Samstag, 11. Juni 2016

Die Frauenkrise VII: Papolatrie, Führerzentrierung und Maskulinismus

3.6. Faschistische Verweltlichung und Glaubensabfall



Die postmoderne weibliche Irritation in der Kirche ist nicht Ursache der Kirchenkrise, sondern deren langfristige Folge. Die wahre Hoch- und Wertschätzung, Gerechtigkeit und Liebe der Frau gegenüber ist einer der Seismographen der Rechtgläubigkeit. Wer dem Herrn nachfolgen will, muss ihn in seiner Haltung der Frau gegenüber nachahmen, oder er folgt dem Widersacher nach.
Wer die Frau „untergeordnet“ sehen will, hasst die Kirche und will sie beherrschen. Dieser Impuls, über die Kirche zu herrschen, kennzeichnet aber sowohl gewisse Staatsgewalten als auch das Papsttum und die Hierarchie selbst: beide wollen sie die Seelen (die „Braut Christi“) dominieren und die Hierarchie des 19. und frühen 20. Jh forderte nach jesuitischer und teilweise franziskanischer „Kadaver“-Ideologie absoluten und blinden Gehorsam der Gläubigen – gegenüber der Hierarchie! Die Hierarchie hat sich selbst und insbesondere das Papsttum als „gottgleich“ dargestellt und den Gläubigen eingeimpft, wenn sie dem Papst blind gehorchten, gehorchten sie Gott. Es ist mir unbegreiflich, dass so weite Teile der konservativen Katholiken den hellen Wahnsinn, der in diesem Anspruch steckt, nicht begreifen: das ist nicht die Freiheit Christi, die hier propagiert wird, sondern ein katholischer Islam oder ein faschistisches Führerprinzip.
In Rom sitzt seit dem Vaticanum I spätestens ein römischer Augustus, der sich selbst vergötzt hat. Sätze wie „La traditione sono io!“ („Die Tradition, das bin ich!“)[1] von Pius IX. oder das Eintrichtern der absoluten Papstliebe als Synonym für „Gottesliebe“ bei Pius X. in folgendem Satz: „Wie muss man den Papst lieben? Wer liebt, der gehorcht. Wer den Papst liebt, diskutiert nicht. Der Papst ist das Haupt, von dem niemand sich tyrannisiert zu fühlen braucht, denn er repräsentiert Gott, er ist der Vater par excellence, der in sich alles vereint, was liebenswert, heilig und göttlich ist“[2] klingen einem gesunden katholischen Empfinden als maßlos und übertrieben.

Nicht die Frau hat sich irgendetwas angemaßt, wie Traditionalisten gerne behaupten (Wo denn? Und wann denn? Etwa weil sie nun gleiche Bürgerrechte haben? Oder wählen gehen dürfen?!), sondern der Mann setzt sich generell und insbesondere der Frau gegenüber mit Gott gleich. Die Frau ist die Projektionsfläche maskuliner Selbstherrlichkeit. Am Verhalten zu ihr offenbart sich, wes Geistes Kind ein Mann ist.
Diese Haltung, dieser Anspruch, diese maskuline Selbstvergötzung ist der Auslöser der Kirchenkrise.
Man kann es einmal zugespitzt sagen: Frauen, die sich als Zeichen ihrer geistlichen Minderwertigkeit und Unterordnung unter … den Mann ...  verschleiern, drücken damit aus, dass der Mann das „velamen“ ist, das sie sich vor die Augen hängen, um Jesus nicht mehr sehen zu müssen. Mein Herr hat nicht gesagt: Folgt dem Petrus, er ist der „Vater par excellence“, sondern er mahnte Petrus: „Du folge mir nach!“ (Joh 21,22) und „Und ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist.“ (Mt. 23, 9) Es erschreckt mich, wenn ich an die Wehe-Worte Jesu an die Schriftgelehrten und Pharisäer denke. Das ganze 23. Kapitel des Matthäus-Evangeliums erinnert an die römische Hierarchie, durch die Papstvergötzung aber vor allem an dies:

„Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hineinwollen, lasst ihr nicht hineingehen.“ (Mt 23, 13)

Es ist eine hauchdünne Linie zwischen berechtigter Verwerfung der Lüge und der Verketzerung der Wahrheit. Die einfache Gleichung: „Wahr und göttlich ist alles, was der Papst sagt“, die sich Päpste wie Pius IX. oder Pius X. angemaßt haben, ist selbst häretisch. Ein kurzer – redlicher - Blick in die Kirchengeschichte offenbart Abgründe von schweren Sünden, Fehlentscheidungen und sogar regelrechten Irrtümern durch Päpste. Wie konnte man also so leichtfertig den Papst zu einem magischen Fetisch aufbauen?

Der Papst mag väterliche Eigenschaften haben und den Vater im Himmel als seinen Herrn unbedingt achten und alles tun, um dessen Reich kommen zu lassen, aber der „Vater par excellence“ kann er niemals sein, denn gerade das „par excellence“ kommt eben nur dem Vater im Himmel zu. Das wahre christliche Vaterbild hat der heilige Josef gelebt: er verschwand vollkommen, wurde unsichtbar, gerade das, was der Mann so kategorisch von sich weist und der Frau abpressen will – das wäre echte väterliche Autorität. Man kann ohne zu zögern sagen, dass es zahllose Priester mit einer solchen Haltung gab und auch noch gibt: sie haben sich weggeschenkt an Jesus, um ihn „im Fleisch sichtbar bleiben zu lassen, bis er kommt“. Von Päpsten kann man das erheblich seltener sagen… Ein Papst, von dem man nichts sieht, wenn man auf ihn schaut, der den Menschen den Weg freigibt, förmlich „aus dem Weg geht“, damit sie Christus finden, der als Wegzeichen am Wegrand fungiert, der wie der gute Hirte nicht voran-, sondern hinter den Schafen geht – das wäre das „echte“ Papstamt. Der „Fels Petrus“ ist nicht der „Grundstein“ und nicht das Fundament der Kirche, denn das kann nur Christus selbst sein, sondern der „Schlussstein“ des Torbogens aus vielen lebendigen Steinen in den Himmel hinein. Dieser Schlussstein ist in jedem Rundbogen unerlässlich und wichtig, aber er ist nicht der Stein, auf den das Gebäude gegründet wäre. Der „Eckstein“ ist nach dem mannigfachen Zeugnis der Schrift Jesus selbst! Ein „Eckstein“ ist ein Stein, der größer und schwerer ist als die anderen Steine. Er wird in die Ecke eines Natursteinmauerwerks eingebaut. Auf ihm ruht der Zusammenhalt und die Stabilität des ganzen Gebäudes. Ein Eckstein thront nicht über allem, sondern stützt von unten her. Die Kirche besteht aus lebendigen Steinen. Es ist der erste Papst, der davon spricht: Petrus. Er schreibt nicht davon, dass er der Chef und der Fels “par excellence“ sei und alle zu ihm schauen müssten, sondern er sagt etwas anderes:

„Ad quem accedentes lapidem vivum, ab hominibus quidem reprobatum, a Deo autem electum, et honorificatum :
et ipsi tamquam lapides vivi superædificamini, domus spiritualis, sacerdotium sanctum, offerre spirituales hostias, acceptabiles Deo per Jesum Christum.
Propter quod continet Scriptura : Ecce pono in Sion lapidem summum angularem, electum, pretiosum : et qui crediderit in eum, non confundetur.(1. Petrus 2, 4 f) 

(„Zu diesem lebendigen Stein eilt hin, von den Menschen ist er verworfen, bei Gott aber erwählt und geehrt: und zu ebensolchen lebendigen Steinen baut euch auf, zu einem geistlichen Haus, zu einem heiligen Priestertum, um geistliche Opfer zu bringen, die Gott gefallen durch Jesus Christus. Deswegen heißt es in der Schrift: Seht, ich lege in Zion einen höchsten, auserwählten, wertvollsten Eckstein: und wer an ihn glauben wird, der wird nicht durcheinander gebracht werden.“)

Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder durch das Schriftwort den Blick für das schärfen lassen, was der Glaube bedeutet: er bedeutet keine Papolatrie und keine Hoffnung auf den Papst, sondern alleine auf Jesus Christus. Der Papst hat ein Amt, und es besteht darin, die Herde zu weiden, Menschen zu fischen und vor allem: Jesus radikal nachzufolgen. Und ob er das tut – das zu beurteilen hätte man niemals in dieser totalitären Weise tabuisieren dürfen. Die Folge dieser Tabuisierung ist der große und institutionell erzwungene Glaubensabfall.

Wenn die Priesterbruderschaft St. Pius X., die sich auf ein solches Imperatoren-Idol beruft, sich über die Päpste seit Johannes XXIII. beschwert, dann muss man sich fragen, welche Schizophrenie ihre Köpfe besetzt hält: Wollten sie ihrem Idol Pius X. folgen, müssten sie alles „fressen“, was aus Rom kommt, alles – von Liturgiereformen über Lehrveränderungen bis hin zu regelrechten Umkehrungen. Warum dann bitteschön so „widerständig“?!
Dieselbe Frage müssen sich aber auch die Sedisvakantisten gefallen lassen, die zwar hart mit der FSSPX ins Gericht gehen, selbst aber einem noch ausgeprägteren Papstfetischismus folgen – auch sie müssten erklären können, mit welchem Recht sie sich „anmaßen“, die aktuellen Päpste als falsche Päpste zu definieren. Wollten sie ihrem Papstwahn folgen, hätten auch sie alles zu schlucken, was aus Rom kommt, zu parieren und ohne Diskussion zu gehorchen: das hat das Idol Pius X. angeordnet. Und es steht in dieser Logik niemandem zu, darüber zu entscheiden, ob ein Papst ein „echter“ oder „unechter“ Papst ist. Um das zu entscheiden, müsste man gewisse „modernistische“ oder „liberale“ Grundannahmen machen, die diese Personen doch sonst scheuen wie der Teufel das Weihwasser…

Gerade Monsignore Umberto Benigni, auf den sich Pius X. in seinem Machtanspruch stark abstützte, der Mann, der den mehrdimensionalen, vatikanischen Spitzel- und Geheimdienst  „sodalitium pianum“ innerhalb des Staatssekretariats im Kampf gegen den „Modernismus“ aufbaute, wird von Zeitgenossen mehrfach als Menschenverächter, ja sogar als „Glaubensloser“ geschildert. Pius X. war ihm nicht nur totaler „Vater“, sondern es wird auch berichtet, er habe den Sarto-Papst als „Mama“ bezeichnet[3], denn der Papst stellt sowohl Gott als auch die ganze Kirche dar… Man beachte, wie in der extrem-integralistischen Zuspitzung der Mann sich auch noch das Muttersein selbst einverleibt…
Misanthropisch und getragen von Hass ist etwa sein Satz:

„Guter Freund, glaubt ausgerechnet Ihr daran, daß die Menschen zu etwas Gutem in der Welt fähig sind. Die Geschichte ist ein andauernder und verzweifelter Brechreiz, und für diese Menschheit taugt nur die Inquisition.“[4]

Benigni trat in Deutschland mit der propagierten totalitären Gehorsamsforderung auf: Dem Papst müsse man in „allen“ Dingen gehorchen, und Pius X habe gesagt, der Papst tue „immer das Rechte“, weil er der „Vater“ sei.[5]
Bestürzend klingt folgende Aussage über ihn:

„Ich hörte von vertrauenswürdigen Personen, die ihn näher kennen, sie schildern ihn als ‚glaubenslos’…“[6]

Gegen sein Lebensende hin wandte er sich dem Faschismus zu und veröffentlichte ein umfangreiches Werk über die angeblichen Ritualmorde der Juden. Benigni, der mit seiner extremen Haltung nach dem Tode Pius X. nicht mehr so leicht durchkam, wandte sich später der Politik zu:

„Benedikt XV., der Nachfolger Pius X., war kein Freund Benignis. Ein Jahr darauf wurde das Sodalitium von Gaetano De Lai allerdings wieder unter neuen Leitlinien hergestellt. Es blieb dann bis 1921 aktiv, da dann dessen Tätigkeiten öffentlich wurden und Benigni zur Auflösung seines Geheimdienstes gezwungen wurde. Enttäuscht und verbittert wandte er sich Mussolini und dem Faschismus zu. Gasparri und Benedikt XV. galten im (sic!) als Zerstörer der Kirche, die alles ruinierten. Benigni gründete einen neuen, einen faschistischen Geheimdienst und kämpfte nun vor allem gegen Demokratie und andere soziale wie gesellschaftliche Liberalisierungen. Er starb 1934 in Rom. Keiner seiner ehemaligen Priesterfreunde kam zu seiner Beerdigung.“[7]

Papolatrie, Führerzentrierung und Maskulinismus – das sind die Früchte des Antimodernismus, und es sind faule Früchte, die man mit dem Mann am Kreuz nicht zusammenbringt. Diese Früchte erinnern an radikale islamische Haltungen.

Schon sitzen in unseren Fernsehtalkshows vollverschleierte muslimische Konvertitinnen, sehen mit Mühe durch ihre vergitterten Augenschlitze in die Runde und wollen der Welt erklären, dass die Polygamie und damit die Übermacht des Mannes natürlich und daher zu erlauben und gesund für jede Ehe und überhaupt das gesellschaftliche Leben sei… und nicht selten stimmen katholische Traditionalisten dieser grundsätzlichen maskulinistischen Tendenz (wenn auch nicht hinsichtlich einer formell erlaubten Polygamie) islamischer Einstellungen zu. Man kämpft ausdrücklich auf propagandistische, hetzerische und unsachliche Art für die Restauration maskuliner Übermacht und glaubt, damit ein Werk Gottes zu tun („Verzicht auf neutralen Standpunkt“).[8]

In den letzten Monaten wurde das Leben des des Paters Pedro Poveda verfilmt. P. Poveda (1874 – 1936) war ein spanischer Priester, der besonders die Bildung und Gleichstelung von Frauen förderte. Er wurde 1936 ermordet. Liest man die Einträge auf Wikipedia[9] oder im Heiligenlexikon[10] über ihn, wird offenbar bewusst verschleiert, wer ihn ermordet hat: Nein, es waren nicht die Kommunisten, wie es suggestiv erscheint! Es waren die Faschisten Francos, denen er mit seiner Haltung nicht genehm war. Und er war offenbar nicht der einzige Priester und Katholik, der von den Franco-Truppen ermordet wurde, weil er sich dem faschistischen Glaubensabfall widersetzte.[11]

Wir sind wieder da angekommen, wo wir vor der Christianisierung aufgehört hatten… und noch schlimmer…[12]


[1] Bekannter Ausspruch Pius IX., hier zitiert nach Georg Denzler: „Die Tradition bin ich“. Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt 35/2000, kann online gelesen werden: http://www.georgdenzler.de/Die_Tradition_bin_ich.html (4.5.2016)
[2] Ansprache Pius X. vom 19. 11. 1912, zitiert nach Otto Weiß: Der Modernismus in Deutschland. Regensburg 1995. S. 52
[3] Josef Jung: Das Werk Gottes oder Kirchen-Stasi? – Das „Sodalitium Pianum“ (1911-1921), vom 19.10.2014 in der katholischen Wochenzeitung „hinsehen.net“, online lesbar: https://hinsehen.net/2014/10/19/werk-gottes-oder-kirchenstasi/ (4.5.2016)
[4] Benigni an Buonaiuti, zitiert nach Otto Weiß, Modernismus, a.a.O. S. 120
[5] Vgl. Otto Weiß, a.a.O.; S. 120
[6] Vgl. Weiß, a.a.O., S. 137, Anm. 10
[7] Josef Jung a.a.O.
[8] Im Internet gibt es ein stark bei katholischen Traditionalisten und Sedisvakantisten beliebtes Portal namens „WikiMANNia“, mit einem Istanbuler Impressum (!), das in seinem Programm folgende offenkundig ressentimentgeleitete und sprachideologisch eingefärbte Selbstbeschreibung voranstellt:

„Dieses Wiki ist eine Wissens-Datenbank über Be­nach­teili­gun­gen von Jungen und Männern, sowie Be­vor­zu­gun­gen von Maiden und Frauen. Die Belege hierfür sind im ganzen Internet teilweise sehr un­über­sicht­lich verteilt und werden hier über­sicht­lich strukturiert, kon­zen­triert und unter­ein­ander verknüpft an­ge­sammelt. WikiMANNia ver­zich­tet auf einen neu­tra­len Stand­punkt und bietet eine feminis­mus­freie Er­gän­zung zum Infor­ma­tions­an­gebot des Internets. WikiMANNia ist die Antithese zur feministischen Opfer- und Hass­ideologie. Keine Angst vor dem Feminismus, nieder mit der Schweigespirale. Seit Januar 2009 sind 2.949 Artikel entstanden. Über unser Kontaktformular können Sie uns mit Informationen unterstützen und auch Wünsche, Vorschläge und Anregungen mitteilen. Für eine Mitarbeit in diesem Wiki ist eine einfache Registrierung ausreichend.
Frauen sind nicht das unterdrückte Geschlecht.
Frauen sind das subventionierte Geschlecht.“


[11] Vgl. http://www.pedropoveda.org/ , auch Bericht auf Deutsch hier: https://charismatismus.wordpress.com/?s=poveda (11.6.2016)
[12] Erschütternd die Schweizerin Nora Illi, die mit einem Schweizer Konvertiten verheiratet ist und solche Ansichten zum besten gibt. Etwa bei Sandra Maischberger ind er ARD-Sendung „Menschen bei Maischberger“ http://www.focus.de/kultur/kino_tv/schleierhafter-auftritt-bei-sandra-maischberger-sex-ansichten-der-burka-traegerin-nora-illi-verwirren-alle_aid_836112.html (7.4.2016)

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