Donnerstag, 21. März 2019

Ist Jesus eine Erfindung der Flavier? Bemerkungen zu Joseph Atwills Bestseller „Das Messias-Rätsel“

Ist Jesus eine Erfindung der Flavier? Bemerkungen zu Joseph Atwills Bestseller „Das Messias-Rätsel“

Die Aussagen des Neuen Testamentes sind — für eine normale antike menschliche Erwartung gesprochen — so bizarr, dass eine angeblich  manipulierende Urheberschaft durch Machthaber der Spätantike, wie neuerdings durch Autoren wie Joseph Atwill[1] („Cesar’s Messiah“) behauptet wird, schon aus logischen Gründen abwegig ist.
Die von Jesus und den Aposteln immer wieder ausgesprochene, eindringliche Warnung vor Verführung lässt eine plumpe Vereinnahmung durch die weltliche Macht nicht zu, zumal deren Falschheit deutlich gekennzeichnet wird. Die Beziehung des Gläubigen zu Gott entzieht sich wegen der direkten und individuellen Geistbeseelung jedem Herrschaftszugriff und kann ihm auch naturgemäß nicht dienen. Die kryptische Problematik einiger  überlieferter Jesuszitate ist schon für die früheste Zeit des Christentums belegt und wird von Jesus selbst vorhergesagt (Mk 4,12). Eine machtpolitisch verwertbare Botschaft geben sie jedenfalls in ihren Wortlauten objektiv nicht her. Der Jesus, der in den Evangelien gezeichnet wird, stieß nichts und niemanden mehr vor den Kopf als die Mächtigen, die Klugen und Weisen, ganz wie es seine Mutter in ihrem Lobgesang formuliert hatte: „Er stößt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“. Sind das wirklich die richtigen Parolen für machtgierige Erfinder?
Atwill führt in seinem Buch die Behauptung aus, die Evangelien seien wahrscheinlich von Flavius Josephus geschrieben und frei erfunden, stellten aber in Form einer Satire den siegreichen Titus als Messias dar. Der Auftrag dazu sei von Kaiser Vespasian an Josephus ergangen. Mithilfe der Messiaslüge sollte das nationalistische Judentum überlagert und supranational pazifiziert werden. Konsequent durchdacht hätte Josephus seine Landsleute „verarscht“.
Atwills „Beweisführung“ ist mehr als grob, weiß nichts von sprachlichen Feinheiten, hat sichtlich keine Ahnung von den spirituellen Dimensionen des Neuen Testamentes, sein Denken ist materialistisch ohne Horizont für anderes, ignoriert fast den gesamten bibelwissenschaftlichen und literaturgeschichtlichen Forschungsstand und stellt wenig plausible Zusammenhänge für denjenigen her, der sich in der Materie gut auskennt.

Der Erfolg des Buches lässt sich damit erklären, dass heute nur noch wenige über ausreichende Fachkenntnisse zu diesen Themen verfügen und anfällig sind für steile Thesen und „abgefahrene“ Theorien, die das Kind mit dem Bade ausschütten. Die „Methode der Typologie“, mit der Atwill seine Ideen begründen will, wendet er schlampig an. Der Wunsch ist allzu oft Vater des Gedankens. Er forscht nicht ergebnisoffen, sondern ordnet alles seiner von vornherein feststehenden These nach der Devise „Reim dich, oder ich fress dich“ unter. Die Vielzahl an Gründen, die seiner These entgegenstehen, umgeht er sorgfältig, indem er sein schmales „Beweismaterial“ kräftig aufbläst und farbig ausmalt.

Atwills These ist alleine schon aus chronologischen, historischen Gründen nicht plausibel: Nicht die Gestalt Jesu, wie sie in den Evangelien beschrieben wird, diente als Herrschaftsinstrument der Römer, sondern der Prozess der manipulierenden Dogmatisierung von philosophischen „Glaubenssätzen“, zu deren Bekenntnis man alle Welt politisch erpressen wollte, ab der „konstantinischen Wende“ im 4. Jh nach Christus und eine Umorganisation der Gestalt Jesu erfüllt dieses Merkmal. Bis dahin aber ist jahrhundertelange Unruhe der römischen Regierungen mit den christlichen Bewegungen in den Quellen überliefert, die bis ins 4. Jh hinein — handelte es sich, wie Atwill meint, bei der historischen Gestalt Jesu wirklich um eine Erfindung der Römer zur Pazifizierung jüdischer Aufstandsbewegungen — vollkommen ihr Ziel verfehlt hätten.
Atwill hält die Zeitgenossen der Flavier offenbar für vollendete Idioten: warum sollten sie einer bösartigen Satiregestalt namens Jesus folgen, als wären sie unfähig, eine Satire zu erkennen und dämlich genug, eine solche für bare Münze zu nehmen? Wo wäre denn sonst einmal in der römischen Geschichte eine Satire dazu benutzt worden, eine gerade mal eben frei erfundene globale Religion durchzusetzen? Wie viele solche Religionen gibt es in der Menschheitsgeschichte?
Und warum haben die römischen Behörden nicht gewusst, was Christen genau glauben, sie aber als gefährliche Abweichler angesehen und schon im 1. Jh verfolgt?!
Atwills These zeugt von einer bodenlosen Arroganz gegenüber früheren Menschengenerationen, als hätte es ihnen an elementarer Vorsicht und Intelligenz gefehlt. Die jüdischen Aufstandsbewegungen existierten parallel zu den bereits entstandenen und dem Judentum entgegenstehenden christlichen Bewegungen. Sie bildeten andererseits nicht „das“ Judentum ab. In Atwills Gedankenführung entsteht der Eindruck, alle Juden seien mehr oder weniger Zeloten gewesen, was erst noch zu beweisen wäre. Warum sollte die römische Macht die jüdischen Rebellionen mithilfe der Jesusbewegung, der sie in den spezifisch christlichen Thesen entgegenstanden, bekämpfen? Der Schuss wäre ja nach hinten losgegangen… Die Juden rangen nachweislich theologisch heftig mit dem jungen Christentum und sorgten selbst für dessen Verfolgung.
Die flavische Überlieferung wird außerdem spätestens seit der Reformation aus literaturwissenschaftlichen Gründen kritisch diskutiert. Heute halten fast alle christlichen Theologen die Erwähnung Jesu bei Flavius Josephus, die ihn als Messias bekennt, mit guten Gründen entweder für eine spätere christliche Einfügung oder Textverfälschung.[2] Die zweite Erwähnung aber ist unumstritten, in der er die Verurteilung und Hinrichtung des Bruders Jesu, des Jakobus, erwähnt.[3]
Die häufigere, aber verstreute Erwähnung Jesu oder der Christen in der antiken Literatur spricht jedoch nicht dafür, dass es sich um reine Erfindungen handle, zumal die Christen schon früh, in der Wende zum 2. Jh als eine historische Realität bezeugt sind. Uns sind zB die Briefe Plinius des Jüngeren (+113 n. Chr.) an Kaiser Traian überkommen, die sich mit der rechtlichen Einstufung und Verfolgung der Christen auseinandersetzen, die nicht als willfährige Helfer im Kampf gegen aufständische Juden, sondern als Misstrauen erregende Problemfälle erscheinen. Warum Plinius unter Folter zwei Gemeindeleiterinnen überhaupt erst über die Lehre der Christen befragen muss, um die Gefährlichkeit dieser Sekte besser einschätzen zu können, wird mit Atwills Behauptungen vollends absurd: als Justizorgan der römischen Staatsmacht hätte Plinius sehr genau wissen müssen, was diese Christen glauben, wenn deren Glauben eine flavische Erfindung gewesen wäre. Immerhin überlagert sich die Lebenszeit des jüngeren Plinius mit der der Flavier. Wackere Jesus-Leugner zweifeln heute alle antiken Erwähnungen Jesu oder der Christen an. Das lässt sich mE nicht halten.
Im Falle der Pliniusbriefe etwa sprechen mehrere Dinge inhaltlich gegen eine Fälschung. Er beschreibt, was die Gefolterten ihm über Jesus sagen, und man hat durchaus den Eindruck, dass er vorher nicht wusste, wer dieser Jesus war und warum er verehrt werden sollte, nachdem er es erfahren hatte, aber Entwarnung an den Kaiser gab — es handele sich um Leute voller Aberglauben, aber sie tun nichts Kriminelles. Warum sollte die Kirche so etwas Jahrhunderte später fälschen? Die Verfolgung wurde danach nicht aufgegeben, aber abgemildert. Plinius berichtet von der Schwierigkeit, dass nicht alle, die sich Christen nennen oder einmal Christen waren, über dieselben Glaubensinhalte verbunden sind. Auch das wirkt authentisch und wahrscheinlich. Ihm ging es zentral darum, überhaupt erst einmal zu klären, wer nun eigentlich Christ ist.[4] Ein Umstand aber, der seine Briefe als absolut glaubwürdig erscheinen lässt ist die Tatsache, dass er zwei „ministrae“ unter Folter verhört. Ein „minister“ im Lateinischen ist dasselbe wie ein „diakonos“. Immer wieder bestritt die Kirche, dass die Erwähnung des weiblichen „diakonos“ Phoebe, den Paulus am Ende seines Briefes an die Römer empfiehlt, eine amtliche Bezeichnung gewesen sei, um leugnen zu können, dass Frauen führende Positionen in frühen Gemeinden haben konnten. Nun nennt Paulus diese Frau aber als „diakonos“ der Gemeinde in Kenchreä. Auch Plinius schreibt selbstverständlich davon, dass es solche „Diakoninnen“ gegeben habe. Es ergibt wenig Sinn zu sagen, das seien unbedeutende Mitglieder einer christlichen Gruppe gewesen, die halt irgendwelche Dienste getan haben, Hauptsache man gibt nicht zu, dass sie Leitungsfunktionen gehabt haben dürften. Plinius schreibt, sie seien von den anderen Christen „ministrae“ genannt worden, was sogar stark auf ein Amt hinweist. Da er Informationen über das Innenleben der Gemeinden suchte, ist anzunehmen, dass er Personen verhörte, die auch in Fragen der Lehre aussagefähig waren — zwei führende Frauen. Das war in der römischen Antike, die Frauen für nicht testierfähig ansah, absolut ungewöhnlich und ein Ärgernis für all jene, die bis heute behaupten, Frauen dürften nicht lehren oder führen. 
Plinius kann den Intentionen der späteren Kirche gerade deswegen überhaupt nicht gefallen, weil er so ausdrücklich weibliche Führungspersonen benennt und bezeugt. Wenn die Kirche seine Briefe gefälscht hätte, hätte sie aus diesen beiden „ministrae“ wohl eher „ministres“ gemacht, wie sie dies später mit der "apostola" Junia gemacht hat, die im Mittelalter kurzerhand in einen männlichen Apostel namens Junias umgefälscht wurde, obwohl es nirgends ein Zeugnis für den Namen "Junias", dafür aber hunderte von antiken Zeugnissen für den Frauennamen "Junia" gibt (Röm 16,7)[5]… Jedenfalls spricht gerade dieses beiläufige und zufällige Zeugnis für die führende Rolle der Frau in der frühen Kirche, eine Tatsache, die die nachkonstantinische Kirche erstickt hat, für die Echtheit des Pliniusbriefes.

Es sollte aus mS nicht übersehen werden, dass der entscheidende antike Vorwurf gegen die frühen Christen der war, sie seien „Atheisten“ („atheoi“), weil sie kultische Handlungen vermissen ließen und ihren Glauben nicht zum Gegenstand öffentlicher, aber auch nicht mysteriöser (an Mysterienkulten orientierten) und staatstreuer Zelebration machten. Die Verbindung von Staat und Religion lehnten sie gerade ab. Ihr Gott war eben kein Gott irgendeiner irdischen Macht, kein Stadtgott, kein Volksgott, sondern ein Vater seiner Kinder, die als „Freie“ aus den Verbänden herausgelöst wurden, die sie umklammerten![6][5] Diese Zeichnung Gottes als „Papa“ („abba“) hatte es so niemals zuvor gegeben und musste dem antiken Menschen entweder als mangelnde Ehrerbietigkeit oder als Ärgernis und Torheit erscheinen. Keine andere Göttergestalt der damaligen Zeit trägt solche Züge.

Atwill versäumt eine differenzierte Auseinandersetzung mit der vorkonstantinischen Realität in den Quellen und nimmt eine Rückprojektion der Motive nach dem Jahr 325 (Konzil von Nicäa) auf die Zeit davor vor, was ihm freilich durch die tradierte katholische Geschichtspropaganda nahegelegt wird. Sie suggeriert, die Konzilien hätten nur das festgelegt, was ohnehin immer schon geglaubt worden sei.
Vor 100 Jahren stellten uns ausgezeichnete Studien historisch-kritischer Forschung ganz andere Szenarien vor Augen. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die Studie des gelehrten Rabbiners Leopold Lucas verweisen, der das Verhältnis von Juden und Christen im 4. Jh aufgrund zahlreicher zeitgenössischer Quellen sehr gut belegte.
Demnach kann man erst nach Konstantin davon sprechen, dass das Christentum eine Funktion römischen Machtwillens geworden war, zu dem sich das entstehende Judentum schon etwas früher angedient hatte.[7] Um die Gruppe der renitenten (nicht aller!) Juden zur Zeit Jesu und kurz danach zu pazifizieren bedurfte es — nach den historischen Quellen — also keineswegs der Erfindung des Christentums. Einige Juden kollaborierten mit dem römischen Staat, lange bevor es die Christen taten. Anklänge daran sind in der Schrift des Flavius Josephus „Über die Ursprünglichkeit des Judentums“, später auch unter dem Titel „Gegen Apion“ geführt, herauszuhören, wo nicht etwa das Christentum angepriesen, sondern das Judentum verteidigt wird. Auf die Forschungen Lucas’ greift der aktuell bekannteste deutsche Judaist Peter Schäfer zurück, der den Sachverhalt ebenfalls in den kleinen Bändchen „Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums“ und „Anziehung und Abstoßung“ ins Licht hebt.[8] Hier wird die These vertreten, dass das, was wir heute unter  „Judentum“ verstehen, sich im Ringen mit dem frühen Christentum im Laufe der ersten christlichen Jahrhunderte entwickelte. Schäfer zeigt aber auch, dass dieses Ringen keine Einbahnstraße war und im Prozess der Loslösung des Christentums aus dem Glauben Israels in einer komplizierten geistigen Bewegung geschah. Die theologischen Gegenstände der Auseinandersetzungen liegen weitab von politisch verwertbaren Themen. Es ist eine Beleidigung der Israeliten, wenn man implizit unterstellt — und Atwill tut dies — , sie seien zu dumm gewesen, den römischen „Fake“ zu durchschauen. Kein gebildeter Jude hätte mit einem römischen Messias-Fake  theologisch "gerungen". Alleine schon dieses Szenario ist vollkommen abwegig. Die Thesen Leopold Lucas’ und Peter Schäfers, die — anders als das grobschlächtige Fabulieren eines Joseph Atwill und ähnlicher Autoren — eine eingehende und tiefgehende, wissenschaftlich fundierte Quellenarbeit liefern, zeigen eindeutig, dass dieses theologische Ringen nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 stattgefunden hat. Das Judentum konnte durch Absetzung vom jungen Christentum den Römern sogar eher zeigen, dass es integrationsfähig war. Auch diese Folgerung aus den Thesen Schäfers führen Atwills Behauptungen ad absurdum.

Die katholische Kirche behauptet, sie setze den frühchristlichen Glauben und die Zeugenschaft der Jünger, die um Jesus waren, sinngemäß und ohne Bruch fort („apostolische Sukzession“). Atwill nimmt dies unbesehen an und schließt daraus, dass die Flavier Jesus erfunden haben müssen, um mithilfe ihrer Erfindung eines willfährigen, pazifistischen Heilsbringers die „pax romana“ bei den Juden zu stiften und zu stabilisieren. Dass dies historisch äußerst fragwürdig sein dürfte, habe ich dargelegt.

Seine Deutungen einzelner literarischer Episoden sind mE — wenn man methodisch literaturwissenschaftlich einigermaßen sauber argumentieren will — auf dünnem Eis aufgebaut, seine Deutung des neuen Testamentes als einer „Satire“, die den Flavier Titus, den Sieger über die Juden, als Messias Jesus, als pazifistischen Mann ohne jedes Rebellentum vorführe, ist literarisch willkürlich und nicht ausreichend begründet. Warum sollten Menschen einen heidnischen Kriegsherrn als israelitischen „Messias“ anerkennen, der doch aus dem Stamm Davids kommen sollte? Und warum glaubt Atwill, sollte Titus in einer Satire als völlig geschwächter Jesus gezeigt werden? Das ist bei genauerem Durchdenken vollkommen abstrus. Vollends abwegig erscheint Atwills These, wenn man bedenkt, dass die ersten Apostel Jesu, Petrus und Paulus, in schwere Konflikte mit der römischen Staatsmacht gerieten und, wie Jesus selbst, von derselben als Rebellen und Aufrührer hingerichtet wurden. Dass dies geschehen ist, ist gut belegt. Wo also der angeblich erfundene Jesus hier zu einer „Pazifizierung“ rebellischer Juden beigetragen haben soll, erschließt sich aus den historischen Quellen nicht. 
Es existiert eine Debatte darüber, ob diese frühen Quellen überhaupt echt seien oder nicht eher spätere Interpolationen aus christlicher Hand. Die Vertreter der Meinung, Jesus habe nie existiert, Petrus und Paulus seien ebenfalls erfundene Figuren, können ihre Ansicht nicht wirklich begründen. Immerhin gibt es diese frühen Zeugnisse über Jesus und seine Anhänger zerstreut und zufällig in verschiedenen antiken Texten. Es ist willkürlich, nun zu unterstellen, alle diese Erwähnungen seien samt und sonders erdichtet und in all diese verschiedenen Texte gezielt hineingemogelt worden. Als ordentlicher Geisteswissenschaftler stellt man derart plumpe Behauptungen nicht auf. Falls aber doch, müsste man die Behauptungen zweifelsfrei und sehr gut begründen können. Davon kann keine Rede sein.
Anders ist die Sachlage im Islam, in dem überhaupt keine zeitnahen und vor allem keinerlei kritische Quellen über die Existenz des Propheten vorliegen. Die gesamte Überlieferung setzt dort erst 200 Jahre später ein, und es gibt überhaupt gar kein Zeugnis darüber in anderen Quellen. Das ist eine tatsächlich andere Problemlage aus einer wissenschaftlichen Sicht.

Die Gestalt Jesu wird in den Evangelien zu bizarr gezeichnet, sie stößt zu sehr jede Messiaserwartung vor den Kopf — ein Umstand, der auch im neuen Testament bereits ausgedrückt und diskutiert wird. Hätte man einen Messias erfinden wollen, wäre es sicher schlauer gewesen, ihn „passgenauer“ und heldenhafter zur jüdischen und überhaupt menschlichen Erwartung zu zeichnen. Bis heute stößt dieser Jesus wegen seiner mangelnden maskulinen Stärke und seiner überraschenden und ärgerlichen Andersheit viele Menschen ab: sie brauchen Helden, Weltverbesserer, keine „Loser“.
Die kanonischen Texte sind nicht „glatt“. Wir finden Widersprüchliches, verschiedene Versionen derselben Ereignisse und zahlreiche Anspielungen auf alttestamentliche, aber auch andere Überlieferungen. Vieles liegt im Dunkeln, vieles ist sehr schwer verständlich. Es ist unwahrscheinlich, dass die frühen Christen, die diese Texte so oder so ähnlich tradierten, das nicht bemerkt haben sollten. Es sollte hier ganz offenkundig das zusammengestellt werden, was einigermaßen authentisch von Jesus zeugt, auch wenn es nicht widerspruchsfrei in den Einzelheiten und Abfolgen der Ereignisse war. Alleine dieser Umstand macht das Zeugnis der Evangelien … glaubwürdig. Wie in einem Gerichtsverfahren decken sich nicht alle Zeugnisse exakt, stimmen aber in der großen Linie doch im Hinblick auf das Ergebnis zusammen. Das und nur das ist echt und menschlich. Das materialistische Verständnis von der Irrtumsfreiheit der Schrift, wie es in manchen fundamentalistischen Kreisen mit der Neuzeit vertreten wird, wollte die Glaubwürdigkeit der Schrift "retten", hat dem Glauben der Christen letztendlich aber einen Bärendienst erwiesen. Jeder kann nun ganz leicht die so menschliche und glaubwürdige, zeugnishafte Unebenheit aufspießen und damit beweisen, dass "alles erstunken und erlogen" sein muss.

Fragen wir anders angesichts der Tatsache, dass nicht jeden Tag mal eben kurz eine Weltreligion geboren wird:
Wo ist schon einmal eine solche Gestalt nachweislich erfunden worden, die es schaffte, die Herzen zu gewinnen, als sei sie real? Wo konnte man mithilfe einer bloßen Legende eine so starke geistige und spirituelle Bewegung in den Köpfen für Jahrtausende auslösen? Wo entfachte ein einfaches Märchen schon einmal solch gewaltige Kulturleistungen wie im Falle der Gestalt Jesu? Wo wurden schon einmal bis heute so viele gelehrte Arbeiten über eine rein erfundene Gestalt geschrieben?
Ebenfalls muss gefragt werden, warum es eine Gestalt wie Jesus nun unbedingt nicht gegeben haben soll? Selbst wenn die eine oder andere Episode eine Erfindung oder ungenaue Erinnerung an ihn sein sollte, ist das kein ausreichendes Argument gegen seine historische Existenz. Was spricht denn grundsätzlich dagegen, dass es ihn gegeben hat, eine kleine Gruppe von Anhängern und Jüngern die Nachrichten über ihn in einer Welt vor allem mündlicher Weitergabe schließlich verschriftlichten, damit sie nach ihrem Tod nicht vergessen oder verzerrt würden? Ist das wirklich so unwahrscheinlich? Und auch hier spricht die Unebenheit der Übereinstimmung in den Evangelienberichten dafür, dass man festhalten wollte, was man noch festhalten konnte, bevor es im Nebel der Geschichte verdampft, damit es nicht verloren geht, auch dann, wenn nicht alle Details übereinstimmten. 
Unwahrscheinlich ist vielmehr ein erfundener Meister mit den Merkmalen Jesu — genau daran nahmen viele Anstoß, nicht zuletzt der Islam, der mit diesem Kreuzesmann, der nicht herrschen wollte, überhaupt nicht zurecht kommt, weil er, wie der Mensch normalerweise denkt, unter einem Gottgesandten einen Gewinner, einen Herrscher und Gewaltigen versteht in den Kategorien dieses „kosmos“. Aber auch die Kirche kam damit schwer zurecht und bildete die Trinitätslehre aus, um den vermeintlich „schwachen“ Jesus aufzuwerten und in der Kontrastierung des wahren Gottes und Menschen letztendlich doch seine große Qualität zu „beweisen“. Nun sagt aber das Neue Testament nicht dies, sondern es sagt uns, dass dieser Sohn Gottes das vollkommene Abbild des unsichtbaren Gottes sei. Dieser Gedanke ist so unglaublich wie er unerträglich ist für den stolzen Menschengeist: Gott, von dem alle Dinge kommen und ohne dessen schöpferisches Wort nichts ist, hat keinen Herrscherimpetus gezeigt, sondern den eines Dieners, der nur von dem erkannt wird, der ihm sein Herz „opfert“…
Die behauptete „Pazifizierung“ der renitenten Juden um die Zeitenwende jedenfalls ist — als Umwandlung einer anstößigen Bewegung, die nichts und niemanden „pazifiziert“ hat, in eine Staatsreligion — definitiv erst im 4. Jh, mit der konstantinischen Wende, zu verzeichnen, führt also wieder zu meiner Ausgangsthese, dass Atwill den Übergang zum Staatskirchentum im 4. Jh ohne jeden stichhaltigen Beleg mit phantastisch aufgebauschten, aber sachlich verworrenen Gründen um 300 Jahre vorverlegt. In einer verschwörerischen und total geheimen Aktion hätte man das Christentum erfunden und unters Volk gebracht, das nichts gemerkt haben soll und brav gläubig wurde wie vorhergesehen, dafür verfolgt und hingerichtet wurde (?!) und alle außerchristlichen Zeugnisse für die Existenz Jesu Christi und der Christen seien Fälschungen — wenn das nicht eine ausgewachsene „Verschwörungstheorie“ ist…



[1] Deutsch erschien dieses Buch, das im Original 2005 herauskam, unter dem Titel: Joseph Atwill: Das Messias-Rätsel. Die Geheimsache Jesus, Berlin 2008
[2] Die Überlieferungsproblematik wird auf Wikipedia sachlich gut beschrieben: https://de.wikipedia.org/wiki/Au%C3%9Ferchristliche_antike_Quellen_zu_Jesus_von_Nazaret
[3] „Er versammelte daher den Hohen Rat zum Gericht und stellte vor diesen den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus, sowie noch einige andere, die er der Gesetzesübertretung anklagte und zur Steinigung führen ließ" (Antiquitates, Buch XX). Zitiert nach: Tobias Glenz: Lebte Jesus wirklich — oder behauptet das nur die Bibel? 4.6.2018 auf https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/lebte-jesus-wirklich-oder-behauptet-das-nur-die-bibel
[6] Der Begriff er „ecclesia“ meint in antiker Sprache keine „Kirche“, auch keine „Gemeinden“, sondern eine „Sammlung der Freien“, ursprünglich die Freien einer Polis. Die christliche Polis ist ursprünglich eine himmlische Stadt der nachäonischen Zukunft (vgl. Gal 4).
[7] Leopold Lucas: Zur Geschichte der Juden im vierten Jahrhundert. Der Kampf zwischen Christentum und Judentum. Hildesheim 1985. Nachdruck der Ausgabe Berlin 1910.
[8] Peter Schäfer: Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums. Fünf Vorlesungen zur Entstehung des rabbinischen Judentums. Tübingen 2010; ders.: Anziehung und Abstoßung : Juden und Christen in den ersten Jahrhunderten ihrer Begegnung. Tübingen 2015

Montag, 14. Januar 2019

Ein Zusatz zum Brief X an Unitarier und Trinitarier - Sterblichkeit, Auferweckung, Unsterblichkeit



Lieber Diskurspartner vom 12.1.2019 um 12.43 Uhr unten in den Kommentaren,

Zu der „Erweckungsfrage“ passt auch noch dieser Kommentar von gestern um 16.01 Uhr  https://zeitschnur.blogspot.com/2019/01/trinitatslehre-auf-dem-prufstand-brief.html?showComment=1547391707514#c5003172108034670111

Vor allem der Schlusspassus.

Vielleicht ist es wirklich dies: der Mensch war auch im guten Schöpfungsstand sterblich, nicht unsterblich, denn Unsterbliches (wie die Engel) kann niemals sterblich werden, sonst wäre es auch zuvor nicht unsterblich gewesen.Die eigentümliche Rede davon, dass der Satan und seine bösen Engel und die Menschen, die ihnen folgten, am Ende in einem Feuersee versenkt werden, sagt nicht, dass sie sich in Nichts auflösen, sondern auf ewig in einem brennenden, unruhigen Zustand verbleiben.
Man kann einwenden: Aber durch eine Transformation kann doch zB auch Unzerbrechliches zerbrechlich werden (etwa flüssiges Wasser, wenn es zu Eis wird).
Dagegen spricht: Unzerbrechlichkeit ist kein absoluter (ontologischer) Begriff, Unsterblichkeit ist dagegen ein ontologischer Begriff. Unsterbliches kann nicht ohne Verlust seines Seins sterblich werden — dh: es ist dann nicht mehr das, was es seinsmäßig war. ZB: ein Engel ist keiner mehr, wenn er sterblich ist.
Der Mensch aber ist immer noch Mensch, wenn auch verwundet. Daraus kann man schließen, dass er auch in Eden nicht unsterblich war.

Die „Erweckung“ zur Unsterblichkeit aus Sterblichem ist aber sehr wohl denkbar — eben durch diese „Neugeburt aus Geist und Wasser“ („neue Schöpfung“), wird so ja auch von Paulus ausführlich besprochen.
Die gefallenen Engel aber - das hat schon die Kirche festgestellt im Mittelalter - können als Unsterbliche nicht gerettet werden, sondern haben den Fall im „Rang“ des Unsterblichen auch zu einem unsterblichen Fall gemacht. Das meint Judas (Jud 6) mit seinem etwas merkwürdigen Satz über die Engel, die ihre Wohnstatt verlassen haben.
Es ist das Glück des Menschen, dass er sterblich fiel — so konnte er gerettet werden. Das Alte kann also sterben, und das Neue kann zur Unsterblichkeit auferweckt werden.
Bild im NT dafür ist das Weizenkorn, das in die Erde fällt und "stirbt", dann erst "auferstehen kann" und Frucht bringen. Man muss hier einen intakten Samen voraussetzen, aus dem etwas generiert werden kann.

In dieser Logik ist dann nicht nur jede Rede von einer „unsterblichen Seele“ (gegenüber einem sterblichen Leib) hinfällig, sondern auch klar, dass die Auferweckung Jesu aus dem Tod tatsächlich der entscheidende Impuls für das Heilsgeschehen ist. Die Toten schlafen, so sagt es auch noch Jesus, in der Unterwelt, die Seele ist nicht irgendwie völlig wie vorher und der Leib verwest, es gibt hier nicht unsterbliche und sterbliche Anteile, sondern den sterblichen Menschen. Aber das "Sterbliche" bedeutet etwas anders, als wir es gemeinhin auffassen. Die Vorstellung ist eher so, dass die Toten vollständig noch da sind, auch ihr Leib, aber in einem Zustand, in dem sie de-vitalisiert verbleiben bis zur Auferstehung. 
Der Sündenpreis in der Genesis, dass die Menschen sterben müssen, könnte auch anders gedeutet werden: nicht dass der Mensch nun sterblich wird, sondern dass er in dieser de-vitalisierten "Kurve" hängenbleibt, vorher aber vielleicht ebenfalls verwandelt worden wäre, wenn der Plan Gottes in der guten Schöpfung geblieben wäre. Im Mittelalter dachten viele, Gott habe den Menschen sterblich gemacht, um ihn zu testen und für den Fall, dass er nicht standhält, dennoch retten zu retten (anders als die Engel).

Andererseits: warum wird dann auch von denen, die nicht glaubten, gesagt, sie würden für immer in Gottferne gequält in ihrer eigenen Unruhe?
Sie wollten doch mit dem Christus nicht auferstehen, blieben also einfach die Sterblichen, die wir waren. Warum verschwinden sie nicht einfach im Nichts, sondern leben als Gequälte weiter? Diese Qual nennt die Apokalypse den "zweiten Tod". 
Auch das spricht für meine obige Deutung: Bedeutet also der Tod am Ende gar nicht, dass man nicht mehr ist (wie man das landläufig versteht), sondern eher, dass man irgendwie in Chaos und Verzweiflung des de-vialisierten Zustandes ist, der nicht etwa "Ruhe" bedeutet, sondern im Gegenteil sinnlose Unruhe? Der erste Tod ist der Preis für den Fall, ein Zerfall, eine Art der lähmenden De-Vitalisierung, der aber als solcher ebenfalls "sterblich", also aufhebbar ist? Der zweite Tod wäre demnach der endgültige Fall für ewig, aus dem es kein Zurück mehr gibt, der nicht nur Lähmung, sondern ewiges Chaos bedeutet?

Was heißt also "sterben", wenn aus einem im ersten Tod Gestorbenen ein Wunderbareres, aber seinsmäßig doch Gleiches hervorgehen kann (es ersteht ja derselbe Mensch auf!)?
Es bedeutet eine wie immer zu definierende De-Vitalisierung eines "Ons". Es bedeutet nicht ein "Verlöschen" oder ein "im Nichts Verschwinden".

Natürlich kommt die Frage auf, ob nicht auch das unsterblich Gemachte erneut fallen kann (wie einst die Engel), also das Auferstandene. 
Müssen wir deshalb so lange warten, bis wir auferstehen, damit genau diese Gefahr nicht mehr entsteht?
Erhalten wir deshalb jetzt eine "Anzahlung", sind zwar schon eine "neue Schöpfung", aber noch im Wartestand, bis sich alles erfüllt, damit wir nicht aus der Erfülltheit fallen in diesem Äon? 
Erhalten wir erst dann den vollen "Lohn", wenn dieses Äon vorbei ist mit dem in ihm wirksamen Bösen?

Gibt uns die Aussage Pauli darauf Anwort, als er schreibt, der Christus würde am Ende, nachdem der Vater ihm alles übergeben hatte, dem Vater alles zurückgeben, seinen Platz neben dem Vater gewissermaßen wieder räumen, damit Gott alles in allem sein könne?

"27 "Denn alles hat er seinen Füßen unterworfen." Wenn es aber heißt, dass alles unterworfen sei, so ist klar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat.

28 Wenn ihm aber alles unterworfen ist, dann wird auch der Sohn selbst dem unterworfen sein, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei." (1. Kor 15)

Heißt das, dass der Vater tatsächlich einem Menschen risikohaft alles übergeben hat, um die Schöpfung zu retten, und in dieser vulnerablen Phase ein erneuter Sturz denkbar wäre, jedenfalls eine Getrenntheit vorliegt zwischen Gott und Schöpfung, die durch einen operationellen "Mittlermenschen" prozessual überwunden werden soll? Und erst die Zielerreichung (das Ende dieses Äons) künftig jeden erneuten Fall ausschließt, wenn eben dieser Mensch Gott alles zurückgegeben hat, auch dies in gewissem Sinn stellvertretend, als Mittler, für uns, die wir uns getrennt hatten und die Schöpfung an uns gerissen haben, als wären wir selbst der Schöpfer?

Wenn Gott alles in allem geworden ist - ist dann das ewige Leben erreicht und kann nie mehr verspielt werden?
Wie aber ist die Getrenntheit derer zu verstehen, die von ihm getrennt bleiben, weil es ihre Wahl war? Ist Gott in ihnen auch alles in allen? Das dürfte ausgeschlossen sein... Hier versagt unser Vorstellungsvermögen: daher dachten viele, es müsse am Ende eine Allversöhnung geben. Dagegen sprechen aber zahlreiche Stellen im NT. Bleibt dieser Feuersee in seiner sinnlosen Unruhe als ewiges Mahnmal in der Neuen Schöpfung stehen? So wie die Wundmale Jesu ja nicht einfach wieder zu glatter Haut wurden?

Dienstag, 1. Januar 2019

Trinitätslehre auf dem Prüfstand: Brief XI an Unitarier und Trinitarier - Ist der Johannes-Prolog ein Beweis für die Trinitätslehre?



Brief XI an Unitarier und Trinitarier: Ist der Johannes-Prolog ein Beweis für die Trinitätslehre?

1 in principio erat Verbum et Verbum erat apud Deum et Deus erat Verbum
2 hoc erat in principio apud Deum
3 omnia per ipsum facta sunt et sine ipso factum est nihil quod factum est
4 in ipso vita erat et vita erat lux hominum
5 et lux in tenebris lucet et tenebrae eam non conprehenderunt
6 fuit homo missus a Deo cui nomen erat Iohannes
7 hic venit in testimonium ut testimonium perhiberet de lumine ut omnes crederent per illum
8 non erat ille lux sed ut testimonium perhiberet de lumine
9 erat lux vera quae inluminat omnem hominem venientem in mundum
10 in mundo erat et mundus per ipsum factus est et mundus eum non cognovit
11 in propria venit et sui eum non receperunt
12 quotquot autem receperunt eum dedit eis potestatem filios Dei fieri his qui credunt in nomine eius
13 qui non ex sanguinibus neque ex voluntate carnis neque ex voluntate viri sed ex Deo nati sunt
14 et Verbum caro factum est et habitavit in nobis et vidimus gloriam eius gloriam quasi unigeniti a Patre plenum gratiae et veritatis
15 Iohannes testimonium perhibet de ipso et clamat dicens hic erat quem dixi vobis qui post me venturus est ante me factus est quia prior me erat
16
et de plenitudine eius nos omnes accepimus et gratiam pro gratia
17
quia lex per Mosen data est gratia et veritas per Iesum Christum facta est
18
Deum nemo vidit umquam unigenitus Filius qui est in sinu Patris ipse enarravit

Da mir Kommentatoren hier auf dem Blog geradezu inflationär beweisen wollen, das ins Judentum eingedrungene hellenistische Gedankengut sei gewissermaßen in ersterem schon angelegt und daher eine seitens der Heiden notwendige Ergänzung, um die „ganze Offenbarung“ zu erhalten, und zu diesem Zweck auf den Johannes-Prolog verweisen, möchte ich folgendes anmerken:

Der Johannes-Prolog nimmt Bezug auf einen Logosbegriff, der aber nicht näher spezifiziert wird. Es ist reine Spekulation ohne jeden Beweis, dass er sich damit an die Logosphilosophie Philos habe anschließen wollen, derzufolge der „Logos“ „Gottes Sohn“, eine personifizierte Hypostase des Göttlichen sei, die aber den Bereich des Geistigen nicht verlässt.

Es ist literarisch gewaltsam und unwissenschaftlich, in diesen Prolog nun auf Teufel komm raus alexandrinisches Denken hineinlesen zu wollen.
Hinzu kommt, dass die neuere Forschung äußerst unterschiedliche Lösungen der literarischen Problematik dieses Prologs anbietet (eine vernünftige Zusammenfassung des Forschungsstandes hier http://www.beck-shop.de/fachbuch/vorwort/9783631625361_Intro_005.pdf in der Untersuchung von Konrad Pfuff.

Mancher Theologe nimmt an, dass die ersten Verse des Prologs tatsächlich ein Zitat aus einem Hymnus seien — entweder eines Hymnus aus hellenistischen Gottesdiensten v. Chr. oder aus johanneischen Gemeinden n. Chr. Wie immer man es sehen will, gibt der Autor des Prologs der Logosbegrifflichkeit eine eigene Zuspitzung. Das bedeutet, dass er sich nicht einem vorhandenen Logosbegriff einfach anschließt, sondern ihn kritisch aufgreift und gewissermaßen „korrigiert“.
Zweifelsohne hat sich im jüdischen Hellenismus schon v. Chr. ein binitarisches Denken und Philosophieren breitgemacht, das dem monotheistischen Kampf, den die Propheten bis dahin geführt hatten, krass ins Gesicht schlug. Alle Bini- und Trinitätsbefürworter müssen sich und uns allen die Frage beantworten, was das für eine Religion ist, die erst in aller Härte für die Einzigkeit Gottes kämpft und selbst immer wieder in den Baalsglauben umkippt, der Bini- und Trinitäten kennt, und nun plötzlich mit dem erschienenen Messias genau das proklamiert, was sie zuvor ausgeschlossen hat?!
Das sollte niemanden wundern, der die LXX kennt und ihre Beschreibung insbesondere in den Makkabäerbüchern. Hier wird sehr klar geschildert, wie der Hellenismus — zunächst noch gegen den Widerstand der traditionell Gläubigen — gewaltsam ins Judentum eingeführt wurde und es im Prinzip unbrauchbar gemacht hat. Es wäre einen Ansatz wert, die LXX einmal auf diesen geradezu erschütternden Niedergang alles dessen, was vorher durch die Propheten verkündet und immer wieder korrigierend angemahnt worden war, zu untersuchen: diese „Apokryphen“ beschreiben uns den Glaubenskampf und schließlich den unheilbaren Glaubensabfalls Israels, aus dem nur der Messias retten konnte.
Schwerwiegende und apokalyptische politische Wirren prägten die letzten 100 Jahre bis zur Geburt Jesu (und danach bis zum jüdisch-römischen Krieg), innerjüdische Kämpfe, theologischer Zerfall, völlige Verwirrung zwischen der Tanachüberlieferung und dem Hellenismus, dessen Motive aus dem gesamten Spektrum des umweltlichen Heidentums stammen, gegen die der Tanach ankämpfte, und schließlich der Untergang Judäas, der eine Zerstreuung nicht nur in alle Völker nach sich zog, sondern auch eine totale Vermischung des Gedankengutes mit all diesen Völkern. Die zahlreiche apokalyptische Literatur und die ebenso zahlreichen, vorangegangenen messianischen Bewegungen legen Zeugnis dafür ab, dass die Juden selbst sehr genau wussten, dass sie am Abgrund ihrer Kultur und Religion standen und nicht mehr weiter wussten. Jesus kam wirklich in einer apokylptischen Zeit, die uns die apokryphen Bücher des AT — kritisch gelesen — vor Augen führen. Die Ausschließung dieser Bücher aus dem kanonisierten Schriftbestand durch die Juden selbst, — ob nun in einem „Konzil“ in Jabne ca. 100 Jahre n. Chr. oder prozesshaft an und um diese Lehrstätte in Galiläa, spielt sachlich keine Rolle — , kann man auch so verstehen, dass die verbliebenen Rabbis wie schon zuvor die Pharisäer versuchten, den eigentlichen Traditionsbefund zu differenzieren von den Zeugnissen seines Niedergangs, dessen Spuren nun im erwachenden, nachapostolischen Christentum eine verheerende Synthese annahmen, die die des hellenistischen Judentums noch bei weitem übertraf an Verworrenheit und Glaubensabfall. Was ein bereits abgefallener Zweig des Judentums vorbereitet hatte, wurde von einer pseudochristlichen Bewegung aufgegriffen und vollends pervertiert. Mitnichten aber herrschte im heiligen Land zur Zeit Jesu der Hellenismus, wie der Kommentator Holger Jahndel behauptet:. Es gab immer noch eine scharfe Differenz zwischen dem hellenistischen Diaspora-Judentum und dem Judentum im Land Judäa, und der Prozess totaler Verwirrung war noch nicht so weit fortgeschritten. Dass die Pharisäer mit ihrem Rückzug auf die Tora sich verbissen und das "Herz" erkalten ließen, steht auf einem anderen Blatt. Wenn Jesus im nächtlichen Gespräch mit dem Sanhedrin-Mitglied Nikodemus, der wohl Pharisäer war, ausdrücklich das Bekenntnis zu einem einzigen Gott bekräftigt, kann man daraus ablesen, dass dieses Bekenntnis damals durch den Hellenismus bereits in Frage stand oder aufgeweicht worden war. Aber der Messias Jesus bestätigt den älteren Glauben - nicht den Hellenismus...

Anders als es uns immer weisgemacht wird, ist das „Judentum“ spätestens seit diesen furchtbaren Tagen kein „Block“, den Gott wundersamerweise bis heute unbeschadet trotz Verstreuung in alle Nationen gerettet hat, sondern eine mehrfach überschriebene und neu gestartete und zersplitterte Legende, vielleicht sogar eine Folie für ganz andere Dinge als das alte Judentum oder überhaupt wirklich Jüdisches. Nichts eignet sich besser für Usurpation und chamäleonhafte Wandlung als ein legendäres Volk umherwandernder Personen mit einer heiligen Überlieferung. Das Judentum hat sich historisch nach der Zerstörung des Tempels 70 n.Chr. mehrfach gewandelt und dies so sehr, dass die tiefen Entfremdungen und Zerwürfnisse innerhalb des Judentums nur darin eine Erklärung finden können. Niemand wird bestreiten, dass die Abgründe, die zwischen rabbinischen Juden einerseits und kabbalistischen und/oder chassidischen jüdischen Sekten und dem Zionismus, die sich später bildeten, fast unendlich groß sind. Die derzeitigen schweren Differenzen zwischen der Chabad-Sekte und dem rabbinischen Judentum (Chabad baut weltweit Konkurrenzstrukturen zu den bestehenden jüdischen Strukturen in deren Gemeinden auf und die traditionellen Juden wehren sich dagegen (vgl. eine solche Auseinandersetzung hier in Frankfurt: https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/gemeinde-distanziert-sich-von-chabad/) sprechen eine mehr als deutliche Sprache, ebenso die Weigerung vieler sehr frommer Juden, nach Israel zu gehen, das sie für ein Zeichen der Vermessenheit ansehen: Gott errichtet das Reich für Israel erst dann, wenn der Messias kommt!
Selbst der genetische Bestand der heutigen Juden ist mehr als fragwürdig, und manche behaupten, dass auch das gesamte Volk fast komplett ausgetauscht worden sei (die „Kusarim“). Die alten Geschlechtsregister, die die Juden führten, um den Messias als Nachkommen Davids zu bestätigen, wurden von den Römern im jüdisch-römischen Krieg vernichtet. Es ist also keinerlei Beweis vorhanden für behauptete Abstammungen. Schon zu biblischen Zeiten ging der größte Teil des Bestandes von 10 Stämmen Israels in den Völkern verloren, und die Frage, wo sie geblieben sind, bewegt bis heute viele Gemüter und heizt naturgemäß zu Spekulation und Ansprüchen an. Moderne Genomuntersuchungen sind so unklar formuliert, dass alleine schon daran erkennbar wird, dass die Tatsache einer eben gerade nicht einheitlichen Abstammung derer, die sich als Juden bezeichnen, vorliegen dürfte, zB hier https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/erbgut-als-geschichtsbuch/ .
Beweise für eine exklusive genetische Abstammung der heutigen Juden von den alten Israeliten liegen also nicht vor. Alle Studien gehen stets von dem vorhandenen Genbestand aus, beschrieben etwa hier https://www.igenea.com/docs/Weltwoche_judengen.pdf und berechnen danach, wer „Jude“ ist, ja man kann sogar inzwischen testen lassen, ob man „rassisch“ irgendwie „jüdisch“ ist, etwa hier https://www.igenea.com/de/juden . Da der größte Teil der jüdischen Bevölkerung jedoch europäischer Abstammung ist und nach einigermaßen objektiven Studien den größten Teil seines Genbestandes mit den Europäern und Kauskasiern teilt, wird hier nur getestet, ob jemand zu einem bestimmten Strang europäisch-kaukasisichen Genetik Beziehungen hat oder nicht.
„Eine im Wissenschaftsblatt „Genome Biology and Evolution“ 2012 veröffentlichte Studie bekräftigt die in der sogenannten „Khasaren-Hypothese“ formulierte Annahme, das Genom der jüdischen Bevölkerung Osteuropas setze sich aus kaukasischen, europäischen und semitischen Anteilen zusammen.“ (Quelle: https://matrixhacker.de/khasaren/ )
Was sagt uns das?
Es sagt uns, dass es keine unvermischte „jüdische“ Tradition mehr gibt, bzw dass wir sie nicht kennen. Man darf sich auch nichts darüber vormachen, dass der „Ariernachweis“ der Nazis, wollte man wirklich rassisch definieren, nicht aussagefähig war. Es wurden zwei Generationen vor dem Nachweisenden gelistet — man wusste damit tatsächlich nichts über eine „rassische“ Herkunft. Allenfalls traf das Merkmal der Religionszugehörigkeit aufgrund von Akten zu, aber das war ein Religionsmerkmal, kein rassisches. Der Holocaust war insofern, obwohl vordergründig in einem genetischen Sinn "rassitisch" motiviert, ein Massenmord ohne jede genetische Grundlage. Getötet wurden Menschen, die der Religion nach Juden waren oder noch erkennbar von solchen stammten. Trotz aller Behauptungen ließ sich auch niemals ein einheitliches „jüdisches Aussehen“ nachweisen, und jeder kennt die peinlichen Szenen, die wiederholt beschrieben wurden, in denen emsige Nationalsozialisten zur Anschauung des „nordischen Langschädels“ im Biologieunterricht nicht selten ausgerechnet einen jüdischen Mitschüler aufriefen und vermaßen, weil er ihnen als das am besten geeignete Objekt erschien. Objektiv ist ein Jude von einem „normalen“ Europäer überhaupt nicht unterscheidbar, wenn er sich nach den Gepflogenheiten seiner Zeit und seines Landes kleidet und gibt. Andernfalls hätte die schon Mittelalter verlangte Kennzeichnung des Juden durch einen gelben Fleck keinen Sinn ergeben, denn man hätte den Betreffenden auch so erkannt. Der „Antisemitismus“/Semitismus ist mit großer Wahrscheinlichkeit einer der größten „Fakes“ der Geistesgeschichte, weil es schlicht keine (jüdischen) „Semiten“ gibt, ist doch ohnehin die Abstammung der Araber, Aramäer und Hebräer von Noachs Sohn Sem eine unbewiesene Legende, die auf einer Verwandtschaft der arabischen, aramäischen und hebräischen Sprache beruht, aber nicht auf einer „Rasse“.
Im übrigen kennt auch das AT keine rassische Reinheit oder Definition Israels über eine „Rasse“.
Dass es einen Stammvater gab, sollte man nicht mit einer „Rasse“ gleichsetzen, sondern, wie es immer wieder betont wird, mit einem geistigen Ausgangspunkt in einer Person. Abraham, Isaak und Jakob sind Träger der Verheißung - nicht bestimmter wirksamer Gene!
Schon zu AT-Zeiten treten zahlreiche Heiden positiv gezeichnet ins Volk Israel ein, ob das die Frau des Mose ist, ob es die Mutter der Kinder Ephraim und Manasse des Vizepharaos Joseph ist, ob es Ruth ist (eine der Stammmütter Jesu!), ob es die vielen Perser sind, die dem Ende des Buches Esther gemäß Juden wurden. Negativ wird ebenfalls eine massenhafte Vermischung beschrieben, vor allem durch Könige, die sich mit heidnischen Frauen nicht nur genetisch vermischten (zB Salomo, Ahab) und vermischte Erbfolgen gründeten. Auch die Makkabäer konvertierten gewaltsam Heiden ins Judentum. Der heutige zionistische Rassismus hat jedenfalls kaum einen biblischen und erst recht keinen historisch-realen Anhalt.
Was also das „Judentum“ überliefert, ist weder aus einem Guss noch ist es alles „von Gott geoffenbart“, sondern ein Kampffeld, auf dem sich die Geister erbittert scheiden - das bestätigt auch Simeon in seiner Prophetie an Maria.
Dem heutigen Menschen bleibt wie allen vorigen nicht erspart, sich der tatsächlichen Botschaft der Propheten, Jesu Christi und der Apostel über die ganze Geschichte weg zu stellen und zu erkennen, was hineingehört und was nicht. Erschwert wird diese Forschung, was das NT betrifft, weil wir erst spät vollständige kanonische Abschriften haben, also nicht wissen, wie die ursprünglichen Texte ausgesehen haben. Die Tatsache, dass der Bibelkanon genauso wie die entstehenden Dogmen, v.a. der Trinität, zeitgleich von denselben Kräften festgelegt wurden, nämlich den staatskirchlichen, macht ein „sola scriptura“-Argument zumindest brüchig. Die Rolle des Heiligen Geistes ist nicht die einer weiteren göttlichen Hypostase, sondern die dringend notwendige Kraft und Befähigung, eine Art Kontaktstelle, zur Erkenntnis der Wahrheit in diesem Verkündigungschaos, das sich mit jeder historischen Minute steigert, von dem leider kein Ende abzusehen ist.

Es kann also überhaupt keine Rede davon sein, dass der Johannes-Prolog Philos Logoslehre für das Christentum verbindlich gemacht hätte. Es ist unhaltbar, sich auf irgendwelche „jüdischen“ Traditionen oder Meinungen zu beziehen, als seien sie verbindlich oder unumstritten.
Liest man den Prolog ohne irgendwelche ideologischen Voraussetzungen, klingt er so:

Der „Logos“ ist die Gesamtpotenz Gottes, seine Überintelligenz und der Sinn des Ganzen, der alleine bei Gott liegt — alleine bei Gott: das betont Johannes schon im ersten Vers. Nirgends schreibt er, es handle sich um eine „Person“ oder einen „Sohn“, sondern um den „Logos“ eben, der ganz und gar göttlich ist und bei Gott ist, nota bene: ohne sich aus ihm heraus zu emanieren. Der neuplatonische Logos jedoch emanierte nie weiter "abwärts" als in die Sphäre des Geistes - von daher muss auch der Arianismus verstanden werden: er ging ebenfalls von einem hellenistischen Konstrukt aus, das lediglich dem Logos in der Emanation in den geist keine totale Gottidentität mehr zugestehen wollte.
In diesem „Logos“ liegt bei Johannes das gesamte „Leben“, und dieses Leben war ursprünglich als solches „Licht“ — das aber ging nach dem Genesisbericht verloren.
Der Mensch war ursprünglich als Geschöpf ein Lichtwesen und lebte im Selbststand (in Teilhabe) das Leben Gottes (Odem Gottes). Die Differenz - dass der Mensch nicht den ganzen Gott abbildete oder lebte - hat weder die Tora noch das Prophetentum je genauer ausgeführt. Es bleibt im AT vollständig im Dunkel, wo genau die Trennlinie zwischen Urbild und Abbild verläuft.
Wenn es nun heißt, dieser „Logos“ sei „Sarx“ geworden, dann schclägt das der hellenistischen Theologie vom "Logos" krass ins Gesicht: Das heißt, dass alles „Sarx“, also die ganze Schöpfung, die vitale Leiblichkeit (!), voller „Licht“, ein Niederschlag aus dem „Logos“ Gottes ist, der bei Gott ist und nicht von ihm irgendwie getrennt oder „herab“-emaniert — so wie dieser Text in seiner materiellen Vitalität, den ich aufgrund meiner Vernunft und Geistbegabung hier am materiellen Schreibgerät schreibe, keine Person neben mir ist, sondern Niederschlag meiner Geistigkeit! Auch dieser Text liegt als Werk vor, und jeder kann ihn lesen — es wäre absurd, dies anders zu verstehen, ebenso wie das Werk Gottes aus seinem Geist kommt und nicht Person neben ihm ist.
„Sarx“ ist vitale Leiblichkeit — nicht dieses komatöse, geschwächte und todgeweihte „Soma“, das insbesondere bei Paulus häufig als Begriff für das „Fleisch“ vorkommt. Eine Verknüpfung von "Sarx" und "Logos" in diesem unbefangenen Sinne aber ist nicht hellenistisch!
Der Messias gehört in dieses Werk Gottes und wird als neuer lichtvoller Ansatz einer Schöpfung (Sarx) in die bereits vorhandene, aber gefallene, lichtreduzierte oder besser „verfinsterte“ Schöpfung gebracht. Das vorhandene finstere Sarx erkennt das neue lichtvolle Sarx nicht — außer denen, die eben nicht aufgrund dieses Sarx darüber Erkenntnis bekamen und sie auch „annahmen“, sondern aufgrund des Willens Gottes.
Die Abwertung des Leiblichen im Hellenismus wird hier aufgehoben bzw hintergründig kritisiert: das „Fleisch“, „Sarx“, stammt nämlich direkt aus dem Willen Gottes, es ist ein direkter Niederschlag aus seinem „Leben“ und „Licht“ und ist sein Werk und Ausdruck seines Geistes.
Von einer Inkarnationstheologie ist der Johannes-Prolog meilenweit entfernt. Es findet sich darüber buchstäblich nichts im Text!
Nach diesen Einleitungsversen (Joh 1,1-5) wird vom Auftreten Johannes des Täufers gesprochen, der Zeuge für das "Licht" ("phos") sein sollte, bevor es erscheint, selbst aber noch nicht Licht ist. Das „Licht“ sei da gewesen und in die Welt gekommen, heißt es, alles sei von diesem Licht geschaffen worden, - wie zuvor gesagt worden war, dass durch den "Logos" alles geschaffen worden sei - , aber die Welt habe es/ihn nicht erkannt. Warum sollte man annehmen, dass hier von Jesus die Rede ist? Es ist doch, dem Sinn nach, weiterhin Gott gemeint, bei dem der „Logos“ und das/der "Phos" ist!
Die Verse 11-13 sprechen davon, dass er, also Gott, das "Licht", mit seinem "Logos", zu den „Seinen“, also seinem „Eigentum“ kam und von diesen „Eigenen“ nicht aufgenommen wurde. Viele Ausleger verstanden diese „Eigenen“ als das Volk Israel bzw. die, denen er sich am Sinai und mit den Propheten offenbart hatte und die ihn immer wieder hinausgewiesen und verraten hatten. Diese Deutung ist sehr plausibel.
Man kann sie auch globaler verstehen iS der „Welt“, die zuvor genannt wird. Vor dem heilsgeschichtlichen Anspruch des AT gesehen dürfte beides richtig sein, nämlich, dass die ganze Welt sein „Eigenes“ ist (denn sie wurde durch den „Logos“!), Israel als Träger der besonderen Verheißung, den Messias herauszubilden, aber im besonderen und nicht polarisiert „getrennt“ von der restlichen Welt (wie sich der Zionismus heute leider aufpflanzt und damit viele Evangelikale verblendet hat).

Der Vers 14 nun spricht erstmalig vom „Sohn“ (!): „14 et Verbum caro factum est et habitavit in nobis et vidimus gloriam eius gloriam quasi unigeniti a Patre plenum gratiae et veritatis“.
Was heißt das denn genau?
„Der Logos wurde Sarx und wohnte unter uns, und wir sahen seinen Glanz — gewissermaßen den eines einzigen Sohnes von einem Vater — erfüllt mit Huld und Wahrheit.“
So würde ich das übersetzen!
Das heißt also nicht und steht definitiv nicht da (!), dass hier eine Gottheit „inkarnierte“ (ein solcher Gedanke wurde im gesamten AT verworfen und als Abgötterei angesehen!), sondern dass Gott sich sichtbar machte in einem Menschen, der diese ursprüngliche Lichterfülltheit nicht verloren hat, der ohne die Schwäche der Sünde war, und als einziger Mensch die Ebenbildlichkeit, die ursprünglich allen zukommen sollte, spiegelt. Gott wird sichtbar an seinem Ebenbild, dem Menschen! Wird das Ebenbild geschwächt, wird Gott dem Menschen verfinstert.
Am vollkommenen Ebenbild macht sich dieser Gott, den „nemo vidit umquam“, „niemand je gesehen hat“, erkennbar: dem Christus, dem Messias. Und niemand heißt: niemand! Es bedeutet eigentlich auch, dass der Sohn ihn nicht gesehen hat. Denn von ihm heißt es nur: „unigenitus Filius qui est in sinu Patris ipse enarravit“, der oben genannte „einzige Sohn“, der einzige Mensch, der Mensch ist, wie der Mensch gedacht war und insofern „in sinu Patris“ ist, also ganz „in seinem Sinn“ (griech.: „in seiner Brust“) ist, uns erzählt“, uns Kunde bringt von der Gestalt des Vaters. Wir sagen noch heute im Deutschen das Lehnwort "insinuieren" und meinen damit "einflüstern", "einfließen lassen", "in Zusammenhang bringen", auch sehr negativ: "unterstellen". Neutral verstanden bedeutet dieses "in sinu Patris" bei Hieronymus ungeheuer poetisch genau das, was eben keine Inkarnation meint: dieser Jesus ist vollständig durchwirkt von seinem Schöpfer, dem Vater, der ihm alles förmlich "eingeflüstert" hat, seine ganze vitale und freisetzende "Matrix", oder im Wortgebrauch der Genesis: seinen "Odem". Der islamische Brauch, dass der Vater einem Neugeborenen Gebetsrufe ins Ohr flüstert, könnte diese "Geste" ein bisschen illustrieren. Der also, der ganz und gar vom Vater belebt ist und aus dessen vitalen "Logoi" (Worten) lebt, die der ihm einhaucht - der kann uns auch alleine Kunde bringen von dem, der ihm Leben einhaucht.
Das alles hat aber mit "Menschwerdung Gottes" überhaupt gar nichts zu tun.
Vielmehr hat es etwas mit einer enormen Nähe zwischen Gott und Mensch zu tun, die mich schwindeln lässt.

Von einer Logostheologie, wie Philo sie entwickelte hatte, ist diese Kennzeichnung maximal weit entfernt, denn bei Philo wird der Logos nicht Fleisch, nicht „Sarx“, und vor allem in gar keinem Fall ein Mensch!
Man muss davon ausgehen, dass niemand diese hellenistische Logosphilosophie mehr zerschlagen hat als der Autor des Johannes-Evangeliums!
Er rückt gerade, was der „Logos Gottes“ ist: nämlich ganz bei Gott und nicht aus ihm heraus "nach unten" emaniert!
Der einzige vollkommene Mensch, der Messias, an dem sich Gott bezeugt und sichtbar macht, den er neu erschafft, um alle anderen zu retten und wieder zu sich zu ziehen, wenn sie wollen, ist nicht der Logos in Person (wo stünde das!?), sondern ein Werk desselben Logos, durch den alles erschaffen wurde und wird!

Mit diesem Prolog hätte die Kirche eigentlich ihren Weg nicht verfehlen müssen...
Warum sich im „Christentum“ (neben zahlreichen ganz heidnischen Motiven) der verdorbene, vom Monotheismus abgewichene hellenistische und paganisierte Teil des Judentums ausgerechnet ein Denkmal schaffen konnte, ist eine offene Frage. Und die Frage, in welcher Beziehung dieses "Christentum" zu dem paganisierten Teil des heutigen Judentums steht, das eine wirre Mischung aus den religiösen und okkulten Ideen und Praktiken aller Völker darstellt und in bizarrem Kontrast dazu ein somatisch-rassistisches Selbstkonzept hat, das völlig abweicht von der Geistausrichtung des NT, ist ebenfalls offen. Man kann den Verdacht haben, dass es zwei Seiten derselben Medaille sind.

Zuletzt sei jedenfalls darauf verwiesen, dass Mose und Jesus in V17 parallel angesehen werden: Das Gesetz hat Mose gegeben, der ein Mensch war, der auf dem Sinai als einziger Mensch von Gott umschattet wurde (wie später dann Maria!) und die Tora erhielt (durch Vermittlung von Engeln), aber die direkte Huld und Wahrheit des einen Gottes kam durch den Mariensohn (Maria wäre in einer solchen Lesart die buchstäbliche menschliche Botin/Vermittlerin, nachdem der Engel Gabriel sie instruiert hat) Jesus, der… natürlich auch ein Mensch war. Etwas anderes geht aus dem Text nicht hervor. Die Differenz aber, dass im ersten Fall Engel auf Stein vermitteln, was Gott schenken will, schafft die harte Distanz. Im zweiten Fall vermittelt mit Gottes Hilfe und Auftrag durch die Ansprache seines Engels ein anderer Mensch, Maria, also Fleisch und Blut in der Kraft des Geistes, was Gott schenken will, den neuen Adam - das ist nicht in Stein, sondern in Fleisch gezeichnet, menschlicher als es je menschlich war...
Dass die Distanz zwischen Gott und Mose aber alleine aufgrund des „Sujets“ (Steine/Gesetz) größer war als die zwischen Gott und Jesus (Fleisch/Kraft Gottes/Huld und Wahrheit), kann nicht aufheben, dass es sich beide Male um Menschen handelte. Während Mose wie die Mutter Jesu von Gott umschattet wurde, um Licht zurückzugewinnen, war der Messias schließlich unverstelltes Lichtwesen, wenn auch "unter das Gesetz (des Mose) getan" bis zu seiner Auferstehung.

Montag, 17. Dezember 2018

Trinitätslehre auf dem Prüfstand: Brief X an Unitarier und Trinitarier — Wann, von wem und in welchem Sinne wurde der Christus gezeugt?




Trinitätslehre auf dem Prüfstand: Brief X an Unitarier und Trinitarier — Wann, von wem und in welchem Sinne wurde der Christus gezeugt?


32 So verkünden wir euch das Evangelium: Gott hat die Verheißung, die an die Väter ergangen ist,
33 an uns, ihren Kindern, erfüllt, indem er Jesus auferweckt hat, wie es im zweiten Psalm heißt: Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.
34 Dass er ihn aber von den Toten auferweckt hat, um ihn nicht mehr zur Verwesung zurückkehren zu lassen, hat er so ausgedrückt: Ich will euch die Heilsgaben gewähren, die ich David fest zugesagt habe. (Apg 13)

____________________________

Ein Leser hat mir folgendes geschrieben bzw entgegengehalten hinsichtlich dieser Schriftstelle in Apg 13, 32f und zitierte noch einmal meinen Gedanken im Brief IX an Unitarier und Trinitarier:

 "Es kommt nicht von Ungefähr, wenn die Apg (s.o.) die „Zeugung“ Jesu, also die Geburt aus dem Geist (!), mit der Auferweckung von den Toten ansetzt. Demnach ist die Auferstehung der Moment der Geburt, auf den hin der Christus ausgereift ist."

Obwohl im Griechischen m.W. dasselbe Wort verwendet wird, sind doch m.E. unterschiedliche Dinge damit gemeint. Elberfelder unterscheidet durch "erweckte" und "auferweckte". Ersteres dürfte das Zeugen, Aufstehen, Bevollmächtigen meinen, letzteres die Auferweckung aus den Toten.“

____________________________

Zuerst einmal danke ich für diesen interessanten Einwand, und ich werde ihn gerne ein wenig von allen Seiten betrachten:

1. Der Begriff „anastasis“ (Auferweckung/Auferstehung)

Es stimmt: beide Male ist es das Wort anistemi („auferwecken“ oder „auferstehen“ sowohl transitiv als auch intransitiv möglich). Und das Wort hat natürlich ein Bedeutungsspektrum, das in aller Regel „auferstehen (vom Tod)“ oder „wieder erwecken“ meint, in einer schwachen Bedeutung auch „berufen“ oder iS von „sich erheben/hervortreten“ oder „erwecken“ (etwa ein Prophet in einem Volk), oder negativ iS von „sich erheben (gegen)“.

Man kann zunächst festhalten, dass die Bedeutung von „auferstehen/wiedererwecken“ derjenigen von „ins Leben rufen/erwecken“ sehr nah verwandt ist. Damit wird auch eine sinnhafte Verbindung zum „Zeugen/Gebären“ hergestellt. Ein engstes Zusammenwirken von Gott und Mensch wird erahnbar.
Ein unklarer Wortgebrauch kann aber sehr schnell in ein gedankliches Chaos führen, und eine sorgfältige begriffliche Differenzierung ist dringend geboten.

2. Literarische Überlegungen

Doch sehen wir erst einmal nach, wie man diese Stelle in der spätantiken lateinischen Welt verstand und übersetzte, die noch näher am altgriechischen Duktus war. Hieronymus übertrug es so:

33 quoniam hanc (id est : repromissio) Deus adimplevit filiis nostris resuscitans Jesum, sicut et in Psalmo secundo scriptum est : Filius meus es tu, ego hodie genui te.
34 Quod autem suscitavit eum a mortuis, amplius jam non reversurum in corruptionem, ita dixit : Quia dabo vobis sancta David fidelia.

Deutsch — wenn man aus dem Lateinischen übersetzt:

33 denn sie (d.i. die Verheißung) hat Gott an uns, den Kindern (der Väter), erfüllt, indem er Jesus wiedererweckte, wie es im zweiten Psalm geschrieben ist: Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt (oder geboren)
34 Dass er ihn aber von den Toten auferweckt hat, ihn nicht dem Zerfall überlassen wollte, hat er so gesagt: Ich werde euch die heiligen Glaubensgüter Davids geben.

Hieronymus betont also hier in seiner Übersetzung durch die Verstärkung von „suscitare“ (auferwecken) zu „re-suscitare“ (wieder auferwecken) unmissverständlich, dass es beide Male um die Auferstehung geht.

In selber Weise verfährt viel später auch die KJV:

33 God hath fulfilled the same unto us their children, in that he hath raised up Jesus again; as it is also written in the second psalm, Thou art my Son, this day have I begotten thee.
34 And as concerning that he raised him up from the dead, now no more to return to corruption, he said on this wise, I will give you the sure mercies of David.” …

Nicht anders Luther 1545:

33Das dieselbige Gott / vns / jren Kindern erfüllet hat / Jn dem das er Jhesum aufferwecket hat. Wie denn im ersten Psalm geschrieben stehet / Du bist mein Son /Heute habe ich dich gezeuget. 34Das er jn aber hat von den Todten aufferweckt / das er fort nicht mehr sol verwesen / spricht er also / Jch wil euch die gnade Dauid verheissen / trewlich halten.“

Sowohl Hieronymus, Luther als auch die KJV übertragen korrekt die Anschlussformel („hoti de…“ = „dass/weil aber“) des zweiten Verses an den ersten:

„…dass er ihn aber von den Toten auferweckt hat…“ = „…quod autem…“ = „As concerning that“

Es ist dies ganz eindeutig eine klassische, logische Argumentationsformel:

„Es gibt offenkundig ein X. Dass X hier aber existiert, beweist (neben dem Offenkundigen) auch Y…“


Der Vorschlag, der sich auf die ELB stützt, versteht diese Stelle dagegen „prozesshaft“: Es gibt die erste Erweckung, nämlich die im Fleisch, die mit der „Heute habe ich dich gezeugt“-Stelle bewiesen werden soll. Gott hätte demnach im Fleisch gezeugt, und Maria hätte im Fleisch gezeugt und geboren — vermutlich mit Gott, denn das würde aus der Konstellation unweigerlich folgen. Und darauf folgt dann die zweite Erweckung, nämlich die von den Toten, wofür die Stelle mit den „Glaubensgütern Davids“ Beleg sein soll.

In Apg 13 geht es ab V30 um die Auferstehung von den Toten, und dass Jesus vielen erschienen ist nach der Auferstehung. Eine prozesshafte Deutung erscheint auf den ersten Blick schlüssig, v.a. dann, wenn schon tendenziös in diesem Sinne übersetzt wird wie in der ELB, aber auch weil Paulus zwei verschiedene Schriftstellen angibt, die für eine spätere „anastasis“ sprechen, wovon die eine die „Zeugung/Geburt“ anspricht, die zweite die „Glaubensgüter Davids“ (also nicht direkt Bezug auf eine „Auferweckung“ nimmt).

Das ist allerdings aus mS auf einen zweiten (literarischen) Blick nicht schlüssig:

Es ergibt literarisch keinen Sinn, dasselbe Wort in unmittelbarem Zusammenhang und auch noch durch „hoti de“ verbunden je verschieden zu meinen. Man verfährt schreibend so eigentlich nicht. Wortverdoppelungen vermeidet man ohnehin aus stilistischen Gründen und Sinnverwechslungen vermeidet man, um klar zu bleiben und nicht etwa Verwirrung beim Leser hervorzurufen.

Wenn man aber Begriffe verdoppelt, dann immer unter Bekräftigung desselben Sinnes. Eine Verschiebung des Sinnes würde eben eine Unklarheit oder Verwirrung hinterlassen. Der Leser kann nun heraussuchen, was ihm genehm erscheint — vom identischen Sinn bis hin zur maximal möglichen Sinnverschiebung… Das sollte man von Paulus bzw  Lukas nicht annehmen.

Wenn es also im ersten Satz tatsächlich um eine „Zeugung/Geburt“ im buchstäblichen kreatürlichen Sinne gegangen wäre, hätte Paulus bzw Lukas das sicher auch mit einem entsprechend präzisen Wort genauso und klar verständlich geschrieben, zumal er ja gleich darauf aus dem Psalm auch mit dem Wort „gennao“ („zeugen/gebären“) zitiert.


3. Exkurs: Die Verwirrung der Begriffe  „(im Fleisch) zeugen“ und „erwecken“ im Deutschen

Ich habe wahrgenommen, dass einige sehr extreme Protestanten infolge eines fragwürdigen NT-Sprachgebrauches „erwecken“ anstelle von „zeugen“ (iS von „X erweckte den Y“) einsetzen, wenn sie meinen, ein Mann habe einen Nachkommen gezeugt, was aber die griechische Bedeutung von „anestemi“ kaum erfüllt — es müsste dann wenigstens noch ein „ex“-Präfix dabeistehen. Vielmehr steckt in einer solchen Übergriffigkeit eine gewaltige „anastasis“ (iS der Erhebung oder lutherisch poetisch „Hoffahrt“) einiger irdischer Herren gegen den, der alleine „erwecken“ kann: kein Mensch kann andere „erwecken“, indem er oder sie „zeugt“! Das ist aus meiner Sicht eine fixe männliche Idee, die von einer gefährlichen Selbsterhebung zeugt.

Wir zeugen und gebären sowohl als Mann und als Frau stets passiv, auch wenn wir dabei natürlich in Aktion sind, aber ins Leben zu „erwecken“ vermag alleine Gott.
Das gesamte AT kennt eine Idee, dass Menschen andere Menschen ins Leben „erwecken“ nicht. Doch woher kommt diese Wahnidee dann, und warum hält sie sich so hartnäckig und taucht immer wieder auf?

Sie ist der Herkunft nach eng verknüpft mit der Philosophie Griechenlands und vor allem dem Hellenismus: man verstieg sich zu der Behauptung, der Mann erzeuge „aktiv“ Leben, die Frau dagegen nur „passiv“, er sei der „Schöpferische“ und „Gebende“, sie die „Empfangende“ — man muss aber klar erkennen, dass das kein Denken ist, das wir im Alten Testament antreffen. Das Hebräische geht davon aus, dass die Frau auch einen Samen hat und aktiv zeugt. Nirgends werden im AT Frauen „passiv“ geschildert. Sie werden als Frauen und aktiv gezeichnet, wenn es ums Zeugen geht. Männer werden als Männer und ebenfalls aktiv geschildert, wenn es ums Zeugen geht. Sie sind aktiv im Rahmen der menschlichen Aufgabe, die aber fein säuberlich von der göttlichen Wirksamkeit zu unterscheiden ist, die sich mithilfe des Menschen, aber nicht ursächlich durch den Menschen vollzieht.
Die aktive Rolle der Menschen in der Sexualität bedeutet nämlich nicht, dass Menschen Menschen „erwecken“. Es heißt, dass Gott alleine uns Nachkommen erweckt! Menschen können alles mögliche erwecken bzw ins Leben rufen, viele große und kleine Werke — aber Menschen können die Menschen nicht erwecken, obwohl sie durch sie gezeugt und geboren werden!

Wenn die Sadduzäer dies begrifflich einführen, ein Mann „erwecke“ Nachkommen, etwa in Lk 20,28, dann verzerren sie entweder die tatsächliche Formulierung in Deut 25,5f, wo lediglich steht, dass ein Schwager die Witwe ehelichen und sich zu ihr legen soll — anschließend ist nur die Rede von Kindern, die die Witwe gebiert. Oder sie parallelisieren die Rede, die sonst von Gott gilt: so wie alleine Gott Abraham Nachkommen erweckt (aus den Steinen etwa), so soll ein Mann dem verstorbenen Bruder noch Nachkommen erwecken… aber dennoch ist das nicht die AT-Formulierung: Von „Erwecken“ seitens des Schwagers ist keine Rede… es sind interessanterweise die Leugner der Auferstehung (Sadduzäer), die hier — vermutlich ganz philosophisch verstellt — dem Mann etwas zumessen, was ihm nicht zukommt: Gott erweckt dem Mann Nachkommen, der Mann selbst ist dabei hinsichtlich dieser Erweckung ins Leben passives Werkzeug — nicht anders als die Frau.

Hier wurde also ausgerechnet bei den Protestanten im Gefolge sadduzäischer, hellenistischer und später gnostischer Verirrungen eine gehörige Begriffsverwirrung erzeugt, die letztendlich aber auch die Trinitätslehre unterstützt, die ja ganz maßgeblich diese Doktrin von der „Zeugung in Maria“ benötigt, um sich zu rechtfertigen.
Bloß werden plötzlich die Ebenen gewechselt: wo vorher Gott durch zeugende Menschen Leben „erweckte“, erweckt er nun selbst im Fleisch als im Fleisch Zeugender, als schlüpfe er in die Rolle eines Mannes im Fleisch… Das ist ziemlich chaotisch… Sie können mir entgegenhalten: Aber Gott kann doch in Maria Leben erwecken, wenn auch ohne Mann, dann stimmt das zwar, kann aber keine „Zeugung durch Gott“ meinen. Hier müssen einige grundsätzliche Differenzierungen vorgenommen werden:

a. Im Fleisch zeugt immer nur der Mensch.
b. Im Geist zeugt alleine Gott.
c. Leben erwecken kann immer nur Gott alleine.

Das heißt:

Ad a. Gott zeugt nicht im Fleisch.
Ad b. Der Mensch zeugt nicht im Geist.
Ad c. Der Mensch erweckt kein Leben im Fleisch.

Und:

„Zeugen“ und „Erwecken“ wirken zwar im Fleisch auf engste und wunderbare Weise zusammen, sind aber zwei unterschiedliche Aktionen — die erste vollziehen Mann und Frau, die zweite Gott.

In dem Zusammenhang ist auch interessant, dass in den Apokryphen des Johannes (Nag Hammadi) berichtet wird, der aufsässige, gefallene erste Archon Jaldabaoth habe seine Engel angestiftet, aus Menschentöchtern Nachkommen zu „erwecken“ (Bezugnahme auf Gen 6, wo allerdings von „Erwecken“ keine Rede ist). Es geht hier — bei aller Distanz zu diesem gnostischen Text — tatsächlich um eine schöpferische Konkurrenz zu Gott, auch wenn sie vordergündig zum Mann auftritt (die bösen Geister täuschen die Frauen und treten als deren Gatten auf). Die Obsession, dass ein Mann oder ein Engel — wie Gott — Leben erwecken kann und dies mit sexueller Lust verbindet, tritt jedenfalls deutlich zutage und ist nach meiner Erkenntnis eine der tragischen Verirrungen des Denkens in der Christenheit. Diese Akzentverschiebung beim Zeugen/Gebären steht dem gesamten Denken im AT diametral entgegen und verwischt die Distanz, die zwischen göttlicher Zeugung im Geist, der schöpferischen Tat Gottes, wenn er durch menschliche Zeugung Leben erweckt und der geistgewirkten Neugeburt, die den Tod überwindet und alleine von Gott geleistet wird, aus mS besteht.

Man kann aber vielleicht von dieser Problematik aus erahnen, warum das Verhältnis der Menschheit zur Sexualität dermaßen gestört ist, wie wir es seit Jahrtausenden erleiden: Hier wollte sich der Mensch, mit dem Hellenismus dann insbesondere der Mann, tatsächlich an die Stelle Gottes setzen, indem er sich einbildete, er könne Leben erwecken. Dass er sich damit über die Frau stellte, „aus der er“ sich einbildete, Leben zu „erwecken“, wobei „sie ihm“ folglich dann auch „den X oder die Y gebar“, ist eine Perversion der geschöpflichen Konstellation, die das gesamte sexuelle Klima zwischen Mann und Frau, aber noch schlimmer zwischen Gott und Mensch vergiftet hat.


4. Die „Glaubensgüter Davids“ bedeuten die „Auferstehung von den Toten“ und die ist die „Zeugung heute“

Man hätte aber — um zurückzukommen auf die Apg-Stelle — eher erwartet, dass wenn es um einen Prozess des „Erweckens“ gehen sollte, nach dem Zeugungszitat aus Ps 2 ein punktgenaues Auferstehungszitat aus dem AT folgen sollte (deren es ja einige gibt!).
Genau das kommt aber nicht!
Stattdessen diese merkwürdige und schwer zuzuordnende Aussage von den „Glaubensgütern Davids“ als „Beweis“ für die Auferstehung von den Toten.

Nun steht da genau genommen aber etwas anderes:
Es geht ja nicht um einen Prozess, sondern ab V30 schon um die Tatsache der Wiedererweckung Jesu, die auch viele, die den Auferstandenen gesehen haben, bezeugen konnten — Paulus will hier darauf hinaus, dass diese Wiedererweckung im AT angekündigt und nun erfüllt ist.
Gott hat zahllose Menschen erweckt (mithilfe der Zeugungstätigkeit ihrer Eltern) und Propheten insbesondere auch, aber niemals hat er einen von ihnen bleibend aus dem Tode zurückgeholt und auferstehen lassen. DAS erscheint hier doch als die spektakuläre Aussage — daher das Abheben darauf, dass er den Erweckten nicht der Verwesung überlässt bzw präzise der „corruptio“, also dem Zerfall.

Es ist tatsächlich nicht die Tatsache einer „Erweckung“ iS des Geborenwerdens, wie Menschen eben geboren werden und die IMMER von Gott kommt, sondern die Tatsache, dass hier einer „wiedererweckt“ wird, nachdem er gestorben ist, dies aber auf einer anderen Ebene als zuvor im Fleisch.
Daher Hieronymus mit seinem „re-suscitans“ oder die KJV mit dem „raised him up again — wie gesagt: jeder Mensch wird im Fleisch mithilfe der Eltern oder wie immer „erweckt“. Das ist nicht weiter spektakulär.

Spektakulär ist, dass dieser Mann wiedererweckt wurde, und das ist als Zeugung und Geburt durch Gott auf einer geistigen, nicht mehr fleischlichen (kreatürlichen) Ebene zu verstehen.
Dass dies geschehen würde, weist Paulus aus dem AT nach: Gott hat lange vorher angekündigt, dass es den Tag („hajom“ — das „Heute“) gibt, an dem der Mensch auf einer anderen Ebene — nicht im Fleisch, aber dennoch in einem Auferstehungsleib! — wiedererweckt und neugeboren wird. David schaut dabei prophetisch „meinen Herrn“ („adoni“), der wiederum von seinem Herrn dies angesagt bekommt. Die Bezugnahme auf die „Glaubensgüter Davids“ meint also genau dasselbe wie das Psalmzitat selbst: dass Gott dies erfüllen wird, diese Neugeburt auf einer geistigen Ebene, und dass sie natürlich mit diesem „meinem Herrn“ Davids beginnen wird.
Literarisch könnte Paulus damit dem Hendiadyoin folgen, der typischen hebräischen Verdoppelung eines Sachverhaltes, um ihn zu bekräftigen.


5. Conclusio

Die Tatsache, dass im gesamten NT vermieden wird, von einer Zeugung zu sprechen, wo es um Jesus und Maria geht, sollte uns zurückhaltend machen:

Natürlich hat Gott auch Jesus im Fleisch „erweckt“, so wie er das bei allen Menschen tut.
Aber hier geschieht keine gemeinschaftliche Zeugung im Fleisch nach dem „Willen des Fleisches“ oder gar „dem Willen des Mannes“ (Johannesprolog), sondern eine Frau erhält soviel „dynamis“, dass sie ohne Mann fähig wird, einen Nachkommen hervorzubringen. Der Wille des Fleisches zur Fortpflanzung ist hier ganz ausgeschaltet. Marias „Fiat“ kann damit nicht einfach gleichgesetzt werden. Sie wird gefragt und stimmt zu, eine außerordentliche Sache zu vollbringen, die ihr übermenschliche Kräfte verleiht und doch den „Willen des Fleisches“ übergehen. Welch ein Wunder! Man kann, wenn man sich vertieft in diese Tatsachen, immer besser verstehen, warum sie in ihrem Lobgesang dichtet, aber auch sie spricht nicht annähernd von einer „Zeugung im Fleisch“!

46 Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn,
47 und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes;
48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
50 Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten.
51 Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.
54 Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,
55 wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit. (Lk 1)

In einem gewissen Sinn weist schon diese überaus krafterfüllte Frau auf die Wiederherstellung, die Wiedererweckung des Menschen, wie er von Gott her eigentlich gedacht und gewollt ist, hin.

Die Wiedererweckung in dem Sinn, der das gewöhnliche Bild sprengt, ist eben die Erweckung von den Toten und die Wiederherstellung aus der „corruptio“, dem Zerfall, dem auch Jesus nicht entgangen wäre, wenn Gott ihn nicht auferweckt hätte. Wie in einem Vorausschein erzählt uns Joh 11 die Geschichte von Lazarus, der bereits verwest, also in den Fängen der endgültigen „corruptio“ des Fleisches ist und von Jesus zurückgerufen wird. Jesus kommt erst, als es wirklich dem Fleisch nach zu spät ist, und erweckt ihn auf, wenn auch noch nicht zur endgültigen Auferstehung. So soll schon der Glanz der kommenden Erfüllung der Hoffnung angezeigt werden.

Da die geistige Neuzeugung der Geschwister Jesu auch an anderer Stelle im NT immer damit ansetzt, dass sie dem Tod als der Folge der Schwäche (Sünde) entrissen werden, ist es logisch, auch bei Jesus die Auferweckung als den Initialmoment der endgültigen und echten geistigen Neuzeugung anzunehmen. Viele haben sich gewundert, warum er rufen konnte, „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“, wo er als Gott doch hätte wissen müssen, dass er nicht verlassen ist etc. — erklärbar wird dies, wenn man sich klarmacht, dass auch seine Auferstehung im Geist noch bevorstand, obgleich er uns unendlich weit voraus war aufgrund der Sündlosigkeit und Vollmacht, die er auch vorher schon innehatte.
Stellen in den Evangelien wie etwa die, die uns das angstvolle Gebet Jesu zum Vater im Garten Gethsemane vorführen, bei dem er in einem Willensakt, in einer klaren Entscheidung, seinen Willen dem des Vaters unterstellt, zeigen uns, dass die Erlösungstat tatsächlich erst erfüllt werden musste, bevor sie als eingelöst und „gewiss“ galt. Sie war als erfüllte und vollzogene Tat Voraussetzung für die folgende Auferstehung, die schließlich allen anderen Menschen eine Neugeburt möglich mach sollte. Dafür spricht insbesondere die Darlegung Pauli in 1. Kor 15, 14+17+20: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und sinnlos. (…) Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden. (…) Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen.“
Es ist ganz ohne Zweifel diese Auferweckung nach vollendeter Tat, die uns diese Neuzeugung/Neugeburt ermöglicht.

Ich habe einmal in einem Weihnachtsstück mit dem Titel „Was wäre, wenn Maria nein gesagt hätte“ mitgespielt. Damals kam von ein paar sehr frommen Menschen der Einwand, Maria hätte nicht nein sagen können, weil ja Gottes Plan schon festgestanden hätte. Genauso Jesus: er hätte einfach nicht nein sagen können, wo er doch schließlich Gott war.

Ich halte das für fatale Fehlschlüsse: die Erlösungstat musste sowohl bei Marias „Vorarbeit“ als „Christusgebärerin“ („christothokos“) als erst recht bei Jesus als dem Messias, der ans Kreuz ging, der der Versuchung zur Macht nicht erlag, mit bewusstem Willen und entgegen einer anderen Entscheidungsmöglichkeit vollzogen werden.

Ohne den freien Willen beider und letztendlich unser aller, die glauben, wäre die Erlösung nicht wirksam geworden, wie ich meine zu erkennen.

Wenn das aber so ist, ist es nicht schlüssig, die „Heute habe ich dich gezeugt“-Stelle vor der Auferweckung anzusetzen.