Freitag, 17. Mai 2013

Zwiesprache und Wahrheit



 
Rolf Breitinger: Schulz von Thun lässt grüßen. Edding-Zeichnung April 2013


Zwiesprache und Wahrheit
Eine Skizze über Dialog(un)fähigkeit im (vormals?) christlichen Abendland

Es ist unsere glanzvolle Freiheit, alles zu erfinden, die Geschichte, die anderen, das Gespräch mit ihnen und die Heilige Kuh der Postmoderne dazu: das heroisch inszenierte Selbst. Alles, alles, was mich betrifft, ist in mein Ermessen gestellt. Was denkbar, wünschbar ist, muss auch möglich sein. Die grenzenlose Kreativität der Selbstinszenierung ist der bedeutendste Wirtschaftsfaktor.
Unser anderes Leben, jenes, das uns erbarmungslos zwingt, unsere Selbstverwirklichung den kriminellen Energien von Wirtschaft und Staat zu unterwerfen, weist in ganz andere Richtungen. Während wir selbstmitleidig und heroisch um unsere ganz persönlich wahre Selbsterschaffung kämpfen, unser ganzes Vermögen dafür hinblättern, ziehen Strukturen, die wir nicht mehr im Blick haben können bei all den aufwühlenden privaten Wahrheiten und Wichtigkeiten, die Schnüre immer enger und enger. Der einzelne, verstrickt in die Fiktionen seiner Selbst und zunehmend all seiner emotionalen Stützen in Glauben, Familie und Gemeinschaft beraubt, an den Wochenenden damit belastet, seine Kinder vom getrennten ‚Ex’ zu holen oder wieder hinzubringen und an den Werktagen die überbordende Bürokratie seiner Existenz zu organisieren, hat kaum mehr die Kraft, Gedankenketten über seine eigene Problematik hinaus zu schaffen. Geschweige denn, profunde Gespräche zu führen, sich mit dem anderen zu berühren. Und dies eben nicht in der atemlosen Levitation über der Oberfläche, sondern in der Tiefe, in der ruhigen gemeinsamen Hingabe an unteilbar einzige Wahrheit.

Hören Sie es auch? Hören Sie auch den vielstimmigen Einwurf, es gebe keine alleingültige Wahrheit, jeder habe seine eigene Wahrheit, es könne nur viele Wahrheiten geben?
Was ist Wahrheit? fragte schon diplomatisch Pilatus und leitete damit seine dem eigenen Machterhalt gewidmete Entscheidung, Jesus hinrichten zu lassen, obwohl er ihn für unschuldig hielt, ein. Jesus hatte von sich behauptet, er sei die Wahrheit. Pilatus wusch sich seine Hände symbolisch in Unschuld, nachdem er ihn zum Tode verurteilt hatte. Er schob die Schuld an diesem Urteil den Juden zu. Die Kirche hat zu Recht im Glaubensbekenntnis nicht formuliert Gelitten unter dem jüdischen Hohen Rat… (obwohl der wesentlich beitrug zum Todesurteil!), sondern Gelitten unter Pontius Pilatus… Die Juden hatten sich in ihrem eigenen Wahrheitsanspruch so verrannt, dass ihnen Jesu Anspruch todeswürdig erschien. Pilatus aber war der, der nüchtern ‚keine Schuld an ihm’ finden konnte und doch das Urteil fällte. Er kannte die unteilbare Wahrheit (hier über die Unschuld dieses Menschen) und löste sie argumentativ in viele Wahrheiten auf, um seine Machtinteressen zu rechtfertigen. Des Pilatus eigene ‚Wahrheit’ war, dass es Gründe gab, seinen politischen Stand nicht aufs Spiel zu setzen.
Es ist überraschend für unser Denken, dass Jesus der Wahrheit sein persönliches Gesicht gab. Wahrheit kann nur unteilbar sein, so unteilbar eben wie eine Person. Es ist philosophischer Unfug, von ‚vielen Wahrheiten’ zu sprechen. Es gibt meinetwegen viele Meinungen über die Wahrheit oder viele Perspektiven auf eine Sache. Aber lassen Sie uns redlich bleiben: Wahrheit ist Meinungen und Teilwahrheiten gegenüber, die unter dem Verdacht der Verzerrung stehen (‚halbe Wahrheit’), der vollständige Sachverhalt und Zusammenhang. Wahrheit ist das Ganze, der Gegenstand, dem wir nachspüren sollten, anstatt ihn zu verteilen wie eine selbstgebackene Geburtstagstorte.
Jesus sagte, er selbst sei wahr. Und zwar umfassend wahr: niemand komme an ihm vorbei zu Gott. Für diese Aussage wurde er vonseiten der Juden als todeswürdig betrachtet. Sie war und ist bis heute der Stein des Anstoßes. Daran stießen sich nicht nur damalige gelehrte Juden, sondern die Verneinung dieser Rolle Christi ist auch die Geburtstunde des Islam, der, durch innerchristliche Kämpfe um die Natur Jesu Christi inspiriert, dies ausdrücklich ebenfalls als Blasphemie und Verrat am Monotheismus wertet(e) und sich von Gott dazu berufen sah und sieht, diese Ungeheuerlichkeit der Christen zurechtzurücken… Man verstand und versteht Jesu Wahrheitsspruch als überheblich und Ausdruck der totalen menschlichen Hybris. Der moderne, agnostische Mensch sieht darin vor allem einen ausgewachsenen Wahrheitswahn, eine pathologische Selbstüberschätzung.
Man kann Jesu Ausspruch aber auch als Rätselspruch, als Code deuten, der erst in mystischer Hingabe verstehbar wird. Wenn man in diesem Rätselspruch keine private Meinung eines Menschen über sich selbst sieht, wenn man ihm eine Verstehenschance gibt, wohlwollend tiefe Wahrheit des Glaubens in ihm annimmt, kann er unser Denken in eine andere Dimension als die bloß individualitätsbetonte Geisteshaltung führen. Spürt man dem Code im Neuen Testament nach, stößt man auf Sätze, die zu diesem Wahrheitsspruch passen: Im Johannes-Evangelium wird Jesus der ‚Logos’ genannt, das Wort, der vollständige Sinn, der am Anfang stand. Jesus sagt, wer an ihn, die leibhaftige Wahrheit, also das Ganze glaube, sei gerettet. Gerettet woraus oder wovor? Der Heilige Paulus sagte, Jesus sei der Erbe des Alls. Aus ihm seien alle Dinge geschaffen. Er sei die Wahrheit, das Ganze, das All(es) dieser Schöpfung. Er ging an der Ignoranz und Wahrheitsfeindlichkeit ‚seines Eigentums’ zugrunde: Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf  (Joh 1, 10f). Der menschliche Geist ertrug die Wahrheit nicht, so sehr lief sie seinen Teilwahrheiten und temporären Meinungen zuwider…. Es ist uns in der Tat unmöglich, die Wahrheit zu wissen. Unser Erkennen ist und bleibt bruchstückhaft. Es ist des ungeachtet ein Fehlschluss, an die Harmonie aller Widersprüche zu glauben, aus der Not der vielen Widersprüche eine Tugend zu basteln und die Kompatibilität aller Meinungen und Teilwahrheiten zu deklarieren. Damit soll und darf andererseits die Bedeutung der Paradoxien oder scheinbaren Widersprüche nicht aufgehoben werden.
Wir sind vor die schwere Aufgabe gestellt, zu lernen, wie man das eine vom andern unterscheidet. Diese Unterscheidung wird nur durch Vernunftarbeit, durch respektvolle Zwiesprache mit Gott, Mensch und Schöpfung zu leisten sein. ‚Vernunft’ kommt von ‚vernehmen’. Vernunft ohne Dialog wäre eine sich selbst aufhebende Vorstellung. Wir werden diese Fragen nicht mit uns selbst abmachen können, ohne zu versiegen.

Es scheint mir, davon abgesehen, aus dem Blick geraten zu sein, dass es nicht nur viele Auffassungen über die Wahrheit, also den vollständigen, uns meist nicht bekannten Sachverhalt, gibt, sondern auch die Lüge, die bewusste Verneinung dessen, was uns als wahr erkennbar ist. Die Grenzen zwischen Illusionen über sich selbst, Irrtum, Verblendung und krasser Lüge sind manchmal nur schwer zu ziehen.
Wie viel Zwiesprache ist in der Welt postmoderner Wahrheitsexplosionen möglich? Auf wie viele Dinge, die man gemeinsam für wahr hält, kann man sich einigen? Die Zahl wird geringer. Gespräche schaffen oft mehr Missverständnisse und Zerrüttungen, als dass sie zu Annäherungen führen würden. Im Getümmel der vielen Wahrheiten erträgt kaum jemand mehr die diskursive Infragestellung seiner individuellen Auffassungen. Die rein theoretische Infragestellung individuellen Lebenswandels wird als ‚Diskriminierung’ verstanden.
In letzter Konsequenz bedeutet der Glaubenssatz, dass es keine absolute Wahrheit gebe, dass es auch keinen sinnvollen Diskurs mehr über die Dinge geben kann. Jeder verschanzt sich in ‚seiner’ Wahrheit. Diskussionen haben allenfalls Spaßcharakter. Sie sollen und wollen angesichts der postulierten Relativität aller Dinge keinen gemeinsamen Erkenntnisgewinn anstreben. Der pointierte Satz Schön dass wir mal darüber geredet haben! nimmt dies humorvoll aufs Korn.
Die einsame Selbstinszenierung ist instabil. Man will sein Leben völlig autonom gestalten und sehnt doch das Wohlwollen, den Beifall und die Aufmerksamkeit der anderen herbei.
Eine maßlose, gesellschaftliche Toleranzmaxime schafft neben gelegentlich befreiender Koexistenz des Verschiedenartigen ganze Gebirge neuer Absurditäten. Wegen der verbreiteten Gedanken- und Sprachlosigkeit artet Toleranz in das altgediente Unter-den-Teppich-kehren, in Ignoranz aus.
Die Wahrheitsinflation bietet - wie angedeutet - keine Basis mehr fürs Gespräch. Das Drama der vielen Wahrheiten zieht die Freigabe aller gesagten Sätze zur lizenzfreien Verdrehung nach sich. Jeder hat das Gesagte eben so verstanden, wie er es verstanden hat. Oder: Es kam eben so rüber - auch wenn’s nicht so gesagt wurde. Es ist nahezu gleichgültig, was einer sagt. Es interessiert vielmehr, was ich verstehen will. Das genaue Hinhören, das Nachfragen, der Vorrang der Sachinhalte sind out. Und die Möglichkeit, dass ich unrecht habe, mein Leben aufgrund meiner Fiktionen verpfusche, darf nicht ausgesprochen werden. Es wäre der postmoderne Tabubruch. Meine Gefühle können sich nicht irren. Gefühle sind der zeitgenössische Kaffeesatz, aus dem bedenkenlos die persönliche Wahrheit abgelesen wird.
Viele Menschen retten sich in die These: Im Grunde meinen wir doch dasselbe. Leider meinen wir aber ganz und gar nicht dasselbe, nicht einmal das gleiche, nicht selten sogar das Gegenteil… Wieso sollte man zum Beispiel ohne weiteres unterstellen, alle Religionen meinten ‚im Grunde’ dasselbe? Ist dieses ‚Im Grunde’ womöglich die verfremdete, insgeheim ersehnte absolute Wahrheit? Es gibt keinerlei sachlichen Hinweis auf die Richtigkeit dieser These. Religionen kommen dem menschlichen Bedürfnis nach Halt angesichts der ‚letzten Dinge’ entgegen, aber deswegen meinen sie längst nicht dasselbe….
Im Spruch Im Grunde meinen wir doch dasselbe! drückt sich andererseits die Ahnung aus, dass man sich gegenseitig im Glauben an gemeinsam für wahr Gehaltenes erkennen, tief berühren kann, auch wenn man sich unterschiedlich ausdrückt. Es ist ein großes Glück, wenn sich solches Erkennen einstellt. Dieses Glück bleibt versagt, solange ich meine individuelle Wahrheit als das höchste Gut betrachte.

In allen Konflikten zwischen Menschen liegt unbereute und unverziehene Schuld begraben, die immer wieder spukt. Gelegentlich werden angesichts des Dilemmas Dialog, Vergebung und Frieden politisch voraussetzungslos verordnet, scheinen jahrzehntelang sogar zu funktionieren. Brechen aber die Unterdrückungsmechanismen solcher Politik im geschichtlichen Verlauf ab, kommt das Gespenst des alten Zerwürfnisses wieder hoch wie der Geist, dessen Flasche endlich entkorkt wird. In der Regel ist der Hass in der Zeit der Unterdrückung gewachsen und gibt erstklassiges Material her für ambitionierte neue Machthaber. Umso grausamer wird alte Schuld aufgerollt und immer wieder aufs Neue gerächt. Dafür gab uns Jugoslawien ein schreckliches Beispiel.
Die eigene Schuld ist im (post-)modernen Gespräch ein Reizthema. Das kirchliche Mea culpa ruft in uns große Abwehr hervor. Wir vermeiden es, unsere Taten als Schuld zu bewerten. Es geht mir nicht um die Verklärung einseitiger, leichtfertiger Schuldzuweisungen früherer Zeiten. Aber Schuld ist und bleibt das größte Hindernis zwischen den Menschen. Es sind nicht einfach nur Positionen, die aufeinander prallen. Wir empfinden tief und schmerzlich das Unrecht, die Verletzung der eigenen Würde, den Hass, wenn wir Opfer werden. Ohne Auseinandersetzung, ohne Reue kann nicht verziehen werden. Mag ich als Geschädigter meinen inneren Frieden machen mit dem Unrecht, das mir widerfahren ist - Versöhnung mit dem anderen, Vergebung, sind solange nicht möglich, solange der Täter nicht bereut und sich meine Vergebung nicht wünscht. Es erscheint mir daher irrig, sich einen christlichen Gott vorzustellen, der nach dem Gießkannenprinzip ‚vergibt’. Ich hatte immer den Eindruck, dass der christliche Gott mit jedem einzelnen ins Gespräch kommen will. ‚Wo bist du?’ ruft Gott schon in der Genesis den Adam, der sich vor ihm verbirgt, weil er schuldig wurde. Adam kommt aus seinem Versteck und schiebt die Schuld für sein Versagen auf Eva. Christliche Tradition spricht von einem ‚Jüngsten Gericht’, in dem am Ende der Zeit Recht geschaffen wird. So sehr wir uns wünschen, dass Recht da geschaffen wird, wo wir ins Unrecht gesetzt wurden, so sehr fürchten wir, dass unser eigenes Unrecht ans Tageslicht kommen, dass das, was wir hinter unserer vorgeblichen ‚persönlichen Wahrheit’ verborgen haben, als Illusion oder sogar Lüge entlarvt werden könnte… Also hat man das Jüngste Gericht aus dem kirchlichen Leben eliminiert. Um es pointiert zu sagen: Nicht Gott - ich muss recht behalten!
Die neuzeitliche Theologie und Psychologie fördert die Sprachlosigkeit zwischen Gott und Mensch. Während in den alten Kirchen der Priester in persona Christi der Gemeinde so zuspricht, wie Gott nach christlicher Überlieferung zum Menschen spricht (im Beichtgespräch bzw. dem Sakrament der Versöhnung geschieht solcher Zuspruch individuell), ist mit zunehmender Entfernung von der Tradition sowohl diese liturgische Gestaltung als auch das Beichtgespräch geschwächt oder ganz abgeschafft worden. In den modernen protestantisch orientierten Kirchen und Freikirchen redet vor allem der Mensch. Wem in der Kirche etwas nicht passt, der macht eben seine eigene auf, Wahrheitsanspruch übrigens inklusive. Ein Heer entwurzelter, nomadisierter Christen nippt krittelnd und mäkelnd mal bei der, mal bei jener ‚Kirche’. Ich interpretiere selbständig die Bibel, wie es mir gerade passt, was die Kirche glaubt(e), geht mich nichts an, interessiert mich nicht einmal. Ich bin der Souverän über mein Verhältnis zu Gott. Ich bete, was ich will. Ich  schreie Halleluja und ‚Preiset den Herrn’, ich gebe mir Ausdruck in Liedern und Tänzen. Ich entscheide, was ich verstehen und glauben will. Mit der Vorstellung, dass Dinge über mein momentanes Verstehen gehen könnten, gehe ich nicht (mehr) um. Der kirchenfreie Christ hat sich selbst zum Maß der Dinge des Glaubens gemacht. Seine Gottesdienste sind Weihehandlungen des inszenierten Selbst. Gott wird dem schon wohlgefällig zusehen und zustimmen…. Ein Gott, der in seiner Größe immer einen Schritt hinter mir herhinken darf, ist genaugenommen überflüssig! Ich muss ehrlich zugeben, dass mir da ein gestandener Agnostiker glaubwürdiger erscheint!
Immer werden Schulddefinitionen dadurch umgangen, dass man dem Opfer eine Mitschuld zuschreibt. Schuld wird so gegen Schuld aufgerechnet, quasi weggekürzt. Und schon scheint Schuld keine Rolle mehr zu spielen. Die tragische Situation der Notwehr wird als Verstehensmuster für alle Situationen des Lebens angenommen.
Ich bin nicht selbst schuld an dem Unrecht, das mir widerfährt. Auch dann nicht, wenn ich selbst Schuld auf mich geladen habe. Unrecht ist Unrecht. Meines und das des anderen. Da hebt sich nichts einfach auf! Die Notwehrsituation zwingt den Täter, gegen seine Absichten, um des eigenen Überlebens willen, schuldig zu werden. Um es noch einmal zu sagen: es ist infantil, jede unbequeme Herausforderung des Lebens als Notwehrsituation zu interpretieren und sich selbst damit einen Freispruch für das Unrechttun auszustellen. Diese selbstmitleidige Haltung ist eine kollektive Neurose des deutschen Volkes. Das hitlersche ‚Ab heute wird zurückgeschossen!’ am Vorabend des Einmarsches in Polen meinte, dass das geprellte, beschissene, gedemütigte deutsche Volk nun endlich zeige, ‚wo der Bartel den Most holt’, ‚zurückschießt’, sich wehrt, weil es so tief ins Unrecht gesetzt wurde. Über das Ins-Unrecht-gesetzt-worden-sein hätte im politischen Gespräch und auf lange Sicht gekämpft werden können und müssen. Das Unrecht aber, das Deutschland aus der Haltung verzweifelter Infantilität über die Welt brachte, ist und bleibt tiefe, tiefe Schuld. Sie verschwindet auch nicht dadurch, dass man einfach nicht mehr darüber redet…
Wir erziehen unsere Kinder nicht (mehr) zu dem Bewusstsein, dass sie verantwortlich für ihr Verhalten sind. Wir entlasten sie unentwegt. Wir haben ein sentimentales Verhältnis zu ihnen, missbrauchen sie als Projektionsfläche für unsere eigenen Entwicklungsdefizite. Alle Argumente werden herangezogen, die kleinen Übeltäter zu entlasten: er oder sie ist müde, hatte einen langen Tag, ist im Unterzucker und außerdem haben wir so wenig Zeit für ihn oder sie und überhaupt sind die Kleinen heute ja so belastet…! Dem Kind wird ein Koffer voller Ausreden und Argumente für seine Selbstsucht mit auf den Weg gegeben. Benimmt es sich vor aller Augen daneben, entschuldigen sich meist die Eltern dafür, anstatt ihr Kind dazu zu ermutigen, sein Verhalten einzusehen und den, den er geschädigt hat, um Verzeihung zu bitten. Ob so erzogene bzw. unerzogene Menschen je beziehungsfähig sein werden? Sie hängen am Tropf elterlicher Absolution gegen den Rest der genervten Welt und bleiben auf diese Weise unselbständig. Man kann den Verdacht haben, dass die gestiegene Gewaltbereitschaft der Jugend mit dieser anerzogenen herabgesetzten Frustrationstoleranz zu tun hat. Ohne Erkenntnis über die konkrete eigene Verantwortung und Schuld kann kein Frieden werden, wird kein einziges Gespräch möglich sein. Solange wir für uns selbst immer eine Entschuldigung parat haben, die der andere gefälligst anzunehmen hat - wie soll da Versöhnung, Frieden, echte Zwiesprache möglich sein? Ich bitte darum, mich hier nicht misszuverstehen: es geht nicht darum, wie vielleicht vor Jahrzehnten noch üblich, Kindern abzuverlangen, dass sie sich regelmäßig neue Sünden zuschreiben, um im Beichtstuhl auch etwas erzählen zu können!

Je größer die Lüge, desto schöner der Mantel, sagt das Sprichwort. Und wir lassen uns gerne von schönen Gewändern blenden. Besser gesagt von dem, was man uns als schön und prächtig vorgaukelt. Wir glauben dem Ansehen, der Macht und dem Sieg. Gesellschaftliche Macht und geistigen Sieg haben manchmal übrigens nicht die Funktionsträger, sondern deren medienwirksame, als Helden verehrte Kritiker. Die Wahrheit, das Gute, die Schönheit können wahr, gut oder schön sein wie sie wollen - wir werden sie mehrheitlich für falsch, böse und hässlich halten, wenn man uns im Appell an eine verschworene Gemeinschaft, ein Wir, sagt, dies sei so. Die meisten Menschen begreifen diese Mechanismen instinktiv und leben in ständiger Anpassung an das, was gerade angesagt ist. Die Tuchfühlung mit den Meinungsmachern - auch den subversiven Meinungsmachern! - gibt ihnen das Gefühl, Anteil an deren Möglichkeiten zu haben. Sie leben nicht im Dialog mit wem oder was auch immer, sondern im strategischen Kontakt mit der Macht
Der Kreis schließt sich hier. Die Idole, der Mainstream, besser die Mainstreams, der Zeitgeist werden zum Wahrheitsmuckefuck, auf den man sich einigt. Die Reflexion, die Mühe um Annäherung an Wahrheit und Schönheit hat man vollständig delegiert. Ist eben alles relativ. Fast ist man geneigt zu sagen, man einige sich leichter auf die Lüge als auf die Wahrheit.
Je größer die Lügen, je mehr sie sich schmiegen. Wer uns einwickeln will, wird uns vorspielen, mit uns im Einvernehmen sein zu wollen. Viele streben in politisch erwünschten Dialogen Vereinbarungen, gemeinsame Papiere und Verbindlichkeit an. Das ist zwischen Partnern, die eine große Schnittmenge an Gemeinsamkeiten aufweisen, möglich und zukunftsfähig. Gibt es aber diese Gemeinsamkeiten bei ehrlicher Sicht auf die Sachlage kaum, wird jede getroffene Abmachung, jeder Vertrag ohne Zögern gebrochen werden. Die meisten Menschen setzen sich lieber mit dem Schmeichler und Vertragsbrecher an den Tisch als mit dem, der ihnen offene Konfrontation auf Augenhöhe bietet. Die Verbindlichkeit hat unter der beschriebenen Umständen erheblich abgenommen. Das Individuum bleibt schutzlos und einsam mit seinen Kaffeesatzgefühlen im Gepäck zurück wie der verlorene Sohn, nachdem er sein Vermögen verprasst hatte.
Copyright by Hanna Jüngling 2010

Mittwoch, 1. Mai 2013

Schloss Mondésir und das Himmlische Jerusalem - Eine ultramontane Streitschrift zum vielbeklagten Reformstau

(Leseprobe unten) 

Hanna Jüngling: Schloss Mondésir und das himmlische Jerusalem. Eine ultramontane Streitschrift zum vielbeklagten Reformstau. Zeitschnur Verlag Karlsruhe 2012
ISBN  978-3-940764-12-6

Bestellung im Buchhandel über ISBN oder über www.zeitschnur.de/verlag





3. Brauchen wir Sex?

Ich brauche nur einmal im Leben wirklich überlebensnotwendig Geschlechtsverkehr – nämlich den meiner Eltern, wenn sie mich zeugen. Geschlechtsverkehr, den ich vollziehe, brauchen nur die, die aus mir entstehen sollen und Gott, der sie ins Leben rufen will.

Ich brauche folglich den durch mich vollzogenen Geschlechtsverkehr nicht notwendigerweise. Wenn ich ihn für notwendig halten will, bezieht sich die Notwendigkeit ganz und gar nicht auf mich. Bliebe ich jungfräulich, würde es mein persönliches Überleben und mein Glück (was nicht mit Momenten der Lust gleichzusetzen ist) in keiner Weise einschränken. Ob Geschlechtsverkehr wirklich „gebraucht“ wird, um eine Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau innig zu gestalten, darf getrost bezweifelt werden. Grundsätzlich braucht niemand „Sex“, um zu lieben oder geliebt zu werden. Ungezählte jungfräuliche Menschen haben das bereits vorgelebt. Die große Freude einer Beziehung zwischen Mann und Frau ist nicht weniger erotisch, wenn sie keinen sexuellen Kontakt sucht. In einer normalen Ehe bleiben die Partner nicht aufeinander fixiert. Die Männer empfinden natürlich auch Zuneigung zu anderen Frauen – gerade weil sie ihre Frau kennen und lieben. Und die Frauen lieben natürlich auch andere Männer. Denn das Alleinstellungsmerkmal einer ehelichen Beziehung ist tatsächlich nicht die Liebe und Zuneigung, sondern ihre Öffentlichkeit und der Vollzug der Sexualität samt der Ankunft von Nachkommen und allem, was daraus im Alltag folgt. Die Setzung des Alleinstellungsmerkmales ist ein bewusster und willentlicher Akt. Dieser Akt tut sich nicht von allein. Wer sich nicht selbst immer wieder daran erinnert, dass er ein Versprechen gegeben hat, das vor Gott und mit Gottes Hilfe gilt, verliert leicht die Fassung im Umgang mit anderen Menschen. Wir erleben es tagtäglich in unserer Gesellschaft, die glaubt, auf Gottes Hilfe und Maß verzichten zu können und für das Einhalten von Versprechen zu infantil geworden ist. Die lebenslange christliche Ehe ist kein romantisches Gefühlsinstitut, sondern ein Bahnhofsbau: wer heiratet, will einen Ort schaffen, an dem Menschen ankommen können. Die Trauer der Paare, die keine Kinder bekommen, ist nicht anachronistisch. Es bleibt eine Katastrophe für die Betroffenen, wenn in der Bahnhofshalle immer Züge einfahren, aus denen keiner aussteigen mag! Kinderlose Eheleute sehnen sich nach einer Weitung ihrer Gemeinschaft und suchen nach einer Zeit der Krise fast immer andere Möglichkeiten, dies zu verwirklichen. 

Geschlechtsverkehr verweist immer auf Gott und immer auf Menschen, die entstehen können. Jedes Mal, wenn ein Mann und eine Frau miteinander schlafen, klingt der Ruf nach weiteren Menschen mit – auch wenn bei den meisten sexuellen Begegnungen natürlicherweise jetzt gerade kein Kind entstehen würde. Es ist ein Prinzip, kein Automatismus. Wer sich in dieser Weise mit dem anderen vereinigt, ist wie einer, der sich selbst ganz und gar aussäht, um Neues hervorzubringen. Dass wir das lustvoll erleben und in Gemeinschaft tun dürfen, dabei nicht einsam bleiben müssen, ist Geschenk. Auf Geschenke hat man keinen Anspruch. Wir haben aber den Spieß umgedreht: wir halten das Geschenk für unser Recht und verweigern dabei, uns selbst hinzugeben an die, deren Stimmen in der Tiefe unseres Leibes schon von ferne klingen. Wir verstopfen unsere Ohren, um sie nicht zu hören, machen uns gefühllos, unempfänglich, um ihre vitale Gegenwart in unserem Bewusstsein nicht mehr zu spüren. Unser „Sex“ verliert seinen Glanz, wird so taub wie unser Gehör und so stumpf wie unser paralysierter Leib. Wir beanspruchen „Sex“, um ihn denen, denen er gehörte, vor der Nase wegzuschnappen. Wir „machen Sex“, um vor der heiligen und göttlichen Geschlechtlichkeit zu fliehen, zu der wir berufen sind. Zur Geschlechtlichkeit berufen zu sein heißt, dass man sich vollkommen hingibt an Gott und Menschen, die hinzukommen sollen zu seinem Reich. Dieser Vorstellung liegt die Auffassung vom „Leib Christi“ zugrunde, der „aufwachsen“, zu seiner Reife kommen soll wie wir es von individuellen Lebewesen kennen: Ihrem genetischen Code ist eine bestimmte Gestalt, die sich entwickeln kann, „einprogrammiert“. Wir erleben dieses Erreichen der „vollen Zahl“1 in der Zeit-Dimension. Die spezifische Aufgabe der Eheleute ist es, in der Sexualität leibhaftig und geistig diese „volle Zahl“ zu „generieren“. Es gibt, in einem tiefen Verständnis, keinen Unterschied zwischen Zölibatären und Ehepaaren. Der eine wie der andere verdankt sich dem Geschlechtsverkehr seiner Eltern und Gottes Ruf in dieses Leben. Beide geben sich selbst ganz und gar hin, um das Reich Gottes mit den Menschen zu füllen, nach denen der Schöpfer sich sehnt. Die Aufgabe insbesondere des Priesterzölibats ist es, durch Verzicht auf eigene Nachkommen frei zu sein dafür, gewissermaßen „größere generische Einheiten“ zu überblicken und zu leiten. Dass hier zwei Berufungswege beschritten werden, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Zwillingswege sind. Eheleute hören zunächst ihre leiblichen Kinder in sich selbst klingen. Das ist notwendig, damit ihre konkreten Kinder auch von ihnen so ersehnt werden, wie der Schöpfer sie ersehnt. Bald weitet sich aber der Horizont – es kommen immer mehr hinzu zu einer solchen Ehe und Familie, nicht nur die leiblichen Kinder, sondern auch viele andere, die hier Resonanz finden. Zölibatäre gehen hier den „kurzen Weg“. Sie hören gleich von Anfang an die Stimmen aller, die von Gott ins Leben gerufen werden wollen, im eigenen Leib klingen und eilen an die Spitze des Trosses, um die, die direkt mit der leibhaftigen Sorge um die „volle Zahl“ beschäftigt sind, im Auftrag Jesu zu „hüten“. Manche leisten dieses Hüten weniger durch das Führen, Leiten und Lehren als durch tätige Nächstenliebe und immerwährendes Gebet. So wenden sich, wenn es recht steht, sowohl die Zölibatäre als auch die Eheleute immer mehr von sich selbst weg und den vielen anderen zu. Sie ahmen die Haltung Gottes zu uns nach. Sie tun es als Männer und als Frauen. Es ist der Antwortgesang auf Gottes Liebe. Und diese Liebe Gottes ist in sich so bewegt und lebendig, dass das ineinander verschlungene Mann- und Frausein vollkommener Ausdruck davon ist. Für Zölibatäre ist daher das Mann- oder Frausein genauso gewollt und schön wie für Eheleute. Sie sind wie alle anderen Menschen natürlicherweise mit dem anderen Geschlecht verwoben. Sie haben ja nur versprochen, auf Geschlechtsverkehr und all die tausend Bindungen, die daraus praktisch und alltäglich wachsen, zugunsten einer kontemplativen, karitativen oder priesterlichen Bindung an Jesus, die das Zeichen der Ehe „überspringt“, zu verzichten. Nicht mehr und nicht weniger. Damit ist weder die Verneinung der eigenen Geschlechtlichkeit noch eine Absage an die innige Verwobenheit mit dem anderen Geschlecht gemeint. Denn wie schon der heilige Paulus sagte, ist der Mann nichts ohne die Frau und die Frau nichts ohne den Mann.2 In jedem Fall drücken Personen in jedem Stand diese innergöttliche Lebendigkeit und Sehnsucht aus. Dass wir in jedem Stand Versuchungen, die uns in die Untreue treiben wollen, ausgesetzt sind, spricht nicht gegen das eben Gesagte.
Wir „brauchen“ keinen „Sex“ für uns selbst! Aber wir brauchen das erfüllte Bewusstsein, ein Mann oder eine Frau zu sein, von Gott so gewollt und geliebt zu sein und ihn, den lebendigen, bewegten und bewegenden Schöpfer im Humor und in der Zärtlichkeit für das andere Geschlecht auszudrücken.
Jesus hat zu der Frage, ob man seinen sexuellen Impulsen zwingend nachgeben müsse, eine erfrischend harte und unverklemmte Antwort: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Wenn dich dein rechtes Auge verführt, dann reiß es aus und wirf es weg!3  Das heißt: nein, man muss nicht seinen sexuellen Impulsen nachgeben! Jeder wird angefochten durch Impulse aller Art, die nicht am Platz sind. Jesus drückt dies deutlich aus. Aber er drückt auch aus, dass das keinesfalls richtungweisend sein darf für mein Handeln! Der Geschlechtsverkehr ist und bleibt für Christen in Übereinstimmung mit der ungebrochenen Überzeugung der Kirche seit 2000 Jahren eine exklusive Aufgabe eines Ehepaares. In allen anderen Beziehungen gibt es keinen solchen Vollzug, auch wenn er möglich wäre, reizvoll erscheint und uns möglicherweise eine Zeit lang hart anficht. Es ist eine absolut klare Aussage Jesu, die andererseits eine enorme Weitung menschlicher Liebesbeziehungen andeutet. Anstatt Liebe zwischen Menschen notorisch in einer sexuellen Lesart wahrzunehmen, haben Christen eine enorme Freiheit: wir können, dürfen und sollen sogar viele andere lieben, mit aller Tiefe, allem Respekt, mit Innigkeit, Leidenschaft, Zärtlichkeit und Hingabe, aber nicht im Geschlechtsverkehr, nicht durch die sinnleere Überbetonung der Sexualität, sondern durch all die anderen Möglichkeiten und Ausdrucksformen, die in jeder individuellen Konstellation zwischen zwei Menschen zur Verfügung stehen! Die aufgaben- und sinnzentrierte Begrenzung des Geschlechtsverkehrs ist die Voraussetzung für die besondere und tiefe Liebe zu all den Menschen, die Gott in unsere Biografien hineinfügt. Jesu „harte“ Worte bringen dolcezza, Süße und Milde ins Leben. Es ist wahrhaftig so, wie er selbst es gesagt hat: sein Joch ist zwar ein Joch, aber es drückt nicht, seine Last ist leicht!4 Christenleben weisen aus diesem Grunde eine große Leichtigkeit, einen spezifischen Swing auf.

1  Vgl. Röm. 11, 25 Der Begriff der „vollen Zahl“ ist hier zwar nur auf die Heiden bezogen, aber das widerspricht nicht der von mir hier entwickelten Lesart des Begriffes als generischem Gestaltbegriff.
2  1. Kor. 11,11
3  Mt. 5, 28f
4  Mt. 11,30

Samstag, 20. April 2013

Velocitas Iesu - Et ecce venio velociter. Gedanken über das !Bald! Jesu


Siehe, ich komme bald. Selig, wer an den prophetischen Worten dieses Buches festhält. (Apk. 22, 7) 

Das geheimnisvolle !Bald!, von dem Jesus spricht, das venio velociter, ist kein !Bald! nach unseren Maßstäben. Die Theologie unserer Tage hat sich die Frage, warum das !Bald! Jesu, die velocitas seines Wiederkommens, sich nicht erfüllt habe, zunutze gemacht. Zwar findet sich im Credo das Bekenntnis zur Wiederkunft Christi. Aber man fasst sie "abgehoben" auf. Welcher Christ glaubt, dass Jesus Christus buchstäblich sedet ad dexteram Patris, et iterum venturus est cum gloria? Wir haben gelernt, sämtliche Aussagen der Schrift und der Tradition ausschließlich als Abstraktion zu verstehen und uns sorgfältig zu verbergen, falls wir doch ein konkreteres Verständnis in uns tragen. Jesus „kommt“ in dieser bleichen modischen Christerei nur im „übertragenen Sinn“ zu uns. Was dieser „übertragene Sinn“ sein soll, darf phantasievoll immer neu und in alle Richtungen gedeutet werden. Das Materiallager der christlichen Überlieferung ist der freien Verfügung übergeben worden und darf zu jedem Zweck genutzt werden. Die Perspektive der unerfüllten „Naherwartung“ relativiert den Ernst des alten christlichen Glaubens. Wer hält den Menschen dem ewigen Vater hin wie ein Kind, das man dem Helfer an einer Unfallstelle entgegenstreckt: Nimm, halte, rette ihn? Man begnügt sich damit, den elenden Menschen inmitten der Hölle zu vergolden, Betrachtungen über ihn anzustellen und zu umtanzen. Die wenigen Traditionalisten werden als Hindernis in diesem Treiben angesehen. Man will sie "vorwärts" peitschen wie Bileam seine Eselin, als sie sich dem Engel, der den Weg versperrte, nicht entgegenwerfen wollte. Bileam konnte den Engel nicht sehen. Für die Eselin aber war der Engel sichtbarer als alles andere. Unsere Würdenträger sind mit ähnlicher Blindheit geschlagen. Erzbischof Zollitsch spricht im Stenokürzel vom „Aufbruch“ oder davon, den „Aufbruch zu wagen“. Wohin „aufbrechen“, was dabei „gewagt“ werden soll – das bleibt ein Mysterium für Eingeweihte. Man wird in Kirchenfunktionärskreisen angeschaut wie eine Pferde-Tram auf TGV-Trassen, wenn man diese Frage der Fragen stellt.
Was aber, wenn das unerfüllte !Bald! doch nicht unerfüllt bleibt? Was, wenn das !Bald! an der Ewigkeit des Allerhöchsten gemessen werden muss und nicht an unserer Endlichkeit? Was, wenn das !Bald! plötzlich und überraschend zu einem !Jetzt!, zu einem !Da! wird?
Ich sage ungeschminkt, was ich glaube: Der kollegiale bischöfliche „Aufbruch“ ist ein finaler „Abbruch“, eine geistliche Abtreibung des Herrn der Kirche, der seit 2000 Jahren schon für Apostaten aller Art eine unerwünschte Schwangerschaft war. Und dieser Mord wird zelebriert wie ein Messopfer. Die Kirche opfert sich selbst für die Verschrottung ihrer Glaubenshoffnung auf den eigenen Altären auf – natürlich coram publico und versus populum. Mit diesem Programm kann sie Gott nicht unter die Augen treten und gen Osten zelebrieren, denn dort steht das Kreuz, der Oriens Jesus Christus, der Auferstandene, der sich kein zweites Mal töten lässt. Dieses Opfer muss man verkehrt herum zelebrieren. Folgerichtig haben seit diesen Neuerungen unendlich viele Menschen die Kirche verlassen. Es gibt für den lauen Glauben keinen guten Grund mehr, dort zu bleiben. Wer ist geblieben? Eine brodelnde Mischung aus zerstörerischen Kräften, verschlafenen Konventionschristen und denen, die die große Hoffnung auf das Himmlische Jerusalem nicht kampflos aufgeben wollen. Bischöfe, Priester, Ordensfrauen, Laien, sofern sie nicht selbst destruktiv zelebrieren, stehen schaulustig dabei, gebannt von der gigantischen Show, gelähmt in allen vitalen Gehirntätigkeiten, mit erkaltenden Herzen, Jongleure der Hostie, Gotteslästerer in beispielloser Frivolität, unerreichbar für das Leiden Christi und verschlossen für die Tränen der Gottesmutter. Sie, die ihren Sohn als Braut des Heiligen Geistes empfangen, in ihrem Leib getragen und geboren hat, sie, die seine ersten feinen Tritte gespürt, ihn die ersten Worte gelehrt, seinen Weg begleitet und seine Auferstehung und Himmelfahrt erlebt hat – was muss sie empfinden angesichts dieser Blasphemie? Maria, die an Pfingsten dabei war, sie, die bereits vom Heiligen Geist empfangen hatte, lange vor Pfingsten? Das Schwert, das ihr Herz durchbohrt, wie ihr damals im Tempel prophezeit worden war, ist für sie ganz offensichtlich noch nicht ausgestanden. Ich möchte sie in die Arme nehmen und trösten, mich ihr zu Füßen legen, denn wie Elisabeth kann ich nur sagen: Et unde hoc mihi, ut veniat mater Domini mei ad me
Die annulierte Naherwartung, die „Parusie-Verzögerung“, die zu einer Zurücknahme jeglicher Hoffnung auf die Wiederkunft Christi geführt hat, ist eines der Sprach-Symbole für die größte Apostasie, die die Kirche je gesehen hat. Das scheinbar nicht eingetroffene !Bald! des Wiederkommens Jesu hebt die geistlichen Appelle der Evangelien, der Apostelbriefe und der Apokalypse auf. Eigentlich passt die ganze Tradition der Kirche, ihre tiefe geistliche Schönheit, der Abglanz des himmlischen Bräutigams, nicht mehr auf unsere Bildschirme und Displays. Ein heutiger Mensch soll die traditionelle Kirche nicht mehr verstehen können. Wenn da nicht immer noch die vereinzelten Menschen wären, die Jesus im Glauben annehmen und die Tradition doch Schritt für Schritt verstehen. Glaube heißt für sie: „Naherwartung bis zum Weltende“. Wer liebt und sich geliebt weiß, wartet eine Ewigkeit! Diese Liebenden sind dem erloschenen, aber unverdrossen „pilgernden Gottesvolk“ ein Hindernis im freien Schwertkampf gegen Marias Herz.
„Erloschen“? Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen lehrt uns das Erlöschen des Glaubens vieler, die einmal vom Glauben angerührt waren. Diese Geschichte will so gar nicht in die gelehrte Naherwartungsschablone passen! Jesus erzählt von jungen Mädchen, die beim Warten über den sich verspätenden Bräutigam einschlafen. Nur fünf von ihnen haben genügend Lampen-Öl für eine lange Wartezeit mitgebracht. Sie sind die Klugen, die, die am Ende mit in den Hochzeitssaal dürfen. Die fünf anderen, deren Lampen erlöschen, werden ausgesperrt: der Herr hat sie nie gekannt. Die „Naherwartung“, die Jesus in dieser Geschichte erzählt, legt die Betonung auf das „Warten“. Vielleicht kann man es so sagen: aus der Sicht Jesu kommt er auf jeden Fall !Bald!, aber aus unserer Sicht gilt es, eine Erwartung aufrecht zu halten.Wer die Texte des Neuen Testamentes sorgfältig liest, entdeckt, dass das !Bald! der Wiederkunft Jesu Christi eben kein banales !Bald! ist, wie man es drängelnden Kindern sagt. Wer nicht damit rechnet, dass er unendlich lange warten muss, so lange, dass ihm die Augen zufallen vor Müdigkeit, der ist dieses Bräutigams nicht wert. Selig, wer an den prophetischen Worten dieses Buches festhält, sagt Jesus dem Seher Johannes. Das Festhalten fordert maximale Wartebereitschaft ab. Und werden wir nicht daran erinnert, dass das, was uns lange erscheint, vor Gott kurz ist: Am Ende der Tage werden Spötter kommen, die sich nur von ihren Begierden leiten lassen und höhnisch sagen: Wo bleibt denn seine verheißene Ankunft? (…) Das eine aber, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen: dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind. Der Herr zögert nicht mit der Erfüllung der Verheißung, wie einige meinen, die von Verzögerung reden; er ist nur geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle sich bekehren. (2. Petrus 3)
Es gilt, eine andere Schau der Zeit zu empfangen. Jesus sagt immer wieder, er wisse weder Tag noch Stunde. Er komme wie ein Dieb in der Nacht, überraschend, unerwartet, plötzlich, verspätet für die einen, zu früh für die anderen und gerade rechtzeitig für die, die immer auf ihn gewartet haben, immer und ohne Zweifel daran, dass er kommt.
Die Kirche kennt von Anfang an das Verwirrspiel unzutreffender Wiederkunfts-Ankündigungen. Gebt Acht, dass euch niemand irreführt! sagte Jesus. (Markus 13, 5) In der frühesten Christenheit wurde bereits intensiv über die Wiederkunft und das Rätsel des Zeitpunktes nachgedacht. Paulus nennt zwei Kriterien, die erfüllt sein müssen, bevor der Herr wiederkommt: Es muss eine massive, nie dagewesene Apostasie stattfinden. Und der Mensch des Verderbens muss offenbar werden. Seid also standhaft, Brüder, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief.(2. Thess. 2) Diesen Kriterien vorgelagert ist die Aussage Jesu, das Evangelium müsse vorher allen Menschen verkündet worden sein. (Markus 13,10)
Er kommt rechtzeitig für alle, die ihr Leben ihm schenkten, ihm Tag und Nacht ihre Liebeserklärungen und Nöte ins Ohr flüsterten. Er ist um uns herum und es liegt an uns, ob wir unser Herz auf ihn richten, auf ihn, unseren treuen Reisebegleiter.Er kommt zu denen, die den Leib Christi empfangen und sich darauf vorbereiten, dass er selbst es ist, mit dem sie sich vereinigen.Die sakramentale Gegenwart Jesu und das Gebet sind der Vorgeschmack darauf, dass er in Herrlichkeit kommen wird. Sie soll die Sehnsucht nach seiner Wiederkunft in uns wach halten wie das Lampen-Öl das Licht der klugen Jungfrauen.
In mir lebt das apokalyptische Bild, wie er wiederkommt in den Wolken, vielleicht gerade da draußen vor dem Fenster. Es wird keinen Zweifel darüber geben, dass er es ist. Und die Jahrhunderte, die uns so lang erschienen, werden zusammenschmelzen zu einem Augenblick, zu einem Seufzer, der uns im Hals stecken bleibt: Da! – Er kommt! Ich bin mir gewiss, dass es so sein wird. Die Zeit ist eine Kulisse, die Gott uns zuliebe entfaltet hat, um jedem von uns die Möglichkeit zum Leben und zur Umkehr zu geben. Eines Tages aber wird der Herr die Zeitkulissen ineinanderschieben und aus tausend Jahren wird ein Da!. Die Jahre haben uns velociter durch ein paar Zeitalter mitgerissen. Spüren wir in uns nicht die ganze Menschheitsgeschichte? Waren wir nicht mit dabei im Garten Eden, auf der Wüstenwanderung, überall da, wo Menschen seit Menschengedenken waren? Offenbart nicht eines der Modethemen aktueller Kinderliteratur, nämlich die „Zeitreise“, dass in jedem die tiefe Ahnung lebt, dass alles zusammengehört, alles jeden betrifft, alles zum Greifen nahe ist? Was uns lange erschien, war nur ein Hauch. Er war uns immer nah, unser Herr. Er stand immer schon vor der Tür wie ein lange angkündigter Besuch und zog die Klingelschnur. Wir waren fern. Viele von uns wollten nicht aufmachen. Er aber sagt dazu:Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Was wir sind, sind wir durch ihn. Was wir nicht durch ihn sind, sind wir nicht.  Contemplamini hoc velociter!  
Er wird plötzlich kommen.

Donnerstag, 11. April 2013

"Abenteuer einer Brezel" im Zeitschnur Verlag

Diese Brezelgeschichten und eine ganz lange Geschichte von der "Geburt der Brezel" kannst Du in in dieser neu erschienenen Broschüre lesen:




Hanna Jüngling: Abenteuer einer Brezel
Mit vier Zeichnungen der Autorin
Format 21 x 21 cm, 40 Seiten, 100g
handgebundene und nummerierte Exemplare
Zeitschnur Verlag Karlsruhe
ISBN 978-3-940764-13-3
Ladenpreis 8,00 €


Bestellung über www.zeitschnur.de oder den Buchhandel, Amazon oder Ebay.



Sonntag, 17. Februar 2013

Lunatic Performance

 
Die Brezn in Hannover
 
Als Frau H. aus München nach Hannover umzog, war das erste, was ihr unangenehm auffiel, dass es an diesem Ort alle möglichen gradlinigen Dinge wie zum Beispiel den zweitgrößten Stadtwald Europas und das beste Deutsch auf Erden gibt – aber keine Brezn. Sie durchsuchte die ganze Stadt und musste sich eingestehen, dass die meisten nicht mal wussten, was eine echte Brezn ist. Man reichte ihr Tüten mit kleinen salzigen Partybrezeln über den Ladentisch, oder ausgestochenes Teegebäck in einer sterilen Nachbildung aus Mürbteig. Am schlimmsten waren diese unförmig verschlungenen, mandelbesplitterten Süßgebäcke, die angeblich aus Russland stammten. Heftiges Heimweh beschlich Frau H. und sie bereute, dass sie in diese Stadt gezogen war, der die Grundvoraussetzungen zum behaglichen Leben fehlten. Ein mitfühlender amerikanischer Freund schenkte ihr eines Tages zum Trost eine Tüte voll „German Pretzels“ mit P und tz, produced in the United States. Sie nahm die Aufmerksamkeit gerührt und wehmütig entgegen.

Ach, wie schön ist es doch in Süddeutschland, dem Paradies, in dem nicht nur die Erschaffung des Menschen, sondern auch herbstliche Bierfeste unter freiem Himmel auf grünem Rasen überliefert werden! So sitzt der Mensch zwischen den Stühlen, ist da unzufrieden, wo er herkommt und zieht davon. Doch an dem Ort, an dem er sich dann niederlässt, fehlt ihm die alte Heimat, und sie gewinnt in der Erinnerung die Qualitäten des Himmelreiches.
Aber unsere Frau H. war eine Dame mit Leistungsbereitschaft und Vorstellungskraft. Eines morgens fuhr sie, um ihr Heimweh zu kontrollieren, im Alten Aufzug von 1913 auf den Turm des Neuen Rathauses. Von der Aussichtsplattform aus ließ sie ihren Blick über das Panorama schweifen wie ein Radarschirm auf der Suche nach leisen Bewegungen. Wer scharf hinsieht, wird meistens fündig. So auch Frau H. – während sie gedankenverloren einen Punkt anstarrte, den sie später nicht mehr benennen konnte, erschien es ihr, als hinge an einem Seidenfaden eine begehrenswerte bayerische Brezn vom Himmel herab. Sie riss ihre Augen auf und schaute ein zweites Mal, voller Zweifel an der Zuverlässigkeit ihrer sinnlichen Wahrnehmung und doch mit dem charakteristischen Geschmack des Laugengebäcks auf dem Zungengrund. Ihr fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als sie an einer anderen Stelle innerhalb ihres Blickfeldes eine zweite Brezn hängen sah. Ihr Kopf rotierte hin und her, sie schaute und schaute, bis der ganze Himmel voller Brezeln hing. Frau H. entfuhr ein fassungsloses: „Ah-!“ Einige US-Touristen in aufreizend kurzen Hosen wandten sich ihr überrascht zu. Frau H. zeigte ins Weite und stotterte: „Da – da – das ist ja wie im Puppentheater. Eine Brezn neben der andern an Schnüren - vom Himmel. Da - schauens doch nach vorne – da….“ Ein Mann verstand, was sie sagte und kriegte den Mund nicht mehr zu: „O my God!“ rief er und rüttelte seine Landsleute an den Schultern. „Look at that lunatic performance!“ Er klatschte sich auf die nackten Schenkel und brach in brüllendes Gelächter aus. „Bavarian Pretzel is over the moon!“ Die ganze Gesellschaft schaukelte sich in eine bizarre Stimmung hoch, riss einen Witz nach dem andern, zückte die Kameras, die Luft schwirrte von „Marvellous“-Rufen und “Me and the wonder of the Pretzels - take a picture!” und explodierte in immer neuen Lachsalven. Schließlich wurde Frau H. an den Rand der Aussichtsplattform gestellt und von zehn Fotoapparaten vor dem Hannoveraner Brezelhimmel festgehalten – eine Deutsche allein unter Brezeln. Frau H. wusste nicht, wie ihr geschah. Die Marionettenbrezeln, das Blitzlichtgewitter, die Amerikaner - sie glaubte, verrückt geworden zu sein. Während die Touristen noch filmten und alberten, schlich sie sich davon, fuhr im Aufzug nach unten und begab sich schnurstracks ins psychiatrische Krankenhaus in die Notfallambulanz. Den ganzen Weg lang raschelten die Brezeln hoch über ihr und wiegten sich leise in den Luftbewegungen. Es war eine eigene, seltsam trockene Musik, ein Brezelwindspiel, immer wieder fielen Salzkörner herab und streichelten Frau H.s Gesicht. 

Als die verstörte Münchnerin sich an der Pforte des Hospitals einfand, stand dort schon eine Schlange aufgeriebener Menschen. Sie alle sahen Brezeln und zweifelten an ihrem Verstand. Der Pförtner ging draußen vor dem Gebäude auf und ab, den Kopf im Nacken und blickte in den Himmel. „Alles voller Breeezeln“, sagte er ein ums andere Mal und betonte dabei ganz übermäßig das e. Frau H. korrigierte ihn: „Das e musst kurz sagen, es heißt „Brezn“ oder „Brezel““. Er winkte ab und zeigte in die Auffahrt: dort hatte sich ein Wagen des Norddeutschen Rundfunks eingefunden und filmte bereits die Vorgänge am Himmel und auf Erden. Ein Arzt mit Glatze und weißem Kittel forderte die Menschen auf, nach Hause zu gehen. Es sei alles okay, keiner müsse um seine Gesundheit fürchten. Frau H. bestand darauf, Urheberin des Brezelwunders zu sein und rührte sich nicht von der Stelle, bis sie von einer süßen jungen Radio-Praktikantin befragt wurde. Das Interview kam noch am selben Tag in voller Länge im dritten Programm und wurde weltweit in jeder Nachrichtensendung erwähnt. 

Liebe Leser, wir können uns ausmalen, wie es weiterging, denn vor allem anderen geht es ums Geld: Hannover wurde Anziehungspunkt für Suchende aus aller Welt. Schamanisten, Altachtundsechziger, Transsexuelle, Orakel, Yogis, Comic-Fans, Mittelalterdarsteller und Bierliebhaber fielen in Horden ein. Alle wollten den Himmel voller Brezeln hängen sehen. Aber die Gunst der Brezelstunde hatte noch am selben Abend ihr Ende gefunden und es erschien keine Brezel mehr am Himmel. Es versteht sich von selbst, dass sich in Hannover seither die Bäckereien überschlagen, echte bayerische oder badische oder schwäbische Brezeln anzubieten. Hannover ohne Brezeln – das kann sich heute niemand mehr vorstellen. Die Brezel – ein Symbol von unabsehbarer Tragweite. Inzwischen wird sogar einmal jährlich eine Brezelkönigin gewählt. Es gibt ein Wettbrezeln auf der Leine, mit den holzgeschnitzten Brezellarven ist die alemannische Fasnet im Norden eingezogen und unter dem Unendlichkeitssymbol der Brezel findet alle zwei Jahre ein internationaler Esoteriker-Kongress statt. Eine Seherin aus der Region hat das nächste Datum für eine Brezelerscheinung in Hannover vorausgesagt: in 173 Jahren auf den Tag genau am 4. April. In Bayern konnte ein Volkskundler nachweisen, dass schon der Mühlhiasl das Wunder angedeutet hatte. Irgendwann tauchte in den USA eine neue Psychotechnik auf – das „Pretzelling“, das einen Siegenszug in der westlichen Welt angetreten hat, der seinesgleichen sucht.

Und Frau H.? Sie wurde „abständig“, wie Heidegger gesagt hätte. Sie wollte nicht aufgehen in der anonymen, allgemeinen Brezelei, vor allem nicht in Hannover. Sie packte ihre Sachen und zog zurück nach München. Dort hängen die Brezn einfach achtlos überall herum. Man backt sie, kauft sie, isst sie und vergisst sie.
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Sonntag, 10. Februar 2013

Künstlerschicksal

Neujahrsbrezel



Als ich am Neujahrsmorgen einen Spaziergang machte und in Gedanken versunken die Straße hinabging, fiel mir eine hochgewachsene, weizenblonde Brezel auf, die lässig mit verschränkten Armen an einem Gartenzaun lehnte, mich mit großen Augen von oben bis unten anschaute und ein Lied dabei pfiff.

Ich war müde von der Silvesternacht, hatte das Bedürfnis, allein zu sein, von niemandem angesprochen zu werden, den Lärm der Feuerwerke, das Geschrei der angetrunkenen Menschen aus meinem Bewusstsein herauszuschlendern.

„Grüß Gott!“ murmelte ich und beschleunigte meinen Schritt, um an der Schönen mit der golden schimmernden Haut vorbeizukommen, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden. Als hätte sie meine Absichten geahnt, wippte sie auf ihrem Brezelrücken mitten auf die Straße und verstellte mir den Weg. „Wie geht es?“ fragte sie mich. „Gestern habe ich Sie auf Youtube gesehen – Sie spielen ja feurig, das muss ich wirklich sagen.“ Auf den Austausch von Komplimenten hatte ich nun gar keine Lust! Ich hob die Hand zum Schweigen. Aber die Brezel redete weiter. Sie wolle mich fragen, ob ich mir vorstellen könnte, bei ihr heute Abend auf einer privaten Feier zu spielen. Das Honorar wäre fürstlich und ein Essen inklusive nobler Unterbringung gäbe es dazu. Das hörte sich nicht schlecht an. Meine Hand sank nach unten und mein Kopf schnellte in die Höhe. Die Brezel bohrte ihren hohlen Blick in meine Augäpfel: „Und, haben Sie angebissen?“ fragte sie mit aufreizender Bosheit. Am liebsten hätte ich ihr krachend in ihren schönen, aufgesprungenen Brezelrücken gebissen! Aber ich beherrschte mich: für uns Künstler gilt Man zahlt und du musst tanzen. Mit gelassenem, komödiantischem Lächeln fragte ich, was es denn für eine Feier sei und was mein Part dabei sein würde.

„Es ist - “, druckste die Brezel herum. „ – es ist - eine kleine Feier zu zweit.“ Eine kleine Feier zu zweit! Mir wurde es ein wenig unwohl. Zu zweit, also mit mir zu dritt. „Darf ich fragen“, gab ich zurück. „Was Sie zu zweit feiern?“ Die Brezel ließ ein paar Salzkörner fallen und säuselte: „Wir feiern unseren Hochzeitstag.“ Aha. Und ich? dachte ich. „Und ich?“ fragte ich. „Was wäre meine Aufgabe?“ Die Brezel zog eine dunkle Brille aus dem Etui, das sie in ihrer Hosentasche getragen hatte, setzte sie vor ihre hohlen Augenlöcher und erklärte ohne Umschweife, sie bräuchten eine richtig wilde und schräge Musik, um in alte Stimmungen zu kommen… Da habe sie gedacht, dass eine Geigerin, die so spiele wie ich, genau das Richtige sei. Sie polierte die Nägel ihrer linken Hand und blies anschließend darüber, als müsse sie den Staub von einem Buch entfernen, das seit Jahrhunderten im Regal gestanden und niemals gelesen worden war.

„Wie viel?“ fragte ich lakonisch.

Sie machte eine großartige Geste: „ Wir dachten an 1000 Euronen.“ Meine Güte! Das ließ sich hören. „Wo findet die Party statt?“ fügte ich gleich hinzu. „Und wo würde ich schlafen?“ Die Neujahrsbrezel legte einen affektierten Ton auf: „Bei mir in meiner Villa, Ihnen stünde dort ein eigenes Luxusappartement zur Verfügung.“

Puh! Ich muss zugeben, dass mir bei der Vorstellung, nicht nur Geige, sondern noch anderes womöglich zu dritt zu spielen, bereits der kalte Schweiß ausgebrochen war. Dennoch blieb ich misstrauisch: „Können wir einen Vertrag darüber machen?“ Die Schöne winkte bereits mit einem Papier. Sie zeigte mit farbigen Nägeln auf die einzelnen Punkte: die konzertante Musik, die sich zum Hintergrundrauschen verdünnen sollte, das Essen, das Luxusappartement im Haus und die 1000 Euronen. Plus die Abgabe an die Künstlersozialkasse, 7% Umsatzsteuer und Fahrtkosten. Wir unterschrieben beide und die Sache war geritzt.

Zur verabredeten Stunde kam ich zum verabredeten Haus, und die Brezel empfing mich wieder mit der Brille auf den hohlen Augenlöchern. Sie war alleine. Sie ließ sich von einem Hausdiener Essen auftragen und speiste königlich. Ich spielte mir die Seele aus dem Leib. Sie trank eine Flasche besten Weines nach der anderen. Ihre Gestalt am Tisch verschwamm wie verhedderte bunte Luftschlangen und sank irgendwann in sich zusammen. Der Hausdiener und ich führten sie behutsam ein Stockwerk höher.

Wieder im Saal unten angekommen, spielte ich dem Mann im Frack noch ein paar meiner neuesten Kompositionen vor und fragte dann nach meinem Zimmer. „Sie sollten etwas essen“, meinte er einfühlsam. „Ihr Magen sang lauter als Ihre Geige.“ Damit hatte er vollkommen recht, und ich ließ mich von ihm gerne verwöhnen mit den Gängen seines vorzüglichen Menüs, den erlesenen Weinen, die ich maßvoll genoss und einem herrlichen Tee zum Schluss.

Meine Unterkunft im Dachgeschoss war wirklich ein Luxusappartement. Ich nahm ein Bad in einer Wanne, die meiner vollen Körperlänge Raum gab, salbte meinen Leib anschließend mit Rosenöl und zog einen weichen Schlafanzug über. Das Bett war ein Himmelbett – auf dem Kopfkissen lag der Umschlag mit den 1000 Euronen.

Als ich zu weit fortgeschrittener Nachtstunde in den Schlaf sank, meinte ich das Schnarchen der Neujahrsbrezel tief unter mir zu hören. Die Schluchzer, die sich wie Nebelschwaden durch mein dunkles Zimmer schoben, waren sicher nur Ausgeburten meiner Träume. 

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