Samstag, 20. April 2013

Velocitas Iesu - Et ecce venio velociter. Gedanken über das !Bald! Jesu


Siehe, ich komme bald. Selig, wer an den prophetischen Worten dieses Buches festhält. (Apk. 22, 7) 

Das geheimnisvolle !Bald!, von dem Jesus spricht, das venio velociter, ist kein !Bald! nach unseren Maßstäben. Die Theologie unserer Tage hat sich die Frage, warum das !Bald! Jesu, die velocitas seines Wiederkommens, sich nicht erfüllt habe, zunutze gemacht. Zwar findet sich im Credo das Bekenntnis zur Wiederkunft Christi. Aber man fasst sie "abgehoben" auf. Welcher Christ glaubt, dass Jesus Christus buchstäblich sedet ad dexteram Patris, et iterum venturus est cum gloria? Wir haben gelernt, sämtliche Aussagen der Schrift und der Tradition ausschließlich als Abstraktion zu verstehen und uns sorgfältig zu verbergen, falls wir doch ein konkreteres Verständnis in uns tragen. Jesus „kommt“ in dieser bleichen modischen Christerei nur im „übertragenen Sinn“ zu uns. Was dieser „übertragene Sinn“ sein soll, darf phantasievoll immer neu und in alle Richtungen gedeutet werden. Das Materiallager der christlichen Überlieferung ist der freien Verfügung übergeben worden und darf zu jedem Zweck genutzt werden. Die Perspektive der unerfüllten „Naherwartung“ relativiert den Ernst des alten christlichen Glaubens. Wer hält den Menschen dem ewigen Vater hin wie ein Kind, das man dem Helfer an einer Unfallstelle entgegenstreckt: Nimm, halte, rette ihn? Man begnügt sich damit, den elenden Menschen inmitten der Hölle zu vergolden, Betrachtungen über ihn anzustellen und zu umtanzen. Die wenigen Traditionalisten werden als Hindernis in diesem Treiben angesehen. Man will sie "vorwärts" peitschen wie Bileam seine Eselin, als sie sich dem Engel, der den Weg versperrte, nicht entgegenwerfen wollte. Bileam konnte den Engel nicht sehen. Für die Eselin aber war der Engel sichtbarer als alles andere. Unsere Würdenträger sind mit ähnlicher Blindheit geschlagen. Erzbischof Zollitsch spricht im Stenokürzel vom „Aufbruch“ oder davon, den „Aufbruch zu wagen“. Wohin „aufbrechen“, was dabei „gewagt“ werden soll – das bleibt ein Mysterium für Eingeweihte. Man wird in Kirchenfunktionärskreisen angeschaut wie eine Pferde-Tram auf TGV-Trassen, wenn man diese Frage der Fragen stellt.
Was aber, wenn das unerfüllte !Bald! doch nicht unerfüllt bleibt? Was, wenn das !Bald! an der Ewigkeit des Allerhöchsten gemessen werden muss und nicht an unserer Endlichkeit? Was, wenn das !Bald! plötzlich und überraschend zu einem !Jetzt!, zu einem !Da! wird?
Ich sage ungeschminkt, was ich glaube: Der kollegiale bischöfliche „Aufbruch“ ist ein finaler „Abbruch“, eine geistliche Abtreibung des Herrn der Kirche, der seit 2000 Jahren schon für Apostaten aller Art eine unerwünschte Schwangerschaft war. Und dieser Mord wird zelebriert wie ein Messopfer. Die Kirche opfert sich selbst für die Verschrottung ihrer Glaubenshoffnung auf den eigenen Altären auf – natürlich coram publico und versus populum. Mit diesem Programm kann sie Gott nicht unter die Augen treten und gen Osten zelebrieren, denn dort steht das Kreuz, der Oriens Jesus Christus, der Auferstandene, der sich kein zweites Mal töten lässt. Dieses Opfer muss man verkehrt herum zelebrieren. Folgerichtig haben seit diesen Neuerungen unendlich viele Menschen die Kirche verlassen. Es gibt für den lauen Glauben keinen guten Grund mehr, dort zu bleiben. Wer ist geblieben? Eine brodelnde Mischung aus zerstörerischen Kräften, verschlafenen Konventionschristen und denen, die die große Hoffnung auf das Himmlische Jerusalem nicht kampflos aufgeben wollen. Bischöfe, Priester, Ordensfrauen, Laien, sofern sie nicht selbst destruktiv zelebrieren, stehen schaulustig dabei, gebannt von der gigantischen Show, gelähmt in allen vitalen Gehirntätigkeiten, mit erkaltenden Herzen, Jongleure der Hostie, Gotteslästerer in beispielloser Frivolität, unerreichbar für das Leiden Christi und verschlossen für die Tränen der Gottesmutter. Sie, die ihren Sohn als Braut des Heiligen Geistes empfangen, in ihrem Leib getragen und geboren hat, sie, die seine ersten feinen Tritte gespürt, ihn die ersten Worte gelehrt, seinen Weg begleitet und seine Auferstehung und Himmelfahrt erlebt hat – was muss sie empfinden angesichts dieser Blasphemie? Maria, die an Pfingsten dabei war, sie, die bereits vom Heiligen Geist empfangen hatte, lange vor Pfingsten? Das Schwert, das ihr Herz durchbohrt, wie ihr damals im Tempel prophezeit worden war, ist für sie ganz offensichtlich noch nicht ausgestanden. Ich möchte sie in die Arme nehmen und trösten, mich ihr zu Füßen legen, denn wie Elisabeth kann ich nur sagen: Et unde hoc mihi, ut veniat mater Domini mei ad me
Die annulierte Naherwartung, die „Parusie-Verzögerung“, die zu einer Zurücknahme jeglicher Hoffnung auf die Wiederkunft Christi geführt hat, ist eines der Sprach-Symbole für die größte Apostasie, die die Kirche je gesehen hat. Das scheinbar nicht eingetroffene !Bald! des Wiederkommens Jesu hebt die geistlichen Appelle der Evangelien, der Apostelbriefe und der Apokalypse auf. Eigentlich passt die ganze Tradition der Kirche, ihre tiefe geistliche Schönheit, der Abglanz des himmlischen Bräutigams, nicht mehr auf unsere Bildschirme und Displays. Ein heutiger Mensch soll die traditionelle Kirche nicht mehr verstehen können. Wenn da nicht immer noch die vereinzelten Menschen wären, die Jesus im Glauben annehmen und die Tradition doch Schritt für Schritt verstehen. Glaube heißt für sie: „Naherwartung bis zum Weltende“. Wer liebt und sich geliebt weiß, wartet eine Ewigkeit! Diese Liebenden sind dem erloschenen, aber unverdrossen „pilgernden Gottesvolk“ ein Hindernis im freien Schwertkampf gegen Marias Herz.
„Erloschen“? Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen lehrt uns das Erlöschen des Glaubens vieler, die einmal vom Glauben angerührt waren. Diese Geschichte will so gar nicht in die gelehrte Naherwartungsschablone passen! Jesus erzählt von jungen Mädchen, die beim Warten über den sich verspätenden Bräutigam einschlafen. Nur fünf von ihnen haben genügend Lampen-Öl für eine lange Wartezeit mitgebracht. Sie sind die Klugen, die, die am Ende mit in den Hochzeitssaal dürfen. Die fünf anderen, deren Lampen erlöschen, werden ausgesperrt: der Herr hat sie nie gekannt. Die „Naherwartung“, die Jesus in dieser Geschichte erzählt, legt die Betonung auf das „Warten“. Vielleicht kann man es so sagen: aus der Sicht Jesu kommt er auf jeden Fall !Bald!, aber aus unserer Sicht gilt es, eine Erwartung aufrecht zu halten.Wer die Texte des Neuen Testamentes sorgfältig liest, entdeckt, dass das !Bald! der Wiederkunft Jesu Christi eben kein banales !Bald! ist, wie man es drängelnden Kindern sagt. Wer nicht damit rechnet, dass er unendlich lange warten muss, so lange, dass ihm die Augen zufallen vor Müdigkeit, der ist dieses Bräutigams nicht wert. Selig, wer an den prophetischen Worten dieses Buches festhält, sagt Jesus dem Seher Johannes. Das Festhalten fordert maximale Wartebereitschaft ab. Und werden wir nicht daran erinnert, dass das, was uns lange erscheint, vor Gott kurz ist: Am Ende der Tage werden Spötter kommen, die sich nur von ihren Begierden leiten lassen und höhnisch sagen: Wo bleibt denn seine verheißene Ankunft? (…) Das eine aber, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen: dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind. Der Herr zögert nicht mit der Erfüllung der Verheißung, wie einige meinen, die von Verzögerung reden; er ist nur geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle sich bekehren. (2. Petrus 3)
Es gilt, eine andere Schau der Zeit zu empfangen. Jesus sagt immer wieder, er wisse weder Tag noch Stunde. Er komme wie ein Dieb in der Nacht, überraschend, unerwartet, plötzlich, verspätet für die einen, zu früh für die anderen und gerade rechtzeitig für die, die immer auf ihn gewartet haben, immer und ohne Zweifel daran, dass er kommt.
Die Kirche kennt von Anfang an das Verwirrspiel unzutreffender Wiederkunfts-Ankündigungen. Gebt Acht, dass euch niemand irreführt! sagte Jesus. (Markus 13, 5) In der frühesten Christenheit wurde bereits intensiv über die Wiederkunft und das Rätsel des Zeitpunktes nachgedacht. Paulus nennt zwei Kriterien, die erfüllt sein müssen, bevor der Herr wiederkommt: Es muss eine massive, nie dagewesene Apostasie stattfinden. Und der Mensch des Verderbens muss offenbar werden. Seid also standhaft, Brüder, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief.(2. Thess. 2) Diesen Kriterien vorgelagert ist die Aussage Jesu, das Evangelium müsse vorher allen Menschen verkündet worden sein. (Markus 13,10)
Er kommt rechtzeitig für alle, die ihr Leben ihm schenkten, ihm Tag und Nacht ihre Liebeserklärungen und Nöte ins Ohr flüsterten. Er ist um uns herum und es liegt an uns, ob wir unser Herz auf ihn richten, auf ihn, unseren treuen Reisebegleiter.Er kommt zu denen, die den Leib Christi empfangen und sich darauf vorbereiten, dass er selbst es ist, mit dem sie sich vereinigen.Die sakramentale Gegenwart Jesu und das Gebet sind der Vorgeschmack darauf, dass er in Herrlichkeit kommen wird. Sie soll die Sehnsucht nach seiner Wiederkunft in uns wach halten wie das Lampen-Öl das Licht der klugen Jungfrauen.
In mir lebt das apokalyptische Bild, wie er wiederkommt in den Wolken, vielleicht gerade da draußen vor dem Fenster. Es wird keinen Zweifel darüber geben, dass er es ist. Und die Jahrhunderte, die uns so lang erschienen, werden zusammenschmelzen zu einem Augenblick, zu einem Seufzer, der uns im Hals stecken bleibt: Da! – Er kommt! Ich bin mir gewiss, dass es so sein wird. Die Zeit ist eine Kulisse, die Gott uns zuliebe entfaltet hat, um jedem von uns die Möglichkeit zum Leben und zur Umkehr zu geben. Eines Tages aber wird der Herr die Zeitkulissen ineinanderschieben und aus tausend Jahren wird ein Da!. Die Jahre haben uns velociter durch ein paar Zeitalter mitgerissen. Spüren wir in uns nicht die ganze Menschheitsgeschichte? Waren wir nicht mit dabei im Garten Eden, auf der Wüstenwanderung, überall da, wo Menschen seit Menschengedenken waren? Offenbart nicht eines der Modethemen aktueller Kinderliteratur, nämlich die „Zeitreise“, dass in jedem die tiefe Ahnung lebt, dass alles zusammengehört, alles jeden betrifft, alles zum Greifen nahe ist? Was uns lange erschien, war nur ein Hauch. Er war uns immer nah, unser Herr. Er stand immer schon vor der Tür wie ein lange angkündigter Besuch und zog die Klingelschnur. Wir waren fern. Viele von uns wollten nicht aufmachen. Er aber sagt dazu:Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Was wir sind, sind wir durch ihn. Was wir nicht durch ihn sind, sind wir nicht.  Contemplamini hoc velociter!  
Er wird plötzlich kommen.

Donnerstag, 11. April 2013

"Abenteuer einer Brezel" im Zeitschnur Verlag

Diese Brezelgeschichten und eine ganz lange Geschichte von der "Geburt der Brezel" kannst Du in in dieser neu erschienenen Broschüre lesen:




Hanna Jüngling: Abenteuer einer Brezel
Mit vier Zeichnungen der Autorin
Format 21 x 21 cm, 40 Seiten, 100g
handgebundene und nummerierte Exemplare
Zeitschnur Verlag Karlsruhe
ISBN 978-3-940764-13-3
Ladenpreis 8,00 €


Bestellung über www.zeitschnur.de oder den Buchhandel, Amazon oder Ebay.



Sonntag, 17. Februar 2013

Lunatic Performance

 
Die Brezn in Hannover
 
Als Frau H. aus München nach Hannover umzog, war das erste, was ihr unangenehm auffiel, dass es an diesem Ort alle möglichen gradlinigen Dinge wie zum Beispiel den zweitgrößten Stadtwald Europas und das beste Deutsch auf Erden gibt – aber keine Brezn. Sie durchsuchte die ganze Stadt und musste sich eingestehen, dass die meisten nicht mal wussten, was eine echte Brezn ist. Man reichte ihr Tüten mit kleinen salzigen Partybrezeln über den Ladentisch, oder ausgestochenes Teegebäck in einer sterilen Nachbildung aus Mürbteig. Am schlimmsten waren diese unförmig verschlungenen, mandelbesplitterten Süßgebäcke, die angeblich aus Russland stammten. Heftiges Heimweh beschlich Frau H. und sie bereute, dass sie in diese Stadt gezogen war, der die Grundvoraussetzungen zum behaglichen Leben fehlten. Ein mitfühlender amerikanischer Freund schenkte ihr eines Tages zum Trost eine Tüte voll „German Pretzels“ mit P und tz, produced in the United States. Sie nahm die Aufmerksamkeit gerührt und wehmütig entgegen.

Ach, wie schön ist es doch in Süddeutschland, dem Paradies, in dem nicht nur die Erschaffung des Menschen, sondern auch herbstliche Bierfeste unter freiem Himmel auf grünem Rasen überliefert werden! So sitzt der Mensch zwischen den Stühlen, ist da unzufrieden, wo er herkommt und zieht davon. Doch an dem Ort, an dem er sich dann niederlässt, fehlt ihm die alte Heimat, und sie gewinnt in der Erinnerung die Qualitäten des Himmelreiches.
Aber unsere Frau H. war eine Dame mit Leistungsbereitschaft und Vorstellungskraft. Eines morgens fuhr sie, um ihr Heimweh zu kontrollieren, im Alten Aufzug von 1913 auf den Turm des Neuen Rathauses. Von der Aussichtsplattform aus ließ sie ihren Blick über das Panorama schweifen wie ein Radarschirm auf der Suche nach leisen Bewegungen. Wer scharf hinsieht, wird meistens fündig. So auch Frau H. – während sie gedankenverloren einen Punkt anstarrte, den sie später nicht mehr benennen konnte, erschien es ihr, als hinge an einem Seidenfaden eine begehrenswerte bayerische Brezn vom Himmel herab. Sie riss ihre Augen auf und schaute ein zweites Mal, voller Zweifel an der Zuverlässigkeit ihrer sinnlichen Wahrnehmung und doch mit dem charakteristischen Geschmack des Laugengebäcks auf dem Zungengrund. Ihr fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als sie an einer anderen Stelle innerhalb ihres Blickfeldes eine zweite Brezn hängen sah. Ihr Kopf rotierte hin und her, sie schaute und schaute, bis der ganze Himmel voller Brezeln hing. Frau H. entfuhr ein fassungsloses: „Ah-!“ Einige US-Touristen in aufreizend kurzen Hosen wandten sich ihr überrascht zu. Frau H. zeigte ins Weite und stotterte: „Da – da – das ist ja wie im Puppentheater. Eine Brezn neben der andern an Schnüren - vom Himmel. Da - schauens doch nach vorne – da….“ Ein Mann verstand, was sie sagte und kriegte den Mund nicht mehr zu: „O my God!“ rief er und rüttelte seine Landsleute an den Schultern. „Look at that lunatic performance!“ Er klatschte sich auf die nackten Schenkel und brach in brüllendes Gelächter aus. „Bavarian Pretzel is over the moon!“ Die ganze Gesellschaft schaukelte sich in eine bizarre Stimmung hoch, riss einen Witz nach dem andern, zückte die Kameras, die Luft schwirrte von „Marvellous“-Rufen und “Me and the wonder of the Pretzels - take a picture!” und explodierte in immer neuen Lachsalven. Schließlich wurde Frau H. an den Rand der Aussichtsplattform gestellt und von zehn Fotoapparaten vor dem Hannoveraner Brezelhimmel festgehalten – eine Deutsche allein unter Brezeln. Frau H. wusste nicht, wie ihr geschah. Die Marionettenbrezeln, das Blitzlichtgewitter, die Amerikaner - sie glaubte, verrückt geworden zu sein. Während die Touristen noch filmten und alberten, schlich sie sich davon, fuhr im Aufzug nach unten und begab sich schnurstracks ins psychiatrische Krankenhaus in die Notfallambulanz. Den ganzen Weg lang raschelten die Brezeln hoch über ihr und wiegten sich leise in den Luftbewegungen. Es war eine eigene, seltsam trockene Musik, ein Brezelwindspiel, immer wieder fielen Salzkörner herab und streichelten Frau H.s Gesicht. 

Als die verstörte Münchnerin sich an der Pforte des Hospitals einfand, stand dort schon eine Schlange aufgeriebener Menschen. Sie alle sahen Brezeln und zweifelten an ihrem Verstand. Der Pförtner ging draußen vor dem Gebäude auf und ab, den Kopf im Nacken und blickte in den Himmel. „Alles voller Breeezeln“, sagte er ein ums andere Mal und betonte dabei ganz übermäßig das e. Frau H. korrigierte ihn: „Das e musst kurz sagen, es heißt „Brezn“ oder „Brezel““. Er winkte ab und zeigte in die Auffahrt: dort hatte sich ein Wagen des Norddeutschen Rundfunks eingefunden und filmte bereits die Vorgänge am Himmel und auf Erden. Ein Arzt mit Glatze und weißem Kittel forderte die Menschen auf, nach Hause zu gehen. Es sei alles okay, keiner müsse um seine Gesundheit fürchten. Frau H. bestand darauf, Urheberin des Brezelwunders zu sein und rührte sich nicht von der Stelle, bis sie von einer süßen jungen Radio-Praktikantin befragt wurde. Das Interview kam noch am selben Tag in voller Länge im dritten Programm und wurde weltweit in jeder Nachrichtensendung erwähnt. 

Liebe Leser, wir können uns ausmalen, wie es weiterging, denn vor allem anderen geht es ums Geld: Hannover wurde Anziehungspunkt für Suchende aus aller Welt. Schamanisten, Altachtundsechziger, Transsexuelle, Orakel, Yogis, Comic-Fans, Mittelalterdarsteller und Bierliebhaber fielen in Horden ein. Alle wollten den Himmel voller Brezeln hängen sehen. Aber die Gunst der Brezelstunde hatte noch am selben Abend ihr Ende gefunden und es erschien keine Brezel mehr am Himmel. Es versteht sich von selbst, dass sich in Hannover seither die Bäckereien überschlagen, echte bayerische oder badische oder schwäbische Brezeln anzubieten. Hannover ohne Brezeln – das kann sich heute niemand mehr vorstellen. Die Brezel – ein Symbol von unabsehbarer Tragweite. Inzwischen wird sogar einmal jährlich eine Brezelkönigin gewählt. Es gibt ein Wettbrezeln auf der Leine, mit den holzgeschnitzten Brezellarven ist die alemannische Fasnet im Norden eingezogen und unter dem Unendlichkeitssymbol der Brezel findet alle zwei Jahre ein internationaler Esoteriker-Kongress statt. Eine Seherin aus der Region hat das nächste Datum für eine Brezelerscheinung in Hannover vorausgesagt: in 173 Jahren auf den Tag genau am 4. April. In Bayern konnte ein Volkskundler nachweisen, dass schon der Mühlhiasl das Wunder angedeutet hatte. Irgendwann tauchte in den USA eine neue Psychotechnik auf – das „Pretzelling“, das einen Siegenszug in der westlichen Welt angetreten hat, der seinesgleichen sucht.

Und Frau H.? Sie wurde „abständig“, wie Heidegger gesagt hätte. Sie wollte nicht aufgehen in der anonymen, allgemeinen Brezelei, vor allem nicht in Hannover. Sie packte ihre Sachen und zog zurück nach München. Dort hängen die Brezn einfach achtlos überall herum. Man backt sie, kauft sie, isst sie und vergisst sie.
Copyright by HJ



Sonntag, 10. Februar 2013

Künstlerschicksal

Neujahrsbrezel



Als ich am Neujahrsmorgen einen Spaziergang machte und in Gedanken versunken die Straße hinabging, fiel mir eine hochgewachsene, weizenblonde Brezel auf, die lässig mit verschränkten Armen an einem Gartenzaun lehnte, mich mit großen Augen von oben bis unten anschaute und ein Lied dabei pfiff.

Ich war müde von der Silvesternacht, hatte das Bedürfnis, allein zu sein, von niemandem angesprochen zu werden, den Lärm der Feuerwerke, das Geschrei der angetrunkenen Menschen aus meinem Bewusstsein herauszuschlendern.

„Grüß Gott!“ murmelte ich und beschleunigte meinen Schritt, um an der Schönen mit der golden schimmernden Haut vorbeizukommen, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden. Als hätte sie meine Absichten geahnt, wippte sie auf ihrem Brezelrücken mitten auf die Straße und verstellte mir den Weg. „Wie geht es?“ fragte sie mich. „Gestern habe ich Sie auf Youtube gesehen – Sie spielen ja feurig, das muss ich wirklich sagen.“ Auf den Austausch von Komplimenten hatte ich nun gar keine Lust! Ich hob die Hand zum Schweigen. Aber die Brezel redete weiter. Sie wolle mich fragen, ob ich mir vorstellen könnte, bei ihr heute Abend auf einer privaten Feier zu spielen. Das Honorar wäre fürstlich und ein Essen inklusive nobler Unterbringung gäbe es dazu. Das hörte sich nicht schlecht an. Meine Hand sank nach unten und mein Kopf schnellte in die Höhe. Die Brezel bohrte ihren hohlen Blick in meine Augäpfel: „Und, haben Sie angebissen?“ fragte sie mit aufreizender Bosheit. Am liebsten hätte ich ihr krachend in ihren schönen, aufgesprungenen Brezelrücken gebissen! Aber ich beherrschte mich: für uns Künstler gilt Man zahlt und du musst tanzen. Mit gelassenem, komödiantischem Lächeln fragte ich, was es denn für eine Feier sei und was mein Part dabei sein würde.

„Es ist - “, druckste die Brezel herum. „ – es ist - eine kleine Feier zu zweit.“ Eine kleine Feier zu zweit! Mir wurde es ein wenig unwohl. Zu zweit, also mit mir zu dritt. „Darf ich fragen“, gab ich zurück. „Was Sie zu zweit feiern?“ Die Brezel ließ ein paar Salzkörner fallen und säuselte: „Wir feiern unseren Hochzeitstag.“ Aha. Und ich? dachte ich. „Und ich?“ fragte ich. „Was wäre meine Aufgabe?“ Die Brezel zog eine dunkle Brille aus dem Etui, das sie in ihrer Hosentasche getragen hatte, setzte sie vor ihre hohlen Augenlöcher und erklärte ohne Umschweife, sie bräuchten eine richtig wilde und schräge Musik, um in alte Stimmungen zu kommen… Da habe sie gedacht, dass eine Geigerin, die so spiele wie ich, genau das Richtige sei. Sie polierte die Nägel ihrer linken Hand und blies anschließend darüber, als müsse sie den Staub von einem Buch entfernen, das seit Jahrhunderten im Regal gestanden und niemals gelesen worden war.

„Wie viel?“ fragte ich lakonisch.

Sie machte eine großartige Geste: „ Wir dachten an 1000 Euronen.“ Meine Güte! Das ließ sich hören. „Wo findet die Party statt?“ fügte ich gleich hinzu. „Und wo würde ich schlafen?“ Die Neujahrsbrezel legte einen affektierten Ton auf: „Bei mir in meiner Villa, Ihnen stünde dort ein eigenes Luxusappartement zur Verfügung.“

Puh! Ich muss zugeben, dass mir bei der Vorstellung, nicht nur Geige, sondern noch anderes womöglich zu dritt zu spielen, bereits der kalte Schweiß ausgebrochen war. Dennoch blieb ich misstrauisch: „Können wir einen Vertrag darüber machen?“ Die Schöne winkte bereits mit einem Papier. Sie zeigte mit farbigen Nägeln auf die einzelnen Punkte: die konzertante Musik, die sich zum Hintergrundrauschen verdünnen sollte, das Essen, das Luxusappartement im Haus und die 1000 Euronen. Plus die Abgabe an die Künstlersozialkasse, 7% Umsatzsteuer und Fahrtkosten. Wir unterschrieben beide und die Sache war geritzt.

Zur verabredeten Stunde kam ich zum verabredeten Haus, und die Brezel empfing mich wieder mit der Brille auf den hohlen Augenlöchern. Sie war alleine. Sie ließ sich von einem Hausdiener Essen auftragen und speiste königlich. Ich spielte mir die Seele aus dem Leib. Sie trank eine Flasche besten Weines nach der anderen. Ihre Gestalt am Tisch verschwamm wie verhedderte bunte Luftschlangen und sank irgendwann in sich zusammen. Der Hausdiener und ich führten sie behutsam ein Stockwerk höher.

Wieder im Saal unten angekommen, spielte ich dem Mann im Frack noch ein paar meiner neuesten Kompositionen vor und fragte dann nach meinem Zimmer. „Sie sollten etwas essen“, meinte er einfühlsam. „Ihr Magen sang lauter als Ihre Geige.“ Damit hatte er vollkommen recht, und ich ließ mich von ihm gerne verwöhnen mit den Gängen seines vorzüglichen Menüs, den erlesenen Weinen, die ich maßvoll genoss und einem herrlichen Tee zum Schluss.

Meine Unterkunft im Dachgeschoss war wirklich ein Luxusappartement. Ich nahm ein Bad in einer Wanne, die meiner vollen Körperlänge Raum gab, salbte meinen Leib anschließend mit Rosenöl und zog einen weichen Schlafanzug über. Das Bett war ein Himmelbett – auf dem Kopfkissen lag der Umschlag mit den 1000 Euronen.

Als ich zu weit fortgeschrittener Nachtstunde in den Schlaf sank, meinte ich das Schnarchen der Neujahrsbrezel tief unter mir zu hören. Die Schluchzer, die sich wie Nebelschwaden durch mein dunkles Zimmer schoben, waren sicher nur Ausgeburten meiner Träume. 

Copyright by HJ
 


Mittwoch, 6. Februar 2013

Fasnet verknotet Zeitschnur


Ich sehe eine Jahreszeit doppelt

Die Brezel im Wald

Geht 'ne gro­ße Bre­zel durch den fins­te­ren Wald. Sie schau­kelt sich auf­recht ste­hend vor­wärts. Die gro­ßen wei­ßen Salz­kris­tal­le auf ih­rem knusp­ri­gen Rü­cken fun­keln im Mond­licht. Du fragst dich, wo­hin sie will? Was meinst du wohl? Wo­hin will eine ein­sa­me Bre­zel nachts im Wald? Es ist schon ein ir­res Bild, wie sie da so lang­sam zwi­schen den Bäu­men da­hin­wippt wie ein Schau­kel­stuhl mit ver­schränk­ten Ar­men, der im­mer ein biss­chen wei­ter nach vor­ne rutscht. In das Knis­tern und Ra­scheln des Wal­des hi­nein hörst du die­ses schwin­gen­de Ge­räusch. Ge­bannt schaust du zu. Du glaubst, du siehst nicht recht. Das gibt's doch gar nicht! So was ist doch ver­rückt. Aber, Mo­ment mal, ... Da! Die Bre­zel hält an. Sie geht auf ei­nen Baum zu. Als sie un­ter sei­nen Zwei­gen durch­schrappt, fal­len ein paar Salz­kör­ner ins tro­cke­ne Laub. Sie dreht dir sitt­sam ih­ren Bre­zel­rü­cken zu. Du hörst es rie­seln! Das kannst du kei­nem er­zäh­len. 'Ne Bre­zel, die im Wald spa­zie­ren geht und mal aus­tritt. Du schüt­telst den Kopf und seufzt. Das hört die Bre­zel. Sie zuckt so hef­tig zu­sam­men, dass ihr noch ein paar Salz­kör­ner vom Rü­cken stür­zen. Be­klom­men dreht sie sich zu dir um. Zwei hoh­le Au­gen­lö­cher bli­cken dich an. Und hast du nicht ge­se­hen schwingt sie da­von, aber so schnell, als hät­te sie ei­nen Mo­tor. Ir­gend­wann siehst du nur noch Salz­kris­tal­le in der Dun­kel­heit fun­keln. Du bleibst zu­rück und denkst an die sanf­te Wie­ge, in der du lagst, als du ein Kind warst. Du folgst dem Flir­ren der aus­ge­streu­ten Salz­kör­ner. In der Fer­ne hörst du Mu­sik und Ge­läch­ter. Nun weißt du, wo­hin die Bre­zel ging. Da wä­rest du üb­ri­gens auch ein­ge­la­den. Fol­ge nur den klei­nen Ster­nen im Laub. Viel­leicht gibt's zu der Bre­zel ja ein Bier. Und nun mach, be­vor noch ein Fass Bier des We­ges da­her­ge­rollt kommt!    
                                                                                                             Copyright by Hanna Jüngling