Freitag, 21. Februar 2020

Wo ist die Natur?-Tagebuch einer Suche: Natur und Mathematik - ein neuzeitlicher Wahn

Natur und Mathematik - ein neuzeitlicher Wahn


Today's scientists have substituted mathematics for experiments, and they wander off through equation after equation, and eventually build a structure which has no relation to reality. (Nikola Tesla)

Wir sind über Jahrzehnte daran gewöhnt worden, unser Gemeinschaftsleben, die „res publica“ als „Maschine“, als „Funktionsorganismus“, als einen „Apparat“ aufzufassen.
Dies geschah aufgrund eines schwerwiegenden Irrtums der Aufklärungszeit, die in der physischen Welt meinte überall nur „Maschinen“ zu sehen, nachdem man die entsprechenden Weichen zu einem solchen Denken in der Renaissance gestellt hatte.

Diese Irrung des 18. Jh fußte auf der neuzeitlichen Astronomie und Kosmologie. Die gepriesene „kopernikanische Wende“ war der Anfang vom Ende alles Friedens und Heils.
Kopernikus gab ja offen zu, dass seine „Welten“ auf Mathematik basieren, die aber nur das ausrechnete, was er zuvor in den „Rechenapparat“ an Daten eingespeist hatte. Seine potenziellen Kritiker giftete er in seinem Hauptwerk „De revolutionibus“ als „Schwätzer“ an, die nichts von Mathematik verstünden. Das ist wichtig zu bemerken, denn die Natur ist wie sie ist — jenseits irgendeiner Mathematik, die ja nur eine Abstraktion und zugleich Reduktion des Lebendigen in Totes ist. Mathematik vollzieht abstrakt das nach, was in Gen 3 als „Zurück zum Staub“ beschrieben wird. Nichts ist ungeeigneter, das Lebendige zu beschreiben als sie. Mathematik ist per se Ausdruck des Todes.
Galilei wird die Sentenz zugeschrieben:
Dieser Satz spricht den hochfahrenden und grundlegenden Irrtum aus, an dem wir immer schwerer leiden. Nicht die „Natur spricht“ die „Sprache der Mathematik“, sondern der verblendete Mensch zwingt mathematische und damit tödliche Abstraktion in die Natur hinein. Es sollte an der Stelle bedacht werden, dass die massive Umweltzerstörung und der Raubbau an der Natur erst mit diesen Denkern begann. Das christliche Mittelalter hat das trotz aller Kritik, die man an ihm übern mag, nicht gekannt!

„Mathematik“, so behauptete auch Galilei, sei das „Alphabet“, mithilfe dessen Gott das „Universum geschrieben“ habe. Die Hybris, die in diesen Gedanken steckt, begreifen heute die allermeisten nicht mehr, auch nicht, wie wahnhaft dieser Gedanke ist.
Francis Bacon, Hexenverfolger, Frauenverächter und Homoerotiker, ein Zeitgenosse Galileis, ging gleich noch wesentlich weiter, entlarvend sprach er aus, was in der kopernikanischen Wende impliziert war wie eine böse Saat: Die Natur, so meinte er, sei nicht „Mutter“ (wie man zuvor stets ehrfürchtig gemeint hatte), sondern verächtliche Frau und Sklavin, Hexe und Hure, sie müsse man „examinieren“ und „auf die Folter spannen, bis sie ihre Geheimnisse preisgibt“, sie „unter Druck setzen“ und sie sich „gefügig und zur Sklavin machen“.[1]
Es versteht sich von selbst, dass diese abscheulichen Auffassungen nicht den Schöpfungserzählungen entnommen werden können. Sie haben sich allerdings mit entsprechenden antiken Traditionen, die auch ins Judentum und Christentum eingedrungen sind, ins Abendland implementieren können.
Mit dieser Weichenstellung der Renaissance aufgrund verschiedener Philosophen, Theologen und Kosmologen begab sich unsere abendländische Kultur endgültig auf die schiefe Ebene, auf der wir sie heute noch antreffen. Was wir heute unreflektiert als fulminante „kopernikanische Wende“ feiern, stets unter der Zuweisung der Dummheit und Finsternis zu all jenen, die zuvor (und heimlich bis heute) anders gedacht und empfunden haben, war überhaupt erst der Absturz in tiefste Finsternis.

Die Natur wurde in Formeln und Gesetze gepresst, man trotzte ihr die eigenen Wahnideen ab. Man spielte Gott und Schöpfer. Die Natur funktionierte man in eine riesige Maschine um und lehrte die Kinder in den Schulen, die allgemein verpflichtend wurden, alles maschinell und apparatetechnisch aufzufassen, auch den Menschen selbst. Und man erfand allerlei Apparate, die Handarbeit erleichterten und Dinge schnell produzieren konnten. Vieles empfand man als „Segen“, v.a. in der Medizin, aber das schale Gefühl und die Erinnerung an ein reiches natürliches Heilwissen, das v.a. Frauen tradiert hatten, die mit dem Aufkommen der „Universitäten“ im späten Mittelalter, verdrängt und dämonisiert wurden, blieben in der Erinnerung haften bis heute. Mit der berühmten „Apparatemedizin“ sind immer mehr Menschen unglücklich. Assoziiert mit einer geldgeilen Pharmaindustrie hat sich diese medizinische „Wissenschaft“ längst unglaubwürdig gemacht und wir sind an einem Punkt angelangt, an dem zahlreiche Menschen die Wahrheit dieser neuzeitlichen Medizin bezweifeln und glauben, dass man sie überhaupt erst krank macht mit diesen „Wissenschaften“. In manchen Ländern ist es nahezu unmöglich geworden, mithilfe natürlicher Mittel zu heilen, weil sie kriminalisiert und verhetzt werden. Die Versetzung der Welt mit krankmachenden Chemikalien, die Erschaffung von biologischen Waffen, das Gerücht, dass mit Flugzeugen am Himmel schädigende Substanzen ausgesprüht werden, die uns krankmachen sollen — immer spürbarer wird das Unbehagen und das Misstrauen der Menschen, das keineswegs auf einer „Verschwörungstheorie“ basiert, sondern teilweise  — wenn auch nicht in Deutschland, dem Land der Schildbürger — inzwischen offen in Parlamenten diskutiert wird.[2]

Durch die Erfindung des „Weltraums“, des angeblich „unendlichen“, der deshalb materialistisch verstanden „unendlich“ sein müsse, weil schließlich Gott auch unendlich sei, wurde der Mensch aus einer grundsätzlichen Geborgenheit in der Schöpfung gerissen. Wo er sich zuvor vor dem Thron Gottes wusste, eingehüllt in die Gnade und das Erbarmen dessen, von dem alles kommt und durch dessen Wort alles zusammengehalten wird, geheimnisvoll, aber verlässlich, war er nun ausgesetzt in den Wüsteneien finsterer „Denker“, die an den Höfen als „Entdecker“ gefeiert wurden, obwohl sie nur Märchenerzähler und Trickkünstler waren und aus lebendigen Vollzügen Dreiecke, Kugeln, Formeln und Gleichungen machten.

Die schwallartig entstehenden Maschinen und Ingenieurswerke schienen diesem Ungeist recht zu geben: seht, alles ist eine Maschine, alles ist ein „System“, ein Funktionsmechanismus, ein Apparat. Entsprechende politische Theorien entstanden erst jetzt in dieser Schärfe. Der „Leviathan“ wurde erfunden, dieser Drache namens „Staat“, zu dessen Funktionen die einzelnen aufgrund einer unwiderruflichen persönlichen Überschreibung wurden. Die Erinnerung an magische Praktiken wurde von Hobbes sicher bewusst gesetzt, aber von vielen nicht mehr verstanden: Man kann zu einem solchen Selbstbild im Gemeinwesen nicht verpflichtet werden, sondern muss sich dem regelrecht verschreiben, wie alle jene, die ihre Seele dem Bösen verschrieben haben. Grundannahme war, es könne keine Ordnung herrschen, wenn eine solche Verschreibung nicht geschehe. Tragischerweise schien der berühmte Passus in Römer 13 diesem Wahn auch noch recht zu geben und viele Fromme verfielen diesem Wahn und machten alles mit, was die Abfahrt auf der schiefen Ebene beschleunigte, sobald die „Obrigkeit“ der Täter war. Wir kennen seither nur noch totalitäre, maschinell verstandene Gesellschaftssysteme und ein Heer an Soziologen, die es in diesem Sinne beschreibend verfestigen und jede Erinnerung an eine lebendige Gemeinschaft gelöscht haben. Auch die Kirche hat sich seit dem Beginn der Neuzeit ausdrücklich dogmatisch einem solchen maschinellen, hierarchischen Funktionsmechanismus verschrieben und behauptet, sie sei damit das „Ursakrament“. Die Konzilien von Konstanz, Trient, das Vaticanum I und II sind dabei eine feste Quadriga, die den Sack aufs Grausamste zusammengebunden hat. Das biblische Bild vom „mystischen Leib Christi“ wurde missgedeutet als Funktionsmechanismus. Die Erkenntnis eines lebendigen — nicht mechanischen und maschinellen — Leibes wurde dogmatisch verfehlt und für alle Zeiten verleugnet. Die braven Christen irren nun zwischen diesen vier Unglückskonzilien hin und her wie Fliegen in einem Glas und erkennen nicht, dass dies die vier Säulen einer Gegenwelt sind.
Heute macht sich keiner mehr die Mühe zu kaschieren, dass Ziel und Absicht unserer Trends ist, die Welt, wie sie natürlicherweise ist, abzuschaffen und neue zu kreieren. Derzeit kann man auf Karlsruher Straßenbahnen den Werbeslogan für Computerspiele lesen: „Wir sind Weltenbauer“. Wenn man es geschickt und manipulativ ausgeklügelt anfängt, kann man selbstverständlich in die vorhandenen natürlichen Phänomene eine künstliche Welt projizieren und suggerieren, sie sei unzweifelhaft so vorhanden.

Die Welt wurde entleert und unheimlich, eine Geisterstadt gewissermaßen. Um den erstickenden Menschen davon abzuhalten, sich zu besinnen auf das, was ihm Odem gibt, nämlich der wahre Schöpfer alleine, schuf man massenhafte und massenmedial-maschinelle vertriebene Ablenkung, die die Fixierung auf ein verkehrtes Weltbild immer weiter vertiefte. Science Fiction-Literatur schoss aus dem Boden wie Pilze, so lange, bis sich keiner mehr vorstellen konnte, dass die Welt vielleicht völlig anders ist als wir glauben gemacht werden.

In der Fantasyliteratur werden (oft unter Zuhilfenahme mythologischer Motive) eine Art "Paralleluniversen" erschaffen, in denen der Held allerlei Abenteuer in der Logik dieser erfundenen Welt besteht.
Der Autor samt seinen Lesern erliegt der Einbildung, man könne selbst so etwas wie eine „Natur“ iS eines „Systems“ erschaffen.

Manche postmoderne Menschen verwechseln daher Fantasyliteratur mit alten mythologischen Texten oder heiligen Schriften. Sie denken, Mythologisches oder Transzendentes könne jeder einigermaßen Begabte mal so eben erfinden. Ich halte das für einen schwerwiegenden Irrtum, der sich aus der genannten grundlegenden Irrung der modernen Kosmologie ergibt. Der grundlegende Irrtum ist die Mathematisierung, die Geometrisierung der Welt und der Wahn, sie in Reinform in den „Weltraum“ zu projizieren, wo sie doch in der sichtbaren empirischen Welt nirgends anzutreffen ist. Und dort kann niemand hin und niemand überprüfen, was dort wirklich ist. Dem wachen Geist aber wirkt diese naturferne Spirografenwelt da draußen all zu lächerlich, nachgerade infantil.

Wenn einer etwa die „Metamorphosen“ des Ovid oder das „Ramayana“ mit dem „Herrn der Ringe“ von Tolkien vergleicht und allen Ernstes der Meinung ist, es handle sich dabei um dieselbe literarische Gattung, sei er auf den Boden der literarischen Realität zurückgeholt:
Ovid ist dabei eher den Gebrüdern Grimm vergleichbar als einem Fantasy-Autor. Er hat bestehende, uralte Sagen und mythologische Fabeln im Prinzip "gesammelt" und literarisch schön aufgemacht (Hexameter etc). Er hat weder etwas Mythologisches er-funden, noch sind die Erzählungen in sich unbedingt innerhalb eines Systems schlüssig. Er hat einen vorgefundenen Stoff neu verarbeitet, ohne dabei eine neue mythologische Welt erzeugen zu wollen. Vieles sind „Spots“ in bestimmte Situationen und geben Hinweise auf Herkünfte etwa bestimmter Städte, Orte oder Namen.
Ovid ging es ganz sicher nicht drum, eine "Anderwelt" zu kreieren, in der er seine quasimenschlichen Helden Abenteuer bestehen lässt, die in der empirischen Welt grundsätzlich unerfahrbar sind, aber eine Allegorie auf sie darstellen sollen. Wie sehr antike Autoren dagegen kosmologischen Wahnideen ironisch gegenüberstanden, mögen satirische Schriften wie der „Goldene Esel“ des Apuleius oder die kryptische Posse „Cosmografia“ des Aethicus verdeutlichen. Zu einer solchen Ironie gelangen die humorlosen und verbissenen heutigen Kosmologen nicht mehr, und dies spricht deutlich für sich.

Der kardinale Denkfehler besteht mE hier darin zu meinen, jedermann könne "Mythologie" erfinden oder „Mythologie“ sei ja in Wahrheit nichts anderes als heutige Fantasyliteratur, eine Art „Ausspinnen“ dessen, was wir sinnlich wahrnehmen, in eine verformte, aber gänzlich von den Bedingungen der empirischen Welt abhängigen Parallelwelt. Tatsächlich ist heutige Fantasyliteratur die Rekonstruktion einer selbsterschaffenen, aber durchweg „technisch“ konzipierten Parallelwelt, nachdem man die echte Welt entleert und entseelt hat. Es ist, als könne man die echte Natur einfach verlassen und weiterziehen in die nächste Selbsterschaffung.
Fantasywelten sind grundsätzlich unfähig zu einer wirklich gänzlich anderen Welt. Sie denken sich zu der vorhandenen Vielfalt nur eine weitere aus. Im besten Fall sind sie gut geschriebene Allegorien oder Utopien. Mythologische Texte haben zwar auch eine allegorische, vielleicht auch eine visionäre Seite, bedeuten aber viel mehr noch Stimmen aus der Transzendenz.

Die echten mythologischen Texte stammen "von weit her" und tragen alle ähnliche Merkmale. In ihnen werden menschliche und menschheitliche Situationen thematisiert, wie zB die Erschaffung der Welt aus dem Chaoswasser oder die große Flut (Sintflut), allegorisch oder metaphorisch dargestellt, weil sie eben gerade kein „System“ der Welt annehmen oder glauben entdecken zu können. Zwar spielen hier Zusammenhänge eine Rolle, dies aber nicht funktional oder systemisch. Ein „System“ bleibt gerade in den alten Texten verborgen oder es gibt gar keines, um es vielleicht ehrlicher zu sagen. „Systemdenken“ erscheint hier durchaus als Denk- und Vorstellungs, ja sogar Erkenntnisschwäche und man kann mit Recht von Überwelten sprechen, die hier spürbar werden oder als historisches Agens ausgedrückt werden, aber es sind Über-, keine Anderwelten. Die Überwelt ist mit der empirischen Welt eins, umgreift sie, durchwirkt sie, kann von ihr nicht wirklich wesenhaft getrennt werden, während die Anderwelt, wie ihr Name schon sagt, etwas anderes sein soll als das, was wir empirisch erleben. Dass in beiden literarischen Gattungen bestimmte archetypische Figuren wie zB Drachen, Riesen oder Engelwesen vorkommen können, darf nicht darüber wegtäuschen, dass sie eine je verschiedene Bedeutung haben. Das bloße Auftreten solcher Figuren macht noch keine literarische Gattung.

Der Gedanke, man könne die Welt als System oder Mechanik beschreiben, ist in dieser Plattheit erst neuzeitlich ausgeformt und der gesamten Kultur eingepflanzt worden oder — wie es in der Fantasyliteratur geschieht — von einem solchen System, einer solchen „Weltmaschine“ abgeleitet werden. Egal welchem Ansatz man heute folgt, ob man quantenmechanisch denkt oder relativitätstechnisch: Immer geht man von einem „System“ aus, einer „Maschine“, einer meinetwegen hochkomplexen, aber immer liegt eine mentale Ingenieursleistung zugrunde, die die Welt als Apparat ansieht.
Man wird solche Motive in der klassischen Mythologie ebenso wenig finden wie in heiligen Texten. Was dort den Rahmen der scheinbaren „Naturgesetze“, die die Alten weder kannten noch formulierten, zu sprengen schien, tat dies nicht aufgrund mechanischer Funktionen.

Fantasy, die mythologisch tut, will an tief Erinnertes anknüpfen, um eine Verbindung zwischen wirklicher Schöpfung und artifiziellem Abklatsch herzustellen, wirkt dagegen unwirklich und in der Regel auch "zu perfekt". In der mythischen Erzählung bleibt immer viel offen, widerspricht sich oder verheddert sich. Sie ist systemisch niemals vollkommen, sondern sogar bewusst unlogisch.
Fantasy hat den Charme einer Ingenieursleistung. Es ist vielleicht typisch deutsch, solche literarischen Ingenieursleistungen als "Gefühlstrigger" zu erleben und nicht unterscheiden zu können von anderen Gattungen, in denen Mythologisches (echt) oder Transzendentes angedeutet wird. Dass viele katholische Traditionalisten die beiden berühmten christlich angehauchten Fantasyautoren, Tolkien und C.S. Lewis lesen, als seien jene die großen biblischen Allegoriker, kann man nur als ein tragisches Missverständnis bezeichnen. Das, was bei ihnen als „traditionell“ erscheint, ist historisch zwar möglicherweise traditionell, hat aber mit biblischer Erzählung so gut wie gar nichts zu tun. Tragischerweise halten darum einige skeptische Geister umgekehrt nun biblische Erzählung für Fantasyliteratur. Sie erkennen nicht, dass die Art der Anwesenheit Gottes in seiner Schöpfung in beiden Genres wesentlich unvereinbar ist. Im biblischen Kontext ist Gott verborgen, und dies wesenhaft. Wenn er sich doch zeigt, ist es unabsehbar und immer überraschend und kann nicht festgehalten werden. Kein System der Welt kann ihn halten oder aufspüren.

Unser modern-postmodernes Dilemma ist tatsächlich ein heilloses Missverständnis der Natur als einer mechanischen Anlage, die man vermessen könnte. Dieses falsche und absurde Denken deutete sich bereits in der Scholastik an, setzte sich ausdrücklich bei Kopernikus fort und gipfelte vorerst bei Newton, der unserer Kultur seither eine Art Todesimpuls versetzt hat: Er erschuf selbst ein Universum, tat aber so, als sei seine Schöpfung die Wirklichkeit, und bis heute glauben ihm das alle ohne Sinn und Verstand. Seine "Gesetze" müssen im "ganzen Universum" gelten, behauptete er - sagen wir mal bescheidener: in seinem selbstgestrickten Universum gelten sie vielleicht.

Wir finden in der Natur nirgends die mathematischen Abstraktionen und Funktionsmechanismen vor, die diese Herren ins "All" projiziert haben. Während es hier nirgends in der Natur echte Dreiecke, Kugeln oder rechte Winkel gib, auch keine Fibonacci-Kurven, sondern nur mathematisch interessierte Menschen das in die Natur in ihrer ganzen "Krummheit" hineinsehen, gewissermaßen als "transzendente Abstraktion" dahinter (daher auch die Metapher vom "Weltenbaumeister"), soll "da draußen" also eine Natur sein, die mehr wie ein Uhrwerk und ein Haufen Formeln wirkt, ein Materiallager für all die idealen Formen und Funktionen, "Naturgesetze" (die allerdings extrem widerspruchsbeschwert sind, wenn man diese Theorien mal genauer ansieht), die innerhalb des Orbits nun mal partout nicht gelten können, weil hier keine Abstraktionen, sondern etwas anderes lebendig ist. Kein Baum steht als gerade "Strecke" senkrecht auf dem Boden, keine Körperhälfte gleicht der anderen, der "goldene Schnitt" gilt nur dem Anschein nach - real weicht jeder noch so perfekte Menschenkörper doch davon ab etc. Alles Natürliche und Schöne ist immer "daneben" - neben der Abstraktion, "jenseits" der technischen Auffassung, die eben tot ist und den Tod bedeutet. Daher auch der Exodus der "Iwri", der "Jenseitigen" aus dem "technischen" Ägypten.

Der Charme des Natürlichen liegt darin, dass es im Prinzip nicht "funktionieren" dürfte, wenn man "ingenieurs- und naturgesetzemäßig" drauf sieht. Es ist aber jenseits der angeblichen Naturgesetze tatsächlich stabiler als alle unsere Maschinen, die nach den Prinzipien "funktionieren", die wir auch der Natur unterstellen, die dort aber jenseits unserer Maschinen nicht vorfindbar sind.

Die neuzeitliche Weltauffassung ist aus diesem Grunde durchweg und wesenhaft steril.

Hanna Jüngling, 21.2.2020 (Unter den Himmeln)


Tagebuchfolgen bisher:





[1] Zitiert nach: Patrick Becker/Christiane Heinrich (Hg): Theonome Anthropologie? Christliche Bilder von Menschen und Menschlichkeit, Freiburg 2016: Herder. S. 293
[2] Selbst Mainstreammedien geben inzwischen offen zu, dass über den Einsatz biologischer Waffen gegen die eigenen Bevölkerungen gesprochen wird, etwa die vorsätzliche Verseuchung von Zecken mit Borrelioseerregern: https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/borreliose-pentagon-soll-pruefen-ob-es-veraenderte-zecken-freigesetzt-hat-a-1277705.html

Sonntag, 16. Februar 2020

Wo ist die Natur? - Tagebuch einer Suche: Weder Scheibe noch Kugel — der Katechon

Weder Scheibe noch Kugel — der Katechon

Das alberne Gezänk sowohl des Mainstreams als auch der alternativen Medien gegen die Flacherdler-Bewegung, dem jede Gelassenheit, jeder Humor und auch jedes Bewusstsein dafür fehlt, dass die moderne Astrophysik und Kosmologie in Wahrheit auf keinerlei wissenschaflich zu nennender, wirklich haltbarerer Basis steht, sondern im Prinzip das technisch aufwendige Fortspinnen einer Traumidee ist, die ja niemals irgendeinen Beweis in der Realität antreten muss, den jedermann überprüfen könnte, nimmt inzwischen entlarvende Formen an.
Ein großer Teil der Streitenden v.a. auf der Seite der Globusgläubigen kann offenbar Theorie nicht mehr von Empirie unterscheiden und hält Filmanimationen und SciFi-Hollywoodproduktionen für Realität. Gerade auf deren Seite ist es nahezu unmöglich, noch klarzumachen, dass das Argument, wenn die empirische Wahrnehmung der Theorie widerspreche, müsse einem vernünftig denkenden Menschen doch weniger die Wahrnehmung als die Theorie fragwürdig erscheinen, intellektuell zu vermitteln. Die globalistische Seite ist euphorisch: ja, wir sehen alles verkehrt, Gott sei Dank hat die moderne Astronomie uns gelehrt, wie man alles richtig sieht. Dass aber auch im verkehrt-richtiggestellten Modell Winkel falsch sind, Berechnungen nicht hinhauen, der Nordstern niemals für alle sichtbar sein dürfte und v.a. nicht so, wie er es tut, dass man den Eindruck hat, jede Unstimmigkeit wird hechelnd durch einen Anbau an das monströse Gebäude schnell ausgebessert — das alles weist uns drauf hin, dass das Gebäude inzwischen seine statische Stabilität trotz größter medialer Anstrengungen verloren hat und demnächst zusammenbrechen dürfte. Und überhaupt: wenn "uns" (also uns Menschen) unsere empirische Wahrnehmung hier stets grundsätzlich trügt, welches Superhirn kann sich dann so sicher darüber sein, welcher wie immer definierte Blick auf das "All" nicht trügerisch ist?! Wer kann dann mit Berechtigung aussteigen und es "richtig sehen"?!

Ich möchte daher für die kommende, dringend notwendige, wissenschaftliche Debatte einen Gedanken in die Runde werfen:

Kopernikus argumentierte seinerzeit ja nicht mit empirischen Fakten — genauso wenig tat das Bruno, genauso wenig Galilei (wobei letzterer eigentlich ein Hanswurst war und überhaupt keine echten Konzepte hatte), erst recht nicht Newton.
Alle gingen sie von theoretischen Annahmen aus, die sie der wahrnehmbaren Realität überstülpen wollten. Dabei wurde nebenbei mal eine andere Schöpfung, genannt „Universum“ erschaffen. Der Begriff ist neumodisch, denn die Alten kannten nur die Schöpfung, die Natur. Der Begriff „Weltall“ taucht im Deutschen laut Grimmschem Wörterbuch erst im 18. Jh auf. Auch das kürzere „All“ im selben Sinn taucht erst im selben Zeitraum allmählich auf. Auch das lateinische „Universum“ wurde nicht als „Weltall“ verstanden, sondern als das Allgemeine oder Gesamte. Man sprach bei den Alten vom „Kosmos“, aber auch der meinte weniger das „Weltall“ als das „Weltsystem“ des „Äons“. „Kosmos“ wurde dabei auch politisch verstanden, als Herrschaftssystem.

Kopernikus also war wie manche andere der Meinung, der Kosmos — immer eingedenk dessen, dass das Bedeutungsfeld dieses Begriffes durchaus variabel sein konnte — müsse sich in ideale geometrische Figuren gebettet haben Er behauptet in seinem Hauptwerk ausdrücklich, dass die Himmelskörper deswegen Kugeln sein müssten, weil die Kugel die ideale geometrische Figur sei. Sei Argument stützte sich also gerade nicht auf eine empirische Beobachtung, sondern vollzog eine Geometrisierung der Welt, die schon zuvor von manchen Kreisen aus begonnen worden war.

Nun erkennen wir in der Natur tatsächlich idealiter solche geometrischen Gestalten: Kreise, Dreicke, Fibonacci-Kurven (Schnecken), die Swastika, Spiralen, Sternformen, Senkrechte, Geraden etc.
Nur haben wir eine kleine, aber wichtige Tatsache inzwischen verlernt:
Nirgends in der Natur finden wir wirklich diese ideale Form. Wir legen sie nur den Formen, die wir vorfinden, als Ideale zugrunde, weil wir diese ideale darin zu erkennen glauben.
Faktisch steht aber kein Halm, kein Baum senkrecht auf der Erde, wir werden nirgends eine echte Kugelform finden, auch nicht im berühmten Wassertropfen, der zwar irgendwie ein Tropfen ohne jede Kante ist, aber eben keine Kugel. Der Mensch sieht aus wie achsensymmetrisch gespiegelt, und doch stimmen seine beiden Hälften tatsächlich überhaupt nicht überein. Man könnte endlos so fortfahren, um am Ende zu fragen, ob diese scheinbar ideale geometrische Form nicht die einzige wirkliche Wahrnehmungstäuschung ist, während die empirisch wahrgenommene Welt sogar extrem real ist ohne diese zugrunde liegend gedachten Reduktionen? Die Geometrisierung der Dinge beruht auf einer Denkstörung. Denn alle Geometrisierung ist Reduktion, Vergrauung des Farbigen, Tötung des Lebendigen.
Kopernikus’ Thesen basieren — sagen wir es doch mal krass — auf einem veräußerlichenden, herabwürdigenden Zwangsgedanken und haben keinerlei Berechtigung, anstelle der wahrgenommenen Realität als „Wahreres“ gesetzt zu werden.

Anders herum wird ein Schuh draus: genauso wenig, wie irgendwo in der Natur ein Dreieck ist, das dem Ideal entspricht, genauso wenig sind dort Kugeln. Das alles gibt es nur in der abstrakten Welt, nicht in der Wirklichkeit.
Was immer äußerlich ein wenig geometrisch wirkt, ist nach innen zwar schon relational, aber nicht mathematisch — wie unsere beiden Körperhälften. Und so, wie überhaupt außen und innen nicht einfach nur äußerlich beschreibbar sind, und Physik ist nichts als Äußerlichkeit, die an ihrem grundsätzlich verwehrten Zugang zum Inneren scheitern muss. Es wäre an der Zeit, dahin zurück zu finden.
Was immer also im Kosmos dieses Äons ist, ist genauso wenig geometrisch ideal wie alles, was wir sonst in der Natur vorfinden! Daraus kann natürlich nicht geschlossen werden, dass es keine Ordnungen gibt. Das wäre falsch gedacht. Es gibt Ordnungen, aber sie bestehen wesentlich aus einer Übereinstimmung von Außen (zeitlich Manifestiertem) und Innen ("Herz"). Die kopernikanische Konzeption nimmt sich dagegen lächerlich und schizoid aus, weil sie Lebendiges in sich aufspaltet und anschließend das Ewige zur Unterfunktion des Zeitlichen macht.

Die gesamte moderne Astrophysik basiert auf diesen zwanghaften „Idealfiguren“ und kann daher nicht sein. Da draußen im „All“ sind weder Kugeln noch sonst etwas, das man mathematisch berechnen könnte. Man kann nur seine eigenen Schöpfungen und Maschinen berechnen, nicht aber die Natur. Ich gehe davon aus, dass die allermeisten diesen einfachen, aber unabweisbaren Gedanken intellektuell nicht mehr verstehen werden und sofort wieder losballern mit ihren materialistischen „Argumenten“.

Ich empfehle daher, erst einmal nachzudenken.

Und natürlich ist die Erde dann auch keine „Scheibe“, denn auch das ist nur ein geometrischer Idealbegriff.

Ich finde den alten Begriff des „orbis terrarum“ hier am meisten treffend. Hebräisch nennt man es „tewel“: den „Erdkreis“. Dieser Kreis ist nicht einfach äußerlich geometrisch gemeint, sondern als ein Gegenstand, in dem ein Außen mit einen Innen verbunden ist. Man spricht auch von „chug“, einem Kreis oder Gewölbe, vor allem einem „Horizont“, den Grenzen, keinesfalls einer „Kugel“, wie inzwischen bibelverfälschend auf evangelikaler Seite zB von Roger Liebi und vielen anderen ohne jede Hemmung durch die Wahrheit behauptet wird. Dabei hat noch niemals einer der älteren Übersetzer hier einen Übertragungsfehler gemacht. Alle wussten, dass der „Erdkreis“ keine Kugel ist und auch die LXX wäre niemals auf die absurde Idee gekommen, dies so zu übersetzen, ebenso wenig Hieronymus! Denn „Kugel“ heißt hebräisch „kaddur“ und nicht „chug“. In der Schrift gibt es für das kopernikanische Weltbild nicht einen einzigen validen Hinweis, im Gegenteil, denn ich habe noch einen erschütternden Fund gemacht bei meinen Recherchen:

Hochinteressant ist, dass in Jes 40,22 in der LXX, wo das Reizwort von der angeblich „chug“-Kugel steht, auch der berühmte „Katechon“ auftaucht, der im NT im 2 Thess 2,6f als der bzw das benannt wird, der die Entschleierung des Geheimnisses des Bösen und den Antichristen noch aufhält.
Die LXX übertrug hier so, dass dieser „katechon“ den Horizont der Erde kontrolliert bzw zusammenhält, ja es ist dieser „katechon“, der überhaupt mit seinem Thron die Grenzen dieses Erdkreises setzt.
Man kann daraus schlussfolgern, dass die Beiseiterückung des „katechon“, von der der Thess spricht, den Antichristen heraufbringen wird also nun auch insofern als zuvor die Grenzen der Erde nicht mehr ihm, sondern einer abstrakten geometrischen und extrem unanschaulichen Figur zugeordnet werden: auf der Kugel gibt es weder oben noch unten, weder Ost noch West, keiner weiß, wo er wirklich ist, und eine Horizontlinie kann niemals mit der des „katechon“ zusammenschmelzen. Der griechische „katechon“ ist hebräisch „hajoschev“, der Sitzende, der Draufsitzende gewissermaßen, höchst anschaulich, und ja, er muss weg nach 2 Thess, damit der andere kommen kann. „Hajoschev“ saß aber im gesamten AT nie auf einem Gymnastikball, dessen Unterseite er damit auch noch gequetscht und vor allem nicht gesehen hätte, sondern auf einer Kuppel und gab mit seinem Thron der Erde ihre Form.
Damit wäre, theologisch gesprochen, angedeutet, dass das moderne Weltbild die notwendige Grundlage für die Hervorbringung des Antichristen ist.

Hanna Jüngling, 16. Februar 2020 (Zuhause auf dem Erdkreis)


Tagebuchfolgen bisher:




Mittwoch, 5. Februar 2020

Wo ist die Natur? - Tagebuch einer Suche: Korrespondenzen zum Klima

Wo ist die Natur? - Tagebuch einer Suche


Korrespondenzen zum Klima

Die Pfinz war zum reißenden Fluss geworden, heftige tagelange Regenfälle setzten die Bäume am Ufer unter Wasser. Auch das ist Klima — verschwiegenes, aus dem Ruder laufendes Klima, das doch immer trockener und heißer werden soll, Malefiz, wenn es nach den Prophezeiungen des Club of Rome geht, und jetzt wird es feuchter, aber nicht kälter … warum auch, denn hier war es ja nie wirklich kälter. Dem benebelten Geist erscheinen die Wintertage der Kindheit alle schneeumstürmt. Die Wetterstatistiken für den Ort sagen uns allerdings etwas anderes. Würde mich nicht wundern, wenn man für den Klimafake Daten vernichtet.
Es macht eben wie schon immer, was es will, das Klima. Und wenn es sich nicht framen lässt, das renitente, unabhängige Klima, dieses ungezogene Weib, dann gehört es gebändigt, inklusive Hexenprozesse dazu, denn irgendwer muss ja schuld sein daran, dass die Natur größer ist als das Gehirn einzelner Spatzen. Unsere Wettermacherinnen träumen alte erfolglose Träume, wie schon seit je: der Wahn hat immer seine Vollstreckerinnen. Ohne Binnen-I.
In der Stadt die „KünstlerInnen für die Zukunft“ in altbewährter deutscher Hybris: „Karlsruhe macht Klima“.
Die kleine Hexe ließ Tannenzapfen regnen. Und weiße Mäuse. Man sollte Hirn regnen lassen heute.
Sie bemerken ihren Grenzübertritt zum Kitsch genauso wenig wie den zum Größenwahnsinn. Woher der Hass gegen das Freie, nicht Genormte, Überraschende, Sich-Wandelnde? Oder dekonstruieren sie einfach nur das ungebändigte Klima, wollen es in eine sterile Vertaktung zwingen, auf Teufel komm raus? Erinnert das Klima sie daran, dass sie den ganzen Kopf voller Normen haben, Sklavengeister sind, triebhaft hin und hergeschickt, ohne Ziel und Sinn, aber aufgeladen mit Arroganz bis in die Haarspitzen?
Mir geht es übrigens gut, ich fühle mich wohl, die Kleidung vom Vorjahr passt heute auch noch, und die Skipisten machen schon lange nicht jede geldgeile Verkaufambition mit. Kunstschneemaschinen gibt es seit den 1940ern. Fürs Geldmachen macht man alles, auch Klima.
Mein Vorschlag wäre: „Backe, backe Klima“.
Ich bin nicht dabei. Ich mache einfach Kunst in einer Schöpfung, die niemand bis heute verstanden hat.
Wir wissen fast nichts über sie, aber eines ist gewiss: die Alten wussten mehr als wir, mehr von Energien, von Kräften und Gewalten, vom Mittelpunkt. Ich taste mich an das heran, was von ihnen noch überliefert ist und staune.

Misteln in den kahlen Bäumen und Maulwurfshügel auf grauen Wiesen. Daneben der reißende Bach mit seinen Stundenkilometern in Rennradstärke. Lehmgelb. Als ich im Wald bei Kleinsteinbach über eine kleine Holzbrücke übersetze, treibt eine riesige, feuergelb ausgewaschene Baumwurzel im Wasser und überschlägt sich dabei wie ein Zirkusartist, der räderschlagend in die Manege stürmt, unterm tobenden Beifall der Zuschauer.

Hanna Jüngling, 5. Februar 2020 (An der Pfinz hinter Berghausen talaufwärts)

Tagebuchfolgen bisher:

16.1.2020:    Wo ist die Natur? - Tagebuch einer Suche: Spechtbalz, frühe Singdrossel und der erste wilde Uhu meines Lebens

Freitag, 31. Januar 2020

Trinitätslehre auf dem Prüfstand — Brief XV. an Unitarier und Trinitarier (V): Der Name des Herrn

Trinitätslehre auf dem Prüfstand — Brief XV. an Unitarier und Trinitarier (V): Der Name des Herrn

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V. Der Name des Herrn

Gott offenbart sich im Alten Testament nicht als Vater und wird so auch (fast) niemals genannt. Er hat gelegentlich väterliche Attribute, häufiger dagegen weibliche und mütterliche, aber beides bleibt undeutlich, führt nicht zu einem klaren elterlichen Bild. Zentral ist andererseits eine (männliche) Liebhaber-Metaphorik. Sie ist scharf umrissen und taucht schon sehr früh auf. Im Neuen Testament wird sie von Gott auf Jesus Christus übertragen.

Mit der Sünde, mit der Möglichkeit, die Wirklichkeit zu leugnen und zu ersetzen durch die Lüge, verliert der Mensch das Organ, das ihn Gott wahrnehmen lässt. Während Gott in der Paradieserzählung unter den Menschen wandelt, kann davon danach keine Rede mehr sein. Oder sagen wir es präzise: Ob er unter den Menschen anwesend ist, können wir nicht sagen. Wir wissen, dass wir ihn nicht mehr gewiss wahrgenommen haben. Unsere Empfindung, dass er sich zurückgezogen habe, kann ganz falsch sein. Wir sind für seine Gegenwart erblindet, ertaubt und erlahmt. Dieser Zustand scheint sich nach der Vertreibung aus dem Paradies sehr schnell eingestellt zu haben.


a. „El“

Die jüdische Tradition, die auch Hieronymus reflektiert hat, deutet einerseits die Vorgänge noch in Eden und kurz danach als einen schrittweisen Rückzug Gottes aus der Sphäre der Menschen. Sie kennt aber auch die Vorstellung, dass eine Erblindung des Menschen für den anwesenden Schöpfer vorliegt. Je weiter er sich entfernte, oder: je mehr der Mensch erblindete, desto „leerer“ wurde es, und man begann zur Zeit des Enkels des „adam“, Enosch, „beschem JHWH“, „mit/in einem Namen den/des Herrn anzurufen“ (Gen 4,26), oder, wie die LXX es übertrug, „Und Seth wurde ein Sohn geboren; er gab ihm den Namen Enos. Dieser hoffte darauf, den Namen des Herrn anzurufen.“ In diesem Sinne übertrug dann auch Hieronymus.

Welchen Namen man da wohl anrief, und: wie tat man das? Die Menschen wussten noch nicht, wie sein Name ist. Sie riefen nicht den Namen, sondern einen Namen an. Das spricht aus den merkwürdigen Versen in Ex 6,3f:

„3 Ich bin Abraham, Isaak und Jakob erschienen als El-Schaddai (Gott, der Gewaltige); aber mit meinem Namen JHWH habe ich mich ihnen nicht zu erkennen gegeben.“

Wen haben sie also vor Abraham angerufen? Oder anders gefragt: Was haben sie ausgerufen?
Hieronymus, der die jüdischen Überlieferungen kannte, kommentiert diese alte Frage mit der Bemerkung:

„Die meisten der Hebräer glauben, dass damals zuerst unter dem Namen des Herrn und nach seiner Ähnlichkeit die Götzenbilder verfertigt wurden.“[1] 

Der Gottesname, der in der Schrift erscheint, aber sehr gut als der Name des Göttervaters im heidnischen Pantheon bezeugt ist, ist „El“. „El“ galt als der Vater der Göttersöhne, und ein „El“ scheint auch in der biblischen Tradition als Anrufungsgestalt gemeint zu sein, allerdings gewissermaßen seiner Zweige beraubt, bis auf wenige Stellen, an denen noch die „Göttersöhne“ auftauchen.[2] Die biblischen Gestalten fischen seltsam im Trüben zu Anfang. „El“ erscheint fast sinnleer und erfährt durch Namenszusätze  und die Pluralisierung eine Sinnstiftung.


b. „Elohim“

„Elohim“ ist möglicherweise ein Pluralwort zu „El“, vielleicht aber auch, wenn man Friedrich Weinreb glauben will, zu „elleh“ (pl. „diese“) und bedeutet dann wörtlich „Götter“ oder so etwas wie „dieselben/genau diese“. Im Alten Testament wird das Wort meistens für den einen und bestimmten Gott eingesetzt, der sich als der persönlich hervortretende, Israel zuwendende Gott erweist. „Elohim“ wird aber auch weiterhin als Begriff für „Götter“ im allgemeinen eingesetzt. Manchmal bleibt unklar, ob der Gott oder Götter gemeint sind. In Gen 3,5 sagt die Schlange zur Frau, sie würden „kelohim jodei tov wara“, wörtlich „wie die Götter/Gott Gut und Böse erkennen“. Über das Verständnis dieser Stelle herrschte immer Uneinigkeit. Die LXX verstand es als „theoi“, also als „Götter“, ebenso die Vulgata, die in den älteren Versionen „dii“ übersetzte, nun aber in der neuesten vatikanischen Revision „Deus“ schreibt. Die King James Bible übertrug mit „Gods“, also ebenfalls im Plural. Martin Buber schreibt „Gott“. Weil „elohim“ hier mit unbestimmtem Artikel vokalisiert ist, würde man allerdings tatsächlich eher annehmen müssen, dass es nicht um den Gott geht, sondern um Götter. Der Mensch wollte nicht sein wie Gott, wie es so oft heißt, sondern wie die Götter eine Erkenntnis gewinnen. Um die Frage zu umgehen, welche Götter gemeint sein könnten, wo man doch strengen Monotheismus ausgedrückt sehen wollte, übertrug man dann häufig lieber mit „Gott“. Die in der Hinsicht völlig unverdächtige LXX dürfte uns aber einen Hinweis darauf geben, wie das ursprüngliche Verständnis der Stelle war.
Das Beispiel soll vor Augen führen, dass „elohim“ ein allgemeiner Begriff für Gott ist, ähnlich wie das Stammwort „El“, der nicht immer eindeutig zuzuordnen ist, sowohl den bestimmten, einen Gott, als auch heidnische Götter und gelegentlich auch Menschen meinen kann. Am häufigsten ist er jedoch auf den Gott Israels bezogen. Mit dem Plural wird er gewissermaßen „übergeordnet“: er ist mehr als nur ein „El“. Er ist gewissermaßen der „El“ potenziert.


c. „Na’aseh lanu schem!“ und der „El Eljon“

Nach der Sintflut wird der Versuch der Menschen, sich „einen Namen zu machen“, die Stadt und der Turm zu Babel, von JHWH — wie es vom zurückblickenden, späteren Autor interpretiert wird — vernichtet. Der Turm sollte „baschamajim“ reichen (Gen 11,4), „in den Himmel hinein“. Die folgenden Worte sind durchaus mehrdeutig. Gemeinhin versteht man sie so, als habe die Menschheit als die eine, noch nicht über die Erde verteilte, sich selbst einen Namen machen wollen, wie man diese Redewendung modern versteht: man will sich ein Denkmal setzen oder berühmt werden. Nur ergibt das keinen Sinn: bei wem will sich die eine, ungeteilte Menschheit einen Namen machen? Es ist ja keine Umgebung da, bei der man sich einen Namen machen könnte im modernen Sinn. Man kann das aber auch anders verstehen: „wena’aseh lanu schem“ kann auch noch viel konkreter heißen „ und lasst uns ein Name werden“ bzw „lasst uns uns einen Namen erschaffen“. Man kann durchaus auf den Gedanken kommen, dass es hier darum geht, einen Gottesnamen zu machen. Dafür spricht auch der Turm, der in den Himmel hineinreichen soll. Mit der Verwirrung der Sprache wurde diesem Unterfangen, einen Gottesnamen samt einer Gottesbeziehung aus Eigenem zu kreieren, ein Ende gesetzt. Gott scheint dieses Unterfangen der Menschen sehr ernst zu nehmen und traut ihnen zu, es auch zu verwirklichen (Gen 11,6). Aber — rückschauend — kann man erahnen, dass mit dem Gelingen dieses ihres Planes auch der Rückweg zu dem wahren Gott versperrt worden wäre. Der Mensch hätte viel erreicht, dies aber in einer Sackgasse.

Gottes konkrete und direkte heilsgeschichtliche Zuwendung beginnt danach ab Gen 12 mit der Herausrufung Abrams aus seinem Land. Auch Abram kennt den Namen Gottes nicht. Er sieht in ihm wohl den im vorderen Orient überall geglaubten „El“, errichtet ihm am Ort „Beit-El“ (Haus Els) einen Altar. Es heißt, dort habe er „beschem JHWH“ gerufen. „Beschem“mit einem Namen JHWH“, dessen Name aber damals noch nicht offenbart war, wie wir schon gelesen haben. Rief Abram so an wie man es zur Zeit Enoschs begonnen hatte zu tun? In Gen 15,2 lässt der Autor Abram Gott als „adonai JHWH“, als „mein Herr JHWH“ ansprechen, was rückwirkend hineingelegt worden sein muss, wenn Ex 6,3ff zutreffend ist und Abram den Namen JHWH noch nicht gekannt haben kann.
Zuvor begegnete dem Abram, dem „Iwri“ („Hebräer“), dem „Fremden“, dem „Eingewanderten“ (Gen 14,13), der geheimnisvolle Priesterkönig Melchisedek. Von dessen Gott heißt es, er sei der „El Eljon“ (der höchste Gott) (Gen 14,18ff). Ausdrücklich wird Abram über Melchisedek von diesem höchsten „El“ gesegnet und in einen Lobpreis desselben Gottes hineingenommen. Dieser „El“ sei der „Schöpfer des Himmels und der Erde“, wird damit allerdings im Kontext des bekannten heidnischen Verständnisses von „El“ gezeichnet, der allgemein als der Urschöpfer galt. Wenn man sich hineindenkt in die Situation, die beschrieben wird, wird verständlicher, dass diese Begegnung Abrams mit Melchisedek einer Konkretisierung des Gottes, mit dem Abram es zu tun hatte, diente: Du hast es mit dem „El aller Els“ zu tun.
Gleich nach dieser Segnung Abrams hat Abram eine Vision Gottes (Gen 15), die auch sprachlich weit über das hinausgeht, was er zuvor an Gotteserfahrungen gemacht hatte: Ab jetzt führt er mit diesem Gott Dialoge. Zuvor war er nur einseitig von ihm angesprochen worden. Das ist ein enormer „Fortschritt“: Nun spricht ein Mensch erstmalig Gott wieder informell an, so, wie man einen anderen Menschen, einen Freund anspricht. Das wurde in der Schrift zuletzt von Adam und Eva getan. Sie waren die letzten, die ihrerseits zu Gott freundschaftlich dialogisch sprachen, so, wie man zu einem Menschen spricht, der hört und antwortet. Wohl spricht Gott weiterhin einmal zu einem Menschen, etwa zu Kain, aber der Dialog Kains mit Gott ist nicht mehr freundschaftlich, weil Kains Herz sich abgewandt hat. Nach dem verweigernden Dialog Kains mit Gott gibt es erst einmal keine Dialoge mehr, die uns berichtet werden. Gott spricht zwar einseitig zu Menschen, etwa zu Noach, aber es ist uns nicht berichtet, dass die Menschen ihm antworten.
In Gen 15 beginnt der Mensch Abram sein Herz zu öffnen gegenüber dem „El Eljon“ und spricht seinerseits zu ihm.


d. „El Roi“

Der nächste Herzensdialog zwischen Gott und Mensch geschieht überraschenderweise nicht zwischen Gott und Sara, der Frau des Abraham, sondern mit der von den beiden sexuell missbrauchten und verzweifelten Sklavin, der Hagar, in Gen 16. Mit Hagar wird auch erstmalig die Metaphorik des göttlichen Liebhabers intoniert.
Auf letztere Metaphorik kann ich hier nur knapp eingehen, möchte aber darauf hinweisen, dass die erotische Mann-Frau-Bildsprache — intakt verstanden, nicht nach der Unordnung durch die Sünde — sowieso kein Rangdenken verträgt, sondern aufs „Ganze“ gerichtet ist. In diesem „Ganzen“ bilden Gott und Menschen eine Ganzheit auf Augenhöhe (wie Mann und Frau), was ebenfalls ein ungeheuerlicher, undenkbarer Gedanke bleibt, wenn wir ihn messen an unserer erbärmlichen Wirklichkeit.
Im Hohenlied, dem „Lied der Lieder“ ist nicht immer klar, wer metaphorisch welche Rolle einnimmt, sie verschwimmen und durchwirken sich, Schulamit und der, den ihr Herz liebt. Ob der Geliebte unablässig nach ihr sucht oder sie nach ihm, ob er sich entzieht oder sie das tut — es ist keinerlei Rangabfolge erkennbar. In der Beziehung der Sklavin Hagar zu dem Gott, der ihr in der Wüste begegnet, schwingt dieses Motiv ebenfalls mit (eigene Übertragung einer komplizierten, nur schwer gut wiedergebbaren, grammatischen Konstruktion im Hebräischen):

„Sie rief den Namen JHWHs, des zu ihr Sprechenden, ‚El Roi’ (der mich sehende Gott), denn sie sagte: ‚Habe ich nicht auch hier dem Mich Sehenden nachgesehen?’.“ (Gen 16,13)

Hagar hat den Eindruck, dass der Augenblick, in dem Gott nach ihr sah, ihr zeigte, dass auch sie immer nach ihm Ausschau gehalten hatte.
Das ist bereits die Sprache des Hohenliedes.

Sie gibt ihm einen Namen der Erfahrung entsprechend, die sie mit ihm gemacht hat. Und auch sie führt mit ihm einen Dialog, und ausdrücklich heißt es, sie habe dem JHWH (aus der Rückschau wird er konkret benannt) einen Namen gegeben, ihm, dem „haddover eleha“, der „zu ihr gesprochen“ habe (Gen 16,13). Dieser „El Roi“ spricht ein zweites Mal mit ihr in Gen 21.


e. Der Liebhaber und der „Baal“

Das Männlich-Herrscherliche wird eigentümlich außer acht gelassen, wenn es um die Beziehung zwischen Gott und Mensch geht. Ja, es wirkt lächerlich, böse und verdorben. In der Begegnung mit Hagar offenbart Gott sein liebendes Herz. Bereits im AT werden ganz andere Attribute des Männlichen spürbar, als der Partriarchalismus es festklammert. Gott verstößt in den späteren Reden der Propheten seine Geliebte Israel nicht, obwohl sie untreu ist. Er liebt sie und will sie wiederhaben, er wirbt um sie und kämpft mit ihr um ihre Zuneigung. Der Mann im mosaischen Gesetz dagegen gibt seiner Frau einen Tritt und nimmt sich eine Neue, wenn sie ihm nicht mehr passt. Hier tun sich Abgründe auf. Die widergöttliche Haltung erreichte tatsächlich zur Zeit Jesu ihren Kulminationspunkt mit Rabbi Hillel (gest. um 9 n. Chr.), der lehrte, der Mann könne seine Frau aus jedem, seiner Willkür unterlegten Grund verstoßen.[3]

Interessanterweise kommt aus dem animalischen Gesetzesdenken die Konvention des Hebräischen, den Ehemann „baal“ zu nennen („Herr/Herrscher“), also nicht „elohim“ oder „JHWH“ — das hätte der Mann niemals gewagt, aber stattdessen greift er zum pervertierten Vatergott der heidnischen Umwelt und nennt seinen eigenen Herrschaftswahn über Frau und Kinder nach dem Gott Baal, der zur Zeit Jesu sogar als Name des Satans aufgefasst wurde (Mk 3,22ff; Mt 10,25; Mt 12,24ff; Lk 11,15ff). Immerhin nannte Sara, deren Name auf Geheiß Gottes „Herrin“ lautet, ihren Mann in Gen 18,12 „adoni“ (mein Herr). Als Verb bedeutet „baal“ im Gegensatz zum urgeschöpflichen „jada“ (erkennen) für den Geschlechtsakt, das animalische „begatten“ (also wörtlich „beherrschen“ oder „besitzen“). Im Hebräischen bedeutet „baal“ daher auch „Eigentümer“. Der Namenszusatz „Baal“ für Eigentümer, Könige und Götter ist durchweg tatsächlich ein „Titel“ — im Gegensatz zu den Gottesbezeichnungen des höchsten und besten Gottes im AT. Es ist der Baal, der den, den er „besitzt“, zum „Besessenen“ macht. Nach diesem bösen Dämon benannte der Mann seinen Herrschaftsanspruch. Und mit diesem zweifelhaften Titel benannten fromme Frauen später — anders als Sara — ihren Mann.
Jesus heilte viele „Besessene“, und wenn es sich um Frauen handelte, wurden sie frei und mit ihrem Namen genannt und umgaben ihn auch frei ohne irgendeinen rechtlichen Bezug zu ihren Männern oder Vätern.
Das hebräische Wort „adon“ (Herr), das für Gott mitgenutzt wird, beinhaltet nicht diesen Aspekt des Eigentümerseins oder „Beherrschens“, das im „baal“ ausgedrückt wird. Es betont die Würde dessen, der so angesprochen wird, die er aus sich selbst heraus hat und die der ihn Ansprechende ihm auch respektvoll zuspricht. Ein „adon“ ist ein „adon“ — er beansprucht nicht, indem er sich den Titel gibt, einer zu sein, ohne es wirklich zu sein. Abraham ist, um es zugespitzt zu sagen, nur deswegen ein „adon“, weil „Sara“, deren Name „Herrin“ bedeutet, ihn so nennt. Gott gibt ihr diesen neuen Namen (Gen 17,15). Sie gibt, nun inzwischen gereift, diesen Namen an ihren Mann zurück.
Die jüdische Tradition kennt die Vorstellung, dass die Götter sich den Namen Gottes angemaßt hätten.[4] Erst mit diesem Akt wurde „Gott“ zu einem „Titel“. Der wirkliche Gott aber bedarf keiner Titel, denn er ist genau das, was er ist und wem er begegnet, der weiß, dass er es ist, erkennt es an oder vergeht. Ein Gott, der Titel braucht, ist keiner. Der Name Gottes ist das, was er ist, so wie auch Abraham („Vater der vielen“) und Sara („Herrin“) zu dem wurden mit Gottes Hilfe, was ihre Namen sagten. Im Zusammenhang mit der Vergabe neuer Namen, die die alten Namen nicht einfach wegwerfen und verachten, sondern behutsam und liebevoll umformen, erfährt Abraham noch etwas anderes: einen weiteren erklärenden Gottesnamen.
Und doch teilte Gott diesen beiden noch nicht seinen JHWH-Namen mit. Ihnen erschien er als der gewaltige, überraschende, wirksame Gott (s.u.), während die kleine Sklavin Hagar, die sie von sich gestoßen hatten nach dem damals in der heidnischen Umwelt rechtmäßigen und so grausamen Missbrauch, ihn als den „Mich-Sehenden“ erfahren durfte.


f. „El Schaddaj“

In Gen 17,1ff, nachdem er Hagar erschien und von ihr als „El Roi“ benannt wurde, erscheint Gott auch erneut dem Abram und nennt diesmal einen Namen (V1): „Ani El Schaddaj“, „Ich bin El, der Gewaltige“. „El Schaddaj“ schließt mit ihm einen Bund und gibt ihm und Sarai neue Namen: Abraham und Sara (s.u.).
In beiden Begriffen klärt sich für Abraham und Sara, die einen Vorläufer-Exodus aus dem alten heidnischen Feld erleben, dass der „El“, der mit ihnen Kontakt aufgenommen hat, der Höchste und der Gewaltige ist. Mit ihm machen sie entsprechende „beglaubigende“ Erfahrungen. Und mit ihm stehen sie auf seine Initiative hin in einem Bundesverhältnis.

Wie oben schon zitiert, wird uns in Ex 6,3ff bestätigt, dass Abraham, Isaak und Jakob Gott nur unter diesem Namen kennenlernen konnten.

Eigentümlich ist das Wortspiel in Gen 49,25f, wo der sterbende Jakob Josef mit folgenden Worten segnet:

„Me’El avicha weja’esercha we’et Schaddaj (…) wiwarchecha birchot schamajim me’al birchot tehom rowezet tachat birchot schadajim wa racham.“

Nach Buber folgendermaßen übertragen:

„Vom Gott deines Vaters —
Er helfe dir,
von dem Gewaltigen —
er segne dich:
Segnungen des Himmels, von droben,
Segnungen des Wirbels, der drunten lagert,
Segnungen von Brüsten und Schoß!“

Dieser Segen ist mehr als geheimnisvoll, denn er geht weiter und nennt in V 26 einen „Geweihten unter seinen Brüdern“, dem dieser Segen langfristig gilt:

„Die Segnungen deines Vaters wuchsen
An die Segnungen der ewigen Berge,
an die Lust der Weltzeit-Höhn —
sie mögen sich senken auf Josefs Haupt,
auf den Scheitel des Geweihten unter seinen Brüdern!“

Gerade dieser letzte Abschnitt ist sehr schwer zu übersetzen, er ist auf Hebräisch poetisch und mystisch. Hier klafft ein großer Unterschied zwischen der LXX und dem Masoretischen Text. Allerdings scheint Buber hier dem zu folgen, was auch die LXX vorgibt. Ich konnte die Auffassungen bei Luther und der King James Bibel aus dem masoretischen Text nicht erkennen. Ohne diese Problematik weiter verfolgen zu wollen an dieser Stelle, wird hier ein prozesshaftes Geschehen beschrieben, ja sogar beschworen, das die Segnungen im „nasir“ kulminieren lassen wird. Ein „nasir“ ist ein Gottgeweihter, ein Mönch bzw ein „Ausgesonderter“.
Die Segnungen des „Schaddaj“ sind diese drei:

„Segnungen des Himmels, von droben,                               
Segnungen des Wirbels, der drunten lagert,                        
Segnungen von Brüsten und Schoß!“

Der „El Schaddaj“ umfasst und überblickt alles: den Himmel oben („schamajim“), das Chaoswasser, die Urflut aus Gen 1,2 („tehom“) und die Unterwelt, und seltsamerweise das Weibliche („schadajim wa racham“). Das Wortspiel „Schaddaj“ (Gewaltiger) mit den „schadajim“ (Brüsten) ist auffallend. Aber nicht nur das, sondern auch der „racham“, der Mutterleib (bei Buber „Schoß“), nach dem Gottes Erbarmen im Plural benannt ist, die „rachamim“. Die Verbindung des „Schaddaj“ mit dem Chaoswasser, dem „tehom“, assoziiert aber auch mit dem Begriff „sched“ für „Dämon“, das vermutlich mit „Schaddaj“ zusammenhängt. Diesem „Gewaltigen“ haftet durchaus etwas Erschreckendes, Numinoses an. Aber er wendet den Schrecken ab von Abraham und stellt ihn zunächst unter seinen mütterlichen Schutz der „Brüste“ und des „Mutterleibs“ (metaphorisch des „Erbarmens“).

Es wird deutlich, dass die maskuline Metaphorik des „El“ hier erstmalig in einen weiblichen Zusammenhang gestellt wird und die Konnotationen des heidnischen Feldes verlässt, ohne zu konkret zu werden und das Göttliche plump mit dem Geschlechtlichen zu identifizieren, wie es etwa im ägyptischen Denken aufscheint, das den Gott Atum als „Er Sie“ auftreten lässt, der durch Masturbation — wobei er sehr wohl männlich vorgestellt wird, aber seine masturbierende Hand die „Gattin“ darstellt — das erste Menschenpaar erzeugt habe. Es ist wichtig festzuhalten, dass hier ein wirklich transzendenter Gott deutlicher in Erscheinung tritt, der nicht maskulin, nicht herrscherlich ist, der aber Züge des Liebhabers und des Mütterlichen innehat, ohne aus der Metaphorik abzustürzen ins Sexuell-Konkrete.
Die Mütterlichkeit Gottes tritt später an zahlreichen Stellen des Alten Testaments zutage, viel häufiger als eine bereits massiv korrumpierte Väterlichkeit, ohne aus Gott eine Frau zu machen.[5] Das, was aber als göttlich Männliches hervortritt, ist unter Sünde vom Menschen dem Weiblichen zugeordnet und wird hier aufgegriffen und in der Getrenntheit wieder zusammengefügt und „geheilt“ (s.u.).

Das hebräische Wort für „männlich“ heißt ursprünglich „sachar“. Der Wortstamm „s-ch-r“ bedeutet „Gedächtnis“, „erinnern“, „eingedenk“ sein, auch einfach „innen“. Dieser Begriff steht am Anfang in Gen 1, als Gott den Menschen schuf, schuf er ihn „s-ch-r“ (männlich, „eingedenk“, erinnernd) und „nekeva“ (weiblich). „N-k-v“ ist ein Wortstamm, der „durchbohrend“ oder „Höhle“, aber auch „nennen“, „genau bestimmen“ (iS von erkennen, definieren oder analysieren) bedeutet.
Beide Begriffe weisen ein Geheimnis und eine Tiefe auf. Sie verbinden Erkenntnis mit Gedächtnis. Uns erscheinen diese Zuordnungen, wenn man sie misst an dem, was man traditionell dem Männlichen und Weiblichen anheftet, geradezu seitenverkehrt. Das Innere ordnen wir unter Sünde dem Weiblichen zu, das Äußere und Analytische und Umgebende dem Männlichen. In den Urbegriffen ist es umgekehrt …
Es ist vielleicht von daher verständlicher, warum die Schlange Eva angriff: es war für den noch intakten weiblichen Menschen verlockend, Dinge zu benennen und zu „durchbohren“ mit der Erkenntnis. Der „adam“ hatte dagegen noch als Gesamtwesen mit dieser „weiblichen Seite“ zuvor alle Tiere benannt (Gen 2,19). Wir finden in der hebräischen Bibel zahlreiche Situationen, in denen Frauen Namensvergaben bzw Benennungen (zum Teil ausdrücklich auf Geheiß des Gottes) durchführen — das gibt es im Patriarchalismus eigentlich nicht. Eine Rangfolge ist nicht erkennbar. Es ist die schöpfungsbedingte Sache der Frau, die später umgekehrt wurde, aber sie geschieht im biblischen Erzählen nicht „feministisch“, sondern quasi unter der Hand, fließt ein, ergibt sich fast beiläufig und unbemerkt. Man muss genau hinsehen, damit einem das alles auffällt.
Eines aber ist klar: diese beiden Eigenschaften „s-ch-r“ und „n-k-v“ bilden nach Gen 1 Gott ab und sind  „bi d’muto“, „in seiner Gestalt“. Es kann doch niemanden im Ernst wundern, dass Gott auch mütterliche und weibliche Züge hat, wenn „n-k-v“ ihn genauso abbildet wie „s-ch-r“.

Der „El Schaddaj“ umfasst als Gewaltiger alles, und alles, was ist, empfängt das Sein aus seinem Sein. Als „El Eljon“ ist er nicht einfach der Höchste, der Rangoberste oder die Spitze einer Pyramide. Bei Gott gibt es keine Pyramide, und sein Volk führt er später aus dem Land der Pyramiden, diesem Sklavenhaus. Abraham erhält mit der Offenbarung des „Eljon“ auch die des „Schaddaj“, um nicht der irrigen Idee zu verfallen, Gott sei — der heidnischen Konzeption des „El“ gemäß — so etwas wie ein Superpatriarch. In Jak 2,23 wird Abraham „philos theou“, „Freund Gottes“ genannt. Freundschaft schließt Rangordnung aus. Mit dem „Schaddaj“ wird Abraham hineingenommen in die furchterregende und unbegreifliche Gegenwart Gottes in allen Dingen wie in einen bergenden Mutterschoß.

Die Selbstoffenbarung Gottes geschieht nicht in Herrschaftsbildern, er oben, wir unten, auch dann nicht, wenn er in zugespitzten Konflikten mit seinem Volk darauf besteht, alleine den Überblick über alles zu haben. Der Lobpreis Gottes als des Königs der Könige geht dagegen immer vom verzückten, inspirierten Menschen aus. Gott umgekehrt sagt dem Menschen königliche Teilhabe ohne irgendeinen Abstrich zu: er wird in einem lebendigen Tempel wohnen, den er aus dem Menschengeschlecht erweckt. So sagt er es Abraham zu, so sagt er es Sara zu, so sagt er es nach einem langen Vergessen David zu.
So vollzog er es an Jesus Christus als dem „Erstgeborenen“, der der Inbegriff der alten Zusage war, die Gestalt, die aller Zusage schon vorausging in Gottes Wirken, Jesus, in dem auch alle anderen Menschen der Potenz nach geweiht sind. Paulus formuliert es:

„Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?“ (1 Kor 6,19) 

Und am Ende der Johannes-Apokalypse steht es erneut: „Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott“. (Apk 21,3)

Die Wendung „ihr Gott“ meint natürlich keinen Titel, sondern die vollkommene Zuwendung Gottes und auch die Fülle seiner „Schechina“, der „Einwohnung (Gottes)“. Auch wenn dieser Begriff erst in außerbiblischen jüdischen Texten entwickelt wird, trifft er doch sehr genau die neutestamentliche Aussicht, die aus den Zitaten hervortritt und bereits im Alten Testament angelegt ist. Es wäre verfehlt, wenn man nicht erkennt, dass diese „geschmückte Braut Jerusalem“, die vom Himmel herab kommt, samt dem Gott, der darin unter den Menschen wohnen will, hier nicht mehr gestuft dargestellt werden. Es ist ein vollkommenes Ineinander von Gott und den Seinen, so wie das, was sich im tiefsten Herzensgrund alle Menschen von einer großen Liebe zwischen Mann und Frau erwarten, solange sie noch unschuldig und unverdorben sind. Dieses Ende der Heilsgeschichte entspringt dem Erbarmen Gottes, aber dieser Gott leistet — in einer irdischen Verstehensweise — einen Herrschaftsverzicht, der uns nur entweder stumm oder zu Lobpreisenden machen kann. Wenn dann von den so im Erbarmen gewürdigten und hoch erhobenen Menschen nichts anderes kommt, als nun erneut ihre Herrschaftsgedanken in diese Liebesordnung Gottes zu implementieren und Gott erneut zu einem Baal zu machen, dann kommt das einem Abfall gleich.


g. Der „ehieh ascher ehieh“ oder kurz „ehieh“, der „elohei iwriim“,  und JHWH

Gott bindet seinen Namen an die drei Generationen Abraham, Isaak und Jakob, er ist der „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“. Diese Wendung taucht erstmalig in Ex 3,6 auf. Moses wird dort, als er alleine in der Wüste ist, von Gott aus einem brennenden Dornbusch heraus angesprochen und tritt sofort in ein dialogisches Gespräch mit ihm. Der Gott der Väter will deren Nachkommen befreien aus dem Frondienst bei den Ägyptern.
Mose erklärt in Ex 3 dem Gott am Dornbusch, dass die Hebräer offenbar diesen Gott ihrer Väter nicht mehr kennen und von ihm werden wissen wollen, wie dieser Gott heiße (Übertragung nach Buber):

„Mosche sprach zu Gott:
Da komme ich denn zu den Söhnen Jißraels,
ich spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter schickt mich zu euch,
sie werden zu mir sprechen: Was ists um seinen Namen? —
was spreche ich zu ihnen?
Gott sprach zu Mosche:
Ich werde dasein, als der ich dasein werde.
Und er sprach:
So sollst du zu den Söhnen Jißraels sprechen:
ICH BIN DA schickt mich zu euch.
So sollst du zu den Söhnen Jißraels sprechen:
ER (im Hebräischen steht hier JHWH),
der Gott eurer Väter,
der Gott Abrahams, der Gott Jizchaks, der Gott Jaakobs,
schickt mich zu euch.
Das ist mein Name in Weltzeit, das mein Gedenken, Geschlecht für Geschlecht.“

An diesem Dialog fällt einiges auf.
Zunächst fällt auf, dass Gott einen Beziehungsfaden anknüpft und seinen vollen Namen für dieses „olam“, dieses “Zeitalter“ offenbart „Ich werde da sein“ („ehieh“).
Es fällt weiter auf, dass hier eine positive, dem Mann unter Sünde entfremdete Männlichkeit spricht: „seh sichri ledor dor“ („Dies ist mein Gedenken von Geschlecht zu Geschlecht“). In diesem Namen „ehieh ascher ehieh“ drückt sich das Eingedenksein aus, das „s-ch-r“, das Männliche als Gutes, Göttliches. Dieser Gott, von dem auch die Segnung der „schadajim“ (Brüste) und des „racham“ (Mutterleib) kommt, der nährt und umhüllt in seinem Erbarmen, ist eingedenk seiner Verheißungen an die Menschen, denen er sie gegeben hat. Wir erinnern uns mit Gott daran, dass er Abraham und Sara, aber auch Hagar, verheißen hat, mit ihren Nachkommen zu sein.
Es ist Abrahams Enkel Jakob, der sich erinnert an die Verheißungen an seine Großeltern, und sie Gott in einer Ansprache, die er von sich aus an ihn wendet, als er seinem Bruder Esau wieder begegnete, den er übrigens „adoni“ („mein Herr“) nennt, und zittert um einen guten Verlauf dieses Zusammentreffens Gen 32,10ff):

„Gott meines Vaters Abraham, („elohei avi Avraham“)
Gott meines Vaters Jizchak, („elohei avi Jizchak“)
DU*,
der zu mir sprach: Kehre zu deinem Land, zu deiner Verwandtschaft, ich will dir Güte erweisen!
(…)
O rette mich doch (…)
Du selbst aber hast gesprochen:
Güte will ich dir, Güte erweisen,
will deinen Samen machen wie den Sand des Meeres, der vor Menschen nicht gezählt werden kann.“

(*Buber übersetzt das JHWH, das dort steht, mit „DU“, weil Jakob den Gottesnamen nach Ex 3 und dem Verlauf der folgenden Begegnung ja noch nicht wissen kann, vgl. V30))

Jakob erinnert sich an Gottes Verheißung an Abraham, dem er nachts den Sternenhimmel zeigte und zusagte, dass er dessen Nachkommen so zahlreich wie die Sterne machen wolle und wie den Sand am Meer (Gen 13,16; Gen 15,5; Gen 22,17). Das „s-ch-r“, das „Eingedenksein“ wird wirksam in Jakob und führt zu einer Gottesbegegnung.
Es wird in der gesamten Episode nichts davon berichtet, dass Jakob einen Altar gebaut oder geopfert hätte. Er wendet sich direkt und dialogisch an Gott. Zuvor, als er sich von seinem Onkel Laban trennte, hieß es von ihm noch, er habe einen Bund mit Laban geschlossen, den sie beim „Gott Abrahams und dem Gott Nahors (des Bruders Abrahams)“ (Gen 31,53) besiegelten. Es heißt, Jakob habe geschworen „befachad awiw Jizchak“ (V54), beim „Schrecken seines Vaters Isaak“. Seinen „innersten“ Namen kennt er nicht. Und in dieser Situation opfert er ein Tier und verspeist es mit Laban und den Verwandten.
Gott wandte sich später Jakob dann als ein „isch“ („ein Mann“) zu (Gen 32,23ff), den Jakob selbst für Gott hält, — die Juden tradieren, es sei der Engel Gabriel gewesen —, kämpfte die ganze Nacht mit ihm, weil Jakob um ihn rang und ihn erst dann gehen lassen wollte, wenn er ihn segnete — eine Szene, die auch Züge des Hohenliedes trägt. Auf dieses Ringen um einen Segen hin gibt der "isch" ihm einen neuen Namen: Israel, „ki saritha im elohim we im anaschim wattuchal“, „denn mit Göttern (Gott) und Menschen hast du gerungen und gewonnen“.
Als Jakob ihn bittet: „Haggida na schmecha!“ („Erzähle doch deinen Namen!“), antwortet der Mann: „Lamma seh tisch’al lischmi?“ („Warum fragst du so nach meinem Namen?“), sagt seinen Namen nicht und segnet Jakob.
Jakob wertet dies offenbar als eine Begegnung mit „El“, denn er nennt den Ort, an dem dies geschah, „Pni-El“ („Angesicht Els“), denn er habe „Gott gesehen von Angesicht zu Angesicht, und meine Seele ist errettet“ (V31).

In Ex 3,16 spricht Gott dann erstmalig selbstoffenbarend den JHWH-Namen aus, dessen linguistische Herkunft und Bedeutung umstritten sind, das aber wahrscheinlich vom Verb „h-j-h“ („sein“) kommt.
Der orthodoxe Jude Friedrich Weinreb, der ein ausgezeichneter Hebraist war, sagt uns, dass auch das Tetragramm JHWH der Grammatik der Nomen nach eine eindeutig weibliche Namensform ist. Weinreb sieht eine Verfälschung in der deutschen Übersetzung „Herr“ für JHWH und weist darauf hin, dass damit völlig falsche, männlich-herrscherliche Assoziationen geweckt werden, die dem Hebräischen gar nicht entsprechen.[6]
In demselben Dialog Gottes mit Mose nennt Gott sich in V18 auch „elohei iwriim“. In dem Wortstamm „(e)-w-r“ steckt sehr viel. Es ist ein Stamm, bei dem es um Grenzüberschreitung, um Jenseitiges, Eingewandertes, aber auch die Sünde geht. „Awar“ heißt „vorübergehen“, „hinübergehen“, aber auch „verstoßen“, „sich vergehen“. „Iwri“ ist der Hebräer, „awerah“ bedeutet „Sünde“, „awar“ als Nomen auch „Vergangenheit“. Ein „awarjan“ ist ein „Verbrecher“. Der „elohei iwriim“ ist demzufolge vieles: der Gott der „Hebräer“, der Gott der „Sünder“, der Gott der „Jenseitigen“, der „Eingewanderten“ und des „Vergangenen“, ein Gott auch der „Verbrecher“ und „Verstoßenen“. Der Bezug auf die „habiru“, die „Fronarbeiter“ und „Aussätzigen“ unter ägyptischer Herrschaft, passt in dieses Szenario.

Insgesamt stürzt auf Mose eine enorme Offenbarungsaussage seitens Gottes ein, die sein Wesen als „Seiender“ (die LXX fasste den Namen „ehieh“ als „ho on“, das Seiende, auf) entschleiert, dessen nun ausgesprochener Name eine Beistandstandsformel bedeutet, die ergänzt wird durch eine Verbindung mit konkreten Namen und einem merkwürdigen, kleinen, kläglich, verabscheut und geschwächt gezeichneten Volk.
Mit der Offenbarung des Namens JHWH tauchen erste menschliche Namen auf, die diesen Namen enthalten, zentral am Ende der Wüstenwanderung „Jehoschua“ (Josua), der die Israeliten nach dem Tod Moses ins Gelobte Land hineinführt. Es ist sicher kein Zufall, dass es auch wieder dieser Name es ist, den Maria ihrem Sohn geben soll. „Jesus“ ist die griechische Form von „Jehoschua“. Der Name bedeutet „JHWH rettet“.


h. Adonai

Eigentümlich ist in diesem Zusammenhang auch die grammatische Form, die dem Ersatzwort für JHWH, das die Juden aus Scheu vor dem Heiligen nicht aussprechen wollen, eignet: Wo JHWH steht, liest man „Adonai“. Das bedeutet gemäß den gängigen Übersetzungen „(mein) Herr“.
Nun sagt man aber „mein Herr“ auf Hebräisch normalerweise mit dem Wort „adon“ + Possessiv-Suffix „i“ für „mein“ und spricht: „adoni“. Es gibt auch die weibliche Form von „adon“ und sie lautet „adona“ (Herrin). Im modernen Hebräisch entspricht ein „adon“ vor einen Familiennamen dem deutschen „Herr“: „adon Meier“ bedeutet „Herr Meier“. Auch heute noch schwingt darin weder Herrschaft noch Besitzanspruch, sondern Respekt und Ehrerbietung vor dem anderen darin. Wie schon erwähnt, ist ein „adon“ kein „baal“.
Christliche Autoren sehen bisweilen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr: Manche meinen etwa, „adon“ müsse mit Possessivsuffix 1. Pers. sg. immer „adonai“ ausgesprochen werden. Die Masoreten hätten mit der angeblich „falschen“ Form „adoni“ für „mein Herr“ einfach eine Abgrenzung zwischen menschlichen Herren und dem einen Gott ziehen wollen.
Nur muss man sich damit konfrontieren, dass das zwei verschiedene grammatische Formen sind! Ohne Vokalisation werden „adoni“ und „adonai“ gleich geschrieben. An dem Argument ist richtig, dass die Masoreten einen Unterschied machen wollten. An dem Argument falsch ist die grammatische Begründung, weil sie ausblendet, was „adonai“ in Wirklichkeit heißt.
Man bildet zahlreiche Wörter durch einfaches Anhängen von „i“ für „mein“ an den absoluten Status im Nominativ , zB „chaver“ (Freund) zu „chaveri“ (mein Freund), oder „davar“ (Wort) zu „dvari“ (mein Wort“); „El“ zu „Eli“ (Mein Gott).[7] Ich kann an der Form „adoni“ absolut nichts Falsches sehen. Sie ist bis heute auch im modernen Iwrith vollkommen geläufig.
Richtig ist vielmehr: Grammatisch ist „adonai“ eine Pluralform. So wie das Pluralwort „elohim“ mit einem Possessivsuffix für „mein Gott/meine Götter“ korrekt „elohai“ heißen muss, wäre „adonai“ abgeleitet von „adonim“ + Possessivsuffix 1. Pers. sg. Es bedeutete grammatisch demnach „meine Herren“.
Ein berühmtes Beispiel ist Gen 18,3 und 19,2: In der ersten Stelle erhält Abraham Besuch von drei Männern im Hain von Mamre. Er spricht sie in der Vulgata und in allen deutschen Übersetzungen als „mein Herr“ an. Im masoretischen Schrifttext steht „adonai“. In der LXX im Singular „Kyrie“. Das müsste man hebräisch korrekt als „meine Herren“ verstehen, weil es drei Männer sind. Aber die LXX tat das schon nicht. Warum nicht? Die Sache hat eine grammatische Problematik: Abraham spricht diese(n) „adonai“ anschließend im Vers 3 in der 2. Pers.sg. an, und das macht die Sache scheinbar eindeutig: er hat Besuch von dem einen Gott, der aber wundersamerweise zu dritt auftaucht. Man sagt allgemein, „adonai“ werde, wenn es Gott meint, beim letzten Vokalzeichen mit einem Qames-A (Langvokal), wenn es „meine Herren“ meint mit einem Patach-A (Kurzvokal) gekennzeichnet. Die Masoreten haben hier ebenfalls das Qames-A notiert, meinten also, es sei von Gott die Rede. Bereits in Vers 4 wird der Singular jedoch wieder aufgegeben und die drei Männer werden nun, grammatisch korrekt, nicht als einer, sondern als drei in der 2. Pers.pl angesprochen. In Gen 19,2, als Lot von zwei Engeln Besuch erhält, spricht er sie auch mit „adonai“ an, aber diesmal mit dem Patach-A geschrieben.
Die Zuordnung changiert sprachlich also, und wir müssen zugeben, dass wir das nicht eindeutig interpretieren können.
Es ist, als solle uns verwehrt werden, Gott irgendwie „zählbar“ zu machen.

Die angeblich streng unitarischen Juden fanden es gar nicht anstößig, dass Gott hier in drei Gestalten auftritt. Weder die Gelehrten, die die LXX vor Christus übersetzten, nahmen daran Anstoß noch die Masoreten lange nach Christus. Was sagt uns das über die wirkliche jüdische Auffassung?

Ich erwähne dieses Wort deshalb ausdrücklich, weil Unitarier und Trinitarier Ps 110,1 gerne als Referenzstelle für ihre jeweilige Auffassung anführen.[8] Dort heißt es „N’um JHWH (sprich: adonai) ladoni schev limini…“ („Feierliche Rede des JHWH an meinen Herrn: setz dich zu meiner Rechten…“). David, so meinen Trinitarier wie Unitarier, hat hier den Messias angesprochen, weil diese Stelle im NT mehrfach und eindeutig auf Jesus hin gedeutet wird (Mt 22,44; Apg 2,34; Hebr 1,13).
Weil die Masoreten hier „adoni“ vokalisiert haben, sei doch klar, dass das nicht der „adonai“ sein könne, argumentieren Unitarier.
Trinitarier verweisen darauf, dass die Vokalisierung des hebräischen Textes erst im frühen Mittelalter erfolgte und uU nicht wiedergibt, wie der Text ursprünglich gemeint war. Die Konsonanten von „(a)-d-n-j“ können beide Varianten bedeuten. Eine Prüfung ist anhand der vorchristlichen Septuaginta möglich: dort sind beide Wörter unterschiedslos mit „Kyrios“ übersetzt („Der Herr sprach zu meinem Herrn…“).
Trinitarier leiten daraus ab, dass ursprünglich dasselbe Wort gemeint gewesen sein kann bzw aus der Perspektive Davids der Messias ja noch nicht da war, also nur fiktiv von ihm gesprochen werden konnte, ohne besondere Intention einer inneren Differenzierung zwischen dem Herrgott und dem zweiten Herrn, der wiederum der direkte Herr des Psalmisten ist. Die Differenzierung, die Unitarier gerne ableiten würden, lasse sich so nicht ableiten.

Für die Argumentation der Trinitarier spricht, dass die Masoreten mit einer hohen Wahrscheinlichkeit sehr wohl wussten, dass die Christen genau diese Stelle aus Ps 110,1 auf Jesus Christus hingedeutet haben — immerhin geschieht das an mehreren Stellen in verschiedenen Büchern des NT — und durch eine differenzierte Vokalisation dessen vorausgesetzten „wesensgleichen“, göttlichen Status abweisen wollten. Da die Trinitätslehre zur Zeit, als die Vokalisation eingefügt wurde, dogmatisch bereits weit entwickelt war, ist das sehr wohl denkbar. Die LXX ist dagegen ganz unverdächtig, weil zur Zeit ihrer Entstehung keine relevante Auseinandersetzung in der Sache vorlag. Sie entstand vor der Erscheinung Jesu Christi. Die Argumentation der Unitarier steht hier auf sehr dünnem Eis. Die protestantische Überzeugung, der masoretische Text sei „wahrer“ als die Vorlage, die der LXX zugrunde liegt, ist sachlich wenig stichhaltig, weil die Vokalisation und Auswahl der Texte erst nachchristlich erfolgte, nicht unbedingt älteren Lesarten entsprechen muss, sondern bereits manipulative Tendenzen haben könnte, und hat sich inzwischen an vielen Stellen auch als falsch erwiesen, seitdem man in Qumran ältere hebräische Textrollen gefunden hat. Hier sind Sorgfalt und Vorsicht geboten und eine strenge Abstinenz, in der Schrift um jeden Preis eigene dogmatische Meinungen abgebildet sehen zu wollen.

Das Ersatzwort „Adonai“ für JHWH ist tatsächlich eine Art „Titel“, aber eben deswegen, weil es funktional nicht Gottesname, sondern Ersatzwort für den heiligen Gottesnamen ist. Der Name Jesu ist nicht nach dem Ersatzwort und Titel, — er spricht kaum von seinem „Kyrios“ —, sondern sein Name ist nach dem echten Namen Gottes geformt und weist ihn daher auch als einen, der von Gott kommt, in dem Gott wirkt und der Ausdruck göttlicher Hilfe ist, aus.


i. Das „Schma“

Unitarier berufen sich gerne auf das israelitische Glaubensbekenntnis, das „Schma“ in Dtn 6,4-9. Dort heiße es doch „Schma Jisrael JHWH eloheinu JHWH echad“. Und „echad“ bedeute doch „eins“ oder „einer“. Trinitarier behaupten demgegenüber gelegentlich, „echad“ könne auch „einig“ bedeuten und bleibe daher offen für eine Trinität.
Beide Argumente kommen mir gewollt und gezwungen vor.
Die Formulierung des Bekenntnisses ist in der Tat eigentümlich: „Höre Israel, JHWH unser Elohim JHWH einzig“. Es ist für mich keineswegs eindeutig, wo hier Hilfsverben einzusetzen wären. Auch wird hier wohl kaum abgehoben darauf, dass es religionsphilosophisch als endgültig bekannt wird, dass es nur einen Gott gibt. Es ist dieses „Schma“ ein Ruf, ein Appell, dass der Name unseres Gottes JHWH ist und als solcher einzigartig ist nach allem, was Israel mit ihm erfahren hat. Der JHWH hat sich herausgehoben aus den Göttern als der einzigartige, Gewaltige, Numinose und Liebende mit vielen mütterlich-bergenden Eigenschaften, der sich an dieses Israel gebunden hat. Das Nomen „schem“ für „Name“ und das Verb „sch-m-(a)“ für „hören“ können zusammengehören und auf einen Stamm zurückgehen. Das „Schma“ bekennt daher vor allem anderen den Bund mit diesem einen Gott JHWH und will daran immer „eingedenk sein“.
Auch wenn hier die Bindung an JHWH bekannt wird, wenn er als „einer“ oder als „einziger“ benannt wird, wird damit keine Binnenaussage gemacht: wie er in sich selbst aussieht, ob er in einem mathematischen Sinn zählbar ist, bleibt im Dunkeln, ob es andere Götter gibt, wird nicht thematisiert. Relevant ist hier alleine die Bindung an diesen einzigartigen Gott und seinen Namen JHWH, auf den keine weitere Offenbarung eines Namens erfolgte, dem aber einige weitere Namensoffenbarungen vorausgegangen waren, wie ich gezeigt habe, die schon erahnen lassen, dass es ein vielschichtiger Gott inmitten einer Götterwelt ist, von der er sich langsam abhob, und aus der er heraustrat und auf die Menschen zuging und sich mit ihnen in einzigartiger Weise verband wie sonst kein anderer Gott, von dem wir wüssten.

Auf diesen einen Satz kann sich weder der Unitarier noch der Trinitarier berufen.

Das Verbot im Dekalog (Ex 20,2ff; Dtn 5,6ff), neben diesem einen JHWH-Gott weitere Götter anzubeten, wäre sinnlos, wenn es diese weiteren Götter nicht  — wie immer man sie ontologisch verorten soll — gäbe. Die Verehrung dieses JHWH soll bildlos geschehen. Der Name dieses Gottes darf unter keinen Umständen missbraucht werden.
Es wird nicht diskutiert, ob es philosophisch gesehen nur einen einzigen Gott gibt, sondern ob es für uns nur einen einzigen Gott geben kann, nämlich diesen einen JHWH, der einzige Gott der wirklich „s-ch-r“ (unser eingedenk) und „n-k-w“ (uns umhüllend) ist. Nur er ist so und nur er kann uns das Gegenüber sein, das wir als Menschen abbilden. Nur er bietet die gewaltige Gestalt, in der wir geschaffen sind, und sie kann und darf nicht abgebildet werden.









[1] Zur Übersetzungs- und Interpretationstradition und ihrer Problematik hier einige wertvolle Hinweise: https://auslegungssache.at/4256/damals-begann-man-den-namen-des-herrn-anzurufen/
[2] Aufschluss ist dazu dieser Artikel von Ingo Kottsieper: El, 2013, im WiBiLex auf der Website der Deutschen Bibelgesellschaft, online hier abrufbar: https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/el/ch/8edcb0f2b0d585af563cb63d063c58eb/
[5] Schriftstellen, die Gott mütterlich oder weiblich zeichnen, sind — anders als konservative Autoren es behaupten — zahlreich, einige (23) Beispiele hier: Jes 66,13; Jes 49,15f.; Hos 11,1-4; Dtn 32,18; Num 11,12; Jes 42,14, Job 38,8; Hos 11,4; Gen 3,21, Jes 46,3-4; Ps 22,10-11; Jes 66,8-9; Hos 13,8; Ps 123,2; Job 10,10; Ex 19,4; Dtn 32,11-12; Ps 17,8-9; Ps 57,2; Spr 1,20-33; 2,5.10; 3,2.16; 8,22-31; 9,1-6

[6] Friedrich Weinreb: GottMutter. Die weibliche Seite Gottes. Weiler im Allgäu 1990: Thauros Verlag, S. 21f
[7] Hier unter Anmerkung b.: https://offene-bibel.de/wiki/Adonai#note_b An der Begründung dort stimmt einiges nicht, denn die Possessivsuffixe beim Nomen im Sg. müssen nicht immer an die Pluralform gehängt werden, wie behauptet wird. Das ist falsch! Sie werden in der Regel an die Status Constructus-Form gehängt. Das kann man in jeder Hebräischgrammatik nachlesen. Nun hat aber nicht jedes Nomen einen St.cs., der vom Nom.sg. abweicht! Oft fällt der St.cs. in eins mit dem St.abs.
[8] Vgl. Gerber, a.a.O., S. 15