohen Geburtenraten, aber man sprach nicht von den vielen Aidswaisen. Man sprach nicht von dem mit der hohen Erkrankungsrate von Schulmädchen her erschließbaren Kindesmissbrauch als eines afrikanischen Alltagsproblems. In Südafrika etwa ist fast ein Drittel aller weiblichen Schulkinder HIV-infiziert, aber nur 4% der männlichen Schulkinder. Das lässt eindeutige Schlüsse zu, doch davon sprach in unserer Sendung niemand. Dass HIV nach wie vor eines der größten Entwicklungshindernisse Afrikas ist, erwähnte keiner in der Runde. http://www.sos-kinderdoerfer.de/unsere-arbeit/wo-wir-helfen/afrika/aids-in-afrika

Mithilfe der Dramatisierung des Klimawandels lenkte man ab von den tatsächlichen Dramen, die sich in Afrika abspielen und die nicht von Europa aus gefördert werden. Die hausgemachten oder durch arabische Einflüsse erzeugten Dramen wie die hohe HIV-Rate, die hohe Anzahl an HIV-Waisen und der Kindesmissbrauch, oder die blutige Unruhe, die der Islam dort schafft, waren den Diskutanten nicht bekannt. Der IS und arabische islamische Staaten finanzieren die aggressive Islamisierung einst friedlich-islamischer, christlicher und von Stammesreligionen geprägter Regionen. Westafrika könnte bald ganz in Flammen stehen aufgrund der religiösen Konflikte. Dass unter diesen Umständen das ganze Alltagsleben zusammenbricht, ist eine banale Erkenntnis. Unsere Talkgäste kamen aber darauf nicht zu sprechen. Sie fühlten sich im selbstbezogenen, ewiggestrigen deutschen Selbstkritik-Modus wohler.

Der Klimawandel ist ein geistiger Wandel, er schafft ein Klima, in dem Menschen zu Millionen durch Menschen  geschlachtet, versklavt, missbraucht und vergewaltigt werden, während wir überfordert und vermutlich auch vor Angst vergehend wegsehen und lieber über die geologischen Veränderungen des Tschadsees reden, die seit 500 Jahren schon unaufgeregt beschrieben werden, mit einem über Jahrzehnte weg sinkenden und ebenso auch langfristig wieder steigenden Wasserspiegel einhergehen und zu dessen historischem Erscheinungsbild gehören, nach Bierdel aber den Charakter eines Mega-Dramas annehmen. Es gibt abflusslose Binnenseen auch anderswo auf der Welt, die teilweise derzeit ganz verschwunden sind, um möglicherweise später wieder aufzutauchen, etwa den Lop-Nor-See in Mittelasien. Das geht immer mit Schwierigkeiten hinsichtlich der Wasserversorgung einher, wird aber nur dann zum Drama, wenn die Rahmenbedingungen einer vernünftigen Vorsorge in der Region marode sind. Von diesen einheimischen und menschenverantworteten Rahmenbedingungen wollte aber ebenfalls keiner reden.

Der „Failed-States-Index“, eine Liste unregierbarer Staaten, ist aufschlussreich: die ersten 5 Plätze werden durch afrikanische Staaten besetzt, die nächsten 10 fast ausschließlich durch afrikanische bzw. islamische Staaten. Der Grund für dieses Scheitern ist jeweils komplex und in der Forschung umstritten. https://de.wikipedia.org/wiki/Gescheiterter_Staat

Die Frage ist aber und bleibt, ob Europa die Menschheit, die sie zuvor angeblich oder wirklich ausgesaugt hat, nun einfach großzügig aufsaugen kann wie ein „Schwarzes Loch“, während in der Welt nicht nur der Spiegel von Binnenseen, sondern auch der der Bevölkerung der Krisen-Länder sinkt und sinkt, bis er ganz austrocknet. Der Einwurf Györkös’, dass auf diese Weise Europa bald selbst destabilisiert sein wird, schien den anderen vier Talkern keinerlei Beschwerden zu machen.

Ist die Globalisierung der Fehler? Würde eine größere Abschottung der einzelnen Länder und Regionen, gerade der schwächeren, helfen, den eigenen modus vivendi zu finden?
Haben wir die Wahl, darauf zu verzichten, den einheimischen Hähnchenhandel Westafrikas zu zerstören oder einige EU-Hühnerfarmen in den Ruin zu stürzen – was werden wir da wohl entscheiden? Ob die Probleme Westafrikas wirklich an einer Hähnchenkrise hängen?
Alleine, dass wir eine Vorhut sentimental-wohlwollender Leute in eine Talkshow einladen, die uns herzergreifend und authentisch von den Problemen Afrikas erzählen, die einem verwöhnten Westler so auffallen, aber keinerlei sinnvolle Analyse oder gar Lösung anzubieten haben, sagt mir nur eines: Es geht mit dem, woran wir wirklich die Schuld haben, mit den arabisch initiierten und mit den selbstverschuldeten afrikanischen Verwirrungen und Verarmungen munter weiter.
Es gibt Armut auch bei uns und dies wachsend. Aber dieses Faktum ist derzeit unter Tabu gesetzt. Schließlich haben wir eine niedrige Arbeitslosenquote, wie uns so gerne erzählt wird. Dass die Löhne teilweise kaum zum Mietezahlen ausreichen, wird dabei verschwiegen.

Ich habe jedenfalls noch nie gehört, dass unsere „Polit-Macher“ je ein Flüchtlingsheim neben ihrer Villa geduldet hätten. Sie werden uns im Zweifel auch von einem Anwesen auf einer ansonsten menschenleeren, wie ein Hochsicherheitstrakt bewachten Ferieninsel aus „regieren“ und uns diktieren, was wir zu ertragen haben. Zum Ausgleich bekommen wir täglich ein paar Hähnchenschenkel gratis.