Samstag, 23. April 2016

Die Frauenkrise (IV): Antifeminismus als Funktion der Übersteigerung des Papsttums ab dem späten 19. Jh



3.2. Katholischer Antifeminismus als Funktion eines fiktiven Kampfes zwischen Monarchismus und Freimaurerei und der Übersteigerung des Papsttums ab dem späten 19. Jh

Der katholische, antifeministische Reflex dient in aller Regel einer plumpen Demokratiefeindlichkeit, wobei man unter „Demokratie“ all das versteht, was keine mehr oder weniger absolutistische Herrschaftsstruktur und laizistische Elemente aufweist und die Emanzipation von Gruppen garantiert, die bislang durch gesetzliche Zurücksetzung diskriminiert worden waren.
Diese generelle Feindseligkeit gegen eine „emanzipierte“ Gesellschaft wurde und wird immer wieder mit einem unklaren Monarchismus verknüpft, der aber gerne aufgegeben wird, wenn man nur irgendwie eine rigide pseudo-monarchische Unterordnungskette verwirklicht glaubt. Symptom für diese Haltung war die reaktionäre katholische Neigung zu diversen Faschismen, die den illusionären Traum von den Restauration der alten Monarchien träumten und dabei erwarteten, dass die Monarchen sich ebenfalls reaktionär und despotisch positionieren müssten. Keiner der faschistischen Führer und Generäle war aber je bereit, sich einem Monarchen unterzuordnen…

Integralistisch-katholisches Narrativ, vor allem durch das Wirken des Jesuitenordens im 19. Jh erzeugt, war dabei die Meinung, im Abendland gäbe es einen Antagonismus zwischen der angeblich durchweg freimaurerisch forcierten und Jahrhunderte minutiös „vorausgeplanten“, „revolutionären“ Demokratiebewegung und den alten Königshäusern und dem Kaiser von Gottes Gnaden.[1] Die Freimaurerei und alle geistig verwandten Gruppierungen wurden als „Sekte“ direkt unter der väterlichen Leitung des Satans behauptet, mithilfe derer der Teufel ein eigenes „Reich“ neben dem der Kirche aufgebaut habe. Um es anders zu beschreiben: die Kirche, das Papsttum war bei einem kruden Manichäismus, bei einer abstrus-häretischen „Zwei-Reiche-Lehre“ der besonderen Art angekommen… [2] Diese Lehre ist rein spekulativ und kommt ohne den geringsten Beweis aus.
Eine genauere Untersuchung der monarchischen Selbstverständnisse und Rechtsverfassungen unterlassen solche katholischen Theoretiker bis heute. Sie bewegen sich in einem Reich politischer Fiktionen. Diese Träume waren und sind, wenn man historisch forscht, unhaltbar. Sie entsprechen methodisch und strukturell einer plumpen ideologischen Geschichtsschreibung, etwa der marxistischen, die die ganze Weltgeschichte als eine Abfolge von apokalyptischen „Klassenkämpfen“ deutet.
Zunächst kann man sich fragen, welche Antagonismen in der abendländischen Geschichte eigentlich gewaltiger waren – die zwischen Kaiser und Reichsfürsten, die zwischen Kaiser und Papst, die zwischen der Societas Jesu und dem Stuhl Petri, die zwischen Schismatikern, Häretikern und dem Papsttum, oder die zwischen Islam und Christentum? Ein christlich dramatisierter Antagonismus zwischen Judentum und Christentum, der ebenfalls ein Lieblingsthema vieler Traditionalisten ist, bestand möglicherweise in den ersten drei Jahrhunderten nach Christus, danach mit Sicherheit nie wieder. Man unterstellt, dass das Judentum der Ausgangspunkt der Freimaurerei sei, aber bewiesen hat das bis heute niemand. Es ist wie so vieles im katholischen Anti-Freimaurerwahn eine Unterstellung, und die Leichtfertigkeit, mit der man unbewiesenen Unterstellungen folgt, ist bestürzend. Jedem missliebigen Prälaten wird eine verschleierte jüdische Herkunft, die selbst über Generationen nach der Konversion zur Kirche weg noch satanische Auswirkungen habe, oder eine heimliche Freimaurertätigkeit angedichtet. Hinter allen „Kirchenfeinden“ sieht man die Freimaurer als „Drahtzieher“ am Werk, wobei nicht geklärt wird, wen man alles als „Kirchenfeind“ ansieht. Leo der XIII. zeichnete dieses Schreckensbild – was bei ihm ausdrücklich positiv zu verzeichnen ist: ohne den entsprechenden antisemitischen Ursachenwahn - in „Annum ingressi sumus“ von 1902.[3] Es stelle sich immer klarer heraus, dass die Freimaurer hinter jeglicher revolutionären Bewegung stünden, behauptet er ohne einen einzigen Beweis oder Literaturhinweis.
Man muss an dieser Stelle einen Rückblick einschieben, um die befremdliche Unaufrichtigkeit seiner Worte zu ermessen:

Wenige Jahre zuvor war Leo XIII. samt weiten Kreisen in der Hierarchie auf den Schwindel des Léo Taxil hereingefallen, der in zwölf Jahren ein satirisch-geniales Enthüllungsspektakel inszeniert hatte, das ganz Europa in Atem hielt.
Nach dem Auffliegen des Schwindels, unterdrückte Leo XIII. jede weitere Beschäftigung mit dem kirchlichen Desaster.
Diese Umstände berühren den aufmerksamen Forscher ungut, weil unweigerlich die Frage aufsteigt, ob es nicht sein kann, dass die Kirche das „satanistische“ Freimaurertum dankbar erfinden ließ, um davon abzulenken, dass sie selbst – ohne jede Hilfe von außen ! - sich an ein Ende gebracht hat? In dem Schreiben von 1902 wird ein Lamento nachgesetzt, das den Spieß umdreht: „Man missdeutet seine (Anm. HJ: des Priestertums) Handlungen, verdächtigt und beschuldigt es in gemeinster Weise…[4] Genau das tut er aber doch selbst, wie viele seiner katholischen Vordenker, gegenüber den „Freimaurern“, die exakt nach dem Vorbild der „Hexen“ in der frühen Neuzeit gezeichnet sind.
Das Ärgernis bei den Freimaurern kann aus einer redlichen katholischen Sicht objektiv nur eines sein: dass sie ein Geheimbund sind und einen Teil dessen, was sie tun und beabsichtigen, nicht öffentlich machen oder nicht öffentlich zu machen vorgeben. Und dass sie jedes Dogma ablehnen…
Nachvollziehen kann man bei den Freimaurern aufgrund dessen, was sie öffentlich äußern, unpräzise aufklärerische Ideale, einen weitgesteckten Deismus, keinen Atheismus, und den Traum, man könne alle Differenzen unter den Menschen glätten und zu einer Harmonie und Einheit bringen. Ob der Wunsch vorgeschoben ist oder nicht, kann niemand sagen. Was man legitim kann, ist, einen gravierenden Zweifel an der Realisierungsmöglichkeit und der Rechtgläubigkeit dieses Traums zu haben, soweit man ihn konkret kennt – aber das ist sachlich etwas anderes als die dramatisierenden Unterstellungen, die in Umlauf sind.
Die Kirche hat den römischen Grundsatz „In dubio pro reo“ weitertradiert, aber er gilt im reaktionären Lager seit Jahrhunderten nichts mehr… Nach allen Erkenntnissen, die man objektiv erreichen kann, entstammt die Freimaurerei dem Christentum und hat Juden und andere Nichtchristen bis weit ins 20. Jh in verschiedensten Logen ausdrücklich nicht aufgenommen. Juden haben dagegen im Zuge der politischen Emanzipation im Jahr 1843 durch 12 deutsche Auswanderer in New York eine eigene jüdische Loge gegründet: die „Bnai  Brit“. Das rein christliche Freimaurertum entstand 1717 und hat seine eigenen Ambitionen verfolgt, und dies von Anfang an und zum wachsenden Ärger der Päpste und einiger Prälaten im Schulterschluss mit kirchlichen Würdenträgern. Zahlreiche päpstliche Schreiben verurteilten seit 1738 die Freimaurerei und verboten Katholiken grundsätzlich den Beitritt. Ab 1758 hatte ein Zuwiderhandelnder mit der Exkommunikation zu rechnen. An dieser Haltung der Kirche hat sich offiziell bis heute nichts geändert. Dennoch unterstellt man im traditionalistischen Spektrum allen Päpsten nach dem Konzil Beziehungen zu oder Mitgliedschaft in den Logen.[5]

Freimaurer seien es auch, die gezielt die Frauen ins Zentrum der Welt rücken wollten, um damit die „Schöpfungsordnung“ zu verkehren und auf dem Weg alles zu  Fall zu bringen:
Damit nimmt die Revolution auf Erden ihren Anfang. Ihr Ursprung aber ist luziferianisch. Der Feminismus ist luziferianisch. Er geht auf Satan zurück.“[6]

Der kirchliche Antifreimaurerkampf gleicht wegen der mangelnden objektiven Kenntnisse einem groß angelegten Schattenboxen, vielleicht auch einer gezielten Inszenierung, die selbst bei Lichte betrachtet satanische Züge trägt, einer kultisch überhöhten Fiktion, sie sich im Reich des Aberglaubens, der Magie und der Gerüchte abspielt. Der Freimaurerwahn, der außer der katholischen Kirche auch andere politische Kreise erfasst hat, wie wir noch sehen werden[7], entspricht in vielen Motiven der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung.[8]

Die grundsätzliche Schwierigkeit im Umgang mit dem Phänomen „Freimaurerei“ ist und bleibt, dass man nicht weiß, was Dichtung und was Wahrheit ist. Es liegt im Wesen des Geheimbundes, dass niemand außerhalb der Verschworenen genau weiß, was hinter den höchsten Kulissen vor sich geht. Immer wieder aufgetauchte Schriftstücke und „Enthüllungen“, auf die sich Katholiken bis heute prompt wie hungrige Wölfe stürzen, waren und sind bewusste Erfindungen.[9] Ebenso kann niemand beurteilen, ob die Informationen der „Aussteiger“ echt oder nicht vielmehr bewusst gestreut sind. Im 19. Jh schrieb ein kritischer Zeitgenosse über das große Interesse integralistischer Katholiken an Berichten über die geheime „Freimaurer“-Herrschaft durch den Enthüllungsschwindler Léo Taxil, ein scharfsinniges und gut recherchiertes Buch, auf das ich mich im Folgenden beziehen will:

Taxil hatte jahrelang als Mentor einer gewissen „Diana Vaughan“ deren vorgebliche Aussteiger-Bücher als Ex-Freimaurerin veröffentlicht, damit sehr viel Geld verdient, den Vatikan und die ultramontane katholische Laienschaft in helle Aufregung versetzt und dann, nachdem ihm ein Journalist auf die Spur gekommen war und seinen Schwindel entlarvt hatte, 1897 in einer öffentlichen Schluss-Enthüllug in Paris zugegeben, er habe den Satanskult der weiblich geprägten „Palladisten“ frei erfunden:

„Am 19. April 1897 deckte Taxil dann selbst statt eines Lichtbild-Vortrages über Diana Vaughan und den Palladismus-Kult im Saal der Geographischen Gesellschaft auf, dass seine spektakulären Enthüllungen über die Freimaurerei fiktiv seien, erklärte zynisch, dass Diana Vaughan nie existiert habe, und dankte der Geistlichkeit für ihre Unterstützung durch ihre Werbung für seine wilden Behauptungen.“[10]

Die Abwehr ultramontaner Kreise gegen die moderne Wissenschaft in Kombination mit der erhöhten Bereitschaft, jeden Aberglauben für bare Münze zu nehmen, wurde von Zeitgenossen als verrückt wahrgenommen und kritisiert:

„Ich gehe wohl nicht fehl mit der Annahme, daß die Kreise katholischer Laien, in denen man voll Begierde den angeblichen Enthüllungen der Palladistin[11] lauschte, vielfach mit denjenigen sich deckten, in welchen man gelegentlich recht geringschätzig von der modern Wissenschaft zu reden pflegt, die da glaube, alles erweisen zu können und alles beweisen zu müssen.“[12]

Taxil sagte seinen konsternierten katholischen Zuhörern, darunter vielen Würdenträgern, in Paris ins Gesicht:

„Meine Damen und Herren, höret das Geständnis meines Verbrechens. Ich habe einen Kindsmord begangen. Der Palladismus ist jetzt mausetot. Sein Vater hat ihn umgebracht.“[13]

Die peinlichen Aktionen des Vatikans und weiter integralistischer Kreise anhand der Veröffentlichungen Taxils, die anhand der „Enthüllungen“ Taxils sogar bis zu einem großen „Antifreimaurer-Kongress“ mit über 500 Teilnehmern in Trient 1896 geführt hatten, und das Auffliegen des Schwindels wurden von römischer Seite aus systematisch vertuscht. Rieks erwähnt einen „Pacelli“, der, anders als Leo XIII., als Antifreimaurer-Führer im Vatikan, die ganze „Manifestation“ schon vor der Entlarvung 1897 als „Humbug“ erklärt habe.[14] Eugenio, der spätere Pius XII., kann das noch nicht gewesen sein, aber möglicherweise sein Vater, der Rechtsanwalt für den heiligen Stuhl war.
Taxil hatte der „Vossischen Zeitung“ nach[15] ausgesagt, er habe den „Jesuitenorden und die ganze Kirche gründlich (hineinlegen wollen)“. Die Antifreimaurer-Hetze ging zu dieser Zeit hauptsächlich von den Jesuiten, und dort – im deutschen Sprachraum - von den Büchern Hermann Grubers SJ und Georg Michael Pachtlers SJ aus.
Eine Diana Vaughan gab es wirklich, aber sie war eine arme Maschinenschreiberin, die Taxils Machwerke für 150 Franken im Monat tippte. Ein weiterer Gehilfe, Dr. Hacks, genannt „Bataille“, war mit im Bunde der Hanswurstiade.
Obwohl Leo XIII. von hohen Prälaten in aller Welt aus sachlichen Gründen darauf aufmerksam gemacht worden war, dass regionale Ereignisse oder Plätze, die in Taxils Erfindungen eine Rolle spielten, wie zum Beispiel ein angebliches Höhlensystem unter dem Felsen von Gibraltar, in dem sich die Verschwörer zu satanistischen Kulthandlungen träfen, nicht existierten, ja, nicht einmal existieren könnten – jeder vernünftige Appell verhallte in Rom ungehört oder wurde autoritär abgewehrt. Die Münchener „Neuesten Nachrichten“ schrieben damals, „die Geistlichkeit habe teils aus Beschränktheit, teils aus Unehrlichkeit bei dem Schwindel mitgeholfen“. Taxil habe Beweise vorgetragen, die offenbarten, dass Leo XIII. wider besseres Wissen die „krassesten Verleumdungen der Freimaurer begünstigt und Diana dafür gesegnet habe.“ [16]
Der „Reichsbote“ berichtete, dass Taxil in Rom von Leo XIII. und Kardinal Rampolla äußerst freundlich in einer Audienz begrüßt worden sei. Der Papst habe alle seine Schriften in seine Bibliothek aufgenommen und Rampolla behauptete sogar, alles, was Taxil berichte, sei ihm bereits aus anderen Dokumenten bekannt gewesen. Taxils Schlusssatz war zu diesen Ausführungen offen bekundetes Unverständnis darüber, dass der Vatikan überhaupt dieses alberne Spiel so lange mitgemacht hatte: „Rom hätte den Schwindel eigentlich durchschauen müssen.[17]

Taxil war stolz darauf, große Gemeinschaften von einer frei erfundenen Geschichte zu überzeugen. Er habe als Jugendlicher die Stadt Marseille mit der Nachricht in Angst und Schrecken versetzt, im Hafen der Stadt Haifische gesehen zu haben. Er habe auch das Märchen erfunden, am Grunde des Genfer Sees sei eine versunkene Stadt, was ihm ein polnischer Archäologe bestätigt habe, der sogar konkrete Gebäude in der Tiefe gesehen haben wollte.[18]
Erschütternd wirkt die Aussage Taxils, er sei durch die Anti-Freimaurer-Enzyklika Leos XIII. vom 20. April 1884, „Humanum genus“ dazu angeregt worden, diese riesenhafte Täuschung ins Werk zu setzen und die Kirche bloßzustellen.[19]

Es gab verschiedenste zeitgenössische Reflexionen über das Gebahren der Kirche, auch aus Kreisen der Freimaurer selbst, die anklagten, dass man pseudowissenschaftlich auftrete, aber sich ein Freimaurerbild zurechtgebastelt habe, das wesentlich auf zwei Autoren beruhe:

Um die Richtigkeit dieser Anschauung zu beweisen, haben in neuerer Zeit ultramontane Schriftsteller aus freimaurerischen Schriften und Aeusserungen ehemaliger Freimaurer Beläge herangezogen. Sie stützen sich dabei hauptsächlich auf die Veröffentlichungen Findels und des Franzosen Leo Taxil.“[20]

Weder Findel noch Taxil könnten repräsentieren, was im Freimaurer-Orden allgemeine Richtschnur sei:

Findel ist durchaus nicht, wie die »Germania« von ihm behauptet, »der erste deutsche Geschichtsschreiber der Freimaurerei und einer der erfahrensten Kenner des Logenwesens überhaupt«. Unter den Freimaurern selbst stossen seine Ansichten auf sehr entschiedenen Widerspruch, und den von ihm veröffentlichten Schriften kann der Vorwurf der Oberflächlichkeit, Einseitigkeit und Parteilichkeit nicht erspart werden.“[21]

Die jesuitisch unterwanderte römische Hierarchie habe darauf gedrungen, diesen lächerlichen Kongress in Trient einzuberufen, auf dem Taxil den Vorsitz hatte:

„Ist es da ein Wunder, dass der sogenannte Antifreimaurercongress, der unter der Zustimmung und mit dem Segen des Papstes vom 26. bis 30. September 1896 in Trient abgehalten worden ist, die ultramontane Freimaurerhetze im schönsten Lichte gezeigt hat? Dieses »Ereigniss am Ende des 19. Jahrhunderts«, wie ein deutsches ultramontanes Blatt, der »Westfälische Merkur«, den Congress vor seinem Zusammentritte bezeichnet hatte, ist in seinem Verlaufe nichts Anderes gewesen als ein tödliches Fiasko für die Feinde der Freimaurerei.
Den Zusammentritt des Congresses hatte die am 20. September 1893 von den Jesuiten mit Genehmigung des Papstes in Rom gegründete Union antimaçonnique universelle, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, im Sinne der päpstlichen Anweisungen und besonders des Rundschreibens Leos XIII. von 1884 die Freimaurerei, die als »Feindin des Christenthums und der auf monarchischer von Gott eingesetzter Grundlage beruhenden Staatsform« erkannt wird, überall und in jeder Gestalt zu bekämpfen.“[22]

Man habe auf diesem Kongress nur die immer gleichen, alten Verleumdungen gegen die Freimaurer ohne Beweis vorgetragen und den Beschluss gefasst, einen Generaldirektionsrat der jesuitisch-kirchlichen, antimasonischen, universellen Union zu bilden, der künftig immer neue Antifreimaurerkongresse einberufen hätte sollen, also eine Art „negativen Konziliarismus“ entwickelt hatte. Schon kurz nach der Veröffentlichung der Enzyklika „Humanum genus“ 1884 hatte die Heilige Inquisition von den Bischöfen und Kardinälen „Antifreimaurerkongresse“ in jeder Kirchenprovinz gefordert, um den Kampf gegen die Loge zu bündeln und das Volk zu belehren über deren Machenschaften.[23]
Ein weiterer Kongress kam nie zustande – der Schwindel war unterdessen aufgeflogen und Rom ließ seine großangelegten Antifreimaurer-Aktionen stillschweigend im Sand verlaufen. Die ausführlichen Enzykliken der Päpste zum Thema kamen stets ohne eine einzige Fußnote mit einem etwaigen Nachweis über das, was sie da behaupteten, aus… Pius X. rief kurze Zeit später dann eine neue „Anti-Gestalt“ ins Leben, gegen die die Ultramontanen „kämpfen“ konnten, den „Modernismus“, der ähnlich schimärisch blieb wie die „Freimaurer“, kaum auf ein scharf umrissenes Phänomen bezogen werden konnte und zu einer ähnlichen Hysterie führte:

„Die Miss Vaughan sollte bekanntlich eine hervorragende Freimaurerin gewesen, dann aber, durch eine wunderbare Heilung in Lourdes bekehrt, über die Verbindungen der Freimaurer mit der Hölle die erstaunlichsten Mittheilungen gemacht haben. Das Schriftstück des Teufels Bitru über die am 29. September 1896 zu erwartende Geburt der Urgrossmutter des Teufels Antichrist ist als heiterstes Pröbchen dieser Vaughanschen »Enthüllungen«, die wie die Miss selbst eine Erfindung Leo Taxils waren, durch alle Blätter gegangen.
Wäre der Beschluss des Trienter »Internationalen« Congresses, in spätestens sechs Monaten in jedem Lande einen »Nationalen« Congress gegen die Freimaurer abzuhalten, ausgeführt worden, so hätte man jedenfalls noch recht interessante Dinge erleben können. Die Freimaurer selbst aber können nur wünschen, dass sich die Trienter Posse recht häufig wiederholt. Das fühlten auch die deutschen Ultramontanen sehr wohl heraus, und daher machten sie den Versuch, die Miss Vaughan und ihre Enthüllungen als eine Erfindung der Freimaurer hinzustellen. Durchaus zutreffend schrieb die »Kölnische Volkszeitung«:
»Man kann getrost behaupten: Hätten die Freimaurer es darauf ablegen wollen, möglichst wirksam und hinterlistig die katholische Kirche zu schädigen und zu discreditiren, so hätten sie es kaum besser thun können, als es thatsächlich durch Veranstaltung und Verbreitung des Vaughan'schen angeblich »antifreimaurerischen« Enthüllungsschwindels geschehen ist.«[24]

Auch der Schriftsteller Theodor Lessing, der Taxil persönlich aus Künstlerkreisen kannte, berichtet, wie er von Taxil einen Brief nach den Trienter Ereignissen erhalten habe:

„Er schickte mir bald nach den Tagen von Trient ein Gruppenlichtbild, welches ihn inmitten der höchsten Würdenträger der Kirche als Vorsitzenden des Kongresses zeigt. Dazu schrieb er: ‚Beachten Sie bitte, dass alle Personen auf dem Bild ein ernstes Gesicht machen, nur ich bin der einzige, welcher lacht.“[25]

Auf dem Kongress scheint es zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen sein, weil vor allem deutsche Prälaten längst begriffen hatten, dass es sich um eine Hanswurstiade handelte. Leider findet man aufseiten der kirchlichen Literatur über den Antifreimaurerkongress von Trient 1896 kaum Nachrichten. Auch wird er auf den einschlägigen katholischen Websites verschwiegen oder kurz abgetan. Etwa verschweigt der Lexikon-Eintrag auf dem konservativen, katholischen Internet-Lexikon „Kathpedia“ die Taxil-Affaire vollkommen und ebenso den Trienter Antifreimaurerkongress. Die Liste der kirchlichen Stellungnahmen gegen die Freimaurerei, die jedes noch so unbedeutende Unterkapitel in päpstlichen Schreiben aufzählt, lässt diesen Kongress ganz aus.[26]
Die Freimaurer führen auf ihren eigenen Websites folgende Worte auf:

„Taxil war der eigentliche Anreger des Kongresses gewesen. Zwei Richtungen standen sich in Trient schroff gegenüber: die deutschen Kleriker, die nach zehn Jahren doch langsam auf den Schwindel gekommen waren, und die große Masse der übrigen, die nach wie vor treu zu Taxil und der Miß Vaughan standen. Als der deutsche Monsignore Gratzfeld, der Vertreter des Erzbischofs von Köln, erklärte, die mysteriöse Diana Vaughan existiere gar nicht, es handle sich um einen großartigen Betrug, der mit einer Blamage enden müsse, traten ihm ein französischer und ein italienischer Geistlicher in sehr heftiger Weise entgegen.
Als dann in einer Sektionssitzung der französische Abbé de Bessonies (s. d.) für Miß Vaughan in die Schranken trat, suchten ein anderer deutscher Geistlicher, Dr. Baumgartner aus Rom und der Österreicher Koller dem entgegenzuwirken. Sehr konkrete Fragen, die Baumgartner stellte, wurden aber mit der linken Hand abgetan. Schließlich griff von donnerndem Applaus empfangen, Taxil selbst in die Debatte ein. Er wartete mit einem starken Trumpf auf, indem er eine "Photographie" der Miß Vaughan vorwies; dann erging er sich in starken Ausfällen gegen den Pater Hermann Gruber S. J., der, anfänglich selbst im Banne des Schwindels, dann viel zu dessen Aufklärung beitrug. Man beschloß, eine Kommission einzusetzen, um die Frage der Existenz der Miß Vaughan restlos zu klären. Diese Kommission fällte dann nach dem Kongreß ein salomonisches Urteil, indem sie erklärte, daß sie "bisher auf keinen durchschlagenden Beweisgrund, sei es für, sei es gegen die Existenz" gestoßen sei.“[27]

Was an der Taxil-Geschichte so aufschlussreich ist, ist die Frage nach den „Frauen in der Freimaurerei“. Taxil hatte 1891 ein Buch verfasst mit dem Titel „Les soeurs Maçonnes - Y a t’il des femmes dans la franc-maçonnerie?“ („Die Maurerschwestern – Gibt es Frauen in der Freimaurerei?“)  und den Palladismus als freimaurerischen androgynen „Frauen“kult, dessen Großmeisterin Sophie Walder heiße und Urgroßmutter des Antichristen sei, erfunden. Die Jesuiten hätten sich begeistert auf diese Informationen gestürzt. Erzbischof Meurin, der 1891 ebenfalls ein Buch mit dem reißerischen Titel „Die Freimaurerei – Synagoge des Satans“ geschrieben hatte, habe ihm „aus wissenschaftlicher Sicht“ das Vorhandensein einer Frauenverschwörung bestätigt. Hinter der Freimaurerei steckten u.a. die „Mopsschwestern“, eine Frauenloge, deren satanistische und obszöne Verschwörung er in dem Buch „Drei-Punkt-Brüder“ ausführlich und schamlos, wie er sagt „auf Befehl des heiligen Vaters“ - beschreibt.[28] Der katholische Verlag der Bonifatius-Druckerei in Paderborn veröffentlichte diese Fiktion bereitwillig.[29]

Den „Mops-Orden“ gab es indes wirklich einmal. Er war ein von römischen Katholiken gegründeter, freimaurerähnlicher Orden, der angeblich die Bannbulle In eminenti apostolatus specula (1738) von Papst Clemens XII. unterlaufen sollte. Vielmehr scheint er aber eine Persiflage auf den angeblichen, von Gregor IX. in einer Bulle im Jahr 1233 verurteilten „Satanskult“ der Stedinger in Oldenburg gewesen zu sein.[30] Sein Initiator und Gründer soll 1740 Herzog Clemens August von Bayern gewesen sein. Dieser katholische Mops-Orden ließ, anders als nicht-katholische Freimaurer, Frauen zu, sofern sie katholisch waren. Der Orden besetzte alle Ämter, bis auf das des Großmeisters, der ein Mann sein musste, doppelt, mit je einem Mann und einer Frau. Der Orden scheint auch eine Karikatur der echten Freimaurerorden gewesen zu sein und verbreitete sich im 18. Jh an den kleineren deutschen Fürstenhöfen rasant. Über den Mops-Orden gab es zeitgenössische Veröffentlichungen. Diese Vereinigung war ein überspannter Ulk und stand in Verbindung mit antifreimaurerischen Kreisen. Er fand wegen seiner Albernheit auch unter Studenten weite Verbreitung.[31]

Taxil nutzte also geschickt bereits vorhandene Fakten, insbesondere auch das Reizthema der „gleichberechtigten Frauen“, und vermischte sie gezielt mit der Ignoranz anti-masonischer katholischer Kreise am Ende des 19. Jh. Noch 1879 hatte selbst die weitverbreitete Zeitschrift „Gartenlaube“ einen Artikel über das „Curiosum“ der „Möpse“ und „Möpsinnen“ veröffentlicht, der dessen satirischen Charakter benannte.[32] Der aufgehetzte Klerus und der Papst scheinen das alles nicht gewusst zu haben? Am Rande sei vermerkt, dass im 20. Jh Loriot noch einmal das Motiv des „Mopses“ aufgegriffen und mit seinem Nonsens-Spruch „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos" einen Hauch der alten Mops-Persiflage aufgegriffen hat.

Von konservativer kirchlicher Seite wurde bestätigt, was Taxil ausgesagt hatte im Hinblick auf Leo XIII.: der Papst habe Prälaten, die den Schwindel von Anfang an durchschauten und an seine nüchterne Vernunft appellierten, Schweigen auferlegt.[33]
Daraus kann man nur den Schluss ziehen, dass der Papst bewusst im gläubigen Volk die Freimaurer-Hysterie geschürt sehen und eine Lüge um jeden Preis aufrecht erhalten wollte.
Welches Eigentor Leo XIII. dem Papsttum mit seiner abergläubischen Leichtgläubigkeit und Unaufrichtigkeit geschossen hatte, wurde von den Zeitgenossen sensibel erfasst:

„Es ist eine fürchterliche Lektion, die der große Pariser Gauner denjenigen erteilt hat, die sich nicht warnen lassen wollten. Möge sie helfen! In seiner Absicht liegt das gewiß nicht, aber auch Gifte können unter Umständen als Radikalmittel wirken. So muß schonungslos ein Ende gemacht werden mit jener duseligen ‚Religiosität’, die unbesehen alles annimmt, was Phantasten, verdrehte Köpfe, Titel- und Ordensjäger, heuchlerische Konvertiten und gewissenlose Lügner als ‚Enthüllungen, Geheimnisse, Offenbarungen, Weissagungen“ u.s.w. auszugeben belieben. Wir haben im Oktober v.J. auf die herandrängende ‚Flut des Aberglaubens’ hingewiesen. Wie hoch diese Flut schon gestiegen war, liegt jetzt auch für den Blinden klar zu Tage.“[34]

Die nachträgliche Schutz-Behauptung aufseiten der Ultramontanen, der Taxil-Schwindel sei von den Freimaurern inszeniert worden, um die Kirche bloßzustellen und die Öffentlichkeit über die Freimaurerei positiv zu täuschen, findet keinen objektiven Anhalt. Aufseiten unbelasteter Zeitzeugen, wie etwa des Schriftstellers Theodor Lessing, der nicht katholisch war, bestand die Überzeugung, dass Taxil Illusionserzeugung und Hochstapelei zur Lebensaufgabe gemacht hatte:

„Ich habe den Mann gekannt und einige Jahre mit ihm Verbindung unterhalten. Daher glaube ich zu wissen, daß weder Eitelkeit, Ruhmsucht, Geldgier noch auch ein Fanatismus für Aufklärung und Freigeisterei die Triebfeder seines Handelns war. Er gehörte, geborener Gascogner, zu den bewundernswert überlegenen Leuten, die an Spott und Spiel ein wahrhaft künstlerisches Vergnügen haben. Das ist ein Stück Dichtertum, frei von jedem Pathos, außer von einem gewissen Pathos des Witzes.“[35]

Bevor Taxil seinen Schwindel selbst aufdeckte, kam noch über das „Evangelische Sonntagsblatt“ in Stuttgart im Juni 1897 das Gerücht auf, Taxil sei ein „böhmischer Jude“ und heiße „Löb Dächsel“. Die katholische „Germania“ übernahm dies ungeprüft. Taxil war jedoch eindeutig und ohne jeden Zweifel katholischer Franzose, 1854 in Marseille geboren und in Jesuitenkollegs erzogen. Sein eigentlicher Name lautete Gabriel Jogand. Er ging mit 11 Jahren in Villefranche in der Nähe von Lyon, wo er im Internat war, zur Erstkommunion, ein Jahr später wurde ihm die hl. Firmung gespendet. Er geriet früh in schwere Glaubenszweifel, radikalisierte sich, schrieb atheistische Artikel und bekam Schwierigkeiten mit seinen Erziehern. Sein Vater schrieb vor Verzweiflung sogar einen Brief an Pius IX. mit einem Gesuch um Fürbitte. Der Brief ist erhalten, und der damalige Papst schrieb eine handschriftliche Fürbitte auf ihn. Taxil wurde Garibaldi-Anhänger, ging mit gefälschten Geburtspapieren mit einem Regiment nach Algerien, wurde nach Bekanntwerden der Fälschung hinausgeworfen und veröffentlichte daraufhin ab 1871 ein Witzblatt „La Marotte“. Schließlich wurde er wegen eines Artikels in seinem neuen Witzblatt „La Fronde“ zu acht Jahren Haft verurteilt, denen er sich durch Flucht nach Genf entzog. So zog sich sein Leben mit vielen Wirren und Irrungen hin. Irgendwann verlegte er sich auf Schmähschriften gegen den Klerus, gründete einen Verlag, um sie besser zu vertreiben. Es folgten Anzeigen, Prozesse, Verurteilungen zu Geldstrafen. Schließlich veröffentlichte er 1880 ein Enthüllungsbuch über die geheimen Liebschaften Pius IX: „Les amours Secrètes de Pie IX.“, gegen die der Neffe Pius IX. einen Prozess anstrengte. Am Ende wurde die Sache niedergeschlagen, bis Taxils Frau das Buch 1885 erneut veröffentlichte. Trotz Anzeigen kam es bezüglich des Pius IX.-Buches zu keiner bleibenden Verurteilung. Taxil trat 1881 dem Freimaurer-Orden als „Lehrling“ bei, zerstritt sich dort mit den Brüdern und schied nach einem Jahr wieder aus., kann also keine tieferen Einblicke erhalten haben. Er erzeugte immer neue Erfindungen und „Fakes“ mit verschiedensten Inhalten und hielt Kirche und Welt auch schon vor der großen Miss-Vaughan-Story auf Trab. Im Jahr 1885 vollzog er eine formelle Umkehr und wurde wieder katholisch. Diese Bekehrung schien echt zu sein und wurde von der antiklerikalen Liga erbittert kommentiert. Man unterstellte von freidenkerischer Seite, Taxil habe vom Vatikan hohe Summen erhalten für diese „Komödie“. Johannes Rieks wundert sich, dass die folgenden „frommen“ Erzeugnisse Taxils nicht sofort durchschaut wurden, weil sie getrieft hätten vor betonter Frömmelei und Ironie.[36]

„Die katholische Welt aber merkte das nicht vor lauter Protestanten- und Freimaurerhaß, welchen Taxil in berechnender Schlauheit schürte…[37]

Der hier angesprochene auffallende Hass der Ultramontanen machte sie vielen Zeitgenossen widerlich und lächerlich. Die Aggressivität und der Zynismus antifreimaurerisch aufgestellter Prälaten gegen Ende des 19. Jh darf nicht unterschätzt werden.
Wenn der schäumende Prälat Mäder (1875-1945), ein selbstmitleidiger und sich im Gefolge seines Vorbildes Donoso-Cortes selbst als „Reaktionär“ bezeichnender Integralist, der ganz besonders knarrend den Wahn formulierte, „das Weib“ sei Dreh- und Angelpunkt der satanischen Angriffe auf die Welt, „das Sündengift des Weibes“ (s.o.) bedrohe die ganze Welt und sei luziferischen Ursprungs und dabei auch gerne für die mittelalterlichen Scheiterhäufen im katholischen Kirchenblatt „Glocke“ am 3. März 1929 ein frenetisches Lob aussprach, dann ist er nur die Spitze eines innerkirchlichen Eisberges:

„Besser der frühere Scheiterhaufen, als der jetzige Weltbrand (…) Das Mittelalter hat mit seinen Scheiterhaufen und Galgen die damalige Welt vor dem Untergang bewahren wollen und auch vielfach bewahrt. An ihrer Stelle haben wir die schrankenlose, geradezu verbrecherische Presse- und Redefreiheit. Wenn es gelingen würde, alle freigeistigen und zweideutigen Universitätsprofessoren, Künstler, Schriftsteller, Redakteure, Kinobesitzer, Modemacher und Verführer aller Art in den Staatsgefängnissen - auch bei guter Verpflegung - zu internieren, wäre es noch möglich, die Menschheit zu retten." [38]

Solche Ausfälle sind nicht Mäders einsame Idee. Er hat sie zweifellos aus den katholischen Kreisen übernommen, denen er sich zurechnete. Im Jahr 1895 hatten die „Analecta ecclesiastica“ 1/1895, die von 21 vatikanischen Prälaten herausgegeben wurde, in ähnlich zynischer und schäumender Art wie ihr Nachfahre Mäder geschrieben:

„O, seid gesegnet ihr flammenden Scheiterhaufen, durch die einige wenige und dazu ganz verschmitzte Subjekte beseitigt, jedes Mal aber hundert und aberhundert Seelen aus den Schlünden der Irrlehre und vielleicht aus der ewigen Verdammnis gerettet worden sind, und auch die bürgerliche Gesellschaft, geschützt wider Zwietracht und Bürgerkrieg Jahrhunderte lang in Glück und Wohlstand erhalten blieb.[39]

Der Grad an geistlicher Verwirrung und blasphemischer Verblendung, der aus diesen Zeilen spricht, könnte nicht schlimmer sein – wie kann man die Hinrichtungsstätte von echten oder vermeintlichen Ketzern segnen! Wie konnte man solche Gedanken vertreten und aus Rom in die ganze katholische Welt pulvern?! Sie unterscheiden sich durch nichts von der Mentalität und den Gewalttaten der Islamisten! Und was das „Glück“ und den „Wohlstand“ und die gebannte „Zwietracht“ und den verhinderten „Bürgerkrieg“ der Scheiterhaufenzeiten betrifft, hätte ein wenig Quellenstudium sicher gut getan, um diesem Rausch zu entkommen… Man fragt sich, wer satanischere Ideen hatte – ein Gauner und Illusionskünstler wie Taxil oder solche Prälaten…

Diese schreckliche und dominante mentale Verfassung der Kirchenleitung spätestens seit Pius IX. und nach dem Vaticanum I muss als Kolorit zu allem, was danach in Kirche und Welt geschah, verstanden werden. Es konnte aufgrund solcher Hasstiraden, deren auch die Jesuiten-Zeitschrift „Civiltà Cattolica“ voll war, der Eindruck entstehen, in Rom sei mit dem Vaticanum I die Finsternis eingezogen. Niemals entspringt ein solcher Hass dem Geist Christi. Das ist unmöglich. Jeder, der schon einmal die Evangelien gelesen hat, erkennt sofort, dass dessen Geist durch den Klerus, der diesen Hass schürte, vollkommen pervertiert worden war.

Es ist jedoch dieses verfinsterte Umfeld, in dessen Nachfolge sich heutige Traditionalisten und viele Konservative unkritisch und ohne Kenntnisse über die komplexeren Zusammenhänge sehen. Man blendet sie mithilfe der „Alten Messe“… Ihre Abwehr starker Frauen fußt schlicht auf haarsträubendem Aberglauben, aber auch auf kirchlich zugelassenen, gewissermaßen „katholisch-subkulturell“ gehegten Irrlehren.
Zahlreiche und widersprüchliche Werke kamen in der Folge auf den Markt, und heute ist das Internet eine perfekte Plattform für die abseitigsten Verschwörungstheorien, die immer weiter genährt und ausgeschmückt werden und eine ratlose Herde von einem Wahn in den nächsten stürzen.

Neben der katholischen Kirche haben sich besonders die Nationalsozialisten und die Sowjet-Kommunisten in der Verteufelung und Verfolgung der Freimaurer hervorhoben. Für sie standen die Freimaurer jeweils als Verschwörer hinter dem politischen Feind: die Nazis sahen in den Freimaurern etwa die Drahtzieher der russischen Revolution und die russischen Kommunisten sahen hinter ihnen eine „Agententruppe des Imperialismus und Kapitalismus" und eine "Männervereinigung mit dem Ziel, die Herrschaft der bürgerlichen Klasse auf dem Wege der Gesellschaft zu sichern"[40]. Auch weite protestantische Kreise stimmen im Antifreimaurerwahn mit den Katholiken überein. Beide Seiten verdächtigen sich aber gegenseitig jeweils, mit dem Feind unter einer Decke zu stecken: Katholiken nehmen starke Seilschaften zwischen Freimaurern und Protestanten an und sehen in Luther einen der satanistischen Heiligen des Freimaurer-Ordens. Protestanten glauben, dass die Jesuiten und die Freimaurer im Grunde eine einzige Verschwörung darstellten.
Im katholischen und evangelikal-protestantischen Kontext sind Freimaurer die „gnostischen“ Ideengeber der Frauenemanzipation, einer synkretistischen „Eine-Welt-Religion“, der Demokratie und überhaupt jedes Glaubensabfalls und des Satanismus, was hinsichtlich der Frauenemanzipation vollkommen abwegig ist – denn in keiner Loge waren je Frauen zugelassen. Frauen dürfen eigene Unter-Logen führen, die aber keinerlei bindenden Einfluss haben und sich mit Wohltätigkeitsveranstaltungen begnügen sollen, und den männlichen, eigentlichen Logen, grundsätzlich unterworfen sind.…
Tatsächlich wurde zu Recht festgestellt, dass die, die die Freimaurerei besonders hart zu bekämpfen vorgaben, selbst in Geheimgesellschaften oder geheimen Apparaten organisiert waren und sind, etwa die Jesuiten.[41] Es wundert niemanden, dass der Verdacht aufkam, die Kirche verfahre nach der „Haltet-den-Dieb-Strategie“: sie selbst sei unterwandert von den Jesuiten, die bereits von dem Zeitgenossen des Ordensgründers Ignatius, dem großen Theologen Melchior Cano, für den „Antichristen“ gehalten wurden, und versuche alles wahrhaft Christliche zu zerstören und lenke durch ihr Antifreimaurergeschrei ab von den Machenschaften in den eigenen Reihen. Ein heilloses Chaos, in dem niemand mehr „durchblickt“. Kardinal Gasparri nannte das umfangreiche Spitzelsystem gegen „Modernisten“, das Pius X. etwas später angeregt und zugelassen hatte, ebenfalls „eine Art von Freimaurertum“.[42]

Auf der faktischen Ebene lehnen aber gerade die Freimaurer eine echte Gleich-Würdigung und Macht-Teilhabe der Frau ab. Sie ähneln darin strukturell der neuzeitlichen, jesuitisch geprägten Kirche und der Männerbündelei der Faschisten. Die Kommunisten haben nur in ihrer Anfangszeit Frauen in höheren Positionen zugelassen. In sämtlichen zentralen Machtapparaten des Sowjet-Imperiums spielten Frauen bald keine besondere Rolle mehr, und ihre „Emanzipation“ stellte zwar in mancherlei Hinsicht eine Gleichberechtigung her, etwa auf dem Bildungs- und Arbeitssektor, aber nicht, sobald es um den Aufstieg zur Macht ging. An dieser Tendenz hat sich bis heute auch im westlichen System trotz aller „feministischen“ Propaganda nichts geändert.

Es wäre naiv, nicht anzunehmen, dass es Machtkonzentrationen gibt, die aus der Verborgenheit heraus agieren. Es ist aber ein Wahn, wenn man glaubt, solche „Hintermänner“ könnten über Jahrhunderte hinweg genau vorausplanen, was zu passieren und wie es zu passieren hat und bewahrten darüber ungetrübte Einigkeit. Wer den Menschen kennt, weiß, dass dies unmöglich ist. Und es ist Wahnsinn zu glauben, es gäbe von solchen geheimen Machenschaften nur eine, nämlich eine krakenartig vernetzte „freimaurerische“. Von Wahnsinn zeugt nicht zuletzt die Flut an „Enthüllungsbüchern“, die das, was doch angeblich verborgen sei, in alle Welt posaunen, als läge es eben doch jedermann einsehbar und offen zutage…

Es gibt nun einmal kaum objektivierbare Daten und Informationen zu diesem emotional hochaufgeladenen Thema. Spekulationen, die Katholiken so gerne tätigen, könnten im Prinzip genauso „vorausgeplant“ sein: Während die frommen Dummköpfe sich in eine Richtung schicken lassen, agieren die „Drahtzieher“ längst in einer andere… Das sollte die Lehre aus der Taxil-Affaire sein, aber Katholiken und viele Evangelikale haben das immer noch nicht verstanden. Solche Gedanken führen zu nichts als zu Angst und Fehleinschätzungen, zu Hass, der Erkaltung der Liebe und einer Massenhysterie, wie wir sie, sobald wir uns im traditionalistischen Spektrum bewegen, sofort antreffen. Anstatt in denen, die den Herrn nicht kennen, arme und bedauernswerte verlorene Schafe zu sehen, die immer unser Gebet und unsere Liebe verdienten, lässt sich der besonders fromme, „glaubenstreue“ Katholik zu dem hinreißen, was ihm an erster Stelle untersagt wäre: Menschen zu hassen. Der Hass wird legitimiert durch eine vorherige Dämonisierung dieser Menschen. Ein teuflischeres Ränkespiel, dem all diese Frommen auf den Leim gehen, könnte man sich kaum denken.
Wer hat ein Interesse an solchen Ränkespielen?
Es geht heute in unserer Zeit in jedem Fall um die Kontrolle der Traditionalisten: wer in diesem Raum auch nur einmal diesem Aberglauben widerspricht, darf nicht erwarten, dass er noch mit Respekt, Fairness oder gar brüderlicher Liebe behandelt wird. Wer diese Ammenmärchen nicht glaubt, wird schnell identifiziert als „eingeschleuester“ Agent der Freimaurer oder noch besser: als dämonisch besessener Pseudokatholik. Und wenn man als ein solcher Zweifler und Kritiker auch noch weiblichen Geschlechtes ist, scheint der teilweise schauerlich aufgehetzten Meute der Fall sowieso klar: eine Frau, was soll man da auch sonst erwarten, denn das „Sündengift des Weibes“[43] lässt immer wieder grüßen!
Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man das alles für eine Realsatire halten.

Doch zurück zur Frage der Staatsformen:
Das depositum fidei hat niemals eine besondere Staatsform als alleine gut und „katholisch“ definiert – selbst Pius X. musste das zugeben.[44] Die katholische Lehre hing überhaupt keiner besonderen Staatsform an, sondern hielt daran fest, dass es Sache der Völker sei, sich Staatsformen, die zu ihnen passen, zu geben.[45] Wichtig war in diesem Argument einerseits die Legitimität der Staatsform und ihrer Exponenten, andererseits die kirchliche Aufforderung, dass jegliche Regierung den anerkennt, von dem sich ihre „potestas“ ableitet: Gott. Denn der heilige Paulus hatte geschrieben, jegliche (legitime) staatliche „potestas“ stamme von Gott und habe den Zweck, das Recht zu wahren (Röm. 13, 1-5). Der Staat kann nach katholischer Lehre kein Selbstzweck sein. Die vielfach im traditionalistischen katholischen Umfeld behauptete Illegitimität von Staatsformen, die säkular bzw. laizistisch konzipiert sind, eben weil sie sich nicht als Diener Gottes verstehen wollen, kann man mit der Stelle in Röm. 13 kaum rechtfertigen. Leo XIII. schrieb:

„Die Religion aber aus dem öffentlichen Leben gänzlich verbannen, und in der bürgerlichen Gesetzgebung und Regierung ganz von Gott absehen, gleichsam als gebe es keinen Gott, das ist ein selbst den Heiden unerhörter Frevel; denn diese hatten eine so tiefe und feste Überzeugung nicht bloß von den Göttern, sondern auch von der Notwendigkeit einer öffentlichen Religionsausübung, dass sie sich eher eine Stadt ohne Fundamente als ohne Gott vorstellen konnten.“[46]

Diese „synkretistische“ Argumentation Leos XIII. mutet absurd an. Meint er: „Hauptsache irgendwie religiös, egal wie, auch wenn die Götter Teufel sind“? Oder meint er, alle Religionen seien irgendwie wenigstens ein bisschen wahr? Klingt das nicht freimaurerisch?!
Es war doch in all den Kämpfen um die Religionsfreiheit keineswegs gleich, ob man dem wahren oder falschen Gott anhängt, oder ob dieser „Gott“ womöglich sogar ein als „Gott“ verehrter Mensch ist. Was die Kirche den Freimaurern vorwarf, nämlich eine Verehrung des Menschen als Gott und Gottlosigkeit, bewertete sie gegenteilig, wenn nur genügend Jahrhunderte oder Meilen zur aktuellen Krise vorlagen... Die römische Rechtsverfassung hatte einige Wandlungen durchlaufen im lauf der Jahrhunderte und war während der republikanischen Zeit zur „res publica“ geworden, die eben nicht mehr unter der Herrschaft der Priester („pontifices“) stand, sondern zunächst adliger Familien, dann der Konsuln und später der Prätoren. Der speziell im römischen Recht entwickelte starke Form-Charakter aller Rechtstakte, die genaue Kodifizierung und die öffentliche Darstellung erzeugt zwar so etwas wie einen „sakralen“ Charakter, aber eben ohne auf einen bestimmten Gott Bezug zu nehmen. Das Recht ruhte in sich selbst und sprach für sich selbst. Kaiser Justinian bezeichnete das Recht als „Tempel der Gerechtigkeit“.[47]

Der heilige Paulus spricht in Römer 13 von der römischen Staatsmacht, die sich selbstverständlich - in der Frühzeit eine heidnische Republik und in der Spätzeit den Kaiser vergötzendes „Imperium“ - nicht als Dienerin des wahren Gottes verstand. Genau diese Tatsache bewog die Juden, sich dieser Staatsmacht nicht beugen zu wollen und auf einen Messias zu hoffen, der einen Staat wieder herzustellen, der dem wahren Gott dient. Jesus selbst hatte diese Ideen brüskiert und verlangt, dass man dem römischen (also den Abgöttern huldigenden) Kaiser gebe, was ihm zukomme (Lk. 20, 25). Eine innere Anhänglichkeit an den Kaiser schloss er aber aus. Paulus legt hier ebenfalls eindeutig nicht Wert darauf, dass an der Spitze eine monarchische, „rechtgläubige“ Gestalt stehe, sondern auf die römische Rechtsverfassung und ihre … Gerechtigkeit (im Vielvölkerstaat mit verschiedenen Kulten):

„Principes non sunt timori boni operis, sed mali. Vis autem non timere potestatem ? Bonum fac : et habebis laudem ex illa : Dei enim minister est tibi in bonum. Si autem malum feceris, time : non enim sine causa gladium portat. Dei enim minister est : vindex in iram ei qui malum agit.“

(„Die Regierenden sind nicht wegen guter Werke zu fürchten, sondern wegen böser Taten. Was tun, um die Potestas nicht zu fürchten? Tu Gutes, und du wirst deren Lob erhalten: Sie ist dir Gottes Diener im Guten. Wenn du aber das Böse tust, führt sie nicht ohne Grund das Schwert. Sie ist nämlich Gottes Diener: Beschützer gegen den, der Böses tut.“)

Diese Aussage folgt sinngemäß der römischen Auffassung: das Recht selbst hat einen Eigenwert, und der, der es vertritt und einfordert, ist immer ein Diener Gottes, auch wenn er nicht glaubt.

Die Worte Jesu an Pilatus, der mit seiner Macht über Leben und Tod auftrumpft, bestätigen, dass die staatliche „potestas“ nicht nur dann legitim ist, wenn sie sich den religiösen Normen des wahren Gottes unterwirft. Jesus antwortet dem Pilatus, er hätte keine Macht, wenn sie ihm nicht „von oben“ gegeben worden wäre (Joh. 19, 11). Das heißt, dass Pilatus selbst die Hinrichtung des Gottmenschen prinzipiell legitim, wenn auch ungerecht und illegal, weil der Sohn Gottes unschuldig war, verfügt.
Man vermischt die Frage der Legitimität der staatlichen „potestas“ mit der Frage nach einer gerechten und legalen Ausübung der „potestas“.

Die Kirche hat sich an so strenge Maßstäbe ja selbst im Bedarfsfall nicht halten wollen. Bis heute wirft man ihr vor, durch das Reichskonkordat mit Hitlerdeutschland 1933 das „Reich des Führers“ als erster Staat der Welt anerkannt und damit als moralische Instanz legitimiert zu haben, obwohl sie wusste, wer Hitler ist. Pius XI. erklärt selbst in seiner vier Jahre später geschriebenen Enzyklika „Mit brennender Sorge“, warum er trotz schwerer Bedenken  diesen Schritt getan hat:

„Als Wir, Ehrwürdige Brüder, im Sommer 1933 die Uns von der Reichsregierung in Anknüpfung an einen jahrealten früheren Entwurf angetragenen Konkordatsverhandlungen aufnahmen und zu Euer aller Befriedigung mit einer feierlichen Vereinbarung abschließen ließen, leitete Uns die pflichtgemäße Sorge um die Freiheit der kirchlichen Heilsmission in Deutschland und um das Heil der ihr anvertrauten Seelen – zugleich aber auch der aufrichtige Wunsch, der friedlichen Weiterentwicklung und Wohlfahrt des deutschen Volkes einen wesentlichen Dienst zu leisten.
Trotz mancher schwerer Bedenken haben Wir daher Uns damals den Entschluß abgerungen, Unsere Zustimmung nicht zu versagen. Wir wollten Unsern treuen Söhnen und Töchtern in Deutschland im Rahmen des Menschenmöglichen die Spannungen und Leiden ersparen, die andernfalls unter den damaligen Verhältnissen mit Gewißheit zu erwarten gewesen wären. Wir wollten allen durch die Tat beweisen, daß Wir, einzig Christus suchend und das, was Christi ist, niemandem die Friedenshand der Mutterkirche verweigern, der sie nicht selbst zurückstößt. Wenn der von Uns in lauterer Absicht in die deutsche Erde gesenkte Friedensbaum nicht die Früchte gezeitigt hat, die Wir im Interesse Eures Volkes ersehnten, dann wird niemand in der weiten Welt, der Augen hat, zu sehen, und Ohren, zu hören, heute noch sagen können, die Schuld liege auf Seiten der Kirche und ihres Oberhauptes. Der Anschauungsunterricht der vergangenen Jahre klärt die Verantwortlichkeiten. Er enthüllt Machenschaften, die von Anfang an kein anderes Ziel kannten als den Vernichtungskampf.“[48]

Diese Worte geben zu, dass Pius XI. sehr wohl den Widerspruch zu dem sonstigen kirchlichen Anspruch empfand und glaubte, diesen folgenschweren Schritt im Nachhinein irgendwie rechtfertigen zu müssen… Sichtlich hatte er ein äußerst ungutes Gefühl, wenn nicht sogar ein schlechtes Gewissen, denn die Kirche hatte feilschen wollen, wo nichts zu holen war. Sie hatte einen Pakt geschlossen mit einem Teufel, weil sie geglaubt hatte, auf diese Weise etwas retten zu können, also genau das getan, wogegen sie mit Feuer und geistigem Schwert so lebhaft seit 200 Jahren vorgegangen war….

Wie abwegig und wirklichkeitsfern die genannten monarchistischen und teilweise faschistischen Träume katholischer Reaktionäre sind, kann man am Beispiel Spaniens ablesen: In der Diktatur Francos wurde das spanische Königshaus 1948 nach einem langen Ringen zwischen dem faschistischen Diktator und dem exilierten König wieder „vor-restauriert“: Juan Carlos sollte nach dem Willen Francos politisch ausgebildet werden, um nach dessen Tod die Monarchie als faschistischen Staat zu restaurieren. Wieso Franco die Macht nicht vorher abzugeben gedachte und an den legitimen Herrscher zurückgeben wollte, ist – gemessen am katholischen Royalismus - eine offene Frage… Der Monarch übernahm tatsächlich 1975 nach Francos Tod die Herrschaft, aber er neigt ganz und gar nicht den reaktionären Einstellungen zu, die man mit der Monarchie verband…[49]
An der Stelle erweist sich einmal mehr die Untauglichkeit des Weltdeutungsschlüssels vom genannten Antagonismus. Man will nicht sehen, dass Monarchen häufig selbst Freimaurer waren bzw. sind oder freimaurerähnlichen Vereinigungen angehör(t)en bzw. einem ähnlich liberalen Gedankengut anhängen, dass davon abgesehen ihre Herrschaftsstile oft alles andere als christlich und eher Tyranneien waren, dass aber umgekehrt auch Freimaurer reaktionären Monarchieidealen folgten und sie schleichend und aggressiv verfochten, wie etwa der berühmt-berüchtigte und bekennende Freimaurer Joseph-Marie de Maistre, der sogar einer der Vordenker der päpstlichen Unfehlbarkeit und des päpstlichen Zentralismus war. [50] Emile Cioran schrieb über de Maistre: „An den Verheißungen der (Anm. HJ: monarchischen) Utopie scheint alles bewundernswert und ist alles falsch; an den Feststellungen der Reaktionäre ist alles verabscheuenswert und scheint alles wahr“.[51]

Die Vorliebe der Reaktionäre für „die“ Monarchie entspringt ihrer Fetischisierung des Hierarchischen. Ein Monarch ist dem Wortsinn nach ein „Alleinherrscher“. Nun sind aber Monarchien nur selten echte „Alleinherrschaften“ gewesen und standen „demokratischen“ Regierungsformen nicht einmal sonderlich fern. Und wenn sie strenge „Alleinherrschaften“ waren, dann standen sie unter der Gefahr der größtmöglichen und denkbaren Perversion eines Staatswesens: der Tyrannis. Selbst Thomas von Aquin, auf dem man sich gerne beruft, hat davor ausdrücklich gewarnt.[52]
Im Klartext: Der reaktionäre katholische Traditionalismus in seinen vielen Spielarten spielt mit der politischen Polarisierung, er spielt mit dem Feuer, fast möchte man sagen: egal wie… er schreibt einer starren ständischen Hierarchisierung geradezu magische Kräfte zu.
Man mag laizistische Staatsverfassungen mit triftigen Gründen auf lange Sicht für unrealisierbar halten, aber man wird ihnen nicht unterstellen können, dass es nicht ihr Anliegen wäre, „Gerechtigkeit“ herzustellen. Sie treten nicht auf mit dem Anliegen, sich gegen Gott oder ein gerechtes Gesellschaftskonzept zu positionieren, sondern gegen ungerechte Rechtsverhältnisse in den Vorgängerstaaten.
Der Frage nach der Ungerechtigkeit in christlichen Monarchien wichen aber die lautstarken katholischen Kritiker der modernen Staatsformen aus und ließen sie bis heute unbeantwortet. Auch Leo XIII. fabuliert sich die christliche Geschichte einfach zurecht. Er schreibt etwa die Abschaffung der Sklaverei der Kirche auf die Fahnen:

„Sie war es ja, die durch ihre Lehre und ihr Wirken die Menschheit von dem Druck der Sklaverei befreite, indem sie das große Gesetz der Gleichheit und Brüderlichkeit unter den Menschen verkündete; sie trat zu allen Zeiten als Schirmerin der Schwachen und Unterdrückten gegen die Übergriffe der Mächtigen auf; sie bezahlte die Freiheit des christlichen Gewissens mit dem teuren Preis des Märtyrerblutes; sie gab dem Kinde und der Frau die naturgemäße Würde zurück, gesellschaftliche Gleichberechtigung und Achtung; sie hat mitgeholfen, die bürgerliche und staatliche Freiheit der Völker zu schaffen und aufrecht zu erhalten.“[53]

Dabei haben Christen schon früh Heiden, die sich nicht taufen lassen wollten, gejagt und als Sklaven in den Orient verkauft, ja sogar durch eine berüchtigte Bulle Nikolaus V. aus dem Jahr 1452 solches Treiben bestätigt![54] Erst 90 Jahre später verfügte ein anderer Papst, Paul III., nachdem eine weltliche Regierende, übrigens eine Frau (!), Königin Isabella von Spanien, diese Sklaverei verboten hatte, in der Bulle „Sublimis Deus“ jegliche Versklavung von Heiden in Kolonialgebieten. Dennoch hielt man den Sklavenstand weiterhin aufrecht: die Sklaverei wurde im Kirchenstaat erst 1838 als einem der letzten europäischen Staaten per Gesetz verboten. Hat Leo XIII. gute 60 Jahre später das wirklich nicht mehr gewusst?

Der Glaube an eine quasi „ontologisch“ begründete hierarchische Herrschaftsstruktur nach dem Muster extrem-monarchischer irdischer Gewalt, ohne die die Kirche zusammenbräche, dieser Glaube, der anderen so gerne versteckten „Gnostizismus“ unterstellt, trägt selbst deutlich dessen spätanike-augustäische oder hellenistisch-monarchistische Merkmale und ist grundsätzlich eine politisierte Spielart des Arianismus einerseits und der spätrömischen Menschenvergötzung anderseits.[55] Vom Arianismus übernimmt er die uneingestandene Hierarchisierung der trinitarischen Gottheit, indem er dessen Ebenbild, den als Ebenbild gleichwürdigen Menschen, so behandelt, als seien nur einige der Menschen, nämlich die „Führer“, wahre Gottebenbilder, alle anderen seien zwar Menschen, aber aufgrund der „natürlichen Ungleichheit“ nicht vollkommen und müssten „ontologisch“ unterworfen sein. Eine natürliche Verschiedenheit an Gaben schließt ja logisch keineswegs eine hierarchische Ungleichheit oder „Überlegenheit“ ein. Es wird dies aber stillschweigend vorausgesetzt und gelehrt.[56]
Spätantik-augustäisch insofern, als er der Vergötzung eines bloßen Menschen zuneigt und ihn als besonderes Abbild der Gottheit ansieht. Züge einer Augustus-ähnlichen Verehrung trägt das Papsttum seit dem späten 19. Jh infolge des Vaticanum I.

Dieser Glaube äußert sich in der Projektion auf den Klerus, die Monarchen und die Geschlechterbeziehung unter denen, die sich für Verfechter des wahren Glaubens halten, sachlich aber eigentlich nur Personen sind, die in den beiden großen Schützengräben des 19. Jh für die ultramontan-integralistische Seite plädieren. Immerhin brach die Kirche am Ende trotz, wahrscheinlich sogar wegen der immer rigideren und absolutistischeren Hierarchisierung zusammen, über die eine so gravierende Uneinigkeit bestand, wie sie nicht tiefgreifender hätte sein können. Der Stein des Anstoßes war dabei das, was das Neue Testament dazu überliefert: mit dieser Überlieferung geriet der klerikale Hierarchismus in schwerste Konflikte und wollte diese Tatsache um keinen Preis an sich heranlassen.
Die Rechtgläubigkeit der ultramontanen Ideologie steht nach wie vor nicht fest. Zu schwerwiegend sind die Argumente der zahlreichen, ganz verschieden denkenden Gegner gewesen, die aufgrund des Schriftbeweises und der Traditionen nicht mitziehen konnten und von Rom durch systematische Bespitzelung, Jagden, Indizierungsverfahren und Anzeigen vor dem Heiligen Offizium ausgelöscht, verfemt und unter den Teppich gekehrt worden sind. Nicht alle der damals Exkommunizierten und zum Schweigen Verurteilten waren „Häretiker“ oder „Modernisten“. Dieses düsterste Kapitel der neueren Geschichte wird eines Tages noch einmal überprüft werden müssen.
Niemand möge sich aber darüber hinwegtäuschen, dass das, was nach dem Vaticanum II geschah, nicht im mindesten die gravierenden theologischen Fragwürdigkeiten der Ultramontanen beseitigt hätte. Meine These ist, dass sie sie sogar noch verfestigt haben. Schon das Vaticanum I wurde von sehr vielen als Bruch empfunden. Ignaz Döllinger sprach davon, man habe im Eilverfahren eine „neue Kirche“ hergestellt.[57] Genau dieselben Argumente hören wir heute von Lefebvristen und Sedisvakantisten. Es ist mir unverständlich, dass diese Kreise nicht selbst merken, dass sich nach dem Vaticanum II fast derselbe innere Prozess vollzogen hatte, wie schon nach dem Vaticanum I, dort aber nur bei den Gebildeten und Intellektuellen, die sich mit der Sachlage auskannten. Das altkatholische Schisma vermengte ebenso wie der postmoderne Traditionalismus berechtigte Kritik mit zahlreichen Irrlehren. Diese Tragik zeichnete auch die die Reformation: berechtigte Kritik führte in der Ablösung von Rom zu einer neuen Irrlehre.
Ich glaube, dass der Gegensatz der beiden Konzile, den viele wahrzunehmen glauben, in Wahrheit nicht existiert. Ergebnis und einziges Ziel des Vaticanum I war die Machtkonzentration und Alleinstellung des Papstes in allen Entscheidungen (!). Man irrt sich, wenn man dieses Konzil für relevant in echten Glaubensfragen hält – es wurde, außer einem schwachen Ansatz zum Thema „Vernunft und Glaube“ nichts (!) Bedeutendes debattiert und nichts weiter abgeschlossen. Bewusst wurde alles andere draußen gelassen, was ursprünglich auf der Agenda stand. Und bewusst wurde das abgebrochene Konzil nicht wieder aufgenommen. Seine Mission war mit aller Wahrscheinlichkeit mit den beiden Papstdogmen erfüllt…
Die Wahrheit ist, wie es scheint, dass viele einfache fromme Leute nicht begriffen haben, was das Vaticanum I eingeleitet hat, nach wie vor einem vorvatikanischen Kirchenbild anhingen und erst nach dem Vaticanum II allmählich dämmern sahen, dass inzwischen etwas geschehen war, was sie intuitiv nicht mehr für katholisch hielten. Die vielgepriesene „Kollegialität der Bischöfe“ aber, die man dem Vaticanum II zugute hält, ist kein „Gegensatz“ zum Vaticanum I, sondern dessen logische Fortführung: seither hat der Bischof jede Freiheit und Unabhängigkeit endgültig verloren und muss in allem mit dem Kollektiv heulen, das von Rom  aus kontrolliert und manipuliert wird.

Mit der zugespitzten Zentralisierung der Macht, die mit dem Vaticanum I eingeleitet wurde, hat man sich endgültig entfernt von der Weisung Jesu:

„Scitis quia hi, qui videntur principari gentibus, dominantur eis : et principes eorum potestatem habent ipsorum.
Non ita est autem in vobis, sed quicumque voluerit fieri major, erit vester minister :
et quicumque voluerit in vobis primus esse, erit omnium servus.
Nam et Filius hominis non venit ut ministraretur ei, sed ut ministraret, et daret animam suam redemptionem pro multis. (Mk. 10, 42, ff)

(„Ihr wisst, dass sie durch die, die als Fürsten über die Völker angesehen werden, beherrscht werden: und ihre Fürsten haben die Macht über sie. So ist es bei euch nicht, sondern jeder, der ein Größerer werden will, wird euer Diener sein: und wer immer unter euch der Erste sein will, wird der Diener aller sein.
Denn der Menschensohn kommt nicht, damit ihm gedient werde, sondern dass er diene, und dass er sein Leben gebe zur Errettung für viele.“)

Dieser Satz Jesu ist so eindeutig und so antihierarchisch, dass niemand es leugnen kann, ohne sich selbst als Irrlehrer zu offenbaren!
Die merkwürdige Machtverdichtung, die das Vaticanum I definieren wollte, steht auch im Widerspruch zu den Worten des ersten Papstes:

„Seniores ergo, qui in vobis sunt, obsecro, consenior et testis Christi passionum : qui et ejus, quæ in futuro revelanda est, gloriæ communicator : pascite qui in vobis est gregem Dei, providentes non coacte, sed spontanee secundum Deum : neque turpis lucri gratia, sed voluntarie : neque ut dominantes in cleris, sed forma facti gregis ex animo.“ (1. Petr. 1, 1ff)

(„Deshalb beschwöre ich die Ältesten, die bei euch sind, als ein Mit-Ältester und Zeuge der Leiden Christi: der ich auch Teilhaber an dem Glanz bin, der in Zukunft offenbart werden soll: weidet die Herde Gottes, die euch anvertraut ist, als Vorausschauende nicht durch Zwang, sondern in freier Wahl, wie es Gott entspricht; weder für den perversen Dank des Gewinns, sondern aus freien Stücken: noch um die Gemeinden zu beherrschen, sondern seid von Herzen Vorbilder der Herde.“)

Wenn man diese Worte liest, bekommt man sie beim besten Willen nicht mit dem theologischen Macht- und Domaninzrausch des Papsttums zusammen, der im 19. Jh dogmatisch die Startrampe für den großen Glaubensabfall durch die Hierarchie selbst zementiert hat.

Und nota bene: An dieser Perversion hat nicht eine einzige Frau mitgewirkt!


[1] Etwa in dem Buch des Jesuiten Georg Michael Pachtler, anonym erschien: Der stille Krieg gegen Thron und Altar oder das Negative der Freimaurerei. Freiburg 1876. Ähnlich war das gesamte Wirken Hermann Grubers SJ dem Kampf gegen die Freimaurerei gewidmet. Dieser Kampf bestand darin, überhaupt erst ein bestimmtes Wahnbild von der Freimaurerei durch zahlreiche Publikationen zu erschaffen.
Der „Vater“ der jesuitischen Antiaufklärungs-Antiilluminaten- und Antifreimaurerhetze ist jedoch der Abbé Augustin Barruel (1741-1829), der in seinem Hauptwerk „Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus“ eine mehrschichtige Verschwörungstheorie präsentiert.
[2] „Das eine ist das Reich Gottes auf Erden, nämlich die wahre Kirche Christi; wer ihm wahrhaft und zu seinem Heile angehören will, der muss Gott und seinem Eingeborenen Sohne mit ganzer Seele und voller Hingebung seines Willens dienen. Das andere ist das Reich des Satans, dem alle jene botmäßig und zu eigen sind, welche dem verhängnisvollen Beispiele ihres Führers und unserer Stammeltern gefolgt sind, dem ewigen göttlichen Gesetze den Gehorsam verweigern und vieles mit Verachtung Gottes, ja vieles gegen Gott selbst unternehmen suchen.“ Vgl. Leo XIII.: Humanum genus, 1884 auf Deutsch hier: http://www.kathpedia.com/index.php?title=Humanum_genus_%28Wortlaut%29#Sie_unterw.C3.BChlt_den_Staat (21.4.2016)
[3] Darin finden wir folgende General-Unterstellung, die fast genauso von „Kirchenfeinden“ der Kirche zurückgegeben wird: „Diese Vereinigung die mit ihrem Riesennetz fast alle Nationen umspannt und sich mit anderen Geheimbünden vereint, die sie dann an verborgenen Fäden leitet, hat es dadurch, dass sie ihre Anhänger mit Vorteilen, die sie ihnen verschafft, anlockt und die Dirigenten bald durch Versprechungen, bald durch Drohungen nach ihren Absichten lenkt, dahin gebracht, dass sie in alle Gesellschaftsklassen eingedrungen ist und sozusagen einen unsichtbaren Staat ohne Verantwortungen im gesetzlichen Staat bildet. Beseelt vom Geiste des Satans, der sich, wie der Apostel sagt, bei Gelegenheit in einen Engel des Lichts (2 Kor 11, 14) zu verwandeln weiß, rühmt er sich seiner Humanitätsbestrebungen, beutet aber alles für den Zweck des Geheimbundes aus, und während er behauptet, keine politischen Ziele im Auge zu haben, entfaltet er eine weitgreifende Tätigkeit in der Gesetzgebung und Verwaltung des Staates; während er äußerlich die bestehende Obrigkeit und selbst die Religion respektiert, strebt er als höchstes Ziel (und seine eigenen Statuten bestätigen dies) die Vernichtung von Staat und Kirche an, die ihm als Feinde der Freiheit gelten.“ (29), deutsche Übersetzung auf http://www.kathpedia.com/index.php?title=Annum_ingressi_sumus_%28Wortlaut%29#DIE_FREIMAUREREI_ALS_HERD_DER_ANTIKIRCHLICHEN_MACHENSCHAFTEN (14.4,2016)
[4] A.a.O., Abschnitt 31
[6] Vgl. Anm. 11
[7] Friedrich Holtschmidt referiert ausführlich in seinem Werk „Der Stern von Bethlehem. Kundgebungen des Einheitsbundes deutscher Freimaurer“ von 1899, wie sehr Freimaurer schon seit dem späten 18. Jh auch außerhalb der Kirche für alle Missstände verantwortlich gemacht wurden.
[8] Diese geistige Linie zeigt anhand zahlreicher Beweise aus päpstlichen Bullen seit dem 13. Jh Johannes Rieks, vgl. nächste Anmerkung, ab S. 8 auf.
[9] Der „Taxil-Schwindel“ im späten 19. Jh, über den ein sehr sachhaltiges, zeitgenössisches Werk geschrieben wurde von Johannes Rieks: Leo XIII. und der Satanskult. Berlin 1897, ist nicht der einzige „Fake“. Die Freimaurerhysterie der Katholischen Kirche forderte solche Verulkungen geradezu heraus.
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Taxil-Schwindel#cite_ref-2 (14.4.2016). Nachzulesen ist der Auftritt Taxils in der Geographischen Gesellschaft, wie ihn „L’écho de Paris“ am 22.4.1897 dann ausführlich berichtete, bei Rieks, S. 219 ff
[11] Der Enthüllungsschwindler Taxil hatte das Pseudonym einer Dame, „Diana Vaughan“, gewählt, unter deren Namen er die Memoiren einer Ex-Palladistin unter dem Titel „Eucharistic Novena“ und eine Sammlung von Gebeten veröffentlichte, die Leo XIII. lobte. Die Palladisten werden in Taxils Fiktion als eine freimauererische kultische Gruppierung dargestellt.
[12] Johannes Rieks, a.a.O., VII
[13] Johannes Rieks, a.a.O., S. 221
[14] Johannes Rieks, a.a.O., S. 217
[15] Nachdruck des Artikels dort am 22. April 1897 im „Reichsboten“, ziert nach Johannes Rieks, a.a.O., S. 223
[16] Johannes Rieks, a.a.O., S. 224
[17] Johannes Rieks, a.a.O., S. 225
[18] Ebenda 
[19] Ebenda, S. 226
[20] Friedrich Holtschmidt: Der Stern von Bethlehem. Kundgebungen des Einheitsbundes deutscher Freimaurer. Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1899, zitiert aus Kap. 19, digitalisiert auf http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-stern-von-bethlehem-kundgebungen-des-einheitsbundes-deutscher-freimaurer-7407/19
[21] Holtschmidt, a.a.O.
[22] Holtschmidt, a.a.O.
[23] Rieks, a.a.O., S. 16
[24] Holtschmidt, a.a.O.
[25] Theodor Lessing: Einmal und nie wieder. Lebenserinnerungen. Posthum Prag 1935. zitiert nach Kap. 29 „Weltkinder“, digitalisiert hier http://gutenberg.spiegel.de/buch/einmal-und-nie-wieder-7848/28
[27] Eugen Lennhoff und Oskar Posner: Internationales Freimaurerlexikon, 1932, nachlesbar hier: http://freimaurer-wiki.de/index.php/Antifreimaurerkongress (17.4.2016)
[28] „Phantastisches erzählte Taxil auch von sexuell-orgiastischen Vorgängen in Frauenlogen und vom "Meuchelmord in der Freimaurerei", dem er ein ganzes Buch widmete. Die Mitteilungen über die Audienz beim Papst, die in der katholischen Presse in sensationeller Aufmachung erschienen, erhöhten den Glauben an die Richtigkeit der Enthüllungen, die immer toller wurden. 1891 kam das Buch "Les Soeurs Maçonnes" ("Gibt es Frauen in der Freimaurerei?") heraus, in dem der angebliche Teufelskult der Hochgradmaurerei noch eingehender ausgemalt wurde. In den "palladistischen Satanslogen" feierte man nach Taxil wahre Unzuchtsorgien. Luzifer würde auch hier als Prinzip des Guten verehrt, der Gott der Christen als Geist des Bösen geschmäht. "Hier beginnen der Kult und die direkte Anbetung des Teufels, die progressive Vertiefung durch die Schwarze Kunst, endlich die Ehrenbezeugung an den Satan in Gestalt einer Schlange... der Adept ruft Satan als seinen Gott an... er betet ihn an in Gestalt von Baphomet (s. d.), einem infamen Götzenbild mit Bocksfüßen, Frauenbrüsten und Fledermausflügeln". Taxil ließ auch eine von ihm erfundene Sophie Walder auftreten, die "Urgroßmutter des Antichrist" und palladistische Großmeisterin.
Noch ein zweites weibliches Wesen wurde ersonnen, die "Palladistin Diana Vaughan", angeblich 1874 als Tochter des Teufels Bitru geboren, im Alter von zehn Jahren in eine amerikanische Palladistenloge aufgenommen und dem Teufel Asmodeus angetraut. Diese gar nicht existierende Dame "schrieb" unter dem Titel "Mémoires d'une Expalladiste" scheußliche Enthüllungen, die weiteste Verbreitung fanden. Mit der Welt verkehrte Diana Vaughan ausschließlich durch Taxil. Sie publizierte durch ihn Artikel mit authentischen Teufelsdokumenten, z. B. der Unterschrift des Teufels Bitru. Als sie dem Kardinalvikar Parocchi eine Spende für einen geplanten antifreimaurerischen Kongreß zukommen ließ übermittelte ihr dieser im Auftrag des Papstes den Apostolischen Segen.“ (http://freimaurer-wiki.de/index.php/Leo_Taxil) am 23.4.2016

[30] Vgl. Johannes Rieks, a.a.O. S. 8 ff
[31] Abbé Perau: Der verrathene Orden der Freymäurer, Und das offenbarte Geheimniß der Mopsgesellschaft. Frankfurth und Leipzig 1745/ Maurerische Ansichten. Herausgegeben vom Hofrath von Schütz in Zerbst. Leipzig bei Wilhelm Lauffer 1825/“Frankfurter Ephemeriden für deutsche Weltbürger, Band 1, Frankfurt a.d. Oder 1793 enthält eine Darstellung der albernen Rituale und Regeln des Mops-Ordens
[32] Gustav Raatz: Der Mops-Orden. Leipzig 1879. In: „Die Gartenlaube“, Heft 20, S. 236 ff:
„Die Freimaurerei, dieses stete Gespenst der katholischen Kirche, hatte dem heiligen Vater in Rom, Papst Clemens dem Zwölften, viele schlaflose Nächte bereitet, und die Jesuiten hatten den in ihm nun einmal erwachten Haß derartig genährt, daß er endlich über diesen „Teufelsorden“, diese „schwarze Bande“, den Stab brach und raschen Zuges die schon fertige Bannbulle unterzeichnete. Das war im Jahre 1736, also vor länger als einem Säculum. Ein jäher Schreck durchzitterte die Katholiken unter den Freimaurern; denn es handelte sich nicht nur um den Verlust kirchlicher, sondern auch bürgerlicher Rechte. Damals war es ja nicht wie heute, wo der Staat päpstlichen Uebergriffen in bürgerliche Verhältnisse durch seine Gesetzgebung Schranken zieht. So mußten sich denn die katholischen Freimaurer zum Austritt aus dem Bunde entschließen und zu Kreuze kriechen.
Allein die Sehnsucht nach der alten Verbindung mit ihren gesellschaftlichen Annehmlichkeiten war in vielen Herzen zurückgeblieben, und schließlich wurde der angeregte Gedanke, einen verwandten, aber auf einer andern Basis stehenden Orden zu gründen, zur That. Mit größter Vorsicht wurde bei Abfassung der Statuten alles vermieden und ausgeschlossen, was auch nur im Entferntesten dazu angethan war, den Papst gegen diese neue Vereinigung einzunehmen. So strich man vor Allem den Eid der Freimaurer, von dem man wußte, daß sich über denselben das Oberhaupt der Kirche am meisten geärgert hatte, und erklärte dafür das einfache Ehrenwort des Aufzunehmenden, nichts von den Geheimnissen verrathen zu wollen, für bindend genug; ferner sollten zur weiteren Beruhigung Roms dem Orden nur Katholiken beitreten dürfen (obgleich in der Folgezeit Ausnahmen nicht selten waren), und um diese Angelegenheit als eine ganz harmlose, ungefährliche hinzustellen, befürwortete man den Zutritt des weiblichen Geschlechts. Diese drei Bestimmungen beruhigten den Papst vollständig, und er ließ seine Kinder gewähren.
Der Orden that sich also auf, und die Aussichten für ihn waren nicht übel. Denn kaum geboren, fand er nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, England und Holland Aufnahme. Alles ging so glatt und vortrefflich von Statten, daß sich Jemand zu der Prophezeiung vermaß, daß der Orden bald über ganz Europa verbreitet und von ewigem Bestande sein würde.
Des guten Klanges und des besseren Fortganges wegen hatte man sich gleich anfangs um die Gunst und den Beitritt von gekrönten Häuptern, und auch nicht vergeblich beworben. Mehr Schwierigkeiten scheint indeß die Wahl eines zutreffenden Sinnbildes bereitet zu haben. Treue, Ergebenheit, Vertrauen, Bescheidenheit, Beständigkeit, Zärtlichkeit, Sanftmuth, Leutseligkeit, Liebe und Freundschaft – all diese Tugenden durch ein Merkmal auszudrücken war wahrlich keine zu unterschätzende Aufgabe. Man verzagte jedoch nicht, und bald hieß es denn auch in einer erleuchteten Stunde: nichts wäre geeigneter, passender und würdiger, das Sein und Bestreben des Ordens zu versinnbildlichen, als der – Mops! Was war natürlicher, als sich nach dem Symbol fortan Mops und den Orden Mopsorden zu nennen? Von dieser Stunde an rief man sich nicht mehr Obermeister, Obermeisterin, Bruder und Schwester, sondern Obermops, Obermöpsin, Mops und Möpsin an – Alles „mopste“ sich, und die liebe Gewohnheit gab den Gesichtern, aus denen sich anfangs ob solcher curiosen Anrede ein kaum zu unterdrückendes Lächeln abgespiegelt hatte, nach und nach ihre alte Verfassung wieder.
So ungefähr stellt eine alte Quelle, ein 1756 bei J. C. Klüter in Berlin erschienenes freimaurerisches Werk, den Ursprung einer der seltsamsten und abgeschmacktesten Erscheinungen auf dem Gebiete jener geheimen Gesellschaften dar, deren üppige Wucherung für das vorige Jahrhundert so charakteristisch ist. Dermaßen abgeschmackt ist diese Erscheinung, daß, als längere Zeit nach ihrem Verschwinden die Forschung ihre Spur wieder auffand, man die ganze Sache für eine Mystification, für ein satirisches Phantasie-Erzeugniß anzusehen geneigt war. Man wurde bestärkt darin durch den Umstand, daß über den Ursprungsort dieses „Mopsordens“ nichts zu ermitteln war, was übrigens bis heute noch der Fall ist; die Franzosen schieben ihn den Deutschen zu, und diese jenen; die Existenz des Ordens in Frankfurt am Main, in Köln, Nürnberg (von wo eine Denkmünze über Gründung einer Centralloge des Ordens in Nancy stammt), in Holland, Frankreich, England wurde quellenmäßig constatirt und wieder abgestritten. Aber daß der Orden existirt hat, steht außer allem Zweifel, seit man eine hannöverische Verordnung vom Jahre 1748 fand, nach welcher jener für die Universität Göttingen verboten wird, und so wird er wohl auch anderwärts ein, wenn auch kurzlebiges, Dasein geführt haben, wie beispielsweise noch am Schweriner Hofe, besonders aber in Köln unter dem Protectorate des galanten geistlichen Kirchenfürsten Clemens August, welcher an dem Orden die vom älteren Freimaurerthum ausgeschlossen Aufnahme von Damen sehr zu schätzen wußte.
Möpse und Möpsinnen genossen gleiche Rechte. Selbstverständlich standen demnach letzteren auch alle erdenklichen Ehrenstellen offen, und thatsächlich führte neben dem Obermopse die Obermöpsin das Schwert. Um nun alle Mißhelligkeiten zu vermeiden, die gar leicht aus einer solchen Doppelherrschaft erwachsen konnten, hatte man statutenmäßig das Uebereinkommen getroffen, alle halbe Jahre das Regiment zu wechseln, also daß in dem ersten der Obermops mit dem Aufseher, Redner, Secretär und Schatzmeister, und in dem folgenden die Obermöpsin mit der Aufseherin, Rednerin, Secretärin und Schatzmeisterin die Loge leitete. Natürlich durfte die Obermöpsin auch in Vereinsangelegenheiten mitreden.“

[33] Diese Aussage wird in den katholischen Organ „Historisch-politischen Blättern“ 1896 II. Band, S. 731 in einer Notiz bestätigt.
[34] Kommentar in der „Kölnischen Volkszeitung“ am 15. Juli 1897, zitiert nach Rieks, a.a.O., S. 228
[35] Lessing, a.a.O.
[36] Rieks, a.aO., S. 19 ff
[37] Rieks a.a.O., S. 31 f
[38] Zitiert nach „Das Dynamit des Herrn Mäder – Zeitgeschichte vor siebzig Jahren“ vom 28.9.2011 http://www.manfred-gebhard.de/M.111999.htm (14.4.2016)
[39] Zitiert nach Johannes Rieks, a.a.O., S. 234
[40] Zitat aus der „Prawda“  und aus einem DDR-Lexikon Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14321277.html (6.4.2016)
[41] Ein großer Erfolg war seinerzeit das Buch, das Erich und Mathilde Ludendorf  1929 veröffentlicht hatten: „Das Geheimnis der Jesuitenmacht und ihr Ende“. Dieses Buch ist digitalisiert und kann hier gelesen werden:  https://archive.org/stream/DasGeheimnisDerJesuitenmachtUndIhrEnde/ErichUndMathildeLudendorffDasGeheimnisDerJesuitenmachtUnd-ihrEnde#page/n3/mode/2up (18.4.2016)
[42] John Cornwell: Pius XII., München 1999. S. 59
[43] Mäder, a.a.O.
[44] Leo XIII.: Libertas Praestantissimum 1888: „Auch ist es keine Pflichtverletzung, lieber eine Staatsverfassung zu haben, welche durch eine Volksvertretung gemäßigt ist, solange dabei die katholische Lehre von dem Ursprung und der Anwendung der Staatsgewalt gewahrt bleibt. Die Kirche verwirft keine jener verschiedenen Staatsformen, solange sie aus sich geeignet sind, das Gemeinwohl zu besorgen; sie verlangt aber, dass die einzelnen Verfassungen, wie es ja auch die Natur verlangt, ohne Rechtsverletzung zustande kommen namentlich unter Wahrung der kirchlichen Rechte.“  Deutscher Wortlaut auf http://www.kathpedia.com/index.php?title=Libertas_praestantissimum_%28Wortlaut%29 
Pius X.: Notre charge apostolique, 1910: „„Wir brauchen nicht zu beweisen, dass die Heraufkunft der allgemeinen Demokratie keine Bedeutung für das Wirken der Kirche in dieser Welt hat; Wir haben bereits daran erinnert, dass die Kirche es immer den Nationen selbst überlassen hat, sich die Regierungsform zu geben, welche sie für ihre Interessen als die günstigste halten. Wir wollen nur noch einmal, wie Unser Vorgänger, bekräftigen, dass es ein Irrtum und eine Gefahr ist, den Katholizismus grundsätzlich völlig einer Regierungsform zu verschreiben: ein Irrtum und eine Gefahr, die umso größer sind, wenn man die Religion mit einer Art von Demokratie verbindet, deren Lehren falsch sind.“ Deutscher Wortlaut auf http://www.kathpedia.com/index.php?title=Notre_charge_apostolique_%28Wortlaut%29 (18.4.2016)
Pius XI.: Dilectissima nobis 1933: Allen ist ja bekannt, dass die katholische Kirche keine Staatsordnung gegenüber einer anderen besonders bevorzugt, sofern nur die Rechte Gottes und des christlichen Gewissens gewahrt und geschützt werden, und dass sie sich daher ohne Schwierigkeit mit jeder Staatsform ins Einvernehmen setzen kann, sei es ein Königreich oder eine Republik, eine Aristokratie oder eine Demokratie.“ Ein zusammenfassender Artikel zum Thema von Herbert Schambeck: Menschenrechte, katholisch gesehen (2), 2010, auf Zenit, org: https://de.zenit.org/articles/menschenrechte-katholisch-gesehen-2/ (18.4.2016)
[45] Pius X., a.a.O.
[46] Leo XIII.: Humanum genus. 1884. Abschnitt 24. Deutscher Wortlaut hier: http://www.kathpedia.com/index.php?title=Humanum_genus_%28Wortlaut%29 (21.4.2016)
[50] Joseph-Marie de Maistre (1753 – 1821)
[51] Vgl. Artikel über de Maistre https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Marie_de_Maistre (10.4.2016)
[52] Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten. Übers. v. Friedrich Schreyvogl. Nachwort v. Ulrich Matz. Reclam, Stuttgart 2008
[53] Leo XIII.: Annum ingressi sumus 1902, Abschnitt 27. Wortlaut auf Deutsch: http://www.kathpedia.com/index.php?title=Annum_ingressi_sumus_%28Wortlaut%29 (23.4.2016)
[54] Nikolaus V.: „Divino amore communiti“ von 1452, „aliaque dominia, terræ, loca, villæ, castra, possessiones, et bona hujusmodi fuerint invadendi, conquirendi, expugnandi et subjugandi, illorumque personas in perpetuam servitutem redigendi“, zu deutsch „die übrigen Länder, Felder, Orte, Häuser, Burgen, Besitzungen und Güter (der Ungläubigen) ebenso zu erobern, ihre Bewohner zu vertreiben, zu unterjochen und in die ewige Sklaverei zu zwingen“.
[55] Kurz vor der Geburt Christi hatte im römischen Reich eine gewaltige Umwälzung der staatlichen Strukturen und Machtkonzentrationen stattgefunden: „Der Ehrenname Augustus, „der Erhabene“, den der Senat Octavian am letzten Tag des Staatsakts vom Januar 27 v. Chr. verlieh, erinnerte an das augurium, eine Kulthandlung zur Deutung des Willens der Götter, die der Sage nach schon Romulus vorgenommen hatte. Der Name setzte seinen Träger also mit dem legendären Gründer der Stadt Rom gleich und verlieh der obersten politischen Gewalt im Staat eine sakrale Aura, wie sie die Konsuln zu Zeiten der Republik nie besessen hatten.“
[56] Etwa bei Leo XIII.: Humanum genus 1984, a.a.O. unterstellt in Abschnitt 26 ein abstruses Staatskonzept aufseiten der Freimaurer, das angeblich alles dem Gutdünken des einzelnen überlassen wolle, wo doch die Begabungsunterschiede dies verunmöglichten. Leo XIII. kommt hier wie auch sonst ohne Nachweis der Behauptung aus, dies sei das Konzept der Freimaurer, aber gravierender ist, dass nicht eine liberale Staatstheorie von der Begabungsgleichheit aller ausgeht. Sie will dagegen in „kommunikativen“ oder anderen Rahmenbedingungen der Teilhabe aller eine möglichst gerechte Teilhabe aller ermöglichen.
[57] Döllinger die Dogmenverkündung 1870 als einen Bruch mit der bisherigen Kirche, „durch die nach D.s schneidendem Wort beim Empfang der Münchner Fakultät durch den von Rom zurückkehrenden Münchener EB Scherr eine „neue Kirche“ an die Stelle der „alten“, das heißt der wahrhaft katholischen, apostolischen trat.“

Donnerstag, 21. April 2016

Die Frauenkrise (III) - Kopfbandagen statt Brautkrone



(Die Leseproben zum Thema "Frauenkrise" sind immer nur Ausschnitte aus einem umfangreicheren Text!)

3. Kopfbandagen statt Brautkorne

Die, die aufgrund der göttlichen Verfügung an der Front im Kampf gegen den Satan steht, soll um nahezu jeden Preis von diesem Kampf abgehalten werden. In welche Systeme immer man die Frau hineinreißt, sie dienen allesamt diesem einen Zweck: die Feindschaft der Frau zum Bösen umzudeuten zu einer besonderen und numinosen, „wesenhaften“ Nähe zum Dämonischen und Bösen. In diesem Trachten sind sich die Propagandisten von rechts und links mehr oder weniger einig. Alles ist erlaubt, nur nicht diese eigenständige Fürsprecher- und Mittlerrolle der Frau. Sie soll vom Mann dominiert werden, egal wie, und eine Emanzipation, die darauf abzielt, die Frau der Gestalt des Mannes genau anzugleichen, schenkt der Frau sicher viele Freiräume und hält sie vor allem nicht grundsätzlich für einen Mindermenschen, verlangt aber dennoch eben die Angleichung an den Mann und dessen Dominanzgehabe, das sie nun kopieren soll. Man kann solche Emanzipation aus diesem Grund als eine besonders subtile Spielart maskuliner Dominanz ansehen. Der moderne, im Grunde utopische Genderismus basiert auf Vorüberlegungen Herbert Marcuses und glaubt, dieses letzte Hindernis einer unechten „Emanzipation“ der Frau beseitigen zu können. Der Mann trägt der Frau auf, eine weibliche Revolution zu beginnen… Und wieder ist er es, der die Richtlinien vorgibt, als wäre er Gott und müsste die Welt neu erschaffen und neue Aufträge erteilen – diesmal an eine Frau, die sich gefälligst in seinem Sinn zu befreien hat.

Gehen wir solchen Spielarten dieser maskulinen, subtilen Dominanz im (kirchen-)historischen und kulturellen Prozess doch ein wenig nach:

3.1. Die Frau als Fetisch männlicher Ehre

Die „Ehrbegriffe“ der meisten Kulturen kranken daran, dass die Frau eben gerade keine eigene Ehre hat, sondern als „Ehrfunktion“, ja als Fetisch, als eine neurotische Projektionsgestalt maskuliner Moraldefizite missbraucht und erpresst wird. Sie ist ein leerer Spiegel, ein Objekt ohne eigene Würde, eine Art Barbie-Puppe, die von der Familie zwanghaft an- und ausgezogen, auf verschiedene Weisen verschleiert und unsichtbar gemacht wird. Sie wird vielerorts legal geschlagen, mit tausend Tabus belegt, in Tüchern förmlich mumifiziert und bandagiert, vor allem und bezeichnenderweise ihr Kopf, an der freien Körperbewegung gehindert, im Haus eingesperrt, in weiten Teilen der Erde an den Genitalien beschnitten und rechtlich wie ein Mündel behandelt, sprich: zurückgesetzt, abhängig gemacht und sozial gelähmt. Archaische Skulpturen („Venusfigurinen“[1]) von weiblichen Gestalten haben oft keinen Kopf bzw. kein Gesicht, keine Hände und keine Füße, sind nur Leib-Maschine, und ihr Modell erinnert an die aristotelischen Lehren, auf die Thomas von Aquin zurückgreift, aber auch das so sektiererisch erzwungene Kopftuch der Frau im Islam und leider auch bei vielen Juden, den Orthodoxen und zunehmend unter traditionalistischen Katholiken. Wenn so oft in frommen Texten wohlmeinend darauf abgehoben wurde, der Mann sei das „Haupt“, die Frau das „Herz“, dann verlegt auch diese Rede das Frausein unbewusst in den Rumpf und ist viel zu simpel, um das auszusagen, was sie ist oder sein soll.
Um jeden Preis will man eine „Arbeits- und Rollenverteilung“ definieren, die angeblich „Schöpfungsordnung“ sei, bringt dabei aber nur Klischees zustande. Der Schöpfer hat nun einmal auch der Frau nicht nur einen Rumpf mit Herz und Unterleib, sondern einen Kopf, Arme und Beine wie dem Mann gegeben! Und: der Schöpfer sprich auch beim Mann stets das Herz an, das er ihm genauso eingepflanzt hat!
Die Kopfbandage der Frau ist Symbol für die Verneinung ihrer Eigenständigkeit. Das normative Verständnis der neutestamentlichen Aussage, der Mann sei „Haupt der Frau“, so, als hätten Frauen vom Schöpfer keinen oder nur einen minderwertigen oder überflüssigen Kopf erschaffen bekommen, führt zur Verneinung des Kopfes der Frau, der dennoch objektiv auch ein Haupt ist und genauso konstruiert ist wie der Kopf des Mannes.
Es ist auffallend, dass von frühen Kirchenschriftstellern an bis hin zu modernen Interpreten der Schöpfungsbericht und die Sündefallerzählung unter Zuhilfenahme zahlreicher Annahmen gedeutet werden, die sich im Schrifttext nicht finden. Man bedient sich zur Interpretation entweder antiker Philosophen oder antiker Mythologie und hat aus dem, was die Genesis berichtet, ein monströses Gebilde gemacht, das für die Frau ausschließlich negativ, für den Mann aber konsolidierend ist.
Evas Schuld wird geradezu dämonisch aufgeblasen, teilweise sogar unter Zuhilfenahme der ungeheuerlichen Behauptung, sie habe einen „Pakt“ mit dem Satan geschlossen, um die Herrschaft des Mannes (!) zu stürzen, oder sei mit dem Bösen sogar identisch. Die Schuld Adams legt man, so wie er es bereits im Garten Eden Gott entgegenhalten wollte, der Frau zur Last. Er ist das arme Opfer, die Frau die böse Täterin: „Cherchez la femme!“
Jeder nüchterne Blick ins Weltgeschehen kann den vernünftig denkenden Menschen angesichts solcher Unterstellungen nur den Kopf schütteln lassen über soviel Ignoranz und Perfidie.
Viele heutige Katholiken aus den verschiedenen konservativen Lagern reflektieren die Überlieferungen, auf die sie da zurückgreifen, nicht nüchtern, sie forschen nicht, sondern deuten schwärmerisch, und es ist eine weitere Tatsache, dass ein großer Teil unter ihnen nicht erst heute, sondern offensichtlich von Anbeginn an einerseits ungeordneten antifeministischen bzw. frauenkritischen Reflexen folgt oder sich dem ebenfalls ungeordneten Herrschaftsanspruch des selbstmitleidigen, unbußfertigen Mannes an die Fersen hängt. Das dienende Vorbild Christi gerade für den Mann ist erneut an der „duritia cordis“ (Mt. 19, 8) des Herzens des Mannes abgeprallt. Kritik an einem falschen Feminismus müsste daher tiefschürfend, vernünftig und vor allem gerecht erfolgen.
In den Augen dieser durch die Narrative der integralistischen und „antimodernistischen“ Bewegung des 19. und frühen 20. Jh geprägten Kreise hängt das ganze Glück der Welt und des Himmels daran, dass es irdische Hierarchien gibt, dass es ein Oben und ein Unten gibt und prinzipiell eine unkritisch für „natürlich“ gehaltene Machtfülle des Mannes wie ein Heiligtum gehätschelt wird, weil andernfalls die Welt untergeht. Solcher Traditionalismus weist Eva eine initiale und aktive Schwerst-Sünde zu. Adams Sündenfall ist in der Lesart solcher Geister eine passive, mindere und nur abgeleitete Schuld: das numinose „Weib“ hat sich mit dem Satan verbündet und reißt den harmlosen und überrumpelten Mann mit in die Sünde. Hören wir uns doch einmal eine solche abscheuliche Tirade aus Klerikermund an, denn ich rechne damit, dass man meine Feststellungen für „übertrieben“ halten wird. Das Zitat ist trotz seiner Länge nur ein kleiner Teil der Tiraden des Autors, dessen Werke stets mit einem „Imprimatur“ versehen wurden:

„Der Baum der Menschheit sollte durch das revolutionäre Sündengift des Weibes derart widergöttlich durchseucht werden, daß er unfähig würde, die Edelfrucht des Christkönigs zu tragen. (…) Satan appelliert an die Eitelkeit des Weibes: Du wirst gleich einer Göttin! Eine Angebetete! Die Erste statt der Zweiten! Das schmeichelt der Frau. Die Frau ist nach göttlicher Weltordnung Gehilfin des Mannes. Die Zweite. Ihre Größe soll darin bestehen, das zu sein, was Gott will, daß sie sei. Die Mitwirkende, nicht die Führende. Das verlangt Demut. (…) Die Sünde Luzifers bestand darin, daß er nicht der Zweite sein will neben Christus dem Ersten. Diese Gesinnung, mit welcher die Revolution im Himmel ihren Anfang genommen, soll nun durch die Schlange auch in die Frau hineingetragen werden. Die Frau soll im Paradies das erste Wort führen. Die Frau soll auf Erden der Mittelpunkt werden, um den sich alles dreht. Die Erste statt der Zweiten! Damit nimmt die Revolution auf Erden ihren Anfang. Ihr Ursprung aber ist luziferianisch. Der Feminismus ist luziferianisch. Er geht auf Satan zurück. (…)Wenn man die Menschheit unfehlbar in den Abgrund treiben will, dann muß man nur nach luziferinischem Vorbild das Weib versinnlichen und vergöttern durch schamlose Mode und radikale Frauenrechtlerei. Umgekehrt, wenn man die Menschheit retten will, muß man die Frau retten, das heißt demütig und rein, marianisch machen. Die Rettung der Frau das große Christkönigsproblem!“ [2]


[1] Vgl. Bilder hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Venusfigurinen (16.4.2016)
[2] Dieser Text stammt von dem bei Traditionalisten sehr beliebten radikalen Integralisten und Prälaten Robert Mäder (1875-1945) in „Maria siegt!“ von 1935: http://immaculata.ch/verlag/maeder/maria_siegt_001.htm (13.4.2016)

Dienstag, 5. April 2016

Die Frauenkrise (II) - Raub der Brautkrone



Raub der Brautkrone – die Erzählungen in Genesis 2 und 3


a. Weibliche Selbst-Ignoranz und Fehlimpulse zum Mann hin

Das ist es (was im vorigen Post beschrieben wurde), was sich bis heute in den Hochzeitsriten aller Völker nicht verlieren lassen konnte, gleich welche Hölle man der Frau anschließend bereitet. Die Brautkrone raubt man der Frau mit der Heirat nämlich – sie trägt sie stets an ihrem Hochzeitstage zum letzten mal. Darin liegt eine niederschmetternde Botschaft.
Diese niederschmetternde Botschaft offenbart sich in den Wendungen von Genesis 2 und 3 verborgen und kann von dort aus teilweise entschlüsselt werden.
Die Frauen, so wird immer wieder mit einiger Plausibilität festgestellt[1], wissen nicht (mehr), wer sie sind, und diese Ignoranz ist Kern aller weiblichen Tragik. Ihr Verhältnis zur Welt ist vielleicht weniger elementar verwundet als das des Mannes, um dessentwillen der „Ackerboden verflucht ist“ (Gen. 3) und ihm mit „Dornen und Disteln“ widersteht, aber sie hat kein Verhältnis mehr zu sich selbst. Diese Blindheit für die eigene Würde ist Erklärung für das schwankende und widersprüchliche Verhalten der Frau. Der Mann, so sehr er sich nach der ursprünglichen Frau sehnt, tut andererseits alles, in ihr auch von seiner Seite aus das Bewusstsein ihrer souveränen Würde zu löschen oder zu ersticken, wenn es aufkeimt, weil er der Herrscher sein und den Kniefall nicht nur vor Gott, sondern auch die Ehrerbietung vor ihr verweigert. Seine Tragik ist eine andere Schizophrenie, die der Hybris und dem Zorn über den Verlust der Harmonie mit der Schöpfung entspringt. Gegenüber der Tatsache, dass die Frau das Schöpfungswerk Gottes ursprünglich krönt, hält er ihr erbittert entgegen, zuerst geschaffen worden zu sein und darum auch der „Erste“ im Sinne des „Größten“, „Weiseren“, „Höherstehenden“, des „Gebieters“ und des „Herrschers“ sein zu müssen. Er vermischt das, was Gott ursprünglich geschaffen hat mit dem, was der Mensch sich als Sündenfolge eingehandelt hat. Der Mann tut das, was in Gen. 3, 16 der Frau als Folge ihrer Sünde angekündigt wird: er wird die Frau beherrschen. Aber diesem Sinnen und Trachten zum Herrschen geht ein „Fehlimpuls“ durch die Frau voraus oder spielt ihm zu, die sich selbst beraubt oder bereitwillig berauben lässt, indem sie um den Mann und seine Aufmerksamkeit buhlt, sich selbst kindisch herabsetzt und – wie  ich noch von den älteren Generationen in meiner Kindheit und Jugend stets hören konnte – „zu einem Mann aufschauen können soll“ oder einem künftigen Mann „auf keinen Fall überlegen sein darf“.
Noch in meiner Altersgruppe gab es junge Frauen, die, derart instruiert und zu einer merkwürdig „selbstbewussten Einschüchterung“ erzogen, etwa auf den Besuch des Gymnasiums verzichteten oder sich anderweitig kleinmachten oder kleinmachen ließen oder dem Mann in gezielt mädchenhaft-unreifer Art entgegenkamen, obwohl sie talentiert waren und sachliche Interessen gehabt hätten. Nicht selten waren und sind es die Mütter, die die Töchter in dieser Weise niedrig zu halten versuchten, während sie die Söhne bei geringerer Begabung und deutlichem sozialem Fehlverhalten förmlich zu „Machos“ aufbauten, und sich in ihnen spiegelten. Das Motiv für die Lähmung der Frauen lautete volkstümlich, sie „heirateten ja doch“, als ob eine Ehe keinerlei intellektuellen Anspruch hätte, bedürften also weder besonderer Bildung noch geistiger Eigenständigkeit und sollten schon im Vorfeld alles tun, um nur ja nicht etwa über den künftigen, unbekannten Mann „hinauszuragen“.


Welch eine absurde Performance: die Frau, die offenbar so sehr überlegen ist, dass sie gedrosselt werden muss, um nur ja dem Mann nicht das Gefühl zu geben, unterlegen zu sein und ihn in seinem Wahn zu bestärken, der „Bessere“, „Vernünftigere“ und „Größere“ zu sein, die auf Bildung verzichtet, um den Mann nicht zu überrunden, der damit im Grunde als minderbegabt und der „Blödere“ entlarvt wird… Man impft ihr ein, weniger vernünftig als der Mann zu sein und richtet den Appell an sie, dies gefälligst zu befolgen… Es ist als wollte man der Nachtigall sagen: Du kannst nicht singen, halt den Mund, nicht dass der Kuckuck, der doch in allem viel besser ist als du, durch deinen Gesang beschämt wird…

Ich habe mehr als eine solcher Frauen erlebt, deren Ehe genau an diesem selbstauferlegten Defizit scheiterte, entweder weil der Mann sie aufgrund seiner Bevorzugung, die sie ihm ungesund spiegelte, ohnehin missachtete oder weil sie selbst mit zunehmender Reife schmerzlich diese Lebenslüge und freiwillige Selbstverstümmelung zu bedauern gelernt hatte und spätestens in der Lebensmitte dem nagenden Zweifel erlag, etwas verpasst zu haben, um etwas betrogen worden zu sein.
Die Verstümmelung und Unterdrückung weiblicher Fähigkeiten als eine Art Luxus-Verzicht, als ob die Menschheit die Gaben der Frauen brachliegenlassen könnte, als ob Gott sie zum Wegwerfen begabt hätte, nicht aus fehlenden finanziellen Mitteln zur Ausbildung, sondern alleine um des männlichen Überlegenheitsanspruchs willen, ist nach Gen. 3, 16 in jedem Fall Folge der Sünde und nicht „Schöpfungsordnung“.
Das natürliche Recht verbietet die gezielte und grundsätzlich intendierte Behinderung, Verkümmerung, die despotische Lenkung und Beraubung eines Menschen bzw. bestimmter Menschengruppen um Talente und Gaben. Wenn schon im Alten Testament beklagt wird, dass die Witwen faktisch lebensunfähig werden, dann liegt dies daran, dass man die Frau in fast jeder Hinsicht entmündigt und daran gehindert hat, prinzipiell und für den Notfall auf eigenen Füßen zu stehen. Die Unterdrückung der Witwen, die ohne eine umfangreiche Diskriminierung, harten Bildungsausschluss und die soziale Schwächung der Frau nicht beklagt worden wäre, ist ein „Dauerbrenner“ im Alten Testament und selbst noch im Neuen Testament und ein Ausdruck des tiefsten Abfalls von Gott.

b. Von der „Hilfe“ abwärts zur „Gehilfin“: Gute Schöpfungsordnung versus Sünden-Unordnung

Man fragt sich, wie es sein kann, dass die Frau, obwohl sie zweifellos hochbegabt ist, weltweit in einem so viel elenderen Zustand als der Mann ist. Eine Antwort gibt die Erzählung in Genesis 3. Das Strafgericht Gottes über die Schlange und den gefallenen Menschen in Genesis 3 verlangt eine genauere Betrachtung:

Es heißt in Vers 16, dass die Frau nach ihrem Mann verlangen bzw. von ihm dominiert würde und er sie im Gegenzug beherrschen werde. Weithin schrieb sich der Mann in Israel und im Abendland diese Aussage stolz auf seine Fahnen: wenn das so ist, muss er ja der Bessere und Größere und Unschuldigere sein!
Der Mann dürfte sich, wenn er so denkt, gewaltig verrannt haben.

Obwohl im Hebräischen und Lateinischen die gesamten Strafverse grammatisch im Futur stehen, wurden sie fast durchweg als „Soll-“Aussagen übersetzt oder aufgefasst. Wo im Original steht: „Du wirst unter seiner Gewalt stehen, und er wird über dich herrschen“ (eindeutige Futurformen in älteren Vulgata-Übersetzungen bzw. der Nova Vulgata: „… sub viri potestate eris, et ipse dominabitur tui“/“ad virum tuum erit appetitus tuus, ipse autem dominabitur tui“) übersetzten viele, etwa Martin Luther, „Er soll über dich herrschen“.
Ein Soll, das man zur Not aus dem hebräischen Grundtext herauslesen könnte, aber selbst die hellenistisch geprägte und ganz und gar nicht frauenfreundlich ausgerichtete Septuaginta doch als Futur und nicht als Sollsatz übersetzt hatte, wurde in der Spätantike grammatisch nicht als Soll aufgefasst, sondern als ein einfaches Futur und dementsprechend übertragen. Ein Soll würde man im Lateinischen stets durch einen Konjunktiv ausdrücken. Solche Soll-Konjunktive finden sich übrigens mehrfach im selben Genesis-Kapitel (s.u.)!
Die dadurch entstehende Suggestion, es handle sich durch das „Soll“ um eine Art Gesetzesvorgabe bzw. um so etwas wie den „zweiten Teil der Schöpfungsordnung“ wurde heillos Gottes gute Ordnung mit der durch die Sünde entstandenen Unordnung zu einem schizophrenen „Soll“ vermischt.

Aus der ursprünglich als „adiutorium“ oder „adiutor“ (hebr. „eser“/„Hilfe“) für den Mann geschaffenen Frau wurde plötzlich eine unterworfene „Gehilfin“ im Sinne der lateinischen „famula, „ancilla“ oder gar „serva“. Davon ist aber im Schrifttext keine Rede. Das „adiutorium“ (Gen. 2, 18) bzw. der „adiutor“ (Gen. 2, 20), das oder der die Frau nach der Schöpfungsordnung dem Mann ist, ist kein „Gehilfe“ oder „Faktotum“, er ist auch nicht nur ein „Partner“ (gleichberechtigter Teilhaber) im modernen Sinne, sondern ein eigenständiger Fürsprecher, Anwalt, Beistand und Helfer. Wenn moderne Theologen mit Stolz die Aufwertung der Frau an der Unordnung nach dem Sündenfall hochrechnen und die Unterwerfung und Erniedrigung bei einer „Gleichstellung“ als dem höchsten der Gefühle enden lassen, dann ist das, gemessen an der guten Schöpfungsordnung, wohl immer noch viel zu gering:

Die Begriffe, die der Frau zugeordnet werden, weisen auf Gott selbst. Gott selbst lässt sich in der Schrift vielfach als „adiutorium“ ansprechen, etwa in Hebräer 13, 6: „Dominus mihi adjutor : non timebo.“ („Der Herr ist mein Helfer: ich werde mich nicht fürchten.“) oder in Psalm 7, 11: „Justum adjutorium meum a Domino, qui salvos facit rectos corde.“ („Meine gerechte Hilfe ist beim Herrn, der diejenigen rettet, die aufrechten Herzens sind.“). Und in Psalm 27, 7 die berühmten Worte: „Dominus adjutor meus et protector meus ; in ipso speravit cor meum, et adjutus sum.“ („Der Herr ist mein Helfer und mein Beschützer; auf ihn hat mein Herz gehofft, und mir ist geholfen.“). Der Satz „Adiutus sum!“ schwingt auch in Adams Freude über das „Fleisch von seinem Fleisch und das Bein von seinem Bein“ in Genesis 2, 23 mit: „Hoc nunc os ex ossibus meis, et caro de carne mea…“ („Das ist nun endlich Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch…“). Anklingt in der Stellung als „adiutor“ auch der „neue Adam“, Jesus Christus, der aus der Frau geboren „Bein von unserem Bein und Fleisch von unserem Fleisch“ wurde, aber auch der geheimnisvolle „alius paracletus“ (Joh. 14, 16), den Jesus als den anderen „Beistand“, „Fürsprecher“, „Tröster“ und „Helfer“ und wenige Verse später (V. 26) als „Paraclitus autem Spiritus Sanctus“ („Der Paraclitus ist der Heilige Geist“) ankündigt. Die Anspielung „alius“ („anderer“/“weiterer“/“zweiter“) in Joh. 14, 16 legt nahe, dass Jesus sich selbst als den ersten „paraclitus“ und den Heiligen Geist als den zweiten, den anderen „paraclitus“ für die Gläubigen ansieht. Das Wort steht im Neuen Testament literarisch einzigartig.
Der göttliche „adiutor“, das „adiutorium“ des Herrn deckt sich jedenfalls sinngemäß mit dem „Parcaclitus“.

Der Begriff „Rolle“ ist hier zwar untauglicher als tauglich, ein besserer fehlt mir an der Stelle, und ich hoffe, dass wenigstens ahnungsweise aufscheint, was gemeint ist:
Die „Rolle“ der Frau hängt innig und geheimnisvoll mit den „Rollen“ Jesu und des Heiligen Geistes für den Menschen als Beistand, Hilfe und Advokatus zusammen.
Es wird schon hier deutlich, dass all diese Titel der Gottesmutter als Frau nach so langer Beraubung vollständig wieder zurückgegeben sind. Unsere „Fürsprecherin“, unsere „Hilfe“, unsere „Mutter“ und „Mittlerin“ – all das sind die restaurierten Titel der Frau…
Es werden im Alten Testament zahlreiche Frauengestalten vorgestellt, die früh auf diese ureigene Rolle der Frau, auf Maria, hinweisen. Trotz der Unordnung unter Sünde und trotz der Herabwürdigung der Frau in der Torah, der Mischna und im späteren Talmud kennt Israel die Frau und nennt zahlreiche ihrer Namen.


Es blieb einigen besonders verehrten Kirchenvätern im Gefolge hellenistischer Verblendungen vorbehalten, aus diesem Gotteszeichen ein bloßes Gebär-Instrument für den Mann zu machen, das nicht einmal mehr als vollgültiger Mensch und Ebenbild Gottes anerkannt wurde, wie ich zeigen werde. Ein früh angelegter Todeskeim in der Kirche, eine blasphemische Schande, die sich jahrhundertelang entfalten konnte und gerade unter „Glaubenstreuen“ kritiklos hofiert wurde und wird.

Nach der Schöpfungsordnung ist die Frau also eigenständiger Beistand, Hilfe, Mittlerin zu Gott und zur Welt in einem spezifischen Sinne und Anwältin des Mannes (und der Kinder). In genau jenen Rollen erscheinen die alttestamentlichen Frauengestalten. Die Verwundung der weiblichen Integrität durch die Sünde hat ihr die Rolle als Fürsprecherin nicht völlig genommen, aber verdunkelt und verzerrt.
Wir ahnen, warum Frauen nach dem Fall schwanken zwischen forcierter, dem Mann nicht selten auch noch eingeblasener Selbstverstümmelung und Auflehnung gegen die Unterjochung: sie haben eine Ahnung von der ursprünglichen Rolle, vermögen sie aber nicht mehr in Harmonie und Stimmigkeit zu erfüllen. Auf versteckten Pfaden erliegen sie der Vermischung der auseinanderstrebenden Rollen des notwendig unabhängigen, also freienadiutors“ und der abhängigen, also dem Mann sklavischen „famula“ oder „serva“. Die ursprüngliche Rolle gelingt unter Sünde nicht mehr und die Rolle unter Sünde ist doch zutiefst unpassend und elend. Zugleich spiegelt sich in der Seele der Frau ungeschminkter und trostloser der Verlust des übernatürlichen Gewandes, dem der Mann mit ihr gemeinsam unterliegt.

c. Das erste Strafgericht Gottes

Das Strafgericht Gottes über Schlange, Frau und Mann in Genesis 3 weist eine eigenartige Abfolge auf.
Gott spricht zwei Verfluchungen aus. Sie treffen beide Male die Kreatur und nicht den Menschen, haben aber weitreichende Folgen für Mann und Frau:

Die erste Verfluchung betrifft die Schlange: „Maledictus es inter omnia animantia, et bestias terræ : super pectus tuum gradieris, et terram comedes cunctis diebus vitæ tuæ.“ (V. 14) („Du bist verflucht unter allen Lebewesen und Erdtieren: auf deiner Brust wirst du kriechen, und Erde wirst du fressen alle Tage deines Lebens.“) Die Schlange, von der es zuvor hieß, sie sei unter allen Tieren das schlaueste (V. 1), stellt eine merkwürdige Gestalt dar: sie oszilliert zwischen dem geschaffenen und beseelten, natürlichen Lebewesen und dem Satan als Geistwesen, der aus ihr sprach oder sich ihre Gestalt geliehen hat. Da die Schlange auch als natürliches Lebewesen verflucht ist, wird ihr, wie es scheint, Schuld und Verantwortung für dieses Sich-Hergeben an die satanische Ambition zugewiesen.

Während sowohl bei der Schlange als auch beim Mann deren Vergehen jeweils in einem Schuldspruch benannt und mit einer Folge belegt wird, entfällt dies bei der Frau. Dieses Detail ist auffallend.
Der Schuldspruch Gottes an den Mann und an die Schlange beinhaltet jeweils einen Fluch und wird eingeleitet mit den Worten: „Quia fecisti hoc… maledictus es“ (an die Schlange in V. 14) bzw. „Quia audisti vocem uxoris tuæ… maledicta terra in opere tuo“. „Weil du XY getan hast… bist du/ist verflucht deinem Werk die Erde“. Die Frau steht zwischen diesen beiden Schuldigen als Täterin mit offenbar gemilderter Verantwortung. Auf die Frage Gottes, warum sie von dem Baum gegessen und dem Mann davon abgegeben habe, antwortet die Frau: „Serpens decepit me, et comedi.“ (V. 13) („Die Schlange hat mich getäuscht, und ich hab gegessen.“), und Gott widerspricht ihrer Darstellung nicht. Er macht ihr keinerlei Vorwurf und spricht kein Urteil über sie. Mich erinnert dies an den Satz Jesu an die Ehebrecherin: „Mulier, ubi sunt qui te accusabant ? nemo te condemnavit ? Quæ dixit : Nemo, Domine. Dixit autem Jesus : Nec ego te condemnabo : vade, et jam amplius noli peccare. » (Joh. 8, 10+11)  („Frau, wo sind die, die dich verklagten? Hat keiner dich verurteilt? Sie sagte: Keiner, Herr. Sagte aber Jesus: Dann verurteile ich dich auch nicht: Geh, und sündige ab jetzt nicht mehr.“) Die unendlich milde Umgangsweise Jesu mit Frauen, die nach dem Gesetz, anders als der Mann, aufs Härteste verurteilt wurden, ist wie ein Reflex auf das fehlende Urteil Gottes über die Frau in Genesis 3.
Vielmehr gibt Gott ihr gegenüber dem Satan eine Front-Kampfrolle. Es ist offenkundig, dass die Frau tatsächlich im Disput mit der Schlange getäuscht wurde und der Mann ihr nicht geholfen hat, obwohl er nach den Worten der Schrift „nicht verführt“ wurde (1. Tim. 2, 14), aber „bei ihr“ war (Gen. 3, 6: „viro suo secum“). Das „secum“ („bei ihr“) findet sich interessanterweise erst in der revidierten Nova Vulgata, nicht aber in den älteren Vulgata-Übersetzungen. In der Septuaginta steht „met autes“ („bei ihr“), eine Formulierung, die auch in Johannes 11, 31 vorkommt, wo gesagt wird, es seien Juden „bei ihr“ (Maria von Bethanien) gewesen, um mit ihr um Lazarus zu trauern.[2] Auch der hebräische Schrifttext weist, aufgrund des sehr sicheren unvokalisierten Bestandes an dieser Stelle, hier also ganz unabhängig von der Diskussion um die öfter behauptete Unzuverlässigkeit des masoretischen Textes, ebenfalls ein „mit ihr“ des Mannes aus:  es heißt in Vers 6, die Frau habe „le-isch imma“ von der Frucht gegeben, „dem Mann, der bei ihr war“. Das hebräische Wort „im“ heißt „mit“, „bei“ oder „gemeinsam mit“. Es steckt auch im arabischen Wort „Umma“ für die islamische Gemeinschaft, das wir inzwischen alle kennen, auf Hebräisch aber genauso heißt.
Es mutet tendenziös an, dass im Vulgata-Text jahrhundertelang ohne irgendeinen ersichtlichen Grund dieses Detail des Schrifttextes unterschlagen blieb. Man kennt aber die Ausrede der Männer, Eva habe Adam womöglich noch mittels Sexualität dazu „verführt“, von etwas zu essen, das er gar nicht begriffen habe, weil die Schlange Eva angeblich in Abwesenheit Adams angesprochen haben soll.
Diese den Mann fast vollkommen entlastende Sicht ist auf der Basis des Schriftbefundes in verschiedener Hinsicht unhaltbar. Sie ist nicht nur durch das kleine, aber feine Wort „secum“ ausgeschlossen, sondern auch durch den Schuldspruch Gottes an Adam, der ihm ausdrücklich vorwirft, er habe auf die Stimme der Frau gehört, anstatt auf das Gebot Gottes. Gott hat das Gebot an Adam gegeben, bevor Eva war, und hier fordert Gott folgerichtig die Einhaltung einseitig von Adam ein. Das wäre nicht geschehen, wenn Adam nicht bei vollem Bewusstsein von der verbotenen Frucht gegessen hätte: „Quia audisti vocem uxoris tuæ, et comedisti de ligno, ex quo præceperam tibi ne comederes…“ (V. 17). „Weil du gehört hast auf die Stimme deiner Frau und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir (zuvor) vorgeschrieben hatte, dass du nicht davon essen sollst…“ – hier übrigens in der Form „ne comerderes“ („dass du nicht essen sollst/mögest“) ein schönes Beispiel dafür, wie es klingt, wenn ein echtes Soll im Konjunktiv ausgesprochen wird. Gott hält Adam vor Augen, dass er ganz genau wusste, dass es sich um die verbotene Frucht handelte, und dass Gott selbst „zuvor“ (steckt im Verb „prae-cipere“, das „vorschreiben“, aber auch „zuvor festlegen“ heißen kann) gesagt hatte, davon nicht zu essen.

Den bekannten Schuldspruch, den Adam schon damals gleich nach dem Sündenfall gegen die Frau vorbrachte, verbunden mit einem Vorwurf an den Schöpfer selbst, der ihm die Frau als „socia“ („Gefährtin“) zugesellt hätte (V. 12), weist der Herr hart zurück und formuliert stattdessen einen Schuldspruch an Adam alleine.
Interessant auch hier, dass die ältere Vulgata entgegen der LXX und der hebräischen Schrift ein Detail weglässt: „Mulier, quam dedisti mihi sociam, dedit mihi de ligno, et comedi.“ (V. 12) („Die Frau, die du mir als Gefährtin gegeben hast, hat mir vom Baum gegeben, und ich habe gegessen.“) Die Nova Vulgata übersetzt korrekter die stärkere Formulierung Adams: „Mulier, quam dedisti sociam mihi, ipsa dedit mihi de ligno, et comedi”. In der Septuaginta wird ebenfalls durch das Wort „aute“ an der Stelle betont, im Hebräischen das ostentative „hi“ („sie“), wie durch das „ipsa“, dass sie es war, sie, die Frau, die schuld ist, sinngemäß also: „Die Frau…., die du…., sie war es, die…“. In Adams Reaktion offenbart sich eine erschreckende Selbstgerechtigkeit, Dreistigkeit und Härte. Die im Abendland, parallel zur neutestamentlich hauptsächlich Adam zugewiesene Verantwortung, tradierte Haltung, die Frau sei an allem schuld und müsse darum unterdrückt und dominiert werden, ist gemessen am Schrifttext ausgesprochen riskant und hochgradig spekulativ, wenn nicht sogar fahrlässig.
Um des Mannes selbst willen jedenfalls ist ihm (und mit ihm allen Nachkommen) der Erdboden fortan ein Fluch und wird ihm Dornen und Disteln entgegenstrecken (V. 18) und alles Fleisch muss seinetwegen sterben (V. 19).
Eigentümlich ist die Ankündigung Gottes an Adam, ab jetzt „comedes herbam terrae“. Hier findet sich eine Parallele im Schuldspruch an die Schlange, die in Zukunft nicht einmal mehr die „herbae“, sondern nur noch „terram comedes“ (V. 14). Die Nahrung der Schlange wird maximal herabgesetzt, ist das, was der Tod gebiert (V. 19), nämlich alles Lebendige, das wieder Staub wird, fressen soll, quasi eine Endlos-Todesschleife, eine echte Verdammnis. Die Nahrung des Mannes ist ebenfalls herabgewürdigt: Er soll „herba“, Kraut, Stengel, in gewissem Sinne sogar Un-Kraut essen, das, was direkt an oder in der Erde sprosst, nicht mehr die Früchte an den hochwachsenden edlen Bäumen in erster Linie, die ihm ursprünglich zugedacht waren: „Ex omni ligno paradisi comede“ (Gen. 2, 16). („Von allen Bäumen/Hölzern des Paradieses iss.“). Es ist in der Genesis bereits so, wie es im Neuen Testament geschrieben steht: In Adam haben alle gesündigt (1. Kor. 15, 22), und durch die Sünde eines einzigen Menschen wurde die ganze Schöpfung dem Tod überantwortet.

Über die Frau spricht Gott tatsächlich keinen Schuldspruch.
Wie kann das sein, da sie doch gefallen ist? Es liegt in keinem Fall daran, dass Gott sie nicht ebenso zur Verantwortung gezogen hätte wie den Mann. Er fragt sie genauso danach, warum sie getan hat, was sie getan hat, wie er den Mann fragt. Sie antwortet mit einem Satz, der alles sagt (s.o.): Sie hat sich täuschen lassen von der Aussicht, ihre Erkenntnisse zu vertiefen und erlag wohl aufgrund der boshaft durch die Schlange erzeugten Suggestion, sie werde andernfalls um etwas Wichtiges gebracht (V. 4ff). Die Frau kannte das Verbot genau und hat es sogar noch über-präzisiert. Während Gott nur den Genuss der Baumfrucht verboten hatte (Genesis 2, 17) und warnte, dass der Mensch andernfalls morte („zum Tod“) sterben werde, sagt die Frau zur Schlange, sie dürften von dem Baum weder essen noch ihn berühren: in den älteren Vulgata-Versionen finden wir „…præcepit nobis Deus ne comederemus, et ne tangeremus illud, ne forte moriamur…“ (V. 3) („Gott hat uns vorgeschrieben, dass wir nicht (davon) essen sollen (hier wieder sehr schön das konjunktive Soll!), und dass wir ihn nicht berühren sollen, damit wir nicht womöglich sterben.“) Das Wort „forte“ („etwa“/“vielleicht“/“womöglich“) ist in der Nova Vulgata weggelassen, denn es steht nicht in der Septuaginta.
Der poetische Reim-Anklang zwischen „morte“ in Kap. 2, 17 und „forte“ an dieser Stelle baut eine Suggestion auf: Der mahnende Satz, „morte morieris“, „zum Tod wirst du sterben“, der durch die Verdoppelung eine Verstärkung der Warnung enthält, wird bereits relativiert, wenn die älteren Vulgata-Übersetzungen der Frau in den Mund legen, sie habe gesagt „ne forte moriamur“, „damit wir nicht womöglich sterben“. Das ist eine krasse Textveränderung! Das lateinische „ne“ („damit nicht“) muss vollauf genügen, um den Sinn in der Septuaginta und im hebräischen Text zu treffen. Eine Verstärkung durch das mehr ins Vage belegte „forte“ nach „ne“ („ne forte…“ meint „damit nicht vielleicht“!), gibt der Aussage einen anderen Sinn.
Eine solche innere Tendenz zur Auflösung des Gebotes weist Evas Rede an dieser Stelle aber nicht auf. Im Gegenteil. Hinzu kommt, dass in der Septuaginta und im hebräischen Text die Frau an dieser Stelle Gottes Gebot nicht in indirekter Rede, wie die Vulgata in allen Versionen, auch der Nova Vulgata, übersetzt, darlegt, sondern in direkter Rede. Eine „ne forte“-Relativierung ergäbe in der direkten Rede Gottes sowieso gar  keinen Sinn…
Die grammatisch und inhaltlich stark verzerrende ältere Vulgata-Übersetzung intendiert beim Leser den Eindruck, die Frau hätte sich schon von sich aus von Gottes Gebot distanziert, bevor die Schlange sie zum Bruch des Gebotes aufforderte. Damit wird die Aktion der Frau dramatisiert und wesentlich verstärkt, wohingegen die anderen Textveränderungen, die ich schon benannt habe, die Aktionen des Mannes abgemildern oder gar annullieren.
Das Detail des Nicht-Berührendürfens hat Gott an der überlieferten Stelle in Kap. 2, 17 nicht gesagt. Worauf die Frau diese Aussage stützt, etwa auf eine nur mündlich überlieferte Aussage Gottes, lässt sich sachlich nicht weiter rekonstruieren oder erklären. Eines aber sagt uns der Zusatz: die Frau verstärkt damit sinngemäß das Verbot Gottes, ist also gerade nicht dabei, die Unbedingtheit aufzugeben, sondern will sie eifrig festhalten. Warum es ihr nicht gelang, wird uns andeutungsweise berichtet:
Ab Vers 6 lässt sie sich dazu überreden, von der Frucht zu kosten, weil sie ebenso köstlich schmecken würde, wie die der anderen Bäume (Kap. 2, 9), die Gott zunächst dem Mann zur Augenlust und Gaumenfreude geschaffen hat, und vor allem weise machen würde. Zuvor versucht sie zu widerstehen.
Das Geständnis der Frau, sie habe sich täuschen lassen und darum gegessen, ist keine Ausrede. Dass sie offenbar in der Täuschung auch ihrem Mann davon abgab, wird später im Schuldspruch an Adam noch einmal kundgegeben, allerdings nicht als Rechtfertigung für den Mann. Sein Versäumnis ist und bleibt, dass er, ohne getäuscht worden zu sein, davon nicht nur mitaß, sondern auch nicht einschritt. Offenbar befand er sich im Einverständnis mit allem, was von der Schlange über Eva auf ihn kam und leistete – im Gegensatz zur Frau bis zum Moment des Erliegens - keinerlei Widerstand. Seine Motive für den bewussten Abfall werden im Strafgericht zwar nicht geklärt, bleiben aber doch nicht ganz im Dunkeln (s.u./ Ausführungen zu Vers 22).

d. Die Frau im Zentrum der Feindschaften

Gott reagiert auf die Täuschung der Frau auf zweierlei Weise: Er kündigt der Verursacherin, der Schlange, an, dass er selbst Feindschaft zwischen den Satan und die Frau setze, und dass die Frau die Vorrangstellung im Kampf und im Sieg gegen den Satan haben und eines Tages (den) Retter gebären würde (V. 15). Der „Same der Frau“ (griech. „spermatos“/ hebräisch: „sera“) wird den des Bösen überwinden. In den älteren Vulgata-Versionen hieß es: „Inimicitias ponam inter te et mulierem, et semen tuum et semen illius : ipsa conteret caput tuum, et tu insidiaberis calcaneo ejus.“ („Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, und deinen Samen und ihren Samen: sie wird dein Haupt zertreten und du wirst sie in die Ferse stechen.“). Bekannt ist hier die Diskussion um das „ipsa“, das eine Fehlübersetzung ist. Sowohl im Hebräischen als auch im Griechischen steht hier nicht „sie“, sondern eindeutig „er“ – der Same. Das folgende „eius“ kann sowohl „ihn“ als auch „sie“ heißen. Eine offene Frage bleibt, wie Hieronymus und andere frühe Übersetzer, die ja, wie wir sahen, nicht frauenfreundlich übersetzten, eine so einfache Stelle „falsch“ übersetzen konnten. Sie waren sprachkundiger als wir, und ein Rest Unsicherheit über den „Fehler“ oder das „Missverständnis“ bleibt bestehen.
Daneben aber sagt Gott der Frau, er selbst schwäche sie in ihrer Aufgabe als Mutter leiblich so massiv, dass sie sich der Dominanz des Mannes überantworten und von ihm beherrscht werde (V. 16).
Diese beiden „Mutterrollen“ streben auseinander, lassen die Schizophrenie der Frauenrolle wieder deutlich zutage treten: Das, was der Frau massiv beschnitten und geschwächt wird, wird der Ort sein, an dem der Herr mit ihrer Hilfe und durch sie siegen wird.
Einen Schuldspruch aber verhängt Gott über die Frau immer noch nicht. Ebenso spricht er im Bezug auf ihre Täuschung keinen Fluch aus. Diese Reaktion des Herrn auf den Abfall der Frau weicht auffallend ab von der in mancher Hinsicht parallelen Reaktion auf die Schlange und den Mann.
Dennoch setzt er selbst sie, als Folge ihres Falles, der größten menschlichen, leiblichen und geistigen Zerreißprobe aus, für die jede Geburt, die eine Frau fast zerreißt und sie und das Kind objektiv in größte Todesnähe bringt, wie ein Kreuzes-Symbol im Raum steht.

Die Feindschaft der Schlange zur Frau, und die Herrschaft des Mannes über die Frau korrelieren eigentümlich. Der, der die Frau unter Sünde beherrschen wird, gerät allzu leicht in dieselbe Feindschaft gegen sie, die der Satan zur Frau gesetzt bekommen hat. Auch dies ist ein Hinweis auf den Hintergrund der schizophrenen Situation der Frau, die dem Mann doch andererseits nach wie vor eigenständige „Hilfe“, ja: ein Gotteszeichen sein soll, nicht zuletzt nun auch deswegen, weil sich an ihr der Sieg Gottes über die Schlange anzeigen wird, andererseits die Frau aber die Feindschaft des Satans über das Verhältnis zum Mann besonders hart erfahren wird.
Man kann in frommen Betrachtungen der Jahrhunderte über Genesis 3 immer wieder die Meinung vernehmen, der Vers 16 bedeute, dass die Frau als angeblich „Verführbarere“ ab sofort von Gott unter den „Schutz“ des Mannes gestellt worden sei.
Diese Ansicht ist aus zweierlei Gründen aufgrund des Schrifttextes abwegig und unhaltbar:
Zunächst ist nicht die Rede von „custodire“ (schützen, bewachen), sondern von „dominari“ („beherrschen“/“den Herrn spielen“/“gebieten“). Man sollte also genau am Text und an den Worten bleiben und sie nicht eigenmächtig umdeuten.
Der Mann, der nicht aufgrund der Täuschung, sondern willentlich und bewusst ungehorsam wurde, ist zum zweiten sicher nicht derjenige, der die Kompetenz hätte, die Frau auf einer geistigen Ebene zu „schützen“. Immerhin hat er beim Sündenfall geradezu ein Kardinalversagen bewiesen… Er, der die Hauptverantwortung für den Abfall trägt, ist selbst im natürlichen Zustand aufs höchste gefährdet. Das wäre etwa so einsichtig, als wolle man den Blinden durch einen Blinden führen lassen.
Hinzukommt, dass nirgendwo ein Segen oder Auftrag an den Mann formuliert wird, der diese Dominanz positiv rechtfertigen könnte.
Die Todverfallenheit des Menschen bedeutet für die Frau rein logisch, da sie doch das Leben gebiert und später von Adam „mater cunctorum viventium“ (V. 20) („Mutter aller Lebenden“) genannt wird, dass sie diese ureigenste und größte Gabe der Mutterschaft nicht mehr so ausführen kann wie im sündlosen Zustand und sich eine Todesgrenze eingehandelt hat, die sich in der leiblichen Schwächung beim Gebären und in der Dominanz des Mannes gegenüber der Frau wegen dieser Schwäche und beim Zeugen und Gebären ausdrücken wird. Welche lebensfeindlichen Blüten diese männliche Dominanz getrieben hat, werde ich später ausführlich nachweisen.

e. Adams versteckte Motive zum Sündenfall

Gottes ironischer Satz „Ecce Adam quasi unus ex nobis factus est, sciens bonum et malum… » (V. 22) (« Seht, Adam ist gewissermaßen einer von uns geworden und weiß, was gut und böse ist … ») deutet an, dass sich Adam sehr wohl Evas Verlangen, weise zu werden, selbst zu eigen gemacht haben muss.
Dieser Vers ist aber nun in der Nova Vulgata um ein Wort verändert worden: Da, wo in den älteren Versionen, der Septuaginta und dem hebräischen Text „Adam“ steht, hat man „Adam“ gestrichen und durch „homo“ („Mensch“) ersetzt.
Dafür gibt es nun gar keine Veranlassung, weil sowohl im Hebräischen als auch in der Septuaginta im Kap. 3 der Genesis „Adam“ sogar ausgesprochen häufig genannt und immer als Eigenname des Mannes benutzt wird und die Frau immer als „seine Frau“ bzw. hebräisch „Isscha“ („Männin“), lateinisch „mulier“ („Frau“) oder „uxor“ („Gattin“) oder griechisch „gynaika“ („Frau“) mit einem extra Wort benannt wird. Im Kapitel 2 nennt die Vulgata die Frau „virago“ und ahmt damit das hebräische Wortspiel „Isch-Ischa“ („Mann-Männin“) durch „vir-virago“ nach. Ironie ist dabei, dass die lateinische „virago“ in der klassischen Literatur keineswegs ein schwächliches, dummes „Weibchen“ war, sondern durchweg eine Heldin oder Göttin. Das wusste auch der heilige Hieronymus. Simone Paganini hat darauf hingewiesen, dass das Wort „Isscha“ etymologisch nicht von „Isch“ abgeleitet werden kann, sondern nur frei neben „Isch“ aufgrund der Homophonie gesetzt wird. Das Wort „Isscha“ habe eine andere semitische Wurzel als das Wort „Isch“:

„Und so lässt Gott am Ende seiner Schöpfung einen Tiefschlaf über den ersten Menschen, der das Wort אָדָם ’ādām mittlerweile als Eigenname trägt, fallen und baut aus einer seiner Rippen eine Frau (…). Zunächst wird sie aber als אִשָּׁה ’îššāh „Frau“ bezeichnet und der Begriff wird als Femininform von אִישׁ ’îš „Mann“ verstanden (Gen 2,22-23). Dem entspricht die deutsche Übersetzung „Männin“, doch handelt es sich, da den beiden Begriffen zwei verschiedene semitische Wurzeln zugrunde liegen, um eine philologisch nicht korrekte Volksetymologie. Auffälligerweise fällt der Begriff אִשָּׁה ’îššāh dabei, bevor erstmals von einem אִישׁ ’îš „Mann“ die Rede ist. Der erste Mensch (אָדָם ’ādām) wird damit – obgleich er vor der Frau gewesen ist – erst nach bzw. durch die Erschaffung der Frau (אִשָּׁה ’îššāh) als deren Gegenüber zum Mann (אִישׁ ’îš).“[3]

Die Wurzel von „Isscha“ müsste aufgrund des fehlenden Buchstabens „Jod“ und des doppelten „Schin“ vom Stamm „Essch“ („Feuer“, „Glut“, „Glanz“) kommen. Die Wurzel vom „Isch“ dagegen heißt als Stamm „Mann“, „jemand“ oder „einer“. Subtil gedeutet heißt das, dass selbst die sprachliche Ableitung der Frau aus dem Mann in Wahrheit nur eine spielerische und scheinbare ist.
Am Ende von Kapitel 3 erhält sie dann den Namen „Heva“ („Mutter aller Lebendigen“). Wenn es in Vers 8 etwa heißt, „Adam et uxor ejus“ („Adam und seine Frau“), dann ist doch ganz klar, dass Adam nur den Mann meint!
Aus gar keiner Stelle des ganzen Kapitels geht hervor, dass mit „Adam“ im Kontext der Erzählung Mann und Frau gemeint sein könnten!
Dieser Vers ist ein Beispiel dafür, wie man auch heute das Textstellen-Verständnis manipulieren will und selbst in den Grund- bzw. Urtexten einfach Worte austauscht. Die Nova Vulgata verwischt damit bei allen positiven Korrekturen, dass das Weise-Sein-Wollen tatsächlich auch Adams Anreiz war und nicht nur derjenige Evas. Traditionalistische Erklärungsstereotypen von der angeblichen „Sinnlichkeit“ und „Eitelkeit“ des „Weibes“[4] sind damit gegenstandslos geworden.
Adam wollte weise sein und mit Gott wetteifern – das geht aus Vers 22 deutlich hervor!

f. Nachtrag zum Raub der Brautkrone

Wir kennen Bruchstücke aus der ursprünglichen Stellung der Frau nur noch wie ferne Erinnerungen, die wir lieben und pflegen und, sobald sie zu lebendig werden, ersäufen wie einen Wurf überzähliger Jungtiere….

Im Umfeld der Brautwerbung kennen wir wie selbstverständlich Redewendungen wie „Er betet sie an“ oder „Er kniet vor ihr nieder und warb um ihre Hand“. Die Frauen, in der Unschuld und Blauäugigkeit einen Mann, der sie „auf Händen trägt“ ersehnend, sind sehr oft bald ernüchtert, wenn sie die Ehe eingegangen sind, denn nun trägt sie niemand mehr auf Händen… bald sind sie „mutterseelenallein“… Erst recht machen sie diese Erfahrung, wenn sie sich außerhalb einer Ehe auf Männer einlassen oder gar missbraucht werden. Viele leiden still, ob bewusst oder unbewusst, weiß man oft nicht so recht, andere reden sich die Lage schön und geben der Frau die gesamte Schuld an der Situation und reagieren all ihre eigenen unguten Machtwünsche an anderen Frauen ab und tabuisieren die Problematik des Mannes. Viele hätscheln, wie bereits gesagt, ihre Söhne und treten ihre Töchter. In vielen Fällen sehen sie dem Missbrauch ihrer Töchter in der Familie zu und verteidigen bis zur letzten Konsequenz das kriminelle männliche Versagen. Es sind Frauen, die der Frau noch den endgültigen Fußtritt in Zwang und Sklaverei geben.
Allerdings – und das darf bei aller kritischen Reflexion niemals unterschlagen werden - viele finden dennoch einen guten Mann. In aller Verwundung der Verhältnisse gibt es, der Gefallenheit zum Trotz, dieses Gnadengeschenk in natürlichen und sakramentalen Ehen.
Es gibt viele gute Männer, aber sie sind eher „verborgen“ wie der hl. Joseph, und Reinhold Schneider stellte zu Recht fest, dass es gerade Frauen sind, die diese guten Männer nicht als das erkennen, was sie sind und zielsicher all das am Mann hofieren, was ihnen das Leben schwermachen wird. (Ein umgekehrtes Phänomen wird ebenfalls beklagt.)

Eine erläuternde Bemerkung sei mir noch gestattet:
Man möge meine Ausführungen nicht als Kriegserklärung an den Mann verstehen. Sie sind Analyse und Kontemplation über Schriftworte und empirische Erfahrungen, über tradierte Rechtsverhältnisse in der wirklichen Geschichte der Menschheit, auch der im Abendland und in der Kirche. Im Abendland hat sich vieles verbessert am Los der Frau und des Kindes, aber nicht alles, und in vielem fiel man gerade in der Kirche hinter längst Geheiltes wieder zurück. Der Himmel wird auf Erden nicht erreicht, und in der Kirche geht neben der guten auch eine böse Saat auf, wie uns zahlreiche Textstellen im Neuen Testament, zur Wachsamkeit mahnend, vor Augen halten. Dass sich diese Bosheit als „Mysterium“ (worauf ich im Kapitel II ausführlicher zu sprechen komme) bis zur Heraufkunft des Antichristen mit einem massiven Unkraut-Fruchtstand auf demselben Acker ausbreiten wird, auf den der gute Same gesät wurde, lehrt uns der Herr selbst. Die ungerechte Situation liegt auch rein menschlich betrachtet objektiv vor und darf aus Harmoniesucht nicht ignoriert werden. Diese Ungerechtigkeit hat chaotische Züge. Es wäre ganz falsch, sie anhand weniger Merkmale dingfest machen zu wollen. Das Chaos besteht in der Dekonstruktion der Ordnungen. Diese Dekonstruktion nimmt alle Mittel zur Hand, auch gerechte Mittel am ungerechten Platz – oder ungerechte Mittel, um ein gerechtes bzw. für gerecht gehaltenes Ziel zu erreichen. Man ahnt, wie leicht man, gerade wenn man sich dazu berufen glaubt, „Ordnungen wieder herzustellen“, in Wahrheit dem Chaos dient. Man kann hier nur durch das Charisma der „Unterscheidung der Geister“ (discretio spirituum) vor dem Absturz in die Bosheit bewahrt bleiben. Und darum sei auch mein Gebet dies: Hanc discretionem spirituum da mihi, Domine!


Der Raub der Brautkrone, der sich milliardenfach in der Weltgeschichte an Frauen vollzog, ist Symbol für die versuchte Totalberaubung und Entblößung der Braut Christi. Je mehr sie dem Bräutigam entgegengeht, desto mehr wurde ihr ein geistliches Insignium nach dem anderen genommen und durch irdische Affen- und Spottgewänder ersetzt. Sie hat keine Krone mehr, sie hat das Königsgewand abgeworfen und soll, wie die heilige Agnes, prostitutiert werden.
Ihr wird eine Decke aus goldenen Haaren wachsen, so wie der tapferen Agnes.
Und wenn man sie tötet, wird sie auferstehen.

[1] So sorgte erst vor wenigen Jahren ein Buch mit entsprechenden Thesen aus dem links-grünen Spektrum für Aufmerksamkeit:
Bascha Mika: Die Feigheit der Frauen. Rollenfallen und Geiselmentalität. Eine Streitschrift wider den Selbstbetrug. Bertelsmann, München 2011; Goldmann, München 2012
[4] Robert Mäder: Maria siegt!