Montag, 21. Mai 2018

Die sakramentale Anderwelt der Eucharistie (VIII) - Das "apokalyptische Pessach"



VIII. Das „apokalyptische Pessach“ — eine Schlussbemerkung

Die kirchliche Lehrentwicklung von der Eucharistie hat sich nach diesen Meditationen fast unendlich weit entfernt aus dem neutestamentlichen und alttestamentlichen Zusammenhang.

Wenn die postmoderne katholische Theologie offen zugibt, dass sie ihre Lehre vom „Pascha-Mysterium“ als eine Kompilation von zerbrochenen Motiven des ursprünglichen Pessachzusammenhangs mit heidnischen Opfer- und Mysterienkulten entwickelt hat, dann muss man fragen, ob dies eine Lehre ist, die sich auf die Lehre des einzigen legitimen Lehrers der wahren Christen, Jesus Christus, gründet. Wenn auch das Lehren als Charisma von Gott selbst (nicht durch menschliche Vermittlung) verliehen werden kann, gilt im NT durchweg, dass kein Jünger Jesu sich „Lehrer“ nennen lassen darf und keine Lehrtätigkeit angestrebt werden soll. Angesichts des dreisten Lehranspruchs nicht nur der römischen Hierarchie mit ihrem universalen Papsttum, sondern auch der unzähligen evangelischen „Bibellehrer“, „Prediger“ und „Pastoren“, die sich aufgrund einer Selbstzuschreibung an „Erkenntnis“ und „Weisheit“ über die zu Belehrenden stellen, muss festgehalten werden aus den Schriften des NT:
Die Mahnung des Paulus an einer bestimmten Stelle, dass Frauen nicht lehren sollen, wurde dahingehend so verdreht, als käme es stattdessen dem Mann als angeblich „göttlichem Abglanz“ natürlicherweise zu, der Frau als vermindertem Menschen dagegen nicht. Diese Mahnung wird gerne bis zum heutigen Tag gegen weibliche Lehrer gewendet. Aber geflissentlich überhören die Verfechter einer solchen Auffassung, dass das Lehren als Anspruch niemandem — auch keinem Mann — zukommt. Wenn Paulus hinsichtlich eines Missstandes, in dem Frauen offenbar mit einem Lehranspruch auch einen Herrschaftsanspruch über den Mann verbanden und darüber Unordnung ausbrach (s. Schriftzitat unten), diese Worte schrieb, folgt daraus nicht, dass Frauen kein Charisma haben können, das sie zu Lehrerinnen beruft, sondern daraus folgt, dass auch Frauen keinen Anspruch auf Lehre im Zusammenhang mit Herrschaftsansprüchen haben. Paulus würde — hätte er dies global und exklusiv gegen die Frau gerichtet gemeint — zahlreichen alttestamentlichen Realitäten widersprochen, in denen sehr wohl Frauen berufen waren, zu reden und in einem gewissen Sinn auch zu lehren und zu führen (zB Deborah, Jael, Miriam, Hulda, Judith, Hanna). In einer angebrochenen, aber noch nicht offenbar gewordenen messianischen Realität, in der in diesem Messias, Jesus, nicht mehr „Jude noch Grieche, nicht mehr Freier noch Sklave, nicht mehr Mann noch Frau ist“ (vgl. Gal 3, 28), kann es nicht darum gehen, zumal Paulus eindeutig sagt, dass er hier in eigenem Namen (nicht vom Herrn, wie er bei anderen Fragen hinzufügt) hinsichtlich einer bestimmten desolaten Situation an einem bestimmten Ort spricht, in anderen Fällen aber doch selbst Frauen als Mittlerinnen und Lehrende (Erklärende) schickt (vgl. Röm 16). Es kann an sich im gesamten Zusammenhang verstanden nur um eine generelle Ablehnung jeglicher Lehrtätigkeit als Herrschaftsanspruch gehen.

Über allem steht das Wort Jesu selbst, der eindeutig sagt, dass nur er selbst Lehrer für die Seinen ist und niemand sich in seinem Gefolge als Lehrer aufbauen (lassen) darf:

„Vos autem nolite vocari Rabbi : unus est enim magister vester, omnes autem vos fratres estis. (…) Nec vocemini magistri : quia magister vester unus est, Christus.“  (Mt 23, 8+10) —  „Ihr sollt euch auch von niemandem Rabbi (Lehrer) nennen lassen: einer ist nämlich euer magister (Lehrer/Meister), ihr aber seid alle Brüder. (…) Und lasst euch nicht magistri nennen (Lehrer), denn euer Lehrer ist einer, der Christus (der Messias).“

„Docere autem mulierem non permitto, neque dominari in virum : sed esse in silentio...“ (1. Tim 2, 12) — „Ich erlaube aber nicht, dass eine Frau lehrt, auch nicht, dass sie den Mann beherrscht: sondern sie soll sich in Stille halten.“

„1 Nolite plures magistri fieri fratres mei, scientes quoniam majus judicium sumitis. (…) Et lingua ignis est, universitas iniquitatis. Lingua constituitur in membris nostris, quæ maculat totum corpus, et inflammat rotam nativitatis nostræ inflammata a gehenna. (…) 13 Quis sapiens et disciplinatus inter vos ? Ostendat ex bona conversatione operationem suam in mansuetudine sapientiæ.
14 Quod si zelum amarum habetis, et contentiones sint in cordibus vestris : nolite gloriari, et mendaces esse adversus veritatem :
15 non est enim ista sapientia desursum descendens : sed terrena, animalis, diabolica.“ (Jak 3) —

Meine Brüder, ihr sollt nicht so viele magister (Lehrer) sein wollen, denn als scientes (Gelehrte) haben wir ein härteres Urteil zu erwarten. (…) Und die Zunge ist ein Feuer, ein Universum an Bosheit. Die Zunge ist das unter unseren Gliedern, das den ganzen Körper verdirbt, und sie entzündet das Rad unserer Geburt und ist entflammt durch die Hölle. (…) Wer unter euch ist weise und diszipliniert? Er möge sein gutes Werk durch ein gutes Verhalten zeigen und durch ein Verbleiben in Weisheit. Wenn ihr einen solchen bitteren Eifer habt und Streitsucht in euren Herzen ist: Blast euch nicht auf und hört auf, Lügen gegen die Wahrheit zu setzen: eine solche „Weisheit“ ist nämlich nicht aus der Höhe herabgekommen: sondern sie ist irdisch, sinnlich, satanisch.“

Insbesondere die Jakobusstelle führt vor Augen, dass das Lehrenwollen immer eine satanische Komponente und Motivation hat. Nicht nur Frauen, — die vielleicht in der Realität wesentlich seltener als die Männer mit diesem Anspruch auftreten (!) — , sondern alle stehen in der Gefahr, andere belehren zu wollen und damit die Hölle auf Erden zu schaffen und die Botschaft Christi zu verdunkeln.

Man muss nun andererseits klar unterscheiden zwischen einer öffentlichen Kontemplation über geistliche Dinge, die weniger belehrenden als mitteilenden oder Zeugnis gebenden Charakter hat, und einem „magisterium“ (Lehramt), das einen Herrschaftsanspruch erhebt, wie das die römische Kirche tut, wie Paulus es aber auch von einer bestimmten Gruppe von Frauen im Timotheusbrief berichtet. Ein solcher Anspruch tritt in Verbindung mit der Behauptung einer besonderen Befähigung, besonderen Erkenntnissen oder einer besonderen Zusage Jesu auf, die er aber nicht öffentlich kundgetan hat. Wer mit einem lehrenden Herrschaftsanspruch auftritt, beruft sich in aller Regel auf eine private Befähigung, die sich nicht durch Wunder, vernünftige Rede, dienstbare Leidensbereitschaft oder sichtliche und geistliche Erfüllung (wie bei den Propheten) zeigt oder nimmt auf eine fragwürdige, verworrene oder verdrehte und illegitime Weise Bezug auf Bibeltexte.

Nicht zuletzt forderte Jesus Christus die Seinen nicht dazu auf, Lehrer zu werden, sondern Zeugen. Dass das Zeugnis in einem gewissen Sinn auch eine „Lehre“ ist, sollte dennoch nicht den Unterschied zwischen Lehranspruch und Pflicht zum Zeugnis verwischen:

„6 Sie nun, als sie zusammengekommen waren, fragten ihn und sagten: Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her?
7 Er sprach zu ihnen: Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seiner eigenen Vollmacht festgesetzt hat.
8 Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde.“ (Apg 1)

Das „Reich“, das der Messias gekommen ist wiederherzustellen, wird von Jesus in keiner Weise abgelehnt oder als eine falsche jüdische Ansicht abgewehrt. Er sagt allerdings, dass es noch nicht politisch verwirklicht wird, die Jünger bis zur Verwirklichung (die mit seiner Wiederkunft beginnen wird) mit dem Heiligen Geist ausgestattet werden, um Zeugen zu sein für den Messias und das, was er gelehrt hat, im ganzen Erdkreis. Alleine die Tatsache, dass die Kirche mit dem Anspruch auftritt, dieses Reich bereits sichtbar zu verwirklichen, offenbart sie als eine Einrichtung, die nicht von dem kommen kann, der sagte, dass uns nicht zustünde darüber zu befinden, was noch aussteht und nur der Vater alleine weiß. Warum anders sollten wir beten „Dein Reich komme“?!
Die Verdrehung der Sätze Jesu durch die katholische Lehre in eine Richtung, die ihren sichtbaren und buchstäblichen irdischen Herrschaftsanspruch jetzt schon — vor der Zeit und besserwisserisch die Worte Jesu ignorierend — erhoben hat und das Reich Gottes mit einem künftigen Weltreich, das dann vollends unter ihrer Herrschaft steht, ist blasphemisch. „Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seiner eigenen Vollmacht festgesetzt hat.“ — Die Kirche hat sich hier der Vollmacht des Vaters entgegengestellt. Hätte Jesus es eindeutiger sagen können? Dass diese Zeit aber nicht kommt, bevor er wiederkommt, ist aus der ganzen Schrift eindeutig: „Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird so kommen, wie ihr ihn habt hingehen sehen in den Himmel.“ (Apg 1, 11) Zuvor wird das Böse sich immer stärker „offenbaren“ und die ganze Welt in schwere Katastrophen führen (2. Thess 2).

Auch der berühmte „Missionsbefehl“ ist nur dem Anschein nach ein „Lehrauftrag“. Es gilt immer, genau zu lesen:

„18 Et accedens Jesus locutus est eis, dicens : Data est mihi omnis potestas in cælo et in terra :
19 euntes ergo docete omnes gentes : baptizantes eos in nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti :
20 docentes eos servare omnia quæcumque mandavi vobis : et ecce ego vobiscum sum omnibus diebus, usque ad consummationem sæculi.“ (Mt 28) „Und (der auferstandene) Jesus kam auf sie, redete zu ihnen und sagte : Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden : Geht darum hin und lehrt alle Völker : tauft sie im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des Heiligen Geistes : lehrt sie zu bewahren alles, was ich euch hinterlassen habe : und siehe ich bin bei euch an allen Tagen, bis zur Vollendung des Zeitalters.“

Es ist vollkommen ersichtlich, dass es hier nicht darum geht, dass die Jünger einen Lehrauftrag im späteren Sinne der Kirche hätten, die sich eine „dogmatische Entfaltung“ der Lehre angemaßt hat. Sie sollen nicht selbst lehren und ein Reich Gottes sichtbar machen, sondern das weitergeben, was sie empfangen haben von ihren eigentlichen Rabbi und Lehrer. Wenn sie das tun, wird der Lehrer selbst bei ihnen bleiben bis zum Ende dieses Äons, danach aber wird er seine messianische Königsherrschaft errichten. Es ist ebenso vollkommen ersichtlich, dass dieses Äon erst zu Ende gehen muss, bevor der Messias sein Reich sichtbar aufrichten wird.
Ich möchte an die Worte Maria Magdalenas erinnern, die gewürdigt wurde, als erster Mensch den Auferstandenen zu sehen und mit ihm zu sprechen und als Erste auch einen Verkündigungsauftrag von Jesus selbst erhielt. Sie sprach den Auferstandenen in dieser seiner Rolle als einziger und persönlicher Lehrer an:

16 Dicit ei Jesus : Maria. Conversa illa, dicit ei : Rabboni (quod dicitur Magister). (…) vade autem ad fratres meos, et dic eis…“ (Joh 20) — „Jesus sagte zu ihr : Maria. Als jene sich umwandte, sagte sie zu ihm :“Rabbuni“ (was Lehrer bedeutet). (Jesus sagte zu ihr:) Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen…“

Nicht nur, dass Jesus hier eine Frau schickt, um wichtigste Zeugnisse gegenüber den „Brüdern“ auszusprechen und Aufträge zu überbringen, sondern wichtig ist, dass Maria Magdalena uns bis heute bezeugt, dass der höchste und einzige Lehrer Jesus alleine ist. Und weil sie es persönlich sagt: „Mein Lehrer“, gibt sie damit Vorbild für jeden Gläubigen, der nur einen wahren Lehrer hat, nämlich Jesus Christus. Was immer andere Menschen uns beibringen oder nahelegen wollen: Es muss geprüft werden angesichts der Worte, die uns von Jesus hinterlassen worden sind durch die ersten Zeugen und Apostel! Jeder Christ muss denken lernen und prüfen, keiner kann sich auf seine Verführer herausreden! Weil wir diese Aufgabe schwerlich ohne Gefährdung durch Irrlehrer und unsere eigene Herzenshärtigkeit und Trägheit bestehen können, haben wir — wie ich es so oft nachgewiesen habe aus den Schriften — als „Anzahlung“ den Heiligen Geist empfangen, der uns „in die ganze Wahrheit führen wird“ (Joh 16, 13).
Das Zeugnis Jesu aber ist nach den Worten eines Engels in der Apokalypse nicht irgendeine „Lehre“ oder ein selbstermächtigtes „magisterium“ (Lehramt). Das Zeugnis Jesu aber entspringt dem „Geist der Weissagung“:

„Testimonium enim Jesu est spiritus prophetiæ.“ (Apk 19, 10) — „Das Zeugnis Jesu aber ist der Geist der Prophetie.“

Paulus schrieb dazu eindringlich: 19 Spiritum nolite extinguere. 20 Prophetias nolite spernere.“ (1. Thess 5) — „Löscht den Geist nicht aus! Verachtet nicht Weissagungen!“

Nicht das „Lehren“ ist das Amt des Jüngers oder der „Kirche“, sondern das Zeugnisgeben und die Weissagung. Beides aber ist Charisma, nicht formelles, von Menschen gesetztes Amt (!), wird Mann wie Frau verliehen, soll allen dienen, wenn Gott es will und von jedermann sorgfältig geprüft werden mit Verstand und Nüchternheit (1. Thess 5, 21f).

Wir sind, wie es im Licht des NT aussieht, auf einem jahrhundertelangen Holzweg immer tiefer ins Dickicht geraten, haben das verlassen, was der wahre und einzige Lehrer uns hinterlassen hat. Wir haben uns gepriesen dafür, heidnische Lehren übernommen zu haben und Sibyllen und Philosophen als angebliche Vorläufer auf Christus hin erklärt und darüber das verworfen und verdreht, was der Christus uns als Lehre hinterlassen hat.

Was sein letztes Abendmahl am Pessachfest betrifft, haben wir vergessen und verworfen, verdreht und gewaltsam paganisiert und dafür unendlich viel Blut fließen lassen, dass Jesus als der Messias das Pessachfest auf sich selbst hin gedeutet hat und die gebotenen acht Pessachtage als apokalyptische Wanderung seiner Jünger erklärt hat.

Das Pessach, der vorausgebildete und bildhafte Auszug aus der Sklaverei Ägyptens, des Heidentums und der Schlangenverehrung ist nun auf eine andere Stufe gehoben:
Das Pessach der Christen beginnt wie das alte Pessach mit der Schlachtung des Lammes, von dem am nächsten Morgen des 2. Tages nichts übriggeblieben sein darf. Diese Schlachtung aber erinnert an die 10. Plage der Ägypter, die Tötung aller männlichen Erstgeborenen, die den Pharao dazu zwang, die Israeliten ziehen zu lassen. Er wollte sie zuvor um keinen Preis der Freiheit übergeben. So war er selbst zu einem Ausdruck der alten Schlange geworden, die ihren erworbenen Anspruch auf die Menschheit vor Gott geltend macht… Auf seiner Stirn trug der Pharao das Symbol der Schlange und ihrer Macht. Sie war und ist es, die ihn bestimmte und ihr Fürstentum durch Menschen beansprucht und durchsetzt.
Das Reich des Messias brach mit der Tötung des gesalbten Erstgeborenen an. Jesus wird im NT häufig als der „Erstgeborene“ bezeichnet: Er ist „imago Dei invisibilis, primogenitus omnis creaturæ“ (Kolosser 1, 15), das „Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung“. Aber auch von Maria heißt es, „peperit filium suum primogenitum (Lk 2, 7), dass sie “ihren erstgeborenen Sohn gebar“. In Ps 89, 28; Römer 8,29; Kolosser 1,18; Hebräer 1,6; Offenbarung 1,5 werden wir immer wieder mit der Tatsache vertraut gemacht, dass der Christus, dass Jesus, der Messias, der vor aller Zeit schon vorgesehene und dem Vater als zukünftiger Gesalbter bekannte Mensch Jesus der „Erstgeborene“ ist, vor allem auch der primogenitus mortuorum“, der „Erstgeborene von den Toten“, weil er ihn wieder auferweckt, verklärt und unsterblich gemacht hat.
Dieser in jeder Hinsicht „Erstgeborene“ setzt mit seinem Opfer am Kreuz an einem realen Pessachfest der Israeliten den Beginn des Pessach am Ende der Zeiten. Er wird „geschlachtet“, um die Menschen zurückzugewinnen und zu vermeiden, dass sie dem „Würgeengel“ in die Hände geraten, der ein Recht auf sie hat aufgrund der Herrschaft der Schlange, die sie über sich zugelassen haben und immer noch zulassen. Danach sind die Geretteten unterwegs, sie ziehen aus und erwarten den Einzug in das künftige Reich Gottes, sie essen das „Brot des Elends“, die ungesäuerten Brote, das jüdische Zeichen der Unbehaustheit in diesem Äon, aber auch der Reinheit und Freiheit als wach haltende Erinnerung an Jesus, der sie rein und frei gemacht hat, bis sie am Ende in einem großen Schabbat in die Ruhe Gottes einziehen dürfen. Mit der Benennung des Brotes und des Weines als Sinnbilder seines Leibes und seines Leben spendenden Blutes wird nicht auf ein heidnisches Mysterienspiel von einem permanent gegenwärtig gesetzten, sterbenden und lebendig gemachten Gott, oder eine sakramentale Parallelwelt abgezielt, sondern auf eine erneuerte, apokalyptische Sinngebung des Pessachfestes auf das Reich Gottes hin, das „nahe herbeigekommen“ ist, wie Johannes der Täufer und Jesus an zahlreichen Stellen bezeugt haben. Noch ist es nicht sichtbar, noch hat es „erst“ in den Herzen begonnen, noch gibt es einen Aufschub bis zum Anbruch dieses Reiches, aber es ist nahe, steht unmittelbar vor der Tür. Jesus hat so oft in Gleichnissen und Reden daraufhin gewiesen, dass er unzweifelhaft dieses Reich, wenn er wiederkommt, errichten wird und die Seinen darin mit ihm regieren werden. Bevor er aber wiederkommt, ist die Zeit dieser Regierung nicht gegeben. Es ist Zeit des Zeugnisses in der ganzen Welt, nicht aber die Zeit irgendeiner frommen Gewaltherrschaft. Es ist absolute Gewaltfreiheit verordnet, bis er kommt. Und wenn er kommt, wird er regieren als König, als „rex“, nicht als „imperator“. Sein Reich ist ein „regnum“, kein „imperium“. Auch diesen so wichtigen Unterschied hat die Kirche vollständig verfinstert.
Die Christen, wenn sie zur „commemoratio“, d.h. zur Gedächtnisstütze und gemeinschaftlichen Wachhaltung des baldigen Kommens Jesu, nachdem er uns durch seinen Tod erlöst hat von der Herrschaft Ägyptens und des Schlangengottes, während der Zeitabschnitte des apokalyptischen Pessachfestes dieses „Brot des Elends“ essen, setzen fort, was Israel geheißen war zu feiern, aber sie tun es nicht mehr nur im Abglanz kommender Dinge, sondern sie stecken mitten in diesem endzeitlichen Pessach, das wie die Wüstenwanderung länger ausfällt, als ursprünglich geglaubt und erwartet, aber dennoch sein Ende und sein Ziel erreichen wird. Den Tod des Erstgeborenen lassen sie hinter sich als historisches und als „Schlüssel“-Ereignis mit unwiderruflicher Folge, denn der Erstgeborene, der auch in der Apokalypse wieder auftaucht (Apk 12), wird vor seiner sichtbaren, universalen Friedensregierung mit dem „eisernen Stab“ („virga ferrea“) (der weder Gold noch Edelsteine und erst recht keine Schlangensymbole trägt!) erst für eine lange Zeit von "1260 Tagen", als verklärte unsterbliche „Avantgarde“ in den Himmel entrückt. Sie schreiten in Geduld und „in der Wüste“ (Apk 12, 6) auf die Erfüllung zu. In dieser „Wüste“, dieser „solicitudo“. Die „Frau“ (früh auf die Jünger oder Israel, konkret auch auf Maria gedeutet) bleibt an einem Ort, den Gott ihr bereitet hat. Es kann auch hier keine Rede von einer mächtigen Kirche sein, die "Schwerter führt", wie Bonifaz VIII. beanspruchte, die mit ihrem Papsttum oder einer selbsternannten Hierarchie oder Führungsschicht den Weltherrschaftsanspruch formuliert und auslebt. Die Kulmination der Kreuzzüge drückte aus, dass die Kirche sich anmaßte, das biblisch angekündigte messianische Friedensreich in Israel bzw von Israel aus zu verwirklichen. Wir wissen, dass Gott ihr einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht hat und sie viel Blut für ihren Wahn vergossen hat. So kann auch erklärt werden, warum die Kirche ihren Gläubigen um keinen Preis zugestehen wollte, auf das „Millennium“ zu warten und mit dem Staatskirchentum rigoros gegen jeden Chiliasmus vorging. Sie radierte in den Gläubigen diese Passage aus der Offenbarung aus (Apk 20), denn sie wollte und will dieses „Tausendjährige Reich“ selbst darstellen und ihren Papst anstelle des Messias „herrschen“ lassen. Dass auch andere machtbewusste Gestalten früh dieses „Tausendjährige Reich“ — wie wir wissen bis in unsere Tage — mit ebenso vermessenen Behauptungen, wie die Kirche sie für sich beansprucht, für sich verbuchen wollten, gab und gibt der Kirche noch lange kein Recht, es einfach zu leugnen und die Gläubigen sogar zu ermutigen, daran als etwas Zukünftiges, von ihr Unterschiedenes, das der wiederkommende Messias einrichten wird, nicht zu glauben. Die frühen Christen glaubten daran selbstverständlich, denn es war der sichtbare Beginn der neuen Ordnung unter der Regierung des Messias nach seiner Wiederkunft, das messianische „Königreich“, das alle Propheten des AT ebenso wie Jesus und die Apostel verkündet haben.
Selbst Wikipedia gibt dies offen zu:

„Ab Mitte des 3. Jahrhunderts wurde der Chiliasmus auch innerhalb der katholischen Kirche bekämpft. Die Erwartung eines irdischen Gottesreiches wurde nun überflüssig, denn der katholischen Kirche ging es materiell zunehmend besser, und der politische Einfluss stieg. Dies interpretierte man als Zeichen, dass das Reich Gottes bereits begonnen habe. Man betonte die angebliche „Endlosigkeit“ des Reichs Christi und erklärte die gegenteilige – auch durch Paulus vertretene – Anschauung von einem befristeten (äonischen) Messiasreich offiziell zur Häresie. Die Kirche bemühte sich, das chiliastische Schrifttum in seiner Bedeutung in den Hintergrund treten zu lassen.
Augustinus verwarf den Millenarismus nach anfänglicher Befürwortung zugunsten eines Konzeptes, das den Anbruch des Millenniums bereits mit dem ersten Erscheinen Jesu Christi gleichsetzte (Amillenarismus). Als 1000 n. Chr. Christus jedoch nicht erschien, wurde es für die Anhänger des Amillenarismus notwendig, auch die Dauer der 1000 Jahre allegorisch aufzufassen. Jetzt sollten die 1000 Jahre für einen unbestimmten Zeitraum zwischen den beiden Kommen Christi stehen. Satan sei zwar gebunden, aber noch nicht ganz – das gegenwärtige Zeitalter sei, nach Augustinus, als Kampf zwischen der (weltweiten) Kirche Jesu Christi (der Ekklesia) und der nichtchristlichen Welt, zwischen „Stadt Christi“ und „Stadt des Teufels“ zu sehen (Augustinus, De civitate dei 20,11). Diese allegorische Sicht setzte sich weithin im Christentum durch.“[i]

Und so nannte die Kirche das dogmatische Dekret des Vaticanum I von 1870 „Pastor aeternus“ (Der ewige Hirte) und suggerierte schon ab dem ersten Satz, dass der Papst als Stellvertreter nicht nur des Sohnes Gottes, sondern aufgrund der Trinitätslehre sogar Gottes selbst dieses sichtbare Reich auf Erden anführe als „unfehlbarer Lehrer“ und „Richter“ mit universeller Jurisdiktion, was eine Zuschreibung der gesamten messianischen Funktion und Verheißung auf sich selbst bedeutet.[ii] Dostojewski hat seinen Großinquisitor in den „Brüdern Karamasow“ aussprechen lassen, was dies bedeutet: der echte Messias, der entrückt ist zum Thron Gottes, stört diese Hierarchie. Er kommt und wird von seinen angeblichen "Stellvertretern" verurteilt. Jeder, der klug ist, weiß aus dieser Geschichte des russischen Dichters die logischen Schlüsse zu ziehen. Und ein weiteres sollten wir bedenken: Nicht primär andere Religionen, auch nicht der Islam, auch wenn er eine Problematik eigener Art darstellt und grausam in Erscheinung treten kann, sondern das christliche Abendland hat die größten Christenverfolgungen der Geschichte zu verantworten.

Vielleicht ist uns durch die Lehren der Kirche(n) vollkommen verdunkelt worden, dass wir uns auf einer apokalyptischen Wüstenwanderung befinden, die in sich selbst bereits der Beginn der kommenden, noch nicht offenbar gewordenen Königsregierung des Messias Jesus ist.
Und wenn wir uns das vor Augen halten, können wir plötzlich auch ganz leicht verstehen, warum es die Juden immer noch gibt und warum Paulus die Tiefe der göttlichen Weisheit pries (Röm 11, 33 ff), als er vorhersah, dass sie auch am Ende der Zeiten, ganz am Schluss, vielleicht noch einmal diejenigen sein werden, von denen das Heil kommt, und warum sie angesichts der geistlichen Verkommenheit der heidenchristlichen Kirchen(n) - trotz ihrer noch nicht aufgehobenen Blindheit für ihren Messias Jesus - doch Zeugen des einen wahren Gottes und der wahren Messiasverheißung im AT sind und bleiben, deren Verständnis die Kirchenfürsten unter schwersten Gewalttaten so verzerrt haben, dass sie von den Kulten für die Baale kaum noch zu unterscheiden ist. Gäbe es die Juden nicht mehr, wüssten wir nicht mehr, was das Pessachfest bedeutet und wie es gefeiert und verstanden wurde. Gäbe es die Juden nicht mehr, wüssten wir heute nicht mehr, welches Gottesbild Israel ursprünglich verkündet hat.


Hier stellen sich viele Fragen hinsichtlich der Dogmengeschichte, denn ohne das intrigante Zustandekommen und die gewalttätigen Folgen der dogmatischen Entscheidungen durch machtbewusste spätantike Politiker und Kirchenfürsten hätte sich die verworrene Eucharistielehre, die mit dem biblischen Zusammenhang sachlich kaum noch eine Berührung hat, niemals in dieser Weise entwickeln können.


[i] Artikel „Millenarismus“ im Internet-Lexikon Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Millenarismus#Millenaristische_Konzepte_im_heutigen_Christentum (21.5.2018)
[ii] „Pastor aeternus“ (1870), ASS 6 [1870-71]

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